Hallo!
Dieser dritte Teil der "Spanien-Trilogie" ist derjenige, der auf mich den größten Eindruck gemacht hat. Chirbes lässt verschiedene (teilweise aus den ersten Büchern bekannte) Figuren nach mehr als 20 Jahren wieder zusammentreffen. Jeder berichtet in einzelnen Abschnitten aus seiner Sicht von diesem Treffen, von der Vergangenheit, seinem Schicksal, seinen Träumen, den verlorenen Illusionen.
Die Gruppe war sich damals in ihrem Kampf gegen Franco einig und träumte von einem "neuen" Spanien, einer gerechteren Welt. Ihre Entdeckung, der anschließende Gefängnisaufenthalt, der bald darauf erfolgte Tod des greisen Diktators trennt die Gemeinschaft, während die Ideale - so sie denn je wirklich vorhanden waren - im Laufe der Jahre gänzlich verloren gehen. Man arrangiert sich mit der neuen Ordnung, wird Mitglied des neuen (sozialistischen) Establishments und handelt - als neue Macht - nicht viel anders als die alten, korrumpierten Kader. Manche machen Karriere in der verachteten freien Marktwirtschaft oder träumen von einem Künstlerdasein als Maler oder Schriftsteller, wobei es den Betreffenden nur mit Brotberufen wie Portier und Immobilienmakler gelingt, sich über Wasser zu halten. Und dann gibt es noch die Abwesenden, die, die nicht auffindbar waren, nicht kommen wollten, gestorben sind. Auch sie sind anwesend, man gedenkt ihrer mit Trauer, Unbehagen, nostalgischer Träumerei.
Eingebettet in die Erinnerungen an ihren politischen Kampf sind die einzelnen Schicksale, gescheiterte Ehen, Krankheiten, späte Depressionen, das Sterben des drogensüchtigen Sohnes. Und diese privaten Schicksale sind das eigentlich Beeindruckende dieses Buches, die Verbindung von politischem Kampf mit dem Leben des Einzelnen, der desillusionierende Blick zurück, der noch deprimierendere in eine Zukunft, die für die nun über 50jährigen nur noch in Alter, kleinen Eitelkeiten, ein bisschen Weiter- und Überleben besteht. Diese Trostlosigkeit einzufangen gelingt Chirbes außergewöhnlich gut, sie ist authentisch, bedarf keiner großen Schicksalsschläge, das Leben wird nur noch erlitten, ertragen, hingenommen als eine Notwendigkeit. Die politischen Ambitionen der Protagonisten, der - selbstverständlich anmutende - Verlust der Ideale bilden die Hintergrundmusik zu den banalen, aber großartig gezeichneten individuellen Lebensläufen, dem deprimierenden Fazit eines Dasein, das all die Anstrengungen offenbar nicht wert war. Mir schien dieser Band der persönlichste, eindringlichste - und daher vielleicht der beste - der Trilogie zu sein.
lg
orzifar