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Lektüren, Rezensionen => Gerade am Lesen ... => Topic started by: sandhofer on 22. Mai 2014, 20.46 Uhr
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Fantasy? Coming-of-Age-Roman? Jedenfalls mal wieder ein Fantasy-Autor, der in seinem Vorwort John Milton und Heinrich von Kleist zitiert ... Schon in den ersten Kapiteln subtile Anspielungen auf Narnia: Die Heldin, die sich im Kleiderschrank versteckt.
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Ein Roman, in der eine Zehnjährige die Hauptrolle spielt, wird automatisch als Kinder- oder Jugendbuch abgestempelt. Allerdings sind dafür die Rollen zu undurchsichtig: Wer ist der Gute, wer ist der Böse? (Bzw.: Wer ist die Gute und wer ist die Böse?) Auch Anspielungen auf die "Häresie" des Zoroastrismus sind wohl nicht für Kinder gedacht. Spannend und intelligent, so far.
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Je länger desto mehr vermute ich sogar, dass der Autor bewusst eine Zehnjährige agieren lässt, um aufzuzeigen, wie unreif unsere Entscheidungen letztlich sind, wenn's um Fragen von Gut und Böse - also um die Moral - geht. Das Mädel schwankt in ihren Beurteilungen der Erwachsenen beträchtlich.
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Es gibt eine Weissagung, dass Lyra die Welt verändern wird. Eine Art Messias also (gibt es eine weibliche Form von "Messias"?). Das Ganze ist spannend und intelligent gemacht. Seitenhiebe gegen die Kirche, die den Staub als das personifizierte Böse ansieht und ihn bekämpfen will, anstatt die Chance zu nutzen und neue Ein- und Ansichten zu gewinnen...
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Alles in allem ist Band 1 ein interessanter Mix aus Fantasy und kirchenfeindlicher Einstellung - ein Gegenpol zum betont christlichen C. S. Lewis aber auch zum Dissidenten MacDonald (den ich Lewis vorziehe). Mervyn Peake ist besser, wenn es um seltsame Charaktere oder seltsame Orte geht, aber Pullmann beschreibt Zweikämpfe besser. Und Pullman ist der mit einer Botschaft - der nämlich, dass Milton Unrecht hatte, wenn er in Paradise Lost Luzifer verlieren lässt.
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Dissenter, um Himmels Willen - nicht Dissident!
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Northern Lights nun auch im Blog. (http://blog.litteratur.ch/WordPress/?p=5543)
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Band 2: Der klassische Sprung zu einem andern Protagonisten. Will. Auch ein Kind. 12 Jahre alt. Weiss aber auch schon genau, was er will. So, wenn er seine Mutter bei seiner ehemaligen Klavierlehrerin unterbringt, weil er Wichtiges zu erledigen hat, und die Mutter offenbar nur - wie man in meiner Jugend sagte - halb-gebacken ist.
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Hallo,
du machst mich neugierig. Aber das ist ja einer der Hauptzwecke eines Forums. Nur wann soll ich das alles lesen??
lg
orzifar
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Wobei ich gerade ein wenig zögere. Ich habe zugegeben erst das erste Kapitel und ein wenig vom zweiten des zweiten Bands gelesen. Aber ich hab' schon und gerade den Eindruck, dass auch His Dark Materials unter dem Fluch der Trilogien leidet. Will sagen: Der mittlere Band ist der, auf den ich am meisten verzichten könnte.
@orzifar: Wann Du das lesen sollst? Nun ja - vielleicht in der Zeit, die Du für Kehl reserviert hattest. Besser als Kehl ist Pullman allemal ... >:D
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Das dritte Kapitel, wo wir wieder in Lyras ursprünglicher Welt sind, ist dann wieder besser. Die Geschichte nimmt Fahrt auf, wird spannend. Wir erfahren auch aus dem Mund des langjährigen "Man-Servant" von Lord Asriel (Lyras Vater), dass dieser offenbar Luzifers Revolte wiederholen und Gott endgültig töten will.
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Wobei ich mich immer noch frage, was ich von den seltsamen Dæmonen halten soll, die die intelligenten Lebewesen in Lyras Welt obligatorisch begleiten. Ansonsten: Sobald die Geschichte zu Lyra und Will switcht, wird es zäh. Die beiden haben einander mittlerweile gefunden und haben gerade in Wills Welt, Wills Oxford, gewechselt, wo Lyra als erstes fast von einem Auto überfahren wird, weil in ihrer Welt kein so wilder Strassenverkehr herrscht.
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Übrigens bin ich mir nicht so sicher, ob das Etikett "Fantasy" es wirklich trifft. Es gibt zwar seltsame Wesen in der Trilogie, aber im Grunde genommen nicht Phantastisches im Sinne von Übernatürlichem. Alles ist der Physik der jeweiligen Welt angemessen, so, dass "Science Fiction" ein genau so korrektes Label wäre. "Echte" Physik spielt eine nicht kleine Rolle in diesen Romanen.
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Band 2, The Subtle Knife, fertig. Mich mal wieder über einen deutschen Titel geärgert - "magisch" ist das Messer nicht. Nur eine Physik, die in unserer wirklichen Welt nicht so funktioniert. Im Grossen und Ganzen ist aber The Subtle Knife nur ein "strategisches" Buch, wie so viele zweite Teile von Trilogien: Der Autor stellt seine Figuren auf für den Endkampf. Wir erfahren das ein oder das andere vom ganzen theologischen Hintergrund, aber meist finden nur Kämpfe und Auseinandersetzungen statt zwischen Will und Lyra auf der einen Seite und irgendwelchen Opponenten auf der andern. Wenn die Opponenten einmal besiegt sind, spielen sie keine grosse Rolle mehr. Jedenfalls bis jetzt.
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Band 2, The Subtle Knife, fertig.
Und im Blog: http://blog.litteratur.ch/WordPress/?p=5571
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Mir ging es ähnlich wie dir. Auch ich halte den 2. Band für den schwächsten der Trilogie. Dieses ewige Rumgehüpfe zwischen den verschiedenen Welten hat mich enorm angeödet. Den 3. Band fand ich wieder bei weitem gehaltvoller und emotional packender.
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Na ja, das mit den Welten wäre mir noch egal. Aber in vielem musste ich mir sagen: Man merkt die Absicht und man ist verstimmt. Scoresby und John Parry sterben. Warum? Entweder, weil sie nicht mehr gebraucht werden und dem Autor nix Besseres eingefallen ist, um sie aus der Geschichte zu kriegen, oder, weil der Autor sie noch braucht - so, wie Obi Wan Kenobi in Star Wars auch noch (bzw. erst recht jetzt) als Toter ins Geschehen eingreift - mit Fähigkeiten, die halt nur ein Toter haben kann. Auch die ganze komplizierte Art und Weise, sich Mary Malones zu versichern - der Autor braucht sie ganz offensichtlich, und er hätte sie rascher ins Bild bringen können. Aber er wollte eindeutig Zeilen schinden...
PS & Nachträglich: Herzlich willkommen hier!
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Auch wenn jetzt Engel vorkommen, der Beginn von Band 3 ist nicht mehr als ein Fantasy-Abenteuerroman. Denn die Engel benehmen sich nicht anders als z.B. Tolkiens Elben in Mittelerde. M.a.W.: menschlich... Von Milton auf den ersten 20 Seiten oder so keine Spur...
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Kurz danach kommt dann die Sache mit Lyra = Eva und dem zu erwartenden Sündenfall wieder. Und eine ziemlich zynische Darstellung des HErrn, der keineswegs der Schöpfer der Welt(en) ist, sondern auch nur ein Engel, der sich die höchste Gewalt angemasst hat, sich jetzt aber langsam in die Meditation zurückzieht und einen Chefengel, der früher einmal ein Mensch war, "regieren" lässt.
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Hallo!
Ich habe die drei Bände nun gekauft (werde sie aber erst im Juli erhalten, bis dorthin also noch Kehlmann lesen ;)). Mal sehen ...
lg
orzifar
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Dann bin ich mal gespannt. Nachdem der erste Band für mich einen guten Mittelweg zwischen "Fantasy" und "Ideologie" gehalten hat, der zweite dann nur noch (und teilweise sogar ziemlich mühsame) "Fantasy" war, scheint mir der dritte Teil auf den ersten 20 Seiten "Fantasy" zu sein, dann aber holt der Autor die im zweiten Band vergessen gegangene "Ideologie" nach. Alles wird nun bedeutungsschwanger.
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Es wird dann wieder besser. Ich weiss noch nicht, ob Band 3 und ob die ganze Trilogie wirklich "gut" ist, aber sie scheint mir jedenfalls weit über dem zu stehen, was da so als "Fantasy" verkauft wird. (Was zur Folge hat, dass zum Beispiel im Forum von Literaturschock.de die negativen Kritiken zu Band 3 überwiegen. Man (bzw. meistens frau) hat offenbar anderes erwartet und macht nun dem Autor die Komplexität der Geschichte zum Vorwurf. Dabei ist sie gar nicht soooo komplex...)
Nun, die Sünde, die Eva-Lyra begehen soll, konkretisiert sich; die Schlange ist auch schon auf dem Weg. Wir treffen alte Bekannte aus Band 1 wieder. Will und Lyra sind unterwegs im Land der Toten.
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Pullman erreicht beim Show-Down die Sprachgewalt Miltons nicht. Ganz und gar nicht. Es ist gelehrte Fantasy, wenn man so will. Professoren-Literatur, aber von der besseren Sorte.
Allerdings: Die atmosphärische Dichte, die er bei der Beschreibung von Lyras Oxford erreichte, ist ihm in den folgenden Bänden nirgends mehr gelungen. Die University of Oxford kannte der Herr Professor wohl auch am besten.
Aber - vorläufiges Fazit: Ich habe schon Schlimmeres gelesen. Pullman soll das Buch als Anti-Test zu Lewis' Narnia geschrieben haben. Es ist in etwa von derselben Qualität. Nur gewinnt hier der Intellekt und nicht der Glaube.
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Auch das Ende, die "Moral von der Geschicht", ist im Grunde genommen dann wieder protestantisch-bieder. Obwohl Pullman gerade keine prostestantisch-biedere Moral propagieren möchte.
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Ich bin mir immer noch nicht ganz sicher, was ich von Pullman halten soll. Im Grossen und Ganzen habe ich ihn gern gelesen und fand ihn gut, aber gewisse Teile fallen halt dann doch ab. Mein Blog-Eintrag =>hier<=. (http://blog.litteratur.ch/WordPress/?p=5605)
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Ach ja ... ich sehe gerade: Im Blog ist's richtig; hier hat der "Philip" ein "l" zu viel ... :-\
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Hallo!
Ich habe die Trilogie nun auch beendet. Das liest sich flott und angenehm, hat mich allerdings durch die etwas platte, vorhersehbare Moral am Ende der Geschichte verstört. Ob ich mir im Wissen um den Inhalt die 1500 Seiten noch mal antun würde - weiß nicht. In einem kann ich dir (und F. Duwald) so nicht zustimmen: Ich fand den zweiten Teil nicht schlechter als die übrigen - im Gegenteil: Mir gefiel der dritte am wenigsten: Die Nekyia von Lyra nebst Gefolge schien mir sehr viel stärker konstruiert (weil der Autor ihrer einfach bedurfte) als etwa die Einführung Dr. Malones. Aber über allem schwebt das für mich ungenügende Ende: Sobald sich Lyra und Will händchenhaltend ins Gebüsch verdrücken, bleibt der "Staub" in der Welt erhalten (dass dann noch alle "Fenster" geschlossen werden müssen und damit die Liebe geopfert wird, wirkt auf mich wie eine Plausibilitätserklärung a posteriori).
Was deine Schachmetaphern im Blog betrifft: Die meisten sind sich darüber einig, dass das Mittelspiel mit seinen taktischen Möglichkeiten der interessanteste Part ist. (Allerdings ist das Endspiel bzw. die Überleitung in dasselbe im Schach das Wichtigste - und nicht etwa Eröffnungskünste oder Kombinationsgabe, wie von vielen vermutet. Wobei letztere natürlich auch nicht schaden.)
lg
orzifar
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Aber über allem schwebt das für mich ungenügende Ende: Sobald sich Lyra und Will händchenhaltend ins Gebüsch verdrücken, bleibt der "Staub" in der Welt erhalten (dass dann noch alle "Fenster" geschlossen werden müssen und damit die Liebe geopfert wird, wirkt auf mich wie eine Plausibilitätserklärung a posteriori).
Deiner Rüge am Ende der Trilogie kann ich schon zustimmen. Irgendwie scheint Pullman der Mut verlassen zu haben...
Was deine Schachmetaphern im Blog betrifft: Die meisten sind sich darüber einig, dass das Mittelspiel mit seinen taktischen Möglichkeiten der interessanteste Part ist.
Ich bin, wie gesagt, kein Schachspieler. Du hast - vom Standpunkt eines Spielers - zweifellos recht. Wenn ich mich genauer ausdrücken soll, war mir wohl vor allem die Tatsache ein Dorn im Auge, dass Pullmans Züge für den Kenner (der in der Literatur zu sein, wenigstens in einem gewissen Grad, ich mir schmeichle) ... dass für den Kenner also die Aufstellung der Figuren fürs Endspiel zu durchsichtig war. Dann lieber gar kein Endspiel.
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Oh, sehr schön, dass du die Trilogie rezensiert hast! Klingt ja soweit, so gut, denn ich hatte schon länger vor, selbige zu lesen. Die verfilmungen fand ich nämlich sehr schön. Bin gespannt, ob sie den büchern gerecht geworden sind.
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Die verfilmungen fand ich nämlich sehr schön. Bin gespannt, ob sie den büchern gerecht geworden sind.
Ich wusste nicht einmal, dass His Dark Materials verfilmt wurde ... :)