Author Topic: Françoise Sagan: Bonjour tristesse  (Read 4741 times)

Offline orzifar

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Françoise Sagan: Bonjour tristesse
« on: 28. Oktober 2015, 15.03 Uhr »
Hallo!

Seit etwa 35 Jahren hat mich dieses Buch nun von Umzug zu Umzug begleitet (ich hoffe, dass es damit für immer sein Ende hat und bin diesbezüglich recht zuversichtlich), ohne dass ich mich überwinden konnte, auch nur einen Blick hineinzuwerfen. Der erste Roman einer 18jährigen (und es kommen grausame Erinnerungen hoch an Zimmer voller Blütenstaub, die gelangweilte Mädchen manchmal zu beschreiben sich angehalten fühlen) und ein Titel, der allerlei Herzschmerzliches befürchten lässt.

Ganz so schlimm aber war die Sache dann doch nicht. Cécile verbringt mit ihrem Vater einen Urlaub am Meer, unbeschwert und einzig nur dem Vergnügen lebend. Der Vater ist ein begnadeter Don Juan, ein wenig oberflächlich, aber von im Grunde gütiger Wesensart, dem es hauptsächlich um Vergnügen und Zerstreuung zu tun ist. Und die Tochter liebt diesen ihren Vater, liebt ihn wohl auch seines Charakters wegen, der ihr größtmögliche Freiheiten lässt. Und so hat er auch nichts gegen eine kleine Liebschaft Céciles mit einem Studenten einzuwenden - im Gegenteil: Er betrachtet wohlwollend seine hübsche, erwachsen werdende Tochter in einer ersten Verwirrung ihrer Gefühle.

Doch die Idylle endet abrupt: Eine ehemalige Freundin der verstorbenen Mutter kündigt ihren Besuch an, eine schöne, kluge, elegante Frau um die 40, die sich ganz offenbar die Eroberung des Vaters in den Kopf gesetzt hat. Allerdings gibt es da noch ein Problem namens Elsa zu überwinden, die derzeitige Geliebte des Vaters. Anne aber versteht mit Intelligenz und Charme ihre sehr viel jüngere Nebenbuhlerin auszustechen - und zur Überraschung aller wird sogar der Entschluss einer Heirat verkündet.

Cécile sieht sich plötzlich mit einer Stiefmutter konfrontiert, die auch fordert, die nicht nur den Vater am Gängelband führt, sondern auch für die Tochter meint Verantwortung übernehmen zu müssen. Sie beginnt mit allen Mitteln diese Beziehung zu hintertreiben, arrangiert eine (Schein-)Beziehung zwischen Cyril (ihrem Freund) und der verlassenen Elsa, weist ihren Vater auf den nun jüngeren Geliebten seiner Ex hin und gibt ihm zu verstehen, dass er nun doch dem Alter Tribut zollen muss. Und der Plan gelingt: Anne ertappt ihren Geliebten in einer verfänglichen Situtation mit Elsa, reist gekränkt und wütend ab und verunglückt mit ihrem Auto tödlich.

Der Plot ist nun offenkundig ein wenig trivial, aber die Figuren sind (für eine 18jährige) überraschend einfühlsam gezeichnet, wobei es vor allem die junge Cécile ist, deren Wandel von der unerfahrenen Kindfrau zur durchtriebenen Intrigantin (mit allen immer wiederkehrenden Schuldgefühlen) recht gut gestaltet ist. Ihre Flatterhaftigkeit, die Unsicherheit angesichts einer dekadenten Welt der Erwachsenen, zu der sie sich hingezogen fühlt aber auch von ihr abgestoßen wird, die emotionale Befangenheit gegenüber ihrem Freund, den sie aber dann doch manipuliert und benutzt - all das ist ordentlich gemacht und angesichts der oben erwähnten Jenny Zoe von einiger Qualität. Mehr aber auch nicht - und ich hatte nach der Lektüre kein Bedürfnis, noch ein Buch der Autorin zu lesen (obschon ich fürchte, dass sich in den Falten der orzifarschen Büchersammlung ein weiterer Roman von Sagan verbirgt: Überprüfung später).

lg

orzifar
Derzeitige Lektüre:

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Hans Albert: Kritik des theologischen Denkens
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