Author Topic: Pierre Bayle: Historisches und kritisches Wörterbuch  (Read 2431 times)

Offline sandhofer

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Pierre Bayle: Historisches und kritisches Wörterbuch
« on: 24. April 2011, 20.10 Uhr »
Hallo!

Noch eine Enttäuschung, bei der ich nicht sicher bin, ob die Schuld am Autor oder an der von den Herausgebern getroffenen Auswahl liegt. Ich habe Pierre Bayles Wörterbuch in der deutschen Übersetzung und Auswahl des Meiner-Verlags gelesen. Nun haben Auswahlausgaben immer die inhärente Problematik, dass ich nie weiss, ob die Herausgeber nicht dummerweise genau das ausgelesen haben, was ich als unwichtig und vernachlässigenswert bezeichnet hätte. Jedenfalls, hier steh' ich nun ich armer Tor und bin so klug als wie zuvor.

Na ja, nicht ganz. Vieles, das meiste, der rund 700 Seiten, die ich gelesen habe, wäre nicht nötig gewesen. Bayle gilt als der grosse Initiant der Aufklärung, als der Mann, der die "philosophes" der nachfolgenden Generation weckte. 1697 erschien sein Wörterbuch zum ersten Mal und war sofort ein grosser Erfolg. Doch für uns Heutige erschöpfen sich die meisten Artikel in scholastischen Haarspaltereien. Solche Dinge mögen zu Bayles Zeit aufregend und/oder state of the art gewesen sein, heute vermögen sie m.M.n. allenfalls noch den Philosophiehistoriker zu interessieren. In der ganzen Auswahl haben eigentlich nur 2 Artikel mein Interesse zu wecken vermögen: der über DAVID und der über die MANICHÄER. (Grossschreibung nach dem Original.) Beide zeigen, warum Bayle so einflussreich werden konnte, obwohl er ursprünglich nur - im Auftrag eines Buchhändlers und um als Exilant überleben zu können - eine Verbesserung eines bestehenden Wörterbuchs anstrebte. Allerdings wies diese Verbesserung von Anfang an zwei wichtige Punkte auf: Zum einen setzte sich Bayle konsequent für eine religiöse Toleranz ein. (Er wusste, wovon er sprach. Hugenotte, konvertierte er früh zum Katholizismus, um nur ein Jahr später zur protestantischen Religion zu rekonvertieren. Mit dem Resultat, dass er beiden Parteien suspekt war - und das zu einer Zeit, als in Frankreich die Verfolgung der Hugenotten gerade wieder einsetzte.) In DAVID beweist Bayle anhand von Bibelstellen, dass der von verschiedenen Religionen so hoch geachtete König Israels alles andere als ein Muster frommen Lebenswandels darstellte, dass er vielmehr schon anhand der paar Bibelstellen als einer entlarvt werden kann, der als purer Machtmensch alles seinem Ziel unterordnete. (Ausser vielleicht, wenn es darum ging, dass er als Mann bei seinen Untergebenen übern ehelichen Hag fressen konnte. Da konnte er seine politischen Interessen auch schon mal seiner Geilheit unterordnen.) In den MANICHÄERN stellt Bayle des langen und des breiten die Argumentation vor, die diese Leute vorbringen könnten für eine dualistische Gottheit, einer guten und einer bösen. (Denn das Problem, warum der "liebe" Gott so viele Übel auf dieser Welt zulassen konnte, war auch zu Bayles Zeiten noch immer eine Knacknuss der christlichen Theologie - egal ob römisch-katholisch oder protestantisch. Die beiden Artikel waren es denn auch, die Bayle am meisten Feindschaft eintrugen. Er wehrte sich in letzterem Fall dagegen mit dem Argument, dass wir mit dem schwachen Licht der Vernunft nicht weiter kommen könnten als die Manichäer kamen. Für alles weitere sei die Offenbarung zuständig, an die der Mensch unhinterfragt zu glauben habe. Bayle hat damit Kierkegaards Salto mortale in den Glauben vorweggenommen. Ob Bayle, der so subtil zu argumentieren vermochte, dieser grobschlächtigen Argumentation (à la: Wir brauchen keine starke Vernunft. Lieber eine schwache Vernunft und dafür einen starken und nichts hinterfragenden Glauben an die Offenbarung!) wirklich folgen wollte, oder ob er sie nur als Schutzbehauptung gegenüber den Verfolgungen seiner Gegner einsetzte, war schon zu seinen Lebzeiten umstritten.

Jedenfalls: Weniger wäre mehr gewesen. Diese Ausgabe bringt vieles, was allenfalls den Philosophiegeschichtler interessieren mag. Oder dann war die Auswahl falsch. Ich vermag zu verstehen, warum Bayle einen Diderot und dessen Weggefährten zu faszinieren vermochte - für Heutige ist er ... verzichtbar.

Grüsse

sandhofer
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BigBen

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Re:Pierre Bayle: Historisches und kritisches Wörterbuch
« Reply #1 on: 26. April 2011, 07.42 Uhr »
Vielleicht solltest du es nochmal mit der Übersetzung Gottscheds versuchen, mit der Kommentierung aller anstößigen Stellen.  ;D

Offline sandhofer

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Re:Pierre Bayle: Historisches und kritisches Wörterbuch
« Reply #2 on: 26. April 2011, 09.22 Uhr »
Hm ... Die Meiner-Ausgabe ist ja entstanden, weil in einem Uni-Seminar sich die Gottsched-Übersetzung als ungenügend erwiesen hat ...  ;D

Aber eine Apologie seiner "anstössigen" Stellen hat Bayle ja auch geliefert. Was für eine Zeit, in der man sich dafür entschuldigen musste, in einem Wörterbuch geschrieben zu haben, dass eine unverheiratete Frau ein Kind bekommen hat. (Und das nicht einmal, weil Bayle es auf die Jungfrau Maria angewendet hätte!)
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