Author Topic: Heinrich Steinfest: Gewitter über Pluto  (Read 5384 times)

Offline orzifar

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Heinrich Steinfest: Gewitter über Pluto
« on: 29. Oktober 2014, 18.14 Uhr »
Hallo!

Heinrich Steinfest ist ein mehrfach ausgezeichneter Krimiautor, der vorliegende Roman das erste Buch, das ich von ihm gelesen habe. Schon bald ist auffällig: Steinfest schert sich einen Dreck um Konventionen, schreibt und beschreibt, was ihm so einfällt (so tauchen - mehr-weniger aus dem Nichts - plötzlich Außerirdische in diesem Krimi auf), was sowohl Vor- als auch Nachteile mit sich bringt. Einerseits sind seine Ideen originell, in ihrer Schrulligkeit schon wieder geistreich, andererseits lässt er sich zu sehr die Zügel schießen, sodass so manches unlogisch, häufiger noch unausgegoren wirkt. Und irgendwie ist das ärgerlich: Man kann sich nämlich des Eindrucks nicht erwehren, dass dieser Mann sehr viel bessere Romane schreiben könnte, es aber aus Faulheit, Nachlässigkeit bei eher mittelmäßigen Werken belässt.

So hat man häufig das Gefühl, dass dem Autor manche Figuren oder Plots lästig werden und er sich schlicht die Freiheit nimmt, irgendwo abzubrechen (das eigentliche Ende dieses Krimis mutet auf diese Weise konstruiert an). Dann aber packt ihn die Lust am Weiterschreiben (oder aber er hat das Kapitel vorher gestrichen, dann doch wieder einfügen wollen) und er beschreibt das tragische Ende einer Beziehung, die im Roman eine völlig untergeordnete Rolle spielt. Das wirkt ein wenig aufgesetzt, originell um der Originalität willen, aber: Diese 20 Seiten sind ganz ausgezeichnet geschrieben, haben Witz, Esprit und zeigen, dass der Autor mit seinem Talent fahrlässig umgeht.

Insgesamt unterhaltsam, oft seltsam, vor allem aber vermisst man die nötige Sorgfalt. Irgendwie schade drum ...

lg

orzifar
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Offline Anna

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Re: Heinrich Steinfest: Gewitter über Pluto
« Reply #1 on: 30. Oktober 2014, 17.05 Uhr »
Hallo!

Heinrich Steinfest ist ein mehrfach ausgezeichneter Krimiautor

Mittlerweile schreibt er nicht mehr nur Krimis. Sein Roman "Der Allesforscher" stand gerade auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises.

andererseits lässt er sich zu sehr die Zügel schießen, sodass so manches unlogisch, häufiger noch unausgegoren wirkt. Und irgendwie ist das ärgerlich: Man kann sich nämlich des Eindrucks nicht erwehren, dass dieser Mann sehr viel bessere Romane schreiben könnte, es aber aus Faulheit, Nachlässigkeit bei eher mittelmäßigen Werken belässt.[...]Insgesamt unterhaltsam, oft seltsam, vor allem aber vermisst man die nötige Sorgfalt. Irgendwie schade drum ...

Unausgegoren ist das richtige Wort. Ich habe von Steinfest die ersten beiden der vier Bände mit seinem Privatdetektiv Cheng gelesen. Den ersten Band fand ich originell und sehr unterhaltsam (ich stelle mal eine ältere Rezension von mir dazu ein), auch wenn der Kriminalfall merkwürdig unlogisch war. Der zweite Band ist erheblich schwächer, der Fall ist auf völlig witzlose Art abstrus, zudem fehlt der schwarze Humor und die Bissigkeit des Vorgängers. Ungern gelesen habe ich ihn aber auch nicht. Steinfest hat ein Händchen für stimmungsvolle Szenen, und zu verfolgen, wie der jetzt leider ziemlich abgeklärt erscheinende Cheng mit seinem altersschwachen Hund Lauscher durch das tief verschneite Stuttgart tapert, hatte eine entspannende Wirkung auf mich.
Warum Steinfest sich nicht bemüht, seinen Krimis ein bisschen mehr Plausibilität zu verleihen, verstehe ich allerdings auch nicht. Die irgendwo im Internet gelesene Erklärung, Steinfest zeige demonstrativ, dass ein Erzähler sich mit seinem Stoff eben alles erlauben kann, überzeugt mich nicht.
Die Cheng-Serie werde ich aber wohl zu Ende lesen und mir irgendwann auch den "Allesforscher" anschaffen, schon allein, um zu sehen, ob der Roman besser als seine Krimis ist.

Gruß
Anna
« Last Edit: 30. Oktober 2014, 19.51 Uhr by Anna »
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Offline orzifar

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Re: Heinrich Steinfest: Gewitter über Pluto
« Reply #2 on: 30. Oktober 2014, 19.07 Uhr »
Hallo!


Heinrich Steinfest ist ein mehrfach ausgezeichneter Krimiautor

Mittlerweile schreibt er nicht mehr nur Krimis. Sein Roman "Der Allesforscher" stand gerade auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises.

Ich muss mich mal mehr um diese Listen kümmern (weiß gerade so viel, dass "Kruso" ausgezeichnet wurde). Den "Allesforscher" werde ich mir mal ausborgen ...

Warum Steinfest sich nicht bemüht, seinen Krimis ein bisschen mehr Plausibilität zu verleihen, verstehe ich allerdings auch nicht. Die irgendwo im Internet gelesene Erklärung, Steinfest zeige demonstrativ, dass ein Erzähler sich mit seinem Stoff eben alles erlauben kann, überzeugt mich nicht.

Das überzeugt mich auch nicht ;). Plausibilität zu erzeugen, überhaupt einen Roman zu schreiben, dessen Brüche nicht an allen Ecken und Enden sichtbar werden, ist eine Knochenarbeit, das ist nicht zu unterschätzen. Und Steinfest scheint mit einer Art Wurstigkeit über diese Anstrengung sich hinwegsetzen zu wollen. Was eben schade ist, weil er wirklich viel Gefühl für Pointen, skurrile Szenen hat. Allerdings besteht eben auch eine Kunst darin, sich rechtzeitig an die Kandare zu nehmen. Diese seine Faulheit scheint der Autor hinter all zu viel Originalität verstecken zu wollen - es bleibt aber schlicht nachlässig und faul.

lg

orzifar
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