Author Topic: Il libro del cortegiano von Baldassare Castiglione  (Read 24162 times)

Offline sandhofer

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Re: Il libro del cortegiano von Baldassare Castiglione
« Reply #30 on: 12. Juli 2014, 07.48 Uhr »
Mittlerweile im Blog8)
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline Sir Thomas

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Re: Il libro del cortegiano von Baldassare Castiglione
« Reply #31 on: 12. Juli 2014, 10.09 Uhr »
Mittlerweile im Blog8)

Vielen Dank für diese Eindrücke.

Ich habe lang nicht hinein gefunden in das Buch, weshalb unsere Leserunde leider nicht ergiebig war (sorry). Meinen letzten Rom-Aufenthalt im Mai habe ich aber genutzt, um Castiglione immer dann zu lesen, wenn ich einen der Renaissancepaläste besucht hatte (Farnesina, Borghese, Doria Pamphilii). Aufzeichnungen habe ich nicht angefertigt (ich reise ohne Laptop, da ich sonst nur arbeiten würde), aber aus dem Gedächtnis möchte ich folgendes ergänzen: Der Hauptaspekt des „Cortegiano“ liegt für mich in der Selbststilisierung aristokratischer Eleganz, die stets darum bemüht ist, Anstrengungen zu verbergen, starke Emotionen zu vermeiden bzw. zu unterdrücken und durch nachlässige Eleganz z.B. in Konversationen zu glänzen. So entsteht Grazia – der höchste Wert des höfischen Zusammenlebens und der wesentliche Unterschied zum Rest der Welt, der sich diese Ideale nicht leisten kann, weil er zu sehr damit beschäftigt ist, seinen Lebensunterhalt zu verdienen.

Natürlich baut Castiglione eine Scheinwelt auf, denn seine „Vorbilder“ waren, wie Du erwähnst, alles andere als edel gesinnte und handelnde Menschen. Insofern war Machiavelli der Ehrlichere. Aber der „Cortegiano“ leistet für mich eine Analyse der Mechanismen eines „intellektuellen Markts“ (eine bessere Kreation fällt mir gerade nicht ein), der auch heute noch nach ähnlichen Regeln funktioniert. Andere beeindrucken zu wollen durch eine lässige Überlegenheit, gepaart mit ein wenig Zynismus, ist immer noch ein wesentliches Antriebsmoment in vielen Konversationen.

Insofern ist der „Cortegiano“ eine nette Lektüre, wenn man sich einmal darauf eingelassen hat.

Offline Gontscharow

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Re: Il libro del cortegiano von Baldassare Castiglione
« Reply #32 on: 14. Juli 2014, 10.48 Uhr »
Mittlerweile im Blog8)

Vielen Dank für diese Eindrücke.

Der Hauptaspekt des „Cortegiano“ liegt für mich in der ...

Na also, nun ist ja doch noch einiges zum „Cortegiano“ zusammengekommen. ;)
Um den Bogen zum Ausgangspunkt unserer Leserunde zu schlagen, der Frage nach der Vergleichbarkeit des Rennaissance-Menschen-Ideals Castiglionischer Prägung mit dem klassizistischen Menschenbild von Herder, Schiller und Co : Ja, vieles aus dem Cortegiano scheint sich in den Horen zu wiederholen, etwa das Gebot der Ausgewogenheit, des Maßes, der Veredelung des Menschen durch Kunst und Wissenschaft und vor allem das der Grazie, der Anmut. Aber während sich das im Cortegiano in einem eng gesteckten, genau definierten gesellschaftlichen Rahmen bewegt und sich auf eine bestimmte Gruppe von Menschen bezieht, im wahrsten Sinne des Wortes Übereinkunft, Konvention ist, hat sich das klassizistische Menschen-Ideal universellen Charakter, es ist eine Generalisierung und Verinnerlichung der  Ideale, kein „platter“Verhaltenskodex …
Von der Sei-spontan-Paradoxie, die Herder, Schiller und später Kleist bei der Betrachtung der Anmut beschäftigt, ist im Cortegiano noch nichts zu spüren, natürlich auch nichts von der romantischen modernen Trauer um den Verlust des Naiven …