Author Topic: Ivan S. Turgenev: Aufzeichnungen eines Jägers  (Read 3664 times)

Offline mombour

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Ivan S. Turgenev: Aufzeichnungen eines Jägers
« on: 23. April 2011, 12.58 Uhr »
"Aufzeichnungen eines Jägers" (Erzählungen)

Ich weiß nicht, ob es wahr ist oder eine Legende. Zar Alexander I., nachdem er die „Aufzeichnungen eines Jägers“ gelesen hatte, schaffte er die Leibeigenschaft ab. Das war im Jahre 1861. In Deutschland war sie schon längst abgeschafft, als Turgenjev an den Aufzeichnungen schrieb. Turgenjev muss wohl gespürt haben, dass die Tage der Leibeigenschaft gezählt waren. Man lebte in einer Umbruchszeit.

Quote from: Turgenjev
Das Alte ist ausgestorben, und das Neue will nicht kommen.

Der Jäger geht auf Birkhuhnjagd, manchmal begleitet von seinem Freund Jermolai, der in den Geschichten gelegentlich am Rande auftaucht, oder auch allein. Er streift er durch die Wälder begegnet Gutsbesitzern, Bauern, einfachen Menschen vom Lande, lauscht den Menschen zu. Oft begegnen wir dem Schema Naturbeschreibung, Begegnung, Beschreibung der Charaktere, dann eine Handlung. Nicht alle Geschichten glänzen. In „Der Einhöfer Owsjanikow“ werden Menschn vorgestellt, die die ältere Zeit repräsentieren: Gutsbesitzer, Magnaten usw. Ein wenig langweilig drögt diese Erzählung schon, denn es spinnt sich keine Handlung daraus. Der Blick auf die Menschen soll dem Leser ein Bild damaliger Zeit geben, doch langweilt  mich diese Geschichte, weil viel Hintergrundwissen des alten Russland von Nöten ist. So gibt es einige Geschichten, die wohl auch deswegen nicht ankommen. Bei Tolstoi ist das anders. Er erzählt so wunderbar, dass jeder es versteht. So gibt es in diesem Band der „Aufzeichnungen eines Jägers“, Geschichten, die mich unbeeindruckt lassen, andere Geschichten bringen mich zum Schwärmen. Angesichts dieser Perlen, in denen Turgenjev sich herrlichen Naturbeschreibungen hingibt, in denen Turgenjev sich auf die Seite der Unterdrückten stellt, in denen  Turgenjev in das Herz der russischen Seele schaut, in denen Turgenjev das Ende der Leibeigenschaft visioniert, sinde viele der Geschichten sehr lesenswert.

Anhand der fiktiven Gutsbesitzer „Tschertopchanow und Nedopjuskin“ erzählt Turgenjev den Niedergang der Gutsbesitzer in Russland. Die erste Geschichte beschäftigt sich mit der Herkunft der Herren, die ihren Niedergang schon andeutet, in der zweiten Geschichte, in deren das Ende dieser Herren erzählt wird konzentriert sich Turgenjev insbesondere auf das Elend Tschertopchanows : Seine innere Unruhe, Rastlosigkeit, Getriebenheit, seine schlechten Finanzen, die Misere eines Lebens, ein klägliches Ende,welches an sich erbärmlich zu nennen ist. Turgenjev, kostet das Leid dieses Herren literarisch aus, ohne dabei kitschig zu werden. Eine tragische Geschichte aus dem alten Russland. Diese getriebene Unruhe des Armseligen deutet sich schon in der Begegnung mit dem Jäger in der ersten Geschichte an, sein Niedergang schon in seiner Herkunft: schon sein Vater " hatte das Gut in einem arg ruinierten Zustand geerbt." Nedopjuskis Voraussetzungen waren auch keine guten. Sein Vater wurde vom Unglück verfolgt - "das Schicksal hatte ihn wie einen Hasen auf der Treibjagd totgehetzt."

Die Geschichte um den Nachbarn, des verarmten Gutsbesitzers Radilow hat mir sehr gefallen, weil  Turgenjev mit Andeutungen arbeitet. Radilow war todtraurig, seit seine Frau gestorben war. Als Radilow dieses dem Jäger erzählt zuckt Olga, die Schwägerin, aus Eifersucht,zusammen. Das sie aus Eifersucht zusammenzuckt, erfahren wir erst ganz am Schluss, toll wie Turgenjev diese Spannung hält. Das was ich erahne, worüber Turgenjev nicht schreibt, ist dies:

Olga war andauerend in Radilow verliebt, schon damals, als seine Frau noch lebte. Olga wollte, nachdem seine Frau gestorben, Radilow heiraten, doch er zögerte und war in seiner Trauer gefesselt. Darum konnte er für andere Dinge des Lebens keine Leidenschaft entfalten. Erst im Gespräch mit dem Jäger ist er zufällig ganz spontan darauf gekommen, dass er sich aus der schlimmen Lage befreien kann. Und so entstand sein Entschluss, mit Olga ein neues Leben zu beginnen. Die russische Melancholie, der Niedergang der Reichen, ist in der Figur des geigespielenden Fjodor enthalten, ein ehemaliger Gutsbesitzer, der Pleite geggangen ist, nun sehr zurückgezogen lebt, etwas seltsam geworden, nur hier und dort mal auf seiner elenden Geige kratzt, ein Wortlaut Turgenjews, welches die Lethargie dieses Menschen ausdrückt.

Die durchaus in einem humorvollen Unterton geschriebene Erzählung „Lgow“, zeigt deutlich, wie fremdbestimmt Leibeigene waren. Der alte Herr Sutchok hat unter vielen Herrschaften gedient. Wenn es die Herrschaft befahl, er ist ein Koch, dann war er einer, wenn eine andere Herrschaft befahl, er ist ein Kutscher, dann war einer usw. So konnte ein Leibeigener unter Umständen wie unser alter Herr Sutchok eine sehr farbige Berufskarriere hinlegen. Es hat auf niederwürfige Leibeigene gegebene, die ihren Herrn geachtet haben.

„Das Stelldichein“ gehört zu den schönsten Geschichten des Bandes, eingeleitet mit wunderbarster Naturbeschreibung führt die Erzählung tief in die Seelen der armen russischen Bevölkerung, wie die Menschen unter dämlich arroganten Reichheinis gelitten haben. Der Jäger lauscht in einem Wald einem Zwiegespräch zwischen einem  seelenkranken Reichheini, der mit einem einfachen Mädchen, welches er für dumm hält, weil sie arm ist, Schluss machen will, weil sein Herr nach Moskau geht und er im Schlepptau. Viktor Alexandrytsch, der seelenkranke Arroganzler wird einem Mädchen gegenübergestellt, welches aufrichtig liebt, ihre Gefühle aber zertreten werden. Literaturtechnisch ist die Erzählung außerordentlich bewegend, weil es Turgenjev hier offenbar erstmals versucht hat, den Charakter der Personen allein durch ihre Worte und ihr Handeln aufscheinen zu lassen. Das ist ihm hervorragend gelungen.

Turgenjev dringt sehr tief in die russische Seele ein, bis hin zum Volksglauben an Waldgeistern, Nixen, Flüchen und anderen Schauergeschihten  – umrahmt von russischer Landschaft. Turgenjev hat der russischen Seele ein Denkmal verschafft, Leibeigenschaft dort nur als unseliger Femdkörper erscheinen muss.

Liebe Grüße
mombour
« Last Edit: 23. April 2011, 19.43 Uhr by mombour »
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Offline sandhofer

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Re:Ivan S. Turgenev: Aufzeichnungen eines Jägers
« Reply #1 on: 24. April 2011, 19.39 Uhr »
Hallo

Ich habe - im Moment leider in einer Kiste - auch ein Sammlung von Turgenjews Erzählungen. Ich sollte die wirklich mal wiederlesen. Welche Ausgabe hast Du denn gelesen?

Grüsse

sandhofer
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Offline mombour

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Re:Ivan S. Turgenev: Aufzeichnungen eines Jägers
« Reply #2 on: 24. April 2011, 19.53 Uhr »
Hallo,

obwohl es die neue Übersetzung von Peter Urban bei Manesse gibt, habe ich aus der altehrwürdigen Übersetzung aus dem Jahre 1917 von Alexander Eliasberg gelesen. Marix-Verlag, 2008. Ohne Vor - oder Nachwort, war trotzdem schön und diese Übersetzung durchaus gut lesbar. Ich hatte nichts auszusetzen.

Liebe Grüße
mombour
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Offline orzifar

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Re:Ivan S. Turgenev: Aufzeichnungen eines Jägers
« Reply #3 on: 24. April 2011, 20.31 Uhr »
obwohl es die neue Übersetzung von Peter Urban bei Manesse gibt, habe ich aus der altehrwürdigen Übersetzung aus dem Jahre 1917 von Alexander Eliasberg gelesen. Marix-Verlag, 2008. Ohne Vor - oder Nachwort, war trotzdem schön und diese Übersetzung durchaus gut lesbar. Ich hatte nichts auszusetzen.

Das sehe ich für weite Teile der Literatur sehr ähnlich. Mir sind belletristische Werke mit einer Unzahl Fußnoten (wie etwa beim neuen Proust) irgendwie suspekt, mir vermiest sowas den Kunstgenuss. Als ob ich bei einem Bild ständig über die chemische Farbzusammensetzung informiert würde. Das kann interessant sein, will ich aber meist nur als reine Sekundärliteratur mir zu Gemüte führen. Und nicht alle alten Übersetzungen sind schlecht.

lg

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Offline sandhofer

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Re:Ivan S. Turgenev: Aufzeichnungen eines Jägers
« Reply #4 on: 25. April 2011, 07.19 Uhr »
Hm ... ich frage mich gerade, was ich habe. Was sich im ersten Moment als Turgenjew meinem Gedächtnis präsentierte, habe gestern Abend vor dem Einschlafen noch als Tschechow identifiziert. Von Turgenjew habe ich ganz sicher "Väter und Söhne". Ganz sicher auch noch in einer alten Übersetzung.
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Offline Anita

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Re:Ivan S. Turgenev: Aufzeichnungen eines Jägers
« Reply #5 on: 16. Juni 2011, 12.32 Uhr »
Turgenjew erzählt in seinen Aufzeichnungen von Bauern, die es verstehen zu Geld zu kommen, und von philosophischen Bauern, die zufrieden leben, von Zofen, die heiraten möchten, von Ärzten, die sich in ihre Patientinnen verlieben und von:

„Mein Nachbar Radilow“
Dieses Kapitel beginnt mit einer schönen Beschreibung von alten Lindengärten, die aus alten Zeiten, oft einzig, übrig geblieben sind. In einer solchen Gegend befindet sich der Jäger und schießt nach einer Schnepfe, aber „Ach“, er schießt ganz knapp an einer jungen Frau vorbei … man wird zu Tisch bei diesen Gutsleuten gebeten. Raff-zaff ohne große Erklärung. Man geht zu Tisch und Fjodor Michijitsch setzt seine Narrenkappe auf, tanzt und zupft an seiner Geige, er ist ein ehemaliger Gutsherr und lebt beim Gastgeber Radilow zur Belustigung. Dann wird Radikow kurz umschrieben, ein typischer Gutsherr, der beim Essen von der Landwirtschaft und Ernte, vom Krieg, vom Klatsch und den Wahlen spricht – Aber! innerlich selber keine Leidenschaft verspürt. Er schnauft und seufzt, hadert mit dem Schicksal, ist unzufrieden … Woran liegt es? Ist es die große Melancholie der Russen? Die politische Lage? – fragt sich der Leser. Doch dann erzählt Radilow, dass seine Frau bei einer Geburt verstorben ist und das ist sein Los und seine Traurigkeit – Alltäglichkeiten.

„Kassjan aus Krassiwaja-Metsch“
Eine wunderbare Geschichte, die so ganz klar und deutlich aufzeigt, wie anders denkende Menschen schnell ein Mäntelchen übergeworfen bekommen, dass sie nämlich dumm seien:
>>Ach was …! Wie kommt er dazu! So ein Mensch! Mich hat er übrigens von den Skrofeln geheilt … Wie kommt er dazu! Ein ganz dummer Mensch.<<
Kassjan lebt zurückgezogen, und legt ganz offensichtlich andere Ansichten und Denkweisen an den Tag. Beispielsweise nimmt er sein Patenkind nicht in der Kutsche mit, sondern lässt sie Zufußgehen. Der Jäger und der Leser erfahren in dieser Situation den Zusammenhang nicht, doch lässt uns gleich unser Vorurteil darauf schließen, dass dieser Kassjan nicht so richtig tickt. Dass es einen anderen, guten Grund haben könnte, darauf kann vielleicht der geneigte Leser kommen, dem Jäger kommt dieser Gedanke nicht. Mir persönlich hat dieser Kassjan sehr gut gefallen ;-)

Tatjana Borissowna und ihr Neffe
Turgenjew beginnt diese Geschichte wieder mit einer sehr schönen Naturbeschreibung, dann schwenkt er zu Tatjana, eine um die 50 Jährige, freundlich und gutmütig. Jedoch hat sie keine Erziehung genossen, spricht kein Französisch, war noch nie in Moskau, kurz sie ist völlig ungebildet, liest nicht, aber wer denkt sie wäre dumm, der liegt falsch! Tatjana hört Männern und Frauen zu, gibt Ratschläge und tröstet. Kurz gesagt >>In ihren Zimmern ist immer schönes Wetter.<< Doch jetzt lebt wieder ihr Neffe bei ihr …

Auch diesmal endet die Geschichte damit, dass im Gegensatz dazu was der Leser denkt die Russin ihren Neffen liebt und vergöttert. Frauen kommen generell bei Turgenjew charakterlich besser weg als Männer.

>>Sein (Turgenjews) Werk hatte großen Einfluss auf die Entwicklung des „melancholischen Impressionismus“ in Westeuropa- Die Erzählungen „Aufzeichnungen eines Jägers“ von 1852 wurden von vielen als Anprangerung der Leibeigenschaft und als soziale Anklage angesehen, in deren Mittelpunkt sehr individuelle, bäuerliche Figuren stehen. In seinen sechs Romanen schilderte Turgenev die Schicksale seiner Helden und verband sie mit sozialen, politischen und ideellen Strömungen im Russland der 1850er bis 1870er Jahre. In „Väter und Söhne“ (1862) verarbeitete er das Thema Generationskonflikt; in späteren Werken neigte er dagegen immer stärker zu Polemik und satirischer Darstellung der zeitgenössischen Probleme.<< (Klappentext)

Das gesellschaftliche Leben wird in den Geschichten gespiegelt und durchleuchtet, manchmal sehr direkt, andere Male auf Umwege. Turgenjews Russland von früher bis in seine Zeiten wird hinreichend unter die Lupe genommen, den Umbruch in Hinsicht auf den Westen und seine Zivilisation, womit das alte Russland so gar nichts anfangen konnte, wird immer wieder thematisiert. Manche Geschichte stecken voll von Übertragungen, so dass eine große Fülle an Interpretation und Deutungen möglich sind, man die Geschichten mit Wonne liest. Doch es gibt auch eine handvoll von Erzählungen die mir nicht zusagten. Diese sind dann zu sehr an Klischees gebunden oder erzählen von Geschichten, die man als Leser schon oft gelesen hat. Aber insgesamt sind die „Aufzeichnungen eines Jägers“ lesenswert.
Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können.  Nietzsche in "Also sprach Zarathustra"

Offline orzifar

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Re:Ivan S. Turgenev: Aufzeichnungen eines Jägers
« Reply #6 on: 16. Juni 2011, 14.08 Uhr »
Mir geht es ähnlich wie Sandhofer es eingangs von sich erwähnte: Turgenjew ist irgendwo in den Falten des Gedächtnisses entschwunden - und einzig an ein Übermaß an Sentimentaliät bzw. die von dir erwähnte Klischeehaftigkeit kann ich mich erinnern. Werde dieser Lücke aber zwischendurch mal abzuhelfen versuchen.

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