Author Topic: Re: Mark Twain: Durch dick und dünn; Leben auf dem Mississippi  (Read 5174 times)

Offline orzifar

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Hallo!

Ein wirklich ungetrübtes Lesevergnügen bislang. Wundervolle Beschreibungen (etwa über den Kojoten, ich habe mir diese Tiere noch nie besser vorstellen können), über funktionierende und lahmende Revolver, alles untermischt mit dem Wichtigsten, das ein Autor (Mensch?) mitbringen muss: Selbstironie. Ich unterhalte mich ganz ausgezeichnet mit den unzähligen Anekdoten, das ist Reiseliteratur vom allerfeinsten und hätte ich so nicht erwartet. Das Schöne: Twain hat noch einiges mehr in diesem Genre geschrieben und ich freue mich diebisch ob meiner Unbelesenheit. Und nun bloß nicht zu gierig sein und das Buch in einer Nacht (oder deren zwei) verschlingen.

lg

orzifar
« Last Edit: 20. November 2011, 01.03 Uhr by orzifar »
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Offline mombour

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Re: Mark Twain: Durch dick und dünn
« Reply #1 on: 06. November 2011, 16.49 Uhr »
Hallo,

Ja, Mark Twain hat verstanden, worum es in Literatur geht. Sie soll unterhalten. Darauf verweist schon die kleine Einleitung, in der er sagt, er wolle den Leser nicht mit Metaphysik oder schwerer Wissenschaft zusetzten, sondern einfach "über mehrere Jahre des Herumstromerns" erzählen. Twain beherrscht dieses unterhalten, ich fühle mich, als wäre ich dabei. So wird die Reise auch für den Leser zum Abenteuer. Es scheint sich wirklich, um eine Reiseerzählung zu handeln, Erzählung in dem Sinne, dass hier wohl auch Fiktion vorkommt. Ich meine die Gerüchteküche um den indianischen Postraub. Nur einer soll überlebt haben, trotzdem ist Mark Twain (angeblich) 130 Leuten begegnet, die das Masaaker überlebt haben. Besonders fiktional erscheint mir, er habe jemanden getroffen, der  noch nach sieben Jahren Pfeilspitzen in seinem Körper entdeckt habe. Irgendwo habe ich gelesen, Mark Twains Reisebücher enthalten fiktionales und übertrieben habe er auch gerne. Ich finde aber gerade diese Ausschweifungen unterhaltsam. Das hat durchaus etwas belletristisches. Auch diese Lügengeschichte, ein Bulle sei auf einem Baum geklettert ist doch köstlich. Ein toller Erzähler der Twain, jawohl. Die Szene mit dem Kojoten fand ich auch herrlich. Der hat's drauf.

Soweit ich mich erinnere, ist Mark Twain doch auch der Schöpfer der amerikanischen short - story. Stimmt doch, oder?

Liebe Grüße
mombour
« Last Edit: 06. November 2011, 17.24 Uhr by mombour »
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Offline sandhofer

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Re: Mark Twain: Durch dick und dünn
« Reply #2 on: 06. November 2011, 16.59 Uhr »
Hallo!

Auch wenn ich - leider! - nicht mitlesen kann:

Soweit ich mich erinnere, ist Mark Twain doch auch der Schöpfer der amerikanischen short - story. Simmt doch, oder?

Zusammen mit Ambrose Bierce wohl, ja. Hemingway, der allerdings m.M.n. mehr von Bierce als von Twain gelernt hat, hat es einmal so ausgedrückt:

All modern American literature comes from one book by Mark Twain called Huckleberry Finn.

Grüsse

sandhofer
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Offline orzifar

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Re: Mark Twain: Durch dick und dünn
« Reply #3 on: 07. November 2011, 01.21 Uhr »
Hallo!

Ja, es gibt unzählige solcher Anekdoten, und sie werden ganz ernsthaft (und doch augenzwinkernd vorgebracht). Ein selten amüsantes Buch, das zudem wirklich große Literatur ist (es gibt fast nichts Schwierigeres, als ein humorvolles Buch zu schreiben). Der Bericht über die Mormonen nebst Auszügen von Smiths höchstpersönlichen Ergüssen hat auch einigen Unterhaltungswert.

lg

orzifar
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Offline mombour

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Re: Mark Twain: Durch dick und dünn
« Reply #4 on: 08. November 2011, 13.17 Uhr »
Hallo,

übrigens gibt es einen fundamentalistischen Zweig der Mormonen, die heute noch Polygamie betreiben. Das ist die „Fundamentalistische Kirche der Heiligen der letzten Tage“ (FLDS), eine üble Sekte, die mit den Mormonen in Salt Lake City nichts zu tun haben. Jon Krakauer schrieb eine spnannende erschreckende Reportage über diese Verblendeten: "Mord im Auftrag Gottes."

Ja, es ist schon seltsam, dass einfach so Kupferplatten auftauchen, darauf eine sog. Heilige Schrift "Das Buch Mormon" verzeichnet ist,  die aus dem Alten Testament z.T. plagiiert ist , die Lektüre  Mark Twain allerdings langweilt. ;D  Ich habe mal so ein Buch besessen, weil ich mal fruchtlose Gespräche mit Mormonen geführt habe. Sie waren ja nett (ich verrate mal nicht, wie ich die wieder losgeworden bin, sodass sie niemals wieder bei mir aufgetaucht sind.  ;D) Mormon sei Dank, die Polygamie ist längst abgeschafft, aber Twain belustigend über das Laster referiert. Brigham Young, er war der zweite Präsident und Prophet dieser Gruppierung, hatte ein Harem von bis zu 25 Frauen. Dieser erzählt Twain, einer habe er mal einen Ring geschenkt, dann wollten alle Frauen so einen Ring haben, weil sie sich sonst benachteiligt fühlten. Das ist schon lästig.

Ich frage mich ja, wie die damals mit der Kutsche über die Rocky Mountains gekommen sind. Lustig fand ich auch, in Nevada laufen viele Glatzköpfe herum, weil der Wind die Haare vom Kopf pustet. In was für einer herrlichen Zeit nur lebte Mark Twain. Mit Johnny baut er ein Buschhaus an einem See. Ein Zelt brauchte man nicht. Fast so wie Robinson Crusoe, nur war es in diesem Falle keine Insel. Einsame schöne Landstriche gab es damals noch genug. Mein Bruder war erst in Australien. Dort lebt man heute noch die Einsamkeit in der Natur, und wenn man morgens seinen Kopf aus dem Zelt streckt, hüpfen schon mal Känghurus vorbei. Beim Twain wars halt der Kojote.

Liebe Grüße
mombour
« Last Edit: 09. November 2011, 04.27 Uhr by mombour »
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Offline orzifar

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Re: Mark Twain: Durch dick und dünn
« Reply #5 on: 09. November 2011, 02.14 Uhr »
Hallo,

ich komm leider kaum zum Lesen (was sich die nächsten Tage auch nicht ändern wird  >:(...).

Alles durchsetzt mit Ironie, manchmal muss man aufpassen, dass man Twain nicht auf den Leim geht. Erinnert mich manchmal daran, dass ich vor einem griechischen Schafstall aus dem 20. Jahrhundert eine Vorlesung über antike Baukunst gehalten habe. Und nicht wenige Touristen waren voll des Lobes ;). Tja, die Jugend ...

lg

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Re: Mark Twain: Durch dick und dünn
« Reply #6 on: 12. November 2011, 16.42 Uhr »
Hallo!

Jetzt geht es wieder in kleinen Schritten voran, am positiven Gesamteindruck hat sich jedoch nichts geändert. Mittlerweile wurde Twain vom Silber- und Goldrausch erfasst und stürzt sich mit beachtlicher Naivität in die Abenteuer des zukünftigen Reichtums. Das Schöne an der Schilderung: Er schont sich selbst keineswegs, vermag über seine eigenen, kleinen Eitelkeiten, über die Dummheiten des Greenhorns zu witzeln und zu lachen - und gerade dadurch erhält man ein eindrückliches Bild dieses Abenteurertums.

Daneben gibt es ganz wundervolle Charaktere: Arkansas, den Rabauken (dem jeder, der sich öfter in zwielichtigen Spelunken herumgetrieben hat, schon begegnet ist), den fremdwortverliebten Mr. Ballou (auch der nicht nur in Nevada beheimatet) oder Captain John, der alle Welt kennt. Dazu anrührende Szenen, als sich Twain und seine beiden Reisegefährten dem Tod naheglaubten, letzte, gute Vorsätze fassten (so denn das Schicksal ihnen noch das Leben schenken würde) und einander in rührenden Worten ihre Untaten verziehen. Aber die Todesvorbereitungen im ewigen Eis bekommen etwas Lächerliches, da sie nur wenige Meter vor der von ihnen nicht wahrgenommenen Poststation statthaben - und selbstverständlich werden die angesichts des ewigen Eises gefassten Vorsätze bereits am nächsten Tage gebrochen (worauf man den Vorsatz fasst, keine Vorsätze mit zu fassen).

Ein einfach wunderbar zu lesendes Buch!

lg

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Re: Mark Twain: Durch dick und dünn
« Reply #7 on: 15. November 2011, 16.01 Uhr »
Hallo orzifar,

bei dem Stichwort Greenhorn musste ich natürlich an Karl May denken. Da findet Twain glitzernde Steine und bildet sich ein, da wäre Gold drin. Er bezeichent den Goldrausch selbst als "Krankheit". Alle sind wild dahinter her. Twains glitzernde Steine stellen sich als wertloses Granit heraus. Das mit dem Goldrausch ist ist in erster Linie Rausch. Reich werden nur die wenigsten.  Twain ist selbstkritisch. Vielleicht will er ja dem Leser zeigen, dass der Rausch nach Gold und Reichtum eine Illusion ist, die sich der Mensch künstlich macht.

Viele Szenen aus Twains Reisebeschreibung könnte man für gute Westernfilme verwenden. Arkansas sowieso, der glücklich ist, wenn er Streit findet. Er provoziert wo er nur kann, in dem er die Worte seiner Gesprächspartner verbiegt und sie verbal in die Enge treibt. Nimmt man mal an, daraus ergibt sich ein Streit, Arkansas würde einen an sich harmlosen Menschen, den er in Rage gebracht hat erschießen, ein Freund des Toten würde sich dann an Arkansas rächen wollen, der aber inzwischen auf der Flucht ist. Also, das wäre ein Start für einen Western. ;D

Ab morgen lese ich dann wieder etwas schwungvoller.

Liebe Grüße
mombour
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Offline sandhofer

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Re: Mark Twain: Durch dick und dünn
« Reply #8 on: 15. November 2011, 17.25 Uhr »
bei dem Stichwort Greenhorn musste ich natürlich an Karl May denken.

Auch Karl May hatte seine Wörterbücher ...  :angel:
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Offline mombour

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Re: Mark Twain: Durch dick und dünn
« Reply #9 on: 17. November 2011, 14.04 Uhr »
Hallo,

das nimmt ja kein Ende mit der Gold - und Silbersuche. ;D Vielleicht kein Wunder, dass Mark Twain ausgerechnet in diesen Kapiteln darauf kommt, einen "trägen, wertlosen, unbesonnenen Lebensweg" zu gehen. Seine Edelmetallschürferei war allerdings wirklich wertlos, dabei ihm etliche Millionen durch die Lappen gingen, weil er und sein Kumpan Higbie es versäumt hatten, eine Miene zu sichern. Higbie hatte es ein paar Jahre später zu zeitausenfünfhundert Dollar gebracht und konnte einen bescheidenen Obsthandel eröffnen. Twain schreibt auch von der Arbeitsschinderei in einer Quarzhütte. Mit einer Handvoll Dollar schinden sich Leute ab, nur weil sie dem Edelmetall nachhängen. Twain gibt seine Situationskomik zum Besten, in dem er für die harte Arbeit eine angemessene Lohnerhöhung verlangt: vierhunderttausend Dollar im Monat, darum er hinausgeworfen wurde.

Quote from: Twain
Und doch, wenn ich auf jene Tage zurückblicke und daran denke, wie furchtbar schwer die Arbeit war, die ich in jener Hütte leistete, bedaure ich nur, daß ich nicht siebenhunderttausend von ihm gefordert habe.

Gut dass Mark Twain von diesem Goldwahn abgekommen ist und lieber Bücher geschrieben hat.

Und nun ein kleines Off-Topic, obwohl es durchaus  noch In-Topic ist. Der französische Schriftsteller Blaise Cendars schrieb den Roman "Gold - Die fabelhafte Geschichte des Generals Johann August Suter".

Der verarmte Tuchhändler Suter wandert nach Amerika aus. Dort gründet er Fabriken, betreibt Ackerbau, Weinanbau usw. Irgendeiner seiner Arbeiter entdeckte  1848 auf seinem Grund und Boden einen Klumpen Gold. Das sprach sich herum, viele Abenteurer und Goldsucher vernichteten Johann August Suters fruchtbares Land. Sie zerstörten alles. Nur hinter dem Gold waren sie her. Das war wohl der Beginn, oder einer der Beginne des modernen Turbokapitalismus.  Fruchtbares Ackerland, Weinreben, etwas, dass unser Leben schön macht, unseren Hungermagen versorgt, all das wird zerstört nur wegen einem blöden Klumpen Gold. So verrückt können doch nur Menschen sein. (Off-Topic Ende. Habe mich wieder beruhigt  ;D).

Liebe Grüße
mombour
« Last Edit: 17. November 2011, 14.10 Uhr by mombour »
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Re: Mark Twain: Durch dick und dünn; Leben auf dem Mississippi
« Reply #10 on: 20. November 2011, 01.02 Uhr »
Hallo!

Habe nun das Buch abgeschlossen und mich bis zum Ende glänzend unterhalten. Ich weiß nun nicht, ob Twain als us-amerikanischer Nationaldichter gefeiert wird, seine oft unverhohlene, nur durch Ironie gebrochene Kritik am "weißen Mann" könnte den Mächtigen aber ein Dorn im Auge gewesen sein. Er bedient sich häufig eines ähnlichen Schemas: Eine scheinbar ernstgemeinte, idyllische Schilderung wird durch einen kleinen Neben- oder Nachsatz relativiert, er schildert grausame Riten der Urbevölkerung (ob auf dem Kontinent oder Hawai), um wie ganz nebenbei auf die Unmenschlichkeit der christlichen Kolonisatoren hinzuweisen, die jedwede zuvor geschilderte Brutalität harmlos erscheinen lässt.

Ähnlich verfährt er im "Leben auf dem Mississippi", nur ungeschminkter, scheinbar seiner Ironie ein wenig müde. Wobei dieses Buch in zwei Phasen entstanden ist: Kapitel 4 bis 20 sind eine Art Autobiographie, die etwa 8 Jahre (1775) vor dem Rest des Buches entstanden sind. In diesem zweiten Teil wird sich der Tonfall (vermutlich, ich bin erst bei Kapitel 10) ändern, er ist geschrieben nach der desillusionierenden Reise auf dem Mississippi (die Twain traurig und enttäuscht abbrechen wollte und nur des Schreibens wegen fortgesetzt hat). Schon in der Einleitung lässt er den Leser wissen, was von der Kolonisation des Mississippigebietes zu halten ist:

Quote from: Twain
"Vor den staunenden Wilden pflanzte La Salle dann ein Kreuz mit dem Wappen Frankreichs auf und ergriff - nach unverfrorenem zeitgenössischem Brauch - für den König Besitz vom ganzen Land, während der Pfaffe eine fromme Hymne absingen ließ und diesem Raub somit den Segen der Kirche erteilte. Um die Wilden zu retten, erläuterte der Priester ihnen mittels "Zeichen" die Geheimnisse des Glaubens und entschädigte sie so mit eventuellen himmlischen Besitztümern für die sicheren irdischen, die man ihnen soeben abgeknöpft hatte."

Es sind diese Zeilen, die mich daran zweifeln lassen, ob Twain damit den Geschmack des typischen Amerikaners getroffen hat (denn nicht einmal heute kann in den USA derlei ohne Widerspruch behauptet werden - geschweige denn in der zweiten Hälften des 19. Jahrhunderts).

Anschließend die Schilderung seiner Lehrjahre auf dem Mississippi als Lotse: Humorvoll, augenzwinkernd, ganz der große Erzähler, der er dann in Huckleberry Finn war (nebst einer langen Szene, die er ursprünglich für den "Huck" geschrieben, dann aber weggelassen hatte). Und im Lesen denke ich daran, dass ich wohl bald auf meine schon so lange bestehende Amerikaeinladung zurückkommen sollte (bevor ich mich endgültig zu alt fühle), obschon ich von Twains Flusslandschaft nichts oder kaum etwas wiederfinden werde.

lg

orzifar
« Last Edit: 20. November 2011, 17.07 Uhr by orzifar »
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Re: Re: Mark Twain: Durch dick und dünn; Leben auf dem Mississippi
« Reply #11 on: 20. November 2011, 07.33 Uhr »
Hallo!

Ich weiß nun nicht, ob Twain als us-amerikanischer Nationaldichter gefeiert wird, [...]

Der Mensch hat die ungeheure Begabung der selektiven Wahrnehmung und Erinnerung. Man behält von Tom Sawyer die Szene mit dem Streichen des Zauns und verdrängt die Nächte voller Angst und Horror, die v.a. Tom Sawyer schon durchmacht, bevor er und Huck Zeugen eines brutalen Mordes geworden sind, und nun in Angst vor dem Mörder leben. So wohl auch hier: Man behält Twains Schilderungen seiner Lehrjahre und verdrängt seine Kritik am weissen Mann. So beim Connecticut Yankee: Man erinnert sich an das absurde Missverhältnis zwischen dem "aufgeklärten" Yankee aus dem 19. Jahrhundert und dem mittelalterlichen Artus-Hof und verdrängt die Tatsache, dass zum Schluss Merlin den Sieg erhält und nicht der Technik-Freak ...  :hi:

Grüsse

sandhofer
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Re: Mark Twain: Durch dick und dünn; Leben auf dem Mississippi
« Reply #12 on: 22. November 2011, 19.03 Uhr »
Hallo!

Wie's denn so geht mit Büchern, die von wasserreichen Flüssen und Überschwemmungen handeln: Sie bekommen Sehnsucht nach ihrem ureigensten Medium und landen, wie in meinem Falle, schwerkraftbedingt im Aufwaschkübel. Danach am (nicht im) Herd zwecks Trocknung (was einige Seiten gelöst hat), fertiglesen vermag ich es trotz des Desasters allemal. Und das Lesen selbst (ohne Kalamitäten) ist einfach nur angenehm. Ich befinde mich nun schon in dem apostrophierten zweiten Abschnitt, auf der nostalgischen Erinnerungsfahrt Twains, die ihm eine vergangene Zeit noch einmal heraufführte, aber auch zeigte, dass sie für immer vergangen ist. Trotzdem keine dümmliche Romantik, kein "alles war früher besser", sondern ironische Kenntnisnahme des Verfließens der Zeit. Auch das Anerkennen von Verbesserungen für die Schifffahrt (obgleich das Abenteuerliche dabei weitgehend verloren geht) bzw. das Feststellen der Tatsache, dass man schlicht noch nicht weiß, was von manchen Änderungen zu halten ist (etwa die versuchten Flussbegradigungen, die mich an die kleinen Bäche meiner Kindheit erinnern: Ich habe sowohl deren Begradigung und Betonierung erlebt als auch den Rückbau, nachdem man eine Überschwemmung nach der anderen aufgrund der hohen Fließgeschwindigkeit und fehlender Überschwemmungsgebiete produziert hat).

Schließlich eine kleine Geschichte, die den Ort Napoleon als Handlungsort hat. Da ich Reiseberichte immer mit dem Atlas auf den Knien (oder am Tisch, je nach Lektüreort) lese, machte ich mich sofort auf die Suche nach dem inkriminierten Städtchen (mombour wird, sofern er diese Geschichte schon gelesen hat, schon zu schmunzeln beginnen), ich suche, suche, verfluche den ungenauen Atlas, nehme weitere Karten zur Hand: Nichts. Weit und breit kein Ort dieses Namens. Frustriert gebe ich die Fahndung auf, lese weiter und muss feststellen, dass der Witz der Geschichte in der Tatsache besteht, dass der Mississippi genau diesen Ort mit Mann und Maus weggeschwemmt hat (und ich meine Suche also noch bis zum St. Nimmerleinstag hätte ausdehnen können). - Das Internet belehrt mich darüber, dass es aber wieder einen Ort dieses Namens in (oder am?) Mississippi zu geben scheint, vielleicht eine Neugründung.

Alles in allem: Ein Reisebericht vom Feinsten mit teilweise wundervollen Naturschilderungen, die Sehnsucht erwecken.

lg

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Re: Mark Twain: Durch dick und dünn; Leben auf dem Mississippi
« Reply #13 on: 28. November 2011, 20.31 Uhr »

Hallo!

Der Mississippi liegt hinter mir. Twains große Stärke besteht in der Schilderung von Menschen, ihren Schicksalen, Eigenheiten, Seltsamkeiten. Es ist ein wunderliches Völkchen, dass sich da am großen Fluss herumtreibt - und Twain versteht es hervorragend, sie lebendig und anschaulich darzustellen. Und er versteht sich auch als Chronist der Pioniergeistes, der sich zu jener Zeit allüberall entfaltete, ein Chronist, der weitgehend objektiv über Vorhaben und Fehlschläge dieser ersten Siedler berichtet. Überhaupt ist die Darstellung dieser zweiten Mississippireise bei weitem nicht so negativ, traurig nostalgisch wie allenthalben beschrieben, er nimmt Veränderungen einfach zur Kenntnis, manchmal mit leisem Bedauern, dann wieder mit einiger Begeisterung ob der vielen Verbesserungen der letzten Jahre.

Wenn er auf die Rückständigkeit des Südens zu sprechen kommt, wird er nicht müde, einem Schriftsteller besonders viel von dieser Rückwärtsgewandtheit anzulasten: Walter Scott, an dem er kein gutes Haar lässt - und den er (wenngleich ironisch) sogar für den amerikanischen Bürgerkrieg verantwortlich macht. Die dümmliche Idealisierung der Vergangenheit, einfältig-romantische Vorstellungen von Begriffen wie Ehre oder Stolz sind der Verbreitung der Scottschen Schriften zuzuschreiben - und sie verhindern eine vernünftige, moderne Entwicklung. Gerade solche Verklärungen sind Twain zuwider, auch andere Schriftsteller oder Journalisten mit solch gefühlvollen Attitüden müssen mit seiner harschen und bösen Kritik rechnen.

Die selbstironische Distanz, mit der Twain die Welt - aber auch seine eigene Beziehung zu dieser Welt - beschreibt, ist macht die Lektüre so angenehm, kein verbitterter alter Mann, kein Besserwisser, kein mäkelnder Misanthrop, sondern einer, der Fehler kritisiert - und deshalb kritisieren kann, weil sie ihm selbst nicht fremd sind. Dadurch fehlt der moralisierend-belehrende Tonfall völlig - und dies ist ein Gewinn für jedes Buch.
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