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Lektüren, Rezensionen => Gerade am Lesen ... => Topic started by: sandhofer on 22. März 2015, 19.05 Uhr

Title: Thomas Hobbes: Leviathan
Post by: sandhofer on 22. März 2015, 19.05 Uhr
Eine heute begonnene Zweitlektüre. Die erste ist über 30 Jahre her...

Der Leviathan beginnt erkenntnistheoretisch, mit einem Bekenntnis Hobbes' zum Empirismus. Descartes' Leib-Seele-Problem schneidet er schon in der Einleitung ab, indem er Leben als Bewegung von Gliedmassen definiert, die Seele also aussen vor lässt. (Was ihm hier so nebenbei gegen Descartes gewinnen lässt, wird ihm am Ende des Leviathan Probleme bereiten, wenn er die Kompatibilität seiner Lehre mit der christlichen nachzuweisen sucht, wenn ich mich recht erinnere.)
Title: Re: Thomas Hobbes: Leviathan
Post by: sandhofer on 26. März 2015, 16.01 Uhr
Homo homini lupus - es ist verblüffend, wie ruhig und geradezu nebenbei Hobbes diese Einsicht bringt. Im ersten Anlauf hatte ich sie glatt überlesen. (Nicht, dass er den Ausdruck so verwenden würde. Hat er tatsächlich ja nicht.)
Title: Re: Thomas Hobbes: Leviathan
Post by: sandhofer on 27. März 2015, 19.30 Uhr
Hobbes geht davon aus, dass die Mehrheit ihre jeweilige Herrschafts- bzw. Beherrschungs-Form wählt. Merkwürdigerweise sieht er aber nicht vor, dass diese Form geändert werden kann. Und jeder, der nachträglich in diesen Staat geboren wird, soll die Herrschaftsform übernehmen müssen, die seine Vorväter gewählt haben. Ist vor dem Hintergrund der Cromwell-Diktatur, unter der auch Hobbes zu leiden hatte, zwar verständlich - aber philosophisch etwas gar simpel gestrickt. Selbst für Hobbes' Zeiten...
Title: Re: Thomas Hobbes: Leviathan
Post by: sandhofer on 27. März 2015, 20.47 Uhr
Man muss Hobbes allerdings zu Gute halten, dass die Menschenrechte als primäres Rechtsgut erst ein paar Jahre nach ihm "erfunden" worden sind.
Title: Re: Thomas Hobbes: Leviathan
Post by: sandhofer on 31. März 2015, 19.33 Uhr
Es folgt eine Abhandlung über die Rechte der einzelnen Staatsteile. Hobbes hat, will mir scheinen, etwas Mühe, aus dem Zusammenschluss der Menschen mit dem Ziel, vor dem Mitmenschen geschützt zu werden, nun das Recht des Staates abzuleiten, einen seiner Bürger wegen Ungehorsam zu bestrafen.
Title: Re: Thomas Hobbes: Leviathan
Post by: sandhofer on 01. April 2015, 20.09 Uhr
Wobei Hobbes offenbar nur die gehorchenden Teile des Staates kennt und die befehlenden.
Title: Re: Thomas Hobbes: Leviathan
Post by: sandhofer on 10. April 2015, 21.48 Uhr
Eigentlich beschreibt Hobbes nicht den Staat, sondern eine Söldnerbande ...
Title: Re: Thomas Hobbes: Leviathan
Post by: orzifar on 11. April 2015, 04.34 Uhr
Hobbes beschreibt vor allem weniger Menschen als viel mehr theoretische, interagierende Materieteilchen: Der Blick auf den Staat ist der des Naturforschers. Und dieser Naturforscher bedient sich der Rationalität: Vernunft ist für ihn nicht viel anderes als bloßes Rechnen, als Addieren und Subtrahieren (ich glaube, dass das sogar irgendwo im Leviathan steht). Es sind also weniger "Söldnerhorden" oder Egoisten, sondern kausal aufeinander wirkende Entitäten. Das bedingt allein schon eine wenig "menschliche" Sichtweise.

lg

orzifar
Title: Re: Thomas Hobbes: Leviathan
Post by: sandhofer on 11. April 2015, 17.49 Uhr
Ja. Ich meinte nicht das Egoistische einer Söldnerhorde, sondern die interne Struktur. Ganz zuerst kommt die Frage "Was ist ein 'Commonwealth'?" Und da nimmt Hobbes den 'gemeinsamen Wohlstand' recht wörtlich. Der Schutz vor dem bösartigen Anderen durch Zusammenschluss setzt den Staat strukturell mit der Söldnerbande auf die gleiche Stufe. Oder vielleicht ist der Vergleich mit irgendeiner mafiösen Struktur besser. Wenn ich als Autor davon ausgehe, dass jeder Mensch dem andern schaden will, ist es natürlich logisch, wenn der Schutz vor dem andern, der Staat, in seiner Struktur der Mafia ähnelt. Dann bietet die Bande mit dem Capo Schutz vor anderen (Banden). Ich unterstelle mich diesem Capo freiwillig, aber wenn ich mich einmal unterstellt habe, gibt es kein Zurück mehr. Ich darf mich nicht mehr ausklinken, ich darf schon gar nicht den Capo wechseln. Und interne Rebellion gegen den Capo ist die höchste Sünde, die die Organisation kennt.
Title: Re: Thomas Hobbes: Leviathan
Post by: sandhofer on 12. April 2015, 06.42 Uhr
Sodele. Hobbes ist nun auch im Blog abgelegt: http://blog.litteratur.ch/WordPress/?p=6231