Author Topic: Richard von Mises: Kleines Lehrbuch des Positivismus  (Read 1395 times)

Offline orzifar

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Richard von Mises: Kleines Lehrbuch des Positivismus
« on: 25. März 2015, 06.09 Uhr »
Hallo!

Wie an meiner, an Adipositas leidenden Literaturliste zu sehen ist, befinden sich wieder einmal einige Werke des Wiener Kreises darunter. Und da ich nicht weiß, ob ich zu einer ausführlicheren Besprechung kommen werde, möchte ich zumindest das Buch von Richard von Mises hervorgehoben haben und lobend erwähnen: Ich habe selten ein so klar strukturiertes und sorgfältig geschriebenes Buch über Philosophie gelesen.

Der Name ist ein wenig irreführend, wenn ihn auch v. Mises begründet: "Klein" im Sinne von schmal ist das Buch nicht, es hat an die 500 Seiten. Allerdings meinte er, das in ihm so viel (vor allem zur Wahrscheinlichkeit und zur Kausalität) fehlen würde, dass dieser Zusatz notwendig ist. "Lehrbuch" begründet er damit, dass er keineswegs für alle vorgestellten Gedanken und Überlegungen eine Originalitätsanspruch erheben wolle (wenn alle Philosophen so viel Zurückhaltung an den Tag legen würden, gäbe es fast nur noch "Lehrbücher". Und auch der "Positivismus" ist eine (von Neurath, der für das Buch einen Verleger gefunden hatte, beanstandete) aus der Not geborene Bezeichnung: Dem Logischen Empirismus fühlte sich v. Mises nicht nahe genug und so wählte er den "Positivismus" im Comteschen Sinne, weist aber auf zahlreiche Unterschiede und Modifizierungen hin.

Ich befinde mich erst am Anfang (Sprachphilosophie), aber schon jetzt sind seine Ausführungen zu Kant, Schopenhauer und Vaihinger ein wahrer Lesegenuss. Die Art und Weise, wie v. Mises deren Sprachunzulänglichkeiten aufzeigt (ohne alle Polemik), ist erfrischend und von ganz außergewöhnlicher Klarheit. Natürlich gäbe es über diesen Sprachgebrauch noch sehr viel mehr zu sagen als auf diesen 20 Seiten - aber das, was der Autor sagt, sagt er in einer Deutlichkeit, die ich in einem per se philosophischen Werk kaum je gefunden habe.

V. Mises hat ansonsten kaum philosophische Werke verfasst (leider), hingegen vieles über Hydromechanik, Elastizität, Statik oder Vektortheorie (er war eigentlich Mathematiker). Dieses Buch aber ist ein Kleinod (bislang zumindest).

lg

orzifar
« Last Edit: 23. Mai 2015, 23.42 Uhr by orzifar »
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