Author Topic: Walt Whitman: Grasblätter [Leaves of Grass]  (Read 2823 times)

Offline sandhofer

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Walt Whitman: Grasblätter [Leaves of Grass]
« on: 03. Juli 2011, 16.58 Uhr »
Hallo!

Zwischendurch mal wieder meiner lyrischen Ader gefrönt ...  :angel:

Whitmans "Leaves of Grass" (1855-1892) gilt als Ausgangspunkt der modernen amerikanischen Lyrik. Auch ausserhalb der USA wurde er reizpiert: Der deutsche Expressionismus wurde von ihm beeinflusst (Schlaf hat das Buch übersetzt, Blei und Goll anderes von ihm).

Neu, modern, ist nur die Thematik dieser Gedichte. Rhythmisch orientierte sich Whitman an der Sprache der Bibel und am Blankvers des 17. Jahrhundert. Thematisch allerdings betritt er Neuland. In locker geordneten Zyklen beschreibt er die Geschichte der USA in den 30 Jahren kurz vor, während und nach dem Bürgerkrieg. Dabei geht es Whitman nicht um die Schilderung historischer Gegebenheiten. Er feiert den amerikanischen Geist, die Erfindungen jener Zeit, die Männerfreundschaft. Im Grundton optimistisch, auch wenn die Gedichte aus dem Bürgerkrieg (den Whitman als Sanitäter mitmachte) zum Teil recht bedrückend sind. Whitman drückt das bis heute in den USA anhaltende Gefühl einer Überlegenheit der Vereinigten Staaten über Europa in jeder Beziehung aus: Moralisch, wissenschaftlich-technisch, Naturschönheit, sogar erotisch. Das lyrische Ich hinterlässt in Bezug auf das letztere den Eindruck, bisexuell zu sein. Die Emanzipation der Frau ist Whitman auch ein Anliegen. Die spätesten Verse, von einem kranken, an Lähmungserscheinungen und Depressionen leidenden Dichter geschrieben, gehen explizit auf diese äusseren Bedingungen seines Schreibens ein; sie sind seine persönlichsten und bilden eine Art Schwanengesang: kürzer, dunkler, der Sexualität und Naturschönheiten entkleidet.

Ich habe den Text in der Version "Grasblätter", übersetzt von Jürgen Brôcan. Hanser, München 2009 gelesen. Jeder, der sich gerne mit Lyrik beschäftigt, sollte m.M.n. die "Grasblätter" gelesen haben.

Grüsse

sandhofer
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline Sir Thomas

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Re: Walt Whitman: Grasblätter [Leaves of Grass]
« Reply #1 on: 31. März 2012, 16.20 Uhr »
Ich habe den Text in der Version "Grasblätter", übersetzt von Jürgen Brôcan. Hanser, München 2009 gelesen.

Das Buch habe ich mir auch gegönnt - und bin begeistert von der Übersetzung und der editorischen Arbeit.

Zum Inhalt:
Whitman drückt das bis heute in den USA anhaltende Gefühl einer Überlegenheit der Vereinigten Staaten über Europa in jeder Beziehung aus: Moralisch, wissenschaftlich-technisch, Naturschönheit, sogar erotisch.

Es herrscht ein entschieden anti-euopäischer und anti-aufklärerischer (wenn nicht gar anti-humanistischer) Geist in Whitmans Versen. Das erinnert von fern an den Russen Tolstoi, der ebenfalls ein ursprüngliches, völkisch-bodenständiges Russentum dem europäisch orientierten Geist des petrinischen Russlands vorzog. Jedenfalls entfernt die amerikanische Dichtung sich mit Whitman erstmals meilenweit von den Denktraditionen des in europäischer Tradition stehenden Romantikers Poe oder des zeitgleich in Europa Verse schmiedenden Baudelaire.   

Ergänzend zu Deinen Ausführungen fiel mir auf, dass Whitman auf nahezu hymnische Art und Weise das moderne Individuum bejaht. Dahinter verbirgt sich tendenziell die mit Goethe korrespondierende Betonung des sich selbst veredelnden Menschen, wobei die Veredelung durch das tägliche Leben, nicht durch Geist, Schulen und Universitäten geschieht.

Insgesamt eine interessante Lektüre - nicht nur für Lyrikfreunde!

Tom

Offline sandhofer

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Re: Walt Whitman: Grasblätter [Leaves of Grass]
« Reply #2 on: 31. März 2012, 20.16 Uhr »
Jedenfalls entfernt die amerikanische Dichtung sich mit Whitman erstmals meilenweit von den Denktraditionen des in europäischer Tradition stehenden Romantikers Poe oder des zeitgleich in Europa Verse schmiedenden Baudelaire.   

Ergänzend zu Deinen Ausführungen fiel mir auf, dass Whitman auf nahezu hymnische Art und Weise das moderne Individuum bejaht.

Volle Zustimmung.  :)
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