Author Topic: Émile Zola: Nana  (Read 7840 times)

Offline mombour

  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 593
    • Martin Stauder  Prosa & Lyrik
Émile Zola: Nana
« on: 11. Juni 2010, 03.18 Uhr »
Hallo ozifar,

ich habe einen Bammel hier anzufangen. Die ersten drei Kapitel fand ich ziemlich dröge. Ich meine, es gibt doch Romane, da ist man sofort drin, aber hier zieht sich alles so lala dahin. Nun, am Ende des dritten Kapitels bekommt Graf Muffat eine Einladung von Nana zu einem Souper. Das könnte jetzt spannend werden, hat doch der Graf diese Dame schon einmal gierig unter die Linsen genommen. Aber warum diese Einladung? Keine Ahnung. Vielleicht erfahren wir das noch.

Nana singt in einem kleinen proviziellen Theater Oper. Eigentlich könnte man doch eher auf den Gedanken an die Operette kommen. Nana liefert eine ziemlich schlechte Vorstellung ab und der Besitzer dieses Theaters (oder Varietés) redet eher von einem Bordell. Nana spielt die Venus, hat Erfolg, weil die reichen Herrschaften im Publikum (die dann auch in der Gesellschaft von Muffat auftauchen, eine Clique) nur auf ihre Figur schauen und sich für das Gesangsspektakel weniger oder gar nicht interessieren.

Mir erschien auch rätselhaft, warum Nana soviel Besuch bekommt, und die erscheinung des "grünen Jungen", mit dem Blumenstrauß war schon recht seltsam.

All das spielt kurz vor der Weltausstellung in Paris.

Charaktere kommen bisher zu kurz. Nur beim Grafen Muffat und der Gräfin Sabine flimmert etwas durch: Trostlose Ehe, Frömmelei. Das müsste aber noch ausgebaut werden.

Ich hoffe, es wird noch was mit dem Buch und vermute, dass es erst richtig los geht, wenn Muffat zum Souper der Nana kommt und Zola dann hoffentlich die Kurve kratzt, der Roman dann doch noch was wird.

Soweit erstmal.

Liebe Grüße
mombour
Thomas Hardy: Herzen in Aufruhr
Fernando Pessoa: Buch der Unruhe

Offline orzifar

  • Administrator
  • *****
  • Posts: 2 942
Re:Émile Zola: Nana
« Reply #1 on: 11. Juni 2010, 13.41 Uhr »
Hallo mombour,

ich kann alles nur auf Punkt und Beistrich bestätigen, was du da geschrieben hast. Zäh wie Kaugummi, viel Personal, das man kaum voneinander unterscheiden kann, ein bisschen wie eine Boulevardkomödie (braucht bloß noch zu Verwechslungen zu kommen). Ich bin erst zu Beginn des zweiten Kapitels, hab aber dem Buch bereits innerlich gedroht, es möge sich bessern, ansonsten ...

Mein letzter Zola liegt schon recht lange zurück, aber meine Begeisterung hielt sich schon früher in Grenzen. Das könnte nun der allerletzte sein ;).

lg

orzifar
Derzeitige Lektüre:

Herbert Schnädelbach: Philosophie in Deutschland 1831 - 1933
Hans Albert: Kritik des theologischen Denkens
John Irving: Owen Meany

Offline orzifar

  • Administrator
  • *****
  • Posts: 2 942
Re:Émile Zola: Nana
« Reply #2 on: 11. Juni 2010, 17.46 Uhr »
Bin bis zum vierten Kapitel gekommen. Eine rechte Qual, Salongespräche über die Fortpflanzung, die Femme fatale in Gestalt der Nana so erotisch wie ein Strohsack. Mir kommt das Buch wie ein an Elephantiasis leidender Groschenroman vor, vorhersehbar (Muffot wird Nana verfallen), aber ohne allen Tiefgang, ohne treffende Beschreibung - einfach seicht.

Wenn ich mich zum Mitlesen bereit erkläre plagt mich immer ein wenig das schlechte Gewissen bei einem möglichen Abbruch der Lektüre, aber dies noch über 500 Seiten zu ertragen ist ein wenig viel. Auch wenn ich mich noch nicht wirklich entschieden habe, stelle ich das Weglegen des Buches schon mal in den Raum.

Mir scheint, dass sich Zola überlebt hat. Das mag auf seine Art in seiner Zeit etwas Besonderes gewesen sein, ein "Meilenstein des Naturalismus", aber ist heute wohl eher von bloß literaturhistorischem Interesse. Wäre dies nun ein Gegenwartsautor und würde mich derselbe mit derart platten Charakterisierungen behelligen, ich hätte ihm schon nach zwei Kapiteln meine Gefolgschaft aufgekündigt.

lg

orzifar
Derzeitige Lektüre:

Herbert Schnädelbach: Philosophie in Deutschland 1831 - 1933
Hans Albert: Kritik des theologischen Denkens
John Irving: Owen Meany

Offline mombour

  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 593
    • Martin Stauder  Prosa & Lyrik
Re:Émile Zola: Nana
« Reply #3 on: 11. Juni 2010, 18.57 Uhr »

Wenn ich mich zum Mitlesen bereit erkläre plagt mich immer ein wenig das schlechte Gewissen bei einem möglichen Abbruch der Lektüre, aber dies noch über 500 Seiten zu ertragen ist ein wenig viel. Auch wenn ich mich noch nicht wirklich entschieden habe, stelle ich das Weglegen des Buches schon mal in den Raum.

Ich erlöse dich gerne von der Qual. Wäre ich doch vorgewarnt worden, hätte ich mit dir lieber einen Balzac gelesen. Ehrlich gesagt, ich bin ja auch tief enttäuscht, hatte ich mich doch der Illusion ergeben, einen äh...zweiten Balzac o.ä. vor mir zu haben. Das  Naturalismus so anöden kann, hätte ich nicht gedacht.  Desweiteren, ich habe irgendwo im Netz gelesen, Nana habe nach heutigem Vorständnis eine Borderline-Störung. Natürlich hat mich das interessiert.  Also, nun gut: Quälen wollen wir uns nicht, die Lebenszeit ist kostbar. Ich werde den Versuch unternehem noch bis Seite zweihundert zu lesen, wenn ich bis dahin nicht wie der Lutherus sein Tintenfass das Buch gegen die Wand geschmissen habe. ;D

Ich habe das sündige Buch vorgeschlagen. Sei ER meiner Seele gnädig. :angel:  ::)

Das ganze zeigt aber auch, es gibt Klassiker, die sich nicht zu lesen lohnen. Ich bin auch am Ende.....des vierten Kapitels angelangt.
Muffat noch nicht bei Nana. :)

Liebe Grüße
mombour
Thomas Hardy: Herzen in Aufruhr
Fernando Pessoa: Buch der Unruhe

Offline Anna

  • Full Member
  • ***
  • Posts: 155
Re:Émile Zola: Nana
« Reply #4 on: 11. Juni 2010, 20.04 Uhr »
Hallo!

Man gut, dass ich in Eure Leserunde reingeschaut habe. Ich hatte mir nämlich vorgenommen, „Nana“ demnächst ein zweites Mal zu lesen. Die erste Lektüre fiel in meine Teenagerzeit, und damals empfand ich das Buch genau wie Ihr als „dröge“ (mombour) und „zäh wie Kaugummi“ (orzifar). Da ich literarische Qualität früher nicht immer erkannt habe, war ich mir meines Urteils nicht sicher. Aber offenbar lag ich bei dem Roman richtig. Normalerweise gebe ich einem Autor immer noch eine zweite Chance. Eventuell versuche ich es noch mal mit „Germinal“, irgendwann… :opa:

hätte ich mit dir lieber einen Balzac gelesen. Ehrlich gesagt, ich bin ja auch tief enttäuscht, hatte ich mich doch der Illusion ergeben, einen äh...zweiten Balzac o.ä. vor mir zu haben. Das  Naturalismus so anöden kann, hätte ich nicht gedacht.

@ mombour, von Balzac kenne ich nur „Vetter Pons“, den ich ganz gut, wenn auch nicht überwältigend fand. In meinem Regal steht noch „Papa Goriot“, eines der Lieblingsbücher Thomas Manns, der Balzac überhaupt sehr schätzte und in seinen letzten Lebensjahren alle Bände der „Menschlichen Komödie“ noch mal gelesen hat. Falls Du den Roman noch nicht kennst, können wir ihn gern zusammen lesen. Allerdings wurde Balzac hier oder im Klassikerforum schon madig gemacht, ich glaube, von sandhofer.  ::)

Gruß
Anna
Bodo Kirchhoff - Verlangen und Melancholie
Regina Dieterle - Theodor Fontane
Charles Dickens - David Copperfield
Traudl Bünger, Ella Berthoud, Susan Elderkin - Die Romantherapie

Offline sandhofer

  • Administrator
  • *****
  • Posts: 6 764
Re:Émile Zola: Nana
« Reply #5 on: 11. Juni 2010, 20.12 Uhr »
Allerdings wurde Balzac hier oder im Klassikerforum schon madig gemacht, ich glaube, von sandhofer.  ::)

sandhofer mag Balzac nicht besonders, ja. Er ist vielleicht besser als Zola (den sandhofer nun gar nicht mag und seit "Die Erde" auch nicht mehr liest), aber ... Sagen wir so: Balzac ist das, was Karl May hätte werden können, wenn er sich nicht in diesen doofen Winnetou verkuckt hätte ...  ;)
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline Anita

  • Full Member
  • ***
  • Posts: 239
    • Literaturblog
Re:Émile Zola: Nana
« Reply #6 on: 11. Juni 2010, 20.15 Uhr »
Hallo Zusammen,

da bin ich aber froh, dass ich mir das Buch nicht gekauft habe, denn ich war schon drauf und dran mir die Nana zuzulegen und mit euch gemeinsam zu lesen. Der Urlaub hat mich gehindert  ;)

Balzac würde ich auch gerne lesen, "Verlorene Illusionen" steht sogar im Regal.

LG
Anita
Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können.  Nietzsche in "Also sprach Zarathustra"

Offline mombour

  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 593
    • Martin Stauder  Prosa & Lyrik
Re:Émile Zola: Nana
« Reply #7 on: 11. Juni 2010, 20.19 Uhr »
Hallo Anna,

den "Vater Goriot" können wir sehr gerne lesen, wenn wir den Zola hingeschmissen haben.

@Anita: "Verlorene Illusionen" gehört zu den The best of... (habe ich sehr gerne gelesen).

Liebe Grüße
mombour
Thomas Hardy: Herzen in Aufruhr
Fernando Pessoa: Buch der Unruhe

Offline orzifar

  • Administrator
  • *****
  • Posts: 2 942
Re:Émile Zola: Nana
« Reply #8 on: 11. Juni 2010, 20.31 Uhr »
@mombour: Danke für den Dispens ;). Ich hab noch ein wenig weitergelesen, dann auch ein wenig mich durch die hinteren Kapitel geschmökert: Große Änderungen sind nicht zu gewärtigen. Germinal habe ich so schlecht nicht in Erinnerung (allerdings schon seeeeeeeehr lange her), das wäre vielleicht das einzige Buch, das ich nochmal versuchen würd.

Balzac sehe ich auch ähnlich wie die meisten hier: Ich hab einiges gelesen (Vater Goriot, Vetter Pons und noch ein paar), aber wirklich begeistert hat's mich nicht.

@anna: Als Kennerin Thomas Manns weißt du sicher um seine allgegenwärtigen Lobeshymnen (auch von Büchern, die er nachweislich nicht gelesen hat ;)). Seine Urteile sind jedenfalls mit gebührender Vorsicht zu genießen.

@sandhofer: Über die Parallelen zwischen Balzac und Karl May muss ich nachdenken. So schlecht gefällt mir der Vergleich nicht ;). Den Büchern seiner Jugend bewahrt man halt immer eine gewissen Anhänglichkeit, ob May, Cooper, Jules Verne, Jack London oder - Perry Rhodan.

lg

orzifar
Derzeitige Lektüre:

Herbert Schnädelbach: Philosophie in Deutschland 1831 - 1933
Hans Albert: Kritik des theologischen Denkens
John Irving: Owen Meany

Offline Gontscharow

  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 595
Re:Émile Zola: Nana
« Reply #9 on: 12. Juni 2010, 10.39 Uhr »
Desweiteren, ich habe irgendwo im Netz gelesen, Nana habe nach heutigem Vorständnis eine Borderline-Störung. Natürlich hat mich das interessiert.  

Hier fühle ich mich angesprochen. Ich bezog mich aber auf die Reinkarnation Nanas in Bukowskis Gedicht: Ihr Name ist Nana/ und sie bewohnt die Erde schon ...(S.92)

Romane Zolas wie Therese Raquin, Le ventre de Paris , Au bonheur des dames, Nana , Germinal u.a.(?) habe ich mit Anfang 20 auf französisch gelesen. Und ich bin froh drum! Denn Zola, diese Lichtgestalt des engagierten Schriftstellers (J'accuse..!) ist nun mal mit seinem positivistischen experimentellen Romanzyklus sozial- und literaturgeschichtlich höchst interessant. Aber ich bin froh, es hinter mir zu haben. Ihn heute auf deutsch mit Genuss zu lesen, kann ich mir auch nicht vorstellen.

Ähnliches gilt für Balzac, wobei meiner Einschätzung nach Eugenie Grandet, ein gänzlich anderes Frauenschicksal als Nana, und der skurrile Cousin Pons durchaus auch heute noch Lesevergnügen bereiten könnten.