Einige Monate später sollen hier noch einige Bemerkungen zu Georges Minois folgen, vor allem zu seiner monumentalen "Geschichte des Atheismus. Von den Anfängen bis zur Gegenwart". Weimar 2000. X. 740 S.
Was mich bei diesem materialreichen Buch wie auch bei der Kampfschrift von Michel Onfray "Wir brauchen keinen Gott. Warum man jetzt Atheist sein muss" (München 2008) verwundert, ist der Umstand, dass bei der Behandlung des Atheismus in den zurückliegenden Jahrzehnten zwar auf die barbarischen Folgen der gewaltsamen Einführung des "Gottlosentums" in der Sowjetunion eingegangen wird, die Ermordung von Priestern und die Zerstörung von Kirchen und Kunstschätzen, jedoch überhaupt nicht auf den Umstand, dass sozusagen "vor der Haustür", in der DDR, mehrere Millionen Menschen in mindestens zwei Generationen nahezu religionsfrei aufgewachsen sind. Das hat widersprüchliche Folgen gehabt: das Wissen über biblische Gestalten, über die Bedeutung religiöser Symbole, Liturgie und Gebräuche, ist bei diesen Menschen nahezu vollständig verloren gegangen. Zahlreiche Werke der Literatur, der bildenden Künste und der Musik können nicht mehr entsprechend aufgenommen und verstanden werden.
Auf der anderen Seite bedeutete für die religionsfern aufgewachsenen Menschen, dass nach 1990 eine für sie bereits versunken geglaubte Welt wiederkehrte. Hatte ich noch in der Schulklasse in Thüringen vielleicht 2 Kinder von 30, die die Christenlehre besuchten und zugaben, auch zur Konfirmation zu gehen, war es in Westberlin, wohin wir nach 1990 zogen, vollkommen umgekehrt: ein konfessionsloses Kind fand sich in der Schulklasse mit einem muslimischen Mädchen allein unter lauter christlich aufgewachsenen Kindern wieder. Man erwartete die Teilnahme am christlichen Leben als "Normalität", wenn das Kind jüdisch oder muslimisch gewesen wäre, hätte man das eher verstanden als die bisherige 100% Religionsferne. Und das noch in einer Großstadt.
Man macht sich auch falsche Vorstellungen darüber, was die Ausmaße der angeblichen "Rückkehr zum Glauben" in Russland betrifft, die durch einige Umfragen zu Beginn der1990er Jahre suggeriert wurde. Eine Kollegin war bis 1991 Mitglied der Kommunistischen Partei und trug doch sicherheitshalber verdeckt ein Kreuz als Amulett. Ausgefeilte theologische Systeme, symbolische Bücher, Katechismen, Liederbücher in Massenauflagen hat es dort nie gegeben.
Diese Kollegin erklärte mir, was vorgeht, wenn auf einmal ein arbeitsfähiger Mann (Ideal der Vollbeschäftigung, auch wenn Arbeitslosigkeit als Massenerscheinung jetzt über Russland hereinbrach) seine "Frömmigkeit" entdeckt haben sollte und ganze Tage in der Kirche bei liturgischen Handlungen, wie dem Küssen von Ikonen verbrachte:
in dieser Zeit war er für seine Frau, die arbeiten und den Haushalt verrichten musste, für seine Kinder verloren. Er hatte sozusagen seine Familie verlassen und tauchte in eine den Angehörigen völlig fremde Welt ein. Das war so ähnlich wie bei Dostoevskij, in dessen Romanen es von zum Glauben Bekehrten wimmelt, die zu heilig Lebenden und in die Einsiedelei ziehen.
Außerdem drangen viel mehr alle möglichen esoterischen Strömungen ein, als dass die russisch-orthodoxe Kirche einen nach Millionen zählenden Zulauf erhalten hätte - das sind Projektionen des Westens nach dem Sieg über den Kommunismus gewesen, der Staatsreligion war, genährt durch die seit Jahrzehnten anerzogene verinnerlichte Religiosität vor allem im protestantischen Raum. Der ehemalige Geheimdienstmann Putin glaubt doch nicht mehr als früher, wenn er an liturgischen Handlungen teilnimmt.
Die französischen Autoren, die dazu aufrufen, wieder die Aufklärer des 18. Jahrhunderts zu lesen, die den meisten Franzosen völlig unbekannt geworden wären, wissen offenbar nicht, dass die Klassiker des kirchen- und religionskritischen Denkens auch in deutscher Übersetzung in den 1950er Jahren millionenfach aufgelegt wurden: die ersten deutschen "Materialisten" des 18. Jahrhunderts, Diderot, Helvetius, Holbach, Ludwig Feuerbach, Ernst Haeckel (rassistische Auslassungen wurden ausgespart). Das "Testament" Jean Mesliers (1664-1729), des frühen radikalen Atheisten, wurde hingegen nur in der Bundesrepublik in einer Ausgabe von 1977 verlegt, weil es auch scharfe Angriffe auf den absolutistischen Staat enthielt, der von kritischen Lesern mit dem realen Sozialismus identifiziert werden konnte. Mesliers radikale Kritik an dem Zusammenspiel von Staat, herrschender Religion und großem Eigentum (in der DDR: Staatseigentum) war zu gefährlich; Voltaire beschwichtigte und korrigierte schon bei seiner Meslier-Ausgabe: gegen die Kirche sollte man vorgehen, aber nie gegen den absoluten Staat und das Privateigentum.
Man konnte den grausam langweiligen Veranstaltungen zum Marxismus-Leninismus entfliehen und diese Literatur lesen, was ich nach 1970/71 auch tat.
Ansonsten ist Georges Minois natürlich sehr gut zu lesen und liefert eine Fülle an - mir zuvor völlig unbekanntem - Stoff zum Nachdenken.