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Lektüren, Rezensionen => Klassische Literatur => Topic started by: orzifar on 23. Mai 2015, 18.11 Uhr
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Hallo!
Werkausgaben haben es nunmal an sich, dass einem nichts vorenthalten wird: Obschon das manchmal nicht zu bedauern wäre. Und so ist zumindest die erste dieser "frühen" Erzählungen ein mehr als zweifelhafter Kunstgenuss: Was Fontane hier als 20jähriger mit "Geschwisterliebe" abliefert ist völlig inakzeptabel und sollte jedem sich zum Schriftsteller berufenen Forenschreiberling einige Hoffnung machen. Denn nach Durchsicht dieses unerträglichen Rührstücks würde man den Betreffenden zu einer anderen Berufswahl raten, nicht aber ihn zum Weiterschreiben ermutigen.
Blinder Bruder wird von aufopferungsvoller Schwester gepflegt, diese verliebt sich in einen Prediger. Verzweiflung beim Geschwisterpaar, Brüderchen wütet männlich blind, Schwesterchen stirbt an gebrochenem Herzen. Worauf die beiden Trauernden sich versöhnen und das Grab der Dahingeschiedenen pflegen. Das alles wird durch diverse Gedichtchen garniert, erinnert stark an Rührstücke wie etwa das "Schloss Durande" von Eichendorff. Platter, banaler geht kaum noch.
Stellt sich die Frage, was denn in solche Werkausgaben aufgenommen werden soll, muss, kann. Für den Fontaneforscher mag jedes Zettelchen von Bedeutung sein, ob aber solches auch zu seinem "Werk" gehört? Auch jeder Schulaufsatz, jede Beschreibung eines Ferienerlebnisses, die lyrischen Ergüsse eines Pubertierenden? Wobei für die vorliegende Erzählung immerhin gilt, dass sie in einer Zeitschrift veröffentlich wurde. Interessant jedenfalls nur als Kuriosum, wie der große und so sichere Stilist Fontane sein Karriere begonnen hat.
Die nachfolgenden Erzählungen sind dann von bereits ganz anderer Qualität (wenn auch kein großer Kunstgenuss). Sie sind in den Jahren 1853/54 erschienen, also 14 Jahre nach dem unsäglichen Beginn und zeigen tatsächlich, wie durch den Klappentext angekündigt, die Andeutung einer literarischen Meisterschaft. Wobei sich auch ein ungustiöses Stück darunter findet: Die Jagdgeschichten am Cap. Großwildjagd als Abenteuerspektakel ist meines nicht.
Ich habe während der noch eine Zeitlang andauernden Lektüre der Fontane-Biographie Nürnbergers vor, einige Romane des von mir hochgeschätzten Autors wiederzulesen (und bin sicher, dass ich sein schwächstes Werk bereits hinter mir habe).
lg
orzifar
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Stellt sich die Frage, was denn in solche Werkausgaben aufgenommen werden soll, muss, kann. Für den Fontaneforscher mag jedes Zettelchen von Bedeutung sein, ob aber solches auch zu seinem "Werk" gehört? Auch jeder Schulaufsatz, jede Beschreibung eines Ferienerlebnisses, die lyrischen Ergüsse eines Pubertierenden?
Diese Frage stellt sich, unabhängig von Fontane immer wieder mal. Aber eben: Der Aficionado wird anderes und mehr erwarten als der rein geniessende Leser. Meine Werk-Ausgabe von Fontane fängt mit seinen Reisen in Schottland und in Frankreich an.
Wobei für die vorliegende Erzählung immerhin gilt, dass sie in einer Zeitschrift veröffentlich wurde. Interessant jedenfalls nur als Kuriosum, wie der große und so sichere Stilist Fontane sein Karriere begonnen hat.
Fontane war ja auch schon im gesetzteren Alter, als er seine eigentliche Karriere erst anfing...
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Hallo!
Ich habe mir das Vergnügen einiger Fontane-Romane gegönnt, ohne diese aber einer allzu eingehenden Betrachung unterziehen zu wollen (schon das Nachwort zu "Graf Petöfy" über die "Präfigurationen" in diesem Roman hat mir gezeigt, dass ich in dieser Form über Belletristik nicht (mehr) nachdenken möchte). Ich belasse es vorerst beim Genießen oder kurzen Bemerkungen: So kann ich das Diktum beim "Grafen Petöfy", dass es sich um ein teilweise misslungenes Werk handle (weil der Autor vom österreichisch-ungarischen Lokalkolorit keine Ahnung habe), ganz und gar nicht teilen. Zum einen ist nach meinem Dafürhalten das "österreichische Wesen" (so es ein solches gibt) ganz gut getroffen, zum anderen aber ist dies ohnehin nicht entscheidend. Sondern etwa die vorkommenden, brillianten Dialoge, Gespräche, die in ihrer sprachlichen Genauigkeit vielleicht nur noch bei Thomas Mann zu finden sind.
Mathilde Möhring imponiert durch eine untypische Fontanegestalt: Sind ansonsten die Frauen oft Spielball ihrer Gefühle (bzw. der Männer), wird hier eine sehr selbstbewusste Frau präsentiert (eine junge, energische, aber sehr viel unabhängigere Jenny Treibel): Die sich einen wenig durchsetzungsfreudigen, aber formbaren Mann erwählt, diesen sanft, doch mit Überlegung in eine Richtung lenkt und nach dessen Tod nicht etwa das freudlose Dasein einer Witwe führt, sondern einen Beruf ergreift und ihr ganz eigenes Leben lebt. Wenngleich sie auch feststellen muss, dass nicht nur sie ihren verstorbenen Ehemann beeinflusst hat, sondern - nach seinem Tode - auch ihrerseits den Einfluss seines ganzen, weichen, fast künstlerischen Wesens spürt und erst dadurch zu einem erfüllten Leben gelangt.
Quitt hinwiederum ist eine Art Kriminalroman: Wilderer erschießt Förster, nachdem dieser als - ungerechter und selbstgefälliger - Repräsentant der Obrigkeit ein entsprechendes Regime führt. Lehnert Menz, der Wilderer, flieht nach Amerika, dem schon zuvor ihm Freiheit versprechenden Land, kommt dort kurz zu Vermögen, verliert alles wieder und tritt in eine Mennonitengemeinde ein, wo er sich in das hübsche Töchterchen des Patriarchen verliebt. Aber es soll nicht sein: Bei der Suche nach einem Vermissten stürzt er von einem Felsen und muss einen ähnlichen Tod erleiden wie der von ihm erschossene Förster: Und beide finden kurz vor ihrem Dahinscheiden verzeihende, an die Gerechtigkeit appellierende Worte.
Sowohl bei diesem letzten Werk als auch bei "Graf Petöfy" wirkt die starke Betonung der Frömmigkeit bzw. der Tatsache, dass man seinem Schicksal offenbar nicht entfliehen kann, ein wenig deplatziert: Wobei in "Quitt" mit dem bei den Mennoniten weilenden Freidenker L'Hermite ein Gegengewicht zu dem fatumhaften Verlauf des Lebens geschaffen wird (jedoch nur zum Teil: Auch dem Franzosen werden allerlei "seherische" Erkenntnisse zuteil). Diese phantastischen Einsprengsel zerstören einiges der ansonsten so wunderbaren Ironie und Souveränität der Figuren (wie sie etwa einem Stechlin eignet).
lg
orzifar
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Ich habe ehrlich gesagt nur Irrungen, Wirrungen gelesen. Leider trifft es nicht ganz meinen Geschmack. Kann daran liegen, dass es damals noch zu meiner Pflichtlektüre in der Schule gehörte. ;) Da hatte ich noch nicht erkannt, wie toll Literatur sein kann. Vielleicht sollte ich mich noch einmal an Fontane heranwagen. Hat denn jemand einen Tipp?
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Hat denn jemand einen Tipp?
Nicht die frühen Erzählungen. Der Stechlin: Unbedingt. Die Frau Jenny Treibel habe ich mit grossem Spass gelesen. Nicht zum in einem Rutsch durchlesen: Die Wanderungen durch die Mark Brandenburg.
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Hallo!
Mir ist es ganz ähnlich wie dir gegangen: Nachdem ich mit 16 oder 17 erstmals Fontane las (Frau Jenny Treibel) konnte ich rein gar nichts damit anfangen. Mir entgingen völlig die Feinheiten der Sprache, ihre Genauigkeit, der augenzwinkernde Humor. Ich empfand den Roman als eine irgendwie langweilige Gesellschaftsgeschichte und habe über 10 Jahre keinen Fontane mehr angerührt. Dann aber war ich baff erstaunt: Was für ein großartiger Stilist, welche Sprachgewandtheit.
Vielleicht ist Fontane das Gegenstück zu Hesse: Als ich den wieder zu lesen versuchte war ich peinlich berührt ob all der Plattheiten. Bei Fontane war ich ebenso berührt: Ob meiner eigenen Unfähigkeit, die Qualität der Bücher zu verstehen. Mag sein, dass andere Jugendliche mehr Gespür hatten: Ich jedenfalls habe Fontane erst postadoleszent verstanden.
Lesen? Fast alles (außer das frühe Werk, wie von mir auch oben beschrieben). Der Stechlin aber vor allem anderen. Ich könnte mir hingegen vorstellen, dass du selbst "Irrungen, Wirrungen" mit ganz anderen Augen liest als damals. Insofern vielleicht der ideale Einstieg.
lg
orzifar
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Nachdem ich mit 16 oder 17 erstmals Fontane las (Frau Jenny Treibel) konnte ich rein gar nichts damit anfangen.
Ich hatte das Glück, als Student im ersten Semester eine Vorlesung von Walter Killy zu (u.a.) diesem Roman zu hören. O0
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Bei Fontane war ich ebenso berührt: Ob meiner eigenen Unfähigkeit, die Qualität der Bücher zu verstehen.
Könnte sich auch in Sachen Hesse noch einstellen. Kommt Zeit, kommt Rat. Oder auch nicht.
8)
(edit.: )
Aber laß, Luise. Das ist ein zu weites Feld.
:)
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Einigermaßen verblüfft las ich gestern, daß es eine zeitgenössische Effi Briest – Verfilmung gibt, in der Effi am Ende Eltern Eltern sein läßt, in Berlin bleibt und guter Dinge sich des Lebens freut … was ich zunächst als Unding empfand aber dann bei näherem Hindenken nicht mehr.
Wäre es einfach sozusagen zeitgenössischer Firlefanz (an Theatern im Übermaß zu erleben ... so sagte z.B. mal ein Dramaturg, den Schluss von Ibsens 'Nora' müsse man halt heutzutage ändern, da er nicht mehr zeitgemäß sei … erstens stimmt das nicht, weder daß man ihn ändern müsse noch daß er nicht mehr zeitgemäß sei, zweitens was muß einen die Gegenwart interessieren … muß sie nicht … wesentliche Literatur ist eh zeitlos …) wäre es der Rede nicht wert … aber in diesem Fall liegt der Fall tiefer und ist interessant.
Zuwendung, Fürsorge kann einen halt auch kleinhalten, am Wachstum hindern, ggf. letzten Endes ersticken … muß nicht, aber kann. Die meinerseits (59) jahrzehntelang ausschließlich als positiv besetzt wahrgenommene Fürsorge von Effis Eltern sowie ihr Zurückkommen zu ihnen sah ich gestern plötzlich in einem ganz anderen Licht … (Insofern hat dieser Filmschluß, von dem ich las, einen kräftigen Denkanstoß bewirkt.)
(Nun könnte man einwenden, hier gehe es um Fontane und nicht um Verfilmungen. Nur haben die Gedanken, die man sich zu diesem abgeänderten Filmschluß machen kann, sehr wohl sehr direkt mit Fontane zu tun …Er hatte ja, vereinfacht auf eine Formel gebracht, durchaus Sympathie und Aufgeschlossenheit für "das Neue", blieb aber für sich selber doch eher beim "Alten". Und das kann man halt aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchten …)
Noch reizvoller fände ich eine Verfilmung, in der Effi die "alte" Variante träumt und dann die neue erlebt. Oder, vielleicht (wohl Sache des individuellen Geschmacks oder auch Gemüts …) noch reizvoller, umgekehrt, sie träumt die "neue" Variante und erlebt dann doch die alte … Nun sind wir doch bei Verfilmungen. Andererseits hätte Fontane ja auch, wie z.B. Gottfried Keller im "Grünen Heinrich", zwei Varianten schreiben können … :)
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Den Film habe ich vor etwa drei Jahren gesehen - und ich fand ihn gut! Trotz oder wegen des eigenwilligen Schlusses - genau aus den von Dir genannten Gründen! Ich kenne die Effi-Briest-Verfilmung von Gustav Gründgens, die von Rainer Werner Fassbinder und auch den DEFA -Film. Alle nicht schlecht - dieser gefiel mir am besten. Die Problematik von Literaturverfilmungen ist mir bewusst, ich mag auch keine anbiedernden Modernisierungen. Seltsam, hier ließ gerade die Abänderung eine besondere Nähe zum Original enstehen, irgendwie schien der Film mir mehr Fontane zu enthalten als die anderen werkgetreueren Versionen.
Zurück zu den Fontane-Tipps! Warum werden eigentlich nie Unterm Birnbaum und Schach von Wuthenow genannt? Ich tu das mal, denn es sind meine Favoriten. Sie sind äußerst spannend und skurril.
Aus welcher Gegend kommst Du, Berneir ? Vielleicht fängst du mit einem Werk an, das in Deiner Gegend spielt. Das Faszinierende an Fontane ist u.a. die Verortung seiner Erzählungen. Unwiederbringlich spielt in Schleswig- Holstein, Glücksburg und Kopenhagen, Cecile in Thale im Harz, Stine, Irrungen, Frau Jenny Treibel und andere in verschiedenen Kiezen von Berlin, Quitt in Schlesien und Amerika, Mathilde Möhring in Westpreußen/Polen, Schach v. W. in Berlin Tempelhof und Neuruppin, Grete Minde in Tangermünde und Stendhal, Petöfy in Ungarn, Unterm Birnbaum im Oderbruch usw...Und die Orte und Gegenden sind nicht nur Schauplätze, sondern spielen mit ihrer Geschichte und ihren Geschichten eine wichtige Rolle, sind manchmal fast Protagonisten, wie der Stechlin-See...
Genug geschwärmt. Ich bin gespannt, mit welchem Werk Du einen neuen Versuch starten wirst.
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Um an Gontscharow anzuknüpfen: ich habe mehrere Jahrzehnte in Berlin gelebt und zahlreiche Orte in der Mark Brandenburg besucht. Fontane ist dort bei vielen Lesern mehrerer Generationen noch sehr populär, manche können Passagen auswendig wiedergeben - wenn man z. B. die mittelalterliche Feldsteinkirche inmitten des belebten Berlin-Tempelhof nebst Teich und alten Baumgruppen in der Nähe aufsucht, wird der Ausruf der hugenottischen Tante aus dem Schach von Wuthenow herausgelockt: "Das ist die Kürche!" Der Berliner erkennt seine Mundart wieder, das Zitat kommt einem 28jährigen Leser in den Sinn.
In Bayern, im Schwarzwald oder in Schleswig-Holstein (Theodor Storm) mögen andere Autoren in bestimmten Lesergemeinden lebendig geblieben sein.
Im Schulunterricht zu DDR-Zeiten wurde etlichen die obligatorisch zu lesende Effi Briest verleidet, weil von den Schülern die Wiedergabe einer politischen Tendenz abverlangt wurde: die angebliche Lobpreisung des "Vierten Standes" als menschlich durch Fontane gegenüber der Unmenschlichkeit von Angehörigen der herrschenden Klassen (und der "Schimmelreiter" Storms musste untergehen, weil er sich nach herrschender Lesart "vom Kollektiv absonderte", viele lasen später nicht mehr Theodor Storm).
Man bemerkte die Absicht und war verstimmt, wenn auch manchen die Effi weiterhin als Lektüre gefiel, nicht zuletzt beeinflusst durch die hier erwähnten Verfilmungen.
Dafür wurden mir später die Cecile, die sowohl im Harz als auch in Berlin spielt, und der Stechlin zu Lieblingsromanen, in denen Angehörige des Adels, im Falle der Cecile sogar eines Fürstenhofes, porträtiert werden. Besonders zog die Dialogführung Fontanes an, sein Plauderton, im Falle des Alterswerkes Cecile und hier besonders in dessen letzten Teil auch die Sparsamkeit im Einsatz der dichterischen Mittel.
Die Lektüre des umfangreichen Frühwerks Vor dem Sturm setzt schon einiges an Begeisterungsfähigkeit für die Jahre 1807/08, die Zeit nach der preußischen Niederlage von Jena und Auerstedt und vor der antinapoleonischen Erhebung, voraus.
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Hallo!
Die "Kinderjahre", ein Buch, das Fontane als autobiographischen "Roman" bezeichnete, um möglichen Vorwürfen irgendwelcher Ungenauigkeiten im voraus zu begegnen. Das Buch ist eigentlich (wenigstens meinem Empfinden nach) nicht so sehr die Schilderung von Fontanes Kindheit, sondern in mindestens ebenso starken Maße eine Hommage an seinen Vater, der, wenn man der Darstellung glauben darf, dieses Lob mehr als verdiente.
Eine Besonderheit dieses Buches stellt dabei auch das Kapitel Nr. 16 dar (nicht das letzte, sondern bloß eingeschoben), das "40 Jahre später" übertitelt ist und einen Besuch des nun schon selbst ergrauten Schriftstellers bei seinem Vater schildert. Diese Schilderung ist berührend, zeigt das Porträt eines alten, in seiner Art weisen Mannes, tolerant, bescheiden - und sie zeigt auch die Liebe des Autors zu diesem Vater, der in vielen Fontane-Figuren durchscheint: Nicht zuletzt im alten Stechlin.
Grete Minde ist hingegen eine Art Kriminalroman und berichtet über die Rache einer ungerecht behandelten Tochter im 17. Jahrhundert, die in Kohlhaasscher Manier eine ganze Stadt in Brand setzt. (Dass dies ein historischer Roman ist muss man aus Kleinigkeiten erschließen: Er könnte auch im 19. Jahrhundert spielen.) Aber das Spektakuläre ist nicht Fontanes Metier, auch wenn die Geschichte gut und routiniert erzählt wird. Auch hier sind es die Dialoge, die einzelnen Charaktere (etwa die Pastoren oder die Domina des Klosters), die dem Roman (Novelle? - ein müßiger Streit, Heyse hat "Grete Minde" in seine Novellensammlung aufgenommen, doch das Definitionserfordernis der "Einzigkeit eines Ereignisses" kann hier nur bei sehr toleranter Auslegung aufrecht herhalten werden) Qualität verleihen: Nicht das Handlungsgerüst.
lg
orzifar
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Das Buch ist eigentlich (wenigstens meinem Empfinden nach) nicht so sehr die Schilderung von Fontanes Kindheit, sondern in mindestens ebenso starken Maße eine Hommage an seinen Vater, der, wenn man der Darstellung glauben darf, dieses Lob mehr als verdiente.
Diesen Eindruck hatte ich seinerzeit bei der Lektüre auch, ja.
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Mir ist es ganz ähnlich wie dir gegangen: Nachdem ich mit 16 oder 17 erstmals Fontane las (Frau Jenny Treibel) konnte ich rein gar nichts damit anfangen. Mir entgingen völlig die Feinheiten der Sprache, ihre Genauigkeit, der augenzwinkernde Humor. Ich empfand den Roman als eine irgendwie langweilige Gesellschaftsgeschichte und habe über 10 Jahre keinen Fontane mehr angerührt. Dann aber war ich baff erstaunt: Was für ein großartiger Stilist, welche Sprachgewandtheit.
Du sprichst mir aus der Seele! Ich habe gerade Irrungen, Wirrungen neben mir liegen. Und es liest sich einfach ganz anders als damals. Ich bin begeistert und habe gleich Frau Jenny Treibel gekauft!
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Einigermaßen verblüfft las ich gestern, daß es eine zeitgenössische Effi Briest – Verfilmung gibt, in der Effi am Ende Eltern Eltern sein läßt, in Berlin bleibt und guter Dinge sich des Lebens freut … was ich zunächst als Unding empfand aber dann bei näherem Hindenken nicht mehr.
Ist das dieser Film hier: http://www.constantin-film.de/kino/effi-briest/ ? Den hatte ich damals gesehen. War gar nicht schlecht...
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Ist das dieser Film hier
Da "Effi hingegen wird – anders als bei Fontane – ihre Konsequenzen ziehen und den Schritt in ein neues Leben wagen..." im verlinkten Text zu lesen ist, wird er es vermutlich wohl sein ...
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Hallo!
Diesmal Cécile. Eine sehr gelungene Erzählung über ein "gefallenes" Mädchen, dessen Vergangenheit ihrem Verehrer zu Ohren kommt und der sein Verhalten von höflicher Zurückhaltung in aggresive Werbung abändert. Aber wie in vielen anderen Romanen Fontanes ist auch hier der Weg das Ziel: Die großartigen Dialoge, die psychologisch feine Zeichnung des Kavaliers Gordon, der im Grunde so gar nicht weiß, was er mit dieser seiner Verliebtheit machen soll: Denn sie ist - wie immer man es dreht und wendet - in jedem Fall zum Scheitern verurteilt. Ein spezifisch menschlich(männlich?)-verliebtes Verhalten: In diesem Werben, Tun fortzufahren, obwohl jedes Ende (egal wie realistisch) zur Katastrophe führt.
Nur das Ende hat mich ein wenig verstört: Gordon schickt sich nach meinem Dafürhalten ein wenig zu selbstverständlich in den Tod, der ihm beim "notwendig" gewordenen Duell mit dem Ehemann Céciles droht (die Erwähnung der Tatsache, dass ihm der erste Schuss zusteht, wirkt da wenig überzeugend). Und auch der Tod Céciles durch Traurigkeit, Verzweiflung ob einer Welt, die ihr die Ruhe nicht gönnt, mutet "literarisch" an. Ansonsten aber ein typisch Fontanescher Lesegenuss.
lg
orzifar
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Hallo!
Stine erinnert in der Thematik an Cécile, auch im tragischen Ende. Hier ist es ein Graf, der, von Krankheit und Todessehnsucht gezeichnet, in der Näherin Stine ein vermeintlich verwandte Seele erkennt und sie zu seiner Frau machen will. Aber es sind nicht die gesellschaftlichen Bedenken des gräflichen Umfeldes, die diesem Traum ein Ende machen, es ist vielmehr Stine selbst, die ein solches Ansinnen zurückweist und als undurchführbar ansieht.
Aber wieder stirbt es sich für mein Dafürhalten am Ende des Romans zu leicht, wird der Tod in einer abgeklärt-besonnenen Form herbeigesehnt und akzeptiert, die künstlich anmutet. Der Selbstmord als das perfekte Ende eines Romans ist verführerisch und pflegt wohl auch realen Schicksalen einen tragischen Abschluss zu verleihen. Allerdings ist er tatsächlich tragisch, erlitten, ich habe von keinen philosophischen Selbstmorden in der Wirklichkeit vernommen, sondern nur von oft jahrelanger, tiefer Verzweiflung. Wobei Philosophie hier das Stichwort ist: Diese Pest des philosophischen Selbstmordes haben nicht zum geringsten Platon (mit seinem Sokrates) oder auch Seneca verursacht. Sokrates, der da von den letzten Dingen mit seinen Jüngern plaudert, sie tröstet und dann ruhigen Sinnes stirbt (was schon aufgrund der Methode etwas Unwahrscheinliches hat, Zitat Wikipedia: "Die Vergiftung äußert sich durch Brechreiz, Verlust des Sprech- und Schluckvermögens und Muskelkrämpfe, bis schließlich durch Atemlähmung der Tod eintritt." Das klingt nun gar nicht mehr nach Unterhaltung und heroischem Sterben und dürfte der Wirklichkeit näher kommen, wie auch Senecas mehrfaches Öffnen und Schließen der Adern nebst langsamem Verbluten (dabei noch bedenkend, das er nicht freiwillig starb) eher ins Märchenreich denn in die Geschichte gehört.
Aber ansonsten: Lehnstullektüre par excellence, nach Fontanes Schreibweise könnte man süchtig werden.
lg
orzifar
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Hallo!
"Die Poggenpuhls", adelige, aber verarmte Familie, deren Mitglieder in unterschiedlicher Weise ihrem Adelsprivileg anhängen (bzw. sich davon emanzipieren wollen). Sowohl der jüngste Sohn als auch die zweite Tochter spekulieren auf reiche Heiraten im jüdischen Industriellen- bzw. Bankiersmilieu, um der permanenten Geldknappheit zu entrinnen. Eine Studie über die untergehende Zeit des Adels, über den unweigerlich aufkommenden Geldadel, der aus pragmatischen Gründen den Geburtsadel ablöst.
Der Roman bleibt ohne spektakulären Schluss (wie die vorhergehenden, bei denen der Tod reiche Ernte hielt), er lebt von den wundervoll gezeichneten Charakteren und wie immer von den Dialogen.
"Irrungen, Wirrungen" spielt mit demselben Thema, hier aber wird noch eine Stufe übersprungen, da sich Baron Botho in die Tochter einer Wäscherin verliebt. Einem wundervollen Sommer zu zweit folgt der "Ernst des Lebens": Botho wird dazu gedrängt, seine reiche Cousine zu heiraten (eine Heirat, die schon von den Eltern vor langer Zeit beschlossen ward) und trotz seiner Zuneigung zu Lene folgt er den Ansprüchen seiner Kreise. Auch hier bleibt es wieder einigermaßen unbestimmt, wie Fontane tatsächlich eine solche Zweckheirat beurteilt: Einerseits leidet der Baron unter seiner verlorenen Liebe, andererseits gibt er (gegen Ende des Buches) einem Regimentskameraden den Rat, nicht aus seinem Kreise zu treten. Aber Glück verspricht beides nicht, man fügt sich gesellschaftlichen Forderungen und opfert einen Teil seiner selbst.
Dass diese Romane auch heute noch lesbar sind, liegt an dem herausragenden Schriftsteller Fontane: Denn das Thema selbst hat sich - großteils - denn doch erledigt (eine Stewardess als schwedische Königin wäre eben 100 Jahre früher nicht möglich gewesen). Ganz verschwunden sind Standesrücksichten natürlich nicht (und die gibt es in allen Schichten: So weiß ich von einem Bauern, der seine Tochter deshalb halbtot prügelte, weil sie sich in einen Arbeiter verliebte - und das ist noch keine 30 Jahre her). Fontane weist aber in seinen Figuren, in der Darstellung ihrer Gefühle, Eitelkeiten etc. weit über das Thema hinaus: Die Verliebtheit zwischen Lene und Botho hat etwas über die Zeit hinausreichend Gültiges (wenn ich hingegen an Kabbale und Liebe denke (ich weiß, Theater, eine noch andere Zeit ...), so glaube ich das Zeitlose in diesem Stück nicht zu finden - was aber auch an meiner Abneigung gegenüber Schiller zu tun haben mag), hat etwas Ewiges.
lg
orzifar
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Hallo!
"Unwiederbringlich" führt in ein aristokratisches Milieu (Schleswig-Holsteins) - und vielleicht ist dies der Grund, warum mir dieser Roman weniger gelungen erscheinen will als die letzten, eher dem Bürgerlichen verpflichteten (vielleicht aber auch macht es die Menge an Fontanescher Lektüre, die abstumpft und empfindlich macht). Hork, ein Graf aus dem (damals noch) dänischen Schleswig, lebt mit Christine in einer offenbar glücklichen Ehe, aus der auch zwei Kinder hervorgegangen sind (die aber im Verlauf des Romanes nur die Funktion von Stichwortgebern übernehmen). In den letzten Jahren waren jedoch dunkle Schatten aufgezogen: Der sanguinische, lebensfrohe Graf fühlt sich in der Gegenwart seiner immer mehr dem Glauben sich zuwendenden Gattin unwohl, ihr rigides Moralbewusstsein, ihre völlige Humorlosigkeit in religiösen Dingen entfremdet das Ehepaar einander. Hork wird zum Kammerdienst bei der Prinzessin nach Kopenhagen abberufen und lernt dort Ebba, eine Hofdame (mit jüdischen Wurzeln) kennen und später auch lieben (eine Liebe, die aber keineswegs auf Gegenseitigkeit beruht: Für Ebba ist Hork ein Spielzeug, ein Vergnügen, dass sie sich während des langweilenden Hofdienstes gönnt, wobei in ihrer Darstellung man das eine oder andere antisemitische Klischee erkennen kann - so man böswillig ist). Hork trennt sich von seiner Frau, wird von Ebba jedoch zurückgewiesen, ja lächerlich gemacht und verbringt einige Zeit auf Reisen, um schließlich wieder zur Gräfin (die ihn in Gnaden wieder aufnimmt) zurückzukehren. Dieses Glück ist aber nur von kurzer Dauer, Christine kann nicht wirklich verzeihen und sucht in ihrer zunehmenden Einsamkeit und Verzweiflung den Freitod.
Der lockere, plaudernde Stil anderer Romane, das geistreiche Gespräch, die Ironie kommen hier in nur gedämpfter Form zum Ausdruck. Den Hofszenen mangelt es an satirischer Schärfe, selbst der Hofmann Pentz, dem nichts heilig zu sein scheint, wirkt in seinem Zynismus ein wenig mühsam. Wirklich gelungen ist nur die Figur der selbstgefällig-bigotten Christine, die an ihren eigenen, strengen Maßstäben und Regeln erstickt, auch wenn der Selbstmord bei einer derart tiefgläubigen Frau wenig plausibel erscheint (vielleicht aber sollte das Ausmaß ihrer Verzweiflung durch diesen scheinbaren Widerspruch unterstrichen werden). Alles in allem haben die Figuren hier weniger Esprit, sind eine Spur einfacher und durchschaubarer konstruiert als in Fontanes anderen Romanen und haben - wenigstens mich - weniger in den Bann gezogen.
lg
orzifar
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Hallo!
Ellernklipp ist die Geschichte einer femme fatale wider Willen. Hilde wird als Waise vom verwitweten Heidereiter Baltzer Bocholt an Kindes Statt augenommen. Ihre Herkunft ist mythenumrankt: Allgemein gilt der jung im Krieg gestorbene Graf als ihr Vater, bis zum Tod ihrer Mutter wurde die Familie denn auch vom Schloss unterstützt. Hilde hat typisch aristokratische Attribute (bzw. das, was dafür galt oder Fontane dafür hielt): Ein ihr eigener Stolz, Selbstbewusstsein, Verträumtheit und praktische Unfähigkeit. Und sie entwickelt sich zu einer attraktiven, jungen Frau mit dem gewissen Etwas, einem Blick, der - wie die Haushälterin Grissel feststellt - sämtlichen Männer den Kopf verdreht. Und so verliebt sich sowohl ihr Ziehbruder als auch der Vater in die junge Frau und in einer Auseinandersetzung zwischen Vater und Sohn stürzt dieser von einer Felswand (Ellernklipp) in den Tod.
Dieser Tod bleibt zunächst unaufgeklärt, der Vater heiratet Hilde, aber über dieser Beziehung liegt kein Segen. Das kleine Kind kränkelt und der Heidereiter trägt immer schwerer an seiner Schuld und nimmt sich - von Spukgeschichten über unheimliche Stimmen auf Ellernklipp getrieben - das Leben. Diese einer Chronik nachempfundene Kriminalgeschichte wird für Fontane zum Anlass genommen, über das "Blut", die Vererbung zu räsonieren, stellt die spezifisch männlichen Charakterzüge des Besitzdenkens, der Eifersucht in Liebesdingen heraus und deren Macht, die ein vormals bürgerlich-braves Leben völlig vernichten. Dazu - wie häufig bei Fontane - einige mystische Einsprengsel: Ein seherischer Herrnhuter, übernatürliche Einsprengsel und Zeichen des herannahenden Unglücks. Nicht die faszinierendste Erzählung aus seinem Werk, aber sehr gut lesbar und mit der fast selbstverständlichen, fontaneschen Qualität der Zeichnung psychologischer Feinheiten.
lg
orzifar
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Hallo!
Unterm Birnbaum ist eigentlich ein klassischer Kriminalroman, dessen Handlung Fontane angeblich auch einer Chronik entnommen hat. Und es ist ein gelungener Krimi, einer, der in seiner psychologisch genauen Zeichnung der Landbevölkerung mit dem Glauser des 20. Jahrhunderts vergleichbar ist.
Der sich durch eigene Nachlässigkeit beständig in Geldnot befindliche Krämer und Gastwirt Hradschek beschließt jenen Reisenden zu ermorden, dem er eine erhebliche Summe Geldes schuldet. Das Ganze wird geschickt eingefädelt, falsche Spuren werden gelegt und entdeckt, sodass schließlich niemand (außer dem Dorfgendarm) an der Unschuld Hradscheks (und seiner Frau, die als Komplizin dient) zweifelt.
Aber das Ehepaar kommt trotzdem nicht wirklich zur Ruhe: Seine Frau stirbt schon bald an "psychischer Auszehrung"; sie, die zuvor alles zu tun bereit war, um der Armut zu entgehen, kann sich ihrem eigenen Gewissen nicht entziehen. Und Hradschek wird durch diverse Anspielungen seitens seiner als "Hexe" verschrieenen Nachbarin immer wieder in Unruhe versetzt, sodass er beschließt, sich der im Keller vergrabenen Leiche endgültig zu entledigen. Dabei kommt er jedoch selbst durch eine Nachlässigkeit zu Tode - und der Mord wird auf diese Weise entdeckt. (Natürlich steckt hinter diesem Tod auch das Motiv der Sühne bzw. der gerechten Vergeltung.)
Das Beste an diesem durchaus spannend geschriebenen Roman sind aber die Beschreibungen der sozialen Verwicklungen in diesem Dorf, wer sieht auf wen und mit welchem Grund herab, wem ist daran gelegen, einen anderen zu Fall kommen zu sehen, welche (psychologisch geschickten) Schachzüge lenken den Verdacht vom Ehepaar ab. Das alles ist hervorragend gemacht und würde diesem Roman in einer Anthologie großer Kriminalromane einen verdienstvollen Platz garantieren.
lg
orzifar