Hallo!
Spanien zu Beginn des neuen Jahrtausends: Allerorts wird gebaut und insbesondere die Küstenregionen werden flächendeckend betoniert, die Wirtschaft sehnt sich nach ihrem Wachstum und ihre Vertreter machen es wie weiland Dagobert Duck - sie baden in Geld. Der Protagonist dieses Romanes, Rubèn Bertomeu, ist einer dieser Profiteure, ein pragmatisches Chamäleon, das sich vom revolutionären Marxisten und Franco-Gegner zum skrupellosen Bauunternehmer wandelt. Das Seltsame, vielleicht Großartige dieses Romans: Trotz aller Kaltschnäuzigkeit und Brutalität kommt man nicht umhin, diesen Menschen irgendwie sympathisch zu finden, besser noch: Ihn zu verstehen, seine Argumente, sein Tun und Handeln.
Chirbes erzählt aus verschiedenen Perspektiven - und Anlass für die Reflexionen der verschiedenen Personen ist der Tod von Matias, dem Bruder des Baulöwen, der - scheinbar - seinen Idealen sehr viel treuer geblieben ist, dem man aber dennoch kaum mehr an Integrität, Moralität zusprechen kann als seinem großen Bruder. Matias lebte großteils vom Geld der Familie, wandelte zwar auf idealistischen Spuren, ohne aber Konsequenz zu zeigen oder Verantwortung zu übernehmen. Überall bleibt es bei der bloßen Attitüde, überall nur Schein: Zuerst politisch, später als ökologischer Aussteiger, der sich aber bereits zu Tode gesoffen hat. Ähnlich wie bei Federico, dem Jugendfreund: Anerkannter Schriftsteller ohne finanziellen Erfolg, benützt er die Liebe seines Freundes Javier, um zu überleben, stürzt sich in lächerliche erotische Eskapaden mit jungen Männern, zerfließt in Selbstmitleid und muss schließlich aufgrund dieses ausschweifenden Lebensstiles trotz jahrelanger Weigerung seine Grundstücke an den ehemaligen Jugendfreund Ruben verkaufen.
Dazu eine blasierte Tochter, von ihrem Vater finanziell unterstützt, auch sie von Idealen träumend, tatsächlich aber in kleinliche Egoismen sich verzettelnd - ihrem Mann, einem Literaturprofessor gleichend, der sich vorgenommen hat, die Biographie des Jugendfreundes seines Schwiegervaters zu schreiben und der dessen Lebenswandel mit Faszination und Ekel protokolliert. All diese erzählenden Protagonisten (es gibt derer noch mehr, etwa Rubens Mann fürs Grobe, Collado) sind ein schillerndes Panoptikum des gegenwärtigen Spaniens, eines Landes im Aufbruch mit all seinen pseudodemokratischen Gaunereien, vielen zerplatzten Träumen, wenigen Gewinnern. Und nur unter kleinen Veränderungen ist dieses Gesellschaftsbild auch in unsere Breiten zu exportieren, Neureiche zwischen Arroganz, Ignoranz und Dummheit, alternativ-ökologische Lebensentwürfe unter verlogenen Voraussetzungen, die Selbstgefälligkeit der Macht, das flächendeckende Vergessen aller vergangenen Machenschaften, die erst zu dieser Macht geführt haben.
Chirbes vermag diese Gesellschaft mit großer Eindringlichkeit, mit einer Vehemenz zu schildern, die im deutschen Sprachraum nichts Vergleichbares hat (wenn man etwa Kehlmanns gierigen Investmentbanker in "F" vergleicht mit diesem Ruben, so wird der Unterschied augenscheinlich: Dort der platte Neoliberale, hier ein vielschichtiger, komplexer Charakter, durch dessen zahlreiche Nuancen, Schattierungen der facettenreich Weg in diese ökonomische Welt sichtbar wird nebst allen Nebenfiguren und Antagonisten, die ein solcher Charakter immer auch nach sich zieht). Parallel zu diesen von wirtschaftlichen Faktoren dominierten Welt besitzt der Roman auch eine existentialistische Note: Das, was die einzelnen Personen (und insbesondere Ruben) über das Leben und den Tod äußern, ist beileibe nicht trivial, sondern konzis, unerbittlich, oft schmerzhaft. Das Changieren zwischen Egoismus, Selbstmitleid und der Erkenntnis der eigenen Vergänglichkeit geht unter die Haut: Wenn etwa Federico dem Sterben einer Katze zusieht, vorgeblich zerrissen von Mitleid, gleichzeitig aber unfähig, dem Grauen durch einfache Maßnahmen ein Ende zu setzen, so zeigt dies die Brüchigkeit aller moralischen Wertigkeiten - aller großen Worte zum Trotz. Und es ist eben paradoxerweise Ruben, dem man am ehesten Menschlichkeit zutrauen würde.
Ein großartiger, die Gesellschaft genau, ungeschminkt zeichnender Roman, der im deutschen Sprachraum leider nicht seinesgleichen hat.
lg
orzifar