Damit ich die Hume-Leserunde nicht allzu sehr mit Artfremden überfrachte ...
Hume hatte - zu Recht - Bedenken, was die Veröffentlichung von Treatise und Enquiry betraf. Die Obrigkeit war unberechenbar und allzu viel Nachdenkens über den Ursprung von Denken und Meinen nicht gern gesehen.
Und heute? Ich muss vorausschicken, dass ich ein prinzipiell gesetzestreuer Bürger bin, der nicht zu schnell fährt, bei Orange nicht über die Kreuzung brettert, keine Einfahrten zuparkt - auch keinen alten Frauen des nächtens die Handtaschen entreißt oder aber in seinem österreichischen Keller Kinder und Jugendliche zwecks zwischenzeitlicher Vergewaltigung sperrt. Nichts dergleichen, noch nicht einmal ein Strafmandat wegen zu schnellen Fahrens.
Und so, als ein gesetzestreuer, braver Bürger, bleiben mir zumeist auch Verkehrskontrollen erspart. Zumeist. Nicht so gestern. Winkt da einer, nicht grüßend, wie ursprünglich vermutet, sondern zum Zwecke der Kontrolle. Zugegeben: So ein Hüter der verkehrspolizeilichen Ordnung hat's schwer und ist wohl allerlei Anfeindungen ausgesetzt am Samstag abend. Dennoch - ein Mindestmaß an Höflichkeit erleichtert den zwischenmenschlichen Kontakt. "Fahrzeugpapier und Führerschein" schnarrt es beim Seitenfenster rein, während Madame mit der Stablampe von der anderen Seite nach Leichen auf dem Beifahrersitz sucht. Wo sich irgendwo im Durcheinander zwischen Bücherhaufen die inkriminierten Papiere finden.
Der Sheriff blickt von Berufs wegen finster, harrend, was da kommen mag, während ich nun meinerseits ihm erstmal einen schönen Abend wünsche (so viel Zeit muss sein), er leicht verunsichert diesen meinen Gruß erwidert, dann aber erneut auf die geforderten Dokumente beharrt. Ich bitte um Geduld, reiche schlussendlich das Geforderte, während die Frau des Sheriffs immer noch nach Verdächtigem sucht. Vielleicht nun ist sie eine Bibliomanin, soll es ja geben, selten aber doch, vielleicht interessiert sie sich für einen der Titel des Bücherbergs und ich greife hinein und präsentiere im Schein der Lampe: "Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand".
Nichts Ehrenrühriges - möchte man meinen, aber irgendwie scheint sie meine Lektüre zu verstören. Wird da etwas untersucht, was sie als erheblichen Mangel empfindet in ihrem Dasein, sieht sie es als Provokation an in der Form, wie es ein Rollstuhlfahrer etwa empfinden würde, wenn man ihm zu Geburtstag Nordic-Walking-Stöcke schenkte?
Sie verständigt jedenfalls den die Papiere mühsam entziffernden Chef, der mich dieses Affronts wegen nun zum Aussteigen auffordert. "Pannendreieck, Verbandskasten" schnarrt er. Ich, hauptberuflich Vater und Pädagoge meines Kleinen wegen, erwidere reflexartig "bitte", so wie ich den Junior des öfteren schon auf die Funktion dieses Zauberwortes hingewiesen habe. Der Gegner ist überrascht, ganz von ferne, aus den Tiefen seiner eigenen Erziehung scheint er etwas zu erinnern - und tatsächlich: Bitte ... entfährt es ihm - und schon im selben Moment steigt die Wut in ihm hoch, dass er da meinen pädagogischen Anleitungen in dieser Form willfährt. Ich öffne den Kofferraum, treffe auf die meinen Uraltwagen umrundende Beamtin (merke dann, dass "Halloha" offenbar nicht der Gruß ist, den sie erwarete) und fördere das gut verpackte Pannendreieck zutage.
"Ist da was drin?" meint der Chef."
"Das letzte Mal war dem so", meinte ich, "weshalb der Schluss naheliege, dass - räuberische Aktivitäten außen vor - man auch diesmal fündig werde." (Dieser bürokratisch-elaborierte Sprachcode wird mir in solchen Situationen wie automatisch zuteil.)
"Aufmachen!"
"Bitte?!?"
Diesmal gehorcht er nur fast - und ich will's ja nicht übertreiben, öffne und "sieh da, ein Pannendreieck!"
"Verbandskasten!"
"Bitte?!?"
Keine Versuchung mehr, seine zweifellos gute Kinderstube zu reaktivieren.
"Aufmachen!"
"Bitte?!?"
Wissend um das nun Folgende muss ich schon einen einigermaßen fröhlichen Eindruck hinterlassen haben. Ich öffne das Ding und sehe ihn sprachlos.
"Was ist das?"
"Ein Verbandskasten!"
"Was??"
Ich klappe das Ding wieder zu und weise ihn ernsthaft auf das aufgemalte Rote Kreuz hin. "Ein Verbandskasten."
"Das seh ich!" - und noch bevor ich erwidern kann, warum er etwas ihm augenscheinlich Bekanntes erneut hinterfrage, fährt er fort in harschem Tone: "Da is nix drin!" Nun ist es wieder an mir, Genauigkeit walten zu lassen. "Fast nix", sage ich - und setze an zur Aufzählung, aber der ungehobelte Kerl unterbricht mich: "Nicht einmal eine Mullbinde!"
Der hat aber auch Pech an diesem Abend. Denn das "nix" entspricht annäherungsweise der Wahrheit, aber eben nur annäherungsweise. Denn - neben einem Pflaster und einem tamponartigen Ding, für das ich keine Verwendung wüsste, findet sich - eine Mullbinde. "Bitte", sage ich, "sehen Sie, eine Mullbinde". Er hebt das Ding hoch - und zu meiner Überraschung und seiner Freude: Mullbinden haben ein Ablaufdatum. Welches diesfalls auf den August 1998 datiert ist. "Abgelaufen!" sagt er in einem Tonfall, als ob er seiner Erschütterung kaum noch Herr werden könnte, "abgelaufen". "Was machen Sie, wenn sie zu einem Unfall kommen??"
Nun ist es an mir, tiefe Zerknirschung zu zeigen. "Ich gestehe, Herr Inspektor", "dass ich den Tod tausender Österreicher durch das Mitführen abgelaufener Mullbinden billigend in Kauf genommen habe. Keine Strafe kann zu hoch sein." - Offenbar aber scheint er sich selbst nicht so ganz sicher zu sein, welche Paragraphen der peinlichen Halsgerichtsordnung Karl V. für ein solches Vergehen anzuwenden seien (ginge es nach ihm persönlich und seinem Gesichtsausdruck, hätte er mich wohl an die nächste Laterne geknüpft). Seine wegwerfende Handbewegung war wohl weniger der Nachsicht als der Unkenntnis geschuldet - und ich verschließe sorgfältig Binde nebst Kasten im Kofferraum, während nun alle Reifen kontrolliert werden, die Plakette, welche die Fahrtüchtigkeit meines Vehikels offiziell bestätigt, im Kegel der Taschenlampe sorgfältig geprüft, das Profil als "nicht besonders" bezeichnet wird. Aber von der abgelaufenen Mullbinde abgesehen ist da offenbar nichts zu beanstanden (außer meiner Lektüre) - und so stehen die beiden ziemlich ratlos vor der klapprigen Mühle, während ich mich freundlich verabschiede und verspreche, sämtliche mit einem Ablaufdatum aus dem letzten Jahrtausend versehenen Materialien durch neue zu ersetzen, damit im Bedarfsfall meiner aufopfernden Hilfe nicht durch alterndes Verbandszeug eine zu enge Grenze gesetzt werde. Dies expliziere ich noch einmal und ausführlich und werde den Eindruck nicht los, dass man mir für jedes der wohlgesetzten Worte mindestens 10 Peitschenhiebe zuteilen möchte. - Die Tücken einer Leserunde ...
lg
orzifar