Author Topic: Volker Gadenne, H. J. Wendel (Hrsg.): Rationalität und Kritik  (Read 1364 times)

Offline orzifar

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Hallo!

Dieser Band ist Hans Albert gewidmet zu seinem 75. Geburtstag und umfasst verschiedenen Artikel zum Problemkreis des kritischen Rationalismus. Es wendet sich nicht an den bloß an Philosophie interessierten Leser, sondern setzt einiges an philosophischer Vorbildung voraus.

Wie immer bei solchen Sammelbänden sind die Beiträge von unterschiedlicher Qualität bzw. finden nicht immer mein Interesse (was nun nichts mit mangelnder Qualität zu tun haben muss). So habe ich mich bei Tegtmeiers "Kritik der modelltheoretischen Analyse des Messens" oder Schmids "Problem der Normenentstehung" ausnehmend gelangweilt und habe auch so meine Zweifel, was die Brauchbarkeit dieser Beiträge für den kritischen Rationalismus anlangt. Hingegen waren die Artikel von Volker Gadenne über "Rationale Heuristik und Falsifikation" und Herbert Keuths "Rationalität und Wahrheit" äußerst interessant: Gadenne entwickelt - im Gefolge Alberts - eine Form der Heuristik, der man seine weitgehende Zustimmung kaum versagen kann. Er kritisiert fünf Standardregeln des Popperschen Rationalismus, um sie - teilweise - durch intelligente, entschärfte Heuristiken zu ersetzen. So erklärt er das Abgrenzungskriterium für entbehrlich, da - nach Agassi - metaphysische Forschungsprogramme eine durchaus wichtige Rolle in heuristischer Hinsicht zu spielen pflegen und deshalb nicht von vornherein aus der Diskussion verbannt werden sollten. Und er kritisiert auch die anfangs von Popper angenommene "strenge" Falsifikation, die in dieser strengen Form nicht aufrecht zu erhalten ist. Insgesamt hat man den Eindruck, dass durch die Modifikationen Gadennes der tatsächlichen Forschungspraxis sehr viel besser Rechnung getragen wird.

Keuth hingegen verwirft die Tarskische Lösung des Wahrheitsproblems in der Form, in der sie Popper als eine Bestätigung der Korrespondenztheorie der Wahrheit gesehen wurde. Keuths Darlegungen sind bestechend: Sie erklären die Äquivalenz der Aussagen von Objekt- und Metasprache (im Snne der Redundanztheorie, die das Prädikat "wahr" für entbehrliche erklärt), weshalb hier nur das ursprünglich von Russel aufgeworfene mengentheoretische Problem geklärt wird, keineswegs aber kann die Tarskiversion dadurch zur Verteidiung der Popperschen Ansichten benutzt werden. Ich bin mir noch nicht wirklich darüber im Klaren, ob hier nicht vielleicht doch eine unzulässige Verquickung von Meta- und Objektsprache erfolgt ist und inwieweit die Diskreditierung der Tarskilösung für den kritischen Rationalismus fatale Auswirkungen hat. In jedem Fall aber ein faszinierender und ansprechender Beitrag.

lg

orzifar
Derzeitige Lektüre:

Herbert Schnädelbach: Philosophie in Deutschland 1831 - 1933
Hans Albert: Kritik des theologischen Denkens
John Irving: Owen Meany

Offline sandhofer

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Re: Volker Gadenne, H. J. Wendel (Hrsg.): Rationalität und Kritik
« Reply #1 on: 29. April 2014, 21.54 Uhr »
Tarski ... seufz ... ja ...
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus