Author Topic: John D. Barrow: Theorien für Alles  (Read 1416 times)

Offline orzifar

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John D. Barrow: Theorien für Alles
« on: 30. Juli 2014, 01.06 Uhr »
Hallo!

John D. Barrow, Mathematiker und Astrophysiker, unternimmt gerne mal Grenzgänge in philosophische Bereiche. Und wenn er sich dabei auch manchmal in epistemischen Fußangeln verliert, so sind seine Ausführungen doch immer mit Genuss zu lesen.

Es geht um "Theorien für alles", jenem Gebiet also, dem Einstein die letzten Jahrzehnte seines Lebens gewidmet hat - mit nur spärlichem Erfolg. Nun versucht Barrow keineswegs auf Einsteins Spuren zu wandeln, sondern er versucht aufzuzeigen, was eine solche "umfassende Theorie" (GUT = Grand Unified Theory) leisten muss bzw. welche Probleme sich dadurch lösen lassen.

Eine der Grundfragen ist jene nach den Anfangsbedingungen: Müssen diese sich aus einer solchen Theorie ergeben oder aber sind sie konstituierend, verursachend für einen solchen Entwurf? Wie auch immer diese Frage beantwortet wird - es bleibt wiederum ein weiteres "warum" - etwa das nach den Anfangsbedingungen in genau dieser Form oder aber nach den Bedingungen der Bedingungen. Hier scheint schon aus logischen Gründen das Umfassende einer solchen Theorie ein Ding der Unmöglichkeit. Ob nun einer der derzeit hoch gehandelten Entwürfe der Stringtheorie in der 10-, 11- oder 26-Dimensionsvariante oder aber die Schleifenquantengravitation zum Zuge kommt - immer stellt sich die Frage nach der Alternativlosigkeit bzw. danach, ob es denn (wenn nun für richtig befunden) nicht auch eine andere (zumindest theoretisch) hätte sein können und wovon eine solche Entscheidung - ob für oder gegen eine Pluralität - abhängig ist. Dieses Spielchen lässt sich natürlich unendlich lange fortsetzen.

Ein weiterer Unsicherheitsfaktor in diesem Zusammenhang sind die Symmetriebrechungen bzw. jene Entwicklungen des Kosmos, deren Vorhersage uns wegen der Sensibilität in Bezug auf die Ausgangsbedingungen nicht möglich ist. Eine "GUT" auf reduktionistischer Basis ist nicht in der Lage, komplexe Organisationsprinzipien (wie etwa die der Evolution) zu erklären bzw. es könnte sich auch herausstellen, dass große Teile einer Theorie algorithmisch nicht komprimierbar sind. (Das würde - zu Ende gedacht - bedeuten, dass die einzig erklärende Theorie des Universums das Universum selbst ist.)

Barrow versteht es ganz ausgezeichnet, die oft phantastischen Konsequenzen solcher Überlegungen plausibel zu machen - und selbst wenn sie nicht immer einleuchtend sind: Anregend sind sie in jedem Fall. Einige theoretische Bereiche (Erklärung und Begründung, Wesen der Naturgesetze) kommen zu kurz oder aber werden sehr vereinfachend dargestellt, manch astrophysikalische Theorien dürften mittlerweile überholt sein. Aber - wie erwähnt - eine wahre Fundgrube kluger, geistreicher Gedanken.

lg

orzifar
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