Hallo!
Habe nun auch den zweiten Band gelesen. Der langsame Verfall der Freundschaft macht nachdenklich, die aufkommende Distanz wird nur unzureichend durch Höflichkeitsfloskeln überbrückt. So nennt Albert die Elaborate Feyerabends immer noch interessant, geht aber nirgendwo (oder nur ganz selten und die akzeptablen Stellen betreffend) genauer auf den Text ein. Es muss ihm klar gewesen sein, dass es da nicht viel zu kritisieren gab, dass da jemand ein anarchisch-polemisches Steckenpferd ritt, von dem er wohl selbst wusste, das es nicht wirklich verteidigt werden kann. Das merkt man auch immer an den zahllosen Relativierungen (etwa wenn Feyerabend wiederholt darauf hinweist, dass er rationalistische Grundpositionen durchaus schätze, nur halt eine Methodenvielfalt wünsche, etwas, das im übrigen auch von den strengsten kritischen Rationalisten nicht bestritten worden wäre). Wobei Feyerabend auch häufig die Bereiche der Theorienentstehung und der methodologischen Überprüfung vermischt. Denn gerade im Finden von Theorien wird niemand Ernstzunehmender ein "anything goes" bestreiten: Kreativität lässt sich nicht verordnen, auch wenn das Denken bestimmten, anerzogenen wie evolutionären Strukturen gehorcht. Die Überprüfung bzw. Gültigkeit (der Erfolg) von Theorien lässt sich aber - wenigstens in Ansätzen - bestimmen. Weshalb hier keineswegs alles erlaubt ist.
Ein weiterer wichtiger Punkt für Feyerabend ist sein Relativismus bezüglich der Kulturen, der vor allem eine Nichtvergleichbarkeit postuliert. Das aber ist keineswegs der Fall: Menschen sind sehr viel ähnlicher als er wahrhaben wollte - ob in der Südsee, im inneren Afrika oder New York. Im Gegenteil: Der Großteil der Wirklichkeitsauffassungen wird sich epistemologisch ähneln, Interpretationsunterschiede treten zumeist erst dort auf, wo die Erkenntnis über die Sphäre des Mesokosmos hinausgeht.
Alles in allem: Für den an der historischen Entwicklung der Philosophie Interessierten ein großes Lesevergnügen, informativ, reichhaltig, witzig, geistreich. Leider scheinen die Bände vergriffen zu sein - und an eine Neuauflage dürfte kaum noch gedacht werden.
lg
orzifar