Author Topic: Alfred Einstein - Mozart. Sein Charakter, sein Werk  (Read 2285 times)

Offline Sir Thomas

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Alfred Einstein - Mozart. Sein Charakter, sein Werk
« on: 22. August 2012, 14.31 Uhr »
Das Werk des in die USA emigrierten Musikwissenschaftlers Alfred Einstein (ein Vetter Albert Einsteins) erschien 1945 zunächst in englischer Sprache, 1947 auch auf deutsch. Es gilt mWn. immer noch als ein Standardwerk der Mozartforschung und entstand quasi als Abfallprodukt der Beschäftigung Einsteins mit dem aus dem 19. Jahrhundert stammenden Köchel-Verzeichnis. Sein Mozartbild dürfte massgeblich zu dem Bild des ewigen Kindskopfs Wolfgang Amadeus beigetragen haben, das uns der 80er Jahre-Film „Amadeus“ so prägnant vor Augen führte.

Neben all den präzisen, größtenteils nur für den Fachmann nachvollziehbaren Werkanalysen, steht der Mensch Mozart im Mittelpunkt des ersten Drittels der umfangreichen Abhandlung. Einstein beschreibt Mozart als das gehorsame Kind eines dominanten Vaters, der den Bub fördert und fordert wie ein human eingestellter „Tyrann“. Im Hause Mozart war man katholisch aus Tradition, wobei man die Amtskirche zutiefst verabscheute. Vater Leopold und Sohn Wolfang durchschauten die Verlogenheit der Salzburger Würdenträger, waren aber von ihnen abhängig, so dass es erst spät zum Bruch mit dem Fürstbischof Colloredo kam. Dem weit gereisten Wunderknaben Wolfgang impfte der Vater schon frühzeitig ein, keinen allzu großen Respekt vor Berühmtheiten, egal welcher Art, zu haben. Daraus resultierte eine gewisse Respektlosigkeit des erwachsenen Mozart gegenüber komponierenden Kollegen und anderen berühmten Zeitgenossen. Nur Joseph Haydn, Johann Christian Bach und dessen Vater Johann Sebastian werden niemals durch den Kakao gezogen.         

Einstein beschreibt Wolfgang als grundsätzlich lebensuntüchtigen Kindskopf, der sich zeitlebens um eine einträgliche und adäquate Anstellung bemüht – meistens vergebens. Auch mit Frauen hatte er wenig Glück, obwohl er seiner ständig über die Verhältnisse lebenden Konstanze wohl ein guter Ehemann war. 

Zum Musiker: Mozart war laut Einstein ein einseitiger Mensch, ein allen Zeitgenossen überlegenes musikalisches Genie, das aber letztlich an der engstirnigen und oberflächlichen Rokoko-Gesellschaft scheiterte. Er war kein musikalischer Revolutionär, aber ein perfekter Vollender wie J.S. Bach ein halbes Jahrhundert zuvor. Mozart beherrschte gleichzeitig das vokale wie das instrumentelle Komponieren – was eher selten ist. Einstein bescheinigt  den Werken eine beiläufige und mühelose Eleganz, wobei Mozart mit der Präszision eines Feinmechanikers arbeitete und es verstand, dem Mechanischen soviel Charme wie irgend möglich zu verleihen. Seine Musik verkörpert keine Gefühle, keine Ideen oder gar Ideale; sie ist pure Mechanik, tönende Mathematik und damit letztlich inhuman, was ich nicht mit unmenschlich, sondern übermenschlich übersetze.

Fazit: Wer sich für Mozart und die sog. Wiener Klassik interessiert, sollte dieses Buch keinesfalls ignorieren, auch wenn es natürlich keinen aktuellen Forschungsstand darstellt. Besonders interessant ist die Tatsache, dass Einstein viele Zitate aus dem umfangreichen Briefverkehr zwischen Leopold und Wolfgang Amadeus Mozart einstreut.

Offline sandhofer

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Re: Alfred Einstein - Mozart. Sein Charakter, sein Werk
« Reply #1 on: 22. August 2012, 18.56 Uhr »
Danke, Sir Thomas. Sollte ich mir vielleicht mal bei Gelenheit zulegen. Ich kenne ja nur die Biografie von Hildesheimer ...
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline Sir Thomas

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Re: Alfred Einstein - Mozart. Sein Charakter, sein Werk
« Reply #2 on: 22. August 2012, 19.20 Uhr »
Ich kenne ja nur die Biografie von Hildesheimer ...

Die ich nun ausgerechnet nicht kenne. Ist sie lesenswert?
« Last Edit: 22. August 2012, 20.03 Uhr by Sir Thomas »

Offline sandhofer

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Re: Alfred Einstein - Mozart. Sein Charakter, sein Werk
« Reply #3 on: 23. August 2012, 10.41 Uhr »
Ich finde schon. Ob es ein wissenschaftlich hieb- und stichfestes Mozart-Bild vermittelt, wage ich zwar zu bezweifeln, aber es ist ein grosses Lesevergnügen. (Oder war es jedenfalls für mich, als ich es vor x Jahren gelesen habe.)
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Offline Sir Thomas

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Re: Alfred Einstein - Mozart. Sein Charakter, sein Werk
« Reply #4 on: 23. August 2012, 15.38 Uhr »
Ich finde schon. Ob es ein wissenschaftlich hieb- und stichfestes Mozart-Bild vermittelt, wage ich zwar zu bezweifeln, aber es ist ein grosses Lesevergnügen. (Oder war es jedenfalls für mich, als ich es vor x Jahren gelesen habe.)

Ich habe es langfristig notiert. Jetzt, direkt nach dem Einstein, ist ein weiteres Mozart-Buch nicht angesagt.