Author Topic: Hans Fallada: Der Trinker  (Read 4759 times)

Offline mombour

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Hans Fallada: Der Trinker
« on: 18. Juni 2011, 03.59 Uhr »
Hallo!!

"Der Trinker", 1944

Quote from: Hans Fallada
Schnaps ist etwas sehr Gutes – wie schade, daß ich so viele Jahre versäumt habe, in denen ich hätte Schnaps trinken können.

Alles andere als beruhigend ist Hans Falladas Biografie, der Zeit seines Lebens drogensüchtig war und auch ein Alkoholiker. Sein posthum erschienener Roman „Der Trinker“, den Fallada 1944 in einer Entziehungsanstalt verfasste, ergreift die Tragik seines Lebens: Die Sucht nach der Flasche. Im Roman wird Erwin Sommer beschuldigt, seine Frau angedroht zu haben, sie zu erwürgen. Vor der Niederschrift des Romans wurde Fallada wegen versuchten Totschlags an seiner geschiedenen Ehefrau angeklagt.

Erwin Sommer ist Kaufmann, steht kurz vor der Pleite, er leidet auch unter seiner Frau Magda, die eine starke Persönlichkeit ist, er sich ihr gegenüber untergraben fühlt, Magda nun bemüht ist, die Firma Erwin Sommers wirtschaftlich wieder hochzupäppeln, währenddessen Herr Sommer aber immer öfter zur Flasche greift, zu Schnaps und Korn, Fallada den rasant schnellen Absturz des angesehenen Kaufmanns erzählt, der hoffnungslos seiner Sucht verfällt.

Hans Fallada hat die Suchtkrankheit selbst durchschaut, sonst hätte er den Roman, so wie er uns vorliegt, nie schreiben können. Er kennt die Tricks, wie man Alkoholika versteckt und erzählt, wie man als Trinker den Blick für die Realität verliert bis hin zu wahnhaften Zügen. Im Film versteckt Harald Juhnke Flaschen im Spühlsystem der Toilette. Was für ein Einfall, wer sieht dort schon nach? Heimlich zu trinken in unmittelbarer Nähe anderer, vor allem in unmittelbarer Nähe seiner Frau, stellt für Herrn Sommer einen besonderen Reiz dar und führt zu grotesken Szenerien:

Quote from: Hans Fallada
Einmal als mir gar nichts anderes einfiel, ging ich sogar soweit, daß ich heimlich in ihrer Gegenwart – der Schreibtisch deckte mich gegen Sicht – die Flasche entkorkt auf den Boden stellte, dann den Radiergummi zu Boden fallen ließ und ihn mir umständlich suchte., zuletzt auf allen vieren, wobei ich unter der Wölbung des Schreibtisches, sehr vergnügt über meine List, beträchtlichen Kognak in mich hineingluckern ließ.

Erwin Sommers Aufenthalt im Gefängnis und in der psychiatrischen Heilanstalt fand ich nicht mehr so interessant. Der Roman wird immer aktuell bleiben, weil Hans Fallada sehr realistisch die Auswirkungen der Alkoholsucht darstellt, und am Beispiel des Herrn Sommers aufzeigt, wie Trinker agieren, wie tief sie fallen können. Was man in Fachbüchern trocken nachlesen kann, wird hier lebendig. Wenn ich an die Heilanstalt zurückdenke, macht mich nur eines stutzig und erinnert mich daran, dass der Roman im Jahre 1944 entstand. Die Insassen der Anstalt sind unterernährt, unsauber. Es grassiert Furunkulose, Tuberkulose. „Irgendwelche Gefühle wurden an einem Erkrankten oder Sterbenden nicht verschwendet.“, heißt es. Dem Oberpfleger schienen Kranke unnütz. Fallada lässt Erwin Sommer betätigen, der Oberpfleger habe damit nicht einmal unrecht. Was für eine vergiftete Zeit.[heul]

In der Warteschleife liegt bei mir noch "Jeder stirbt für sich allein".

Liebe Grüße
mombour
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Offline sandhofer

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Re:Hans Fallada: Der Trinker
« Reply #1 on: 18. Juni 2011, 22.02 Uhr »
Hallo!

Hm ... Falladas Kleiner Mann ... habe ich nach 10 Seiten gelangweilt beiseite gelegt. Das hier klingt allerdings nicht uninteressant.

Grüsse

sandhofer
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline orzifar

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Re:Hans Fallada: Der Trinker
« Reply #2 on: 19. Juni 2011, 01.08 Uhr »
Der Trinker hat mir nicht besonders gefallen, die Darstellung habe ich recht klischeehaft in Erinnerung, ein konstruierter Auslöser - und auf geht's. Gerade weil Fallade selbst getrunken hat, war ich von dem Buch enttäuscht (eine noch viel stärker idealisierte Darstellung ist Roths "Legende vom heiligen Trinker", die sein m. E. schlechtestes Buch ist). Falladas Lektüre liegt allerdings sehr lange zurück (ich hätte mich an einem Wiederlesen bzw. einer Leserunde beteiligt). "Jeder stirbt für sich allein" und "Kleiner Mann, was nun?" (leichte Präferenz zu letzterem) stehen auch im Regal.

lg

orzifar
Derzeitige Lektüre:

Herbert Schnädelbach: Philosophie in Deutschland 1831 - 1933
Hans Albert: Kritik des theologischen Denkens
John Irving: Owen Meany

Offline mombour

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Re:Hans Fallada: Der Trinker
« Reply #3 on: 19. Juni 2011, 07.11 Uhr »
@sandhofer: Falladas Sprachmanier wird dir warscheinlich nicht gefallen. Der Stil ist recht einfach und keine Kunstprosa á la Musil etc, aber hier kommt es auf den Inhalt an. Davon lebt dieser Roman.

@orzifar: Im Film mit Harald Juhnke wird auf die Ursache des Trinkens eingegangen, sein Vater habe auch schon gesoffen, also eine genetische Disposition. Im Film auch erwähnt wird, Erwin Sommer habe früher auch schon mal getrunken. Ich vermute mal, zu Falladas Zeiten hat man über eine Veranlagung zum Trinken noch nicht diskutiert, aber, da Fallada selbst schon ewig getrunken hat, hätte Fallada natürlich in seinem Roman zur Vorgeschichte des Herrn Sommers sich einiges ausdenken können; - hat er aber garnicht. Zweimal nur wird erwähnt, dass er sich seiner willensstarken und tatkräftigen Frau unterlegen fühlt und dasss er ein großes Verlustgeschäft gemacht hat. Das sind die Auslöser.

Weil es zum Thema passt, besorge ich mir die Erzählungen "Sachlicher Bericht vom Glück, ein Morphinist zu sein." Das lese ich dann so nebenher, weil mir hier zu Hause auch die Bücherleserei überquillt. Im Juli habe ich mich anderswo schon in Leserunden festgenagelt, Stendhal, Die Karthause... und "Stiller" von Max Frisch. Danach können gerne "Jeder stirbt für sich allein" lesen, dazu ich noch sagen möchte, ich die erst in diesem Jahr erstmals erschienene vollständige Fassung des Aufbau-Verlages lese.

Liebe Grüße
mombour
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