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Lektüren, Rezensionen => Klassische Literatur => Topic started by: mombour on 14. Juli 2009, 18.43 Uhr

Title: Joseph Roth: Hiob
Post by: mombour on 14. Juli 2009, 18.43 Uhr
Hallo,

Joseph Roths Roman „Hiob“ erzählt die Leidensgeschichte Mendel Singers, eines orthodoxen Ostjuden. In den beiden ersten Absätzen des Romans, erfahren wir, wie damals vor dem ersten Weltkrieg Ostjuden gekleidet, wie sie ausgesehen haben: Der Mund vom Bart verdeckt, auf dem Kopf eine schwarze Mütze, hohe Lederstiefel, ein landesüblicher jüdischer Kaftan, die traditionelle Kleidung von Ostjuden. Mendel Singer wird als konventioneller Ostjude beschrieben, der durch nichts besonderes herausragt, „den schlichten Beruf eines Lehrers“ ausübt, den Kindern des Ortes die Kenntnis der Bibel (die Thora) lehrt. „Unbedeutend wie sein Wesen war sein blasses Gesicht“. Er ist gottergeben und stellt sich seinem Schicksal.

„..die Armen sind ohnmächtig, Gott wirft keine goldenen Steine vom Himmel, in der Lotterie gewinnen sie nicht, und ihr Los müssen sie in Ergebenheit tragen....Gegen den Willen des Himmels gibt es keine Gewalt. > Von ihm donnert es und blitzt es, er wölbt sich über die ganze Erde, vor ihm kann man nicht davonlaufen< - so steht es geschrieben.“ Diese Einsicht Mendels führt zu Spannungen mit seiner Frau Deborah. Sie wirft ihm vor, immer die falschen Sätze auswendig zu wissen, denn „der Mensch muss sich zu helfen suchen, und Gott wird ihm helfen,“ so stehe es geschrieben. Diese Auseinandersetzung mag aufzeigen, dass das Judentum eine Buchreligion ist, die heiligen Texte ausgelegt werden müssen. Da kann es schon zu Differenzen kommen.

Deborah ist anders gestrickt als Mendel. Sie ergibt sich nicht einfach dem Schicksal, sondern geht zu einem Wunderrabbi. Sie glaubt an die Prophezeiung, das ihr schwerkranker Sohn Menuchim, einmal gesund sein wird (solch eine Wundergläubigkeit wird dem Chassidismus zugerechnet):

„Menuchim, Mendels Sohn, wird gesund werden. Seinesgleichen wird es nicht viele geben in Israel. Der Schmerz wird ihn weise machen, die Häßlichkeit gütig, die Bitterkeit milde und die Krankheit stark. Seine Augen werden weit sein und tief, seine Ohren hell und voll Wiederhall. Sein Mund wird schweigen, aber wenn er die Lippen auftun wird, werden sie gutes künden.“


Mendel hat seinen Glauben verloren, er ist verbittert über die Schicksalsschläge in seiner Familie, in Amerika will er Gott verbrennen. Aber, und darauf kommt es an, Mendel wird geläutert, als er das Wunder von Menuchims Heilung erkennt. Von diesen innerlichen Wandlungen handelt der Roman.

Über Menuchim heißt es, er habe

„die ganze Anzahl menschlicher Qualen auf sich genommen, die sonst vielleicht eine gütige Natur sachte auf alle Mitglieder verteilt hätte.“

Unter normalen Umständen wäre Menuchim niemals gesund geworden, so krank war er. So haben wir es hier wirklich mit einem Wunder zu tun, und der Roman schwappt ins legendär-religiöse. Dass er alle Qualen auf sich geladen zu haben scheint, verknüpft ihn sogar mit der Gestalt Jesus Christus.

Der Roman erzählt auch vom Schicksal des jüdischen Volkes, das Leben in der Diaspora, bzw. auch von jüdischer Abtrünnigkeit. So habe ich mich gewundert, warum Jonas bei den Kosaken im Militär dient. Von einem Juden hätte ich das nie erwartet, denn die Kosaken waren seit langem antisemitisch und haben u.a. um 1900, also vor dem ersten Weltkrieg, Progrome an den jüdischen Volk verübt. Viele Juden sind damals schon aus dem polnisch-russischen Grenzgebiet geflohen (vgl. Henry W. Katz: "Die Fischmanns"). Seit Mitte des 17. Jahrhunderts wurden schon polnische Juden von griechisch-orthodoxen Kosaken umgebracht (historisches Stichwort: "ukrainisches Gemetze" von 1648/49; vgl. auch Isaac Bashevis Singer: "Jakob der Knecht"). Jonas assimiliert mit den Kosaken. Aus dem Juden Schemarjah wurde in den USA der Geschäftsmann Sam. Mirjam, die Nymphomanin, die auch mit Kosaken zusammen ist und als ein Grund für Mendels Gang nach Amerika dient (dort kann sie es nicht mehr mit den Kosaken treiben), ihr sexuelles Verhalten also geht konträr jüdischer Moralvorstellungen. So muss man schließlich erkennen, das im "Hiob" doch einiges über die Zerissenheit der Juden in der Welt zu lesen ist. Und dann, ausgerechnet in der neuen Welt taucht Menuchim, dieser einzigartige Mensch, auf. Vielleicht wollte Joseph Roth mit dem auftauchen Menuchims die Sehnsucht aufzeigen, dass in der Diaspora ihre Religion nicht Verschutt geht. Auch in der Ferne, in New York, ist jüdisches Leben möglich.

Der Roman erweist sich als tiefreligiöser jüdischer Roman. Wer für solche Themen offen ist, für den ist der Roman sicher was. Interessant wäre zu wissen, was Atheisten zu diesem Roman sagen würden. Das Wunder von Menuchims Heilung wirkt doch recht seltsam auf mich.

Liebe Grüße
mombour
Title: Re:Joseph Roth: Hiob
Post by: sandhofer on 14. Juli 2009, 18.55 Uhr
Der Roman erweist sich als tiefreligiöser jüdischer Roman.

Ist er das? Ich muss Hiob vor Jahren, nein Jahrzehnten, gelesen haben. An diesen Aspekt kann ich mich allerdings nicht erinnern. Ich müsste also wohl mal wieder hineinlesen. Aber Roth ist zur Zeit kometenweit von meinen Lesebahnen entfernt.
Title: Re:Joseph Roth: Hiob
Post by: orzifar on 14. Juli 2009, 19.01 Uhr
Hallo!

In Aufzeichnungen gekramt hab (ich hab mich von mombours Atheisten-Hinweis angesprochen gefühlt :

"Vor Jahren hab ich Roths Hiob unrecht getan, indem ich ihm die entsprechende Aufmerksamkeit versagte, das Buch las als eines unter vielen. Doch das Schicksal des Ostjuden Mendel Singer ist mehr denn bloße Unterhaltung, es ist ein ungeheuer stimmiges, beeindruckendes Kunstwerk über eine untergegangene Welt, es zeichnet einen feinfühligen, sensiblen Charakter, gottergeben und dennoch fast ein Weltweiser im Umgang mit seinem Schicksal. Ungleich sympathischer ist Mendel als der Protagonist des gleichnamigen alttestamentarischen Buches, er ist wirklich, menschlich, er ist vielleicht beispielhaft.

Die biblische Erzählung war mir zeitlebens ein Gräuel - und wenn Nietzsche davon spricht, dass man das Neue Testament unbeschadet nur mit Handschuhen angetan lesen könne, so trifft das umso mehr auf das Buch Hiob zu. Ein ergebener, gehorsamer Untertan, devot und unterwürfig, der sich seinem Schicksal ergibt; ein herrischer, eitel-selbstgefälliger Gott, der zum Beweis seiner Machtvollkommenheit Tod und Verderben verbreitet, ungerecht und dumm. Für jedweden Glauben braucht es beide Teile - den vorgestellten Allmächtigen, dessen Ratschluss dem Menschen immer verborgen bleibt - und den braven Pflichterfüller, hinnehmend und duckmäuserisch, aber stets bereit, seinen Herrn mit Zähnen und Klauen zu verteidigen. In Parenthese, weil die Dummheit grad wieder fröhliche Urständ feiert: So fackelt man in den USA Kinos ab, weil dort in einem Film Jesus ein Verhältnis mit Maria Magdalena unterstellt wird oder stürmt die dänische Botschaft, weil man dem Propheten mehr Aufmerksamkeit und zeichnerisches Talent zollt als ihm gebührt. Was sind das nur für armselige Gottheiten, welche auf den Schutz und die Nachfolge derart einfältiger Zweibeiner angewiesen sind.

Mendel Singer aber ist Mensch, er wird es durch das erzählerische Talent Roths, er erfährt Schicksalsschläge - nicht von alttestamentarischem Ausmaße - sondern die Ungerechtigkeit und Traurigkeit im Leben eines Benachteiligten. Und er versteht es damit umzugehen, damit zu leben, bis auch für ihn das Maß voll ist: Und er seinem Gotte die Gefolgschaft aufkündigt und keinerlei Versuche mehr gelten lässt, dieses sein Schicksal als ein höheres, sinnvolles zu begreifen. Auch wenn ihn das Glück am Ende des Buches wieder mit seinem Gott versöhnt und er seinem Unglauben abschwört, so ist er doch kein bloß religiös verwendbares Paradigma, kein Loblied wird auf Demut und Untertänigkeit gesungen. Sondern sein Leiden beschrieben, sein Denken, sein langsames Altwerden in einer ihm fremder werdenden Welt, mit der er sich schließlich doch wieder versöhnt, weil sie eben nicht nur schlecht ist. "

Ich habe den Roman nicht als "tiefreligiös" in Erinnerung (wie das bei Roth mit der Religion ohnehin eine zwiespältig Geschichte war). Er benutzt den Bibelstoff in gar nicht so unterschiedlicher Form wie etwa Thomas Mann das Buch Genesis, auch wenn die wundersame Rettung am Schluss (ich mag derlei nicht besonders, ob religiös-biblisch oder irdisch-naturwissenschaftlich motiviert). Davon abgesehen ein wunderbares Buch, der hadernde Mendel, die Darstellung des Ostjudentums (wie immer bei Roth) höchst eindrucksvoll.

Über Roth ist eine neue Biographie erschienen von W. von Sternburg. Da es bisher kaum Lesbares gab (oder nur sehr kurze Darstellungen) ist das ein Vorhaben für die nächste Zeit.

Liebe Grüße

orzifar
Title: Re:Joseph Roth: Hiob
Post by: mombour on 14. Juli 2009, 19.29 Uhr
Der Roman erweist sich als tiefreligiöser jüdischer Roman.

Ist er das?

Zumindest doch teilweise. Es scheint, das Menuchim dafür steht, das er das Leid der Juden aufgenommen hat, ähnlich wie Christus, der das Leid der Welt auf sich genommen hat, Menuchim außerdem in Amerika wie ein Hoffnungsträger (=Messias) erscheint.

Liebe Grüße
mombour