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Lektüren, Rezensionen => Klassische Literatur => Topic started by: BigBen on 24. Juni 2013, 13.02 Uhr

Title: Teresa de la Parra "Tagebuch einer jungen Dame, die sich langweilt”
Post by: BigBen on 24. Juni 2013, 13.02 Uhr
Teresa de la Parra ist die erste venezolanische Autorin, die ich gelesen habe. Es ist auch kein Wunder, daß ich bisher nichts über sie gehört oder gelesen habe, da es doch nicht einmal einen deutschsprachigen Wikipedia Eintrag über sie gibt. In der Werbung des Manesse Verlages bin ich über ihren Roman “Tagebuch einer jungen Dame, die sich langweilt” gestolpert. Der Titel hat mich aufhorchen lassen. Mehr als 700 Seiten über Langeweile? Das wollte ich näher erkunden.

Die ersten ca. 50 Seiten habe ich mich auch ein wenig gelangweilt. Aber da ich nicht so schnell aufgebe, las ich weiter. Und es hat sich gelohnt. De la Parra zeigt uns die Welt einer jungen Frau, die nach dem Tod ihres Vaters über Paris nach Caracas zu ihrer Familie zurückkehrt. Und die Langeweile ist es überhaupt erst, die dazu führt, dass die Protagonistin María Eugena Alonso sich äußert. Wie de la Parra das angelegt hat, ist sehr elegant. In einem Brief an eine Freundin wird alles bis zum Zeitpunkt, an dem die Handlung einsetzt, erläutert, und das weitere Geschehen erschließt sich dem Leser dann als Tagebuchaufzeichnungen.

María Eugenia ist eine junge, gebildete Frau mit allen Vorurteilen, Flausen und Unausgewogenheiten, die ihre Herkunft und Jugend zu bieten haben. Zu Beginn rebelliert sie gegen Großmutter und Tante. Einige Tiraden sind stark feministisch und sozialkritisch gefärbt (was auch den Reiz des Buches ausmacht, wenn man den Zeitpunkt und die Umstände der Entstehung berücksichtigt). Doch nachdem eine arrangierte Beziehung  zu einem modernen jungen Mann von María Eugenias Familie systematisch torpediert wurde, ergibt sie sich Schritt für Schritt in das für eine Frau ihrer Herkunft vorgesehene Schicksal. Auch wenn sie immer mal wieder versucht aufzubegehren, ist sie es am Ende selbst, die sich aufgibt, und sich ihrem Schicksal (die Heirat mit einem machistischem, arroganten, gebieterischem und vor allem ungeliebten Mann) ergibt.

Die gelangweilte junge Dame hat sicherlich viele Leidensgenossinnen in der europäischen Literatur. Was den Reiz dieses Buches ausmacht, ist die fremde Kultur voller bekannter, einer Frau unheilbringender Konventionen und der Mut der Autorin, diese in ihrer Zeit zu Papier gebracht zu haben.
Title: Re: Teresa de la Parra "Tagebuch einer jungen Dame, die sich langweilt”
Post by: sandhofer on 24. Juni 2013, 20.53 Uhr
Du machst mir beinahe Lust. Südamerika ist bei mir fast Auto-Buy. Aber Venezuela zu Beginn des 20. Jahrhunderts liegt im Moment zu weit von meinem Weg. (Griechische Antike und deutsches Ende des 18. Jahrhunderts.)
Title: Re: Teresa de la Parra "Tagebuch einer jungen Dame, die sich langweilt”
Post by: BigBen on 25. Juni 2013, 08.07 Uhr
Die gelangweilte Dame kann sicherlich warten, bis Du mal in der Nähe bist.  ;D
Title: Re: Teresa de la Parra "Tagebuch einer jungen Dame, die sich langweilt”
Post by: sandhofer on 25. Juni 2013, 13.12 Uhr
Könnte eine Weile dauern. Da stehen noch ein paar Horen, ca. 30 Bände Wieland, ein Lichtenberg, ein Merck, ein Benecke, sieben Baudelaire, vier Zeller, zwei Gomperze und sonst noch Kleinkram im Weg ...
Title: Re: Teresa de la Parra "Tagebuch einer jungen Dame, die sich langweilt”
Post by: orzifar on 26. Juni 2013, 00.13 Uhr
Und die Frankfurter Buchmesse hat heuer Brasilien im Focus. Das könnte dir als portugiesisch-affinen Leser doch auch einiges an Zeichen-Input bescheren.

lg

orzifar
Title: Re: Teresa de la Parra "Tagebuch einer jungen Dame, die sich langweilt”
Post by: sandhofer on 26. Juni 2013, 20.22 Uhr
Weiss nicht. Die werden wohl vor allem C... pushen ...  >:D
Title: Re: Teresa de la Parra "Tagebuch einer jungen Dame, die sich langweilt”
Post by: sandhofer on 30. September 2013, 20.44 Uhr
Und die Frankfurter Buchmesse hat heuer Brasilien im Focus. Das könnte dir als portugiesisch-affinen Leser doch auch einiges an Zeichen-Input bescheren.

Hab mir jetzt mal einen Brasilianer bestellt: Marçal Aquino.
Title: Re: Teresa de la Parra "Tagebuch einer jungen Dame, die sich langweilt”
Post by: orzifar on 30. September 2013, 23.20 Uhr
Und die Frankfurter Buchmesse hat heuer Brasilien im Focus. Das könnte dir als portugiesisch-affinen Leser doch auch einiges an Zeichen-Input bescheren.
Hab mir jetzt mal einen Brasilianer bestellt: Marçal Aquino.

Ich habe hier schon länger einen ungelesenen Brasilianer stehen: Ignácio de Loyola Brandao: Kein Land wie dieses. Aufzeichnungen aus der Zukunft. Eine Utopie/Dystopie?? - die Inhaltsangabe klang einigermaßen vielversprechend.

lg

orzifar
Title: Re: Teresa de la Parra "Tagebuch einer jungen Dame, die sich langweilt”
Post by: sandhofer on 01. Oktober 2013, 21.06 Uhr
Ich habe hier schon länger einen ungelesenen Brasilianer stehen: Ignácio de Loyola Brandao: Kein Land wie dieses. Aufzeichnungen aus der Zukunft. Eine Utopie/Dystopie?? - die Inhaltsangabe klang einigermaßen vielversprechend.

Ein Paulista. Loyola Brandãos Thema ist die Grossstadt, um genauer zu sein São Paulo. Modernstes Grossstadtleben neben Favelas und Analphabetismus. Auch einer, der es verdient hätte, anstelle jenes Unsäglichen internationale Berühmtheit zu erlangen.
Title: Re: Teresa de la Parra "Tagebuch einer jungen Dame, die sich langweilt”
Post by: sandhofer on 04. Oktober 2013, 19.23 Uhr
Hab mir jetzt mal einen Brasilianer bestellt: Marçal Aquino.

Ist da. Und ich muss mich sehr zusammenreissen, den jetzt nicht auch noch anzufangen...
Title: Re: Teresa de la Parra "Tagebuch einer jungen Dame, die sich langweilt”
Post by: sandhofer on 05. Oktober 2013, 21.03 Uhr
Weiss nicht. Die werden wohl vor allem C... pushen ...  >:D

Habe gerade gelesen, dass er gar nicht an die Buchmesse geht. Vielleicht gibt's dann doch noch Platz für den einen oder andern wirklich interessanten Brasilianer...  :angel:
Title: Re: Teresa de la Parra "Tagebuch einer jungen Dame, die sich langweilt”
Post by: sandhofer on 15. Oktober 2013, 10.48 Uhr
Hallo!

Und die Frankfurter Buchmesse hat heuer Brasilien im Focus. Das könnte dir als portugiesisch-affinen Leser doch auch einiges an Zeichen-Input bescheren.

Nur nebenbei, und um meiner diesbezüglichen Verwunderung Ausdruck zu geben: Ich habe dieses Jahr vom Gastland und seinen Autoren praktisch nichts gehört. Im Gegensatz zu China im letzten Jahr. Schade, aber symptomatisch für die Art und Weise, wie im deutschen Sprachraum Südamerika generell und Brasilien im Besonderen vernachlässigt werden. Aktuell sind dort keine grossen politischen Schlagzeilen zu machen - ergo interessiert es die Presse nicht, dass sich dort viele (und viele sehr gute) Autoren und Autorinnen tummeln. Von ein paar Weltstars abgesehen wie Vargas Llosa oder C... ist die ganze dortige Szene für das hiesige Feuilleton de facto inexistent.
Title: Re: Teresa de la Parra "Tagebuch einer jungen Dame, die sich langweilt”
Post by: BigBen on 15. Oktober 2013, 11.02 Uhr
Ich habe dieses Jahr vom Gastland und seinen Autoren praktisch nichts gehört.

Ich habe im schweizer Radio gehört, daß mehr Politiker als Autoren des Gastlandes zu sehen waren. Und die Politiker sich recht pfauenmäßig aufgeführt haben sollen.
Title: Re: Teresa de la Parra "Tagebuch einer jungen Dame, die sich langweilt”
Post by: sandhofer on 15. Oktober 2013, 11.57 Uhr
Politiker sind so.

Brasilianer sind so.

Brasilianische Politiker ...  :teufel: