Author Topic: William Faulkner: Als ich im Sterben lag  (Read 8471 times)

Offline orzifar

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William Faulkner: Als ich im Sterben lag
« on: 08. Mai 2014, 23.27 Uhr »
Hallo!

Ein großartiges, fesselndes Buch und ich würde dem Urteil des Klappentextes ausnahmsweise zustimmen: Der beste Roman Faulkners (wobei ich nicht alle seine Romane gelesen habe). Der Roman, der das Leben und Sterben einer Bauersfrau aus dem Süden aus unterschiedlichen Perspektiven beschreibt, hat mich mit fortschreitendem Lesen in einem Maße gefesselt, wie mir das schon lange nicht mehr widerfahren ist.

Addie stirbt einen langsamen Tod, während sich ihr Mann, ihre Söhne, ihre Nachbarn auf diesen Tod vorbereiten. Und Anse, ihr Mann, hat ihr das Versprechen gegeben, sie bei ihren verwandten im entfernten Jefferson zu begraben. Eine Reise, die zum schicksalhaften Abenteuer für die ganze beteiligte Familie wird, vom Hochwasser weggespülte Brücken, Unfälle, Brandstiftung und der Verwesungsgestank Addies, der nach allen zeitlichen Verzögerungen ein Begleiter dieses Unternehmens wird, des Wagens, gezogen von zwei Mauleseln, mit dem Sarg, den vier Söhnen, der Tochter, dem Vater. Jeder erzählt während dieser Fahrt seine Sicht der Dinge, erinnert sein eigenes Leben, erinnert das Leben der Mutter. Und auch jene Personen, denen dieser eigenwillige Zug auf seiner Fahrt begegnet, kommen zu Wort, beschreiben den Charakter einer aus schrullig-seltsamen Personen bestehenden Gruppe, ihre Schicksale, Geheimnisse.

Faulkners multiperspektivische Sicht auf die Ereignisse, das Changieren zwischen Beschreibung und innerem Monolog, das langsame Abgleiten in eine immer skurriler anmutende Handlung sind großartig, packend, den psychischen Veränderungen der Beteiligten wird subtil nachgespürt. Und wenn auch allen das Schicksal auf dieser Fahrt übel mitspielt, schafft es Anse, der Vater, einmal mehr, am Ende als ein Gewinner dieses Unternehmens zu erscheinen: Mit dem so lange ersehnten neuen Gebiss - und einer neuen Frau. Während der Rest der Familie auch noch ihre kleinen Sehnsüchte und Wünsche verliert, ihr untergeordnetes Dasein weiterfristen muss.

lg

orzifar
Derzeitige Lektüre:

Herbert Schnädelbach: Philosophie in Deutschland 1831 - 1933
Hans Albert: Kritik des theologischen Denkens
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Offline sandhofer

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Re: William Faulkner: Als ich im Sterben lag
« Reply #1 on: 09. Mai 2014, 07.18 Uhr »
Ich werde, wie schon 2012 im Blog geschrieben, mit weder mit Faulkner noch mit diesem Roman so richtig warm. Als ich im Sterben lag ist gut, sehr gut sogar - und dennoch...
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline orzifar

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Re: William Faulkner: Als ich im Sterben lag
« Reply #2 on: 09. Mai 2014, 21.38 Uhr »
Hallo!

Ich werde, wie schon 2012 im Blog geschrieben, mit weder mit Faulkner noch mit diesem Roman so richtig warm. Als ich im Sterben lag ist gut, sehr gut sogar - und dennoch...

Mir ging es - wie im anderen Thread erwähnt - ähnlich wie dir. Dieser Roman unterscheidet sich aber von den "üblichen" Werken Faulkners enorm: Er scheint mir schon ein besonderes Stück Literatur zu sein. Trotzdem weiß ich nicht, ob ich mich zu "Licht im August" werde überwinden können.

lg

orzifar
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