Author Topic: Frank T. Zumbach: Edgar Allan Poe  (Read 1764 times)

Offline orzifar

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Frank T. Zumbach: Edgar Allan Poe
« on: 02. Januar 2010, 20.14 Uhr »
Hallo!

Mein Lesefortschritt ist ein langsamer, das Buch aber grosso modo empfehlenswert. Zumbach leistet den zahlreichen Mystifikationen, von denen Poes Leben umgeben ist, keinen Vorschub, versucht anhand der Fakten ein ungeschöntes Bild des Schriftstellers zu zeichnen. Einzig jetzt (Poe ist etwa 20 Jahre alt) verfällt auch Zumbach in das etwas ärgerliche Dauerzitieren von Originalschriftstücken und vergisst, dass es (m. E.) die Aufgabe eines Biographien ist, die Quellen aufzubereiten, anhand von Fußnoten zu diesen Quellen zu verweisen, nicht sie aber in aller Ausführlichkeit seitenlang zu zitieren.

Poe, geboren als das Kind zweier Schauspieler, wird früh Waise und von der begüterten Famile Allan aufgenommen, wodurch er in den Genuss einer gediegenen Schulbildung kommt. Das Verhältnis zu seinem Stiefvater, eines schottischstämmigen Geschäftsmannes, ist aber von Anfang an nicht ganz ungetrübt: Dieser lässt ihn seine Herkunft spüren, die Tatsache, dass er von der Gnade der Familie abhängig ist, auf deren finanzielle Unterstützung er keinen irgendwie zu legitimierenden Anspruch erheben kann. Poe hingegen vermag diese seine Lage lange nicht richtig einzuschätzen, betrachtet sich als Sohn des reichen Schotten und macht in dieser seiner Eigenschaft als potentieller Erbe auf der Universität Spiel- und Trinkschulden beachtlichen Ausmaßes. Was den Beginn eines äußerst prekären Verhältnisses zwischen Stiefvater und Sohn einleitet. Poe, der sich vergeblich Hoffnungen gemacht hatte, dass seine Schulden beglichen werden würden, verarmt, sieht sich zum Schreiben unzähliger Bittbriefe gezwungen, wobei sein immer wieder lässlicher Umgang mit Geld zu einer verhärteten Haltung seines Stiefvaters führt, der ihm schließlich seine Unterstützung entzieht.

Poe betrachtet sich als Dichter (was für Allan allein schon Ausdruck für Verächtlichkeit ist), versucht Verleger für seine Lyrik zu finden, der Erfolg bleibt jedoch vorläufig aus (wobei es für Schriftsteller zu jener Zeit in den USA fast unmöglich war, von dem Ertrag ihrer Werke zu leben). Verleger hatten außerdem wegen eines fehlenden Urheberrechtsgesetzes die Möglichkeit, prominente Autoren einfach nachzudrucken (etwa Dickens), ohne Honorare zahlen zu müssen. Ein sehr viel lukrativeres Geschäft als einen jungen, unbekannten Lyriker zu verlegen.

Nebenbei entwirft Zumbach ein eingängiges Bild der amerikanischen Gesellschaft der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Reiche Plantagenbesitzer und Sklavenhaltung führen eine eigenartige Koexistenz mit den der Aufklärung geschuldeten Gedanken zur Gleichheit und Freiheit jedes Menschen. Thomas Jefferson, an dessen neugegründetet Universität in Virginia sich Poe so exzessiv Trink- und Spielgelagen hingab, kann als Muster für diese Ambivalenz dienen: Einerseits Mitverfasser der Menschen- und Bürgerrechte, andererseits hat er selbst zahlreiche Sklaven auf seinen Gütern gehalten.

lg

orzifar
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