Author Topic: Melinda Nadj Abonji: Tauben fliegen auf  (Read 3885 times)

Offline sandhofer

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Melinda Nadj Abonji: Tauben fliegen auf
« on: 26. März 2011, 11.15 Uhr »
Hallo zusammen!

Erster Eindruck nach rund 50 Seiten: Eine sehr elaborierte Sprache - ja. Allerdings steht die Sprache hier irgendwie der Geschichte im Weg. Es sind die in Ich-Form dargestellten Erinnerungen einer sog. "Seconda" an eine der Ferienreisen in die alte Heimat ihrer Eltern mit der die Erzählung anhebt. Immer wieder betont die Erzählerin, wie sehr sie und ihre Schwester sich wünschten, dass in der alten Heimat nichts geändert habe. Ich kann mir allerdings nicht vorstellen, dass eine Prä-Pubertierende die Dinge so klar sehen kann. Also müssen das Reflexionen des erzählenden, um einiges älteren Ich sein. Dieses nun aber wiederum bleibt ansonsten unscharf im Hintergrund. Dies - und eben die viel zu elaborierte Sprache - führen dazu, dass man der Erzählung irgendwie nur von weitem beiwohnt, als ob man die Handelnden durch ein Milchglas beobachtete. orzifar hat in diesem Forum mal sinngemäss den Ausdruck der auf-Literaturpreis-Jury-abzielenden Schreibe gebraucht. Im Moment kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass wir hier etwas von der Sorte vor uns haben. Die Schreibe ist nicht schlecht, sicher nicht - aber sie reisst nicht vom Hocker.

Mal schauen ...

Grüsse

sandhofer
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Offline sandhofer

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Re:Melinda Nadj Abonji: Tauben fliegen auf
« Reply #1 on: 27. März 2011, 08.54 Uhr »
Die Sprache, der Stil vermitteln eine gewisse Hektik. Gewollt? Die Geschichte kommt jedenfalls nicht wirklich zur Ruhe, aber vielleicht soll das die Befindlichkeit zweier Secondas (der Erzählerin und ihrer Schwester) vermitteln. Dort nicht mehr zu Hause, hier noch nicht angekommen. Quasi ständig "on the road".

Dann die Erlebnisse des jugoslawischen Bürgerkriegs. Ich habe zu jener Zeit des Bürgerkriegs mit Emigranten gearbeitet, die Befindlichkeit jener, die aus einem sicheren Land zuschauen mussten, keine Informationen erhielten, ist mit Sicherheit gut getroffen. Dennoch kann der Text bei mir keine Betroffenheit auslösen ...
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Offline sandhofer

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Re:Melinda Nadj Abonji: Tauben fliegen auf
« Reply #2 on: 01. April 2011, 09.13 Uhr »
Und noch ein Schlussbericht:

Ich habe die letzten Seiten teils nur noch recht kursiv gelesen. Hauptschuldig daran ist allerdings wirklich der Stil. Dieses elaborierte Deutsch, dessen Sätze sich auch schon mal problemlos über eine halbe Seite bewegen können, ist zweifelsohne beim Föjetong gut angekommen, gibt es ihm doch das Gefühl, die Autorin traue ihm eine grössere Sprachkompetenz vor als der Kassierin bei McDonalds. (Viele Studenten verdienen ihr Studium mit einem Nebenjob bei McDonalds. Dies nur nebenbei.) Aber wenn Abonji solche Sätze und Einsichten wie die Tatsache, dass die Erzählerin als Kind keine Veränderungen in der urspünglichen Heimat gewünscht hat, tel quel dem Kind in der Ich-Form aufpappt, ohne dabei eine ironische Distanz, die z.B. ein Thomas Mann hier dazwischen gelegt hätte, irgendwie bemerkbar zu machen, so macht sie das Kind zur frühreifen Göre und nimmt der Story - die im Grunde genommen eine Story des Coming-of-Age ist - die Pointe, da der Leser nun nicht wirklich ein Reifen zu bemerken im Stande ist. Sicher: Die Befindlichkeit der aus dem ehemaligen Jugoslawien stammenden Immigranten zur Zeit des Bürgerkriegs ist gut getroffen, und dieser Teil lohnt die Lektüre. Ob er einen Preis lohnt, oder sogar zwei?

Erst zum Schluss, im letzten Abschnitt, findet die Erzählerin zur Ruhe. Ausgerechnet bei einem Massengrab auf einem Zürcher Friedhof.
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Offline finsbury

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Re:Melinda Nadj Abonji: Tauben fliegen auf
« Reply #3 on: 03. April 2011, 11.17 Uhr »
Danke, sandhofer,
für die Stellungnahme. Das Buch liegt bei mir noch eingeschweißt in Folie. Vielleicht packe ich es jetzt gar nicht aus. In den letzten Monaten habe ich durchaus auch einige interessante Bücher von intereuropäischen Migranten gelesen, z. B. von Stanisic: Wie der Soldat das Grammophon reparierte, aber auf bemüht literarische Sprache habe ich nicht unbedingt Lust. Und die Stimmigkeit der Perspektive sollte auch da sein.

finsbury

Offline sandhofer

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Re:Melinda Nadj Abonji: Tauben fliegen auf
« Reply #4 on: 03. April 2011, 15.57 Uhr »
Hallo!

Da habe ich mich wohl falsch ausgedrückt. Bemüht literarisch ist Abonjis Sprache nicht. Aber zu Beginn der Perspektive unangemessen, weil zu reif und zu elaboriert für ein präpubertäres Mädchen. Später dann unangemessen, weil sie Angst und Schrecken der in der Schweiz lebenden Ex-Jugoslawen eher kaschiert als herausarbeitet. In einem Essay oder noch besser in einer wissenschaftlichen Arbeit über die Secondos aus Ex-Jugoslawien wäre sie kein Problem. Sie geht der Autorin offenbar auch wunderbar automatisch aus der Tastatur. Also sicher nicht bemüht - es ist der Abonji Sprache. Sie hat keine andere - das ist ja das literarische Problem. Und eben: in Zusammenhang unangebracht.

Grüsse

sandhofer
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