Author Topic: Brian Greene: Das elegante Universum  (Read 1364 times)

Offline orzifar

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Brian Greene: Das elegante Universum
« on: 14. Mai 2014, 06.04 Uhr »
Hallo!

Das "Elegante Universum" gehört in jene Reihe von populärwissenschaftlichen Büchern, wie sie in den letzten Jahrzehnten große Konjunktur erlebten. Da gibt es Triviales, Trittbrettfahrer, die schnell mal eine Theorie zu einem "allgemeinverständlichen" Büchlein verwursten und es gibt - im Sinne eines Hoimar von Ditfurths - die Tradition eines fundierten, wissenschaftlichen Sachbuchs, die höchst wertvoll für die Popularisierung wissenschaftlicher Forschung sind.

Dieses Buch gehört eindeutig zur letzten, positiv konnotierten Kategorie, noch mehr: Es gehört zum Besten in diesem Genre. Ich wurde auf Greene aufmerksam, da seine Darstellung der Stringtheorie auch von anerkannten Wissenschaftlern oder Philosophen zitiert wurde - und das zu Recht. Nicht nur die Beschreibung der Theorie selbst (die schon ihrer Natur wegen ein wenig abgehoben und "seltsam" anmutet - wer kann sich schon die häufig zitierten sechsdimensionalen Calabi-Yau-Räume vorstellen), auch die historische Aufarbeitung von Relativitäts- und Quantentheorie ist von didaktischer Klarheit und Überzeugungskraft wie nur selten. Greene hat das Talent zur Demonstration anschaulicher Analogien (nicht ohne auf die Fragwürdigkeit dieses Vorgehens hinzuweisen) als auch das Feingefühl, zwischen hochtheoretischer und allgemein verständlicher Schreibweise einen goldenen Mittelweg zu finden. Er versteht es, komplizierte Konzepte plausibel darzustellen, auf ihre möglichen Fehler hinzweisen und vor allem die Faszination der Forschungsarbeit zu schildern, an der er selbst maßgeblich beteiligt ist.

Eines zeigt dieses Buch in wundervoller Weise: Dass der häufig erhobene Vorwurf der  "sterilen Rationalität" des Wissenschaftsbildes jeder Grundlage entbehrt. Wie primitiv im Vergleich zu den hier vorgetragenen Überlegungen muten irgendwelche alten Weltentstehungsmythen an, wie viel mehr Kreativität steckt in dieser Forschung als in dem simplen Welterklärungsmodell der Bibel. Wie viel faszinierender ist die Realität im Vergleich zu den mythologisch verbrämten Konzeptionen, wie viel mehr Bewunderung muss man dieser Forschung zollen. Trotzdem bleibt das dümmliche Vorurteil, dass es doch weit spannender sei, sich mit dem Transzendenten, dem Supernaturalistischen zu beschäftigen, obwohl diese Übersinnlichkeiten oft von einer fast peinlich anmutenden Primitivität und Einfalt sind. Jede neu erfundene Fee, jedes in Bettlaken gesteckte Gespenst zeugt angeblich von mehr Kreativität als die naturwissenschaftliche Forschung: Eine Feststellung, die nur jemand treffen kann, dem es selbst völlig an Kreativität gebricht. Damit will ich im übrigen keinesfalls die Beschäftigung mit Mythologischem desavouieren: Dergleichen kann historisch, kulturell, anthropologisch höchst spannend sein. Aber einzig hierin Geist entdecken zu wollen zeugt nicht von einem Mangel desselben.

lg

orzifar
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