Author Topic: Marcel Proust: Lettres [Briefe]  (Read 4562 times)

Offline sandhofer

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Marcel Proust: Lettres [Briefe]
« on: 30. August 2016, 18.50 Uhr »
Die grosse Ausgabe (von Kolb) der Briefe Prousts umfasst, wenn ich mich recht erinnere, 27 Bände. Daraus hat Françoise Leriche eine Auswahl getroffen. Daraus hat der Suhrkamp-Verlag eine Auswahl getroffen. Die Suhrkamp-Ausgabe soll im September erscheinen. Die (zugegebenermassen als bibliophil beworbene) Ausgabe soll ca. € 78.00 kosten.

Ich habe mir jetzt die (zugegebenermassen nicht bibliophile) französische Ausgabe von Françoise Leriche besorgt. Für € 36.00. Ein Ziegelstein von rund 1'300 eng und klein bedruckten Seiten...
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Re: Marcel Proust: Lettres [Briefe]
« Reply #1 on: 19. September 2016, 09.44 Uhr »
Am Wochenende habe ich nun mit Prousts Briefen begonnen. Das heisst: eigentlich erst mit den verschiedenen Vorworten. Da steckt viel philologische Arbeit dahinter, die aufs Exakteste dokumentiert wurde.
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Re: Marcel Proust: Lettres [Briefe]
« Reply #2 on: 20. September 2016, 07.11 Uhr »
Anfangen tut es mit den Briefen des Kindes Proust (der erste hier veröffentlichte Brief stammt vom Siebenjährigen an seinen Grossvater), dann folgen die des Heranwachsenden. Damit ist Teil I, Abteilung 1 mal abgeschlossen. Nun kommen die Briefe aus der Zeit, wo Proust bereits wusste, dass er Schriftsteller werden wollte und die entsprechenden Salons zu frequentieren begann. Allerdings sind Prousts Briefe wohl eher wegen ihrer Gewöhnlichkeit interessant als wegen ihrer Aussergewöhnlichkeit. Jedenfalls bis jetzt.
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Re: Marcel Proust: Lettres [Briefe]
« Reply #3 on: 21. September 2016, 10.34 Uhr »
Offenbar ist die Übersetzung bei Suhrkamp unterdessen erschienen. Man müsste mal vergleichen können...
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Re: Marcel Proust: Lettres [Briefe]
« Reply #4 on: 26. September 2016, 19.28 Uhr »
Prousts erste Schritte in der Welt der Literaten überschneiden sich ja noch ganz knapp mit Edouard de Goncourts letzten. Da ist es interessant, die völlig unterschiedlichen Sichtweisen der beiden zu vergleichen, wenn sie zum Beispiel am selben Dîner von Alphonse Daudet eingeladen waren. Während Goncourt ein Schauermärchen eines heute völlig irrelevanten Gastes nacherzählt, ist Proust sehr fasziniert vom Gastgeber - und von seinem Sohn. Aber keiner erwähnt den anderen...
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Re: Marcel Proust: Lettres [Briefe]
« Reply #5 on: 27. September 2016, 19.17 Uhr »
Mittlerweile ist Proust über 30 Jahre alt und lebt immer noch im Elternhaus. Seine Familie hatte offenbar Geld genug, sich einen Erstgeborenen leisten zu  können, der statt sein Amt als Bibliothekar anzutreten, sich immer und immer wieder beurlauben liess - bis man ihn als entlassen bezeichnete.
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Offline orzifar

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Re: Marcel Proust: Lettres [Briefe]
« Reply #6 on: 28. September 2016, 01.45 Uhr »
Tja, so gut er als Schriftsteller war, so wenig wünscht man ihn sich als Sohn ;). Vor allem weil es auch mit seinem Erfolg damals noch eher schlecht bestellt war.
Derzeitige Lektüre:

Herbert Schnädelbach: Philosophie in Deutschland 1831 - 1933
Hans Albert: Kritik des theologischen Denkens
Mareike Fallwickl: Das Licht ist hier viel heller
Marshall Sahlins: Neue Wissenschaft des verwunschenen Universums. Eine Anthropologie fast der gesamten Menschheit

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Re: Marcel Proust: Lettres [Briefe]
« Reply #7 on: 05. Oktober 2016, 19.33 Uhr »
Seine Eltern liessen ihn andererseits zeit ihres Lebens ohne grosse Verantwortung - zum Beispiel finanziell. Ob das der Grund war oder die Konsequenz, kann ich nicht bestimmen. Auf jeden Fall hat sich Proust, so bald er selber über sein (zu Beginn nicht unbeträchtliches) Vermögen verfügen konnte, in allerlei Börsenspekulation verfranst. Auf gut Deutsch: Er hat praktisch sein gesamtes Vermögen in den Sand gesetzt, weil er die grundlegenden Mechanismen der Börse offenbar nicht begriffen hat. Und offenbar auch keinen um Rat fragte, der wirklich uninteressiert gewesen wäre.
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Re: Marcel Proust: Lettres [Briefe]
« Reply #8 on: 06. Oktober 2016, 20.47 Uhr »
Auch interessant: Proust ist immer müde, ist immer krank, hat nie Zeit, arbeitet höchstens 20 Minuten am Tag an seinem Buch - alles das, wenn man seinen Briefen glauben will. Und das alles in der Zeit, in der er seine Suche schreibt. Bewusste Taktik, um sich Störungen vom Hals zu halten? Oder hat sich Proust selber getäuscht? So weit sieht man auch in seinen Briefen nicht in den Menschen hinein.
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Re: Marcel Proust: Lettres [Briefe]
« Reply #9 on: 07. Oktober 2016, 20.44 Uhr »
Im Grossen Krieg ist Proust plötzlich wieder mehr in der Gesellschaft anzutreffen. Obowhl er - zumindest zu Beginn - noch Angst hat, zum Militär eingezogen zu werden...
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Re: Marcel Proust: Lettres [Briefe]
« Reply #10 on: 12. Oktober 2016, 15.24 Uhr »
Proust neigt, gelinde gesagt, zur Übertreibung: Nicht nur, was seine spärliche Arbeitszeit betrifft. Er übertreibt später auch schamlos, wenn es darum geht, wie viele Seiten Fahnenabzüge er zu korrigieren hat. Er spricht von Tausenden - was bedeuten würde, dass er die ganze Suche nach der verlorenen Zeit aufs Mal zum Korrigieren erhalten hat. In Tat und Wahrheit ist es der Band der Guermantes - rund 500 Seiten...
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Re: Marcel Proust: Lettres [Briefe]
« Reply #11 on: 14. Oktober 2016, 19.36 Uhr »
Keiner war so krank und müde wie Proust. Und keiner hat sich selbst im letzten halben Jahr seines Lebens mit so viel Energie an die Wand gefahren wie Proust...
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Re: Marcel Proust: Lettres [Briefe]
« Reply #12 on: 16. Oktober 2016, 07.05 Uhr »
Man könnte - sowohl über die Briefausgabe wie über das dahinter stehende Leben Prousts - eine ganze Disssertation verfassen. Meine rund 900 Wörter im Blog müssen aber vorläufig genügen. Eigentlich möchte ich die Recherche mal wieder lesen...
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