Hallo!
Die Naivität an sich ist es nicht, die mich an Gyurka stört. Sie scheint nur unrealistisch, es ist die Sicht eines Erwachsenen, der sich einen naiven 15jährigen vorstellt. Die Reaktionen sind für mich z. T. völlig unglaubwürdig (so etwa das fast teilnahmslose Hinnehmen der Tatsache, dass einer seiner Kameraden, Moskovics, vergast und verbrannt wurde).
Das ungarischer Volk wusste damals sicher noch nichts von Konzentrationslagern. Ungarn wurde 1944 von den Nazis besetzt. Ab dieser Zeit, in der auch der Roman spielt, wurden ungarische Juden in Konzentrationslager gebracht.
Das halte ich schlicht für falsch. Ich habe mich - auch im Rahmen des Studiums - mit Menschen dieser Generation unterhalten (auch in meiner Familie, mein Vater ist annähernd gleich alt wie Kertesz) - und es scheint die Ausnahme gewesen zu sein, davon nichts gewusst zu haben. Ab 1942, spätestens 1943 wurde nach übereinstimmenden Aussagen unter der Hand von Judenvernichtungen erzählt, von Judenseife, Lampenschirmen aus Judenhaut - und dies nicht in einer Großstadt wie Budapest sondern in abgelegenen Alpentälern, in denen die Informationsmöglichkeiten sicherlich sehr viel geringer waren. Einzig unter jenen, die dem Nationalsozialismus nahestanden (bzw. deren Väter) wurde ein solches Wissen verneint. Man mag über die Einzelheiten der Vernichtungsmaschinerie nicht Bescheid gewusst haben, aber es wurde übereinstimmend berichtet, dass man davon gewusst habe, dass die Juden ermordet würden (und auch das perverse Ausmaß dadurch sichtbar, dass die die vorhin erwähnten Begriffe der Judenseife bzw. der Lampenschirme aus Judenhaut so gut wie jedermann gehört zu haben vorgab).
Betroffene und Regimegegner schienen sogar noch besser informiert zu sein, in der gesamten Literatur zu dieser Zeit findet man zahllose Hinweise, dass man sich vor den Verschickungen am meisten fürchtete, weil man eben vom Massenmord in den Lagern wusste. Im Sommer 1944 war es unter ungarischen Juden mit Sicherheit kein Geheimnis mehr, was den meisten bei einem Transport in eines der Konzentrationslager bevorstand.
Über die Erzählzeit bin ich mir auch nicht völlig im Klaren: So beginnt das Buch mit "Heute war ich nicht in der Schule.", wodurch eine tagebuchartige Struktur der Aufzeichnungen angenommen werden kann. Andere Passagen aber arbeiten mit Vor- und Rückgriffen und lassen eher die Vermutung zu, dass der Text ev. knapp nach der Befreiung geschrieben worden sein könnte. Das ist nun nicht völlig belanglos, da im zweiten Fall es unwahrscheinlich wäre, wenn nicht Reflexionen einfließen würden. (Kapitel 6 beginnt etwa mit "Erst in Zeitz bin ich dahintergekommen ..." - ein Satz, der einen größeren zeitlichen Abstand zum Erzählten suggeriert, zudem im Perfekt verfasst, während anfangs brav im Präteritum berichtet wird.)
Trotz der Einwände lese ich das Buch mit Fortdauer mit größerem Genuss, da sich der künstlich anmutende naive Erzählmodus sukzessive verliert. Und man kann auch die Tatsache nicht ausblenden, dass hier jemand tatsächlich Erlebtes schildert (jedenfalls sehe ich keinen Grund, an der Beschreibung der Lagerwirklichkeit zu zweifeln) - wobei sich mir schon bald die Frage aufdrängte, welche Aufnahme dieses Buch gefunden hätte, wenn es von jemanden geschrieben worden wäre, der nicht in einem KZ war.
lg
orzifar