"Aufzeichnungen eines Jägers" (Erzählungen)
Ich weiß nicht, ob es wahr ist oder eine Legende. Zar Alexander I., nachdem er die „Aufzeichnungen eines Jägers“ gelesen hatte, schaffte er die Leibeigenschaft ab. Das war im Jahre 1861. In Deutschland war sie schon längst abgeschafft, als Turgenjev an den Aufzeichnungen schrieb. Turgenjev muss wohl gespürt haben, dass die Tage der Leibeigenschaft gezählt waren. Man lebte in einer Umbruchszeit.
Das Alte ist ausgestorben, und das Neue will nicht kommen.
Der Jäger geht auf Birkhuhnjagd, manchmal begleitet von seinem Freund Jermolai, der in den Geschichten gelegentlich am Rande auftaucht, oder auch allein. Er streift er durch die Wälder begegnet Gutsbesitzern, Bauern, einfachen Menschen vom Lande, lauscht den Menschen zu. Oft begegnen wir dem Schema Naturbeschreibung, Begegnung, Beschreibung der Charaktere, dann eine Handlung. Nicht alle Geschichten glänzen. In
„Der Einhöfer Owsjanikow“ werden Menschn vorgestellt, die die ältere Zeit repräsentieren: Gutsbesitzer, Magnaten usw. Ein wenig langweilig drögt diese Erzählung schon, denn es spinnt sich keine Handlung daraus. Der Blick auf die Menschen soll dem Leser ein Bild damaliger Zeit geben, doch langweilt mich diese Geschichte, weil viel Hintergrundwissen des alten Russland von Nöten ist. So gibt es einige Geschichten, die wohl auch deswegen nicht ankommen. Bei Tolstoi ist das anders. Er erzählt so wunderbar, dass jeder es versteht. So gibt es in diesem Band der
„Aufzeichnungen eines Jägers“, Geschichten, die mich unbeeindruckt lassen, andere Geschichten bringen mich zum Schwärmen. Angesichts dieser Perlen, in denen Turgenjev sich herrlichen Naturbeschreibungen hingibt, in denen Turgenjev sich auf die Seite der Unterdrückten stellt, in denen Turgenjev in das Herz der russischen Seele schaut, in denen Turgenjev das Ende der Leibeigenschaft visioniert, sinde viele der Geschichten sehr lesenswert.
Anhand der fiktiven Gutsbesitzer
„Tschertopchanow und Nedopjuskin“ erzählt Turgenjev den Niedergang der Gutsbesitzer in Russland. Die erste Geschichte beschäftigt sich mit der Herkunft der Herren, die ihren Niedergang schon andeutet, in der zweiten Geschichte, in deren das Ende dieser Herren erzählt wird konzentriert sich Turgenjev insbesondere auf das Elend Tschertopchanows : Seine innere Unruhe, Rastlosigkeit, Getriebenheit, seine schlechten Finanzen, die Misere eines Lebens, ein klägliches Ende,welches an sich erbärmlich zu nennen ist. Turgenjev, kostet das Leid dieses Herren literarisch aus, ohne dabei kitschig zu werden. Eine tragische Geschichte aus dem alten Russland. Diese getriebene Unruhe des Armseligen deutet sich schon in der Begegnung mit dem Jäger in der ersten Geschichte an, sein Niedergang schon in seiner Herkunft: schon sein Vater
" hatte das Gut in einem arg ruinierten Zustand geerbt." Nedopjuskis Voraussetzungen waren auch keine guten. Sein Vater wurde vom Unglück verfolgt -
"das Schicksal hatte ihn wie einen Hasen auf der Treibjagd totgehetzt." Die Geschichte um den Nachbarn, des verarmten Gutsbesitzers Radilow hat mir sehr gefallen, weil Turgenjev mit Andeutungen arbeitet. Radilow war todtraurig, seit seine Frau gestorben war. Als Radilow dieses dem Jäger erzählt zuckt Olga, die Schwägerin, aus Eifersucht,zusammen. Das sie aus Eifersucht zusammenzuckt, erfahren wir erst ganz am Schluss, toll wie Turgenjev diese Spannung hält. Das was ich erahne, worüber Turgenjev nicht schreibt, ist dies:
Olga war andauerend in Radilow verliebt, schon damals, als seine Frau noch lebte. Olga wollte, nachdem seine Frau gestorben, Radilow heiraten, doch er zögerte und war in seiner Trauer gefesselt. Darum konnte er für andere Dinge des Lebens keine Leidenschaft entfalten. Erst im Gespräch mit dem Jäger ist er zufällig ganz spontan darauf gekommen, dass er sich aus der schlimmen Lage befreien kann. Und so entstand sein Entschluss, mit Olga ein neues Leben zu beginnen. Die russische Melancholie, der Niedergang der Reichen, ist in der Figur des geigespielenden Fjodor enthalten, ein ehemaliger Gutsbesitzer, der Pleite geggangen ist, nun sehr zurückgezogen lebt, etwas seltsam geworden, nur hier und dort mal auf seiner
elenden Geige kratzt, ein Wortlaut Turgenjews, welches die Lethargie dieses Menschen ausdrückt.
Die durchaus in einem humorvollen Unterton geschriebene Erzählung
„Lgow“, zeigt deutlich, wie fremdbestimmt Leibeigene waren. Der alte Herr Sutchok hat unter vielen Herrschaften gedient. Wenn es die Herrschaft befahl, er ist ein Koch, dann war er einer, wenn eine andere Herrschaft befahl, er ist ein Kutscher, dann war einer usw. So konnte ein Leibeigener unter Umständen wie unser alter Herr Sutchok eine sehr farbige Berufskarriere hinlegen. Es hat auf niederwürfige Leibeigene gegebene, die ihren Herrn geachtet haben.
„Das Stelldichein“ gehört zu den schönsten Geschichten des Bandes, eingeleitet mit wunderbarster Naturbeschreibung führt die Erzählung tief in die Seelen der armen russischen Bevölkerung, wie die Menschen unter dämlich arroganten Reichheinis gelitten haben. Der Jäger lauscht in einem Wald einem Zwiegespräch zwischen einem seelenkranken Reichheini, der mit einem einfachen Mädchen, welches er für dumm hält, weil sie arm ist, Schluss machen will, weil sein Herr nach Moskau geht und er im Schlepptau. Viktor Alexandrytsch, der seelenkranke Arroganzler wird einem Mädchen gegenübergestellt, welches aufrichtig liebt, ihre Gefühle aber zertreten werden. Literaturtechnisch ist die Erzählung außerordentlich bewegend, weil es Turgenjev hier offenbar erstmals versucht hat, den Charakter der Personen allein durch ihre Worte und ihr Handeln aufscheinen zu lassen. Das ist ihm hervorragend gelungen.
Turgenjev dringt sehr tief in die russische Seele ein, bis hin zum Volksglauben an Waldgeistern, Nixen, Flüchen und anderen Schauergeschihten – umrahmt von russischer Landschaft. Turgenjev hat der russischen Seele ein Denkmal verschafft, Leibeigenschaft dort nur als unseliger Femdkörper erscheinen muss.
Liebe Grüße
mombour