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Gemeinsam Lesen => Leserunden => Topic started by: sandhofer on 05. Januar 2013, 15.19 Uhr

Title: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 05. Januar 2013, 15.19 Uhr
Hallo zusammen!

Hier der vorsprochene Thread zu unserer Langzeitleserunde. Leider sind die modernen Medien nicht für die überlangen Titel der Vergangenheit eingerichtet, nicht alle jedenfalls. So musste ich im Titel hier abkürzen, was im Original ungekürzt steht:
Die Horen

eine Monatsschrift,
von einer Gesellschaft verfaßt
und herausgegeben
von
Schiller.

1795 gegründet, 1797 eingestellt. Ideelle wie ökonomische Gründe führten Schiller dazu, sein Glück mit der Herausgabe einer Zeitschrift zu versuchen. Die bekanntesten Köpfe Deutschlands sollten daran teilnehmen. Ich weiss nicht, inwieweit Schiller den Erfolg der Zeitschrift gleich wieder torpedierte, als er beschloss, dass alle Artikel anonym erscheinen sollten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Publikum oder Autoren damit so ganz glücklich sein konnten.

Grüsse

sandhofer
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 05. Januar 2013, 16.13 Uhr
Ich weiss nicht, inwieweit Schiller den Erfolg der Zeitschrift gleich wieder torpedierte, als er beschloss, dass alle Artikel anonym erscheinen sollten.

Auch die Ankündigung, jeden Beitrag einer "redaktionellen Kontrolle" zu unterziehen, dürfte dem einen oder anderen nicht geschmeckt haben.* Mir ist nicht klar, warum Schiller nach dem Thalia-Scheitern noch einen Versuch unternahm, als Herausgeber zu brillieren. Meine These diesbezüglich: Wieland hatte 1789 seinen Teutschen Merkur eingestellt, was evtl. die Hoffnung nährte, mit den Horen ein vermutetes Vakuum füllen zu können. So jedenfalls könnte die "Marketingstrategie" ausgesehen haben (wenn es denn eine gab). Oder gab es andere Gründe?
   

* Hier die Stelle aus dem Brief an die potenziellen Autoren (u.a. Goethe) vom 13. Juni 1794: "...so hat man doch, aus leicht begreiflichen Gründen, die Verfügung getroffen, dass kein Manuskript eher dem Druck übergeben werde, als bis es einer dazu bestimmten Anzahl von Mitgliedern zur Beurteilung vorgelegt worden ist."
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 05. Januar 2013, 16.23 Uhr
Mir ist nicht klar, warum Schiller nach dem Thalia-Scheitern noch einen Versuch unternahm, als Herausgeber zu brillieren.

Schiller war - wie später Mark Twain - zu 100% von sich selber als (literarischem) Geschäftsmann überzeugt. Die Horen sollten seine Goldgrube werden. Und im Gegensatz zu Goethe brauchte Schiller das Geld, er hatte keinen reichen Grossvater und keine Stellung als Minister. (Weshalb ich - im Gegensatz zu orzifar - Schillers Überlegungen bezüglich einer reichen Heirat schon verstehen kann ...  >:D )

Meine These diesbezüglich: Wieland hatte 1789 seinen Teutschen Merkur eingestellt, was evtl. die Hoffnung nährte, mit den Horen ein vermutetes Vakuum füllen zu können. So jedenfalls könnte die "Marketingstrategie" ausgesehen haben (wenn es denn eine gab). 

Vermutlich, ja. In der Wikipedia steht sinngemäss, dass die Horen so etwas wie das ideelle Zentrum Deutschlands werden sollten, nachdem es ja kein geografisch-politisches gab, wie es London und Paris respektive darstellten. Der Teutsche Merkur war in Ansätzen tatsächlich so etwas in dieser Richtung. Auch der kränkelte ja finanziell ständig. Und das, wo Wieland seinerseits davon leben wollte ...
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: orzifar on 05. Januar 2013, 21.00 Uhr
Schiller war - wie später Mark Twain - zu 100% von sich selber als (literarischem) Geschäftsmann überzeugt. Die Horen sollten seine Goldgrube werden. Und im Gegensatz zu Goethe brauchte Schiller das Geld, er hatte keinen reichen Grossvater und keine Stellung als Minister. (Weshalb ich - im Gegensatz zu orzifar - Schillers Überlegungen bezüglich einer reichen Heirat schon verstehen kann ...  >:D )

Ich habe nicht gesagt, dass ich es nicht verstehen würde: Nur wer seine hochherzigen, idealen Gefühle wie ein Banner vor sich herträgt, darf sich nicht verwundern, wenn er an denselben gemessen wird. Das Ergebnis ist dann eine mediokre moralische Größe ;).

lg

orzifar
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 06. Januar 2013, 07.53 Uhr
Hallo!

Tout comprendre, c'est tout pardonner  >:D .

Andererseits hat schon Kollege Brecht festgehalten: Zuerst kommt das Fressen, dann kommt die Moral. (Wie stand er eigentlich zu Schiller?)

Nun gut. Ich habe gestern noch Schillers Vorbericht gelesen. Politik, Politisches wird eindeutig aus den Horen ausgeschlossen. In Anbetracht der unsicheren geopolitischen Situation sicher eine weise Entscheidung. Weniger Zoff mit den Behörden, weniger Zoff unter den Beiträgern. Bei der Liste derselbigen fällt auf, dass vom Kanon der Klassiker Wieland fehlt. Merck wollte ich zuerst auch vermissen, aber der war 1795 ja schon tot. Dann habe ich vergessen, nachzuschlagen, welcher Jacobi gemeint ist als Mitarbeiter. Ich vermute, den empfindsameren der beiden, den Friedrich.

Grüsse

sandhofer
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 06. Januar 2013, 12.31 Uhr

Andererseits hat schon Kollege Brecht festgehalten: Zuerst kommt das Fressen, dann kommt die Moral. (Wie stand er eigentlich zu Schiller?)


Brecht über Schiller: Der Moraltrompeter von Säckingen. Schillers Jungfrau von Orleans und Brechts Heilige Johanna der Schlachthöfe - diametral entgegengesetzt oder doch näher als gedacht? Ich liebe beide.

Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 06. Januar 2013, 14.06 Uhr
Dann habe ich vergessen, nachzuschlagen, welcher Jacobi gemeint ist als Mitarbeiter. Ich vermute, den empfindsameren der beiden, den Friedrich.

Da er als "Geheimer Rat Jacobi in Düsseldorf" adressiert wird, handelt es sich wohl um Friedrich Heinrich Jacobi.

Brecht über Schiller: Der Moraltrompeter von Säckingen.

Stammt der "Moraltrompeter" nicht von Nietzsche? Aber vielleicht habe ich das falsch abgespeichert.

LG

Tom
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 06. Januar 2013, 17.35 Uhr
Brecht über Schiller: Der Moraltrompeter von Säckingen.

Stammt der "Moraltrompeter" nicht von Nietzsche? Aber vielleicht habe ich das falsch abgespeichert.

Du hast recht, Tom. Habe Der Moraltrompeter von Säckingen  bei google eingegeben und es machte 999 mal Nietzsche und 1 mal Brecht.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: orzifar on 06. Januar 2013, 19.32 Uhr
Du hast recht, Tom. Habe Der Moraltrompeter von Säckingen  bei google eingegeben und es machte 999 mal Nietzsche und 1 mal Brecht.

Der Publikumsjoker ist jetzt weg ;). - Ich habe leider noch immer nicht begonnen, einiger anderer Kalamitäten wegen.

lg

orzifar
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 06. Januar 2013, 20.49 Uhr
Ich habe leider noch immer nicht begonnen, einiger anderer Kalamitäten wegen.

Ausser dem ersten Text von Schiller ist bei mir auch noch nichts gelaufen. Und jetzt ist mal Ruhe bis zum nächsten Wochenende mit den Horen. Das sind bei mir vorläufig reine Wochenendgäste ...  ^-^
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 07. Januar 2013, 10.47 Uhr
Ein kurzer Blick auf das publizistische Umfeld und die Vorgänger der Horen (ohne Anspruch auf Vollständigkeit):

1765 - 1806 veröffentlichte der Berliner Verleger Friedrich Nicolai seine Allgemeine Deutsche Bibliothek, nach der Einstellung von Lessings "Briefen ..." die mWn. zweite Literaturzeitschrift in Deutschland

1770 - 1807: Göttinger Musenalmanach von H.C. Boie, J.H. Voß, G.A. Bürger u.a.

1772 - 1790 Frankfurter gelehrte Anzeigen (Merck u.a.)

1773 - 1789 Teutscher Merkur (Wieland, Merck)

1776 - 1791 Deutsches Museum (H.C. Boie; die Zeitschrift war direkt gegen Wielands Merkur gerichtet)

1785 - 1793 Schillers Thalia

Beim Erscheinen des ersten Stücks der Horen 1795 gab es also eine Reihe mehr oder weniger erfolgreicher Vorläufer sowie zwei noch existierende Konkurrenzblätter: Die Allgemeine Deutsche Bibliothek und den Göttinger Musenalmanach. Ob Schiller etwas gegen den Berliner Verleger Nicolai hatte, ist mir nicht bekannt. Mit G.A. Bürger vom Musenalmanach führte er jedoch in den frühen 1790er Jahren eine Auseinandersetzung über dessen angeblich minderwertige Volkspoesie.

Das will nicht viel bedeuten, erscheint mir aber auch nicht uninteressant, weil es evtl. ein weiteres Licht auf Schillers Ambitionen jenseits der ökonomischen Erwartungen wirft.       
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 07. Januar 2013, 13.04 Uhr
Hallo!

Der neue Teutsche Merkur schloss 1790 nahtlos an den Teutschen Merkur an - immer noch mit Wieland, allerdings nicht mehr als einzigem Herausgeber, iirc. Das war wohl auch der Grund,weshalb Wieland gar nicht erst in der Beiträger-Liste figuriert; Der neue Teutsche Merkur existierte nämlich 1795 immer noch. Abgesehen davon, dass da einige in der Beiträger-Liste sind, die iirc nie was beigetragen haben.

Nicolai war meines Wissens generell in Weimar nicht beliebt ....

Grüsse

sandhofer
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 10. Januar 2013, 01.52 Uhr

Schillers Vorrede und Goethes Epistel sind gelesen.
 
Warum Schiller, wie er in seiner Vorrede sagt, jede Politik und Parteilichkeit aus seiner Monatsschrift heraushalten will, wird nur allzu verständlich, wenn man sich (etwa bei wikipedia) die Ereignisse des Jahres 1794 anschaut: Die französische Revolution ist in ihrem fünften, wohl schrecklichsten und blutigsten Jahr, Kriege im Westen, Norden und Osten, es brennt an allen Enden. Schiller versteht diesen Rückzug aufs Geistige, Wahre und Schöne glaube ich nicht als Eskapismus, Flucht aus der Wirklichkeit in den Elfenbeinturm, sondern verspricht sich davon so etwas wie Sammlung, Erziehung und Regenerierung der Menschheit und letztlich Heilung der heillosen Zeitläufte.
Die Namensgebung unterstreicht dieses Konzept. Zuerst habe ich gedacht : Warum „Horen“ (Stunden) Warum, wenn’s eine Monatszeitschrift ist,  nicht  Menses( Monate) ? Aber die Horen sind ja auch Ordnungs- und Gesetzeshüterinnen und Schiller nennt in der Vorrede namentlich Eunomia, Dice und Irene, Personifikationen der guten Ordnung( Eunomia), der Gerechtigkeit( Dike) und des Friedens (Eirene), also dessen , was  die chaotische  Gegenwart bitter nötig hätte…

Gleich das erste Stück der Horen, Goethes an die satirischen Epistolae des Horaz angelehnte 1.Epistel, parodiert jedoch die Schiller’sche Vorrede und widerspricht ihr, indem die erzieherische Wirkung des Wortes angezweifelt wird: „Soll ich sagen, wie ich es denke? So scheint mir es bildet/ nur das Leben den Mann und wenig bedeuten die Worte…“


Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 10. Januar 2013, 15.14 Uhr

Ich habe noch ein wenig über Goethes Epistel nachgedacht.

Es handelt sich offensichtlich um einen Text, der - im Gegensatz zu anderen -  eigens für die Horen verfasst worden ist. Schiller wird angesprochen (guter Freund), die Thematik seiner Vorrede in humoresker Form wieder aufgenommen, die erzieherische Wirkung von Kunst und Literatur in Zweifel gezogen und von den Rezipienten wird resigativ gesagt, dass sie eh nur das heraushören, was sie hören wollen. Dann erzählt G., quasi zum Beweis, eine Geschichte, die er von einem venezianischen Rhapsoden auf der Gasse gehört haben will  Es geht um die Insel Utopia, wo Nichtstun und  Amusement Pflicht sind und die Wohltaten der Gastfreundschaft notfalls mit Prügel am Gast durchgesetzt werden.  Diese Erzählung sei nach dem Geschmack des Publikums. ..
Was will er mit der Geschichte sagen? ;) Dass die Menge leichtgläubig und verführbar ist und  nur nach dem Lustprinzip verfährt? Übertritt Goethe hier klammheimlich Schillers Politisierungsverbot und  spielt auf die franz.Revolution an, die das Volk mit Gewalt zu seinem Glück zwingt?
Ein bisschen fühle ich mich erinnert an das Vorspiel auf dem Theater (Faust), das wenig später entstanden ist.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 10. Januar 2013, 19.59 Uhr
Schillers Vorrede und Goethes Epistel sind gelesen.

Dito. Das Schiller-Vorwort ist der Geist der Weimarer Klassik "in a nutshell", nicht wahr?  ;)

Ich habe noch ein wenig über Goethes Epistel nachgedacht. [... ] Was will er mit der Geschichte sagen? ;) Dass die Menge leichtgläubig und verführbar ist und  nur nach dem Lustprinzip verfährt?

Ja, das passt. Auch Wieland beklagt im "Aristipp" an einer Stelle die rohe Vergnügungssucht der Griechen - und meint natürlich seine Zeitgenossen.

Gleich das erste Stück der Horen, Goethes an die satirischen Epistolae des Horaz angelehnte 1.Epistel, ...

Das ist sehr wahrscheinlich, aber mir fallen dazu auch Ovids "Epistolae ex Ponto" ein. Ob Goethe diese kannte?

By the way: Enthält Eure Ausgabe nützliche Kommentare? Die vermisse ich beim Lesen im Netz ein wenig.

Es grüßt

Tom
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 10. Januar 2013, 20.56 Uhr

Dass Goethe sich mit seiner Epistel an die epistolae  von Horaz anlehnt, habe ich irgendwo gelesen. Ich fand das einleuchtend, da sie in Hexametern geschrieben und satirisch humoresken Inhalts sind. Ovids epistolae ex ponto (Briefe vom Schwarzen Meer) dagegen sind in Distichen verfasst und haben eher elegischen Charakter, da O.aus der Verbannung schreibt...
Zu Deiner Frage nach Kommentierung: Die Ausgabe im Schuber hat zwar einen Supplementband. Kommentare oder Erläuterungen gibt der aber so gut wie nicht.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 11. Januar 2013, 08.01 Uhr
Man müsste jetzt im Briefwechsel Schiller-Goethe nachschlagen. Aber ich denke auch, dass Goethes "Epistel" an Horaz angelehnt ist und nicht an Ovid. Goethe kannte sicher beide. Zum Inhalt der Epistel kann ich noch nichts sagen; muss sie erst mal wieder lesen.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 12. Januar 2013, 16.44 Uhr
Man müsste jetzt im Briefwechsel Schiller-Goethe nachschlagen.


Der Briefwechsel gibt leider auch keine Auskunft. Im fraglichen Zeitraum wird die Epistel wohl mal erwähnt, auch ist von noch zu schreibenden Episteln die Rede, aber man erfährt nichts Genaueres. Deutlich wird aber, dass G. und S. über die Epistel gesprochen haben. Ich vermute mal, während Schillers Besuch in Weimar im September 1794, bei dem es wohl vor allem um die Beiträge für die Horen ging. Schiller erwähnt noch eine (von Cotta in Auftrag gegebene!) Recension von Schütz, in der besonders auf die Epistel eingegangen wird; vielleicht erfährt man da etwas über Goethes literarische Vorlage…
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 12. Januar 2013, 19.55 Uhr
Goethe hat übrigens etwas bemerkt, das bis heute den meisten Lesern von Thomas Morus' "Utopia" - vor allem den Philosophen - entgangen ist: Wie unzuverlässig im Grunde genommen der Erzähler dorten ist. (Der ist nämlich keineswegs = Thomas Morus. Sondern, schon vom Namen her, ein Schwätzer... :) ).
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 13. Januar 2013, 00.01 Uhr

Wie unzuverlässig im Grunde genommen der Erzähler dorten ist. (Der ist nämlich keineswegs = Thomas Morus.

Das sagt ja auch niemand. Goethe lässt einen Bettler auf einem venezianischen Platz von seinen Erlebnissen auf einer Insel namens Utopien erzählen.

Sondern, schon vom Namen her, ein Schwätzer... :) ).

Auch das versteh ich nicht? Welchen Namen meinst Du? Rhapsode? Hans ohne Sorge?
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 13. Januar 2013, 07.39 Uhr
Ich habe mich offenbar zu wenig präzise ausgedrückt: Mit "dorten" meinte ich Thomas Morus' Original. Thomas Morus lässt in seinem Roman von 1516 einen Raphael Hythlodeus von der Insel Utopia erzählen. Hythlodeus könnte man mit "Possenreisser" oder "Dummschwätzer" übersetzen, hat man mir versichert. Diese ironische Brechnung von Thomas Morus haben die meisten Interpreten, v.a. von philosophischer Seite, immer übersehen und die Sozialutopie der Insel Utopia als Thomas Morus' höchsteigenes Ideal betrachtet. Und das ist es, was ich meine, dass Goethe durchschaut hat: Indem er einen Bettler von einer Utopia genannten sagenhaften Insel des Nichtstuns erzählen lässt, lehnt er sich narratorisch an Morus an.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 14. Januar 2013, 13.56 Uhr
Ich habe mich offenbar zu wenig präzise ausgedrückt

Ja, das war schon etwas verwirrend und Gedanken lesen liegt mir auch nicht. ;D

Du siehst den  Bettler-Rhapsoden Goethes als Nachfahren des Hythlodeus… Mich ließen Erzähler und Erzählsituation an die ItalienischeReise denken, in der Goethe sich mehr als einmal beeindruckt zeigt von den venenizianischen Geschichtenerzählern  und Sängern aus dem Volk.

Epistel: Also hörte ich einmal, am wohlgepflasterten Ufer/ Jener neptunischen Stadt, die den geflügelten Löwen /Göttlich verehrt ein Mährchen erzählen. Im Kreise geschlossen,/ Drängte das horchende Volk um den zerlumpten Rhapsoden…
Italienische Reise, 3. Oktober 1786: Auf einem Uferdamm im Angesicht des Wassers bemerkte ich schon einigemal einen geringen Kerl, welcher einer größeren oder kleinern Anzahl von Zuhörern … Geschichten erzählte… nur selten lächelt das Auditorium, das meist aus der ganz niedern Klasse besteht. Auch hat der Mann… etwas sehr Gesetztes, zugleich eine bewunderungswürdige Mannigfaltigkeit und Präzision, welche auf Kunst und Nachdenken hinwiesen in seinen Gebärden…

Was aber soll nun diese Epistel? Die Bedeutung des Eröffnungsstücks der Horen erschöpft sich sicher nicht in der Erinnerung an Th.Morus, venezianische Reiseimpressionen oder in  dem Lob mündlichen Erzählens. Da ich (wie ich den Laden hier kenne ;)) wenig Hoffnung habe, noch ein Feed back auf die von mir geäußerten Vermutungen zu bekommen, habe ich ein bisschen im internet geblättert. Die Epistel scheint von der Sekundärliteratur im Gegensatz zur Ästhetischen Erziehung und den Unterhaltungen deutscher Ausgewanderter bislang vernachlässigt worden zu sein, was beklagt wird:
Die ÄE und die UdA sind in der Forschung häufig miteinander verglichen worden, die Epistel hingegen wurde nur sehr selten hinzugezogen und wenn, dann zumeist, um Goethes Ablehnung gegenüber Schillers kulturpolitischem Konzept zu verdeutlichen.( Zitat Müller)
Allgemein geteilt  wird die Auffassung Karl Richters über die Epistel :Goethe zieht Schillers große Themen ins Kleine und lässt seine Skepsis durchblicken, ob derlei hochfliegende Pläne[/i(wie in der Vorrede geäußert)[/i über die Beeinflussung des Lespublikums zu erreichen seien. Das bestätigt  meine Vermutungen.

Wenn das so ist und Goethe hier Schillers „kulturpolitisches Konzept“ in Zweifel zieht,  lässt sich die Vorrede  nicht (mehr) als Manifest der Klassik oder Klassik in the nutshell auffassen. Die deutsche Klassik ein Phantom?  Das erste Heft der Horen mit dem alternierenden Wechsel von Schiller- und Goethetexten so etwas wie ein  Dialog  zweier kulturpolitischer Antipoden?
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 14. Januar 2013, 19.09 Uhr
Wenn das so ist und Goethe hier Schillers „kulturpolitisches Konzept“ in Zweifel zieht,  lässt sich die Vorrede  nicht (mehr) als Manifest der Klassik oder Klassik in the nutshell auffassen. Die deutsche Klassik ein Phantom?

Dass Goethe die Menschheitsbeglückungsideen Schillers nicht teilte, ist bekannt. Warum das jedoch der Vorrede Schillers den Charakter eines "Manifests" (oder wie immer man es nennen sollte) nimmt, verstehe ich nicht.

Das erste Heft der Horen mit dem alternierenden Wechsel von Schiller- und Goethetexten so etwas wie ein  Dialog  zweier kulturpolitischer Antipoden?
 

Das ist allerdings ein interessanter Gedanke. Du kennst bestimmt Thomas Manns Goethe- und Schiller-Essays. In ihnen geht es u.a. genau um diese Unterschiede zwischen den beiden Weimarer Titanen. "Kulturpolitische Antipoden" beschreibt die Position der beiden eigentlich recht gut.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 14. Januar 2013, 20.40 Uhr
Goethe nahm sicher die "kulturpolitische" Seite Schillers nicht immer ganz ernst. Auf der andern Seite war seine Epistel wohl auch der Versuch, das "Odi profanum vulgus et arceo.", das auch in der Klassik vorhanden war, auszudrücken.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 15. Januar 2013, 13.28 Uhr
Wenn das so ist und Goethe hier Schillers „kulturpolitisches Konzept“ in Zweifel zieht,  lässt sich die Vorrede  nicht (mehr) als Manifest der Klassik oder Klassik in the nutshell auffassen. Die deutsche Klassik ein Phantom?

Dass Goethe die Menschheitsbeglückungsideen Schillers nicht teilte, ist bekannt. Warum das jedoch der Vorrede Schillers den Charakter eines "Manifests" (oder wie immer man es nennen sollte) nimmt, verstehe ich nicht.

Nicht  Manifest der Klassik, weil die Vorrede ja "nur" die Meinung Schillers widerspiegelt, die vom zweiten Repräsentantanten der Klassik offensichtlich nicht geteilt wird.  Deutsche Klassik ist Schiller geteilt durch Goethe ;D, nicht Schiller allein.
Allerdings überrascht hier ja niemand den anderen mit seiner (kontroversen) Ansicht. Die Texte waren jeweils beiden Seiten bekannt  und Schiller hat sie arrangiert und gruppiert, wie ich glaube, ganz bewusst dialogisch. Die Klassik tönt uns hier nicht unisono, sondern poli-bzw diaphon entgegen.

... war seine Epistel wohl auch der Versuch, das "Odi profanum vulgus et arceo.", das auch in der Klassik vorhanden war, auszudrücken.

Wo in der 1. Epistel siehst du Entprechungen zu diesem Satz? Goethe hat die Unverblümtheit des Horaz’schen Ausspruchs sicher geschätzt , ich kann in Goethes Epistel aber nichts dergleichen entdecken.


Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 15. Januar 2013, 17.06 Uhr
Wo in der 1. Epistel siehst du Entprechungen zu diesem Satz? Goethe hat die Unverblümtheit des Horaz’schen Ausspruchs sicher geschätzt , ich kann in Goethes Epistel aber nichts dergleichen entdecken.

Eigentlich und vor allem in eben jener Travestie der Utopia von Thomas Morus. Indem Goethe bzw. Schiller diese Epistel unmittelbar auf Schillers grossartiges Manifest folgen lassen, ironisieren sie nicht primär sich selber (jedenfalls war das m.M.n. nicht ihre Absicht), sondern die Erwartungshaltung des Publikums, das im Grunde genommen nur Brot und Spiele will, von der Kunst nur Märchen erwartet, ohne tieferen Sinn. Dem soll die angeschlossene Ästhetische Erziehung des Menschengeschlechts dann eben steuern.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 15. Januar 2013, 20.48 Uhr

Quote from: Autor: sandhofer« am: Heute um 17:06
Indem Goethe bzw. Schiller diese Epistel unmittelbar auf Schillers grossartiges Manifest folgen lassen, ironisieren sie … die Erwartungshaltung des Publikums, das im Grunde genommen nur Brot und Spiele will …

Das seh ich ja auch so … Aber ist es von da nicht noch weit zu einem Odi…et arceo …-Ich hasse … und meide …?
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: orzifar on 16. Januar 2013, 13.57 Uhr

Quote from: Autor: sandhofer« am: Heute um 17:06
Indem Goethe bzw. Schiller diese Epistel unmittelbar auf Schillers grossartiges Manifest folgen lassen, ironisieren sie … die Erwartungshaltung des Publikums, das im Grunde genommen nur Brot und Spiele will …

Das seh ich ja auch so … Aber ist es von da nicht noch weit zu einem Odi…et arceo …-Ich hasse … und meide …?

Naja, mehr verachten als hassen ... Aber der Unterschied zwischen Goethe und Schiller wird schon klar: Zwischen hochfliegenden Plänen der Menschheitsbeglückung und dem Einwand des Realpolitikers, der um den zu beglückenden Pöbel weiß. Bei Goethe hat man den Eindruck, dass er sowohl Schiller als auch das Menschheitsgeschlecht nicht so ganz ernst nimmt.

lg

orzifar
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: BigBen on 16. Januar 2013, 14.08 Uhr
Bei Goethe hat man den Eindruck, dass er [...] das Menschheitsgeschlecht nicht so ganz ernst nimmt.


Börne hat da einige bissige Bemerkungen in seinen Briefen aus Paris. Goethe fährt zu irgendwelchen Schlachten und beschreibt da die vorherrschenden Minerale.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 16. Januar 2013, 14.30 Uhr
Aber ist es von da nicht noch weit zu einem Odi…et arceo …-Ich hasse … und meide …?

Ich finde nicht. Aber ich übersetze "arceo" auch als (aktives) "abwehren", nicht nur als (passives) "meiden". Und "odi" dafür etwas schwächer - eher "nicht mögen" als "hassen".

Naja, mehr verachten als hassen ...

Genau.

Bei Goethe hat man den Eindruck, dass er sowohl Schiller als auch das Menschheitsgeschlecht nicht so ganz ernst nimmt.

Wobei er Schiller durchaus den Eindruck zu vermitteln wusste, in Bezug auf die Ziele der "Klassik" mit ihm einer Meinung zu sein. Diese Epistel ist eben zweischneidig. Wohl ironisiert sie auch Schiller, aber im gleichen Atemzug betont sie das Elitäre des Vorhabens. Märchen sind für Bettler und den Pöbel, die glauben auch daran, dass sich Reichtum (egal woran) leicht erwerben lässt, einem sogar in den Schoss gelegt wird. Schiller und mit ihm Goethe betonen die Arbeit, die im Erwerb liegt.

Börne hat da einige bissige Bemerkungen in seinen Briefen aus Paris. Goethe fährt zu irgendwelchen Schlachten und beschreibt da die vorherrschenden Minerale.

 ;D Ja, das Junge Deutschland ...
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 16. Januar 2013, 16.17 Uhr

Dem soll die angeschlossene Ästhetische Erziehung des Menschengeschlechts dann eben steuern.
Ja.  ;)

Die  neun  ersten Briefe zur Ästhetischen Erziehung des Menschen im ersten Heft der Horen sind gelesen. Das Gute daran: Die Ankündigung Fortsetzung folgt empfinde ich nicht als Drohung.  Im Gegenteil: Zunächst ein bisschen trocken und theoretisch, steigerte sich die Lesbarkeit und das ganze brach ab, als es anfing, richtig spannend zu werden. Gutes timing! ;D Ich mag  Schillers Denken in antagonistischen Begriffspaaren wie Notwendigkeit - Freiheit,  Individuum - Gattung, Zerstückelung - Totalität, Willkür - Gesetz usw. Auch hier, in seinem theoretischen Text, erweist er sich somit als das, was er wohl vor allem ist: als Dramatiker!
Schillers Theorie in Kürze: Der zeitgenössische Mensch ist von Natur und Kultur gleichweit entfernt, auf der einen Seite verroht, auf der anderen in seinen Fähigkeiten überspezialisiert, zerstückelt, letztlich entfremdet von der „Totalität“ des menschlichen Seins, von Universalität und Humanität. Schiller stellt interessante Fragen wie: Das Zeitalter ist aufgeklärt... - woran liegt es, dass wir noch immer Barbaren sind?( S.40) Das Therapeutikum gegen all diese Gebresten und Mittel zur „Veredelung des Charakters“: das Schöne, die Kunst... Ich bin gespannt!

Walk in beauty! :teufel:
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 16. Januar 2013, 19.02 Uhr
... Briefe zur Ästhetischen Erziehung des Menschen ... Auch hier, in seinem theoretischen Text, erweist er sich somit als das, was er wohl vor allem ist: als Dramatiker!

Den Dramatiker Schiller habe ich nie so recht gemocht: Zu schablonenhaft die Figuren, zu pathetisch das Gesülze etc. Einzige Ausnahme: Wallenstein.

Die theoretischen Schriften (v.a. "Die ästhetische Erziehung" sowie "Naive und sentimentalische Dichtung") gehören hingegen für mich zum Schönsten und Besten der deutschsprachigen Essayistik.

Walk in beauty! :teufel:

Sehr treffend!   
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 16. Januar 2013, 21.57 Uhr

Quote from: Autor: Sir Thomas« am: Heute um 19:02 »
Den Dramatiker Schiller habe ich nie so recht gemocht: Zu schablonenhaft die Figuren, zu pathetisch das Gesülze etc.

Ja, das ist die landläufige Meinung und im Grunde teile ich sie auch. Aber denk an Don Carlos: Sire, geben Sie Gedankenfreiheit! Noch im 2o.Jahrhundert löste das Ovationen aus. Schiller mit seiner (vielleicht naiven) Vorstellung von der Bühne als moralischer Anstalt und Instrument der Aufklärung hat unsere Vorstellung vom Theater nachhaltigst geprägt. Und er ist ein Meister des geschliffenen Dialogs, bis in seine Balladen und theoretischen Schriften hinein, ein dramatischer Feuerkopf!
Außerdem, ohne ihn hätten wir die wunderbaren Parodien nicht: Wo rohe Kräfte sinnlos walten, da kann kein Knopf die Hose halten … Kennst du die Theaterbesprechungen von Jürgen von Manger, z.B. von Wilhelm Tell?

Quote from: Autor: Sir Thomas« am: Heute um 19:02 »
Die theoretischen Schriften (v.a. "Die ästhetische Erziehung" sowie "Naive und sentimentalische Dichtung") gehören hingegen für mich zum Schönsten und Besten der deutschsprachigen Essayistik.

Dann bin ich gespannt, was Du zur Ästhetischen Erziehung sagst. ;)
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 17. Januar 2013, 15.31 Uhr
Kennst du die Theaterbesprechungen von Jürgen von Manger, z.B. von Wilhelm Tell?

Nein.

Dann bin ich gespannt, was Du zur Ästhetischen Erziehung sagst. ;)

Ich las den Text zufällig erst vor rund drei Monaten und ringe deshalb mit mir, ob eine Wiederholung nach so kurzer Zeit angemessen ist. Wahrscheinlich werde ich eher aus der Erinnerung bzw. aus einigen wenigen Notizen heraus mitreden. 
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 17. Januar 2013, 18.29 Uhr
Was lässt sich zur "Ästhetischen Erziehung" sagen?

Vielleicht beginnen wir mit den grundsätzlichen Aussagen Schillers:

1. Es ist die Aufgabe der Kultur, den Menschen ästhetisch zu machen, weil nur aus dem ästhetischen Zustand sich der moralische entwickeln kann.

2. Schönheit erzieht zur Freiheit von Leidenschaften. Deshalb gelangt der Mensch durch die Schönheit zu Freiheit und Vernunft.

Und nun das Stärkste:
3. Gleichgültigkeit gegen die Realität und Interesse an Spiel und Schein sind Erweiterungen des Menschseins und ein entscheidender Schritt zur Kultur.

Punkt 1) hängt natürlich mit der Idee zusammen, dass eine Menschheit, die schön, hoch und vornehm von sich denkt, ebenso schöne und moralisch hochwertige Taten vollbringt. Ob das stimmt, ist schwer zu entscheiden. Faszinierend ist dieser Gedanke allemal, zumal für Menschen, die pädagogisch tätig sind.

Punkt 2) Schon Wieland hat sich immer wieder lustig gemacht über die Leidenschaft erzeugenden, zutiefst verlogenen Romane seiner einerseits empfindsamen, andererseits stürmenden und drängenden Zeitgenossen. Ruhige Abgeklärtheit ist offensichtlich auch für Schiller ein anzustrebendes menschliches Ideal. Ich finde diesen Gedanken recht sympathisch.

Punkt 3) Die Vernachlässigung der schnöden Realität zugunsten des schönen Scheins (der Kunst, des Theaters) sowie der Gedanke der künstlerischen Tätigkeit nicht nur als Befreiung, sondern als eigentliche Bestimmung des Menschen, ist die schöne Kampfansage gegen die Vernünftelei der Jakobiner und anderer extremer Anhänger des aufklärerischen Fortschrittsglaubens. Nach Schiller dauerte es ein knappes Jahrhundert, ehe erneut jemand ähnliche Gedanken äußerte: Fr. Nietzsche.

Es steckt also eine Menge Zündstoff in der "ästhetischen Erziehung".
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 19. Januar 2013, 13.52 Uhr
Ich habe erst die Briefe 1 und 2 gelesen, die ja noch rein einführender Natur sind, und wo Schiller damit kokettiert, dass diese Briefe eben nicht reine theoretische Schriften eines Theoretikers für sich und die Welt (also für alle und niemand) sind, sondern "echte" Briefe. (Impliziert wohl, dass da auch eine "echte" Wirkung erwartet wurde, d.h., dass da ein Regierender den Inhalt der Briefe in praxi anwenden würde auf sein Volk.)
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 19. Januar 2013, 15.52 Uhr
In Brief 3 nimmt Schiller eine explizite Gegenposition zu Rousseau ein:

Kein Contrat Social, sondern der Mensch "kommt zu sich aus seinem sinnlichen Schlummer, erkennt sich als Mensch, blickt um sich her, und befindet sich - in dem Staate." Auch ist der natürliche Charakter des Menschen keineswegs edel und gut, sondern "selbstsüchtig und gewaltthätig".

Höchste Zeit demnach, dass hier was getan wird.  >:D
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 19. Januar 2013, 20.30 Uhr

Danke, Tom, dass du Deine Unterlagen bemüht hast. Deine Ausführungen beziehen sich auf die gesamte Ästhetische Erziehung des Menschen, oder? Meine nur auf die im 1. Heft der Horen veröffentlichten ersten neun Briefe (etwa ein Drittel), denn ich halte es wie Sandhofer und lese die Horen

 
Quote from:  sandhofer
...wie sie im Grunde genommen beim Erscheinen gelesen worden sein müssen. Ausgabe um Ausgabe. Heft um Heft. Text um Text.

Wenn man die Sicht der damaligen Rezipienten einnimmt, darf mMn nicht unerwähnt bleiben, dass die ÄE allen Politikverzichtsäußerungen zum Trotz sehr viel mit der französischen Revolution zu tun hat, bzw. eine Reaktion auf sie ist. Den Rezipienten war das wohl bewusst. Sie wussten, dass Schiller vom Nationalkonvent zum citoyen ernannt worden war (Suite à la représentation parisienne d’une adaptation des Brigands (Die Räuber) au Théâtre du Marais en 1792, Schiller passe en France pour un partisan de la Révolution, ce qui lui vaut d’être nommé citoyen français par la Convention nationale) Und wohl auch , dass er nach  der Guillotinierung Ludwigs des XVI (zu Schillers geplanter Reise nach Paris und Rede vor dem Nationalkonvent kam es  nicht mehr) sich endgültig angeekelt von der Revolution abgewendet hatte.  Im Bewusstsein der gescheiterten Revolution entwickelt er sein ästhetisches Konzept als"Gegenmittel". In den (angeblich verbrannten) Augustenburger Briefen an seinen dänischen Mäzen, der Vorgängerschrift der ÄE, ist das Thema frz. Revolution noch deutlicher  angesprochen. Doch schon im zweiten Brief der ÄE gibt Schiller als Sinn und Zweck der ästhetischen Erziehung  an, dass man um jenes politische Problem in der Erfahrung zu lösen, durch das ästhetische den Weg nehmen muss, weil es die Schönheit ist, durch welche man zu der Freiheit wandert. Also so etwas wie: Make art, not revolution!
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 19. Januar 2013, 20.59 Uhr
Um nochmals darauf zurückzukommen:

Den Dramatiker Schiller habe ich nie so recht gemocht: Zu schablonenhaft die Figuren, zu pathetisch das Gesülze etc. Einzige Ausnahme: Wallenstein.

Ich halte Schillers Dramen für bedeutend - und für bedeutend komplexer:

"Hinter Schillers Sentenzen, über die sich heute jeder Theaterkritiker reflexartig lustig macht, steht das Vertrauen, dass die geformte Sprache die Wahrheit unzweideutig transportieren könne und dass die Arbeit an der Form auch Arbeit an der Wahrheit selber sei. Wer das komisch findet, schreibe doch mal einen Satz, der zum geflügelten Wort wird."

Und:

"Das Wunder ist die Form. Obwohl bereits von der Todeskrankheit gezeichnet, schafft Schiller mit dem Tell die großartigste szenische Komposition der deutschen Literatur. Wie er die einzelnen Handlungsstränge trennt und verflicht, sie frei laufen lässt und wieder zusammenführt, das hat keienr neben und nach ihm je erreicht. Nur bei Shakespeare gibt es das [...]"

Beide Zitate sind aus Peter von Matt: Drei Perspektiven auf Schillers Tell. In: Ders.: Das Kalb vor der Gotthardpost. München: Hanser, 2012.

Ich kann von Matt nur zustimmen.  :yodel:
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: orzifar on 19. Januar 2013, 21.40 Uhr
"Hinter Schillers Sentenzen, über die sich heute jeder Theaterkritiker reflexartig lustig macht, steht das Vertrauen, dass die geformte Sprache die Wahrheit unzweideutig transportieren könne und dass die Arbeit an der Form auch Arbeit an der Wahrheit selber sei. Wer das komisch findet, schreibe doch mal einen Satz, der zum geflügelten Wort wird."

Was ist denn das für eine sonderbare Aussage?? Zum einen muss ich mit niemanden in einen Reimwettbewerb treten, um ihm die Seichtheit der eigenen Produktion nachzuweisen, zum anderen: Was wäre, wenn ich denn nun ein geflügeltes Wort zustande brächte? Bzw.: Was hätte das mit der vorhandenen oder nicht vorhandenen Qualität der Schillerschen Produktionen zu tun? Einfach rein gar nichts. (Erinnert alles ein bisschen an den abgestandenen Vergleich, dass auch der einfach gestrickte Gaumen zu erkennen imstande ist, wenn dem 5-Sterne-Koch das Salzfass in die Suppe fiel. Und um Coelho zu kritisieren muss ich auch nicht erst mal eine Esoterikschmonzette schreiben.)

Oder verkürzt: Der von Matt behauptete Zusammenhang zwischen der orzifarschen Fähigkeit zur Erstellung von "geflügelten Wörtern" und der Qualität Schillerscher Bühnenwerke besteht mitnichten.

Wobei ich mit obigen nichts gegen Schiller gesagt haben will, sondern bloß die obskure Mattsche Aufforderung im Auge habe. Die, wie erwähnt, ob erfüllt oder nichterfüllt, in keinerlei Bezug zum Schreiben Schillers gesetzt werden kann.

lg

orzifar


Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 20. Januar 2013, 09.36 Uhr

"Hinter Schillers Sentenzen, über die sich heute jeder Theaterkritiker reflexartig lustig macht, steht das Vertrauen, dass die geformte Sprache die Wahrheit unzweideutig transportieren könne und dass die Arbeit an der Form auch Arbeit an der Wahrheit selber sei. Wer das komisch findet, schreibe doch mal einen Satz, der zum geflügelten Wort wird."
Was ist denn das für eine sonderbare Aussage?? Zum einen muss ich mit niemanden in einen Reimwettbewerb treten, um ihm die Seichtheit der eigenen Produktion nachzuweisen, zum anderen: Was wäre, wenn ich denn nun ein geflügeltes Wort zustande brächte?


Da spricht mir orzifar aus der Seele! Das  ist eins jener Totschlag-Argumente, die den Diskussionspartner zum Schweigen bringen sollen, hinten und vorne nicht stimmen und dem, der verteidigt werden soll, keinen Dienst erweisen...
Aber der Satz davor...
 
Quote from:  v. Matt
"Hinter Schillers Sentenzen... steht das Vertrauen, dass die geformte Sprache die Wahrheit unzweideutig transportieren könne und dass die Arbeit an der Form auch Arbeit an der Wahrheit selber sei.

 ...ist sehr gut und treffend! V. Matt beschreibt wunderbar die Eigenart Schillerscher Sprachkunst … und gleichzeitig den Grund, warum es bei ihm vom Sublimen zum Lächerlichen nur ein Schritt ist und Parodien so wohlfeil sind!

Ansonsten freu ich mich natürlich, wenn hier eine Lanze für Schillers Dramatik gebrochen wird! Ich halte sie auch für bedeutend.
 
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 20. Januar 2013, 15.50 Uhr
Ich hatte mich noch gefragt, ob ich den letzten Satz von Matts beifügen sollte. Aber er ist so schön provokativ ...  :angel:

Schiller, Brief 4

Langsam geht's ans Eingemachte. Soll der Staat den Menschen quasi annihilieren? Oder der Mensch den Staat verinnerlichen? Das ist für Schiller, wenn ich ihn recht verstehe, die Alternative. Ein Gleichgewicht von Natur und Kunst macht den gebildeten Menschen aus. Der Wilde (nur Natur) wird ebenso abgelehnt wie der Barbar (nur Unnatur).
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: orzifar on 20. Januar 2013, 16.02 Uhr
Ich hatte mich noch gefragt, ob ich den letzten Satz von Matts beifügen sollte. Aber er ist so schön provokativ ...  :angel:

 ;D ;D

lg

orzifar
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 21. Januar 2013, 08.33 Uhr
Deine Ausführungen beziehen sich auf die gesamte Ästhetische Erziehung des Menschen, oder?

Ja. Ich habe, wie erwähnt, Euren "Lesemodus" vorübergehend verlassen, um nicht vor kurzem Gelesenes zu wiederholen.

LG

Tom   
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 21. Januar 2013, 18.27 Uhr
Ach ... ich lese die Ästhetische Erziehung jetzt zum dritten Mal ... man findet immer Neues.  ;)
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 22. Januar 2013, 10.25 Uhr
Liebe Horen- Mitleser!

Ich erlaube mir darauf hinzuweisen, dass in etwa acht Tagen das Februar-Heft der Horen eintreffen wird. ;)

Die Januar-Sequenz der Unterhaltungen deutscher Ausgewanderter habe ich gelesen und  bin gespannt auf den Beitrag Fichtes. Posten und lesen möchte ich aber erst wieder, wenn wir „gleichauf“ sind, da das ins Blaue-Posten ohne feedback keinen Spaß macht und  ja auch nicht der Sinn von Leserunden ist.
Angeregt durch die Diskussion über Schillers Dramen habe ich Lust bekommen, diese  in ihrer Gesamtheit (z.T. noch mal) zu lesen. Man muss ja kennen, wovon man spricht! Wohl gemerkt, neben der Horen-Lektüre und im Lichte neuer Erkenntnisse. Hier die Liste der zu lesenden Dramen:

•   Die Räuber (1781)
•   Kabale und Liebe (1783)
•   Die Verschwörung des Fiesco zu Genua (1784)
•   Don Karlos (1787/88, heute meist Don Carlos)
•   Wallenstein-Trilogie (1799)
•   Maria Stuart (1800)
•   Die Jungfrau von Orléans (1801)
•   Die Braut von Messina (1803)
•   Wilhelm Tell (1803/04)

Hat jemand Lust mitzulesen?
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 22. Januar 2013, 11.07 Uhr
Die Januar-Sequenz der Unterhaltungen deutscher Ausgewandertenr habe ich gelesen ...

Ich bin etwa bis zur Mitte dieser Sequenz vorgedrungen. Die Auseinandersetzung über die französische Revolution scheint mir direkt gegen Schillers "Ästhetische Erziehung" gerichtet zu sein und wäre somit eine Fortsetzung der festgestellten "Dialektik" des ersten Journals.

Ich erlaube mir darauf hinzuweisen, dass in etwa acht Tagen das Februar-Heft der Horen eintreffen wird. ;)

Warum sollte es den "Horen" besser ergehen als der Tageszeitung, die jeden Werktag in meinem Briefkasten landet und auch nicht immer sofort gelesen wird? Manchmal werfe ich sogar die Sammlung einer ganzen Woche ungelesen ins Altpapier ...  >:D
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: BigBen on 22. Januar 2013, 11.07 Uhr
Schillers Dramen stehen auf meiner Liste, aber nicht in naher Zukunft. Lichtenbergs Briefe kommen wohl davor.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 22. Januar 2013, 11.27 Uhr
Ich denke, Goethes Position zu den Vorgängen in Frankreich wird in den "Unterhaltungen ..." recht deutlich: Diese Revolution stört den ruhigen Gang gesellschaftlicher Konventionen! "Überhaupt, fuhr die Baronesse fort: weiß ich nicht, wie wir geworden sind? wohin auf einmal jede gesellige Bildung verschwunden ist? Wie sehr hütete man sich sonst in der Gesellschaft irgend etwas zu berühren, was einem oder dem andern unangenehm sein konnte! ... und tun wir nicht jetzt gerade das Gegenteil von allem diesem? Wir suchen recht eifrig jede Gelegenheit, wo wir etwas vorbringen können, das den andern verdrießt und ihn aus seiner Fassung bringt. ... Haben wir jetzt nicht alle nötiger, eben jene gesellige Schonung auszuüben, die oft mehr wirkt, als eine wohlgemeinte aber rohe Hilfe."

An anderer Stelle (leider kann ich sie nicht angeben und nur aus dem Gedächtnis zitieren) klingt das so: "Diese Revolution ist eine Störung ruhiger, gleichmäßiger Bildung."
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 22. Januar 2013, 12.08 Uhr
Ich kehre noch einmal zurück zu Goethes "Epistel", weil dort etwas über das Selbstverständnis des Poeten deutlich wird:

Jetzt da jeglicher liest und viele Leser das Buch nur
Ungeduldig durchblättern und, selbst die Feder ergreifend,
Auf das Büchlein ein Buch mit seltner Fertigkeit propfen, ...


Zufällig stieß ich in den Eckermann-Gesprächen nun auf diese Stellen (20. April 1825), die das soeben Zitierte stützen:

„Das Unglück ist, ... dass niemand sich des Hervorgebrachten freuen, sondern jeder seinerseits selbst wieder produzieren will. Auch denkt niemand daran, sich von einem Werk der Poesie auf seinem eigenen Wege fördern zu lassen, sondern jeder will sogleich wieder dasselbige machen. Es ist ferner kein Ernst da, der ins Ganze geht, kein Sinn, dem Ganzen etwas zuliebe zu tun, sondern man trachtet nur, wie man sein eigenes Selbst bemerklich mache und es vor der Welt zu möglichstes Evidenz bringe. – Dieses falsche Bestreben zeigt sich überall ... Überall ist es das Individuum, das sich herrlich zeigen will, und nirgends trifft man auf ein redliches Streben, das dem Ganzen und der Sache zu Liebe sein eigenes Selbst zurücksetzte. Hinzu kommt sodann, dass die Menschen in ein pfuscherhaftes Produzieren hineinkommen, ohne es selbst zu wissen."

Ist das die Arroganz des vermeintlich "geborenen Genies"? Oder Ausdruck einer Sorge um die literarische Qualität? 
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 23. Januar 2013, 17.08 Uhr
Quote from: Autor: Sir Thomas« am: Gestern um 11:27
Ich denke, Goethes Position zu den Vorgängen in Frankreich wird in den "Unterhaltungen ..." recht deutlich

Wobei seine ablehnende Haltung für seine Leser wohl keine Überraschung darstellte … Goethe hatte aus seiner Abneigung gegen die  Franz. Revolution von Anfang an nie einen Hehl gemacht, drei Jahre zuvor, 1792, sogar an der Seite seines Herzogs am Feldzug deutscher und österreichischer Monarchen gegen das jakobinische Frankreich teilgenommen …

Quote from: Autor: Sir Thomas« am: Gestern um 11:27
An anderer Stelle (leider kann ich sie nicht angeben und nur aus dem Gedächtnis zitieren) klingt das so: "Diese Revolution ist eine Störung ruhiger, gleichmäßiger Bildung."

Ja. Abrupte Veränderungen mochte er gar nicht. Er war mehr für Evolution als für Revolution.

Wie gesagt, mit meinem Beitrag zu den UdA warte ich noch… ;)

Ich kehre noch einmal zurück zu Goethes "Epistel", weil dort etwas über das Selbstverständnis des Poeten deutlich wird...
....
Zufällig stieß ich in den Eckermann-Gesprächen nun auf diese Stellen (20. April 1825)...
...
Ist das die Arroganz des vermeintlich "geborenen Genies"? Oder Ausdruck einer Sorge um die literarische Qualität? 

Vermutlich beides! ;) Dreißig Jahre liegen zwischen den Aussagen. Goethe war recht konstant in seinen Denkinhalten...
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 23. Januar 2013, 19.51 Uhr
Ist das die Arroganz des vermeintlich "geborenen Genies"? Oder Ausdruck einer Sorge um die literarische Qualität?

Vermutlich beides! ;) Dreißig Jahre liegen zwischen den Aussagen. Goethe war recht konstant in seinen Denkinhalten...

+ Goethes Abneigung gegen die aus dem Sturm & Drang hervorgegangene Romantik?
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: orzifar on 23. Januar 2013, 21.39 Uhr
Hallo!

Ich hänge zurück - und das wird noch schlimmer werden :(. Ästhetische Erziehung. Schon des Hauptwortes wegen glättet sich mir die Stirn kaum, ich mag nicht, wenn jemand sich anschickt, mich zu erziehen.

Der erste Brief bringt ein paar Gemeinplätze über die Philosophie und die Vernunft: Dass diese zergliedere und damit zerstöre, implizite wird ausgesprochen, dass man sich dem Gefühl überlassen soll. Nichts, was meiner Stirn guttut.

Und im zweiten Brief die ewig junge Klage: Dass Nützlichkeitsdenken und Wissenschaft alle Kunst verdränge. Und wenn er auch das Politische, die Freiheit hochschätze, so meint er doch, dass der wahre Weg zur Freiheit über das Ästhetische führe. Das scheint in einem nicht unerheblichen Maße weltfremd und es erinnert nicht zufällig an Marcuses "Versuch über die Befreiung", der sich tatsächlich Schillers ästhetische Erziehung zum Vorbild genommen hat. Und wie jener zweifelt auch Marcuse am "großen Haufen", am Menschen, der sich seiner Manipulation durch den Kapitalismus nicht bewusst ist und froh sein kleines Stückchen Wohlstand konsumiert, nicht bedenkend, dass dadurch die Weltrevolution in weite Ferne rückt.

Nunja, Schiller verspricht den Weg übers Ästhetische hin zur Freiheit noch zu beweisen - und ich harre dem, was da kömmt. Aber die Menschheitsbefreier haben in der Regel eines gemeinsam: Dass sie von dem zu Befreienden wenig Ahnung haben.

lg

orzifar
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 24. Januar 2013, 00.00 Uhr

Quote from: Autor: orzifar« am: Heute um 21:39 »
...ich mag nicht, wenn jemand sich anschickt, mich zu erziehen.

Keine Angst, das ist ja wahrscheinlich eh ein vergebliches Unterfangen. ;) A propos Erziehung: Hier war schon die Rede von der (im übrigen allseits bekannten) Andersartigkeit der beiden Hauptbeiträger, die in den Horen, wie ich finde, von beiden geradezu zelebriert wird . Irgendwann kam mir (blitzartig ;)) der Gedanke: Dersimpelste, bezeichnendste Unterschied zwischen den beiden ist: Schiller glaubt an Erziehung, Goethe nicht. Goethe spricht, wenn überhaupt, von Bildung ...

Ja, stimmt schon: We don’t need no education (http://www.youtube.com/watch?v=YR5ApYxkU-U)

Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 24. Januar 2013, 08.10 Uhr
Schiller glaubt an Erziehung, Goethe nicht. Goethe spricht, wenn überhaupt, von Bildung ...

Bildung als selbst gesteuertes und eigen motiviertes Geschehen contra Erziehung als etwas, das passiv erduldet und erlitten wird? Das klingt gut, aber daran glauben kann ich nicht. Goethe mag ein gutes Beispiel für den "Selbstbildner" abgeben. Er hatte aber auch gute Voraussetzungen.

Wie auch immer: Erziehung und Bildung (als zumeist humane Formen der "Menschenzucht") hängen vermutlich enger zusammen, als uns lieb ist. Und wer jetzt glaubt, hier spreche ein Pädagoge o.ä., den muss ich enttäuschen.

LG

Tom
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 24. Januar 2013, 13.40 Uhr
Schiller glaubt an Erziehung, Goethe nicht. Goethe spricht, wenn überhaupt, von Bildung ...
Bildung als selbst gesteuertes und eigen motiviertes Geschehen contra Erziehung
Das klingt gut, aber daran glauben kann ich nicht.

Ich sagte,"wenn überhaupt” ;)  Es geht mehr um Goethes Zweifel an der Erziehung, d.h. daran, dass durch Zureden, Belehrung o.ä. irgend etwas auszurichten sei, wie im bereits zitierten Epistelsatz verkündet:   „Soll ich sagen, wie ich es denke? So scheint mir es bildet/ nur das Leben den Mann und wenig bedeuten die Worte…“Oder wie er Faust (hier mMn ganz Goethe) sagen lässt: Bilde mir nicht ein, ich könnte was lehren,/Die Menschen zu bessern und zu bekehren.

Schiller aber meint das u. a. in seiner Ästhetischen Erziehung zu können und zu sollen.

Quote from: Autor: Sir Thomas« am: Heute um 08:10 »
Goethe mag ein gutes Beispiel für den "Selbstbildner" abgeben. Er hatte aber auch gute Voraussetzungen.

Ja, wenn man die Sozialisation der beiden vergleicht, es ist schon bezeichnend: Goethe, der Sohn wohlhabender Bildungsbürger, Vater Privatgelehrter, hat meines Wissens nie einen "Bildungspferch" besuchen müssen, anders  Schiller, der vom kleinbürgerlichen, mittellosen Vater  in die  militärische Pflanzschule ( perverse Bezeichnung einer perversen Einrichtung) seines Herzogs gegeben wurde! Obwohl Schiller darunter gelitten hat, scheint er  später in den Kategorien von Erziehung , Zögling und Anstalt weiterzudenken.


Quote from: Autor: orzifar« am: Gestern um 21:39 »
es erinnert nicht zufällig an Marcuses "Versuch über die Befreiung", der sich tatsächlich Schillers ästhetische Erziehung zum Vorbild genommen hat.

Tatsächlich? Interessant!
Aber wo ist die Schillersche Entsprechung zu folgendem?

Quote from: Autor: orzifar« am: Gestern um 21:39 »
Und wie jener zweifelt auch Marcuse am "großen Haufen", am Menschen, der sich seiner Manipulation durch den Kapitalismus nicht bewusst ist und froh sein kleines Stückchen Wohlstand konsumiert, nicht bedenkend, dass dadurch die Weltrevolution in weite Ferne rückt.

Mit seinem“ Der-Weg-zur- Freiheit- geht- über- das- Schöne“ propagiert Schiller doch, wie ich bereits andeutete, so etwas wie Kunst statt Revolution. Das war eher nicht im Sinne Marcuses.

Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: orzifar on 24. Januar 2013, 14.24 Uhr
Tatsächlich? Interessant!
Aber wo ist die Schillersche Entsprechung zu folgendem?
Quote from: Autor: orzifar« am: Gestern um 21:39 »
Und wie jener zweifelt auch Marcuse am "großen Haufen", am Menschen, der sich seiner Manipulation durch den Kapitalismus nicht bewusst ist und froh sein kleines Stückchen Wohlstand konsumiert, nicht bedenkend, dass dadurch die Weltrevolution in weite Ferne rückt.

Mit seinem“ Der-Weg-zur- Freiheit- geht- über- das- Schöne“ propagiert Schiller doch, wie ich bereits andeutete, so etwas wie Kunst statt Revolution. Das war eher nicht im Sinne Marcuses.

Schiller schreibt vom Weg über das Ästhetische zur Freiheit. Ganz ähnlich eben auch Marcuse. (Dass dieser sich Schiller zum Vorbild genommen habe - explizit in der Arbeit "Über die Befreiung", entnehme ich einem Artikel von Günter Figal über Marcuse in "Philosophie des 20. Jahrhunderts". Gerade für die Frankfurter Schule war die Kunst etwas sehr Wichtiges, notabene für Adorno. Wie Schiller sich das konkret vorstellt, hoffe ich aus den weiteren Briefen zu entnehmen.

lg

orzifar
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: orzifar on 24. Januar 2013, 22.27 Uhr

Hallo!

Ein wenig eigenartig mutet es in Brief 3 an, dass nun doch wieder die Vernunft einen auf natürliche Instinkte gegründeten Staat verbessern soll: Indem aus dem pragmatischen Naturstaat ein moralisch-sittlicher Staat der Idee werden soll. Im übrigen erinnert die Verbindung von Freiheit und Moral sehr stark an die Kantschen Entwürfe: Und obwohl nachgerade Schiller gegen die Pflichtethik polemisiert hat, klingt er hier sehr ähnlich dem Königsberger. Ganz im Gegensatz zu Rousseau bezeichet er den ursprünglichen Menschen als "selbstsüchtig und gewalttätig" (sein "physischer" Charakter), der durch Amalgamierung mit dem sittlichen eine Art nomologischen Charakter wirken soll.

Der vierte Brief schließlich spricht in hohen und höchsten Tönen recht triviale Einsichten aus: Dass der Staat nicht nur der Vernunft genügen darf, sondern auch die Bedürfnisse der Natur (die Natur der Natur ist die Mannigfaltigkeit) berücksichtigen muss, er soll den "subjektiven und spezifischen Charakter der Individuen" ehren. Der wahre subjektive Geist aber taugt zur Objektivierung - und wenn er zu dieser nicht geeignet noch willens ist, so darf man eine so "feinselige Individualität darnieder treten". Gontscharow hat bereits darauf hingewiesen, dass eine bestimmte Form der Erziehung denn auch ihre Spuren hinterlässt.

In vielem spürt man schon den deutschen Idealismus (Fichte wird explizit erwähnt); so kann ich den Ausdruck "Totalität" nicht lesen, ohne an Hegel denken zu müssen.

lg

orzifar
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 25. Januar 2013, 09.46 Uhr
Mit seinem“ Der-Weg-zur- Freiheit- geht- über- das- Schöne“ propagiert Schiller doch, wie ich bereits andeutete, so etwas wie Kunst statt Revolution. Das war eher nicht im Sinne Marcuses.
Schiller schreibt vom Weg über das Ästhetische zur Freiheit. Ganz ähnlich eben auch Marcuse.

Ja. aber es mutet schon seltsam an, dass für den  Marxisten Marcuse der Weg zur Freiheit über das Ästhetische statt über die Umwälzung der Besitz-und Produktionsverhältnisse(sprich: Revolution) gehen soll.
Deshalb hab ich mir das Büchlein Wege zur Befreiung mal bestellt.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 25. Januar 2013, 11.38 Uhr
Quote from: Autor: orzifar« am: Gestern um 22:27
  In vielem spürt man schon den deutschen Idealismus (Fichte wird explizit erwähnt); so kann ich den Ausdruck "Totalität" nicht lesen, ohne an Hegel denken zu müssen.

Bei dem Wort "Totalität" klingelten auch mir die Ohren...Schiller spricht von Totalität des Charakters (Ende Brief 3), die es (wieder?-)zuerlangen gelte. Im vierten Brief dann beschreibt er, wie ich zu meinem Erstaunen feststellte, soetwas wie Entfremdung (er spricht von Zerstückelung u.ä.) als dem Gegenzustand zur anzustrebenden Totalität.
 
Quote from:  Gontscharow am: 16. Januar 2013, 16.17 Uhr
Schillers Theorie in Kürze: Der zeitgenössische Mensch ist auf der einen Seite verroht, auf der anderen in seinen Fähigkeiten überspezialisiert, zerstückelt, letztlich entfremdet von der „Totalität“ des menschlichen Seins, von Universalität und Humanität.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: orzifar on 25. Januar 2013, 16.47 Uhr
Deshalb hab ich mir das Büchlein Wege zur Befreiung mal bestellt.

Das ich je für Marcuse Werbung machen würde hätte ich mir auch nicht träumen lassen ;). Hoffentlich war's nicht allzu teuer, das Büchlein.

lg

orzifar
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 25. Januar 2013, 18.29 Uhr
Marcuse ... Marcuse ... hm ... lohnen sich, finde ich, beide nicht. Aber das weiss man erst, wenn man sie gelesen hat ... >:D
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 25. Januar 2013, 21.56 Uhr
Hoffentlich war's nicht allzu teuer, das Büchlein.

Antiquarisch 5,-€. Vielleicht stammt es ja aus der Bibliothek eines 68ers, der nach dem langen Marsch durch die Institutionen und anschließender Pensionierung verstorben ist und dessen Erben mit seinen Büchern nichts anfangen können.
 
Marcuse ... Marcuse ... hm ... lohnen sich, finde ich, beide nicht. Aber das weiss man erst, wenn man sie gelesen hat ... >:D

Herbert natürlich. Warum? Ist doch interessant: Klassik meets Kritische Theorie. Wenn’s stimmt.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 25. Januar 2013, 23.27 Uhr
Lohnen m.M.n., wie gesagt, beide nicht. Der Herbert nicht und der Ludwig nicht ...  ;)
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 26. Januar 2013, 10.18 Uhr
Auf den Tag heute vor 215 Jahren übrigens hat Schiller in einem Brief an Goethe die definitive Einstellung der Horen verkündigt. Auch wenn das letzte Heft des Jahres 1797 erst noch erscheinen sollte ...

Cotta hatte schon voriges Jahr nur eben die Kosten wieder, und wollte sie auch noch dieses Jahr so vegetiren lassen, aber ich sah wirklich keine entfernte Möglichkeit sie zu continuiren, weil es uns ganz und gar an Mitarbeitern fehlt auf die man sich verlassen kann, und ich, ohne eigentlichen reellen Geldgewinn, ewige Sorge und kleinliche Geschäfte bei dieser Redaction hatte, wovon ich mich durch einen entschlossenen Schritt befreien mußte.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 26. Januar 2013, 10.22 Uhr
Ist doch interessant: Klassik meets Kritische Theorie.

Aus dem Gedächtnis heraus erkenne ich Übereinstimmungen mit Schiller, z.B. der kritische Blick, mit dem das aufklärerische Denken als rein instrumentelle Vernunft abgehandelt wird. Das erinnert mich daran, dass ich die "Dialektik der Aufklärung" mal wieder lesen könnte. Berichte bitte über Marcuse!

LG

Tom
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 26. Januar 2013, 11.53 Uhr

Quote from: Autor: sandhofer« am: Heute um 10:18 »
Auf den Tag heute vor 215 Jahren übrigens hat Schiller in einem Brief an Goethe die definitive Einstellung der Horen verkündigt.

Ja. Und ist Euch übrigens klar, dass wenn wir in dem Tempo weiterlesen (ein halbes Monatsheft pro Monat) wir das Doppelte  der Erscheinungs-Zeit der real existierenden Horen benötigen werden,…vier Jahre? >:D

Berichte bitte über Marcuse!

Habe den Essay antiquarisch bestellt. Das kann dauern.

Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 26. Januar 2013, 12.54 Uhr
Und ist Euch übrigens klar, dass wenn wir in dem Tempo weiterlesen (ein halbes Monatsheft pro Monat) wir das Doppelte  der Erscheinungs-Zeit der real existierenden Horen benötigen werden,…vier Jahre? >:D

Wenn ... Die ersten paar Hefte sind aber die bei weitem nahrhaftesten. Wir werden später sicher schneller vorankommen.  :angel:
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 26. Januar 2013, 13.36 Uhr
Auf den Tag heute vor 215 Jahren übrigens hat Schiller in einem Brief an Goethe die definitive Einstellung der Horen verkündigt.

Und später in diesem Brief dann noch dies:
Unterdessen habe ich mir mit Niebuhr’s und Volney’s Reise nach Syrien und Ägypten die Zeit vertrieben, und ich rathe wirklich jedem der bei den jetzigen schlechten politischen Aspecten den Muth verliert, eine solche Lectüre; denn erst so sieht man, welche Wohlthat es bei alle dem ist, in Europa geboren zu seyn. Es ist doch wirklich unbegreiflich daß die belebende Kraft im Menschen nur in einem so kleinen Theil der Welt wirksam ist, und jene ungeheuren Völkermassen für die menschliche Perfectibilität ganz und gar nicht zählen. Besonders merkwürdig ist es mir, daß es jenen Nationen und überhaupt allen Nicht-Europäern auf der Erde nicht sowohl an moralischen als an ästhetischen Anlagen gänzlich fehlt. Der Realism, so wie auch der Idealism, zeigt sich bei ihnen, aber beide Anlagen fließen niemals in eine menschlich schöne Form zusammen. Ich hielte es wirklich für absolut unmöglich den Stoff zu einem epischen oder tragischen Gedichte in diesen Völkermassen zu finden, oder einen solchen dahin zu verlegen. (Hervorhebungen von mir)

Damit würde Schiller heute eine Talkshow-Karriere machen.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: orzifar on 26. Januar 2013, 16.16 Uhr
Ja. aber es mutet schon seltsam an, dass für den  Marxisten Marcuse der Weg zur Freiheit über das Ästhetische statt über die Umwälzung der Besitz-und Produktionsverhältnisse(sprich: Revolution) gehen soll.
Deshalb hab ich mir das Büchlein Wege zur Befreiung mal bestellt.

"Das ästhetische Universum ist die Lebenswelt, von der die Bedürfnisse und Fähigkeiten zur Freiheit abhängen; es bedarf ihrer, damit es zu ihrer Befreiung kommt." (H. Marcuse, Versuch über die Befreiung, S. 53). Eine der vielen Stellen, in denen er dieses Konzept zum Ausdruck bringt. M. E. aber weltfremd und verfehlt.

lg

orzifar
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: orzifar on 26. Januar 2013, 16.59 Uhr
Ja. Und ist Euch übrigens klar, dass wenn wir in dem Tempo weiterlesen (ein halbes Monatsheft pro Monat) wir das Doppelte  der Erscheinungs-Zeit der real existierenden Horen benötigen werden,…vier Jahre? >:D

Mir war das von vornherein klar :). Aber ich werde hoffentlich mittelfristig mehr Zeit und Lust haben, in den Horen zu schmökern. Andererseits ist mir eine langsame Leserunde lieber als ein kursorisches "gefällt mir gut" nach je 250 Seiten.

lg

orzifar
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 26. Januar 2013, 19.23 Uhr
"Das ästhetische Universum ist die Lebenswelt, von der die Bedürfnisse und Fähigkeiten zur Freiheit abhängen; es bedarf ihrer, damit es zu ihrer Befreiung kommt." (H. Marcuse, Versuch über die Befreiung, S. 53). Eine der vielen Stellen, in denen er dieses Konzept zum Ausdruck bringt. M. E. aber weltfremd und verfehlt.

Weltfremd ja, aber doch schlüssig, weil das Ästhetische bei Schiller (über Marcuse kann ich nichts sagen) mit dem Moralischen und dem Vernünftigen gekoppelt ist. Das Ästhetische ist somit eine Voraussetzung für das Verstehen von Ungleichgewichten, Ungerechtigkeiten etc. 

Darüber lohnt es sich zumindest ein wenig nachzudenken. 
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: orzifar on 26. Januar 2013, 20.06 Uhr
Weltfremd ja, aber doch schlüssig, weil das Ästhetische bei Schiller (über Marcuse kann ich nichts sagen) mit dem Moralischen und dem Vernünftigen gekoppelt ist. Das Ästhetische ist somit eine Voraussetzung für das Verstehen von Ungleichgewichten, Ungerechtigkeiten etc. 

Umgekehrt wird ein Schuh draus. Ich glaube, dass Ungerechtigkeit, Ungleichgewichte jene Dinge sind, die zuerst für den Menschen spürbar werden - und dass deren Beseitigung eine Voraussetzung ist für die Auseinandersetzung mit dem, was es da an Ästhetischem, an Kunst gibt. Und ich fürchte, dass Philosophen (und Konsorten) "Sosein" und "Sollsein" (in vielleicht bester Absicht) verwechseln.

Freiheit ermöglicht erst den Sinn für Kunst. Freiheit in doppeltem Sinn: Weitgehendes Freisein von ideologischem und materiellem Zwang. Diktaturen sind kein Nährboden für Kunst, Armut ebensowenig. Wenngleich in Diktaturen sich der Wunsch nach Freiheit manchmal in der - scheinbar unverfänglichen - Kunst äußert. Aber hier ist die Kunst bestenfalls Mittel zum Zweck, politische Kunst. Insgesamt aber waren und sind Diktaturen kein Nährboden für das Ästhetische, im Endeffekt gibt es Staatskunst mit ein paar verborgenen politischen Spitzen. Und sowohl linke als auch rechte Diktaturen haben das gleiche, verquere Bild von Kunst: Eine realistische, idealisierende, allem Abstrakten widerstrebende Vorstellung (das Abstrakte ist verdächtig: Man weiß nicht, wie es interpretieren).

Dieses Kunstideal ist aber auch das des civis communis, weshalb man beim Betreten deutscher (und österreichischer) Wohnzimmer üblicherweise mit einer eher hemdsärmeligen Kunstvorstellung konfrontiert wird. Denn selbst in einer weitgehend freien Gesellschaft ist Kunst nichts, womit man Massen locken könnte. Insofern scheinen mir alle diese Theorien vom Primat des Ästhetischen eben einem verqueren Menschenbild geschuldet, das keine Entsprechung besitzt in der Wirklichkeit. Wenn aber überhaupt Kunst gedeihen soll, muss es Freiheit schon geben.

lg

orzifar
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 26. Januar 2013, 23.21 Uhr

Quelle confusion! Sir Thomas erklärt einen isolierten Ausspruch Marcuses, indem er sagt, was Schiller meint, orzifar wiederum nimmt diese Aussage über Schillers/Marcuses Auffassung für Sir Thomas’ eigene Meinung und bezieht die Gegenposition. Was meint Marcuse? Was Schiller? Was hat jener von diesem übernommen? Das müssten wir uns doch erstmal erlesen und erarbeiten, bevor wir diskutieren und dagegen zu Felde ziehen.
Bei dem wenigen, was ich von Schillers Ästhetischer Erziehung und Marcuses Versuch über Befreiung bislang weiß, glaube ich aber sagen zu können: dass für beide das Ästhetische die Spielwiese ist, auf der der Mensch Dinge gedanklich vorwegnehmen, durchspielen, ausprobieren, vorbereiten, Sensibilität entwickeln, das Gefühl für Gerechtigkeit schärfen kann etc., so ähnlich wie Sir Thomas das versucht hat zu beschreiben.
Also z.B.: Ohne Montesquieu, Rousseau, Diderot, d’Alembert etc und ihre Rezipienten  keine Französische Revolution, keine liberte´...!
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: orzifar on 27. Januar 2013, 00.21 Uhr

Quelle confusion! Sir Thomas erklärt einen isolierten Ausspruch Marcuses, indem er sagt, was Schiller meint, orzifar wiederum nimmt diese Aussage über Schillers/Marcuses Auffassung für Sir Thomas’ eigene Meinung und bezieht die Gegenposition. Was meint Marcuse? Was Schiller? Was hat jener von diesem übernommen? Das müssten wir uns doch erstmal erlesen und erarbeiten, bevor wir diskutieren und dagegen zu Felde ziehen.

*lach* - nein, erarbeiten klingt nach Arbeit. Und danach gelüstet es mich mitnichten. Wie ich ja überhaupt weder für Schiller noch für Marcuse Zeit habe und Erziehungsaufgaben nicht an mir vornehmen lasse, sondern viel mehr vornehme. Mit mehr oder weniger Erfolg ;). Außerdem hat mich Gontscharow ohnehin schon als nicht oder schwer erziehbar apostrophiert - und ganz so unrecht dürfte sie damit nicht haben. Denn wenn wir's zu genau nehmen, muss ich mir noch den Marcuse zu Gemüte führen. Ähnlich reizvoll wie eine Nacht im Dschungelcamp. (Stell ich mir zumindest vor ...)

lg

orzifar
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 27. Januar 2013, 12.28 Uhr
Was willst du mit Deinem post sagen? Dass Du nicht mehr mitmachst und ich schuld bin?

Den Marcuse hast Du ins Spiel gebracht ;). Ich dachte, Du kennst den. Jetzt hab ich ihn am Bein. Übrigens habe ich den gesamten Text im Netz entdeckt:http://zinelibrary.info/files/Herbert%20Marcuse-Versuch%20ueber%20die%20Befreiung.pdf  (http://zinelibrary.info/files/Herbert%20Marcuse-Versuch%20ueber%20die%20Befreiung.pdf).Hochinteressant! Da kann man schon mal sehen, dass sich nur ein Kapitel von vieren auf das Ästhetische bezieht, im Gegensatz zu Schilller das Ästhetische nur ein Weg unter und mit anderen ist. Ich warte aber auf das Buch, da ich am Monitor schlecht lesen kann.

Und natürlich ist das Arbeit, Schillers Ästhetische Erziehung zu lesen, daran ist schon mal eine Leserunde gescheitert: http://www.klassikerforum.de/index.php/topic,4172.0.html (http://www.klassikerforum.de/index.php/topic,4172.0.html).
 
Das Schwadronieren über Ungelesenes kostet im übrigen unter Umständen mehr Zeit als das Lesen selbst.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 27. Januar 2013, 14.13 Uhr
http://zinelibrary.info/files/Herbert%20Marcuse-Versuch%20ueber%20die%20Befreiung.pdf  (http://zinelibrary.info/files/Herbert%20Marcuse-Versuch%20ueber%20die%20Befreiung.pdf)

Schade, der Link funktioniert nicht. Bei mir bleibt die Seite leer.

Quelle confusion!

Nein, keine Konfusion. Zumindest bei mir nicht, denn ich habe nur versucht, eine wesentliche Position Schillers noch einmal zu betonen (ohne sie mir zu eigen zu machen). Schillers philosophisch-ästhetische Schriften werden gern belächelt; man ist auch meistens auf der richtigen Seite, wenn man ihm Weltfremdheit etc. bescheinigt. Das mag ja sogar stimmen, aber:

... dass ... das Ästhetische die Spielwiese ist, auf der der Mensch Dinge gedanklich vorwegnehmen, durchspielen, ausprobieren, vorbereiten, Sensibilität entwickeln, das Gefühl für Gerechtigkeit schärfen kann etc.

ist für mich eine legitime, wenn auch empirisch nicht belegbare, Einstellung zur conditio humana.

LG

Tom
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 27. Januar 2013, 14.28 Uhr
Insofern scheinen mir alle diese Theorien vom Primat des Ästhetischen eben einem verqueren Menschenbild geschuldet, das keine Entsprechung besitzt in der Wirklichkeit. Wenn aber überhaupt Kunst gedeihen soll, muss es Freiheit schon geben.

Dem ist aus heutiger Sicht kaum zu widersprechen. Es wird aber imho Schiller nicht gerecht, der zutiefst durchdrungen war von der idealisierten Welt der Antike und von der Idee, um den Menschen sei es so schlecht nicht bestellt, wenn er sich durch das Schöne pazifizieren ließe. Eine solche "Utopie" lasse ich mir jedenfalls eher gefallen als die Schimären einer klassenlosen Gesellschaft oder eines Paradieses nach dem Tod.   
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: orzifar on 27. Januar 2013, 14.48 Uhr
Was willst du mit Deinem post sagen? Dass Du nicht mehr mitmachst und ich schuld bin?

Natürlich :). Im Ernst: Ich wollte damit nur ausdrücken, nicht mehr den ganzen Marcuse lesen zu wollen.
 
Das Schwadronieren über Ungelesenes kostet im übrigen unter Umständen mehr Zeit als das Lesen selbst.

Naja, das macht nichts. Der Weg, das Ziel ... ;). Zu allem anderen frühesten zur nachmitternächtlichen Stunde.

lg

orzifar
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 27. Januar 2013, 19.36 Uhr
Hallo!

Etwas Technisches:

http://zinelibrary.info/files/Herbert%20Marcuse-Versuch%20ueber%20die%20Befreiung.pdf  (http://zinelibrary.info/files/Herbert%20Marcuse-Versuch%20ueber%20die%20Befreiung.pdf)

Schade, der Link funktioniert nicht. Bei mir bleibt die Seite leer.

Das ist ein pdf-Dokument von über 120 Seiten. Vielleicht dauert die Ladezeit einfach nur lange? Aber ich werde den Marcuse jetzt auch nicht lesen.

Ja. Und ist Euch übrigens klar, dass wenn wir in dem Tempo weiterlesen (ein halbes Monatsheft pro Monat) wir das Doppelte  der Erscheinungs-Zeit der real existierenden Horen benötigen werden,…vier Jahre? >:D

Mir war das von vornherein klar :). Aber ich werde hoffentlich mittelfristig mehr Zeit und Lust haben, in den Horen zu schmökern. Andererseits ist mir eine langsame Leserunde lieber als ein kursorisches "gefällt mir gut" nach je 250 Seiten.

Ich hatte mir - der Wunsch einer Dame ist mir Befehl  :angel: - dann gestern sogar noch die Zeit genommen, das erste Stück zu Ende zu lesen. Nun komme ich aber heute nicht mehr dazu, etwas Substantielleres zu posten, als dass - wenn man gleich von der "Ästhetischen Erziehung" in die "Unterhaltungen" wechselt - auffällt, wie komponiert der erste Teil wirkt. Nachdem Schiller gerade noch ein vorsichtiges Lob der Umwälzungen in Frankreich angestimmt hat, zumindest die Notwendigkeit einer Veränderung und Verbesserung festgehalten, kommt nun Goethe und im ersten Abschnitt lobt der gleich die gute, alte Zeit.

Im übrigen fällt mir einmal mehr auf, was für einen schlechten und umständlichen Stil Goethe seit dem Werther entwickelt hat. Stilistisch sind die Unterhaltungen keineswegs ein Freude zum Lesen.

Fichtes Text scheint ein bisschen aus seiner philosophischen Küche zu stammen. Der Abfall, der beim Zurüsten seiner Wissenschaftslehre abgefallen ist ...

Grüsse

sandhofer
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: orzifar on 28. Januar 2013, 01.53 Uhr
Dem ist aus heutiger Sicht kaum zu widersprechen. Es wird aber imho Schiller nicht gerecht, der zutiefst durchdrungen war von der idealisierten Welt der Antike und von der Idee, um den Menschen sei es so schlecht nicht bestellt, wenn er sich durch das Schöne pazifizieren ließe. Eine solche "Utopie" lasse ich mir jedenfalls eher gefallen als die Schimären einer klassenlosen Gesellschaft oder eines Paradieses nach dem Tod.   

Mir ging es weniger darum, was denn erstrebenswert, wünschenswert scheint, sondern darum, ob es sich bei dieser Konzeption um eine realistische handelt. Über die Kunst und das Ästhetische zur Freiheit (zum Leben - wie auch immer) - dagegen ist nichts zu sagen. Ich glaube nur, dass all jene, die diesen Weg ernsthaft begehen (wollen), ein Menschenbild ihr eigen nennen, das in der Wirklichkeit keine Entsprechung besitzt. Das scheint noch offenkundiger, wenn ein marxistischer Denker wie Marcuse (dem ja das Proletariat ein Anliegen ist) eine solche Strategie verficht, weniger bei Schiller. (Dem ich - wie schon eingangs erwähnt - aber auch seine ganzen hehren und hohen Ideale nicht wirklich abnehme: Wie schon erwähnt ist gegen eine pekuniär absichernde Hochzeit nichts einzuwenden, sie ist nur dann ein wenig erstaunlich und bedenkenswert, wenn theoretisch so ganz andere Ideale vertreten werden. Will sagen: Ich traue auch Schillers idealem Pathos nur bedingt.)

Utopien müssen m. E. auch hinsichtlich ihrer Möglichkeit einer (wenn auch nur ansatzweisen) Verwirklichung betrachtet werden, ansonsten sind es bloße Schimären. Dass über das Ästhetische zur Freiheit, zum Menschsein gelangt werden kann, scheint mir eine solche zu sein. Kunst blüht dort, wo diese Voraussetzungen schon gegeben sind: Etwa in der Zeit des l'art pour l'art, als die relativ sorgenfreien Söhne und Töchter der Gründerzeiteltern nicht bloß an wirtschaftlichen Dingen Interesse fanden, sondern ihre Energie in Kunst und Philosophie erschöpften.

@ Gontscharow: Ob ich Marcuse "kenne", weiß ich nicht (würde mich das aber bei kaum einem Philosophen zu behaupten trauen). Zum Versuch der Befreiung ein bisschen was hier (http://litteratur.ch/SMF/index.php?topic=567.0). Ist ja erst kaum ein halbes Jahr her (und wurde von dir noch als "verstaubt" apostrophiert ;)). Empfehlen würde ich ihn niemandem, man fühlt sich allein durch die Sprache schon zu sehr an SED-Parteitagsreden erinnert.

lg

orzifar
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 28. Januar 2013, 10.57 Uhr
Insofern scheinen mir alle diese Theorien vom Primat des Ästhetischen eben einem verqueren Menschenbild geschuldet, das keine Entsprechung besitzt in der Wirklichkeit. Wenn aber überhaupt Kunst gedeihen soll, muss es Freiheit schon geben.

Dem ist aus heutiger Sicht kaum zu widersprechen.

Doch! Man denke etwa an den Sklaven Äsop und seine Fabeln. Oder generell daran, dass Kunst und Phantasie  subversiv sind , sein können oder müssen, dass sie Entwicklungen beschleunigen und vorantreiben (können) und nicht nur dekorative Sahnehäubchen auf einer befriedeten freien( als hätt’s die je gegeben) Gesellschaft sind! Ich behaupte mal, dass das beste, was es an Kunst gibt, aus dem Leiden an bestehenden Verhältnissen, gesellschaftlichen Widersprüchen und Zwängen entstanden ist und wiederum darauf zurückgewirkt hat …
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: orzifar on 28. Januar 2013, 18.04 Uhr
Hallo!

Auch auf die Gefahr hin, weiteres Namedropping zu betreiben: Während ich noch gestern meine Antwort auf Thomas' Posting schrieb, fiel mir auf (und ein), dass das, was er implizit als Konzept ausgesprochen hat und von mir der Verwirklichung wegen kritisiert worden ist, bereits bei Ernst Bloch explizit formuliert wurde (im "Geist der Utopie", noch mehr im "Prinzip Hoffnung"). Bloch definiert ja seine "Hoffnung" als eine unerreichbare, eine Vision, die nur dann ihre Funktion für ein "Leben der Gegenwärtigkeit" erfüllen kann, wenn sie eben Vision bleibt, weil sie ansonsten der von Bloch verachteten Kategorie des Vergangenen anheim fällt. Und dieser Vision wird Ausdruck verliehen durch die Kunst.

Doch! Man denke etwa an den Sklaven Äsop und seine Fabeln. Oder generell daran, dass Kunst und Phantasie  subversiv sind , sein können oder müssen, dass sie Entwicklungen beschleunigen und vorantreiben (können) und nicht nur dekorative Sahnehäubchen auf einer befriedeten freien( als hätt’s die je gegeben) Gesellschaft sind! Ich behaupte mal, dass das beste, was es an Kunst gibt, aus dem Leiden an bestehenden Verhältnissen, gesellschaftlichen Widersprüchen und Zwängen entstanden ist und wiederum darauf zurückgewirkt hat …

Dass Kunst häufig aus solchen Widersprüchen, Reibungspunkten mit einer als wenig zufriedenstellenden gesellschaftlichen Wirklichkeit entsteht, mag durchaus stimmen. Aber es muss auch den Freiraum geben, sich mit diesen Widersprüchen künstlerisch auseinanderzusetzen. (Extremes Beispiel: In Nordkorea vermag diese Kunst nicht zu entstehen, es bedürfte es eines Mindestmaßes an Freiheit. Dann kann sie ihre subversive Kraft entfalten. Auch die NS-Zeit war nicht gerade reich an künstlerischem Schaffen.) Außerdem glaube ich nicht, dass alle Kunst nur aus diesem Widerstand entsteht: Das scheint mir eine eher die verkürzte Vorstellung desjenigen zu sein, der ab und an Tagebuch schreibt und dies vor allem dann, wenn es ihm schlecht geht. Kunst kann durchaus auch etwas Affirmatives beinhalten. Ich glaube, dass sich der Künstler zum Teil gerade darin von anderen unterscheidet, dass ihm Kunst ein immer währendes Bedürfnis ist. Und Kunst entsteht und entstand häufig im Schutze des Mäzenatentums, Kunst als ein Minderheitenprogramm bedarf dieses Schutzes noch heute. Ansonsten sucht man im Musikantenstadl den Superstar, schickt ihn ins Dschungelcamp, um anschließend den Raab mit ihm totzuschlagen. Oder so ...

lg

orzifar
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 28. Januar 2013, 19.05 Uhr
Während ich noch gestern meine Antwort auf Thomas' Posting schrieb, fiel mir auf (und ein), dass das, was er implizit als Konzept ausgesprochen hat und von mir der Verwirklichung wegen kritisiert worden ist, bereits bei Ernst Bloch explizit formuliert wurde (im "Geist der Utopie", noch mehr im "Prinzip Hoffnung").

Ihr kommt hier mit Sachen um die Ecke: erst Marcuse, jetzt Bloch! Letztgenannter dürfte dabei eher auf meiner Wellenlänge unterwegs ein. Ich merke ihn mal vor.

Womit mal wieder bewiesen ist: Bücher führen zu Büchern, die zu Büchern führen ...
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 28. Januar 2013, 19.45 Uhr
Bloch finde ich um einiges interessanter. Aber heute komme ich zu gar nix, sorry.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: orzifar on 28. Januar 2013, 21.48 Uhr
Bloch finde ich um einiges interessanter. Aber heute komme ich zu gar nix, sorry.

Ich zweifle an mir :). Wenigstens vermag ich für jene Philosophen, die mir am Herzen liegen, kaum Interesse zu erwecken, hingegen für die von mir mit Skepsis betrachteten sehr wohl. Wäre mein missionarischer Eifer größer, ich müsste Inhalt und Form meiner Beiträge überdenken.

lg

orzifar
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 29. Januar 2013, 19.36 Uhr
 ;D
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 29. Januar 2013, 19.54 Uhr
Fichtes Text scheint ein bisschen aus seiner philosophischen Küche zu stammen.

Der "Trieb nach der Wahrheit" ist schon ein wenig abenteuerlich, gell? Und dann diese Supererkenntnis: Der Mensch soll einig mit sich selbst sein; er soll ein eignes, für sich bestehendes Ganzes bilden. Nur unter dieser Bedingung ist er ein Mensch. Ein bisschen Kant (Handle so, dass die Art deines Handelns, deinem besten Wissen nach, ewiges Gesetz für alles dein Handeln sein könne), eine Prise Schiller (Freiheit als Losreißen aus den Ketten der Notwendigkeit) sowie ein Schuss Materialismus (Der Mensch ist von Natur ein vorstellendes Wesen, aber er ist durch sie auch nichts weiter. ... Sein Geist ist eine Maschine, wie sein Körper; nur eine Maschine anderer Art, eine vorstellende Maschine, bestimmt durch die Einwirkung von außen, und durch seine notwendigen Naturgesetze von innen): fertig ist die krude Mixtur, die das menschliche Interesse an der Wahrheit beleben und fördern soll (zumindest laut Überschrift).

Ergo: Ein weiteres Tief nach den recht misslungenen Goetheschen "Unterhaltungen ...". So darf es im nächsten Heft auf gar keinen Fall weitergehen. 
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 30. Januar 2013, 10.56 Uhr

Quote from: Autor: Sir Thomas« am: Gestern um 19:54 »
...nach den recht misslungenen Goetheschen "Unterhaltungen ...".

Wieso „misslungen“?
In den Unterhaltungen verarbeitet Goethe zeitnah(!) eins der prägendsten Erlebnissse seines Lebens: die Belagerung der Stadt Mainz (Mainzer Republik!) im Jahre 1793, an der er als Adlatus seines Weimarer Herzogs in den Reihen der Koalitionsarmeen teilgenommen hat… Nach vier Monaten Belagerung gaben die Franzosen auf. Damit war der erste deutsche Demokratieversuch gescheitert, die deutschen Jakobiner, die "Klubisten" ( auch Georg Forster ist unter ihnen) wurden verfolgt, z. T. gelyncht, (Goethe war Zeuge), die alte Ordnung, der Kurfürst zog wieder ein. Das ist der Hintergrund der Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten. Sie spielen vor und während der Belagerung und handeln von einer adligen Großfamilie, die infolge des ersten Koalitionskrieges von ihrem linksrheinischen Stammsitz geflohen ist und nun auf einem ihrer rechtsrheinischen Besitzungen das Ende des Krieges abwartet. Der Jugendfreund der verwitweten Baronesse, ein Geheimrat, der zu Gast ist, und ihr Neffe Karl geraten immer wieder aus politischen Gründen aneinander, bis der Streit eskaliert, der Geheimrat die Mainzer Clubbisten gehängt, Karl die Reaktionäre guillotiniert sehen möchte, woraufhin der Geheimrat mit Frau und Tochter zum Bedauern der Baronesse das Haus verlässt. Schon immer auf Ausgleich und Harmonie bedacht, verhängt sie jetzt mit Zustimmung der Beteiligten, selbst des "Jakobiners" Karl, soetwas wie ein Politisierungsverbot, um das gesellige Leben zu retten. Der alte Hausfreund, ein Geistlicher, outet sich als Geschichtensammler und -erzähler und erklärt sich bereit,  die Gesellschaft durch  unverfängliche Geschichten zu unterhalten. (Unterhaltungen bekommt einen ganz neuen Sinn). Bevor er noch mit der ersten Geschichte beginnt, endet die Sequenz!
Die Erzählsituation, die Goethe hier vorbereitet hat, entspricht der des Decamerone, wo junge Adlige, die  vor der Pest aus Florenz geflohen sind, sich auf einem Landgut die Zeit mit Geschichten-Erzählen vertreiben. Goethe kommt mit dieser Erzählung auch dem Gebot der Vorrede nach, Politik außen vor zu halten und er knüpft (freilich auf niedrigerem Niveau) spöttisch (?)an die Ästhetische Erziehung an, indem er Kunst statt Politik bietet….
Ich jedenfalls bin gespannt , ob die Erzählungen das Gespenst der Revolution vertreiben können!
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 30. Januar 2013, 12.00 Uhr

Quote from: Autor: Sir Thomas« am: Gestern um 19:54 »
...nach den recht misslungenen Goetheschen "Unterhaltungen ...".

Wieso „misslungen“?

Weil ich das Ganze langweilig und gestelzt finde. Selbst der dramatischste Hintergrund hilft da nichts - und auch dies

Die Erzählsituation, die Goethe hier vorbereitet hat, entspricht der des Decamerone

ist zwar richtig, aber auch kein Zeichen für Qualität.

Sorry, aber Goethes Prosa ist vielfach nicht nach meinem Geschmack.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 30. Januar 2013, 14.20 Uhr

Quote from: Autor: Sir Thomas« am: Gestern um 19:54 »
...nach den recht misslungenen Goetheschen "Unterhaltungen ...".

Wieso „misslungen“?

Weil ich das Ganze langweilig und gestelzt finde. Selbst der dramatischste Hintergrund hilft da nichts - und auch dies

Die Erzählsituation, die Goethe hier vorbereitet hat, entspricht der des Decamerone

ist zwar richtig, aber auch kein Zeichen für Qualität.

Sorry, aber Goethes Prosa ist vielfach nicht nach meinem Geschmack.

Ich halte Gefühlsnuancen wie „finde ich langweilig, gestelzt "und"nicht nach meinem Geschmack“ nicht für Qualitätskriterien. Auch die Ästhetische Erziehung finden viele gestelzt, langweilig und nicht nach ihrem Geschmack.
Aber davon mal abgesehen, ich lese die Horen nicht, um mich an hochwertiger Prosa zu erfreuen. Ein Blick auf die Beiträge genügt, um mir als heutigem Leser zu signalisieren, dass in den Horen nicht die absoluten High-lights unserer Klassiker versammelt sind. Sondern ich lese sie, weil mich die Zeitschrift als  Veranstaltung interessiert, als der Versuch, wie sich für mich immer mehr herausstellt, in Zeiten allgemeiner Verunsicherung, (wie die Baronesse) die Contenance zu bewahren ;D, angesichts revolutionärer und reaktionärer Umstürze  eine Gelehrten- und Dichterrepublik auf dem Papier zu installieren … Die Ereignisse um die Belagerung von  Mainz wiurden von mir auch nicht erwähnt, um den faden Lesestoff zu würzen, sondern um zu zeigen, welcher biographisch historische Stoff hier künstlerisch seinen Niederschlag findet.

Quote from:  Sir Thomas, daselbst
Die Erzählsituation, die Goethe hier vorbereitet hat, entspricht der des Decamerone

ist zwar richtig, aber auch kein Zeichen für Qualität.

Wurde auch nicht deshalb erwähnt, vielmehr deshalb: Goethe erzählt hier quasi im Schutze altbewährter Tradition (ob dieser betuliche Konservativismus opportunistisch, ironisch, oder sonst was ist, weiß ich nicht)

„Misslungen“ klingt für mich immer so, als habe sich da jemand etwas vorgenommen und das nicht erreicht. Das ist hier mMn nicht der Fall. Goethe scheint im Gegenteil mit seinen Unterhaltungen so etwas wie die Schaffung einer Puppe in der Puppe ( ein politikfreier Erzähl- Raum im politikfreien Raum der Horen) gelungen.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: orzifar on 30. Januar 2013, 17.08 Uhr
Hallo,

ich kann nur mit Bedauern feststellen, dass ich unendlich weit nachhinke (in Schillers 6. Brief) und meine ab- und ausschweifenden Beiträge leider nur cum tempore absetzen kann.

lg

orzifar
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 30. Januar 2013, 19.59 Uhr
Hallo!

Zu den Wahlverwandtschaften: Wird in der Folge besser, aber der erste Teil (von dem wir hier reden) zeigt, dass Prosa-Stil Goethes Ding nicht war. Zu sehr klingt da der Verwaltungs-Apparatschik durch ...

Grüsse

sandhofer
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 30. Januar 2013, 20.26 Uhr
Zu den Wahlverwandtschaften: Wird in der Folge besser, aber der erste Teil (von dem wir hier reden) ...

Ich dachte wir reden über die "Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten" ...  ;D
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: orzifar on 31. Januar 2013, 01.24 Uhr
Hallo!

Schillers Lobgesang auf das Griechentum ist auch so eine Sache: Die offenkundige Idealisierung eines Zustandes, den es politisch gerade mal für die paar hunderttausend Athener während der Zeit des Perikles gab, im Anschluss massakrierte man sich fröhlich gegeneinander (Sparta), untereinander (Dikatur der 30), brachte seinen berühmtesten Philosophen um die Ecke usf. Trotzdem sieht Schiller in jener Zeit die "Totalität" von Denken und Gefühl verwirklicht, beklagt das gegenwärtige, sophistische Zeitalter (das haben auch schon die Athener getan und ist wohl eine der Dauerklagen der Geistesgeschichte) und sucht da irgendwas zu amalgamieren und zu versöhnen, indem er die Ökonomie, die Formelhaftigkeit, die Wissenschaft einer Verkümmerung des "wahren" Lebens (was immer das ist), anklagt. Klagen, die man zu jeder Zeit hörte, im hier und jetzt genauso wie zu Nietzsches oder Heideggers Zeiten. Das Ergebnis solcher Ansichten ist eine Goethesche Physik, die zwar falsch, aber ästhetisch ist.

lg

orzifar
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 31. Januar 2013, 09.22 Uhr
Schillers Lobgesang auf das Griechentum ...

Ich schätze, dieses Lob geht auf die damals nicht nur von Schiller, sondern auch von Goethe bibelhaft verehrte Schrift "Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst" von J.J. Winckelmann zurück (erschienen 1755 oder 1756). Das ist eigentlich ein recht dürftiges Traktat, in dem aber Sätze stehen wie "Der gute Geschmack, welcher sich mehr und mehr durch die Welt ausbreitet, hat sich angefangen zuerst unter dem griechischen Himmel zu bilden. ... Der Einfluss eines sanften und reinen Himmels wirkte bei der ersten Bildung der Griechen, die frühzeitigen Leibesübungen aber gaben dieser Bildung die edle Form. ... Das allgemeine vorzügliche Kennzeichen der griechischen Meisterstücke ist endlich eine edle Einfalt und eine stille Größe, sowohl in der Stellung als im Ausdruck. So wie die Tiefe des Meeres allezeit ruhig bleibt, die Oberfläche mag noch so wüten, ebenso zeigt der Ausdruck in den Figuren der Griechen bei allen Leidenschaften eine große und gesetzte Seele." 

Seltsam, dass Winckelmann die später so genannten "Klassiker" derart beflügeln konnte ...
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: orzifar on 31. Januar 2013, 19.27 Uhr
Ich schätze, dieses Lob geht auf die damals nicht nur von Schiller, sondern auch von Goethe bibelhaft verehrte Schrift "Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst" von J.J. Winckelmann zurück (erschienen 1755 oder 1756). Das ist eigentlich ein recht dürftiges Traktat, in dem aber Sätze stehen wie "Der gute Geschmack, welcher sich mehr und mehr durch die Welt ausbreitet, hat sich angefangen zuerst unter dem griechischen Himmel zu bilden. ... Der Einfluss eines sanften und reinen Himmels wirkte bei der ersten Bildung der Griechen, die frühzeitigen Leibesübungen aber gaben dieser Bildung die edle Form. ... Das allgemeine vorzügliche Kennzeichen der griechischen Meisterstücke ist endlich eine edle Einfalt und eine stille Größe, sowohl in der Stellung als im Ausdruck. So wie die Tiefe des Meeres allezeit ruhig bleibt, die Oberfläche mag noch so wüten, ebenso zeigt der Ausdruck in den Figuren der Griechen bei allen Leidenschaften eine große und gesetzte Seele." 

Seltsam, dass Winckelmann die später so genannten "Klassiker" derart beflügeln konnte ...

Eine kritische Sozialgeschichtsschreibung hat es im 18. Jahrhundert kaum gegeben: Kritik bezeichnete vielmehr die originale textliche Rekonstruktion verschiedener Werke (die ars critica war Editionskritik). An der Auseinandersetzung mit dem "realen" Griechentum war den Klassikern wenig gelegen: Ansonsten hätte ihre Schwärmerei ein schnelles und baldiges Ende gefunden. So wunderbar und fast sensationell das Auftreten des griechischen Geistes in der Geschichte auch war (denn die Leistungen eines Platon oder Aristoteles - oder auch der Naturphilosophen - angesichts der Tatsache, dass sie sich auf keine Vorgänger berufen konnten, sind mehr als großartig, tatsächlich als fast "wunder"-voll zu bezeichnen), so wenig geben sie Anlass, jene Zeit zu idealisieren. Das Ideale der Zeit ist einzig immer ihre Vergangenheit: Die Romantiker erkoren sich das Mittelalter als goldenes Zeitalter und auch die Gegenwart ist von solchen Idealisierungen nicht frei. Und das Ideale ist in die Vergangenheit gerichtetes Wunschdenken, einer Unzufriedenheit mit der Gegenwart geschuldet: Indem man Positives herausstreicht, Negatives ignoriert, bekommt alles Vergangene jene ideale Patina, die jeden Ältergewordenen von seiner (oder "der") Vergangenheit schwärmen lässt.

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In Brief sieben schließlich wird von der Tatsache des unvollkommenen Menschen auf die Unmöglichkeit einer Staatsveränderung geschlossen, die da schon des ganzen Menschen bedürfe. Das ist kennzeichnend für Utopien aller Art: Man entwirft sich ein (mehr-weniger ideales) Menschenbild und bringt es in Übereinstimmung mit einem ebensolchen Staat. Das Kuriose daran: Dass dieser ideale Mensch des Staates gar nicht mehr bedürftig wäre, denn dieser ist in seinem verschiedenen Ausprägungen immer darauf ausgerichtet, den durchaus nichtidealen Menschen ein einigermaßen gedeihliches Zusammenleben zu garantieren. Oder anders ausgedrückt: Strafgesetze und Reglementierungen sind nur dort vonnöten, wo man davon ausgehen kann, dass sich Menschen nicht ideal verhalten. Eine Strafandrohung wegen Mordes hat nur Sinn, wenn es einen Mörder gibt.

Wenn also Schiller jede Staatsveränderung für schimärisch erklärt, "biß die Trennung in dem innern Menschen wieder aufgehoben und die Natur vollständig genug entwickelt ist, um selbst Küntlerinn zu seyn", so wartet er im Grunde mit der Änderung so lange zu, bis diese nicht mehr notwendig ist. Andere Konzeption (wie etwa im Marxismus) entwerfen ebenfalls ein bestimmtes Menschenbild und zeigen, nachdem sie dieses Bild für richtig erklärt haben, wie der entsprechende Gesellschaftsentwurf aussehen muss. Allerdings krankt es bereits am "richtigen" Menschenbild.

lg

orzifar
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 31. Januar 2013, 20.33 Uhr

Quote from: Autor: orzifar« am: Heute um 19:27 »
Wenn also Schiller jede Staatsveränderung für schimärisch erklärt, "biß die Trennung in dem innern Menschen wieder aufgehoben und die Natur vollständig genug entwickelt ist, um selbst Küntlerinn zu seyn", so wartet er im Grunde mit der Änderung so lange zu, bis diese nicht mehr notwendig ist.

Ja! Das ist genau der Punkt. Deshalb war ich ja so erstaunt, dass Marcuse die Ästhetische Erziehung zum Vorbild für seinen Versuch über Befreiung genommen haben soll! Ich werde zu gegebener Zeit berichten, inwieweit das der Fall ist und  ob für den Marxisten Marcuse die Revolution ebenfalls obsolet wird …

Wo wir gerade dabei sind:
 
Quote from:  sandhofer,«  am: 27. Januar 2013, 19.36 Uhr »
Nachdem Schiller gerade noch ein vorsichtiges Lob der Umwälzungen in Frankreich angestimmt hat, zumindest die Notwendigkeit einer Veränderung und Verbesserung festgehalten, kommt nun Goethe ….

An welchen Textstellen (aus dem 7./8. Brief) machst du das fest? Das hatte ich schon gleich fragen wollen....
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: orzifar on 01. Februar 2013, 03.20 Uhr
Hallo!

In Brief acht relativiert Schiller erstmals: Er sieht, dass es der großen Menge an den materiellen Voraussetzungen gebricht, sich dem Hohen, Geistigen zuzuwenden, dass man von jemandem, der sich den ganzen lieben Tag mit dem Broterwerb quält, nicht gut hochfliegende Gedanken erwarten darf. Die anderen hingegen nimmt er in die Pflicht, die "Wahrheit" zu erkennen. Und spricht ein großes Wort gelassen aus, da ihm offensichtlich nicht jene philosophisch-logische Wahrheit vorschwebt, die einzig Urteilen vorbehalten ist, sondern etwas, das man mit dem "Richtigen, Guten, Schönen" umschreiben kann. Hier aber spießt sich's: Denn wir werden kaum eine Definition finden, bei denen auch nur zwei Menschenkinder völlig einverstanden sind - geschweige denn die ganze Menschheit. Es mag nun ein wenig kleinlich erscheinen, dies zu kritisieren: Allerdings sind es gerade diese ungenauen, schwammigen Begriffe, die jeder nach Gutdünken interpretieren und mit Gehalt füllen kann, die schließlich und endlich zu großen Auseinandersetzungen führen. Wie Schiller gerade mit solchen Ausdrücken inflationär umgeht: Denn es ist nicht nur von Wahrheit die Rede, auch von Kraft und Geist und Wille - und häufig nicht in ihrem überkommenen Sinne des Alltagsgebrauchs, sondern idealistisch überhöht.

Im neunten Brief schließlich erfahren wir die Auflösung, wie Schiller sich sich die Reinigung der Menschheit vorstellt: Über die Kunst. (Damit wird aber implizit schon jener große Haufe ausgeschlossen, der noch immer mit Erwerbsarbeit beschäftigt ist und dem der Sinn mehr nach Brot als nach Kunst steht.) Und Kunst soll sich am Griechentum bilden, soll nach "Wahrheit" streben, nach Gleichgültigkeit der Meinung und --- naja, einfach herzerhebend pathetisch, wie Schiller den kreißenden Künstler nebst der Frucht seiner Lenden allem Irdischen entrückt. Nungut - soll sein. Die "schamhafte Stille des Gemüts" erzieht die siegende Wahrheit zur Schönheit, aber man soll nach Schiller nicht bloß die Wahrheit erziehen, sondern gleich - in einem Aufwischen - den Zeitgenossen das bieten, wessen sie bedürfen (und wahrscheinlich - unbewusst - lechzen). Wenn die Kunst aber diesen pädagogischen Aspekt sich zu eigen macht, wird schon wieder irgendwas in mir renitent: Von einem reimenden Tugendbolzen den Sinn zur Schönheit eingetrichtert zu bekommen, ist mein herzinnigster Wunsch mitnichten. Diese "bildende Hand" zu spüren (die sich da gar noch an meinem Müßiggang zu schaffen macht) - da ist des Grauens kein Ende im orzifarschen Gemüte. Schillersche Sprache ist schon schwerer Tobak ;).

@ Gontscharow: Marcuse hat an der Revolution nur theoretisch festgehalten, er hat wohl gegen Ende seines Lebens die "revolutionäre Tat" selbst für eine Utopie gehalten. Denn eines hat er zumindest erkannt: Der Arbeiter des kaptitalistischen Systems ist derart in dasselbe integriert, dass er zu einem Verfechter des Systems und Gegner der Proteste geworden war. Insgesamt scheint mir aber in diesen Äußerungen deutlich zu werden, dass Marcuse sich zu einem Zeitpunkt der marxistischen Utopie bediente, zu dem viele ihrer Begriffe (wie etwa der einer hermetischen Arbeiterklasse oder der des Kapitalismus) längst obsolet geworden waren bzw. einer Neudefinition beduft hätten.

lg

orzifar

Nun zu Goethes Migranten: Obwohl ich gerne ein wenig Pause machen würde. Aber mein Rückstand ist groß ...
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 01. Februar 2013, 11.45 Uhr
... mein Rückstand ist groß ...

Mich wirst Du bald einholen, weil ich eine Pause einlege, bevor ich das zweite Heft angehe.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 02. Februar 2013, 19.39 Uhr
Wo wir gerade dabei sind:
 
Quote from:  sandhofer,«  am: 27. Januar 2013, 19.36 Uhr »
Nachdem Schiller gerade noch ein vorsichtiges Lob der Umwälzungen in Frankreich angestimmt hat, zumindest die Notwendigkeit einer Veränderung und Verbesserung festgehalten, kommt nun Goethe ….

An welchen Textstellen (aus dem 7./8. Brief) machst du das fest? Das hatte ich schon gleich fragen wollen....

Z.B. der dritte Abschnitt von Brief 8 ("Der Charakter der Zeit..."), den ich  so interpretiere, dass die Ereignisse in Frankreich zwar schrecklich, aber irgendwie halt doch nötig sind. Aber ich gebe zu, dass Schillers Reaktion auf die Exzesse der Französischen Revolution im Grossen und Ganzen die einer Abwehr ist.  :hi:
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 03. Februar 2013, 09.43 Uhr
Hallo zusammen!

Kleiner Selbstversuch: Was bleibt mir als wichtig in Erinnerung, wenn ich die Horen als Periodikum lese und nach einem Monat etwas Kurzes darüber schreiben will:

http://blog.litteratur.ch/WordPress/?p=3080

Grüsse

sandhofer
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 03. Februar 2013, 15.03 Uhr

Z.B. der dritte Abschnitt von Brief 8 ("Der Charakter der Zeit..."), den ich  so interpretiere, dass die Ereignisse in Frankreich zwar schrecklich,..

Meinst du nicht  Brief 7? Dessen 3. Abschnitt beginnt mit ... "Der Charakter der Zeit..."

Hallo zusammen!

Kleiner Selbstversuch: Was bleibt mir als wichtig in Erinnerung, wenn ich die Horen als Periodikum lese und nach einem Monat etwas Kurzes darüber schreiben will:

http://blog.litteratur.ch/WordPress/?p=3080

Grüsse

sandhofer

Sehr schön Dein  Fazit! Ich würde die Akzente etwas anders setzen, vielleicht tu ich das noch…
Sind kritische Anmerkungen erlaubt?

Quote from: sandhofer
Eigentlich politische Beiträge sollen verpönt sein. Was angesichts der Zensur in den verschiedenen deutschen Staaten sicher keine schlechte Idee war

Das sagst du so leicht hin. Eine strenge politische Zensur wie nach den Karlsbader Beschlüssen gab’s ja selbst in Preußen noch nicht. Der Herzog von Sachsen-Weimar gab eher väterliche Miss-bzw. Beifallsbekundungen von sich, z. B. zur „Freizügigkeit" der  Römischen Elegien, auf die ich mich schon freue. Ich glaube, die Schere war schon vorauseilend im Kopf.

Quote from:  sandhofer
Schiller legt gleich zu Beginn in einer Fussnote beträchtlichen Wert darauf, dass diese Briefe wirklich als Briefe versandt wurden an irgendein regierendes Haus in Deutschland

Die Briefe zur ästhetischen Erziehung sind hervorgegangen aus den Augustenburger Briefen an den dänischen Erbprinzen Friedrich Christian von Augustenburg, quasi als Dank für die Gewährung einer Pension für drei Jahre, was von Seiten des Mäzens sehr nett war, aber für mich ein seltsames Licht auf die ÄE wirft.

Quote from: sandhofer
Im übrigen laviert Schiller zwischen einer Verurteilung und einer Apologie der Französischen Revolution.

Die Apologie sehe ich nicht.

Quote from: sandhofer
Auch in seiner, Goethes, Rahmenhandlung flieht ein Gruppe von Personen – nicht vor der Pest, sondern vor dem Einfall des französischen Revolutionsheeres in Mainz.

 ;D  Verkürzte Darstellung. Im Hintergrund der Unterhaltungen dräuen im übrigen eigentlich weniger die bösen Franzosen als eine deutsche revolutionäre Entwicklung....Geheimrat u. Carl streiten darüber, ob die Mainzer Republikaner Verräter oder Befreier sind!






Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 03. Februar 2013, 19.28 Uhr
Meinst du nicht  Brief 7? Dessen 3. Abschnitt beginnt mit ... "Der Charakter der Zeit..."

Doch, meinte ich ...

Das sagst du so leicht hin. Eine strenge politische Zensur wie nach den Karlsbader Beschlüssen gab’s ja selbst in Preußen noch nicht.

Hm ... nein. Allerdings musste Wieland, der in seinem Merkur die französischen Ereignisse recht objektiv zu schildern versuchte, sich nach diversen Ermahnungen zurücknehmen, wenn er nicht sein Zensurprivilieg verlieren wollte. Und der neue preussische König hatte den alten Kant sehr schnell an die Leine genommen.

Quote from: sandhofer
Auch in seiner, Goethes, Rahmenhandlung flieht ein Gruppe von Personen – nicht vor der Pest, sondern vor dem Einfall des französischen Revolutionsheeres in Mainz.

 ;D  Verkürzte Darstellung. Im Hintergrund der Unterhaltungen dräuen im übrigen eigentlich weniger die bösen Franzosen als eine deutsche revolutionäre Entwicklung....Geheimrat u. Carl streiten darüber, ob die Mainzer Republikaner Verräter oder Befreier sind!

Ja. Spielt aber für das Setting eine untergeordnete Rolle, wie ich finde.

Grüsse

sandhofer
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 04. Februar 2013, 12.24 Uhr

Quote from: sandhofer« am: Gestern um 19:28 »
Allerdings musste Wieland, der in seinem Merkur die französischen Ereignisse recht objektiv zu schildern versuchte, sich nach diversen Ermahnungen zurücknehmen, wenn er nicht sein Zensurprivilieg verlieren wollte.

Interessant! Zensurprivileg. Was ist das? Ich finde dazu nichts im Netz. Und war der Merkur 1789 (Beginn d. Revolution) nicht schon eingestellt?
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 04. Februar 2013, 20.18 Uhr
Quote from: sandhofer« am: Gestern um 19:28 »
Allerdings musste Wieland, der in seinem Merkur die französischen Ereignisse recht objektiv zu schildern versuchte, sich nach diversen Ermahnungen zurücknehmen, wenn er nicht sein Zensurprivilieg verlieren wollte.

Interessant! Zensurprivileg. Was ist das? Ich finde dazu nichts im Netz.

Eine kurze Zusammenfassung z.B. hier: http://www.unet.univie.ac.at/~a0404311/geschichte.htm

Und war der Merkur 1789 (Beginn d. Revolution) nicht schon eingestellt?

Jein. Er wurde 1789 eingestellt - nur um 1790 als "Neuer teutscher Merkur" wieder aufzuerstehen.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 04. Februar 2013, 22.25 Uhr
Merci vielmals für die nützlichen Informationen!

Im Hintergrund der Unterhaltungen dräuen im übrigen eigentlich weniger die bösen Franzosen als eine deutsche revolutionäre Entwicklung....
Ja. Spielt aber für das Setting eine untergeordnete Rolle, wie ich finde.

Finde ich nicht. Denn im Gegensatz zur Rahmenhandlung des Decamerone lauert die Gefahr in den Unterhaltungen nicht nur außerhalb, sondern auch innerhalb der Erzähl- und Zuhörerschaft, denn zumindest Karl,(bezeichnenderweise) der Hofmeister und die Kammermädchen( die freilich keine Stimme haben) sind auf Seiten der Jakobiner. Es ist so, als hätten einige aus der Decamerone-Gesellschaft bereits die Pest.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 05. Februar 2013, 07.42 Uhr
sind auf Seiten der Jakobiner. Es ist so, als hätten einige aus der Decamerone-Gesellschaft bereits die Pest.

Einverstanden, soweit. Was ich meinte ist: Es spielt keine Rolle, ob diese Jakobinerheere nun französisch oder mainzerisch sind.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 09. Februar 2013, 14.28 Uhr
Die Unterhaltungen werden im zweiten Stück dann besser. Nun werden Geschichten erzählt. Die Geschichten hauen einen zwar nicht vom Hocker und auch die Erzählsitutation ist lockerer als im Decamerone. Aber Goethe liefert doch bedeutend mehr als der Auftakt erwarten liess.  8)
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 09. Februar 2013, 19.30 Uhr

Die Geschichten hauen einen zwar nicht vom Hocker und auch die Erzählsitutation ist lockerer als im Decamerone. Aber ...

Inwiefern lockerer? Und warum ist das für dich eher negativ..?
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 09. Februar 2013, 19.43 Uhr
Inwiefern lockerer? Und warum ist das für dich eher negativ..?

Na ja: Im Decamerone wird für jeden Tag ein Thema definiert, an das sich die 10 Gesprächsteilnehmer halten müssen. Auch muss jeder der 10 pro Tag eine Erzählung abliefern. In den Unterhaltungen wird einfach drauflos schwadroniert. So erhalten die Erzählungen keinen Hintergrund sondern bleiben irgendwie in der Beliebigkeit stecken. Die Geistererscheinungen - oder was immer diese Geräusche etc. sein sollen - bleiben ohne Zusammenhang mit irgendetwas - nicht einmal mit dem Erzähler.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 09. Februar 2013, 23.24 Uhr
Inwiefern lockerer? Und warum ist das für dich eher negativ..?

Na ja: Im Decamerone wird für jeden Tag ein Thema definiert, an das sich die 10 Gesprächsteilnehmer halten müssen. Auch muss jeder der 10 pro Tag eine Erzählung abliefern. In den Unterhaltungen wird einfach drauflos schwadroniert. So erhalten die Erzählungen keinen Hintergrund sondern bleiben irgendwie in der Beliebigkeit stecken. Die Geistererscheinungen - oder was immer diese Geräusche etc. sein sollen - bleiben ohne Zusammenhang mit irgendetwas - nicht einmal mit dem Erzähler.

Ach so, das meinst du. Ich dachte, du spielst vielleicht darauf an, dass einerseits das Erzählgeschehen seine Entsprechungen in der Rahmenhandlung hat (der Schreibtisch, der just in dem Moment knackt, als man über die in den Geschichten vorkommenden unerklärlichen Geräusche spricht, der Talisman, der ähnlich wie in der Geschichte mit dem Schleier auch in der Familie Friedrichs und Luises existieren soll), und dass andrerseits Geschehnisse aus dem bedrohlichen Hintergrund in die Rahmenhandlung hereinreichen, wie der Brand, von dem der Bedienstete berichtet, und die dann auch wieder Dinge ergänzen und erklären, die gerade thematisiert wurden. Diese Art der Auflockerung finde ich eigentlich recht kunstvoll und spannend!

Quote from:  sandhofer ebenda
In den Unterhaltungen wird einfach drauflos schwadroniert

Das kann man eigentlich nicht sagen. Von mehr oder weniger widersprüchlichen Tagesnachrichten verwirrt, fragen sich die Ausgewanderten, was sie glauben sollen und was nicht. Der Geistliche gibt ganz im Sinne der Gastgeberin, die schon im Bett liegt, die Empfehlung, das Angenehme und im Rahmen der Wahrscheinlichkeit Günstigste zu glauben. Von da kommen sie auf „ die entschiedene Neigung unserer Natur, das Wunderbare zu glauben. Man redete vom Romanhaften, vom Geisterhaften und als der Alte einige gute Geschichten dieser Art künftig zu erzählen versprach, versetzte Fräulein Luise…"

Also so beliebig und zusammenhanglos ist das eigentlich nicht, was dann erzählt wird.
Ich muss noch hinzusetzen: In den „Unterhaltungen“ wird im Grunde mehr Zusammenhang zwischen Rahmenerzählung und Geschichten hergestellt als im Decamerone, wo das jeweilige Thema des Tages gar nicht aus dem Erlebniszusammenhang der Rahmens kommt, sondern ziemlich katalogartig festgelegt wird, ohne Bezug zur momentanen Lebenswirklichkeit.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 10. Februar 2013, 08.35 Uhr
Es handelt sich hier zugegeben um eine Weiterentwicklung Boccaccios. Für mich ist diese Verquickung von Rahmen- und Binnenerzählung schon etwas typisch Romantisches, auch wenn ich zugebe, dass Goethe diesen Trick bedeutend besser beherrscht als die meisten Romantiker. Ich mag diese Art der Verschachtelung sogar; aber ich glaube, dass der explizite Bezug zu Boccaccio das Ganze etwas hinken macht. Gerade weil das Katalogartige, von der aktuellen Situation Abgezogene fehlt, wird der Rahmen brüchig. Das mag allerdings Goethes Absicht gewesen sein - die Brüchigkeit und Unsicherheit der aktuellen politischen Situation Deutschlands spiegelnd.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 10. Februar 2013, 15.20 Uhr

Die Geschichten hauen einen zwar nicht vom Hocker

Die erste Erählung finde ich erstaunlich. Weil Goethe ausgerechnet einen Geistlichen, den wir zudem mit Luise eher als kleinlichen Moralapostel  einzuschätzen gelernt haben, von einer recht freizügigen Sängerin aus dem mondänen Neapel erzählen lässt, deren Freund  oder zumindest guter Bekannter er gewesen ist. Mit anerkennendem Verständnis zeichnet er eine  gesellige, autarke, vernünftige und menschliche Frau, die( teilweise besser als Frau das heute  hinbekommt) ihre „Männergeschichten“ geregelt hat,  z. B. ohne in die Ausschließlichkeits- und Aufopferungsfalle oder ähnliches zu tappen -  ganz anders als übrigens die Amalien, Luisen und Leonoren (aus Schillers Dramen), von denen ich gerade lese und die sämtlich durch den sie angeblich liebenden Mann gemeuchelt werden. Hier stirbt der verlassene Mann, der der Frau einen letzten Liebesbeweis nicht abringen kann und dann beginnen  die seltsamen Geräusche sie zu verfolgen. Dass die Frau durch diese mysteriösen Erscheinungen für ihren Lebenswandel und ihre Insubordination bestraft wird o. ä., wird vom Erzähler mit keinem Wort suggeriert und der Spuk verläuft auch dann irgendwann im Sande.. Die Gespenstergeschichte passt irgendwie nicht zu der (aufgeklärten) Vorgeschichte.
Überhaupt verstehe ich die Vorliebe unserer Klassiker (es beginnt ja nicht erst mit der Romantik ) für die Geisterseherei nicht! Gespenstergeschichten sagen mir gar nichts. Ich kann ihnen höchstens literatursoziologisch etwas abgewinnen: als höchste Form des Escapismus:Mit erfundenem Horror wird vom Grauen der Realität abgelenkt, mit Gespenstern werden die Gespenster der Realität ausgetrieben o.ä. Daher vielleicht die Vorliebe für Magieund Spoekenkiekerei gerade in Krisen- und Umbruchzeiten? Hanussen z.B.?
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 10. Februar 2013, 15.54 Uhr
Die erste Erählung finde ich erstaunlich.

Wenn ich Dich recht verstehe: Von einem quasi feministischen Standpunkt aus erstaunlich, inhaltlich mit ihrer Geisterseherei dann eher weniger. Damit kann ich mich einverstanden erklären.

Mittlerweile in nächsten Teil der Briefe:

Da meint Schiller zunächst, dass die Geschichte zeige, dass die Entwicklung der Kunst immer ein Zeichen der Degeneration des betreffenden Staatswesens sei, nur um praktisch im nächsten Satz diesen empirischen Satz ganz einfach beiseite zu wischen und zum grossen Salto Mortale in die Theorie anzusetzen. Nun wird ein Sachtrieb und ein Formtrieb postuliert. Im Grunde genommen fusst Schiller hier auf Descartes' "Ich denke, also bin ich", und sitzt wie jener der Grammatik, der Sprache auf, indem er ein unveränderliches Ich und ein stets formbares Anderes annimmt - das Subjekt und sein Verb. Von hier zu Fichtes Wissenschaftslehre (die Schiller auch zitiert), ist es ja dann nicht mehr weit. Und wenn Schiller zunächst die Einzigartigkeit und absolute Gegensätzlichkeit der beiden Triebe (Sach und Form) postuliert, führt er dann einen oder zwei Briefe später doch einen vermittelnden Trieb ein: den Spieltrieb. Und schon haben wir - durch reines Jonglieren  mit Wörtern - die Ästhetik als Mittel der Erziehung vorbereitet, die wir gerade noch geleugnet hatten.

Und wer jetzt sagt: Ja, aber da ist doch zwischendurch noch ein Aufsatz vom "Kunscht"-Meyer? Ist, ja. Aber was soll man dazu sagen? Soweit ich es überblicke, haben wir eine Zusammenfassung Winckelmanns vor uns. Ohne Zeichnungen, Kupfer, Fotografien bleibt Meyer un-fassbar. Es mag ja sogar sein, dass diese Art von Aufsatz dem durchschnittlichen Publikum der Horen besser konvenierte als Schillers doch ziemlich abstrakte Ausführungen.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 13. Februar 2013, 11.37 Uhr
Und wer jetzt sagt: Ja, aber da ist doch zwischendurch noch ein Aufsatz vom "Kunscht"-Meyer? Ist, ja. Aber was soll man dazu sagen? Soweit ich es überblicke, haben wir eine Zusammenfassung Winckelmanns vor uns.

Ich übergehe im zweiten Heft die Fortsetzung der "Unterhaltungen ...", den Meyer-Aufsatz und Schillers zweiten Teil der "Briefe ...", um mich der zweiten Epistel Goethes zuzuwenden. Aber was soll das bitte sein? Ein Lob der Hausfrauen und deren segensreichen Tätigkeiten? Wohl eher eine ironische Kritik der Meinung, Frauen mögen sich bitte von Büchern fernhalten ... 

...denke dir nur die Töchter im Hause,
Die mir der kuppelnde Dichter mit allem Bösen bekannt macht.


Das ist beim besten Willen nur als Ironie verständlich.

Es folgt ein (Wilhelm) Humboldt-Aufsatz über den "Geschlechtsunterschied". Muss man sich das antun? Ich habe WvH. als gaaanz großen Langweiler in Erinnerung, der allenfalls etwas für Linguisten ist.

By the way: Liest überhaupt noch jemand mit? 
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: BigBen on 13. Februar 2013, 12.29 Uhr
By the way: Liest überhaupt noch jemand mit?

Ja, ich. Die Kommentare hier.  ;D
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 13. Februar 2013, 12.41 Uhr
By the way: Liest überhaupt noch jemand mit?

Ja, ich. Die Kommentare hier.  ;D

Ach, Du mein Held, Du Tapferer!
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 13. Februar 2013, 14.52 Uhr
By the way: Liest überhaupt noch jemand mit? 

Natürlich. Auch wenn ich wohl erst am Wochenende zu Goethe komme ...  :hi:
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 13. Februar 2013, 17.15 Uhr
Quote from: Sir Thomas« am: Heute um 11:37 »
Ich übergehe im zweiten Heft die Fortsetzung der "Unterhaltungen ...", den Meyer-Aufsatz und Schillers zweiten Teil der "Briefe…
Liest überhaupt noch jemand mit?
;D
Das fragst Du?

Quote from:  Goethe 2. Epistel
Würdiger Freund…. dir scheinen die Scherze/ Nicht am rechten Orte zu sein; die Frage war ernsthaft,/……/...ich fahre bedächtiger fort..

Goethe beginnt seine zweite Epistel mit der Ankündigung (im Gegensatz zur ersten) nun Scherze beiseite zu lassen und sich ernsthaft mit Fragen des Lesens und Schreibens auseinanderzusetzen. Wie du, Sir Thomas, hab ich meine Zweifel daran:
Immer ist so das Mädchen beschäftigt und reift im Stillen
Häuslicher Tugend entgegen, den klugen Mann zu beglücken.
Wünscht sie dann endlich zu lesen, so wählt sie gewisslich ein Kochbuch,
Deren Hunderte schon die eifrigen Pressen uns gaben

Das ist Satire (jedenfalls hoffe ich das für Goethe) - und zwar  auf die nicht nur zur Goethezeit gängige Meinung, Bücher (vor allem Romane) hätten einen schädlichen Einfluß auf junge Mädchen.
Ständiger Kommentar des braven Bürgers Musikus Miller, wenn seine Tochter etwas Aufmüpfiges äußert: Das kommt vom Lesen der gottlosen Bücher…  Etwas, das noch Emma Bovary und Effi Briest verfolgt und bis vor kurzem noch nicht ausgestorben war...

Goethe ist ein Meister darin, hausbackenste Inhalte in pompöse Form zu bringen: 
Denkt sie an Vorrat schon für den Winter. Im kühlen Gewölbe
Gärt ihr der kräftige Kohl, und reifen im Essig die Gurken


Ist nicht auch Hermann und Dorothea in Hexametern geschrieben?

Soweit ich sehe, scheinen auf diese zweite Epistel keine weiteren mehr zu folgen. Es hat sich ausgepistelt.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: orzifar on 13. Februar 2013, 20.56 Uhr
Hallo!

Ich lese selbstverständlich auch noch mit. Bin bis zum Fichte gekommen (der allerdings nicht gerade motivierend ist, das Buch wieder in die Hand zu nehmen). Goethes "Unterhaltungen" gelesen (besser: Die Rahmengeschichte), seine reservierte Haltung gegenüber dem "Volk" ist spürbar. Andererseits ist er sich der Problematik sehr wohl bewusst: "So steig ich durch alle Stände aufwärts, sehe den Bauersmann der Erde das Notdürftige abfordern, das doch auch ein behäglich Auskommen wäre, wenn er nur für sich schwitzte. Du weißt aber wenn die Blattläuse auf den Rosenzweigen sitzen und sich hübsch dick und grün gesogen haben, dann kommen die Ameisen und ssugen ihnen den filtrierten Saft aus den Leibern. Uns so geht's weiter [...]" (Goethe an Knebel 1782) Aber er war eher für Reformation als Revolution (wie auch Humboldt) - und sie hatten beide nicht so unrecht. Ähnliches ist sogar im "arabischen Frühling" zu beobachten: Besser Reformen vor Wahlen als umgekehrt. Um den Blutzoll gering zu halten.

lg

orzifar (der sich nun wohl oder übel an Fichte ranmacht ...)

Und nebenher eine Literaturempfehlung: Das von mir in der Signatur gelistete Buch über Weimar ist eine ganz ausgezeichnete, unterhaltsame und kenntnisreiche Lektüre, ohne sich unter allzu viel Bildungsballast zu verstecken ...
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 14. Februar 2013, 07.02 Uhr
Und nebenher eine Literaturempfehlung: Das von mir in der Signatur gelistete Buch über Weimar ist eine ganz ausgezeichnete, unterhaltsame und kenntnisreiche Lektüre, ohne sich unter allzu viel Bildungsballast zu verstecken ...

Was mich daran erinnert, dass ich meinen Walter H. Bruford wieder lesen wollte: Germany in the Eighteenth Century [Die Gesellschaftlichen Grundlagen der Goethezeit] ...
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: orzifar on 15. Februar 2013, 01.48 Uhr
Hallo!

So nebenbei: Wir können uns bei den Horen zu anfangs wirklich Zeit lassen, denn die Qualität der Beiträge steigt mit den Jahren nicht. Wir werden noch einen langen Roman von Caroline von Wolzogen uns zu Gemüte führen, über den es dann mit Sicherheit nicht besonders viel zu sagen gibt. Die Auflösungserscheinungen der Zeitschrift setzen schon alsbald ein.

lg

orzifar
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 15. Februar 2013, 08.08 Uhr
Die Auflösungserscheinungen der Zeitschrift setzen schon alsbald ein.

Es ist schon erstaunlich, wie wenig Schiller in der Lage war, seine hoch gesteckten Ziele zu verwirklichen. Die von ihm "genötigten" Autoren liefern allenfalls Mittelmäßiges. Schiller selbst ist (neben Goethe) bislang der gehaltvollste Autor seiner Zeitschrift, von der ich bislang annahm, es handele sich um ein absolutes Highlight der deutschsprachigen Publizistik. So kann man irren ...
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 15. Februar 2013, 13.07 Uhr
Hallo zusmmen!

Die Auflösungserscheinungen der Zeitschrift setzen schon alsbald ein.

Eigentlich schon beim Februar-Heft 1795. Statt des Superstars Fichte (auch wenn dessen Beitrag in Heft 1 nicht das Niveau seiner Wissenschaftslehre erreicht, wo Fichte stringenter zu argumentieren sucht: Fichte war der philosophische Shooting-Star und der Mann der Stunde!) vom Januar schreibt nun der Goethe-Adlat Meyer.

Schiller selbst ist (neben Goethe) bislang der gehaltvollste Autor seiner Zeitschrift,

Und selbst diese beiden lieferten nicht nur Perlen vor die Säue, sondern auch echtes Schweinefutter ...

Grüsse

sandhofer
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: orzifar on 16. Februar 2013, 05.34 Uhr
Hallo!

Nun also Fichte. In einem muss ich meinen Vorredner (sandhofer) widersprechen: In diesem Stück sagt Fichte recht klar und deutlich, welches Anliegen er vertritt, welche Wege dorthin führen (wenngleich ich mit ihm nirgendwo einverstanden bin). Aber der erwähnte Vergleich mit der Wissenschaftslehre fällt in puncto Klarheit eindeutig zugunsten dieses Stückchens aus.

Fichte ist der Idealist schlechthin. Und er hält diese Entscheidung zwischen Idealismus und Materialismus für keine zufällige, sondern eine den Menschen charakterisierende: "Was für eine Philosophie man wähle, hängt sonach davon ab, was man für ein Mensch ist: denn ein philosophisches System ist nicht ein todter Hausrath, den man ablegen oder annehmen könnte, wie es uns beliebte, sondern es ist beseelt durch die Seele des Menschen, der es hat. Ein von Natur schlaffer oder durch Geistesknechtschaft, gelehrten Luxus und Eitelkeit erschlaffter und gekrümmter Charakter wird sich nie zum Idealismus erheben." Diese Beschreibung legt Fichtes eigene Entscheidung für das idealistische System nahe, ein System, in dem er sich weitgehend an Kant orientiert. Auch in diesem Artikel ist überall der Königsberger spürbar, wenn da von Pflicht die Rede ist, die Wahrheitsliebe zur Moralität wird, wenn es gilt, seine eigenen Fähigkeiten zu entwickeln, da günstige Anlagen an sich noch nichts bedeuten: Immer muss man sich erheben über den Körper, über Gefühle und dem reinen Geist huldigen, um zu einer, allerdings stets ein wenig blässlich bleibenden Einheit der Person zu kommen, ein "reines Selbst" zu entwickeln, unabhängig von den Meinungen anderer und natürlich auch von etwaigen sinnlichen Begierden (über die sich zu erheben der fichtesche Mensch die Pflicht hat).

Und ein Kennzeichen dieses idealen Menschen ist das Streben nach Wahrheit. Wer nun aber darauf wartet, was man unter dieser Wahrheit zu verstehen hat, wartet vergeblich: Der Fichtesche Wahrheitsbegriff bleibt weitgehend im Nebel der Worte verborgen. Dabei ist es nicht so, dass es nicht schon Wahrheitskonzeptionen gegeben hätte (die bekannte aristotelische "adaequatio rei et intellectus", zu der auch der Aquinate einige durchaus beachtliche Beiträge geliefert hat, indem er diese "Angleichung von Verstand und Sache" noch differenzierte: Sind die Sachen die Richtschnur, gleicht sich der Verstand den Sachen an; ist es der Verstand, der die Führung übernimmt, so ist es umgekehrt. Wenn etwa ein Künstler von sich sagt, dass er ein "wahres Kunstwerk" schaffe, so ist ganz offenkundig der Verstand die Richtschnur. Üblicherweise wird der Wahrheitsbegriff aber umgekehrt angewendet. Hegel aber hat etwa - nicht weiter überraschend - den Vorrang des Verstandes hervorgehoben.) Dies alles nur deshalb, weil man ansonsten annehmen könnte, dass das Geschwalle von Fichte einer noch nicht oder noch nirgendwo erfolgten genaueren Definition von Wahrheit geschuldet ist.

Bei ihm hat man eher den Eindruck freien Assoziierens (denn konziser philosophischer Überlegungen): So verwechselt er von Anfang an (in unterschiedlichem Ausmaß) Wahrhaftigkeit und Wahrheit, meint dann, dass jene zu dieser führen müsse, um einige Sätze weiter den Unterschied wieder fallen zu lassen. Auch kommen ihm zwischendurch sogar Zweifel, ob denn das immer beschränkte Individuum tatsächlich Wahrheit bzw. Gewissheit erlangen könne, was er denn (S. 90) als "das härtestes Schicksal" bezeichnet. Obwohl ich glaube, dass hier nicht von den wirklich erhabenen Individuen (wie etwa Fichte) die Rede ist, sondern nur von jenen minderbegabten, die in ihrem Streben nach Wahrheit nicht zur endgültigen Einheit ihres Selbst (= Moralität = Erhabenheit = Harmonie = unendlicher Genuss - ich hoffe nichts vergessen zu haben, die Wortwahl "schillert" gewaltig, aber derlei war damals natürlich häufig anzutreffen). Und so bleibt von all den weihevollen Wortkaskaden und Wiederholungen nichts als eine Art intellektueller Selbstfindung, eine Harmonie mit sich, die dann auch zur Wahrheit führt (und vice versa). Das Ganze ist subjektivistisch in höchstem Maße, Wahrheit wird zu einer Art emergenten Erscheinung dieser Selbstfindung (und wieder gilt auch das Umgekehrte). Rein subjektiv: Denn wann ich harmonisch mit mir selbst übereinstimme, soll ja nach Fichte ausschließlich ich selbst bestimmen (und nicht von anderen abhängig machen, auch wenn ich Einwände - manchmal, aber welche? - beherzigen soll), weshalb denn auch ein Massenmörder von sich als von einem in sich selbst ruhenden, wahrhaftigen, moralischen Menschen sprechen könnte (wer wollte nach Fichtescher Diktion ihm mit Fug und Recht widersprechen können?). Diese Bezugslosigkeit, das Absehen von jedem Versuch, genauer zu bezeichnen, welche Begriffe analysiert werden sollen, warum die eine Sache zur anderen führt oder dieses und jenes gleichgesetzt werden kann, das alles hat dann später Nietzsche zur Perfektion (und zur teilweisen Aussage) seiner Philosophie (Dichtung - ich bin bezüglich Nietzsche immer für Dichtung) erhoben. Denn sein Zarathustra nimmt Adenauer vorweg, indem auch er - sinngemäß - sich vernehmen lässt, dass ihn die Wort von gestern nicht wirklich mehr berühren. Das mag nun souverän wirken, würdig, von einem großen, umfassenden Geist zeugen (allerdings - wer von den Philosophen glaubt nicht einen solchen zu besitzen?), ist aber einer auf Argumente sich stützenden Diskussion wenig förderlich.

Im übrigen ist dies Fichtes einziger Beitrag. Ein zweiter, von ihm eingereichter, wurde von Schiller missgünstig betrachtet, da er sich mit Ästhetik beschäftigte - und die Ästhetik war nunmal jenes Feld, das Schiller zu beackern beabsichtigte (Über naive und sentimentalische Dichtung).

lg

orzifar

der - weil er sich wenig um's Blog zu kümmern scheint - diesen Beitrag auch dort absetzt.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 16. Februar 2013, 12.55 Uhr
Nun also Fichte. ... "Was für eine Philosophie man wähle, hängt sonach davon ab, was man für ein Mensch ist: denn ein philosophisches System ist nicht ein todter Hausrath, den man ablegen oder annehmen könnte, wie es uns beliebte, sondern es ist beseelt durch die Seele des Menschen, der es hat. Ein von Natur schlaffer oder durch Geistesknechtschaft, gelehrten Luxus und Eitelkeit erschlaffter und gekrümmter Charakter wird sich nie zum Idealismus erheben."

Das stammt nicht aus dem Horen-Artikel, oder? Kannst Du bitte die Quelle des Zitats nennen?

LG

Tom
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 16. Februar 2013, 14.47 Uhr
Hallo!

In einem muss ich meinen Vorredner (sandhofer) widersprechen: In diesem Stück sagt Fichte recht klar und deutlich, welches Anliegen er vertritt, welche Wege dorthin führen (wenngleich ich mit ihm nirgendwo einverstanden bin).
[...]

Bei ihm hat man eher den Eindruck freien Assoziierens (denn konziser philosophischer Überlegungen): So verwechselt er von Anfang an (in unterschiedlichem Ausmaß) Wahrhaftigkeit und Wahrheit, meint dann, dass jene zu dieser führen müsse, um einige Sätze weiter den Unterschied wieder fallen zu lassen. [...] zur endgültigen Einheit ihres Selbst (= Moralität = Erhabenheit = Harmonie = unendlicher Genuss - ich hoffe nichts vergessen zu haben, die Wortwahl "schillert" gewaltig, aber derlei war damals natürlich häufig anzutreffen). Und so bleibt von all den weihevollen Wortkaskaden und Wiederholungen nichts als eine Art intellektueller Selbstfindung, eine Harmonie mit sich, die dann auch zur Wahrheit führt (und vice versa). [...]

Sofern Du das stringent[er] findest ... Ich gebe zu, ich habe, seit ich vor über einem Vierteljahrhundert mal in einem Seminar zu Bonaventura (dem Nachtwächter, nicht dem Kirchenvater) über Fichte gestolpert bin, eine Aversion gegen diese Art zu Philosophieren ...  :)

der - weil er sich wenig um's Blog zu kümmern scheint - diesen Beitrag auch dort absetzt.

Das ist schön. Nicht, dass ich Dir wegen Vernachlässigung einen Vorwurf gemacht hätte. Soll ja Spass machen, so ein Blog ...  ;)

Grüsse

sandhofer
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: orzifar on 16. Februar 2013, 18.35 Uhr
Nun also Fichte. ... "Was für eine Philosophie man wähle, hängt sonach davon ab, was man für ein Mensch ist: denn ein philosophisches System ist nicht ein todter Hausrath, den man ablegen oder annehmen könnte, wie es uns beliebte, sondern es ist beseelt durch die Seele des Menschen, der es hat. Ein von Natur schlaffer oder durch Geistesknechtschaft, gelehrten Luxus und Eitelkeit erschlaffter und gekrümmter Charakter wird sich nie zum Idealismus erheben."
Das stammt nicht aus dem Horen-Artikel, oder? Kannst Du bitte die Quelle des Zitats nennen?

Da hast du natürlich Recht: Erste Einleitung in die Wissenschaftslehre.

In einem muss ich meinen Vorredner (sandhofer) widersprechen: In diesem Stück sagt Fichte recht klar und deutlich, welches Anliegen er vertritt, welche Wege dorthin führen (wenngleich ich mit ihm nirgendwo einverstanden bin).
[...]

Bei ihm hat man eher den Eindruck freien Assoziierens (denn konziser philosophischer Überlegungen): So verwechselt er von Anfang an (in unterschiedlichem Ausmaß) Wahrhaftigkeit und Wahrheit, meint dann, dass jene zu dieser führen müsse, um einige Sätze weiter den Unterschied wieder fallen zu lassen. [...] zur endgültigen Einheit ihres Selbst (= Moralität = Erhabenheit = Harmonie = unendlicher Genuss - ich hoffe nichts vergessen zu haben, die Wortwahl "schillert" gewaltig, aber derlei war damals natürlich häufig anzutreffen). Und so bleibt von all den weihevollen Wortkaskaden und Wiederholungen nichts als eine Art intellektueller Selbstfindung, eine Harmonie mit sich, die dann auch zur Wahrheit führt (und vice versa). [...]

Sofern Du das stringent[er] findest ... Ich gebe zu, ich habe, seit ich vor über einem Vierteljahrhundert mal in einem Seminar zu Bonaventura (dem Nachtwächter, nicht dem Kirchenvater) über Fichte gestolpert bin, eine Aversion gegen diese Art zu Philosophieren ...  :)

Schlecht formuliert von mir: Stringent finde ich Fichte nirgendwo, manchmal aber (wie etwa in Teilen der Wissenschaftslehre) ist mir völlig rätselhaft, wovon er überhaupt spricht. Das war bei diesem Aufsatz nicht der Fall.

lg

orzifar
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 16. Februar 2013, 19.26 Uhr
Nun also Fichte. ... "Was für eine Philosophie man wähle, hängt sonach davon ab, was man für ein Mensch ist: denn ein philosophisches System ist nicht ein todter Hausrath, den man ablegen oder annehmen könnte, wie es uns beliebte, sondern es ist beseelt durch die Seele des Menschen, der es hat. Ein von Natur schlaffer oder durch Geistesknechtschaft, gelehrten Luxus und Eitelkeit erschlaffter und gekrümmter Charakter wird sich nie zum Idealismus erheben."
Das stammt nicht aus dem Horen-Artikel, oder? Kannst Du bitte die Quelle des Zitats nennen?

Da hast du natürlich Recht: Erste Einleitung in die Wissenschaftslehre.

Bedankt! Mittlerweile habe ich entdeckt, dass Volker Spierling (Kleine Geschichte der Philosophie) den ersten Satz dieses Zitats als Überschrift für das Fichte-Kapitel nutzt.

Hat jemand eine Meinung zu "Die Bestimmung des Menschen"? Das Reclam-Heftchen könnte mich durchaus reizen, neben der umfangreicheren "Wissenschaftslehre". In Sachen Fichte bin ich nahezu unbeleckt, daher bin ich aufgeschlossen für Empfehlungen.

LG

Tom
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 16. Februar 2013, 20.09 Uhr
Hallo zusammen!

Hat jemand eine Meinung zu "Die Bestimmung des Menschen"? Das Reclam-Heftchen könnte mich durchaus reizen, neben der umfangreicheren "Wissenschaftslehre". In Sachen Fichte bin ich nahezu unbeleckt, daher bin ich aufgeschlossen für Empfehlungen.

Ich habe mich seinerzeit durch mehrere Varianten der Wissenschaftslehre durchgekämpft - von daher bin ich Fichte gegenüber wohl etwas negativ eingestellt ...  ;)

Die Reden an die deutsche Nation sind wohl Fichtes wirkungsmächtigstes Werk. Ich habe sie bei der seinerzeitigen Lektüre allerdings eher als langweilig empfunden ...

Was Goethes Zweite Epistel im zweiten Theil betrifft: Ich verstehe sie nicht. Ironie? Oder doch nicht? Hm ...

Grüsse

sandhofer
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: orzifar on 16. Februar 2013, 20.59 Uhr
Nun also Fichte. ... "Was für eine Philosophie man wähle, hängt sonach davon ab, was man für ein Mensch ist: denn ein philosophisches System ist nicht ein todter Hausrath, den man ablegen oder annehmen könnte, wie es uns beliebte, sondern es ist beseelt durch die Seele des Menschen, der es hat. Ein von Natur schlaffer oder durch Geistesknechtschaft, gelehrten Luxus und Eitelkeit erschlaffter und gekrümmter Charakter wird sich nie zum Idealismus erheben."
Das stammt nicht aus dem Horen-Artikel, oder? Kannst Du bitte die Quelle des Zitats nennen?

Da hast du natürlich Recht: Erste Einleitung in die Wissenschaftslehre.

Bedankt! Mittlerweile habe ich entdeckt, dass Volker Spierling (Kleine Geschichte der Philosophie) den ersten Satz dieses Zitats als Überschrift für das Fichte-Kapitel nutzt.

Ja, dieser Satz wird in praktisch jeder Fichte-Arbeit zitiert (deshalb habe ich wohl intuitiv auf die Quelle vergessen).

Hat jemand eine Meinung zu "Die Bestimmung des Menschen"? Das Reclam-Heftchen könnte mich durchaus reizen, neben der umfangreicheren "Wissenschaftslehre". In Sachen Fichte bin ich nahezu unbeleckt, daher bin ich aufgeschlossen für Empfehlungen.

Ich weiß nicht. Guten Gewissens kann ich da nichts empfehlen, vielleicht - so als Grundlage - die erste und zweite Einleitung in die Wissenschaftslehre. Gibt's im Meiner-Verlag. Allerdings zweifle ich, ob überhaupt irgendein Euro gut investiert ist, was diesen Autor betrifft ;).

lg

orzifar
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 17. Februar 2013, 12.45 Uhr
Ich habe mich seinerzeit durch mehrere Varianten der Wissenschaftslehre durchgekämpft - von daher bin ich Fichte gegenüber wohl etwas negativ eingestellt ...  ;)

Die Reden an die deutsche Nation sind wohl Fichtes wirkungsmächtigstes Werk. Ich habe sie bei der seinerzeitigen Lektüre allerdings eher als langweilig empfunden ...


Ich weiß nicht. Guten Gewissens kann ich da nichts empfehlen, vielleicht - so als Grundlage - die erste und zweite Einleitung in die Wissenschaftslehre. Gibt's im Meiner-Verlag. Allerdings zweifle ich, ob überhaupt irgendein Euro gut investiert ist, was diesen Autor betrifft ;).

Danke für die Hinweise. Ohne einen Euro zu investieren, habe ich online die Erste Einleitung ... überflogen. Das Gegensatzpaar Dogmatismus - Idealismus erinnert an Schillers Naiv - Sentimentalisch. Diesen Aufsatz werden wir in absehbarer Zeit erreichen, denn der erste Teil dieser Abhandlung erschien Ende 1795 in den Horen. Meine Einschätzung: Schiller und Fichte scheinen sich gegenseitig beeinflusst zu haben. Aufschlüsse über dieses Verhältnis verspreche ich mir übrigens von der soeben antiquarisch bestellten Schiller-Biografie Safranskis (Schiller oder die Erfindung des Deutschen Idealismus).

Einen schönen Restsonntag wünscht

Tom     
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: orzifar on 19. Februar 2013, 01.09 Uhr
Aufschlüsse über dieses Verhältnis verspreche ich mir übrigens von der soeben antiquarisch bestellten Schiller-Biografie Safranskis (Schiller oder die Erfindung des Deutschen Idealismus).

Diese Biographie liegt - wie bereits erwähnt - auch hier auf meinem Schreibtisch. Leserunde in der Leserunde :).

lg

orzifar
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 19. Februar 2013, 13.57 Uhr
Hier der Link zu einem Radiofeature über Fichtes Welt des Idealismus:
http://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/radiowissen/welt-idealismus-denken-100.html
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 23. Februar 2013, 17.36 Uhr
Hier der Link zu einem Radiofeature über Fichtes Welt des Idealismus:
http://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/radiowissen/welt-idealismus-denken-100.html

Danke!

Mittlerweile Wilhelm von Humboldt gelesen. Eine eigenartige Mischung von Naturwissenschaft auf Geisteswissenschaft angewendet. Das Zeugende und das Empfangende dargestellt im Männlichen und Weiblichen. Und doch muss das Männliche inhärent auch ein Weibliches haben, um zeugen zu können. Dialektik in nuce. Ich vermute, dass Weininger hier etwelches entwendet hat.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 24. Februar 2013, 20.54 Uhr
Hallo zusammen!

A propos Links: Hier (http://www.ub.uni-bielefeld.de/diglib/aufkl/browse/horen/index.html) kann man Die Horen auch elektronisch lesen, inkl. Angabe, wer jeweilige Verfasser des Artikels ist.

Grüsse

sandhofer
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: orzifar on 24. Februar 2013, 21.17 Uhr
Hallo,

ich werde heute mit dem zweiten Stück beginnen. Zuerst also Goethe, passt gut zur anderen Literatur.

lg

orzifar
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: orzifar on 25. Februar 2013, 19.30 Uhr

Hallo!

Nachdem ich letzte Woche mich hauptsächlich mit Literatur der Art "Das kleine Ich bin ich" oder "Der Rabe Socke" beschäftigt habe, nun also wieder die Horen. Gespenstergeschichten vom Geheimrat. Die mich ein wenig achselzuckend zurücklassen, es lässt sich bloß feststellen, dass das Faible für solch "Wunderbares" aus den vergangenen Zeiten sich bis ins 21. Jahrhundert erhalten hat. Was denen Swedenborg und Mesmer waren, sind uns heute Bachblüten und Uri Geller. "Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind" sollte sich Goethen später vernehmen lassen. Ein wahres Wort.

lg

orzifar
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 26. Februar 2013, 14.08 Uhr
Wilhelm von Humboldts „Über den Geschlechtsunterschied“ habe ich schon vor einigen Tagen gelesen. Das Problem bei solchen abstrakten Texten ist, dass man ganz schnell vergißt was drinstand . Das ist hier zum Glück nicht der Fall, denn H.s Thema sind die „Operationen der Natur, die ewig wiederkehrend, doch so oft in veränderter Gestalt erscheinen“. Entsprechend wird viel, wenn auch in verschiedenem Gewand, wiederholt und der zugrundliegende Grundgedanke dem Leser eingehämmert:
Die Einheit der gesamten Natur ist von zwei Kräften bestimmt: einer weiblichen und einer männlichen. Indem sie in dialektischer Weise aufeinander einwirken, ermöglichen sie  den unendlichen Fortschritt der Natur… Geschlechtsunterschied makes the world go round.

Quote from: Autor: sandhofer« am: 23. Februar 2013, 17.36 Uhr »
Eine eigenartige Mischung von Naturwissenschaft auf Geisteswissenschaft angewendet.

Ja, dieses Prinzip sieht H. über die“ beschränkte Sphäre“ der körperlichen Natur hinaus auch auf dem „unermesslichen Feld“ des Geistes wirksam.
Spätestens hier schließen  H.s Überlegungen zum Bildungsprogramm der Horen auf:

Quote from:  Wilhelm von Humboldt
Vorzüglich aber bedarf der Mensch zur Ergründung und Veredlung auch seiner moralischen Natur einer anhaltenden und ernsten Betrachtung der physischen um ihn her…!

Aha, nach der Veredlung durch das Ästhetische (Schiller) und der Veredlung durch das reine Interesse an Wahrheit (Fichte), das sogar zur Glückseligkeit führen soll, nun also die Veredlung durch Naturbetrachtung!

Auch wenn ich H. nicht in allem folgen kann, vor allem nicht im universellen Deutungs- und Erklärungsanspruch seiner Theorie, so find ich seine Gedankengänge doch ansprechend.
Bei den dem Männlichen und dem Weiblichen zugeordneten Begriffspaaren: Wirkung - Rückwirkung, Form - Stoff, Rastlosigkeit -  Dasein, Vernunft-  Phantasie etc und besonders auch bei der Erkenntnis, dass im männlichen Prinzip auch etwas vom  weiblichen und umgekehrt vorhanden sein müsse, drängte sich mir das Bild des Yin und Yang (http://de.wikipedia.org/wiki/Yin_und_Yang) auf. Ja, Humboldts Geschlechtsunterschied scheint eine perfekte Beschreibung des ostasiatischen Symbols.
Auf welche Gottheit spielt H. am Schluss seiner Ausführungen an?  Auf Apoll? Iin der Tat hatte ich bei H.s Begriffsantinomien die Assoziation des Apollinischen und Dionysischen...
______________
Link geändert
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 27. Februar 2013, 20.49 Uhr
Hat jemand eine Meinung zu "Die Bestimmung des Menschen"? Das Reclam-Heftchen könnte mich durchaus reizen, neben der umfangreicheren "Wissenschaftslehre". In Sachen Fichte bin ich nahezu unbeleckt, daher bin ich aufgeschlossen für Empfehlungen.

Wenn man vom Teufel redet: Die Wissenschaftliche Buchgesellschaft bietet ein Werkauswahl in 6 Bänden an. Leider kriege ich auch auf dem Foto in meinem Prospekt nicht heraus, was da genau eingeschlossen ist:

http://www.wbg-wissenverbindet.de/WBGShop/php/Proxy.php?purl=/wbg/products/details,longtext,34106,Fichte.html
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: orzifar on 27. Februar 2013, 21.35 Uhr
Hat jemand eine Meinung zu "Die Bestimmung des Menschen"? Das Reclam-Heftchen könnte mich durchaus reizen, neben der umfangreicheren "Wissenschaftslehre". In Sachen Fichte bin ich nahezu unbeleckt, daher bin ich aufgeschlossen für Empfehlungen.

Wenn man vom Teufel redet: Die Wissenschaftliche Buchgesellschaft bietet ein Werkauswahl in 6 Bänden an. Leider kriege ich auch auf dem Foto in meinem Prospekt nicht heraus, was da genau eingeschlossen ist:

http://www.wbg-wissenverbindet.de/WBGShop/php/Proxy.php?purl=/wbg/products/details,longtext,34106,Fichte.html

Wenn es die von Medicus herausgegebene Edition ist, dann dürfte es jene vom Meiner-Verlag sein (in sechs Bänden). Aber ob man sein Geld nicht besser als in Fichten investieren könnte ...

lg

orzifar
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: orzifar on 28. Februar 2013, 02.14 Uhr
Hallo!

Heinrich Meyers Ansichten über Griechische Kunst und deren Entwicklung. Kunstgeschichte, die bestenfalls dann sinnvoll wäre, wenn die verschiedenen angeführten Exponate zugängig wären. Aber auch dann verschwimmen die Beschreibungen unter allgemeinen Begriffen wie edel, erhaben, kunstreich ... Worunter ich mir zwar etwas vorstellen kann, ich aber die Befürchtung hege, dass meine und des guten Meyers Vorstellungen sich unterscheiden. Schlicht: Ich kann mit derlei Abhandlungen rein gar nichts anfangen, wenn schon, müssen sie sich konkret auf Kunstwerke beziehen und nicht bloß ganz allgemein vom "Faltenwurf" und "regelmäßigen Zügen" sprechen.

"Ideen zu einer künftigen Geschichte der Kunst" habe ich offenbar falsch interpretiert: Denn ich wartete bis zum Schluss vergeblich darauf, wie Meyer sich denn die Zukunft der Kunst vorstelle. So dürfte es sich bloß um die Ankündigung eines Werkes handeln und der Leser bleibt zurück mit der plakativen Entwicklung griechischer Kunst von roh über edel und erhaben zu verfeinert und weich(lich). Von diesen 20 Seiten wird mir wohl kaum was im Gedächtnis bleiben.

lg

orzifar
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 28. Februar 2013, 07.49 Uhr
Wenn es die von Medicus herausgegebene Edition ist, dann dürfte es jene vom Meiner-Verlag sein (in sechs Bänden). Aber ob man sein Geld nicht besser als in Fichten investieren könnte ...

Vermutlich, ja. Also ... beides  ;D . Ich werde aber trotzdem wohl nicht lange widerstehen können. Fichtes Wissenschaftslehre ist mir zwar praktisch unzugänglich; aber er war zu seiner Zeit der Philosoph mit dem grössten politischen Einfluss.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 28. Februar 2013, 07.54 Uhr
Kunstgeschichte, die bestenfalls dann sinnvoll wäre, wenn die verschiedenen angeführten Exponate zugängig wären.

Ja. Wobei man da natürlich wiederum sieht, mit welchen Problemen die Kunstgeschichtler und die Laien zu kämpfen hatten, vor der Erfindung der Photographie und der Möglichkeit, Photographien relativ gut und billig in Büchern abzudrucken. Wenn man Glück hatte und eine grössere Stadt bewohnte, konnte man u.U. Abgüsse in einem Museum betrachten, mit etwas weniger Glück verfügte der Autor über einen guten Kupferstecher (was aber die Bücher schon wieder schweineteuer machte) und ganz ohne Glück musste man Meyers Elaborat unillustriert lesen ...

(Das ich übrigens immer noch für einen schülerhaften Auszug aus Winckelmann halte ...)

Grüsse

sandhofer
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 28. Februar 2013, 09.36 Uhr
Quote from: Autor: orzifar« am: Heute um 02:14 »
"Ideen zu einer künftigen Geschichte der Kunst" habe ich offenbar falsch interpretiert: Denn ich wartete bis zum Schluss vergeblich darauf, wie Meyer sich denn die Zukunft der Kunst vorstelle. So dürfte es sich bloß um die Ankündigung eines Werkes handeln und der Leser bleibt zurück……

Ich fürchte, da tust du unserem Kunscht-und Grüß-Meyer unrecht ;). Denn laut Titel soll es ja um Ideen zu einer künftigen Geschichte der Kunst und nicht um die Zukunft der Kunst gehen.

Was mich interessieren würde: Gibt es denn einen Bezug zum hehren Bildungs-und Veredlungideal der Horen, beschreibt M., welchen geistigen Nutzen man aus der Beschäftigung mit der Kunstgeschichte ziehen kann? :angel:
Ich hatte ehrlich gesagt nach Sandhofers Beitrag (der sich mit deinem deckt) keine Lust mehr den Artikel zu lesen. >:D
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 28. Februar 2013, 10.17 Uhr
Gibt es denn einen Bezug zum hehren Bildungs-und Veredlungideal der Horen, beschreibt M., welchen geistigen Nutzen man aus der Beschäftigung mit der Kunstgeschichte ziehen kann? :angel:

Trotz anfänglicher Weigerung habe ich den Meyer-Beitrag nun doch gelesen und kann Deine Fragen mit "Nein" beantworten. Aber auch der Winckelmann-Aufsatz aus dem Jahr 1755 ist nicht mehr als eine Empfehlung, sich den Kunstwerken der griechischen Antike zuzuwenden, um zu "edler Einfalt und stiller Größe" zu gelangen.

... Meyers Elaborat ...  (Das ich übrigens immer noch für einen schülerhaften Auszug aus Winckelmann halte ...)

Das ist schon fast frech, oder?

Von diesen 20 Seiten wird mir wohl kaum was im Gedächtnis bleiben.

Du wirst nicht darunter leiden - versprochen!  ;)
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 28. Februar 2013, 11.18 Uhr
Danke für die schnelle Antwort, Tom!

Quote from: Autor: Sir Thomas« am: Heute um 10:17
Trotz anfänglicher Weigerung habe ich den Meyer-Beitrag nun doch gelesen und kann Deine Fragen mit "Nein" beantworten. Aber auch der Winckelmann-Aufsatz aus dem Jahr 1755 ist nicht mehr als eine Empfehlung, sich den Kunstwerken der griechischen Antike zuzuwenden, um zu "edler Einfalt und stiller Größe" zu gelangen.

um zu… gelangen- das wäre ja  ein Bildungsziel! Bezieht sich die Winckelmannsche Formel nicht aber nur auf den Ausdruck/ das Aussehen der antiken  Plastiken? Oder wirklich (auch) auf die veredelnde Wirkung, wenn mensch sie betrachtet und sich mit ihnen beschäftigt? Ich weiß nicht, helft mir auf die Sprünge.
 
Apropos edle Einfalt, stille Größe - mit dieser griffigen Formel reiste ich einst nach Griechenland und war entsetzt zu erfahren, dass der edle Wagenlenker in Delphi aus schlichtem, aber edlen Material z.B. früher in schreienden Farben( von wegen still!) angemalt und seine Augen mit Edelsteinen besetzt gewesen waren. Edle Einfalt,stille Größe - bewirkt durch Verwitterung und historische Patina?
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 28. Februar 2013, 12.09 Uhr
Bezieht sich die Winckelmannsche Formel nicht aber nur auf den Ausdruck/ das Aussehen der antiken  Plastiken? Oder wirklich (auch) auf die veredelnde Wirkung, wenn mensch sie betrachtet und sich mit ihnen beschäftigt? Ich weiß nicht, helft mir auf die Sprünge.

Das will nachgelesen sein - und dauert deshalb ein wenig länger ...  ;)
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 28. Februar 2013, 16.56 Uhr
Bezieht sich die Winckelmannsche Formel nicht aber nur auf den Ausdruck/ das Aussehen der antiken  Plastiken? Oder wirklich (auch) auf die veredelnde Wirkung, wenn mensch sie betrachtet und sich mit ihnen beschäftigt? Ich weiß nicht, helft mir auf die Sprünge.

Das will nachgelesen sein - und dauert deshalb ein wenig länger ...  ;)

Es geht um die veredelnde Wirkung. Hier einige Zitate:

Der einzige Weg für uns, groß, ja, wenn es möglich ist, unnachahmlich zu werden, ist die Nachahmung der Alten ... Ich glaube, ihre Nachahmung könne lehren, geschwinder klug zu werden ... Die Begriffe des Ganzen, des Vollkommenen in der Natur des Altertums werden die Begriffe des Geteilten in unserer Natur bei ihm [ = dem heutigen Künstler und Menschen] läutern und sinnlicher machen.

LG

Tom
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 28. Februar 2013, 19.00 Uhr
Danke fürs Recherchieren, Tom.

Es ging ja um die Formel "Edle Einfalt, stilleGröße". Ich habe mal das Originalzitat aus Winckelmanns ersten Schrift "Von der Nachahmung… "herausgesucht. In Bezug auf die Figur des Laokoon aus der berühmten Statuengruppe, die im Todeskampf die Schönheit des männlichen Körpers offenbart, stellt er fest:

Quote from:  Winckelmann
Das allgemeine vorzügliche Kennzeichen der griechischen Meisterstücke ist endlich eine edle Einfalt, und eine stille Größe, sowohl in der Stellung als im Ausdrucke. So wie die Tiefe des Meers allezeit ruhig bleibt, die Oberfläche mag noch so wüten, ebenso zeiget der Ausdruck in den Figuren der Griechen bei allen Leidenschaften eine große und gesetzte Seele. Diese Seele schildert sich in dem Gesicht des Laokoons, und nicht in dem Gesichte allein, bei dem heftigsten Leiden …



Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 28. Februar 2013, 19.15 Uhr
Ich habe mal das Originalzitat aus Winckelmanns ersten Schrift "Von der Nachahmung… "herausgesucht.

Ich habe vergessen zu erwähnen, dass diese Schrift auch die Quelle meiner Zitate ist. Andere Aufsätze/Schriften/Bücher Winckelmanns kenne und besitze ich nicht.

LG

Tom
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 03. März 2013, 10.38 Uhr
Zweites Stück auch im Blog:

http://blog.litteratur.ch/WordPress/?p=3274  :yodel:
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 04. März 2013, 08.28 Uhr
Die Märzausgabe eröffnet mit Herder, dem mir rätselhaftesten und aus eigener Lektüre am wenigsten bekannten Mitglied der Weimarer Truppe. Den Aufsatz, der sich im Kern mit der Redensart "Jeder ist seines Glückes Schmied" auseinandersetzt, wird Schiller wohl gern gelesen und veröffentlicht haben. Er entspricht in den Grundzügen Schillers Freiheitsbegriff, der darauf beruht, Freiheit als schöpferische Intelligenz, die die Eindrücke der realen Welt willkürlich und spielerisch verarbeitet, zu betrachten. Sätze wie "Vermeide Jeder, so viel er kann, der Sklave einer fremden Bestimmung zu werden, und baue sein eigenes Schicksal" waren deshalb ganz gewiss nach dem Geschmack des Herausgebers.

Interessant fand ich Herders Bemerkung, das Schicksal des Menschen kenne keine Zufälle. "Gewöhnlich, legt man dem Schicksal Inkonsequenzen bei und nennet diese Zufall. Es gibt Zufälle in der Welt, und deren sind unendlich viele; um so mehrere treffen uns, je mehr uns alles Zufall ist, d. i. je weniger wir konsequent handeln. Da wird uns zuletzt alles Zufall. Das Wort Schicksal deutet indessen ganz etwas anders an, eine Reihe, eine unwandelbare Ordnung, nach festgestellten Grundsätzen, seien diese in unserm oder in einem höheren und dem höchsten Gemüt. Es wäre sehr anmaßend zu denken, daß in ungeheuren Inbegriff aller Dinge nirgend eine Konsequenz sei, als die das schwache menschliche Gemüt hineindichtet." Unwandelbare Ordnung, feste Grundsätze: Auch das wird Schiller, dessen Figuren aus den "Räubern" an einem Zusammenbruch der (Welt)Ordnung leiden, gefallen haben, hat er doch noch in seiner Dissertation von "der großen Kette der Wesen, die alle Menschen über die Zeiten miteinander verbindet", philosophiert. 

Zum Abschluss noch dies: "Sei, wer du sein sollst, und tu das Deine; so wird dich das Glück, dein gutes Schicksal ungesucht finden; die schärfste Waage deines, keines fremden Schicksals ist in dir." An welche (antike?) Philosophie knüpft Herder hier an?
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 07. März 2013, 14.28 Uhr
Einige Bemerkungen noch zur Darstellung des Februar- Stücks im blog:

Danke sandhofer! Deine Darstellung motiviert weiterzumachen, zeigt sie doch mehr Engagement und Eindringen in die Materie als manch spröder und lustlos in die Leserunde geworfener Beitragsbrocken vermuten lässt. ;)

Schön auch, dass Du ins Detail gehst. Die Stelle:… Der Alte behauptete, sie müsse wahr seyn, wenn sie interessant seyn solle: denn für eine erfundene Geschichte habe sie wenig Verdienst…. habe ich mir auch angestrichen!

Quote from: sandhofer im blog
Goethe riskiert viel mit dieser Bemerkung, denn im Grunde genommen enthält sie das Todesurteil über seine erste Erzählung.

Ja, was die Form angeht. Nicht aber, was den Wahrheitsgehalt der Geschichte angeht. Und auf den kommt es dem Alten an, der als Erzähler, Augen- und Ohrenzeuge  diesen zusätzlichen „Wahrheits-Beweis“ eigentlich gar nicht erbringen müsste. Er sagt an anderer Stelle, das einzige, was solche Geschichten interessant mache, sei, dass sie wahr seien. In der Tat, eine Gespenstergeschichte, von der man, weil alles so schön zusammenpasst, annehmen muss, sie sei erfunden, verfehlt ihre Wirkung. Die erste Geschichte der UdA ist „wirklich“ ungereimt - ungereimt wie die Realität - und „schlecht konstruiert, wie bereits von mir erwähnt:

Quote from:  gontscharow
…  der Spuk verläuft auch dann irgendwann im Sande.. . Die Gespenstergeschichte passt irgendwie nicht zu der (aufgeklärten) Vorgeschichte.

Goethe ist ein schlauer Fuchs, er geht das Risiko ein, eine schlecht konstruierte Geschichte erzählen zu lassen, in der nichts zusammen passt, um den Anschein zu erwecken, sie sei wirklich passiert…

Quote from:  sandhofer im blog
Ich würde nicht gerade sagen, dass Wilhelm von Humboldt hier für die Emanzipation der Frau schreibt, aber als unmittelbar anschliessender Kontrast zur Zweyten Epistel haben wir schon fast ein Manifest der Gleichberechtigung der Geschlechter vor uns.

Soweit ich sehe, wird W.v. Humboldt unter anderem aufgrund seiner in den Horen erschienen Beiträge durchaus als Vorreiter der Gleichberechtigung und Frauenemanzipation  gehandelt. Siehe z. B.:Gelebte Gleichberechtigung vor 200 Jahren? Caroline und Wilhelmvon Humboldt ,wahlverwandt und ebenbürtig. (http://www.ligelue.de/rosenstrauch_humboldt-1.3.2011-1.pdf)

Quote from: sandhofer im blog
Ausserdem jubelt Humboldt dem sonst in punctio aestheticis ein Alleinvertretungsrecht beanspruchenden Herausgeber Schiller noch eine Aesthetica in nuce unter, die an Verständlichkeit die des Schwaben bei weitem übertrifft, obwohl sie in die genau gleiche Richtung zielt wie jene
.

Aesthetica in nuce? In die gleiche Richtung? Wo das? Verstehe nicht ganz. Kannst du das kurz erläutern?
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 07. März 2013, 15.22 Uhr
Aesthetica in nuce? In die gleiche Richtung? Wo das? Verstehe nicht ganz. Kannst du das kurz erläutern?

Ich meinte keineswegs Hamann, den Begriff "in nuce" gibt's ja auch so - und bei einer Ästhetik bot sich "Aesthetica in nuce" halt einfach an. Besonders, weil ich die Hamanns erst vor ein paar Wochen gelesen haben. Was ich meinte, war ganz einfach, dass Humboldt - durchaus in die gleiche Richtung zielend - einen Abriss der Ästhetik liefert, der Schillers weitläufige Briefe an sprachlicher Eleganz und inhaltlicher Präzision bei weitem übertrifft. (Was meine Sätze leider offenbar nicht tun.  :( ...  ;D )
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 07. März 2013, 15.30 Uhr
Quote from:  sandhofer im blog
Ich würde nicht gerade sagen, dass Wilhelm von Humboldt hier für die Emanzipation der Frau schreibt, aber als unmittelbar anschliessender Kontrast zur Zweyten Epistel haben wir schon fast ein Manifest der Gleichberechtigung der Geschlechter vor uns.

Soweit ich sehe, wird W.v. Humboldt unter anderem aufgrund seiner in den Horen erschienen Beiträge durchaus als Vorreiter der Gleichberechtigung und Frauenemanzipation  gehandelt. Siehe z. B.:Gelebte Gleichberechtigung vor 200 Jahren? Caroline und Wilhelmvon Humboldt ,wahlverwandt und ebenbürtig. (http://www.ligelue.de/rosenstrauch_humboldt-1.3.2011-1.pdf)

Danke für den Link - kannte ich so gar nicht. Gut zu wissen, dass man nicht als einziger so einen Eindruck hatte. Auch wenn er mit "Emanzipation" im heutigen Sinn noch nicht viel zu tun hat.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 08. März 2013, 08.24 Uhr
Was ich meinte, war ganz einfach, dass Humboldt - durchaus in die gleiche Richtung zielend - einen Abriss der Ästhetik liefert, der Schillers weitläufige Briefe an sprachlicher Eleganz und inhaltlicher Präzision bei weitem übertrifft.

Möglicherweise hatte Humboldt zu diesem Zeitpunkt schon sein ästhetisches Hauptwerk in Arbeit, das 1799 unter dem schlichten Titel Ästhetische Versuche erschien. Am Beispiel von Goethes Hermann und Dorothea entwickelt er darin die Theorie, nach der die Kunst die Wirklichkeit in Bilder zu verwandeln habe - Bilder, die die Einbildungskraft produktiv machen und die Wirklichkeit in das Land der reinen Ideen, in das Idealische überführen. Das erinnert natürlich auch an Schiller.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 08. März 2013, 19.02 Uhr
Möglicherweise hatte Humboldt zu diesem Zeitpunkt schon sein ästhetisches Hauptwerk in Arbeit, das 1799 unter dem schlichten Titel Ästhetische Versuche erschien.

Durchaus möglich; ich bin zwar kein Humboldt-Spezialist, aber ich meine, dass er tatsächlich über Jahre mit seinen Projekten schwanger ging.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 08. März 2013, 21.04 Uhr

Quote from: Autor: Sir Thomas« am: 04. März 2013, 08.28 Uhr
Die Märzausgabe eröffnet mit Herder, dem mir rätselhaftesten und aus eigener Lektüre am wenigsten bekannten Mitglied der Weimarer Truppe.

Ich kannte bislang nur den frühen Herder, seine kulturphilosophischen Sturm+Drang-Schriften wie die „ Abhandlung über den Ursprung der Sprache“, „Ossian oder die Lieder alter Völker" und  „Von deutscher Art und Kunst“. Nie hätte ich den Horenbeitrag „Das eigene Schicksal“, den ich verabredungsgemäß in Zeitgenossensimulation ;) ohne die Autorenangabe gelesen habe, Herder zugeordnet. Zu gesetzt, ausgewogen, rational, aufklärerisch zwar, aber konservativ ist er. Nun lerne ich also den Geschichts- und Kulturphilosophen der Weimarer Klassik kennen.
 
Quote from: Autor: Sir Thomas« am: 04. März 2013, 08.28 Uhr
Den Aufsatz, der sich im Kern mit der Redensart "Jeder ist seines Glückes Schmied" auseinandersetzt…

Ja. Die Aussage des Textes lässt sich mMn auch in folgendem ebenfalls fast zum Sprichwort avancierten Satz gut zusammenfassen: Achte auf deine Gewohnheiten, denn sie werden dein Charakter, achte auf deinen Charakter, denn er wird dein Schicksal. Ebenso in dem Satz aus dem Text:… Dein Schicksal ist der Nachklang, das Resultat deines Charakters (3. Stück, S.5) Schicksal ist also nicht etwas von außen Verhängtes, sondern man trägt durch seine Art und sein Verhalten selbst dazu bei, zu wem man wird  und was einem zustößt.
Dies ist wieder ein Artikel, der sein Anliegen belehrend, mit pädagogischem Impetus, fast mit erhobenem Zeigfinger vorträgt und so etwas wie Rat und Lebenshilfe anbietet. Es wäre interessant, aus den Horenbeiträgen das Persönlichkeitsideal herauszudestillieren, den honnête homme der deutschen Klassik sozusagen. Besonders Fichtes, Humboldts und Herders Beiträge, aber auch Goethe und Schillers Texte sind in dieser Hinsicht sehr ergiebig...

Quote from: Autor: Sir Thomas« am: 04. März 2013, 08.28 Uhr
Zum Abschluss noch dies: "Sei, wer du sein sollst, und tu das Deine; so wird dich das Glück, dein gutes Schicksal ungesucht finden; die schärfste Waage deines, keines fremden Schicksals ist in dir." An welche (antike?) Philosophie knüpft Herder hier an?

Entspricht das nicht tout simplement dem berühmten Werde, der du bist, nach dessen Ursprung neulich schon im  im klassikerforum geforscht wurde? Es ist eh ein bekannter Gedanke, der z.B. auch in einem meiner Lieblingsgedichte, dem barocken Gedicht An sich von Paul Fleming vorkommt:
....
Was klagt, was lobt man doch? Sein Unglück und sein Glücke
ist ihm ein jeder selbst. Schau alle Sachen an.
Dies alles ist in dir……
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 09. März 2013, 07.27 Uhr
Danke, Gontscharow, dass Du schon geantwortet hast. Ich wollte Herder diese Woche lesen, aber ein hartnäckiger Husten hindert mich gerade daran, irgendetwas zu lesen, das mehr Konzentration benötigt als der übliche Roman. Es ist schwierig, einer Argumentation zu folgen, wenn die Buchstaben im Minutentakt vor den Augen auf- und abhüpfen ...  :(
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 10. März 2013, 12.18 Uhr

Nette Trouvaille: Auf einer Mitabeiter-Motivations- Page (http://www.365motivation.de/tag/schicksal) neben Sätzen wie: “Kenne deine Männer, kenne dein Geschäft, kenne dich selbst!”(Napoleon Hill) auch den (bereits zitierten) Kernsatz aus Herders Horenbeitrag „Das eigene Schicksal“ gefunden:

Das Schicksal ist der Nachklang und das Resultat deines eigenen Charakters.”

Interessantes Recycling unserer Klassiker!
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 10. März 2013, 13.54 Uhr
Das Schicksal ist der Nachklang und das Resultat deines eigenen Charakters.”

Interessantes Recycling unserer Klassiker!

Vor allem witzig, wenn man bedenkt, dass der nachtragende, leicht Einflüsterungen unterliegende und dazu noch ewig kränkelnde Herder sich sein eigenes Leben zu einem schönen Teil durch seinen eigenen Charakter - versaut hat.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 18. März 2013, 20.17 Uhr
Zum Abschluss noch dies: "Sei, wer du sein sollst, und tu das Deine; so wird dich das Glück, dein gutes Schicksal ungesucht finden; die schärfste Waage deines, keines fremden Schicksals ist in dir." An welche (antike?) Philosophie knüpft Herder hier an?

Schwierig zu sagen. Falls überhaupt. Es gibt dieses hier: "Der Charakter des Menschen ist sein Schicksal." - Heraklit
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: orzifar on 19. März 2013, 05.59 Uhr
Hallo!

Nun also wieder Schiller: Immer noch weiß er, wohin die Wege der Menschheit führen (und das zu lesen nach Asimov hat dann etwas Eigenartiges ;)): Nämlich zwischen Rohigkeit und Erschlaffung hindurch - durch die und zur Schönheit. Allerdings weiß er sich in dieser Idee auch der Kritik ausgesetzt: Auf S. 52 (168) wird indirekt auf Plato hingewiesen, dem es ja ein Anliegen war, aus seinem idealen Staat die Künste zu verweisen. Aber es gäbe auch andere, die - von der Muse ungeküsst - den von ihr Erhörten ihren Genius neiden würden. Solche Argumentation hat etwas Abfällig-Immunisierendes: Zweifelt da eben jemand an den Kunstfertigkeiten des Betreffenden, so sieht er sich sofort der Unterstellung ausgesetzt, er täte dies aus Neid oder einfach aus Unkenntnis. Das ist denn doch billig.

Aber auch aus einer anderen Richtung droht Kritik: Die Verfeinerung, die Konzentration auf äußere Form verhindert im Staatsbürgerlichen das Ideal von Freiheit und Tugend zu verwirklichen. "Freiheit und Geschmack fliehen einander, die Schönheit gründet auf dem Untergang heroischer Tugenden." (S. 55f) Nunja, seine Beispiele sind ein bisschen willkürlich (denn gerade die Zeit des Perikles war eine Zeit der Freiheit), weshalb mir solche Thesen immer ein wenig hanebüchen erscheinen wollen. Und außerdem geht's mir wie der Fragern des Sokrates: Ich weiß nicht so recht, was denn Tugend sei - und mit Schönheit und Geschmack ist's ähnlich. Das aber treibt auch Schillern um und so versucht auch er sich an einer Definition, die er - als echter Idealist - selbstredend in der Erfahrung nicht findet, sondern sich als reinen Vernunftbegriff vorstellt. Also: Auf zu den Bedingungen der Möglichkeit der Beschreibung von Schönheit, zum transzendentalen Weg (Kant lässt grüßen).

Und in dem 11. Brief wird's dann ernst mit der idealistischen Spintisiererei: Zuerst werden zwei Endzustände ausgemacht, eine statische "Person" (Mach würde hier - zurecht - die Stirn runzeln) und einen dynamischen "Zustand". Und weil das Bleibende nicht aus dem Veränderlichen sich entwickeln kann (soso), so ist denn das Absolute der Person die - Freiheit. (Warum - fragt sich da der Leser - ähnlich wie bei Hegel, wenn Gegensätze deduziert werden, die etwas absolut Beliebiges haben: Etwa Nichts - Geist. Warum nicht Alles, Das Andere, das Ganze, das Seiende, das Sein des Seienden etc.?) Und der Zustand hat seinen Grund in der Zeit.

Das ICH kann laut Schiller nicht "werden", sondern wird in der Person offenbart. (Irgendwie habe ich da meine Zweifel, wenn ich dem kleinen, 10monatigen Ich beim Werden zusehe. Und wie das wird und entsteht. Aber über so handfest-triviale Beispiele hätte Schiller wohl die Nase gerümpft. Und er sagt ja auch: Dies sei kein Einwand, weil das "beharrliche Ich" langsam in Erscheinung tritt. Wenn man's glaubt, stimmt's auch.) Das Ich ist eine Partizipation am Göttlichen, die Welt wird nur benötigt, um diesem Ich (der Form) Inhalt zu verleihen. Woraus sich zwei Tendenzen ergeben: Einverleibung der Welt ins Formale - und vice versa. - Diese Ausführungen sind paradigmatisch für idealistische Philosophie - in ihrer Beliebigkeit der Festsetzung von Begriffen. Alles das ließe sich anders, umgekehrt auch sagen - und ebenfalls in sich konsistent.

Nicht eben überraschend entwirft Schiller eine dualistische Konzeption: So wird ihm der "Sachtrieb" zu einem Zustand der Empfindung, welcher ihn "außer sich" setzt, außerhalb seines Ichs, seines bewussten Seins. Der "Formtrieb" hinwiederum ist die ratio, die in der Wirklichkeit ewige Werte sucht: Etwa Wahrheit und Recht. Und diese ratio gebiert Gesetze ewiger Natur: Sie kommen aus dem unveränderlichen Ich, partizipieren an Gottes Intelligenz und sind durch diese zeitliche Ungebundenheit den Zufälligkeiten des Sachtriebs bei weitem überlegen. Aus den bloßen Zufälligkeiten werden Gesetze, aus dem Individuum wird die Gattung.

Diese beiden Triebe sind - nach Schiller - die einzig denkbaren. (Solche Ausdrücke finde ich immer süß, da der nächste Philosoph um die Ecke meist schon das genaue Gegenteil - mit ebensolcher Verve - behauptet.) Und sie müssen beide kultiviert werden, erst das macht den wahren Menschen aus: Es bedarf der passiven Aneignung der Empfindung, der aktiven Gestaltung durch den Formwillen der unveränderlichen Person. Diese beiden Triebe ergänzen sich, können ohne einander nicht sein. Allerdings mutet die Stelle S. 72 unten seltsam an, wo die Harmonie von Sach- und Formtrieb beschworen wird, wenn es heißt (sofern der Formtrieb überwiegt): "... er (der Mensch) wird dann nie etwas Anderes sein." (Hervorhebung durch Schiller) Denn eigentlich kann die Person per definitionem doch gar nichts anderes werden. Wie auch immer, festzustellen bleibt noch, dass die Moralvorstellungen in der Fußnote S. 73ff für einen Schiller überraschend modern anmuten: Sie singt er keineswegs das Hohelied einer vernünftigen Konsequenz (im Sinne des Idealen), sondern stellt fest, dass diese Ideal gegenüber dem Mitmenschen gerade nicht Vorbild sein kann. Der Mensch ist oft schwach und ihm soll trotzdem geholfen werden.

Schließlich hat es mit den beiden Trieben doch nicht sein Auskommen: Der "Spieltrieb" ist die glückliche Vereinigung von Sach- und Formtrieb. Und so findet sich das Zeitliche in ein Ewiges, das Formale im Werden sich zu verbinden. Nicht nur Hegel konnte Dialektik. Nun kommt Schiller aber endlich zur Auflösung des Ganzen: Da der Sachtriebe sich auf das "Leben" konzentriert, der Formtrieb auf die Gestalt, so ist der Spieltrieb und somit die Kunst auf die "lebende Gestalt" gerichtet, hier ist sein Ziel, hier ist er ganzer Mensch. Die letzten beiden Briefe dienen dann nur einer ausführlich-dialektischen Beschreibung dieses Spieltriebs, dessen Inhalt aber in letzter Konsequenz nie erreicht werden kann: Das ideale Kunstwerk bleibt ideal, das reale wird in die eine oder in die andere Richtung einen Überhang ausweisen.

Ganz klar wird mir nicht, wozu Schiller diesen - umständlichen - Weg über Person und Zustand, Beharrung und Veränderung (etc.) nimmt, da es ja im Grunde nur um das Widerstreiten von Gefühl und Verstand geht. Es klingt halt sehr gelehrt ... So nebenbei habe ich mich gefragt, ob er sich selbst mit dem Form-, Goethe aber mit dem Sachtrieb identifiziert hat.

lg

orzifar
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 19. März 2013, 08.23 Uhr
Hallo!

So nebenbei habe ich mich gefragt, ob er sich selbst mit dem Form-, Goethe aber mit dem Sachtrieb identifiziert hat.

Diese Interpretation ist natürlich - insbesondere vor der Folie der naiven und sentimentalischen Dichtung, wo Schiller ja tatsächlich Goethe und sich meinte - nahe liegend. Und ich nehme an, man findet in der gelehrten Welt jede Menge derartiger Interpretationen. Auch ich habe diesen Schluss fast automatisch gezogen.

Grüsse

sandhofer
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 19. März 2013, 23.26 Uhr
Der zweite Beitrag des  dritten Stücks  stammt von August Wilhelm Schlegel. Dantes Göttliche Komödie, speziell die Hölle, ist das Thema, wobei Übersetzung einzelner Passagen, Zusammenfassung und Kommentar einander abwechseln. Nach den eher philosophischen und dichterisch erzählenden Beiträgen jetzt also der erste philologische Artikel.  Soweit ich richtig informiert bin, wurde er nicht speziell für die Horen verfertigt, sondern stammt bereits aus dem Jahre1791. Ich weiß nicht,  wie es um Dante-Übersetzungen und überhaupt die Dante-Rezeption damals bestellt war. Ist das hier eine  philologische Groß- oder Pioniertat? Ich habe zu diesem Behufe extra Mein Weg zu Dante von Kurt Flasch (dem neuesten Dante- Übersetzer) gelesen, bekam aber keinen Hinweis. Der Schlegel- Beitrag scheint aber bei den Lesern gut angekommen zu sein, es gibt einige Fortsetzungen. Die Überstzung bleibt aber auf Teile des Infernos beschränkt . Seinen Namen als Übersetzer wird sich August Wilhelm wohl erst duch die angeblich schon irgendwo in den Horen  angekündigten Shakespeare-Übersetzungen gemacht haben...
August Wilhelms  Dante- Übersetzung ist recht kunstvoll und sucht durch adäquate Entsprechungen (pleonastisch?) dem Original nahe zu kommen: die italienischen Elfsilber überträgt er in fünffüßige Jamben, die Terzinen mit dem Kettenreimschema vollzieht er nach, wobei er - zusätzliche Rafinesse -  weibliche und männliche Kadenzen alternieren lässt, was im Italienischen nicht möglich ist. August hat später (wie ich angedeutet gefunden habe) wohl ausgehend  von seinen Erfahrungen mit der Dante-Übersetzung  intelligente Theorien über Sinn und Ziel des Übersetzens entwickelt. Wäre jetzt interessant, sie zu kennen.Weiß jemand, wo sie zu finden sind?
Wie auch immer, die berühmten Höllentor- Verse  sind kongenial übersetzt:

Ich bin der Weg ins wehevolle Thal
Ich bin der Weg zu den verstoßnen Seelen
….-
auch wenn  Lasciate ogni speranza, voi ch’entrate mit…  lasst die Hoffnung schwinden… statt mit… lasst alle Hoffnung fahren… übersetzt wird, was ich kraftvoller und adäquater finde. >:D
August deutet an, dass er Schwierigkeiten hat mit dem „mittelalterlichen“ Stoff und dem Verhaftetsein Dantes in den religösen Vorstellungen seiner Zeit. Aber wenn er am Ende dem Werk bescheinigt, ein Gedicht von hoher Einfalt und freyer Naturgröße zu sein und  unter den Finsternissen des dreyzehenden Jahrhunderts den  unabhängigen Genius Dantes entdeckt, wird klar, dass und inwiefern der Beitrag in die Horen passt.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 21. März 2013, 20.01 Uhr
Und weiter geht’s mit den Horen. Muss ja, wenn wir Ende März wieder in den Genuss der monatlichen Lesefrüchte-Ernte im blog kommen wollen!
 
Johann Jacob Engel (mir bislang unbekannt) war ein deutscher Schriftsteller und Philosoph im Zeitalter der Aufklärung...lese ich bei wikipedia. Was da sonst noch über ihn - den Theatermann,  Prinzenerzieher, Lehrer der Humboldtbrüder etc. - steht,  ist nicht uninteressant! Geboren 1741, ist er der bislang älteste Beiträger. Später wird noch sein Familienroman (wahrscheinlich in Auszügen) in den Horen zu lesen sein. Nun also seine Erzählung Die Entzückung des Las Casas, die - passend zu dessen Zeit und seltsam unpassend zu der J J Engels  -  im "hagiographischen" Gewand einer Vision, Entzückung, ectasis - die letzten Gedanken des sterbenden Las Casas wiedergibt.
 
Weder  habe ich herausbekommen, ob Engel diese Geschichte speziell für die Horen verfasst hat, noch weiß ich, wie der Informationsstand in bezug auf Las Casas damals war, inwieweit Engel z.B. Zugang zu den Quellen etwa  zu seiner Geschichte Westindiens  oder seinem Kurzgefassten Bericht  von der Verwüstung der westindischen Länder hatte.

Im Jahre 1517 bewies der Padre Bartolomé de las Casas großes Erbarmen mit den Indios, die sich in den Marterhöllen der Goldgruben auf den Antillen abquälten;er schlug dem Kaiser Karl dem V. vor, Neger einzuführen, die sich in den Marterhöllen der Goldgruben auf den Antillen abquälen sollten. Dieser wunderlichen Nuance eines Menschenfreundes verdanken wir eine Unmenge von Tatsachen…
so beginnt Jorge Luis Borges seine Geschichte der Niedertracht und das ist genau das Problem, das Las Casas in Engels Geschichte auf der Seele brennt. In seiner Geschichte Westindiens schreibt Las Casas:
Diesen Rat, den der Kleriker [so nennt er sich selbst in der dritten Person] gegeben hatte, bereute er später nicht wenig, weil er meinte, er sei aus Unachtsamkeit schuldig geworden; denn da er alsbald sah und entdeckte, [...] daß die Knechtschaft der Neger ebenso ungerecht wie die der Indios ist, war es ja kein kluges Rettungsmittel, was er empfohlen hatte: daß man Negereinführen solle, damit man die Indios freilassen könne; mochte er damals angenommen haben,daß jene zu Recht in Gefangenschaft geraten wären. Dennoch war er nicht sicher, ob ihn seine damalige Unkenntnis und sein guter Wille vor dem göttlichen Gericht entschuldigen könnten" (Geschichte Westindiens, 111,129: WA II, 281,zitiert nach Mariano Delgado)
Der letzte Satz umschreibt den Erzählkern der Engel- Geschichte. Natürlich erfährt und erkennt Las Casas, dass Gottes Gericht nur Verzug seines Heils ist, seine Fehler…ein Umweg, der sich weit vom Himmel hinwegschlingt, und doch wieder hinführt zum Himmel, dass Irrtümer, Leiden, das Böse generell den Keim des Guten und Besseren in sich tragen etc und dass in dieser Erkenntnis die (Untertitel) Quellen der Seelenruhe liegen…

Was macht diese Heiligenlegende nun Horen-kompatibel? Einmal wohl der Heilige selbst, der zwar im Heiligenlexikon zu finden, von der Kirche aber nie heilig gesprochen worden ist und den JJ. Engel einen thätigen Menschenfreund nennt, dessen Name ewig und umso heller glänzen wird, da er neben den höllenschwarzen Namen jener Ruchlosen erscheint, die durch Schwert und folter… eine Million von Unschuldigen innerhalb fünfzehn Jahren würgten.

Und dann natürlich  diese Worte:
Sterblicher! rief der Engel; wo ist die Seligkeit, als in dir, als in deiner eignen Seele? Und worinn sonst  kann sie dir Endlichen blühen…als dass du dich wirksam zum Guten fühlest mit all deiner Kraft…..und in der Bitterkeit deines Schmerzes selbst, wo du gefehlt hast, den Adel deiner Seele empfindest?
 
Da ist es wieder, das diesseitige und ich-zentrierte Persönlichkeitsideal der Horen. Und der Engel samt allem, von dannen er kommt, löst sich in Nichts auf. :angel:
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 21. März 2013, 20.55 Uhr
Und weiter geht’s mit den Horen. Muss ja, wenn wir Ende März wieder in den Genuss der monatlichen Lesefrüchte-Ernte im blog kommen wollen!

Ich stecke ja noch - zuerst wegen Krankheit, dann wegen beruflicher Belastung - in den ersten Sätzen von Herder ...  >:(
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 21. März 2013, 21.23 Uhr
Und weiter geht’s mit den Horen. Muss ja, wenn wir Ende März wieder in den Genuss der monatlichen Lesefrüchte-Ernte im blog kommen wollen!

Ich stecke ja noch - zuerst wegen Krankheit, dann wegen beruflicher Belastung - in den ersten Sätzen von Herder ...  >:(

Ach komm, Hans Dampf in allen threads! ;D
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 22. März 2013, 09.06 Uhr
Ach komm, Hans Dampf in allen threads! ;D

Eines ist es, was im Thread zu schreiben; ein anderes, was Gescheites zu Herder sagen zu können ...
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 22. März 2013, 10.40 Uhr

Ach komm, Hans Dampf in allen threads! ;D

Eines ist es, was im Thread zu schreiben; ein anderes, was Gescheites zu Herder sagen zu können ...

Was Gescheites...Oh Gott, da kann ich ja nur hoffen, nicht allzu großen Mist geschrieben zu haben.

Deine Liebeserklärung an Jean Paul im blog ist sehr schön!
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 23. März 2013, 15.36 Uhr
Nun denn, ob's was Gescheites ist, bleibe dahingestellt ...

Herder in seiner Abhandlung über das Schicksal scheint mir hinter dem zurück zu bleiben, was er könnte. Im Grunde genommen kommentiert er eine Reihe mehr oder weniger alter Sprichwörter aus. Die dialektische Denkweise, die Schiller und Wilhelm von Humboldt bereits für sich entdeckt haben, kennt er nicht. Das macht ihn hier etwas altbacken, wie ich finde. Es ist der protestantische Prediger, der spricht, nicht der Denker Herder, der er doch auch war. Dass er zum Schluss so halb verspricht, künftig auch über das Schicksal der Nationen zu sprechen, macht mein Herz nicht gerade vor Freude hüpfen.

Also ein Beitrag von ähnlicher Qualität wie der des Kunscht-Meyer. Für eine Monatszeitschrift, die sich an ein durchschnittlich gebildetes Publikum wendet, wohl so übel nicht. Dem grossen Anspruch, den Schiller zur Eröffnung der Horen stellte, mag es m.M.n. nicht zu genügen.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 23. März 2013, 17.44 Uhr
Nun also wieder Schiller: Immer noch weiß er, wohin die Wege der Menschheit führen (und das zu lesen nach Asimov hat dann etwas Eigenartiges ;)):

 ;D

Ganz klar wird mir nicht, wozu Schiller diesen - umständlichen - Weg über Person und Zustand, Beharrung und Veränderung (etc.) nimmt, da es ja im Grunde nur um das Widerstreiten von Gefühl und Verstand geht.

Schiller konnte wohl - frei nach Luther - nicht anders ...  :angel:
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 23. März 2013, 17.48 Uhr
Der zweite Beitrag des  dritten Stücks  stammt von August Wilhelm Schlegel. Dantes Göttliche Komödie, speziell die Hölle, ist das Thema, wobei Übersetzung einzelner Passagen, Zusammenfassung und Kommentar einander abwechseln.

Schlegel war ja in diesem Sinne der Ahnherr der modernen Literaturkritik. Ausserdem liefert er auch gewisse zusätzliche Informationen über die eine oder andere Person, die Dante und Vergil in der Hölle antreffen. Theologe war Schlegel keiner - für ihn war das Mittelalter einfach eine finstere Epoche, den Frühhumanismus Dantes scheint er nicht zu spüren. (Andererseits behandelt er ihn als "modernen" Autor, was doch zeigt, dass er Dante auch nicht als veraltet betrachtete.)
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 24. März 2013, 10.16 Uhr
Quote from: Autor: Gontscharow« am: 19. März 2013, 23.26 Uhr
Ich weiß nicht,  wie es um Dante-Übersetzungen und überhaupt die Dante-Rezeption damals bestellt war. Ist das hier eine  philologische Groß- oder Pioniertat?

Wir wollten ja durch die Brille der Zeitgenossen sehen 8)!
Gab es vor der Schlegelschen schon Dante- Übersetzungen, Kommentare zur Komödie? Später in der Romantik, im Symbolismus, im Fin de siècle etc sind Dante-Übersetzungen, -Ergüsse und Illustrationen Legion. Hat Schlegel ihn für Deutschland entdeckt? Zieht mit Schlegels Arbeiten zu Dante nicht schon die Romantik in die Horen ein? Was hielten Goethe& Schiller von Dante? Goethe erwähnt ihn in der Italienischen Reise, glaub ich, nicht ein einziges Mal. Mit Florenz konnte er nicht viel anfangen, war glaub ich, nur einen halben Tag dort. Er war auf der Suche nach der Antike. Iim Anschluss an die Italienische Reise dichtet er altrömisch - Elegien, Epigramme, Episteln… War Dante ihnen überhaupt bekannt? Faust II allerdings- diese Reise durch allegorische Landschaften...

Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 24. März 2013, 10.50 Uhr
Gab es vor der Schlegelschen schon Dante- Übersetzungen, Kommentare zur Komödie?

Eine Übersetzung, laut Wikipedia. Von einem gewissen Lebrecht Bachenschwanz, der im übrigen als sächsischer Militärhistoriker hervortrat, zwischen 1767 und 1769 erschienen.

Rezeptionsgeschichte ist leider immer etwas, das sehr vernachlässigt wird. Goethe und Schiller, vermute ich, haben Dante wenn, dann nur aus Schlegels Artikel gekannt. Beeinflusst worden sind sie kaum von ihm. Faust II ist meiner Meinung nach ein ganz anderes Setting.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 24. März 2013, 13.14 Uhr

Quote from: Autor: sandhofer« am: Heute um 10:50
Zitat von: Gontscharow am Heute um 10:16
Gab es vor der Schlegelschen schon Dante- Übersetzungen, Kommentare zur Komödie?

Eine Übersetzung, laut Wikipedia. Von einem gewissen Lebrecht Bachenschwanz…, zwischen 1767 und 1769 erschienen.

Danke für den Hinweis. Der Bachenschwanz-Text ist übrigens im internet abrufbar, eine - wie ich auf die Schnelle feststellen konnte - ziemlich wörtliche Prosa-Übersetzung, die trotz ihres Alters durchaus lesbar ist.

Zu Goethes Dante-Rezeption habe ich folgendes gefunden:
Der äußere Anlass für Goethes späte Dante-Lektüre war das Erscheinen einer neuen Gesamtübersetzung von Zelters Freund Carl Streckfuß seit 1824. …Goethe hat…. sich im September 1826 durch Zelter zu einem kleinen Dante-Aufsatz bewegen lassen. Darin zeigt sich, was bei Goethe außerdem zu einer größeren Empfänglichkeit für Dante geführt hat, nämlich sein neues Interesse an der mittelalterlichen Malerei. 1787 war Goethe noch an Assisi vorbeigeeilt, ohne von den Freskenzyklen Giottos und seiner Nachfolger Notiz zu nehmen. Aber seit 1814 hatten ihn die Brüder Boisserée für die Tafelmalerei des Mittelalters einnehmen können…
Dante als Dichter einer neuen Anschaulichkeit: “Er fasste die Gegenstände so deutlich ins Auge seiner Einbildungskraft, dass er sie scharf umrissen wiedergeben konnte; deshalb wir denn das Abstruseste und Seltsamste gleichsam nach der Natur gezeichnet vor uns sehen.”(Goethe) Abstrus, aber wie nach der Natur gezeichnet: Näher konnte Goethe Dante wohl nicht kommen….


Quote from: Autor: sandhofer« am: Heute um 10:50
Beeinflusst worden sind sie kaum von ihm. Faust II ist meiner Meinung nach ein ganz anderes Setting.

Natürlich - Comedia und Faust liegen 500 Jahre auseinander. Das setting meinte ich auch nicht, auch nicht, dass Goethe sich direkt habe beeinflussen lassen. Eher wie es Karl Voßler formuliert hat:
Man kann zu keinem gebildeten Deutschen von Dantes göttlicher Komödie sprechen, ohne ihn an Goethes Faust zu erinnern. Die Zusammenstellung des größten italienischen mit dem größten deutschen Gedicht ist uns seit den Tagen der Romantik zur Gewohnheit geworden und hat ihre Berechtigung: aber nicht so sehr in einer tatsächlichen und quellenmäßig erweisbaren, als in einer inneren und eben darum tieferen Verwandtschaft der beiden Werke.“ (Karl Voßler: Die Göttliche Komödie. 1. Bd. Heidelberg: 1925, S. 1. zitiert nach Stefan Matuschek: Weltgedicht und Weltliteratur. Über Goethe, Dante und literarische Statusfragen)
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 24. März 2013, 15.16 Uhr
Eher wie es Karl Voßler formuliert hat:
Man kann zu keinem gebildeten Deutschen von Dantes göttlicher Komödie sprechen, ohne ihn an Goethes Faust zu erinnern. Die Zusammenstellung des größten italienischen mit dem größten deutschen Gedicht ist uns seit den Tagen der Romantik zur Gewohnheit geworden und hat ihre Berechtigung: aber nicht so sehr in einer tatsächlichen und quellenmäßig erweisbaren, als in einer inneren und eben darum tieferen Verwandtschaft der beiden Werke.“ (Karl Voßler: Die Göttliche Komödie. 1. Bd. Heidelberg: 1925, S. 1. zitiert nach Stefan Matuschek: Weltgedicht und Weltliteratur. Über Goethe, Dante und literarische Statusfragen)

Voßler hat m.W. die Commedia auch übersetzt. Ansonsten: Keine Ahnung. Ich bin offenbar kein gebildeter Deutscher in Voßlers Sinn. Auf die Idee einer inneren und tieferen Verwandtschaft von Faust II und Commedia wäre ich nun nie gekommen. Vielleicht, weil mir das romantische Gen fehlt, wie auch meine Frau immer meint? Dabei kannte ich die Commedia vor Faust ...
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 24. März 2013, 15.28 Uhr
Nun also seine Erzählung Die Entzückung des Las Casas, die - passend zu dessen Zeit und seltsam unpassend zu der J J Engels  -  im "hagiographischen" Gewand einer Vision, Entzückung, ectasis - die letzten Gedanken des sterbenden Las Casas wiedergibt.

Ausser der Tatsache, dass sich mit dieser Erzählung der Horizont der Horen für einmal etwas erweitert, geografisch, indem Südamerika und Afrika eine Rolle spielen, inhaltlich, indem die Menschenrechte - wenn auch verschämt - angetönt werden, kann ich Deinen Ausführungen nichts hinzufügen.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 25. März 2013, 09.53 Uhr
Schlegel war ja in diesem Sinne der Ahnherr der modernen Literaturkritik.

Hm, Du hast Dich an anderer Stelle oft über Merck und dessen scharfzüngige Kritiken ausgelassen. Auch Wieland gehört für mich zu den frühen Literaturkritikern. Schlegel ist zwar heute noch ungemein bekannt, aber ist er wirklich der "Ahnherr" des Metiers?
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 25. März 2013, 10.03 Uhr
Der zweite Beitrag des  dritten Stücks  stammt von August Wilhelm Schlegel. Dantes Göttliche Komödie, speziell die Hölle, ist das Thema, wobei Übersetzung einzelner Passagen, Zusammenfassung und Kommentar einander abwechseln. Nach den eher philosophischen und dichterisch erzählenden Beiträgen jetzt also der erste philologische Artikel.  Soweit ich richtig informiert bin, wurde er nicht speziell für die Horen verfertigt, sondern stammt bereits aus dem Jahre 1791.

Ich habe mich ein wenig darüber gewundert, dass dieser Stoff in den Horen auftaucht. Das Mittelalter und dessen Literatur standen doch wohl in keinem hohen Ansehen bei den Weimarern.

... wenn er am Ende dem Werk bescheinigt, ein Gedicht von hoher Einfalt und freyer Naturgröße zu sein und  unter den Finsternissen des dreyzehenden Jahrhunderts den  unabhängigen Genius Dantes entdeckt, wird klar, dass und inwiefern der Beitrag in die Horen passt.

Dante als ein klassischer "Naiver"?   
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 25. März 2013, 10.45 Uhr
Hm, Du hast Dich an anderer Stelle oft über Merck und dessen scharfzüngige Kritiken ausgelassen. Auch Wieland gehört für mich zu den frühen Literaturkritikern.

Merck ging ja rasch wieder vergessen - wohl auch aufgrund der Tatsache, dass er nach seinem Selbstmord bei Goethe definitiv unten durch war. Ausserdem waren seine Kritiken bei aller Qualität eben doch die eines Amateurs. Erste professionelle Schritte gab es sicher schon bei ihm - so die Tatsache, dass die Kritik auf bestimten, vordefinierten und einzuhaltenden Kriterien zu ruhen habe. Wieland agierte da schon mehr aus dem Bauch heraus. Schlegel war meiner Meinung nach der erste Profi, der auch vom Schreiben solcher Dinge lebte.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 26. März 2013, 10.37 Uhr

Quote from: Autor: sandhofer
« am: Gestern um 10:45
Merck ging ja rasch wieder vergessen -….. Ausserdem waren seine Kritiken bei aller Qualität eben doch die eines Amateurs.

Immerhin gibt es seit 1964 einen Johann Heinrich Merck- Preis für Literaturkritik …

Schade, dass Merck einem Horenbeitrag durch seinen Tod zuvorgekommen ist. Er hätte den Jungs so richtig eingeheizt - wenn man ihn gelassen hätte.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 26. März 2013, 12.07 Uhr

Quote from: Autor: Sir Thomas« am: Gestern um 10:03
Ich habe mich ein wenig darüber gewundert, dass dieser Stoff in den Horen auftaucht. Das Mittelalter und dessen Literatur standen doch wohl in keinem hohen Ansehen bei den Weimarern.

Deshalb dauerte es ja auch - wie gesagt - bei Goethe noch dreißig Jahre, bis er Dante einer näheren Betrachtung für würdig befand. Bei den Lesern kamen Schlegels Dante -Artikel gut an und Schiller muss sie ja auch geschätzt haben. Wobei ich mir vorstellen könnte, dass das Trimmen Dantes auf die klassischen Essentials (hohe Einfalt und freye Naturgröße ) auf sein redaktionelles Konto geht.

Für mich - wie gesagt- zieht mit den Dante-Artikeln die Romantik in die Horen ein. ;)
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 26. März 2013, 21.41 Uhr
Schade, dass Merck einem Horenbeitrag durch seinen Tod zuvorgekommen ist. Er hätte den Jungs so richtig eingeheizt - wenn man ihn gelassen hätte.

Er galt - neben Wieland, dem Herausgeber - als Hauskritiker des "Merkur". Wie Wieland wäre er mur schon deswegen kaum zum Handkuss gekommen. Vorausgesetzt, er hätte es überhaupt gewollt. Ausserdem wandte er sich mit der Zeit den Naturwissenschaften zu. Die aber spielen in den "Horen" eine untergeordnete Rolle, wenn überhaupt eine.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 27. März 2013, 09.09 Uhr
Für mich - wie gesagt- zieht mit den Dante-Artikeln die Romantik in die Horen ein. ;)

Hat nicht bereits Schiller in den "Ästhetischen Briefen" Aspekte der Frühromantik vorweggenommen? Die Klagen über das exzessive bürgerliche Nützlichkeitsdenken, die Ökonomisierung und Fragmentierung des Lebens sowie die Forderung, man müsse das Leben spielerischer und kreativer betrachten, haben doch die ersten Romantiker um Friedrich Schlegel, Novalis und Ludwig Tieck zu ihren Höhenflügen animiert. All die Forderungen nach einer "progressiven Universalpoesie" (F. Schlegel) und einer "Romantisierung des Lebens" (Novalis) haben deutliche Bezüge zu Schillers ästhetischer Theorie. Ich denke, die gewohnt strikte Trennung zwischen Klassik und Romantik ist nicht immer gerechtfertigt.

Am Rande: Das gilt mEn. auch für die Musik zwischen 1795 und 1805. Beethoven als "Wiener Klassiker" hat durchaus "romantische" Elemente in seine Musik einfließen lassen, z.B. in die berühmte, im Jahr 1801 komponierte und später so genannte "Mondscheinsonate" op. 27/2, die er als "Sonata quasi una fantasia" bezeichnete. Der Begriff "Fantasia" war klug gewählt, denn um den sog. klassischen Sonatensatz und -aufbau (Haydn, Mozart) kümmerte Beethoven sich in diesem Werk allenfalls am Rande. 
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 27. März 2013, 20.58 Uhr
Hat nicht bereits Schiller in den "Ästhetischen Briefen" Aspekte der Frühromantik vorweggenommen?

Wenn ich mich recht erinnere, war (oder ist?) in der nicht-deutschen Germanistik deswegen der Begriff der Klassik für die paar Jahre Schiller+Goethe&Co. umstritten. Bruford jedenfalls hat sein Buch (auch) explizit geschrieben, um zu prüfen, ob man von einer "Klassik" reden dürfe, oder ob im Grunde genommen alles Romantik sei.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 28. März 2013, 08.11 Uhr
Hat nicht bereits Schiller in den "Ästhetischen Briefen" Aspekte der Frühromantik vorweggenommen?

Wenn ich mich recht erinnere, war (oder ist?) in der nicht-deutschen Germanistik deswegen der Begriff der Klassik für die paar Jahre Schiller+Goethe&Co. umstritten. Bruford jedenfalls hat sein Buch (auch) explizit geschrieben, um zu prüfen, ob man von einer "Klassik" reden dürfe, oder ob im Grunde genommen alles Romantik sei.

Für die Germanistik kann ich nicht sprechen. In den Musikwissenschaften der 1970er/80er Jahre wurde die Frage "Wieviel Klassik steckt in der Romantik - und umgekehrt?" diskutiert. Zeitweilig hatte man diese Grenze vollständig aufgehoben. Da galt die Zeit nach Bach bis zu Debussy als eine zusammenhängende Musikepoche.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 28. März 2013, 20.34 Uhr

Quote from:  Sir Thomas« am: Gestern um 09:09
Hat nicht bereits Schiller in den "Ästhetischen Briefen" Aspekte der Frühromantik vorweggenommen? Die Klagen über das exzessive bürgerliche Nützlichkeitsdenken, die Ökonomisierung und Fragmentierung des Lebens sowie die Forderung, man müsse das Leben spielerischer und kreativer betrachten…...

Ja, auf jeden Fall! Auf dieses „Romantische“ in der ÄE (ohne es so zu nennen) bezieht sich übrigens Marcuse in seinem Versuch über Befreiung (Ihr erinnert euch? Ich sollte berichten.) Der Essay ist unter dem Eindruck der Mai-Ereignisse 68 in Frankreich geschrieben. Die Maxime der Manifestierenden: Die Phantasie an die Macht! (nach der sie auch agieren) lässt Marcuse von neuen Formen des Widerstands und der Befreiung träumen und scheint ihm Schillers Überlegungen zu bestätigen …. (dies nur als Zwischeneinwurf - Umfassenderes kann ich erst sagen, wenn ich ÄE und VüB zuende gelesen habe)

Quote from: sandhofer« am: Gestern um 20:58
Wenn ich mich recht erinnere, war (oder ist?) in der nicht-deutschen Germanistik deswegen der Begriff der Klassik für die paar Jahre Schiller+Goethe&Co. umstritten. Bruford jedenfalls hat sein Buch (auch) explizit geschrieben, um zu prüfen, ob man von einer "Klassik" reden dürfe, oder ob im Grunde genommen alles Romantik sei.

In Frankreich ist man auch nicht zimperlich mit Zuordnungen. Empfindsamkeit, Sturm und Drang , Klassik, Romantik? Le Werther de Goethe ist ein romantisches Werk ebenso Les Affinités électives (Die Wahlverwandschaften). Le romantisme deutscher und englischer Prägung dauert in Frankreich  ;) etwa von 1770 bis 1830... Die französische Romantik dagegen setzt erst mit der Restauration bzw.der Julimonarchie ein .
Mit dem Korffschen Epochenbegriff Goethezeit umgeht man die schwierigen Abgrenzungen und Zuordnungen, er ist aber seinerseits nicht unproblematisch.

Nicht nur die Dante-Artikel und die Ästhetischen Briefe weisen auf  die Romantik oder nehmen sie vorweg, Goethes Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten mit ihrer Rahmenhandlung und den eingeschachtelten Erzählungen ist die erste deutsche Erzählung dieser Art, ja der Prototyp einer Erzählung oder Erzählweise, wie sie dann besonders in der Romantik gepflegt wurde, aber bis heute (soap etc) fortdauert : die zyklisch- serielle Narration. (Tut mir leid, aber so nennt man das heute ;))
Allein schon aus diesem Grund rechne ich die UdA auch zu den Perlen, die man in den Horen finden kann.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 28. März 2013, 20.48 Uhr
In Frankreich ist man auch nicht zimperlich mit Zuordnungen. Empfindsamkeit, Sturm und Drang , Klassik, Romantik? Le Werther de Goethe ist ein romantisches Werk ebenso Les Affinités électives (Die Wahlverwandschaften). Le romantisme deutscher und englischer Prägung dauert in Frankreich  ;) etwa von 1770 bis 1830... Die französische Romantik dagegen setzt erst mit der Restauration bzw.der Julimonarchie ein .

Ich behaupte ja, dass - Gérard de Nerval und Prosper Mérimée vielleicht ausgenommen - die französische Literatur gar keine Romantik kennt ... Und diese Romantik tatsächlich ein Nachzügler ist. Aber ja: Was der Deutsche in Sturm und Drang - Klassik - Romantik zu unterscheiden pflegt, wird ausserhalb der Grenzen der deutschen Sprache tatsächlich als "Romantik" wahrgenommen ...
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 30. März 2013, 19.56 Uhr
Humboldt Aufsatz lässt mich ziemlich ratlos zurück. Anthropologisch, kunsthistorisch, ästhetisch?
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 31. März 2013, 11.00 Uhr

Quote from: sandhofer« am: 28. März 2013, 20.48 Uhr
Ich behaupte ja, dass - Gérard de Nerval und Prosper Mérimée vielleicht ausgenommen - die französische Literatur gar keine Romantik kennt …

Ja. Und ich behaupte ja, dass der Grund dafür derselbe ist wie der, warum in Frankreich eine Revolution stattfand und in Deutschland nicht: die Existenz (bzw. Nicht-Existenz) eines zentralen Nationalstaates. Oder jedenfalls einer der Gründe ....  ;)

Was ist im übrigen mit Chateaubriand und Victor Hugo (Preface de Cromwell)?
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 31. März 2013, 12.25 Uhr
Und ich behaupte ja, dass der Grund dafür derselbe ist wie der, warum in Frankreich eine Revolution stattfand und in Deutschland nicht: die Existenz (bzw. Nicht-Existenz) eines zentralen Nationalstaates. Oder jedenfalls einer der Gründe ....  ;)

Mag sein, das kann ich nicht beurteilen.

Was ist im übrigen mit Chateaubriand und Victor Hugo (Preface de Cromwell)?

Hugo hat tatsächlich als Romantiker begonnen, und er konnte diese seine Eierschalen ja auch nie so ganz abstreifen. Aber Les Misérables ist m.M.n. Realismus (fast) in Reinkultur. Schon fast Naturalismus ...

Chateaubriand? Ist das nicht etwas zum Essen?  >:D

Im Ernst. Chateaubriand ist zwar der Vater der Romantik, wie man so schön sagt. Mir ist er allerdings zu schwülstig.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 31. März 2013, 12.30 Uhr
Was der Deutsche in Sturm und Drang - Klassik - Romantik zu unterscheiden pflegt, wird ausserhalb der Grenzen der deutschen Sprache tatsächlich als "Romantik" wahrgenommen ...

Ich habe noch einmal das Romantik-Buch von R. Safranski durchblättert (Romantik - Eine deutsche Affäre, 2007). Er lässt das romantische Denken mit Herder (Geschichtsphilosophie) beginnen und mit Thomas Mann (Doktor Faustus) enden. Ich bin mir nicht sicher, was ich davon halten soll. Ganz von der Hand zu weisen ist diese Betrachtungsweise allerdings nicht.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 31. März 2013, 13.15 Uhr

Quote from: sandhofer« am: Heute um 12:25 »
Aber Les Misérables ist m.M.n. Realismus (fast) in Reinkultur. Schon fast Naturalismus ...

...mit seinem Sozialkitsch - D’accord. Aber Notre Dame de Paris mit der gotischen Kathedrale (nicht dem Glöckner) als Protagonistin? Vielleicht ist aber schon hier das Mittelalterliche etc nur romantische Kulisse, die Erzählweise realistisch…?

Es wäre schon interessant (wenn auch ein weites Feld), die deutsche mit der französischen Romantik zu vergleichen…
Die deutsche scheint mir paradoxerweise intellektueller (wenn man mal von der Spätromantik absieht) …
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 31. März 2013, 15.40 Uhr
Ich habe noch einmal das Romantik-Buch von R. Safranski durchblättert (Romantik - Eine deutsche Affäre, 2007). Er lässt das romantische Denken mit Herder (Geschichtsphilosophie) beginnen und mit Thomas Mann (Doktor Faustus) enden. Ich bin mir nicht sicher, was ich davon halten soll. Ganz von der Hand zu weisen ist diese Betrachtungsweise allerdings nicht.

Insofern als dass der Sturm und Drang auch romantische Züge trägt, der Realismus nie wirklich im deutschen Sprachraum angekommen ist (unsere "Realisten", Storm, Keller, Stifter, im Grunde genommen Spätestromantiker sind), vom Naturalismus ganz zu schweigen ... Andererseits birgt so was auch die Gefahr eines rein binären Denkens. Hie Realist - dort Romantiker.

Aber Notre Dame de Paris mit der gotischen Kathedrale (nicht dem Glöckner) als Protagonistin? Vielleicht ist aber schon hier das Mittelalterliche etc nur romantische Kulisse, die Erzählweise realistisch…?

Meines Dafürhaltens, ja.

Es wäre schon interessant (wenn auch ein weites Feld), die deutsche mit der französischen Romantik zu vergleichen…
Die deutsche scheint mir paradoxerweise intellektueller (wenn man mal von der Spätromantik absieht) …

Die Speerspitze des Intellekts war damals eindeutig deutsch. (Auch wenn man - ähnlich wie bei der hochintellektuellen Scholastik - bedauern mag, dass sich hier hochintelligente Leute derart in den Idealismus verrennen konnten, wie Schiller, Fichte, Hegel ...)
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 31. März 2013, 16.39 Uhr
Insofern als ... der Realismus nie wirklich im deutschen Sprachraum angekommen ist (unsere "Realisten", Storm, Keller, Stifter, im Grunde genommen Spätestromantiker sind), vom Naturalismus ganz zu schweigen ...

Ja. Deutsche Pendants zu Flaubert und Zola hat es nicht gegeben. Auch Fontane ist eher ein "Spätestromantiker" (schöne Wortschöpfung!). Das Pläsierliche, ein Präservativ der Moral, ... entzieht ihm den Rang ... (Gottfried Benn 1949).

Nebenher: Was ist mit Thomas Mann? Ich komme langsam zu der Überzeugung, dass man (wie Safranski) die Romantik tatsächlich mit ihm enden lassen kann ... TM als ein verspäteter Spätestromantiker?
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 31. März 2013, 17.58 Uhr
TM als ein verspäteter Spätestromantiker?

Seine Obsession mit der Thematik des Künstlers würde darauf hinweisen, ja.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 31. März 2013, 19.32 Uhr

Es nützt ja alles nichts. Humboldt ist angesagt!

Humboldt Aufsatz lässt mich ziemlich ratlos zurück. Anthropologisch, kunsthistorisch, ästhetisch?

Alles das und noch mehr. Kunsthistorisch am allerwenigsten.

Schwer enttäuscht, lieber August Wilhelm, haben mich nach deinem „Gleichberechtigungs-Artikel“ Über den Geschlechtsunterschied  jetzt folgende  Zeilen:

…. und es ist den Weibern in einem hohen Grade ihrem Geschlecht nachzugeben verstattet, indes der Mann das seinige fast überall der Menschheit zum Opfer bringen muss… schon von selbst stimmt der männliche Körperbau fast durchaus mit den Erwartungen überein, die man von dem menschlichen  Körper überhaupt bildet, und nicht die Partheilichkeit der Männer allein erhebt ihn gleichsam zur Regel, von welcher die Verschiedenheiten des weiblichen mehr eine Abweichung vorstellen. Auch der partheiloseste Betrachter muss gestehen, dass der letztere mehr den bestimmten, der männliche dagegen den allgemeinen Naturzweck alles Lebendigen ausdrückt, die Masse durch Form zu besiegen.

Das entspricht dem, worüber sich  Simone de Beauvoir in mindestens zwei dicken Bänden ausgelassen  hat: Dass Mann = Mensch sei (auf französisch heißt l’homme Mensch und Mann!), Frau aber „Abweichung“, Accessoire, Projektionsfläche etc., eben „nur“ die zweite Garnitur, Le Deuxième Sexe, das andere Geschlecht. :wut:
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 31. März 2013, 20.55 Uhr
Schwer enttäuscht, lieber August Wilhelm, haben mich nach deinem „Gleichberechtigungs-Artikel“ Über den Geschlechtsunterschied  jetzt folgende  Zeilen: ]

Nun ja - ganz aus der Haut seiner Zeit heraus kommt auch Humboldt nicht ...
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 01. April 2013, 09.17 Uhr
Die Horen. Jahrgang 1795. Drittes Stück (http://blog.litteratur.ch/WordPress/?p=3584)  ;D :yodel:
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 01. April 2013, 14.15 Uhr

Eine Frage zur Zusammenfassung des dritten Stücks im blog:

Quote from: sandhofer
Die vorliegende kurze Erzählung geht allerdings nur indirekt darauf ein; dass Las Casas’ Einsatz für die Indios auch aus recht tiefgründigen philosophischen Erwägungen über das Wesen der Person entstanden ist, entgeht dem Autor, Johann Jacob Engel.

Könntest du das bitte erläutern? Welche tiefgründigen philosophischen Erwägungen über das Wesen der Person meinst du? Und inwiefern reichen schlichte Menschlichkeit bzw. christl. Mitmenschlichkeit, die  Engel dem Las Casas ja attestiert, nicht aus, um dessen Einsatz für die Indios zu erklären? Ist mir entgangen, dass dem Autor etwas entgangen ist?
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 01. April 2013, 15.29 Uhr
Könntest du das bitte erläutern? Welche tiefgründigen philosophischen Erwägungen über das Wesen der Person meinst du?

Kannst Du auf den Eintrag zu Kenny III im Blog warten?
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 01. April 2013, 16.16 Uhr

Quote from: sandhofer« am: Heute um 15:29
Kannst Du auf den Eintrag zu Kenny III im Blog warten?

Kommt darauf an, wann der kommt. ;)
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 01. April 2013, 16.57 Uhr
Quote from: sandhofer« am: Heute um 15:29
Kannst Du auf den Eintrag zu Kenny III im Blog warten?

Kommt darauf an, wann der kommt. ;)

Geplant ist er für den 7. April. Aber nur ganz kurz so viel: Die Tatsache, dass die Indios Menschen sind, Personen, die Anrecht auf Schutz ihrer Person, ihres Besitzes etc. haben, war für die Philosophen und Juristen zu Beginn des 16. Jahrhunderts keineswegs eine Selbstverständlichkeit. Sie wurde im Gegenteil erst zu der Zeit "erarbeitet". (Allerdings ohne dass sich die Conquistadoren und die Politiker in Madrid und Lissabon gross darum geschert hätten.) "Menschlichkeit" ist ein sehr junges Konstrukt. Wenn die Indios nur Tiere waren, was dann? Vergessen wir nicht, dass Descartes noch 100 Jahre nach Las Casas die Tiere als biologische Automaten ohne Gefühl darstellen konnte. Und der Aufschrei in der philosophischen Bevölkerung richtete sich keineswegs gegen diesen Teil seiner Meditationen.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 03. April 2013, 15.58 Uhr
Quote from:  sandhofer« am: 01. April 2013, 16.57 Uhr
"Menschlichkeit" ist ein sehr junges Konstrukt.

Ja, der Begriff war schlecht gewählt. Aber christliche Nächstenliebe, Caritas und das Gebot Du sollst nicht töten gibt es schon länger!

Quote from:  sandhofer« am: 01. April 2013, 16.57 Uhr
Wenn die Indios nur Tiere waren, was dann?

Dass man sie nicht als solche betrachtete, dafür spricht schon die Tatsache, dass man sie zum Christentum bekehrte bzw. dass sie dazu bekehrt werden sollten. Man wird sich schwerlich um das Seelenheil von Wesen kümmern, denen man eine Seele abspricht.

Ich habe Las Casas’ Kurzgefassten Bericht über die Verwüstung der Westindischen Länder gelesen. Das wollte ich immer schon mal. Dank der Lektüre der Horen kam es jetzt endlich dazu. ;)

In seiner Vorrede an den hochgebietenden und hochmächtigen Herrn Don Philipp, den Kronprinzen aller spanischen Königreiche, schreibt Las Casas u.a. :

...Derartige conquistas, die man unternimmt, indem man jene friedlichen, demütigen, sanften und niemanden kränkenden Indios unterwirft, sind aber in sich ungerecht, tyrannisch und durch jedes natürliche, göttliche und menschliche Gesetz verurteilt, verabscheut und verdammt; und deshalb beschloss ich…

Das klingt für mich eigentlich nicht so, als würde er seinen Adressaten erst davon überzeugen müssen, dass es sich bei den Indios um Menschen handelt und es ein Unrecht ist, sie zu verfolgen, zu quälen und zu vernichten, und als müsste man eine entsprechende gesetzliche Grundlage dazu erst "erarbeiten".

Oder an anderer Stelle:
Bei der Vorbereitung auf  diese Predigt begann ich, über einige Grundsätze der Heiligen Schrift nachzudenken. Ich stieß auf eine Stelle im Buch Sirach, Kapitel 34. Dort heißt es: Der Arme hat nichts denn ein wenig Brot, wer ihn darum bringt, der ist ein Mörder. Wer dem Arbeiter seinen Lohn nicht gibt, der ist ein Bluthund.. Ich bedachte die Not und die Sklaverei, in der das einheimische Volk hier lebt… Je mehr ich aber darüber nachdachte, desto mehr wurde ich davon überzeugt, dass alles, was wir den Indianern bisher widerfahren ließen, nichts ist als Tyrannei und Ungerechtigkeit… und soviel ich auch studierte, ich fand in jedem Buch, das ich las, es sei nun auf Latein oder spanisch, nur immer neue Beweisgründe und verbürgte Lehren, die für das Recht jener westindischen Völker und gegen die Räubereien, Untaten und Ungerechtigkeiten sprachen, die wider sie begangen wurden.

Zusätzlich zur christlichen Grundausstattung ( caritas- und 5. Gebot) -  also allgemein zugängliche  „verbürgte Lehren“, die Empörung über die Behandlung der Indios und Engagement für sie eigentlich konsequent und "selbstverständlich" erscheinen lassen.
Der kurzgefasste Bericht des Las Casas ist erschütternd. Erschütternd, weil  er einen Völkermord  beschreibt, begangen an 20 Millionen Menschen, und weil das, was er beschreibt, anderen Szenarien der Historie in Einzelheiten und Abfolge erschreckend ähnlich sieht: Massaker, Deportationen, Tod durch Arbeit etc. Hier wie dort wird deutlich, dass die zivilisatorische oder hier: christliche Decke sehr dünn ist, dass unter bestimmten Bedingungen Menschen ihresgleichen Unglaubliches anzutun bereit sind, dass es aber auch Menschen gibt, die Einhalt gebieten…

Deshalb sollte man Las Casas unbedingt lesen.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 06. April 2013, 15.21 Uhr
Deshalb sollte man Las Casas unbedingt lesen.

Notiert; aber mit unbestimmtem Datum.

2.Bd.,4.St., 1795

Dante's Hölle


Schlegel fährt weiter. Ich fand es sehr gelungen, wie er zum einen - völlig ohne Respekt vor dem "grossen" Dante - auch zugibt, dass die eine oder andere Szene dem Altmeister eher unfreiwillig komisch geraten ist. (Aber es wird wohl Dante auch noch nicht den Ruf des Klassikers gehabt haben zur Zeit der Horen, zumindest nicht in Deutschland.) Andererseits bringt Schlegel auch gut ausgewählte Ausschnitte, wo er den Text direkt übersetzt und nicht einfach referiert. Wenn Dante zugibt, einerseits zwar vor lauter Horror und Angst vor den Teufeln beinahe zu sterben, anderseits aber seine Neugier nicht bezähmen kann, die Namen der Teufel auswendig lernt und auch von jedem Unglücklichen, der da im heissen Pech gesotten wird, seine Geschichte hören will - so macht man seinen Leser auf einen Text neugierig. Und wenn Schlegel dann zugibt, dass er nicht zu erraten wage, warum ausgerechnet nur eine Brücke hier in der Hölle zerbrach, als bei Jesu Tod das famose Erdbeben stattfand, so macht ihn das auch nicht unsympathisch.  :hi:
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 07. April 2013, 22.48 Uhr

Quote from:  sandhoferzu den Horen, 3.Stück im Blog
Die vorliegende kurze Erzählung geht allerdings nur indirekt darauf ein; dass Las Casas’ Einsatz für die Indios auch aus recht tiefgründigen philosophischen Erwägungen über das Wesen der Person entstanden ist, entgeht dem Autor, Johann Jacob Engel.

Quote from:  Gontscharow zu Leserunde Horen im Forum
Könntest du das bitte erläutern? Welche tiefgründigen philosophischen Erwägungen über das Wesen der Person meinst du? Und inwiefern reichen schlichte Menschlichkeit bzw. christl. Mitmenschlichkeit, die  Engel dem Las Casas ja attestiert, nicht aus, um dessen Einsatz für die Indios zu erklären? Ist mir entgangen, dass dem Autor etwas entgangen ist?

Quote from:  sandhofer zu Leserunde Horen im Forum
Kannst Du auf den Eintrag zu Kenny III im Blog warten?

Der Eintrag zu Kenny III ist da. Ich nehme an, das ist das die Antwort?
 
Quote from:  sandhofer zu KennyIII im Blog
Selbst den Jesuiten Las Casas treffen wir an, der als einer der ersten die These formulierte, auch die ‘Wilden’ Amerikas seien Menschen mit unantastbaren Rechten, z.B. dem auf Besitz. (Die Conquistadoren sollten sich allerdings – ebenso wie die Staaten, in deren Namen sie raubten und sengten – nicht darum bekümmern.)

Erlaube, dass ich mich verarscht fühle. Erst signalisierst du, meinen Ausführungen zu Engel sei nichts hinzuzufügen, dann, einige Zeit und ein paar Themen später, kommt ein "April, April": Las Casas Einsatz für die Indios sei aus  tiefgründigen philosophischen Erwägungen über das Wesen der Person zu erklären, die Engel entgangen seien. Mal abgesehen davon, dass es bei Engel um eine andere Problematik geht, ihm ist gar nichts entgangen! Denn es geht Las Casas nicht darum zu beweisen, die Wilden Amerikas seien auch Menschen … Ihr Mensch-Sein steht für ihn, den Dominikaner (er ist nicht Jesuit), außer Frage! Vielmehr führt er den Beweis, dass die Conquistadoren und ihre Helfershelfer Unmenschen sind. Er klagt sie des Raubes und Mordes an, prangert Ausplünderung und Völkermord an. Die Wilden sind  die landnehmenden Spanier. Sie werden als vertiert beschrieben, als wilde Tiere, als Wölfe.
Las Casas erzählt von einem gepeinigten Indio-Fürsten, dem von einem Franziskaner die Sterbesakramente angeboten werden. Als er auf die Frage, ob auch Spanier in den Himmel kommen, eine positive Antwort erhält, verzichtet er dankend auf Erlösung und ewiges Leben.
Um zu erkennen und auszusprechen, dass der ausgerotteten Urbevölkerung Unrecht geschehen, dass die ganze Conquista ein himmelschreiendes Unrecht ist, musste Las Casas keine tiefgründigen Erwägungen über das Wesen der Person bemühen, bedurfte es keiner neuzeitlichen Philosophie. Eher um das Unrecht zu rechtfertigen und zu bemänteln: neuzeitlich war die Hybris des Eroberers und Unternehmers, der Raubtier- Kolonialismus, die ungebremste Ausbeutung von Menschen und  Ressourcen, die  Abhängigkeit der gekrönten Häupter von Handelshäusern und Banken, für die immer mehr Gold und Silber aus den offenen Adern Amerikas herbeigeschafft werden musste. Und neuzeitlich war wohl -  um guten Gewissens so handeln zu können - die Frage, ob es sich bei den Wesen, denen man so etwas antut, überhaupt um Menschen handelt, von Juristen möglichst lange und gründlich erörtert.
Las Casas hat sich die Frage nie gestellt.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 08. April 2013, 18.34 Uhr
Erlaube, dass ich mich verarscht fühle.

Ich erlaube  ;D . Vielleicht hast Du auch einfach zu viel erwartet?  :angel:

Der Zusammenhang, den ich tatsächlich in meinem Blog-Beitrag sträflich zusammengekürzt habe, ist folgender: Das 16. Jahrhundert hat die sog. "Kasuistik" erfunden, ein System der Anwendung moralischer Prinzipien auf einzelne Entscheidungen, insbesondere auf "Gewissensentscheidungen", wo solche Prinzipien anscheindend miteinander im Konflikt stehen. Die Jesuiten waren darin wahre Meister. (Von da und von der Tatsache, dass die meisten Missionare, die es mit den Indios gut meinten, Jesuiten waren, kommt der "Jesuit" Las Casas.) Tatsächlich hat Karl V. eine solche kasuistische Übung einberufen, nämlich eine Beratung, wie er mit seinen neuen Untertanen in Amerika umgehen solle. Sepúlveda, Karls Geschichtsschreiber, vertrat die Ansicht, die amerikanischen Indios führten ein unkultiviertes und minderwertiges Leben, würden das Christentum nicht kennen und könnten mit Recht versklavt und gegen ihren Willen christianisiert werden. Dem hielten einige, u.a. de las Casas, entgegen, dass die Indios offenbar über ein Gemeinwesen, Organisation, Ehe, Gerichte und sogar ein Tauschsystem verfügten - was alles den Gebrauch des Verstands voraussetze. Das meinte ich mit der neuen Definition des Subjekts - im Grunde genommen nicht mehr aus philosophischen Gründen, sondern in gesellschaftlicher Funktion. Das ist neu im 16. Jahrhundert, und daran hat de las Casas an vorderster Front mitgearbeitet. "Menschlichkeit" war dann erst das Resultat der kauistischen Überlegung, dass, was sich wie ein Mensch sozialisiert, offenbar auch ein Mensch ist.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 09. April 2013, 10.05 Uhr
Ihr Mensch-Sein steht für ihn, den Dominikaner (er ist nicht Jesuit), außer Frage! [...] Um zu erkennen und auszusprechen, dass der ausgerotteten Urbevölkerung Unrecht geschehen, dass die ganze Conquista ein himmelschreiendes Unrecht ist, musste Las Casas keine tiefgründigen Erwägungen über das Wesen der Person bemühen, bedurfte es keiner neuzeitlichen Philosophie.

In der mittelalterlichen Scholastik wurde der Mensch (implizit) auch schon über seine Vernunft definiert. Aber diese seine Vernunft sollte ihn eben auch in Stand setzen, die Richtigkeit und alleinige Gültigkeit des christlichen Glaubens einzusehen. Abaelard, Lullus, Nikolaus von Kues - sie alle dachten da sehr ähnlich. Thomas von Aquin verfasste eine ganze "Summa contra gentiles", in der er die Vernunftbegründetheit des christlichen Glaubens darzustellen versuchte. (Ich vermute, dass diese Einstellung letzten Endes auf Aristoteles zurückgeht, müsste das aber nachlesen.) Wer also durch seine Vernunft den christlichen Glauben nicht zu akzeptieren vermochte, war im Grunde genommen kein Mensch, bzw. durfte mit Gewalt auf die Stufe des Menschen angehoben werden. Damit hat die kasuistische Definition Schluss gemacht, indem nicht die Akzeptanz eines Glaubens, sondern die gesellschaftliche Organisation zum Merkmal der Vernunft erhoben wurde. Erst dann konnte das Leiden mit der Kreatur zum Leiden mit dem Mitmenschen werden. Leiden kann ich auch mit Tieren, und mit Tieren konnte das Mittelalter nicht mitleiden. Auch nur bedingt mit Krüppeln. Mit Frauen ...
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 09. April 2013, 18.52 Uhr

Danke für deine Mitteilungsbereitschaft. Allerdings: Die "Gründungsveranstaltung" der neuen Definition des Subjekts, die von Karl einberufene kasuistische Übung, von der du sprichst,  fand erst 1550 statt. Da war Las Casas bereits 76 Jahre alt, Mittel- und weite Teile Südamerikas waren erobert und ausgeplündert, die Urbevölkerung der Größeren Antillen längst ausgerottet, seine Anklageschriften, die dreibändige Geschichte Westindiens, die Tränen der Indianer, der Bericht über die Verwüstung... und anderes sowie unzählige Briefe, Petionen, Eingaben längst geschrieben. Las Casas war aufgrund seines Einsatzes für die Indios des Hochverrats angeklagt, dann aber auch zeitweilig zum Prokurator der Indios in Westindien ernannt worden, hatte in verschiedenen Ländern Mittelamerikas als Priester, zuletzt als Bischof gewirkt, ein ganzes Leben mit mehr oder weniger Erfolg für die Rechte der Indios gekämpft - ganz ohne Kasuistik und neue Definition des Individuums. Dieser Mann, der anthropologische Studien betrieben, Indianer-Dialekte gelernt und regelrecht getrauert hat  um die Indios und ihre untergehenden Kulturen, muss sich nun mit dem Conquista-Apologeten und Reichshistoriographen Juan Ginés de Sepúlveda über die Frage auseinandersetzen, ob Indios (vollwertige) Menschen seien, eine Frage, die so oder ähnlich immer dann gestellt (und negativ beantwortet) wird, wenn es darum geht, Grausamkeit, Ausbeutung und Vernichtung von Menschen zu rechtfertigen.  Sepulveda hatte 1547 als Antwort auf  Las Casas’ Bericht über die Verwüstung… in seinem Democrates Alter sive de justis belli causis apud Indos das Recht Spaniens, Krieg zu führen und die Indios zu versklaven, mit deren Inferiorität begründet,  für mich eindeutig mit dem Ziel, u. a. das Gold aus den amerikanischen Besitzungen weiterhin von keinen Skrupeln getrübt fließen zu lassen.
Ist auf diesem Mist wirklich unser neuzeitlicher Begriff von den Rechten der Person und des Individuums gewachsen?
 
Quote from:  sandhofer« am: Gestern um 18:34
"Menschlichkeit" war dann erst das Resultat der kauistischen Überlegung, dass, was sich wie ein Mensch sozialisiert, offenbar auch ein Mensch ist.

Für „Menschlichkeit“ als Resultat kasuistischer Überlegungen ist es ja bei Las Casas offensichtlich noch zu früh, auch für die neue Definition des Subjekts. Was ist es denn Deiner Meinung nach nun, was Las Casas bei seinem lebenslangen Engagement für die Indios bewegt und getrieben hat?


Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 13. April 2013, 15.55 Uhr
Über die männliche und weibliche Form II

Der zweite Teil von Humboldts Aufsatz ist auch nicht so wirklich erleuchtender. Mir scheint, ein Teil des Kuddelmuddels stammt vom Autor selber, der immer wieder realen Charakter von Männlichem und Weiblichem (Männern und Frauen?) vermengt mit dessen Darstellung in der bildenden Kunst. Da schon der reale Charakter im Grunde genommen kein solcher, sondern eine Fiktion ist, wird es mit der Darstellung umso komplexer. Und da Humboldt immer wieder zwischen den beiden Polen schwankt, kann man keine klare Definition ausmachen - ausser, dass er offenbar Schillers ästhetische Position verdeutlichen will, quasi eine Anleitung für angehende Künstler verfasst. Oder?
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 14. April 2013, 00.24 Uhr

Quote from: Gontscharow« am: 09. April 2013, 18.52 Uhr
Da war Las Casas bereits 76 Jahre alt

Pardon, Kopfrechnen schwach, er war „erst“ 66. Das ändert aber nichts.

Nachdem du nicht gewillt zu sein scheinst ;), meine Frage, was denn das Movens von Las Casas’ lebenslangem Engagement gewesen sei, zu beantworten, gibt nun ein anderer, der es wissen muss, eine Antwort darauf: Michael Sievernich, Herausgeber des Kurzgefassten Berichts von der Verwüstung der westindischen Länder im Insel-Verlag, Jesuit und Las Casas -Kenner, schreibt im Nachwort: Als die beiden treibenden Motive seines langen Kampfes als Anwalt der Indianer beschreibt  Las Casas seinen Glauben an Gott (Solo dios) und das „Mitleiden“ mit dem anderen (compasion). Das deckt sich mit meiner anfängliche Auffassung und dem von mir Zitierten.
Übrigens weist Sievernich darauf hin, dass Papst Paul III. in seiner Bulle Sublimis Deus vom 2.Juni 1537 die Auffassung mit höchster kirchlicher Autorität bestätigte, dass die Indianer wahrhafte und zum Glauben fähige Menschen seien, die weder ihrer Freiheit und ihres Besitzes beraubt noch versklavt werden dürfen. Also noch die mittelalterlich scholastische Art des Denkens (wie du in deinem posting dankenswerterweise schreibst): die Akzeptanz des Glaubens als Merkmal des Mensch-Seins. Aber wie bei den anderthalb Jahrzehnte späteren Diskussionsergebnissen der Junta de Valladolid - statt der Akzeptanz des Glaubens wird die gesellschaftliche Organisation zum Merkmal der Vernunft - scheint mir Las Casas’ Einsatz für die Indios allenfalls Auslöser, Ursache, Anstoss und nicht die Folge dieses Denkens zu sein…
Es gibt eine Zusammenfassung der Kontroverse mit Sepulveda von las Casas selbst: Aqui se contiene una disputa  o controversia...entre el obispo don fray Bartolome de las Casas.. y el doctor Gines de Sepulveda, in: Werkauswahl Bd.I, 337-436. Es wäre interessant sie zu lesen. Ich kann mich des Gedankens nicht erwehren, dass las Casas,  der schon in Kategorien von Menschenrecht (derechos humanos) und Respekt vor anderen Ethnien dachte, die Frage nach dem „Mensch-sein“ der Indios als - mir fällt kein besseres Wort ein - obszön empfunden hat.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 14. April 2013, 16.17 Uhr
Nachdem du nicht gewillt zu sein scheinst ;), [...]

Was soll ich Dir antworten? Ich hielt das Thema für erschöpft. Vielleicht nur noch so viel: Ob Las Casas aus kasuistischen Überlegungen oder aus Mitleiden mit dem Mitmenschen handelte, ist vielleicht die Frage nach der Henne und dem Ei. Dass Las Casas sein Mitleiden erst sehr spät auch auf schwarze Sklaven übertrug, halte ich für einen Hinweis darauf, dass die Schwarzen - aus verschiedensten Stämmen zusammengemixt und ohne gesellschaftliche Organisation, denn aus der hatte man sie längst herausgerisssen - halt vielleicht doch dem Kasuisten weniger menschlich erschienen als seine Indios, deren gesellschaftliche Organisation er noch intakt erblickt hatte. Aber das sind Mutmassungen ...
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 14. April 2013, 21.07 Uhr
Mittlerweile in den Unterhaltungen weitergelesen. Goethe verwendet wieder denselben Trick: Er lässt den pfarrherrlichen Hausfreund zu einer Erzählung ansetzen, ihn aber von der Hausfrau unterbrochen werden, die wünscht, dass nur geradlinige Geschichten erzählt werden, worauf der Hausfreund zugibt, dass er nun die eigentlich vorgesehene Geschichte wegstecken und aus dem Stegreif eine andere erzählen müssen. Bei den Wünschen der Hausfrau nun - gibt hier Goethe Stücke der eigenen Poetologie preis, oder macht er sich über die Beschränktheit des Publikums lustig? Und wenn der Erzähler so prompt nachgibt, ist das nun Lob oder Kritik (an der Hausfrau wie am Erzähler)?
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 15. April 2013, 10.08 Uhr
Quote from: sandhofer« am: Gestern um 16:17
Aber das sind Mutmassungen ...

Ja, und ich mutmaße ganz anders. Aber du hast recht: Wir sollten zu den Horen zurückkehren.

Quote from:  sandhofer« am: 06. April 2013, 15.21 Uhr
Und wenn Schlegel dann zugibt, dass er nicht zu erraten wage, warum ausgerechnet nur eine Brücke hier in der Hölle zerbrach, als bei Jesu Tod das famose Erdbeben stattfand, so macht ihn das auch nicht unsympathisch.

Nicht unsympathisch ist auch, dass Schlegel  …tra li Tedeschi lurchi… mit … in deutschen Landen … übersetzt und in einer Fußnote darauf hinweist, dass Dante den Deutschen ein schlimmes Attribut (das er nicht übersetzt) beigegeben hat: lurchi (gierig, verfressen), was die Teutschen vielleicht verdient hätten, das Dante aber - wie Schlegel beruhigend hinzusetzt - wahrscheinlich um des Reimes willen :angel:  gewählt habe.

Sehr angetan war ich wieder von den Schlegelschen Terzinen, die denen Dantes in Leichtigkeit und Eleganz in nichts nachstehen - und das bei der Thematik!
 
Schade, dass Schlegels Dante-Übersetzung Fragment geblieben ist.

Quote from: sandhofer« am: 13. April 2013, 15.55 Uhr
Kuddelmuddel…. Und da Humboldt immer wieder… schwankt , kann man keine klare Definition ausmachen - ausser, dass er offenbar Schillers ästhetische Position verdeutlichen will…

Ja, zu erwähnen in diesem Zusammenhang wäre vielleicht, dass Humboldt mit den Schillerschen Begriffen Form und Stoff, bzw. Form und Masse, Form und Sache jongliert. Gestalt = durch Form gebändigter Stoff. Natürlich überwiegt beim Weiblichen die Masse, beim Männlichen die Form. Wie auch das Männliche dem (Allgemein-) Menschlichen näher ist als das Weibliche (pigs are more equal ;D).
Übrigens sind wir mit unserer Ratlosigkeit in guter Gesellschaft. Kant fand Über männliche und weibliche Form auch unverständlich.

Quote from:  sandhofer« am: Gestern um 21:07
Mittlerweile in den Unterhaltungen weitergelesen…. Bei den Wünschen der Hausfrau nun - gibt hier Goethe Stücke der eigenen Poetologie preis, oder macht er sich über die Beschränktheit des Publikums lustig? Und wenn der Erzähler so prompt nachgibt, ist das nun Lob oder Kritik (an der Hausfrau wie am Erzähler)?

Auf jeden Fall erzählerische Ironie! Romantikalarm! Wo hat man das bislang gelesen, dass eine (fiktive) Person das Genre verwirft, in dem sie selbst vorkommt und ohne das sie nicht existieren würde... Das ist, als würde Lotte Briefromane doof finden oder Iphigenie sich über Tragödien in fünfüßigen Jamben lustig machen.
Über die moralische Exempel-Geschichte des ehrlichen Prokurators nach Bocatz müssten wir auch noch ein paar Worte verlieren.
 

Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 15. April 2013, 19.24 Uhr
Auf jeden Fall erzählerische Ironie! Romantikalarm!

Ja, da hast Du sicher Recht.
 
Über die moralische Exempel-Geschichte des ehrlichen Prokurators nach Bocatz müssten wir auch noch ein paar Worte verlieren.

Ein merkwürdiges Ding. So moralin-getränkt, dass man sie zwar dem pfarrherrlichen Erzähler, aber nicht dem doch mittlerweile freizügigeren Goethe zutrauen würde ...
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 16. April 2013, 18.14 Uhr

Über die moralische Exempel-Geschichte des ehrlichen Prokurators nach Bocatz müssten wir auch noch ein paar Worte verlieren.

Das war aus dem Gedächtnis zitiert. Im Original, dem Brief Schillers an Goethe vom 28.8. 1794, heißt es :
Da Sie mich auffordern zu sagen, was ich für für die ersten Stücke  noch von ihrer Hand wünsche, so erinnere ich sie an ihre Idee, die Geschichte des ehrlichen Prokurators aus dem Boccaz zu bearbeiten.
Die Erzählung ist nicht von Boccaccio (auch  Schiller&Goethe können mal irren) sondern aus  den Cent Nouvelles Nouvelles, einem anonymen französischen Erzählzyklus in der Tradition von TausendundeinerNacht und des Boccaccio. Es ist interessant, die Vorlage mit der Goethischen Version zu vergleichen. Besonders, was die Moral angeht: In der Erzählung des 15. Jahrhunderts bedankt sich die Frau am Ende beim Prokurator, dass er sie „protected, and taught me to protect, my chastity, and the honour and good name, of me, my husband, my relatives, and my friends.( Im Netz war leider nur eine(alte) englische  Übersetzung  der Cent Nouvelles… zu finden) Und der Prokurator gibt ihr  den Ratschlag  mit auf den Weg“ that she should in future correct her body by abstinence and fasting whenever she felt any prickings of lust. ;D
So platt und pragmatisch geht es bei Goethe natürlich nicht zu: Die Frau sagt am Ende zum Prokurator:
...Sie haben mich mir selbst gegeben [...]. Sie haben mich in diese Schule durch Irrtum und Hoffnung geführt, aber beide sind nicht mehr nötig, wenn wir uns erst mit dem guten und mächti-gen Ich bekannt gemacht haben, das so still und ruhig in uns wohnt, und so lange bis es die Herrschaft im Hause erhält, wenigstens durch zarte Erinne-rungen seine Gegenwart unaufhörlich merken läßt…
Ich muss gestehen, diese Stelle hat mich mit der  ganzen Geschichte versöhnt. Mittlerweile bin ich nicht mehr meiner ursprünglichen Auffassung, dass die UdA die ÄE konterkarieren, eher, meine ich, nehmen sie Themen der ÄE auf und bestätigen sie erzählerisch. Im vierten ästhetischen Brief findet sich eine Passage, die der Goethischen Stelle entspricht:
»Jeder individuelle Mensch, kann man sagen, trägt, der Anlage und Bestimmung nach, einen reinen idealischen Menschen in sich, mit dessen unveränderlichen Ein-heit in allen seinen Abwechselungen übereinzustimmen, die große Aufgabe seines Daseyns ist.«
Fast in denselben Worten wie Goethe  beschreibt Kleist wenige Jahre später die Ich-Findung seiner Heldin, der Marquise von O.: Durch diese schöne Anstrengung mit sich selbst bekannt gemacht, hob sie sich plötzlich, wie an ihrer eigenen Hand, aus der ganzen Tiefe, in welche das Schicksal sie herabgestürzt hatte, empor.
 Und ich meine noch (pardon) in Freuds Wo Es ist, soll Ich werden  einen Nachklang des deutschen Idealismus Goethe&Schillerscher Prägung zu spüren.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 17. April 2013, 08.20 Uhr
Und ich meine noch (pardon) in Freuds Wo Es ist, soll Ich werden  einen Nachklang des deutschen Idealismus Goethe&Schillerscher Prägung zu spüren.

Warum pardon? Freud ist durchaus frühes 19. Jahrhundert, wenn auch in einem anderen als idealistischen Sinn. 1929 hat Thomas Mann in einem Vortrag über Freuds Stellung in der Geistesgeschichte darauf hingewiesen, dass Teile der Wissenschaft des 19. Jahrhunderts nicht dem naiven Fortschrittsglauben, sondern vielmehr der romantischen Kultur und deren Ablehnung der reinen Vernunft verpflichtet waren. Er nennt Freuds Psychoanalyse als Beispiel für die Betonung der Nachtseite der Seele und den Primat des Unbewussten gegenüber der Vorherrschaft des Geistes. Freud habe nachgewiesen, das selbst das Christentum als geistfeindliche Religion einen Rückfall in Nacht- und Todverbundenheit, seelische Vorweltlichkeit und Atavismus darstelle, indem das Unterste der Welt zuoberst gekehrt wurde und eine schauerliche und kulturell hochproduktive Krankheitswelt von Inzestangst, Mördergewissensnot und Erlösungsdrang entstand (sind das nicht herrliche Formulierungen?!).

Es sei aber falsch, Christentum und Romantik (und auch die Psychoanalyse) als grundsätzlich reaktionäre und fortschrittsfeindliche Bewegungen zu denunzieren, weil sie die dunklen Kräfte nicht um ihrer selbst willen betonen und studieren, sondern in der Erkenntnis Befreiung von deren Gräueln suchen. Insofern könne man der deutschen Romantik durchaus revolutionären Charakter zubilligen, wenn ihr auch das gesellschaftlich revolutionäre Interesse fehlte. Gleiches gelte auch für die Weltsicht der Psychoanalyse.

Wie auch immer: Ich finde diese großen Verbindungslinien absolut interessant.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 17. April 2013, 09.42 Uhr
Wie schon Gontscharows Zitat ausweist, war Freuds Impetus durchaus aufklärerisch.

Und die Romantik ist ja auch erst mit dem späten Friedrich Schlegel, mit Brentano oder Eichendorff wieder dunkel-mystisch-katholisch geworden. (Gut, Eichendorff war schon katholisch, der musste es nicht erst werden.)
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 18. April 2013, 12.03 Uhr

Warum pardon?

Weil hier im Forum manch einer rot sieht, wenn er Freud hört. Aber ich glaube schon, mit meinem Freud-Zitat richtig verstanden worden zu sein.

Und ja, geistesgeschichtliche Zusammenhänge aufzuspüren und herzustellen, finde ich natürlich auch gut- wozu liest man denn? :angel:
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 18. April 2013, 21.50 Uhr
Weil hier im Forum manch einer rot sieht, wenn er Freud hört.

Freud als Wissenschafter bzw. die Psychoanalyse als Wissenschaft geht tatsächlich gar nicht. In jenen weichen Faktoren, die man auch Geistesgeschichte nennt, muss er allerdings zur Kenntnis genommen werden. Nicht einmal Spengler oder der Nationalsozialismus haben weltweit das Denken der Menschen im 20. Jahrhundert so verändert wie er. Der letzte vor ihm war wohl Marx.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 19. April 2013, 10.14 Uhr

Freud als Wissenschafter bzw. die Psychoanalyse als Wissenschaft geht tatsächlich gar nicht.

Exorzismusformel?

Quote from: sandhofer  am: Gestern um 21:50
Nicht einmal Spengler oder der Nationalsozialismus haben weltweit das Denken der Menschen im 20. Jahrhundert so verändert wie er.

Seltsame Wahl der Vergleichsobjekte.

Wurde das Ganze hier nicht schon mal diskutiert? Aber die "weichen Faktoren" sind neu. Merk ich mir.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 19. April 2013, 20.38 Uhr
Freud als Wissenschafter bzw. die Psychoanalyse als Wissenschaft geht tatsächlich gar nicht.

Exorzismusformel?

Tatsache: Freuds Theorien sind weder veri- noch falsizfizierbar. Also keine Wissenschaft im Sinne der "harten Faktoren".
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 20. April 2013, 09.15 Uhr
Tatsache: Freuds Theorien sind weder veri- noch falsizfizierbar. Also keine Wissenschaft im Sinne der "harten Faktoren".

Ja, ich hatte schon verstanden. Was ich mit Exorzismusformel sagen wollte: Du hältst Freud diese unleugbare Tatsache wie ein Vaderetro entgegen, als könntest du ihn dir dadurch vom Leibe halten, bzw. für die Allgemeinheit bedeutungslos werden lassen.
Denn Tatsache ist (auch): das Forschungsobjekt Freuds, die Psyche, lässt sich nun mal nicht unter Laborbedingungen bearbeiten, entzieht sich den  harten Bandagen der Naturwissenschaft und ist daher in ihrem Sinne nicht quanti-, falsi- und verifizierbar.
Obwohl neuere Erkenntnisse der Neurobiologie…

Aber das alles wurde ja bereits in den 3 oder 4 Freud-threads dieses Forums diskutiert!
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 21. April 2013, 09.35 Uhr
Merkwürdige Belagerung von Antwerpen in den Jahren 1584 und 1585

Eine uninspirierte Nacherzählung alter Chroniken. Wie konnte Schiller hoffen, mit so etwas ein Publikum anzuziehen?
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 23. April 2013, 11.57 Uhr
Ich hänge total durch! Die Texte des dritten und vierten Stücks habe ich nur angelesen und schleunigst abgebrochen (Ausnahme: Herder). Interessant wird es wohl erst wieder im fünften Stück - mit Goethes Litterarischem Sanscülottismus.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 23. April 2013, 19.27 Uhr
Ich hänge total durch!

Jetzt schon?!?  :o Au weia ...
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 23. April 2013, 22.47 Uhr

Auch ich kann der Merkwürdigen Belagerung... wenig abgewinnen. Vergeblich habe ich beim Lesen (aber vielleicht kommt das ja noch?) auf etwas Merk-würdiges, ein spannendes oder mitreißendes Moment oder auch nur etwas Horentypisches/-relevantes gewartet. Dabei hatte ich bei diesem Stück besonders hohe Erwartungen, denn Safranski, dessen Urteil ich sehr schätze, singt ein Loblied auf Schiller als Historiographen und speziell auf sein Werk über Niederländische Geschichte:

Es ist nicht übertrieben, wenn man den „Abfall der Niederlande“ als eines der großen Prosa-Ereignisse in deutscher Sprache bezeichnet.(Safranski: Schiller oder...)

Warum ist das hier so fad? Ich glaube, ein Grund liegt darin, dass Schiller das Stück schon als Lückenfüller konzipiert hat. Am 29. November 1794 schreibt er an Goethe:

Wenn es auf keine andere Art zu machen ist, so will ich zu diesem siebenten Bogen Rath schaffen, und ein Morceau aus der Niederländischen Geschichte, das für sich interessiren kann, die Belagerung von Antwerpen unter Philipp II. die viel merkwürdiges hat, kurz beschreiben. Diese Arbeit macht mir weniger Mühe, und es würde der kleine Nebenzweck dabei erreicht, daß schon im ersten Stück das historische Feld besetzt wäre….

Schiller meinte wohl an den  großen Erfolg des Vorgängerwerkes anknüpfen zu können. Er fügte dieses Stück übrigens der Neuauflage von 1801 seiner niemals fortgesetzten Geschichte vom Abfall der Niederlande( ursprünglich waren sechs Bände geplant!) als Beilage an.

Ein zweiter schwerwiegenderer Grund ist wohl der, dass seit Anfang der Neunziger Jahre, seit seiner Enttäuschung über die Französische Revolution und deren Auswirkungen, sich Schillers Geschichtsbewußtsein verändert und der Schwerpunkt seiner Geschichtsschreibung sich verlagert: Er erzählt nicht mehr (begeistert und begeisternd) vom“Triumph der Freiheit in der Vergangenheit. Nicht mehr Vernunft und Freiheit, sondern das konkrete Schicksal "bemerkenswerter" Menschen und "merkwürdige" Wechselfälle des Lebens rückt er in den Mittelpunkt. So wie hier in diesem seinem übrigens letzten größeren historiographischen Text: Es geht um die Abenteuer des Feldherrn Alexander von Parma. Für mich hat das Ganze etwas Resignatives und ist eigentlich nur langweilig.
Im Abfall der Niederlande... - geschrieben zwei Jahre vor der Französischen Revolution - findet sich der Satz:
 
Die Kraft, mit der das niederländische Volk handelte, ist unter uns nicht verschwunden, der glückliche Erfolg, der sein Wagestück krönte, ist auch uns nicht versagt, wenn die Zeitläufte wiederkehren und ähnliche Anlässe uns zu ähnlichen Taten rufen.(zitiert nach Safranski)

In der Neuauflage von 1801 streicht Schiller diesen Satz!
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 24. April 2013, 07.24 Uhr
Es ist nicht übertrieben, wenn man den „Abfall der Niederlande“ als eines der großen Prosa-Ereignisse in deutscher Sprache bezeichnet.(Safranski: Schiller oder...)

Ich habe von Schiller mal den (oder die?) "Geisterseher" zu lesen versucht - und nach 10 Seiten den Versuch abgebrochen. Vielleicht sollte ich bei Gelegenheit mal in den "Abfall" linsen; ich halte nämlich gar nichts von Schiller als Prosa-Stilist. Noch weniger als vom mittleren oder späten Goethe.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 25. April 2013, 10.59 Uhr
etwas Horentypisches/-relevantes

Relevant vielleicht nicht. Aber typisch? Wohl leider schon, das die Horen in the long run betrifft ...
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 01. Mai 2013, 07.42 Uhr
Eine - zugegebenermassen recht uninspirierte - Zusammenfassung des vierten Stücks nun auch hier:

http://blog.litteratur.ch/WordPress/?p=3837
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 05. Mai 2013, 15.03 Uhr
Liest noch jemand mit?  8)

Das 4. Stück war ja nicht so der Bringer. Das 5. Stück fährt leider gleich so weiter. 2. Teil der Belagerung von Antwerpen. Inhaltlich bringt der Historiker Schiller nichts Neues, und als großen Prosa-Statistiker empfinde ich ihn trotz Safranski auch nicht.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: orzifar on 05. Mai 2013, 17.10 Uhr
Liest noch jemand mit?  8)

Im Grunde ja, aber nach wie vor will der physische Teil meiner selbst nicht so, wie der psychische sich das vorstellt.

lg

orzifar
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 06. Mai 2013, 01.12 Uhr

Quote from: Autor: sandhofer« am: Gestern um 15:03
Das 4. Stück war ja nicht so der Bringer. Das 5. Stück fährt leider gleich so weiter.

Der zweite Artikel, Karl Ludwig von Woltmanns Beitrag zu einer Geschichte des französischen Nationalcharakters scheint aber nicht ganz uninteressant zu sein. Woltmann, zum Zeitpunkt der Abfassung des Artikels 25 Jahre alt, war Historiker in Jena. Man findet wenig über ihn. Der Einfachheit halber zitiere ich das vielleicht für uns Relevante:
 
In Jena kam es zu einer „Art geselliger Rivalität“ mit Goethe. „Woltmann war nämlich ein sehr hübscher, sehr artiger, sehr feiner Mann, ein Held der Damen, ein sehr beliebter Redner, dessen saubrer, norddeutscher Accent – er kam aus Hannover – im Sachsenlande mit sehr viel Vorliebe aufgenommen wurde. Es mag seyn, daß sich zu alle dem etwas Ziererei in sein Wesen gedrängt hatte, kurz Göthe fühlte sich gar oft veranlaßt, ihn aufzuziehn, ihn anzustoßen. Woltmann kollidirte in seinen geschichtlichen Vorlesungen mit Schiller, wurde nicht besonders gefördert, und verließ Jena“ (Wiki, Zitat aus : Heinrich August Pierer, Julius Löbe (Hrsg.): Universal-Lexikon der Gegenwart und Vergangenheit, 1865.)

Woltmann scheint sehr von Schiller beeinflusst, jedenfalls was seine Begrifflichkeit angeht:. Ästhetische Erziehung sei vonnöten, sagt er, wenn die Franzosen ihre revolutionären Errungenschaften bewahren und nicht in Chaos und Anarchie versinken wollten. Eine Ära der Dichtung und Schönheit müsse anbrechen. Zu welchem Zweck und wie das vonstatten gehen soll, bleibt unklar. Unklar wie mir das ganze Schillersche Konzept der Ästhetischen Erziehung, ehrlich gesagt, noch ist.. . Veredelung des (einzelnen) Menschen durch Produzieren und Rezipieren von Kunst, na schön. Aber Allheilmittel gegen die Zumutungen des Lebens und vor allem politisches und soziales Gestaltungsmittel??
 
Woltmann durchforstet die französische Geschichte und Kulturgeschichte  nach Anhaltspunkten für den franz. Nationalcharakter, was ihn geprägt hat, wo er sich  besonders zeigt etc. Seine Erkenntnisse sind zum großen Teil  (und waren es wohl auch schon damals) Klischees, aber einiges ist auch originell. So z. B. wenn er die besondere Vorliebe und Begabung der Franzosen für Satire und Komödie in (proportionalen) Zusammenhang bringt zur Bedeutung, die gesellschaftliche Regeln und Konventionen in Frankreich haben u. hatten.
 
Hochinteressant finde ich seinen Vergleich des französichen mit dem deutschen Charakter. Grundverschieden seien die durch die Tatsache, dass sich in Frankreich schon früh ein Nationalstaat herausgebildet habe, während die Deutschen in politischer Zersplitterung lebten und leben. Dadurch sei der franz. Charakter homogener, spezieller, einheitlicher ausgeprägt, der deutsche dagegen unpräziser, allgemeiner, universeller. Man ahnt es schon, das nationale Handicap wird umgedeutet zur Stärke:

Demnach bleibt es unverkennbar, dass selbst ihr( der Deutschen) so formloser Charakter vielleicht einen größern weltbürgerlichen Werth hat, als der starkgezeichnete französische.

Und weiter - ganz berauscht von seinem Gedanken - :

Deutschland ist gleichsam das Magazin des erhabenen Genius, welches die Menschengeschichte leitet, in das er die aus allen Gegenden zusammengeholten Schätze niederlegt.(...)

Mit je größerer Selbstverleugnung wir (…) Nationaleitelkeit von uns entfernen, desto pflichtgemäßer handeln wir als Weltbürger.

Stellt nicht später auch Mme de Stael in De l’Allemagne diesen Zusammenhang her zwischen politischer Unbedeutendheit und Kullturleistungen? Und lässt Napoleon das Buch nicht auch deshalb einstampfen?
Am Ende sieht Woltmann sogar eine „neue fränkische Universalmonarchie aus beiden Staaten“ am Horizont!

Ist es, eingedenk dessen, was dann folgt, nicht berührend mitzubekommen, wovon ein junger Deutscher im Jahre 1795 noch träumen kann?
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 06. Mai 2013, 21.22 Uhr
Der zweite Artikel, Karl Ludwig von Woltmanns Beitrag zu einer Geschichte des französischen Nationalcharakters scheint aber nicht ganz uninteressant zu sein.

So weit bin ich noch nicht.  ;)
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 07. Mai 2013, 10.07 Uhr

2. Teil der Belagerung von Antwerpen. Inhaltlich bringt der Historiker Schiller nichts Neues, und als großen Prosa-Statistiker empfinde ich ihn trotz Safranski auch nicht.

Safranskis Diktum von "einem der großen Prosa-Ereignisse in deutscher Sprache" bezog sich ausdrücklich (nur) auf den Abfall der Niederlande, geschrieben zwei Jahre vor Beginn der Revolution! Den Horenbeitrag von 1795 erwähnt er, glaube ich, nicht mal. Ihmr fehlt eben die Verve und Inspiration, die Die Geschichte des Abfalls noch auszeichnete und erfolgreich  machte.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 07. Mai 2013, 11.39 Uhr
Das sollte übrigens "Prosa-Stilistiker" heissen. Die Autokorrektur meines Tablets habe ich noch nicht ganz im Griff...  :(
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 09. Mai 2013, 15.39 Uhr
Woltmann: Viel kann man Gontscharows Analyse eigentlich nicht hinzufügen. Woltmann ist jedenfalls angenehmer zu lesen als Schiller. Allerdings bricht hier der Herausgeber bereits mit den zu Beginn des Unternehmens festgelegten Richtlinien, auch wenn der junge Woltmann die Französische Revolution recht zurückhaltend und objektiv zu analysieren sucht. Natürlich ist uns heute der Begriff "Volkscharakter" suspekt (wohl nicht zufälligerweise will die Autovervollständigung meines Tablet daraus "völkisch" machen). Aber der in die Zukunft gerichtete Traum Woltmanns (aus dem mein Tablet einen "Wortmann" machen will, und aus sich selber eine "Tablette") hat seinen naiven Charme.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 11. Mai 2013, 15.26 Uhr
Friedrich August Weißhuhn: Das Spiel in strengster Bedeutung

Friedrich August Weißhuhn ist mir ansonsten nicht bekannt. In diesem Aufsatz spricht wohl ein Kantianer. Zuerst wird das Spiel im alltäglichen Sinn des Wortes genommen und analysiert - bis sich herausstellt, dass in diesen Formenn von Spiel immer "Anstrengung" vorhanden ist, es sich also nicht um "Spiel" handeln kann. Die eigentliche Form von "Spiel" ist demnach das - Schauspiel. Bzw. die analytischen Vorgänge bei der Rezeption von Kunst im Zuschauer. Ob das weniger "Anstrengung" bedeutet als ein Federball-Spiel unter Freunden? Der Autor ist dieser Meinung.

Im Übrigen ein gutes Beispiel dafür, wie schon zu Beginn einer vorgeblich analytischen Untersuchung das Ziel feststeht, und was als Deduktion daherkommt, sich post festum als Induktion entpuppt.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 12. Mai 2013, 10.13 Uhr
Litterarischer Sanscülottismus

Goethe zieht vom Leder. Es ist eine Antwort auf einen Beitrag im Berlinischen Archiv der Zeit und ihres Geschmacks, den ich im übrigen nicht kenne. Der Verfasser hat dort offenbar die Armseligkeit der Deutschen an vortrefflich classisch prosaischen Werken moniert. Das gibt Goethe Anlass, sich zur Situation zu erklären. Er legt dabei Wert darauf, die Situation der deutschen Autoren in Betracht zu ziehen: Ohne literarisches Zentrum müssen sie mühsam einzelne Bildungsbrocken zusammensuchen. Da sei es kein Wunder, dass die deutsche Literatur nur langsam "classische" Werke hervorbringen könne.

Interessant aber, dass Goethe den Begriff "klassisch" undefiniert belässt.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 13. Mai 2013, 12.31 Uhr

Quote from:  sandhofer« am: Gestern um 10:13
Interessant aber, dass Goethe den Begriff "klassisch" undefiniert belässt

Hm. Aber er nennt zumindest  Grundlagen und Bedingungen (wie sie in Deutschland eben nicht existierten), unter denen sich classische Llitteratur entwickeln könnte. Und da nennt er - Politisierungsverbot der Horen hin oder her -  vor allem die staatlich politische Einheit, Kontinuität  und Tradition. Goethe gibt hier ganz den kultursoziologischen Realisten:

Jeder, auch das größte Genie, leidet von seinem Jahrhundert in einigen Stücken, wie er von anderen Vortheil zieht, und einen vortrefflichen Nationalschriftsteller kann man nur von einer Nation fordern. Aber auch der deutschen Nation darf es nicht zum Vorwurf gereichen, dass ihre geographische Lage sie eng zusammenhält, indem ihre politische sie zerstückelt.
 
Und köstlich der goethisch-sybellinische Kern- und Zielsatz der Polemik:
 
Wir wollen die Umwälzungen nicht wünschen, die in Deutschland classische Werke vorbereiten könnten.
 
Woltmann deutete die deutsche "Misere" in einen (kulturellen) Vorteil um. Das tut der Realist Goethe nicht. Aber wie jener scheint  er es nicht eilig zu haben mit der deutschen Einheit. Fast als ahnten sie, was dräut…
Wegen solcher Originalstellen lohnt sich die Lektüre der .Horen, das kann einem kein Safranski vermitteln. Allein so ein (in der Folgezeit ausgestorbenes) Wort wie Nationaleitelkeit (Woltmann), das ich vorher nie gehört habe…
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 13. Mai 2013, 14.04 Uhr
Ja, ich habe mich gefragt, ob und wie ein 'Nationalschriftsteller' ein 'Classischer Schriftsteller' sein oder werden könne. (Wobei dann der Begriff der 'Nation' - gerade, wenn's um die deutsche Nation geht, ja auch wieder unscharf ist. Goethe erlebte noch den letzten „Kaiser des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation“. Meinte er diese Nation? Kaum.)
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 17. Mai 2013, 09.35 Uhr
Quote from: sandhofer« am: 13. Mai 2013, 14.04 Uhr
Ja, ich habe mich gefragt, ob und wie ein 'Nationalschriftsteller' ein 'Classischer Schriftsteller' sein oder werden könne.

Das beschreibt Goethe auf S. 51 im vierten Abschnitt:

Wann und wo entsteht ein classischer Nationalautor? Wenn er in der Geschichte seiner Nation….

Denkt er hier an Vergil, den Staatsdichter des Augusteischen Zeitalters, und seinen Gründungsmythos?
Den Text aus dem Berlinischen Archiv der Zeit und ihres Geschmacks, auf den er hier antwortet, kennen wir ja nun leider nicht. Es sind wohl auch Ironie und Polemik mit im Spiel.
Auf jeden Fall ist es Ironie der Literaturgeschichte, dass unser klassischer Autor par excellence hier den  Beweis führt, dass es so etwas wie ihn gar nicht geben könne… Dabei hat er ja das identitätstiftende Werk, geschöpft aus deutschem Mythenfundus, das seinen Ruhm als klassischer deutscher Dichter begründet, ja schon geschrieben und der zweite deutsche Klassiker wird in Kürze sogar  die europäischen Nachbarn  Britannien, Frankreich und die Schweiz mit dramatisierten Nationalmythen überziehen… ;D

Goethe ist Realist genug um festzustellen:

 Wir sind überzeugt, dass kein deutscher Autor sich selbst für classisch hält…    

Denn - das sagt er zwar nicht, ist aber sousentendu - es ist die Nachwelt, die entscheidet, ob  ein Schriftsteller sich als Klassiker bewährt. Insofern entlarvt Goethe auch die paradoxe Forderung, man solle nun mal klassische Werke schreiben, als Humbug …
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 17. Mai 2013, 19.01 Uhr
Auf jeden Fall ist es Ironie der Literaturgeschichte, dass unser klassischer Autor par excellence hier den  Beweis führt, dass es so etwas wie ihn gar nicht geben könne…

Ja. Understatement oder war sich Goethe nicht dessen bewusst, was Schiller (u.a. mit den Horen) anstrebte?
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 18. Mai 2013, 09.57 Uhr
Liest noch jemand mit?

Ich bin noch dabei, muss mich nach einem längeren Urlaub aber erst einmal wieder "sortieren".
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 18. Mai 2013, 19.36 Uhr
Auf jeden Fall ist es Ironie der Literaturgeschichte, dass unser klassischer Autor par excellence hier den  Beweis führt, dass es so etwas wie ihn gar nicht geben könne…

Ja. Understatement oder war sich Goethe nicht dessen bewusst, was Schiller (u.a. mit den Horen) anstrebte?

Hier muss, glaube ich, unterschieden werden zwischen den beiden Bedeutungen von" Klassik"/" klassisch". Einmal ist "Klassik" ein  Epochen- und Stilbegriff und beinhaltet: Orientierung an der Antike, Geschlossenheit und Ebenmaß der Form, erhabene Inhalte etc, man spricht bei diesem (europäischen) Stil um 1800 auch von "Klassizismus". "Klassisch" im zweiten Sinne werden Werke genannt, die epochenunabhängig, vorbildlich und zeitlos sind, wertgeschätzt und verehrt werden. Insofern kann es auch Klassiker der Moderne geben und selbst ein Romantiker ein Klassiker sein. Auf  Klassik in des Wortes zweiter Bedeutung hebt Goethe in seinem Artikel ab, erstere strebt Schiller in den Horen an.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 19. Mai 2013, 08.53 Uhr
Da bin ich eben im Zweifel: Ich vermute, dass Goethe in diesem Artikel "classisch" im Sinne der griechischen Epoche verwendet; "National-" für den 'modernen Klassiker'. Daher meine Frage:

Ja, ich habe mich gefragt, ob und wie ein 'Nationalschriftsteller' ein 'Classischer Schriftsteller' sein oder werden könne.

Ich war wohl mal wieder ein wenig kurz ...  :angel:

(Dass Goethe dann später mit der Erfindung der "Weltliteratur" seine Begrifflichkeit noch zusätzlich komplizierte, sei mal aussen vor gelassen. Wenn ich mich recht erinnere, war "Weltliteratur" ein Begriff des alten Goethe, den er zur Zeit der Horen noch gar nicht verwendete.)
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 19. Mai 2013, 11.44 Uhr
Einmal ist "Klassik" ein  Epochen- und Stilbegriff und beinhaltet: Orientierung an der Antike, Geschlossenheit und Ebenmaß der Form, erhabene Inhalte etc ... "Klassisch" im zweiten Sinne werden Werke genannt, die epochenunabhängig, vorbildlich und zeitlos sind, wertgeschätzt und verehrt werden

Diese Unterscheidung ist nachvollziehbar und imho richtig.

Einen interessanten Beitrag über den klassischen Schönheitsbegriff findet man derzeit hier:
http://www.dw.de/sch%C3%B6nheit-einst-und-jetzt/a-16657319?maca=de-tagesschau-film-1526-rdf-mp

Dass Goethe dann später mit der Erfindung der "Weltliteratur" seine Begrifflichkeit noch zusätzlich komplizierte, sei mal aussen vor gelassen. Wenn ich mich recht erinnere, war "Weltliteratur" ein Begriff des alten Goethe, den er zur Zeit der Horen noch gar nicht verwendete.

"Weltliteratur" stammt definitiv vom späten Goethe (es müsste in den Eckermann-Büchern enthalten sein). Trotzdem legt er sich diesen Begriff in dem Horen-Aufsatz mEn. zumindest gedanklich schon einmal zurecht.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 19. Mai 2013, 20.37 Uhr

Da bin ich eben im Zweifel: Ich vermute, dass Goethe in diesem Artikel "classisch" im Sinne der griechischen Epoche verwendet; "National-" für den 'modernen Klassiker'.

Das gibt meiner mMn der Text nicht her. Was würde G. dann mit dem Begriff classischer Nationalautor  (S.51)  sagen wollen? Und was in diesem Zusammenhang mit dem Satz: Wir wollen die Umwälzungen nicht wünschen, die in deutschland classische Werke vorbereiten könnten.…?(S.53) Goethes Aufsatz ist eine Replik. Er greift die Begrifflichkeit seiner Vorredner auf. Wenn er die Schreiber des  litterarischen sanscüllotismus zeiht, weil sie sich an die Stelle anerkannter Literaten (Wielands z.B.) setzen wollten, wenn er sagt, dass man in Deutschland an allen Ecken gute Literatur finden könne und  davon spricht, dass die deutschen Literaten eine allgemeine Nationalcultur leider (S.54) bislang nicht vorfanden, so ist anzunehmen,  dass der Vorwurf, auf den er hier antwortet, etwa wie folgt lautet: Warum gibt es in Deutschland keine vorbildlichen, erstklassigen, spezifisch deutschen Werke, respective keine  klassische Nationalliteratur ?

Wie ich jetzt beim zweiten Lesen feststellte, spricht Goethe von einer Art unsichtbarer Schule(S.54), die in letzter Zeit entstanden sei und er kündigt an:
Vielleicht wagen wir in der Folge, die Geschichte unserer vorzüglichsten Schriftsteller, wie sie sich in ihren Werken zeigt, dem Publikum vorzulegen.(S.54)
Schade, soweit ich sehe, ist das nicht umgesetzt worden.

Alles in allem ein sympathischer Artikel, der schon mal Belege liefert für das spätere goethische Bonmot: Patriotismus verdirbt die Geschichte o.ä. .
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 19. Mai 2013, 22.24 Uhr
Demnach bleibt es unverkennbar, dass selbst ihr( der Deutschen) so formloser Charakter vielleicht einen größern weltbürgerlichen Werth hat, als der starkgezeichnete französische.

Deutschland ist gleichsam das Magazin des erhabenen Genius, welches die Menschengeschichte leitet, in das er die aus allen Gegenden zusammengeholten Schätze niederlegt.(...)

Mit je größerer Selbstverleugnung wir (…) Nationaleitelkeit von uns entfernen, desto pflichtgemäßer handeln wir als Weltbürger.

Interessante Zitate! Hier werden einige Gedanken des berühmt-berüchtigten Thomas Mann-Essays "Betrachtungen eines Unpolitischen" (1918) vorweggenommen. 1945 hat er sich in "Deutschland und die Deutschen" noch einmal in ähnlicher Weise zum deutschen "Nationalcharakter" geäußert. Ich nehme allerdings nicht an, dass TM den Woltmann-Aufsatz kannte. 
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 20. Mai 2013, 17.08 Uhr
Ich nehme allerdings nicht an, dass TM den Woltmann-Aufsatz kannte. 

Darauf würde ich allerdings keine Wetten abschliessen. ;)
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 21. Mai 2013, 00.04 Uhr

Friedrich August Weißhuhn war Privatdozent für Philosophie in Jena. Er starb im April 1795. Das Spiel in strengster Bedeutung ist also posthum erschienen. Im Goethe-Schiller- Briefwechsel vom Februar 1795  wird  erwähnt, dass er eine Beleidigungsaffaire mit dem Rektor der Jenaer Universität am  Hals hatte... Zur Todesursache habe ich nichts gefunden. Er wurde nur 37 Jahre alt. Weißhuhn war ein Jugendfreund Fichtes aus der gemeinsamen Zeit in Schulpforta, was ihn nicht daran hinderte, kritische Rezensionen zu dessen Werken zu verfassen. Goethe und Schiller schätzten ihn, besonders seine Schrift Die Synonymen (die von beiden gelesen wurde) sowie  Sätze und Gegensätze zur Grundlegung des neuen Systems der Philosophie. Goethe schreibt dazu:

Der Weißhuhn’sche Aufsatz im 6ten Hefte des Niethammerschen Journals hat mir sehr wohl gefallen. Diese Art zu philosophieren liegt mir viel näher als die Fichtische; wir wollen den Aufsatz doch einmal miteinander lesen, ich wünschte, über einiges Ihre Gedanken zu hören.

Nun also Das Spiel in strengster Bedeutung… Weißhuhns Suche nach der  schwere- und mühlosesten Form des Spiels, seiner Meinung nach das Spiel κατ' ἐξοχήν, gestaltet sich sehr mühevoll, umständlich und gar nicht spielerisch. ;D Selten größere Diskrepanz zwischen Gegenstand und Darstellung erlebt. 
Und das Ergebnis kann ich beim besten Willen nicht nachvollziehen! Mein Begriff von Spiel und gar in strengster Bedeutung ist ein anderer.

__________________________
Wenn ich bei google Weißhuhn eingebe, kommt u.a eine lange Latte von blog-Themen von litteratur.ch , egal ob Doderer oder Kenny, immer mit dem stereotypen Satz: Friedrich August Weißhuhn ist mir ansonsten nicht bekannt.  ???
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 21. Mai 2013, 09.33 Uhr
Ich nehme allerdings nicht an, dass TM den Woltmann-Aufsatz kannte. 

Darauf würde ich allerdings keine Wetten abschliessen. ;)

Meinst Du wirklich, dass Thomas Mann die "Horen" gelesen hat? Ich habe bislang keine Hinweise dazu gefunden. Oder habe ich Dich einfach missverstanden?
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 21. Mai 2013, 11.52 Uhr
Wenn ich bei google Weißhuhn eingebe, kommt u.a eine lange Latte von blog-Themen von litteratur.ch , egal ob Doderer oder Kenny, immer mit dem stereotypen Satz: Friedrich August Weißhuhn ist mir ansonsten nicht bekannt.  ???

Ich kriege einmal meinen Satz hier aus dem Forum und einmal einen Blog-Artikel (zum ersten Teil der Horen). Warum letzterer? wird wohl ein Geheimnis von Google bleiben ...
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 21. Mai 2013, 11.59 Uhr
Meinst Du wirklich, dass Thomas Mann die "Horen" gelesen hat? Ich habe bislang keine Hinweise dazu gefunden. Oder habe ich Dich einfach missverstanden?

Ich würde eine Lektüre tatsächlich nicht ausschliessen, wahrscheinlich allerdings nur eine teilweise. Dass er aber diesen Teil, vielleicht wegen Goethes "Sansculottismus", mal in Händen hielt, halte ich nicht für unmöglich. Im Thomas-Mann-Archiv finde ich auf die Schnelle nichts; was aber nur heissen würde, dass es bei seinem Tod nicht (mehr?) in seinem Besitz war. Allerdings bin ich alles andere als ein Thomas-Mann-Spezialist.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 21. Mai 2013, 13.26 Uhr
Ich kriege einmal meinen Satz hier aus dem Forum und einmal einen Blog-Artikel (zum ersten Teil der Horen). Warum letzterer? wird wohl ein Geheimnis von Google bleiben ...

Ach so, nee. Ich bin so was von doof: Wir haben im Blog auch (unten rechts) die jeweils letzten Einträge im Forum kurz angerissen. Und da steht (jedenfalls im Moment) der Name Weißhuhns auch drin. Und dieser Rahmen bleibt natürlich bei jedem Blog-Eintrag erhalten, deshalb findet Google aktuell so viel.  ;)
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 21. Mai 2013, 13.30 Uhr
Nochmal zu Weißhuhn: Das Spiel…Ich möchte ihm nicht unrecht tun. Ein bisschen was abgewinnen kann ich seiner Untersuchung schon, besonders dem Schluss. Wenn er nur nicht seine Erkenntnisse partout unter dem Begriff Spiel subsumieren zu müssen geglaubt hätte! Ja, er knüpft natürlich an die Ästhetische Erziehung an:

"Denn, um es endlich auf einmal herauszusagen, der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt" (Horen,1795, 2.Stück)

Aber hat Schiller auch so  einen verschrobenen Begriff vom Spiel wie Weißhuhn?
 
Was letzterer als Spiel in strengster Bedeutung verstanden wissen will, ist so etwas wie der Prozess der Geschmacksurteilsfindung(uff) bei der Rezeption von Kunst. Wie er diese ästhetische Perzeption seziert und ihren fast unwillkürlichen Ablauf beschreibt, der gerade bei „erhabener“ Kunst mit „erhabenen“ Inhalten dazu angetan sei, das Bewusstsein mühelos in immer höhere, quasi parareligiöse Sphären zu heben, hat schon was… Vor allem passt das natürlich hervorragend in die Horen, dieses Zentralorgan der klassizistischen Schönheitsapostel.   :angel:
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 21. Mai 2013, 14.12 Uhr
... es ist die Nachwelt, die entscheidet, ob  ein Schriftsteller sich als Klassiker bewährt. Insofern entlarvt Goethe auch die paradoxe Forderung, man solle nun mal klassische Werke schreiben, als Humbug …

Nicht unbedingt. Ich zitiere Dich:
Einmal ist "Klassik" ein  Epochen- und Stilbegriff und beinhaltet: Orientierung an der Antike, Geschlossenheit und Ebenmaß der Form, erhabene Inhalte etc ...

Klassische Werke als Werke, die, ähnlich dem französischen Regeldrama, an ein festgelegtes Set an Möglichkeiten und Restriktionen gebunden sind, können jederzeit entstehen. Ihre Bewertung ist nicht der Nachwelt vorbehalten. Noch 1912/13 wurde Thomas Mann bescheinigt, mit dem "Tod in Venedig" ein klassisches Werk im Sinne Deines Zitats verfasst zu haben. Insofern ist die damalige Forderung, klassische Werke zu produzieren, dem (langsam in die Jahre kommenden) Geschmack der Zeit geschuldet.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 21. Mai 2013, 15.57 Uhr

Hallo Sir Thomas!

Das erste Zitat bezog sich natürlich auf „klassisch“ im 2. Sinne - vorbildlich, vortrefflich, überepochal!
Um weiteren Spekulationen zu entgehen, was die Verfasser wohl gemeint haben und worauf Goethe repliziert, sollten wir den Text aus dem Berlinischen Archiv der Zeit und ihres Geschmacks ausfindig machen... ;)
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 21. Mai 2013, 16.09 Uhr
Das erste Zitat bezog sich natürlich auf „klassisch“ im 2. Sinne - vorbildlich, vortrefflich, überepochal!

Das ist mir nicht entgangen.  ;) Aber Klassik im 1. Sinne (Orientierung an der Antike etc.) ist nicht auf die Nachwelt angewiesen. Mehr wollte ich nicht sagen.

Um weiteren Spekulationen zu entgehen, was die Verfasser wohl gemeint haben und worauf Goethe repliziert, sollten wir den Text aus dem Berlinischen Archiv der Zeit und ihres Geschmacks ausfindig machen... ;)


Gute Idee!
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 21. Mai 2013, 17.22 Uhr
Im Thomas-Mann-Archiv finde ich auf die Schnelle nichts ...

Kann man in diesem Archiv online recherchieren? Die Website http://www.tma.ethz.ch bietet diese Möglichkeit nicht (oder ich bin mal wieder zu blöd ...).
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 21. Mai 2013, 19.21 Uhr
Im Thomas-Mann-Archiv finde ich auf die Schnelle nichts ...

Kann man in diesem Archiv online recherchieren?

Jein. Via KVK kannst Du in den Schweizer Bibliotheken suchen. Das Thomas-Mann-Archiv würdest Du an seiner Sigle erkennen, aber in der Schweiz sind offenbar nur Nachdrucke der Horen gelistet. Alle nach Manns Tod erschienen.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 22. Mai 2013, 16.05 Uhr
Noch eine Bemerkung zum "Litterarischen Sanscülottismus": Man braucht nicht weit zu suchen, um einen artigen Roman, eine glückliche Erzählung, einen reinen Aufsatz über diesen oder jenen Gegenstand zu finden. Unsre critischen Blätter, Journale und Compendien, welchen Beweis geben sie nicht oft eines übereinstimmenden guten Styls! die Sachkenntniß erweitert sich beym Deutschen mehr und  mehr und die Übersicht wird klärer. Man lese und staune!

Tatsache ist: Goethe & Co. haben in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts einen Alphabetisierungs- und Literarisierungsschub bewirkt - und das in einem Ausmaß, das Goethe mehr als 30 Jahre später gegenüber Eckermann stöhnen ließ über das Unheil, dass die poetische Kultur sich in Deutschland so sehr verbreitet hat, dass niemand mehr einen schlechten Vers macht (29. Januar 1826). Mich erinnert das an all die heutigen Schreiberlinge, die es sehr sehr eilig haben, ihre "Produkte" im Selbstverlag an den Mann oder die Frau zu bringen ... 
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 22. Mai 2013, 20.18 Uhr
Das ist nicht "Selbst-Verlag", das ist Self-Publishing, und der moderne Robin Hood tut das so ...  :angel:
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 23. Mai 2013, 10.05 Uhr
Um weiteren Spekulationen zu entgehen, was die Verfasser wohl gemeint haben und worauf Goethe repliziert, sollten wir den Text aus dem Berlinischen Archiv der Zeit und ihres Geschmacks ausfindig machen... ;)

Es handelt sich um einen Aufsatz ("Ueber Prose und Beredsamkeit der Deutschen") von Daniel Jenisch. Leider, merkwürdigerweise, ist nirgends eine elektronische Kopie des Jahrgangs 1795 aufzutreiben. GoogleBooks sagt zwar, es sei 1795, liefert aber 1797. Kobo sagt gar nichts und liefert auch nur, was Google hat. Bibliotheken scheinen keine PDFs oder ähnliches zu besitzen. Und Ausleihe ist bei dem Alter der Zeitschrift offenbar nicht mehr möglich.  :(
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 24. Mai 2013, 11.52 Uhr
Friedrich August Weißhuhn: Das Spiel in strengster Bedeutung

... Die eigentliche Form von "Spiel" ist demnach das - Schauspiel. Bzw. die analytischen Vorgänge bei der Rezeption von Kunst im Zuschauer. Ob das weniger "Anstrengung" bedeutet als ein Federball-Spiel unter Freunden? Der Autor ist dieser Meinung.

Entscheidend scheint mir zu sein, dass der "Spieler" frei ist von fremden Zwecken außerhalb seines Spiels, dass er nicht gewinnen will, also in keinen ermüdenden Wettstreit eintritt. Das Spiel im Sinne Weißhuhns ist eine freie Entfaltung menschlicher Kräfte, eine "Selbstthätigkeit" frei von jeglicher Anspannung und Richtung. Leidenschaft und Ehrgeiz sind jedenfalls nach Weißhuhn abzulehnen.

Er bringt dann den Begriff der "ästhetischen Größe" ins Spiel: Die ästhetische Größe wird ... sich bald der Anschauung, bald der Empfindung nähern. So wird die Selbstthätigkeit damit spielen können. Indem sie den Sinn einen Augenblick dem Genusse überlässt, und im nächsten Augenblick ohne Anstrengung davon zurückzieht, wird sie sich der Freyheit ihrer thätigen Kraft lebhaft bewußt werden. Die ästhetische Größe wird Empfindung seyn, die nicht fesselt; sie wird Anschauung seyn, die bey dem allen noch etwas Reizendes hat.

Das klingt etwas verschwurbelt, aber nachvollziehbar.

... Ein bisschen was abgewinnen kann ich seiner Untersuchung schon, besonders dem Schluss.... Ja, er knüpft natürlich an die Ästhetische Erziehung an … Vor allem passt das natürlich hervorragend in die Horen, dieses Zentralorgan der klassizistischen Schönheitsapostel.

Unbedingt!
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 24. Mai 2013, 11.53 Uhr

Quote from:  sandhofer« am: Gestern um 10:05
Leider, merkwürdigerweise, ist nirgends eine elektronische Kopie (…)aufzutreiben (…) Und Ausleihe ist (…) offenbar nicht mehr möglich.

Schade, und wirklich merkwürdig, ist doch sonst jeder Furz Fitzel von, über und irgendwie im Zusammenhang mit Goethe konserviert und zugänglich. Und besonders merkwürdig im Falle von Jenischs Aufsatz, den Auslöser der doch recht interessanten, für sein Poetik- und Politik- Verständnis bezeichenden Auslassungen Goethes über den Zustand der zeitgenössischen deutschen Literatur!
 
Aber wir kennen jetzt Titel und Verfasser. Danke dafür.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 24. Mai 2013, 11.54 Uhr
Um weiteren Spekulationen zu entgehen, was die Verfasser wohl gemeint haben und worauf Goethe repliziert, sollten wir den Text aus dem Berlinischen Archiv der Zeit und ihres Geschmacks ausfindig machen... ;)

Es handelt sich um einen Aufsatz ("Ueber Prose und Beredsamkeit der Deutschen") von Daniel Jenisch..... Ausleihe ist bei dem Alter der Zeitschrift offenbar nicht mehr möglich.

Ich denke, wir können damit leben ...  ;D
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 24. Mai 2013, 12.23 Uhr

Tatsache ist: Goethe & Co. haben in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts einen Alphabetisierungs- und Literarisierungsschub bewirkt - und das in einem Ausmaß, das Goethe mehr als 30 Jahre später gegenüber Eckermann stöhnen ließ über das Unheil, dass die poetische Kultur sich in Deutschland so sehr verbreitet hat, dass niemand mehr einen schlechten Vers macht (29. Januar 1826).

Literarisierungsschub - o.k., schön gesagt übrigens ;). Aber Alphabetisierungs- Schub? Bewirkt durch Goethe &Co? Wirklich? Hast Du Anhaltspunkte? Kannst du Näheres darüber berichten? Interessiert mich.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 24. Mai 2013, 13.18 Uhr

Tatsache ist: Goethe & Co. haben in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts einen Alphabetisierungs- und Literarisierungsschub bewirkt - und das in einem Ausmaß, das Goethe mehr als 30 Jahre später gegenüber Eckermann stöhnen ließ über das Unheil, dass die poetische Kultur sich in Deutschland so sehr verbreitet hat, dass niemand mehr einen schlechten Vers macht (29. Januar 1826).

Literarisierungsschub - o.k., schön gesagt übrigens ;). Aber Alphabetisierungs- Schub? Bewirkt durch Goethe &Co? Wirklich? Hast Du Anhaltspunkte? Kannst du Näheres darüber berichten? Interessiert mich.

Die treibenden Kräfte der Alphabetisierung in Kürze:

--> Der Buchdruck und die Evolution der Flugblatt-Publizistik (seit ca. 1500), später der Zeitungs- und Zeitschriften-Publizistik (seit ca. 1600);
--> Die Entstehung eines wohlhabenden Bürgertums, das Literatur und Theater als Konsumgut entdeckt; damit verbunden: die "Einführung" des bis ca. 1700 kaum bekannten individuellen Lesens im "stillen Kämmerlein";
--> Das Geschäftsmodell des Dichtergenies (prototypisch vorgeformt in Klopstock), aus dem sich der professionelle Star- und Bestsellerautor entwickeln konnte;
--> Die technologische Entwicklung des Zeitungsdrucks (Schnellpresse, ab ca. 1800).

All das übte (überwiegend ökonomisch motivierten) Druck auf das Bildungssystem aus - mit dem Effekt, dass Lesen und Schreiben allmählich zur Grundbildung gezählt wurden.

Mehr fällt mir auf die Schnelle nicht ein.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 24. Mai 2013, 13.44 Uhr
Mehr fällt mir auf die Schnelle nicht ein.

Vielleicht noch dies: http://www.amazon.de/gp/product/3518580051/ref=olp_product_details?ie=UTF8&me=&seller=

Das habe ich in guter Erinnerung.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 24. Mai 2013, 16.27 Uhr
Quote from:  Sir Thomas« am: Heute um 13:18
Die treibenden Kräfte der Alphabetisierung in Kürze:
--> Der Buchdruck und die Evolution der Flugblatt-Publizistik (seit ca. 1500), später der Zeitungs- und Zeitschriften-Publizistik (seit ca. 1600);
--> Die Entstehung eines wohlhabenden Bürgertums….

Ja, das ist bestimmt alles richtig, danke Sir Thomas,... war aber nicht meine Frage, sondern:

Tatsache ist: Goethe & Co. haben in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts einen Alphabetisierungs- und Literarisierungsschub bewirkt...

... Alphabetisierungs- Schub? Bewirkt durch Goethe &Co?...
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 24. Mai 2013, 16.38 Uhr
Ja, das ist bestimmt alles richtig, danke Sir Thomas,... war aber nicht meine Frage, sondern:
... Alphabetisierungs- Schub? Bewirkt durch Goethe &Co?...


Die Antwort steckt in

--> Das Geschäftsmodell des Dichtergenies (prototypisch vorgeformt in Klopstock), aus dem sich der professionelle Star- und Bestsellerautor entwickeln konnte ...

Die Literaturstars Wieland, Goethe und Schiller haben quasi ihren Markt selbst "produziert" - und das bewirkte einen weiteren Schub in der Alphabetisierung breiter Schichten. Das ist mWn. unumstritten.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 25. Mai 2013, 10.18 Uhr
Es handelt sich um einen Aufsatz ("Ueber Prose und Beredsamkeit der Deutschen") von Daniel Jenisch..... Ausleihe ist bei dem Alter der Zeitschrift offenbar nicht mehr möglich.

Ich denke, wir können damit leben ...  ;D

Ich versuche, an Fotokopien oder PDFs zu kommen. Könnte aber dauern.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: orzifar on 25. Mai 2013, 17.37 Uhr
Hallo!

Ich werde euch wohl nicht so bald einholen und will keine Beiträge posten, die sich auf Texte beziehen, die vor Monaten bereits behandelt wurden. Deshalb werde ich - wenn überhaupt, denn derzeit gelüstet es mich (noch weniger als sonst) nach idealistisch-ästhetischem Gedankengut - bestenfalls im Blog Beiträge erstellen.

Frohes Diskutieren

orzifar
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 25. Mai 2013, 21.00 Uhr
Blog ist immer gut!  8)
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 26. Mai 2013, 07.01 Uhr
Ich versuche, an Fotokopien oder PDFs zu kommen. Könnte aber dauern.

Dauerte gar nicht lange, im Gegenteil.

Hier (http://blog.litteratur.ch/WordPress/?p=4087) der integrale Text Jenischs.  :hi:
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 26. Mai 2013, 14.43 Uhr
Wieland, Goethe und Schiller haben quasi ihren Markt selbst "produziert" - und das bewirkte einen weiteren Schub in der Alphabetisierung breiter Schichten.

Geht’s noch etwas unpräziser? ;D
Im Ernst: Hat nicht Herzogin Anna Amalia  von Sachsen-Weimar den Alphabetisierungsprozeß angeschoben und so etwas wie die allgemeine Schulpflicht in ihrem Ländle zumindest  angestrebt? Und hat Herder als Generalsuperintendent von Weimar und langjähriger Gymnasialdirektor  nicht auch dazu beigetragen? Und Goethe als Minister..? Wie gesagt, hätt gern mehr darüber erfahren.

In den Horen wird sich Dalberg im übernächsten Beitrag über Bildungsfragen auslassen…

Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 26. Mai 2013, 14.49 Uhr
Hier (http://blog.litteratur.ch/WordPress/?p=4087) der integrale Text Jenischs.  :hi:

Super!(applaudierendes Smilye) Danke, sandhofer, für diese philologische Großtat, die Dir sicher auch andere literarisch interessierte Netzbenutzer danken werden und die bestimmt nicht geschmälert wird, wenn ich jetzt sage, dass der Text  in IV,2 der Münchner Goethe-Ausgabe nachgedruckt sein soll. Immerhin. Muss ich aber noch verifizieren.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 26. Mai 2013, 15.27 Uhr
dass der Text  in IV,2 der Münchner Goethe-Ausgabe nachgedruckt sein soll.

Nachgedruckt wird er wohl an verschiedenen Orten noch sein. Aber im Internet war er bis anhin nicht frei zugänglich, wenn ich mich nicht irre. Jedenfalls habe ich ihn nicht gefunden.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 26. Mai 2013, 15.33 Uhr
Die Lebenskraft oder der Rhodische Genius. Eine Erzählung.

Von Humboldt. Dem Alexander. Eine nette kleine Parabel darüber, dass die Lebenskraft - was oder wer auch immer das sein kann - quasi die Elemente domestiziert und zusammenhält, was leben soll. Alexander von Humboldt hat in seinen naturwissenschaftlichen Schriften einen bedeutend langweiligere Schreibweise.

Ueber Charakterdarstellung in der Musik.

Körner d.Ä. - Er will Bewegung als Mittel der Charakterdarstellung in jeder Form von Kunst, auch in der Musik. Leider spekuliert er lieber über die Musik der alten Griechen als über die zeitgenössische. Letztere würden wir kennen und könnten so vielleicht nachvollziehen, was er meint. Da sich das musikologische Gen allerdings von meinem Vater auf meinen Sohn übertragen und mich ausgelassen hat, kann ich nicht viel zu diesem Aufsatz sagen.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 26. Mai 2013, 16.19 Uhr

Quote from:  sandhofer« am: Heute um 15:27
Aber im Internet war er bis anhin nicht frei zugänglich.

Schon klar. Deshalb find ich ja die Tatsache, dass du ihn in den blog gestellt hast, - Klasse!

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Quote from:  sandhofer« am: Heute um 15:33
Von Humboldt. Dem Alexander. Eine nette kleine Parabel darüber, dass die Lebenskraft - was oder wer auch immer das sein kann - quasi die Elemente domestiziert und zusammenhält, was leben soll

Dem lässt sich nichts hinzufügen, außer dass auch die Allegorie des Todes auftritt, der erlaubt, dass das, was "domestiziert und an seine Gestalt gebunden war, sich (endlich) vermischen und im Ganzen auflösen kann.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 27. Mai 2013, 13.40 Uhr
Voß' Gedichte. Trinklieder. Voß ist ein gewiefter Verseschmied. Nicht mehr und nicht weniger.  :angel:
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 27. Mai 2013, 16.50 Uhr


Ueber Charakterdarstellung in der Musik.

... kann ich nicht viel zu diesem Aufsatz sagen.

Mir geht es aus ähnlichen Gründen ähnlich. Ich hoffe auf den Musikkenner Sir Thomas!
__________________________________ _________

Voß' Gedichte. Trinklieder. Voß ist ein gewiefter Verseschmied. Nicht mehr und nicht weniger.  :angel:

Gewieft?? Ich finde das so altfränkisch, bieder, spießig … Man belehre mich eines Besseren!
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 28. Mai 2013, 12.32 Uhr
Ich hoffe auf den Musikkenner Sir Thomas!

Du übertreibst. Und hoffst vergebens. Denn Herr Körner liefert nicht einen einzigen klugen Gedanken zum Thema Musik, wohl aber viel ästhetizistisches und musikfernes Geschwafel. Ärgerlich, das Ganze, sehr ärgerlich!

Was soll man bspw. mit solchen Einlassungen anfangen: Es war eine Zeit, da man bei Tanz, Musik und Poesie noch gar nicht an Darstellung eines bestimmten Gegenstandes dachte. Was in dem Menschen zuerst diese Kunsttalente entwickelte, war unstreitig der Trieb, sein Daseyn zu verkündigen ... Was hätten Bach, Mozart oder Beethoven wohl dazu gesagt? Nichts, vermute ich. Sie hätten den Kopf geschüttelt, Beethoven hätte sich evtl. zu etwas Ähnlichem durchgerungen wie "Was kümmert mich Sein ärmliches Talent, wenn ich mit dem heiligen Geist ringe?"   

Deutschland war natürlich um 1795 alles andere als auf der Höhe der Zeit in musikalischen Fragen. Bach war vergessen, die Bach-Söhne waren von Haydn und (dem mittlerweile verstorbenen) Mozart beerbt worden. Beethoven schickte sich gerade erst an, die Welt mit seiner Musik zu beglücken - argwöhnisch beäugt von weniger bekannten Zeitgenossen wie Hummel oder Clementi. Letzterer wirkte übrigens in London - einer Stadt, die seit Händel mehr für die Entwicklung und Durchsetzung des sog. klassischen Stils leistete, als gemeinhin bekannt ist. Was schließlich die klassische Kompositionsweise selbst anbelangt - und hier hätte Körner mit ein wenig Sachverstand ansetzen können - so ist es interessant, deren Wurzeln freizulegen. Sie liegen lt. Ch. Rosen in dem opernorientierten Musikgeschmack des 18. Jahrhunderts.

Das Publikum verlangte von der Musik vor allem einen dramatischen Ausdruck, dem man sich genüsslich durch wechselnde Empfindungen hingeben konnte. Musik galt als Nachahmung und Darstellung der reinsten und natürlichsten Gefühle (das hat Körner wohl noch verstanden und kurz thematisiert). Das Bedürfnis nach emotionaler, dramatischer Handlung galt auch außerhalb der Opernbühne. Die Forderung nach dramatischer Gliederung der Musik zerstörte damit endgültig die barocke Ästhetik. Der galante Rokokostil Johann Christian Bachs bildete die eine Seite der vorklassischen Musik, der auf dramatischen Effekten und Ausdruck beruhende empfindsame Stil Carl Philipp Emanuel Bachs die andere. Die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts stellte deshalb eine weitere Stufe der mit Monteverdi einsetzenden Zerstörung komplexer Strukturen der Musik dar.

Der klassische Stil ist eine Synthese verschiedener Ausdrucksmittel. Im Mittelpunkt eines tonalen Werks (nicht nur eines „klassischen“) steht kein Ton, sondern ein Dreiklang (Akkord). Die Musik verläuft nicht allein horizontal, sondern  sie verfügt über einen vertikalen Aspekt, der sie als Abfolge von Akkorden strukturiert.

Diese akkordliche Begleitung verwischt zunehmend die Selbständigkeit der theoretisch vorhandenen kontrapunktischen Stimmen zugunsten einer homophonen Harmonik. Der klassische Stil griff die Selbständigkeit der Stimmen an, gleichzeitig aber auch die Harmonien, indem er die musikalische Phrase isolierte und deutlich periodisch gliederte. Das Gefühl für Linearität erreicht eine höhere Ebene durch die Zusammenfassung des periodischen Systems der musikalischen Bewegung in das geschlossene Gefäß der Sonate, die ähnlich der Fuge ein Kompositionsprinzip mit einem bestimmten Sinn für Proportionen, nicht ein irgendwie geartetes Formschema ist.   

Motivische Beziehungen gehören seit dem 15. Jahrhundert zu den einheitstiftenden Mitteln der abendländischen Musik. In der Klassik erwirbt die motivische Arbeit eine größere Bedeutung, indem das Motiv nicht nur die Melodie, sondern auch deren Färbung und Fortgang erzeugt. Beziehungen zwischen den Motiven/Themen sind in der Klassik von entscheidender Bedeutung.
 
Eine ganz wichtige Übergangsgestalt des 18. Jahrhundert war Gluck. Er brach mit Händels und Bachs kontrapunktischem Stil und schuf etwas Neues. Er vereinfachte Handlung, Form und Satztechnik der Oper, weil er zurück zu einer größeren Natürlichkeit des Dramas (Kunst als Nachahmung der Natur) wollte. Er trug damit auch dem wachsenden Interesse an der griechischen Kunst (Winckelmann!), einer wichtigen Säule des entstehenden Klassizismus, Rechnung. Seine Nüchternheit ist nicht nur eine Form des Stoizismus, der Genussverweigerung, sondern selbst eine Quelle des Genusses.

Soweit die Ansätze einer klassizistischen Musiktheorie oder meinetwegen auch -ästhetik. Bedauerlicherweise waren weder Schiller noch Goethe musikalisch interessiert, was letztlich wohl zu der Veröffentlichung des miserablen Körner-Aufsatzes beigetragen hat. So konnte man behaupten, sich wenigstens ansatzweise auch mit dieser Kunst beschäftigt zu haben.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 28. Mai 2013, 14.22 Uhr
Quote from:  Sir Thomas« am: Heute um 12:32
Du übertreibst. Und hoffst vergebens.

Super, Sir Thomas, danke! Ich habe gar nicht übertrieben. ;) Und auch nicht vergebens gehofft. Denn meine Hoffnung bezog sich weniger auf Deine Zustimmung zum Körner-Artikel als vielmehr darauf, von Kennerseite zu hören, dass man ihn vernachlässigen dürfe.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 28. Mai 2013, 14.48 Uhr
... meine Hoffnung bezog sich weniger auf Deine Zustimmung zum Körner-Artikel als vielmehr darauf, von Kennerseite zu hören, dass man ihn vernachlässigen dürfe.

Das Ärgerliche an dem Aufsatz ist die Ignoranz der Weimarer Truppe. All die aufgezählten Merkmale des (allerdings erst später so bezeichneten und auf die Zeit zwischen 1770 - 1805 eingegrenzten) klassischen Musikstils lagen offen vor den Augen derjenigen, die sehen wollten. Der Bruch mit der Barockmusik Bachs und Händels war fundamental - und selbst das Vokabular (Periodizität, Akkordik, Homophonie, Motivik ...) ist keine Erfindung des 19. oder gar des 20. Jahrhunderts! Man darf sich also getrost die Haare raufen - und aus Schillers vollkommen amusischer Krone eine ganz gewaltige Zacke herausbrechen, ohne ihm Unrecht zu tun.   
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 28. Mai 2013, 19.15 Uhr
Bedauerlicherweise waren weder Schiller noch Goethe musikalisch interessiert, was letztlich wohl zu der Veröffentlichung des miserablen Körner-Aufsatzes beigetragen hat.

Nicht zu vergessen die Tatsache, dass Körner der Jugendfreund Schillers war, dem er praktisch alles anvertraute.  ;)

Das Ärgerliche an dem Aufsatz ist die Ignoranz der Weimarer Truppe.

Diese Ignoranz hinderte die "Weimarer Kunstfreunde" ja auch nicht daran, einen Preis für Gemälde auszuschreiben ...  >:D

Nebenbei: Danke, Sir Thomas für Deine fundierte Analyse. Sie hat, was bei mir nur Gefühl war, mit Argumenten versehen.  :hi:
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 28. Mai 2013, 19.38 Uhr
Voß' Gedichte. Trinklieder. Voß ist ein gewiefter Verseschmied. Nicht mehr und nicht weniger.  :angel:

Gewieft?? Ich finde das so altfränkisch, bieder, spießig … Man belehre mich eines Besseren!

Gewieft heisst ja nicht "gut".  ;D
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 29. Mai 2013, 12.52 Uhr
Quote from: sandhofer: Gestern um 19:38
Gewieft heisst ja nicht "gut" ;D


...sondern?
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 29. Mai 2013, 14.37 Uhr
Einer, dem Verse leicht aus der Feder fliessen. Was nicht heisst, dass das gute Literatur ist. Selbst unter Büttenrednern gibt es gewiefte Verseschmiede. Will sagen: Das reimt sich und hat einen Rhythmus. Nicht mehr und nicht weniger.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 29. Mai 2013, 15.28 Uhr
Wieland, Goethe und Schiller haben quasi ihren Markt selbst "produziert" - und das bewirkte einen weiteren Schub in der Alphabetisierung breiter Schichten.

Geht’s noch etwas unpräziser? ;D
Im Ernst: Hat nicht Herzogin Anna Amalia  von Sachsen-Weimar den Alphabetisierungsprozeß angeschoben und so etwas wie die allgemeine Schulpflicht in ihrem Ländle zumindest  angestrebt? Und hat Herder als Generalsuperintendent von Weimar und langjähriger Gymnasialdirektor  nicht auch dazu beigetragen? Und Goethe als Minister..? Wie gesagt, hätt gern mehr darüber erfahren.

Ich habe noch etwas zum Thema „Alphabetisierung im 18. Jahrhundert“ gefunden:

Bürgerliche Menschen zu erzeugen, erwies sich als historisch neue Qualität des Sozialisationsauftrags; … Der bürgerliche Mensch ist ein psychosoziales Phänomen von hoher Unwahrscheinlichkeit, aber zugleich der historisch massenhaft erforderliche gesellschaftliche Typus. Die bürgerliche Form des Wirtschaftssystems fördert einen hohen Grad allgemeiner Fähigkeitsentfaltung; die soziale und ideologische Lage des Bürgertums stürzt das Individuum in … existenzielle … Widersprüche. … Darum muss diese Klasse besonders in ihrer Aufstiegsphase das Problem der Persönlichkeitsentwicklung so dringend empfinden und vielfältig bearbeiten.

(P. Sloterdijk, Literatur und Organisation von Lebenserfahrung, 1978; zit. in S.J. Schmidt, Die Selbstorganisation des Sozialsystems Literatur im 18. Jahrhundert, Frankf./Main 1989, 1. Aufl.)

Bleibt zu ergänzen: Die Literatur des beginnenden bürgerlichen Zeitalters stellte für den o.g. Prozess der individuellen Entfaltung (zu dem auch eine gesteigerte Lesefähigkeit gehört)  verschiedene Bearbeitungsmodelle zur Verfügung: zunächst in Form von Abenteuerromanen (die zeigen, wie man sich behauptet), pietistischen Traktaten (die zeigen, wie man moralisch sauber bleibt) oder empfindsamen Briefromanen (die zeigen, wie man zu fühlen hat); dann zunehmend auch in Form von Hochliteratur, die im Bildungsroman die Entfremdung des Individuums thematisiert, um sie im ästhetischen Spiel aufzulösen, oder im Gesellschaftsroman die Korrumpierbarkeit des Einzelnen vorführt.

Auf diesen Zusammenhang wollte ich hinweisen, als ich in etwas verkürzter Form von einem Alphabetisierungsschub durch Goethe & Co. hinwies.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 30. Mai 2013, 01.09 Uhr
... Selbst unter Büttenrednern gibt es gewiefte Verseschmiede. Will sagen: Das reimt sich und hat einen Rhythmus. Nicht mehr und nicht weniger.

Der Duden sagt zu gewieft: sehr erfahren, schlau, gewitzt. Hm, Voß reimt auf Baum - Gaum(Gaumen), auf heißt - geußt (gießt) u. ä., eher nicht die Arbeit eines Feinschmieds, aber Versmaß und Rhythmus sitzen, das stimmt.
Ist das Einfältige, Betuliche des Inhalts (Als weise Trinker, nicht als Zecher/ genießt ihr menschlich mit Gesang u.ä.) nun ernst gemeint oder eine Rolle, die er einnimmt?
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 30. Mai 2013, 07.26 Uhr
Voß reimt auf Baum - Gaum(Gaumen), auf heißt - geußt (gießt) u. ä., eher nicht die Arbeit eines Feinschmieds, aber Versmaß und Rhythmus sitzen, das stimmt.

Nun ja - unreine Reime sind ja erlaubt ...  :angel:

Ist das Einfältige, Betuliche des Inhalts (Als weise Trinker, nicht als Zecher/ genießt ihr menschlich mit Gesang u.ä.) nun ernst gemeint oder eine Rolle, die er einnimmt?

Ich denke schon, dass es dem Empfindsamen, dem Göttinger Hainbündler, ernst war mit so was.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 30. Mai 2013, 07.28 Uhr
Dalbergs Kunstschulen

Ist mir ein bisschen arg priesterlich geraten. Interessant aber, dass der Herausgeber Schiller hier das Anonymat lüftet, wenn er gleichzeitig mitteilt, dass Dalberg nicht mehr weiter an den "Horen" mitwirken könne.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 31. Mai 2013, 01.05 Uhr


Dalbergs Kunstschulen
Ist mir ein bisschen arg priesterlich geraten...

Sein Begriff von Kunst ist mir zu glatt, korrekt und sittlich wertvoll. :angel: So mahlte Titian…   sagt er an einer Stelle. Das glaub ich eher nicht! Natürlich steht hinter seiner Kunsttheorie die klassizistisch idealistische Vorstellung vom Guten, Wahren und Schönen, aber in einer besonders vereinfachenden, eindimensionalen Variante, gepaart mit dem etwas naiven Glauben, Kunst entstehe, wenn man  bestimmte Prinzipien und Regeln befolgt ...
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 31. Mai 2013, 08.28 Uhr
Sein Begriff von Kunst ist mir zu glatt, korrekt und sittlich wertvoll (...) gepaart mit dem etwas naiven Glauben, Kunst entstehe, wenn man  bestimmte Prinzipien und Regeln befolgt ...

Stimmt genau. Wie weit entfernt dieses Verständnis von einem freien, kreativen Spiel ist, hätte auch Schiller auffallen können (bzw. müssen). Anscheinend reichten ihm aber die Schlüsselbegriffe vom
Guten, Wahren und Schönen
um diesen Aufsatz zu drucken.   

Um welchen Dalberg handelt es sich übrigens? Um Wolfgang Heribert, den Mannheimer Theatermann (mMn. eher nicht)? Oder Karl Theodor, den Kirchenmann?
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 31. Mai 2013, 10.36 Uhr

Unter dem Beitrag findet sich der Ausriss aus einem Schreiben des Beiträgers, des Herrn Coadjutor von Dalberg.
Es handelt sich um Karl Theodor, Freyherr von Dalberg, zur Zeit der Abfassung Koadjutor des Erzstifts Maynz und der Hochstifter Worms und Konstanz . Seltsame Karriere, die er dann noch macht…siehe wiki
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 31. Mai 2013, 12.24 Uhr

Unter dem Beitrag findet sich der Ausriss aus einem Schreiben des Beiträgers, des Herrn Coadjutor von Dalberg.
Es handelt sich um Karl Theodor, Freyherr von Dalberg, zur Zeit der Abfassung Koadjutor des Erzstifts Maynz und der Hochstifter Worms und Konstanz . Seltsame Karriere, die er dann noch macht…siehe wiki

Der Ausriss in Deiner (gedruckten?) Fassung fehlt in der online-Version, die ich nutze. Dort steht nur "Dalberg" als Autor. Danke für die Bestätigung meiner Vermutung, dass es sich um Karl Theodor Dalberg handelt.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 31. Mai 2013, 16.22 Uhr
Um welchen Dalberg handelt es sich übrigens? Um Wolfgang Heribert, den Mannheimer Theatermann (mMn. eher nicht)? Oder Karl Theodor, den Kirchenmann?

Was denkst Du:

Dalbergs Kunstschulen

Ist mir ein bisschen arg priesterlich geraten.
  ;D

Der Ausriss in Deiner (gedruckten?) Fassung fehlt in der online-Version, die ich nutze. Dort steht nur "Dalberg" als Autor.

Diese elektronische Ausgabe gibt einen Blick in die gedruckte Fassung wieder: http://www.ub.uni-bielefeld.de/diglib/aufkl/horen/horen.htm  :hi:
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 02. Juni 2013, 08.43 Uhr
5. Stück  ;D (http://blog.litteratur.ch/WordPress/?p=4158)
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 02. Juni 2013, 14.04 Uhr
5. Stück  ;D (http://blog.litteratur.ch/WordPress/?p=4158)

Hm.

Quote from: sandhofer im blog
Das fünfte Stück der Horen gehört wohl zu den besseren

Schiller hielt es für eins der schlechtesten, wenn nicht für das schlechteste. Warum?

Quote from: sandhofer im blog
So, wenn er(Woltmann) dann den französischen mit dem deutschen Charakter vergleicht und dem ungeschliffenen Deutschen dann höheren Wert beimisst

Hier brichst du Woltmanns Ausführungen die politisch brisante Spitze ab.
Es ist nicht die Ungeschliffenheit des Deutschen, der er den höheren Wert beimisst, sondern der Umstand, dass der Deutsche - durch keine „Nationaleitelkeit“ gebunden( da keinen zentralen Nationalstaat wie die Franzosen habend) - dem Weltbürgertum näher sei!

 Auch bei Goethes Sanscülottismus… scheinst du dich als Kommentator der Horen an das Politisierungsverbot für Beiträger - und eifriger als diese - zu halten, indem du den Satz: Wir wollen die Umwälzungen nicht wünschen, die in Deutschland classische Werke vorbereiten könnten.… unterschlägst. Ich halte ihn, wie gesagt, für den wichtigsten! Einig sind sich Jenisch und Goethe im Grunde  darin, dass den Deutschen wegen fehlender politischer Mitte eine gemeinsame Kultur und Tradition fehle, auch wenn J. das den zeitgenössischen Literaten zum Vorwurf macht, während es Goethe - was viel logischer ist - als Entschuldigung derselben dient. Aber während Jenisch die entsprechenden „Umwälzungen“( indirekt) befürwortet, weshalb er von Goethe ja auch des Sanscüllottismus geziehen wird, lehnt dieser vehement (s.o.) ab! Wobei Schaffung eines  Nationalstaates und bügerliche Revolution für Goethe Hand in Hand zu gehen scheinen, wie auch aus seinen Äußerungen zur Mainzer Republik herauszulesen ist. Goethe redet im Grunde mit der Ablehnung politischer Veränderungen dem Provinzialismus und der Weimarisierung der Literatur das Wort.
Sowohl Woltmanns als auch Goethes Ausführungen zeigen etwas, was ich sehr interessant und bemerkenswert finde, nämlich, dass Ende des 18.Jahrhunderts (noch) denkbar und träumbar war, Deutschland könne  die Phase des Nationalismus, der Nationalstaatlichkeit  quasi  auslassen und überspringen... zugunsten eines Provinzialismus  oder eines Weltbürgertums - wie auch immer. Eine so schöne Vorstellung angesichts des heraufziehenden 19. und 20. Jahrhunderts mit ihren blutigen Nationalismen bis hin  zu den Exzessen der sich  zu kurz gekommen und spät wähnenden Nation der Deutschen.
Ich glaube , dieses „Politisieren, das mir nun gerade so gefällt, ist der Grund für Schillers Verstimmung das 5. Stück betreffend.
 
Quote from: sandhofer im blog
Dass er, zusammen mit Schiller, gerade daran war, eine Epoche der Klassik einzuleiten, deutet er allerdings nur dezent an.

Aber er deutet doch an? Wo?? MEn. spricht er nur allgemein, speziell nur von Wieland, dass in dessen Werk bzw. in den Änderungen und Verbesserungen desselben so etwas wie die Richtlinien einer „unsichtbaren Schule“ sichtbar ;) seien. Der Begriff Klassik für die gerade laufende Epoche scheint im übrigen eine Erfindung erst des 19.Jahrhunderts zu sein, wie ich gelesen habe.

Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 03. Juni 2013, 07.33 Uhr
Schiller hielt es für eins der schlechtesten, wenn nicht für das schlechteste. Warum?

Das weiss ich natürlich auch nicht. Vielleicht wirklich, weil es ziemlich politisch daher kam, und im übrigen einem Gemischtwarenladen nicht unähnlich sieht.

Hier brichst du Woltmanns Ausführungen die politisch brisante Spitze ab.

[...]

 Auch bei Goethes Sanscülottismus… scheinst du dich als Kommentator der Horen an das Politisierungsverbot für Beiträger - und eifriger als diese - zu halten, indem du den Satz: Wir wollen die Umwälzungen nicht wünschen, die in Deutschland classische Werke vorbereiten könnten.… unterschlägst. Ich halte ihn, wie gesagt, für den wichtigsten!

Diese Aussagen sind mir zu zeitgebunden, als dass sie mich im 21. Jahrhundert noch interessieren könnten.

Quote from: sandhofer im blog
Dass er, zusammen mit Schiller, gerade daran war, eine Epoche der Klassik einzuleiten, deutet er allerdings nur dezent an.

Aber er deutet doch an? Wo??

Ich vermute hinter dem grösseren, lichteren Kreis einen Hinweis auf den Weimarer Musenhof (grösser gesprochen: nicht nur, was Anna Amalia kreiert hat.)

MEn. spricht er nur allgemein, speziell nur von Wieland, dass in dessen Werk bzw. in den Änderungen und Verbesserungen desselben so etwas wie die Richtlinien einer „unsichtbaren Schule“ sichtbar ;) seien.

Selbst Goethe war sich wohl dessen bewusst, dass weder er noch noch Schiller als Prosa-Autoren wirklich etwas gelten konnten.  ;)
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 03. Juni 2013, 09.29 Uhr
Goethe redet im Grunde mit der Ablehnung politischer Veränderungen dem Provinzialismus und der Weimarisierung der Literatur das Wort.

Goethe war politisch ambivalent. Ich bringe seine Ablehnung der Revolution sowie seinen Provinzialismus nicht in Einklang mit seiner späteren Napoleon-Bewunderung, die viele Deutsche ihm verübelt haben. Aber so war er halt gestrickt: In Napoleon erkannte er das politisch-militärische Genie seines Zeitalters, während er den biederen Deutschen politisch tief misstraute. Zurecht, denn ein Nationalgefühl, dass sich aus dem Hass auf Napoleon und die Franzosen heraus gründet, war der Beginn des berühmt-berüchtigten deutschen "Sonderwegs" im 19. und 20. Jahrhundert.

Hat Goethe das geahnt? Zumindest Thomas Mann ist wohl davon ausgegangen, wie einschlägige Passagen in seinem Roman "Lotte in Weimar" zeigen. 
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 03. Juni 2013, 11.21 Uhr
Selbst Goethe war sich wohl dessen bewusst, dass weder er noch noch Schiller als Prosa-Autoren wirklich etwas gelten konnten.  ;)

Tatsächlich? Für Schiller und dessen Selbsteinschätzung mag das zutreffen. Er hat seinen "Geistersehern" stets misstraut. Aber Goethe hatte immerhin mit seinem "Werther" einen Bestseller vorgelegt. Ist seine Skepsis irgendwo belegt? (Bitte nicht stundenlang recherchieren! Ich hoffe, Du kannst spontan einen Hinweis geben).     
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 03. Juni 2013, 12.05 Uhr

Hier brichst du Woltmanns Ausführungen die politisch brisante Spitze ab.
[...]
 Auch bei Goethes Sanscülottismus… scheinst du dich als Kommentator der Horen an das Politisierungsverbot für Beiträger - und eifriger als diese - zu halten, indem du den Satz: Wir wollen die Umwälzungen nicht wünschen, die in Deutschland classische Werke vorbereiten könnten.… unterschlägst. Ich halte ihn, wie gesagt, für den wichtigsten!

Diese Aussagen sind mir zu zeitgebunden, als dass sie mich im 21. Jahrhundert noch interessieren könnten.
;D
 
Nicht zeitgebundener als alle übrigen Aussagen, nur viel, viel interessanter! Pardon, aber das Politisierungsverbot der Horen funktioniert ( nur bei mir?) nach dem paradoxen Mechanismus des Watzlawick’schen: Beachten Sie dieses Zeichen nicht! Je verbotener, desto bemerkens-werter und umso mehr ins Auge springend...
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 03. Juni 2013, 13.00 Uhr
Selbst Goethe war sich wohl dessen bewusst, dass weder er noch noch Schiller als Prosa-Autoren wirklich etwas gelten konnten.  ;)

Tatsächlich? Für Schiller und dessen Selbsteinschätzung mag das zutreffen. Er hat seinen "Geistersehern" stets misstraut. Aber Goethe hatte immerhin mit seinem "Werther" einen Bestseller vorgelegt. ..

Und nicht zu vergessen: Während Goethe am Sanscülottismus .... schrieb, auf den sich sandhofers Aussage ja bezieht, stand  die Veröffentlichung von Wilhelm Meisters Lehrjahren kurz bevor. Es ist anzunehmen, dass seine Replik auf Jenisch auch deshalb(quasi prophylaktisch ;)) so vehement ausfiel. (Diese Vermutung teilt u.a. auch der Kommentator der Müchner Goethe-Ausgabe) Übrigens schrieb Jenisch später eine enthusiastische Wilhelm Meister-Rezension, in der er im Grunde seine"Thesen" aus Über Prose… widerrief,  die Goethe aber mit eisigem Schweigen quittierte…
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 03. Juni 2013, 16.03 Uhr
Zwei Beispiele gefällig?  ;D

»Es wundert mich nicht, daß du dich dieser Dinge so lebhaft erinnerst: denn du nahmst gleich den größten Anteil daran. Ich weiß, wie du mir das Büchlein entwendetest und das ganze Stück auswendig lerntest; ich wurde es erst gewahr, als du eines Abends dir einen Goliath und David von Wachs machtest, sie beide gegeneinander perorieren ließest, dem Riesen endlich einen Stoß gabst und sein unförmliches Haupt auf einer großen Stecknadel mit wächsernem Griff dem kleinen David in die Hand klebtest. Ich hatte damals so eine herzliche mütterliche Freude über dein gutes Gedächtnis und deine pathetische Rede, daß ich mir sogleich vornahm, dir die hölzerne Truppe nun selbst zu übergeben. Ich dachte damals nicht, daß es mir so manche verdrießliche Stunde machen sollte.«

«Sie werden es gleich hören. Stellen Sie sich ein unermeßliches Land vor, dem die angenehmste Abwechslung von Bergen, Tälern, Wäldern, Hügeln und Auen unter der Herrschaft eines ewigen Frühlings und Herbstes, allenthalben wohin man sieht, das Ansehen des herrlichsten Lustgartens gibt: alles angebaut und bewässert, alles blühend und fruchtbar; allenthalben ein ewiges Grün, und immer frische Schatten und Wälder von den schönsten Fruchtbäumen, Datteln, Feigen, Zitronen, Granaten, die ohne Pflege, wie in Thracien die Eicheln, wachsen; Haine von Myrten und Schasmin; Amors und Cytheräens Lieblingsblume nicht auf Hecken, wie bei uns, sondern in dichten Büscheln auf großen Bäumen wachsend, und voll aufgeblüht, wie die Busen meiner schönen Mitbürgerinnen –»

Zweimal direkte Rede. Einmal von einem Könner, einmal von ... ja ... :angel:
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 03. Juni 2013, 16.45 Uhr
Zwei Beispiele gefällig?  ;D

Lass mich raten: No. 1 Goethe, No. 2 Wieland?
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 03. Juni 2013, 21.11 Uhr
Bingo!

Ich denke mal, dass Goethe sehr wohl wusste, dass Wieland ihn - als Prosaiker, als Stilisten (wir reden nicht von der Erfindung des Plots, da hat Wieland schamlos links und rechts abgekupfert) - bei weitem übertraf. Weshalb er ja auch ihn als Beispiel anzieht. Die übrigen Prosaiker der Zeit? Hm ... Jean Paul? Zu ausschweifend. (Wurde wohl auch deshalb von Jenisch erwähnt, wie Gontscharow schon scharfsinnig feststellte.) Und dann? Kleist war wohl unbekannt als Meister der kleinen Prosa, auch sein Stil zu extravagant.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 03. Juni 2013, 21.46 Uhr
Verlassen wir einstweilen den Prosaiker Goethe, um uns dem Dichter zuzuwenden.

Elegien, später (ab wann eigentlich?) "Römische Elegien" genannt: Das dürfte ganz nach dem Geschmack und Programm Schillers gewesen sein! Ich gestehe: In der Ursprungsfassung lese ich sie jetzt zum ersten Mal.

In der ersten Elegie sind die Änderungen ggü. der späteren Ausgabe gering: In Zeile 8 eine metrische Veränderung, in Zeile 10 eine geringfügige inhaltliche Anpassung sowie erneut ein metrischer "Umbau" in Zeile 13.

Inhaltlich ist sie sehr gefällig, diese Anrufung der toten Steine, die sowohl dem genius loci als auch der Liebe gilt. Dann das berühmte Palindrom "Roma - Amor": Hat Rom aufgrund dieses Wortspiels den Ruf, Stadt der Liebe zu sein? Auf jeden Fall scheint mir diese Eingangselegie durchaus geeignet, um ein Geistergespräch mit der längst vergangenen, mittlerweile idealisierten Antike zu eröffnen.   

Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 04. Juni 2013, 19.38 Uhr
Elegien, später (ab wann eigentlich?) "Römische Elegien" genannt:

Ich bin noch nicht so weit, aber ich freue mich sehr auf den Lyriker Goethe. Denn Lyriker war er wohl am meisten oder am besten. Ab wann die "Elegien" "Römische Elegien" hiessen? Ich vermute mal, ab der Buchausgabe. Die Handschrift trug, glaube ich, noch einen andern Titel.

Ja, Wikipedia bestätigt es: "Erotica Romana".
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 05. Juni 2013, 12.11 Uhr

Muss mich leider kurzfristig aus dem Elegien- Lesekränzchen ausklinken, da mein Haus mal wieder vom Hochwasser betroffen ist - wie Goethes Gartenhaus an der Ilm (http://www.welt.de/img/vermischtes/crop116743167/199071343-ci3x2l-w580-aoriginal-h386-l0/Hochwasser-Thueringen-6-.jpg), wo er seine römischen Erotica schrieb und Christiane wahrscheinlich die Pent- und Hexameter auf den Rücken klopfte (frei nach der V.Elegie)
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 05. Juni 2013, 14.40 Uhr
Au weia. Hoffentlich ist es nicht allzu schlimm.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 12. Juni 2013, 19.09 Uhr
Muss mich leider kurzfristig aus dem Elegien- Lesekränzchen ausklinken, da mein Haus mal wieder vom Hochwasser betroffen ist

Wie sieht es mit dem Pegelstand aus? Alles abgeflossen? Ich empfehle in derartigen Lebenslagen gern Schillers "Taucher"-Ballade ...  >:D
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 13. Juni 2013, 09.20 Uhr

Danke der Nachfrage! Ähnlich wie bei Goethes Gartenhaus (http://www.youtube.com/watch?v=xIL-Q0498Xs) hat das Wasser bei mir kurz vor der Gartentür halt gemacht. Trotz angekündigter bedrohlicher "Scheitelwelle" - zumindest etwas Hochwasser-Jargon hab ich dazugelernt.  Diesmal ist noch nicht einmal mein Keller vollgelaufen wie vor zwei Jahren, du erinnerst dich Tom, wir mussten die Ovid-Leserunde unterbrechen.

Quote from: Sir Thomas
« am: Gestern um 19:09
Ich empfehle in derartigen Lebenslagen gern Schillers "Taucher"-Ballade ...
;D
 
 Oder Goethes:  Das Wasser rauscht', das Wasser schwoll… ?

Mit den wirklich Betroffenen und denen, die noch bangen, fühle ich mit!
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 14. Juni 2013, 08.13 Uhr
... du erinnerst dich Tom, wir mussten die Ovid-Leserunde unterbrechen.

Ja, ich entsinne mich dunkel.

Goethes:  Das Wasser rauscht', das Wasser schwoll… ?

Ich bleib bei Schiller. Der Mann ist katastrophentauglich: Auf der Menschheit Höhen (Jungfrau v. Orleans) gibt es alles, nur kein Wasser.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 15. Juni 2013, 13.07 Uhr
Quote from: Zitat von: Gontscharow am 02. Juni 2013, 14.04 Uhr
Sowohl Woltmanns als auch Goethes Ausführungen zeigen … dass Ende des 18.Jahrhunderts (noch) denkbar … war, Deutschland könne  die Phase des Nationalismus, der Nationalstaatlichkeit  quasi  auslassen und überspringen... zugunsten eines Provinzialismus  oder eines Weltbürgertums - wie auch immer.

Quote from: sandhofer« am: 03. Juni 2013, 07.33 Uhr
…mir zu zeitgebunden, als dass sie mich im 21. Jahrhundert noch interessieren könnten.

„Gott grüß euch Brüder, /
sämtliche Oner und Aner! /
Ich bin Weltbewohner, /
Bin Weimaraner; /

Goethe rund 30 Jahre später in: Sprüche 1823
 
Mit Goethes sakrosanter Begriffspaarung vom "Weltbürger und Weimaraner"[…]  wurde die Andachtsstätte Weimar zum "steingewordene[n] Gedächtnis der deutschen Kultur-Nation, die ihre politische Nullität … mit deutsch verdolmetschter Welt und Dichterideologie zu kompensieren versuchte…(aus: Norbert Bolz/Friedrich Kittler/Raímar Zons (Hg.): Weltbürgertum und Globalisierung.( München, 2000)

Nur soviel zur angeblichen Belanglosigkeit der politischen Äußerungen in V/95 der Horen. :angel:
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 17. Juni 2013, 00.10 Uhr

Quote from:  sandhofer im blog
Ein Rätsel ist mir die Coda zu diesem Beitrag, in der der Herausgeber (also Schiller) das Anonymat des Autors lüftet, aus einem Schreiben Karl Theodor von Dalbergs zitierend, wonach dieser nicht mehr in der Lage sein werde, weitere Beiträge zu liefern. Wozu dieser Hinweis überhaupt? Wozu die Lüftung des Anonymats?

Das Rätsel ist gelöst. ;) Warum schauen wir eigentlich so selten oder gar nicht in den Supplementband? Da steht’s! Ich fasse kurz zusammen, weil Sir Thomas nicht im Besitz desselben ist: Michaelis zitiert aus einem Brief an Körner vom 5.4.1795 (Warum M. stets ohne Quellenangabe zitiert, bleibt mir ein Rätsel), in dem Schiller  über seine Erzbischöffl.Gnaden Herrn Coadjutor von Mainz in Erfurt und dessen Horenbeitag Kunstschulen  sagt: Vom Coadjutor ist ein unendlich elender Aufsatz eingelaufen, den ich recht verlegen bin wieder los zu sein.
Quote from: Sir Thomas
Quote from:  Gontscharow
Sein Begriff von Kunst ist mir zu glatt, korrekt und sittlich wertvoll (...) gepaart mit dem naiven Glauben, Kunst entstehe, wenn man  bestimmte Prinzipien und Regeln befolgt
...

Stimmt genau. Wie weit entfernt dieses Verständnis von einem freien, kreativen Spiel ist, hätte auch Schiller auffallen können (bzw. müssen).

Es ist ihm -  seinem vernichtenden Urteil nach - sehr wohl aufgefallen! ;D
Zwar habe Schiller von Dalberg, wie Michaelis ausführt, zur Teilnahme an den Horen eingeladen, aber mehr als „Aushängeschild“, ohne mit einer wirklichen Mitwirkung zu rechnen. Schillers Lösung des Dilemmas: Er veröffentlich den Beitrag, distanziert sich  aber von dessen antiquierten Ansichten, indem er den Grundsatz der Redaktion, alle Aufsätze anonym erscheinen zu lassen, für den Coadjutor durchbricht.
Das Anonymat als Ausdruck der Übereinstimmung, die Namensnennung als ihr Gegenteil - einleuchtend finde ich.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 17. Juni 2013, 08.16 Uhr
Das Anonymat als Ausdruck der Übereinstimmung, die Namensnennung als ihr Gegenteil - einleuchtend finde ich.

Es ist ein heute noch übliches Verfahren, sich von unliebsamen, aber kaum zu vermeidenden Beiträgen zu distanzieren, z.B. durch Formulierungen wie "Leserbriefe/Namensbeiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder".
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 17. Juni 2013, 20.42 Uhr
Das Anonymat als Ausdruck der Übereinstimmung, die Namensnennung als ihr Gegenteil - einleuchtend finde ich.

An mir allerdings dann völlig vorbeigegangen. Vielleicht bin ich zu doof für Schiller?
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 19. Juni 2013, 06.54 Uhr
Elegien

Vorausgeschickt: Im Gegensatz zum Versifikanten Voß kann Goethe dichten. Die Elegien in ihrer Mischung von trauernder Rückerinnerung und freudiger Vergegenwärtigung gehören zum Faszinierendsten, was die deutsche Lyrik zu liefern hat. Zusammen mit der Mühelosigkeit, die die Verse ausstrahlen hat man wirklich das Gefühl einem Selbstgespräch des lyrischen Ich zuzuhören.

In der 16. Elegie wird Goethe sogar wirklich drollig, was ihm sonst nie gelingt. Aber die Schilderung, wie sich der heimliche Geliebte durch eine Vogelscheuche vom Besuch bei der Liebsten abhalten liess...

Die Verknüpfung von Gegenwart und Antike, die auch so weit geht, dass das lyrische Ich erklärt, dass erst die optisch-haptische Erfahrung des Körpers der Geliebten ihm ganz die Augen öffnete für die antiken Statuen...

Und irgendwo - ich muss noch suchen, finde es gerade nicht - auch ein Hinweis darauf, dass Goethe sich dessen bewusst ist, dass auch er nun 'Klassisches' schafft.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 19. Juni 2013, 10.56 Uhr
Das Anonymat als Ausdruck der Übereinstimmung, die Namensnennung als ihr Gegenteil - einleuchtend finde ich.

An mir allerdings dann völlig vorbeigegangen. Vielleicht bin ich zu doof für Schiller?

Ich verstehe Deine Reaktion nicht. ??? Das klingt so auf den Schlips getreten. Was willst du damit sagen? Dass Michaelis Annahme Quatsch ist? Dass ich ihn falsch wiedergebe? Dass es unerheblich ist, dass Schiller Dalbergs  Beitrag „unendlich elend“ fand und nicht wußte, wie er damit verfahren sollte? Dass das mit der „Lüftung des Anonymat“ nichts zu tun hat? Oder was?

An mir war bzw.wäre das ohne die Hintergrundinformation(Brief an Körner) doch auch "völlig vorbeigegangen". Ich dachte ursprünglich, der Name des Beiträgers sei quasi aus Gründen der Eigenwerbung gelüftet worden, um zu demonstrieren, welch illustre Leute Beiträge liefern und wie gut sie die Horen finden(Ausschnitt aus dem Schreiben). Oder sogar als politisches Statement: Der Coadjutor als designierter Nachfolger der alten Ordnung in der Stadt Mainz(!) schreibt in den Horen. Nun sieht das anders aus. Die Angelegenheit zeigt auch sehr gut die Zwiespältigkeit des Horenredakteurs Schiller: dass er Geister, die er rief, wieder loszuwerden trachtete. Ähnlich, allerdings offener und ehrlicher, ging's ja mit Fichte.

Eine etwas positivere Reaktion hätte ich mir ob meiner Mühe :opa:, die doch recht plausible „Lösung des Rätsels“ hier zu referieren, denn doch erwartet.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 19. Juni 2013, 19.47 Uhr
Das Anonymat als Ausdruck der Übereinstimmung, die Namensnennung als ihr Gegenteil - einleuchtend finde ich.

An mir allerdings dann völlig vorbeigegangen. Vielleicht bin ich zu doof für Schiller?

Ich verstehe Deine Reaktion nicht. ??? Das klingt so auf den Schlips getreten. Was willst du damit sagen? Dass Michaelis Annahme Quatsch ist?

Letzteres weiss ich nicht. Wenn ein solcher Code für der Publizierung von Zeitschriften existiert haben sollte, ist er mir unbekannt. Auf den Schlips getreten fühle ich mich auch nicht. Aber ich für meinen Teil wäre nie auf die Idee gekommen, dass die Veröffentlichung des Autorennamens eine Distanzierung vom Inhalt seines Beitrags bedeuten könnte. Insofern ist Schillers "message", wenn es denn eine war, an mir Unbedarftem vorüber gegangen; und ich vermute, auch an so manchem zeitgenössischen Unbedarften.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 20. Juni 2013, 15.38 Uhr
 
Quote from: sandhofer« am: Gestern um 19:47
...ein solcher Code für der Publizierung von Zeitschriften...

Um Zeitschriften allgemein geht’s eigentlich nicht. Sondern nur um die Horen. Warum erscheinen die Beiträge der Horen anonym ? Weil suggeriert werden soll: Hier schreibt die geballte geistige Elite, die Blüte des Geistes, der Name des einzelnen Sprachrohrs tut nichts zur Sache. Wenn der Name eines Verfassers genannt wird, wird in jedem Falle eine Distanz zur Restgruppe  geschaffen, in positivem, negativem oder sonst einem Sinne. Da ich nicht wußte, dass Schiller von Dalberg als potentiellen Beiträger eingeladen hatte, dann aber dessen realen Beitrag  grottenschlecht fand, bin ich auf die Idee, die Namensnennung könne eine Distanzierung vom (unliebsamen) Beitrag bedeuten, auch nicht gekommen. Vor dem Hintergrund besagter Iinformationen erscheint es mir aber weiterhin plausibel.

Quote from: sandhofer« am: Gestern um 19:47
Insofern ist Schillers "message", wenn es denn eine war, an mir Unbedarftem vorüber gegangen; und ich vermute, auch an so manchem zeitgenössischen Unbedarften.

 ;D Ja, wie es scheint, auch am Opfer selber (oder es ist nicht übelnehmerisch), denn der Coadjutor ist einer der wenigen, der den Horen die Stange hält, nicht in den Empörungschor über die Elegien mit einstimmt. An Schiller schreibt er am 25.Juli 1795:

Quote from:  von dalberg
Götens Elegien sind furtreflich. Sie übertrefen dunkt mir Ovid, Properz und Catull, und sind denen Tibullschen Elegien an Schonheit ähnlich.

Ausgerechnet der Coadjutor! Womit wir bei den augusteischen Liebedistichen und den Goethischen Elegien wären. ;)
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 20. Juni 2013, 20.09 Uhr
Da ich nicht wußte, dass Schiller von Dalberg als potentiellen Beiträger eingeladen hatte, dann aber dessen realen Beitrag  grottenschlecht fand, bin ich auf die Idee, die Namensnennung könne eine Distanzierung vom (unliebsamen) Beitrag bedeuten, auch nicht gekommen. Vor dem Hintergrund besagter Iinformationen erscheint es mir aber weiterhin plausibel.

Dalberg wird im einleitenden "Verlagsprospekt" genannt; insofern habe ich die Publikation seines Namens als - allerdings irritierende und merkwürdige - Entschuldigung dafür aufgefasst, dass all die grossen Namen nun doch nicht, oder nur sporadisch, mitmachen, während ein Haufen kleinerer Sterne aushelfen müssen.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 21. Juni 2013, 14.13 Uhr

Nun also die Römischen Elegien. Ich bekenne, ich verspüre eine gewisse Scheu, vielleicht auch Unlust, über die Elegien etwas zu schreiben. Der Grund: es ist und wird unendlich viel über sie geschrieben, über die Verschmelzung des poeta doctus mit dem Gelegenheitsdichter, die Verknüpfung des individuellen Erlebens mit der augusteischen Antike, des Ephemeren mit dem Dauerhaften, über die Strenge und Traditionalität der Form und die Ungebundenheit und Modernität der Thematik. Immer wieder wird in höchsten Tönen gelobt: die  unglaubliche Leichtigkeit und Mühelosigkeit der Verse, der wunderbar spielerische Umgang mit den literarischen Vorbildern, der Ton, die Atmosphäre, die Sinnlichkeit ! Ich könnte das alles nur noch mal herbeten ;)  und just diese bewunderungswürdige Leichtigkeit durch Analyse  zum Verflüchtigen bringen. Die exemplarische Interpretation der V. Elegie, die in nuce all das Gesagte enthält, in der G. "anhand" der Geliebten den Mamor versteht und ihr die Hexameter auf den Leib zählt ? Ich würde mir vorkommen, wie im Leistungskurs Deutsch : Erläutern Sie die Liebesvorstellung und das Menschenbild Goethes anhand seiner Römischen Elegie Nr.5….  ::)
Kenntnis und Wissen um die Qualität der Elegien bei meinen Mitlesern voraussetzend, werde ich mich also eher mit „Marginalien“ , Horentechnischem u.ä. beschäftigen...
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 21. Juni 2013, 21.09 Uhr
;D Ja, wie es scheint, auch am Opfer selber (oder es ist nicht übelnehmerisch), denn der Coadjutor ist einer der wenigen, der den Horen die Stange hält, nicht in den Empörungschor über die Elegien mit einstimmt. An Schiller schreibt er am 25.Juli 1795:

Quote from:  von dalberg
Götens Elegien sind furtreflich. Sie übertrefen dunkt mir Ovid, Properz und Catull, und sind denen Tibullschen Elegien an Schonheit ähnlich.

Ausgerechnet der Coadjutor! Womit wir bei den augusteischen Liebedistichen und den Goethischen Elegien wären. ;)

Während Herder sich moquierte, dass dass "o" im Titel der Zeitschrift nun in ein "u" abgeändert werden müsste. Wobei ich vermute, dass bei Herder da eine doppelte Eifersucht eine Rolle spielte: die des Autors und Dichters, der genau weiss, dass er das, was Goethe da vorlegt, nie erreichen wird. Und die des Mannes, der Goethe um seine Erfahrung beneidet, während seine eigene Italien-Reise ja - zumindest gefühlt - ein völliger Reinfall war.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 23. Juni 2013, 17.43 Uhr
Die ästhetische Erziehung ...

Schiller stellt die schmelzende Schönheit dar. Im Grunde genommen will er ja ganz einfach behaupten, dass nur ein Mittelmass zwischen reinem Affekt und reiner Vernunft zu einem anständigen Leben führt, oder?

Komisch wird Schiller dort, wo er von der tötenden Scheide eines Schwertes spricht. Er hat wohl selber nie etwas anderes als Galanteriedegen gesehen oder getragen.

Ich muss Schiller aber zu Gute halten, dass er offenbar wenig vom edlen Wilden eines Rousseau hält. In echter aufklärerischer Manier ist für ihn der menschliche Frühzustand keineswegs ideal, sondern ein von den Einwirkungen der Aussenwelt gesteuerter, von der Aussenwelt abhängiger.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 23. Juni 2013, 18.09 Uhr
Die ästhetische Erziehung ...

Schiller stellt die schmelzende Schönheit dar. Im Grunde genommen will er ja ganz einfach behaupten, dass nur ein Mittelmass zwischen reinem Affekt und reiner Vernunft zu einem anständigen Leben führt, oder?

Ja. In Schillers Worten: Der ästhetische Zustand ist erreicht, wenn weder der Sinn- noch der Formtrieb (= Vernunft) dominant ist. Damit ist ein Zustand realer und aktiver Bestimmbarkeit sowie "erfüllter Unendlichkeit" verwirklicht. Dem Menschen ist damit die Freiheit, zu sein, was er sein soll, vollkommen zurückgegeben (Brief 21). Das ist in Kurzform der klassische Gedanke des gemäßigten Denkens, Handelns und Lebens.

In echter aufklärerischer Manier ist für ihn der menschliche Frühzustand keineswegs ideal, sondern ein von den Einwirkungen der Aussenwelt gesteuerter, von der Aussenwelt abhängiger.

Schiller als Repräsentant der Spätaufklärung? Warum nicht. Ich überlege immer noch, ob der sog. deutsche Idealismus zu den aufklärerischen Strömungen des späten 18. Jahrhunderts zählen sollte oder ob er nicht schon Frühromantik ist. Wie siehst Du das?
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 23. Juni 2013, 19.07 Uhr
In echter aufklärerischer Manier ist für ihn der menschliche Frühzustand keineswegs ideal, sondern ein von den Einwirkungen der Aussenwelt gesteuerter, von der Aussenwelt abhängiger.

Schiller als Repräsentant der Spätaufklärung? Warum nicht. Ich überlege immer noch, ob der sog. deutsche Idealismus zu den aufklärerischen Strömungen des späten 18. Jahrhunderts zählen sollte oder ob er nicht schon Frühromantik ist. Wie siehst Du das?

Schiller knüpft expressis verbis an Kant an. Auch wenn er bereits den dialektischen Dreischritt kennt... Persönlich halte ich die Deutsche Klassik (cum grano salis) für ein letztes Aufbäumen der Aufklärung, eine Bewegung einzelner weg vom Weg in die Romantik, der bereits (z.T. auch durch diese einzelnen, nämlich v.a. Goethe und Schiller) vom Sturm und Drang eingeschlagen worden war.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 23. Juni 2013, 20.36 Uhr


Och  ne, jetzt seid ihr schon beim Pferdeschwanz des Centaurs ( Ausdruck von Goethe: da meine Elegien einen seltsamen Contrast mit seiner Philosophie machen), während ich noch beim Menschenkopf bin.

Quote from:  sandhofer
« am: Heute um 17:43 »
Komisch wird Schiller dort, wo er von der tötenden Scheide eines Schwertes spricht. Er hat wohl selber nie etwas anderes als Galanteriedegen gesehen oder getragen.

Im 27 Brief? S. 118 ? Das ist wohl ein Druckfehler. Schiller meint nätürlich Schneide! Seltsamerweise fehlt ein Verzeichnis der Druckfehler zum 6. Stück (fehlt sonst zu keinem ). Schneide steht aber natürlich an entsprechender Stelle in meiner anderen Ausgabe der ÄE, die in „originaler Orthographie und Interpunktion wiedergegeben [ist] nach der ersten Buchausgabe im Rahmen von Schillers Kleinen prosaischen Schriften, Bd3, 1801.
Die wenigen Unterschiede zur Horenfassung sind minutiös aufgelistet. Scheide ist nicht dabei.

Todbringende Scheiden soll es aber auch geben, man denke nur an die vagina dentata  ;D


Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 23. Juni 2013, 20.39 Uhr
Persönlich halte ich die Deutsche Klassik (cum grano salis) für ein letztes Aufbäumen der Aufklärung, eine Bewegung einzelner weg vom Weg in die Romantik, der bereits (z.T. auch durch diese einzelnen, nämlich v.a. Goethe und Schiller) vom Sturm und Drang eingeschlagen worden war.

Ist die Einteilung unserer Literatur in Sturm und Drang - Klassik - Romantik etc. noch zeitgemäß? Mir kommen immer mehr Zweifel. Vielleicht sollte man bei Lessing, Wieland, Goethe und Co. einfach vom gesellschaftlich notwendig gewordenen Beginn der gehobenen bürgerlichen Literatur sprechen, die den Prozess individueller Entwicklung, Entfaltung und Entfremdung in der sich stark verändernden Umwelt ästhetisiert und reflektiert. Das hat die Romantik fortgesetzt, nur in einem anderen Bezugsrahmen bzw. mit einem anderen Referenzmodell (Mittelalter statt Antike).

Damit einher geht die Evolution eines kapitalistisch organisierten Buch- und Zeitungsmarkts. Beide Prozesse - Entstehung der bürgerlichen Hochliteratur und des publizistischen Wettbewerbs - sind historisch durchaus "folgerichtig", auch wenn man vorsichtig sein sollte, in geschichtlichem Geschehen so etwas wie eine zwingende "Logik" zu sehen.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 23. Juni 2013, 20.41 Uhr
Och  ne, jetzt seid ihr schon beim Pferdeschwanz des Centaurs ( Ausdruck von Goethe: da meine Elegien einen seltsamen Contrast mit seiner Philosophie machen), während ich noch beim Menschenkopf bin.

Du hast doch selbst festgestellt, dass die Elegien bis in das letzte Komma ausgedeutet seien. Und wo Du recht hast ...  ;D
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 23. Juni 2013, 21.13 Uhr
Ist die Einteilung unserer Literatur in Sturm und Drang - Klassik - Romantik etc. noch zeitgemäß?

Ich glaube, dass sie es nie war. Und m.W. auch ausserhalb des deutschen Sprachraums immer angezweifelt. Dort hat man diese drei Perioden m.W. gern als "Romantik" zusammengefasst.

Vielleicht sollte man bei Lessing, Wieland, Goethe und Co. einfach vom gesellschaftlich notwendig gewordenen Beginn der gehobenen bürgerlichen Literatur sprechen, die den Prozess individueller Entwicklung, Entfaltung und Entfremdung in der sich stark verändernden Umwelt ästhetisiert und reflektiert.

"Gesellschaftlich notwendig" gefällt mir nicht. Ansonsten ein interessanter Ansatz.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 23. Juni 2013, 21.23 Uhr
Vielleicht sollte man bei Lessing, Wieland, Goethe und Co. einfach vom gesellschaftlich notwendig gewordenen Beginn der gehobenen bürgerlichen Literatur sprechen, die den Prozess individueller Entwicklung, Entfaltung und Entfremdung in der sich stark verändernden Umwelt ästhetisiert und reflektiert.

"Gesellschaftlich notwendig" gefällt mir nicht. Ansonsten ein interessanter Ansatz.

Naja, "notwendig" drückt nur unvollkommen aus, warum zu einem bestimmten Zeitpunkt bestimmte Entwicklungen ihren Ausgang nehmen. Vielleicht sollte ich noch einmal über das Phänomen der "Emergenz" in diesem Zusammenhang nachdenken. Das trifft es eventuell besser.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 24. Juni 2013, 08.10 Uhr

Während Herder sich moquierte, dass dass "o" im Titel der Zeitschrift nun in ein "u" abgeändert werden müsste. Wobei ich vermute, dass bei Herder da eine doppelte Eifersucht eine Rolle spielte...

Ja, schade, offenbar versäumte es Herder, die Goethisch-Schillersche Freundschaftsformel zu beherzigen und entschied sich angesichts der großen Vorzüge des anderen statt für Liebe für Neid und Eifersucht. Herders Kritik an den Elegien ist, soviel ich weiß, nur durch Böttiger kolportiert, dem zufolge Herder wohl doch nicht umhinkam, den  poetischen Wert der Elegien anzuerkennen, was jedoch vom Huren- Diktum übertönt wurde. In die Klage über mangelnde Dezenz stimmten viele (auch Karl August, auch Frau von Stein natürlich) mit ein, es gab einen veritablen Eklat, was die Verkaufszahlen vermutlich emporschnellen ließ. Ein gewisser Schulz (ja, der Theologe und Schauspieler) beklagt sich jedenfalls in einem Brief an Böttiger vom 13.9.1795, er habe die Elegien, um die in Weimar soviel Wind gemacht werde, noch nicht lesen können, weil in ganz Mitau(!) (Hauptstandt von Kurland) kein Exemplar der Horen aufzutreiben sei. Es wurden sogar Wetten abgeschlossen über die  skandalöse Autorschaft: Man rät allgemein auf Goethe. Aber ich begreife nicht, wie man das kann. Ich habe mich auf mehrere Wetten eingelassen.( K. Reinhard an Klamer Schmidt, 1795)
Dabei hatte Goethe seine Erotica Romana, geschrieben zwischen1788-90, kurz nach seiner Italienreise und zu Beginn der Beziehung zu Christiane (im ersten Rausch mit der Vulpiussen (Böttiger)), doch schon von allzu „rüstigen"  Stellen gesäubert und von 24 auf 2o Elegien gekürzt. Ich lese die E. nicht zum ersten Mal. Die „Apokryphen“ hatten mich nie interessiert. Jetzt, die Horen lesend, finde ich es sehr spannend zu sehen, was  Goethe dem Horen-Publikum meinte nicht zumuten zu dürfen: Er streicht zwei relativ „harmlose“ Elegien (die ursprünglich zweite und sechzehnte). Die eine besingt die Einfachheit seiner Geliebten, ihre Herkunft aus kleinen Verhältnissen und endet:  Uns ergetzen die Freuden des echten, nacketen Amors/ und des geschaukelten Bettes lieblicher knarrender Ton. Schade um die Verse! Die andere, zugegeben etwas düster, handelt von (der Angst vor) Geschlechtskrankheiten… Gute Güte, auch Ovid ließ in seinen Amores Unappetitlichkeiten der Liebe nicht aus. Aber vor allem verbannt Goethe Priapus, den  römischen Fruchtbarkeitsgott mit dem enormen Phallus, aus den Elegien. Im Prolog der Erotica wird der Gartengott, der aus Holz geschnitzt und rot angemalt die altrömischen Gärten bewachte und als Vogelscheuche diente, gebeten den Garten des Dichters zu bewachen und zwar nicht vor Dieben, die dürften sich bedienen, sondern: … bemerke die Heuchler ... also  die, von denen G. weiß, dass er sie  durch die Elegien auf den Plan rufen wird. Und in gut altrömischer Tradition schließt er: Nahet sich einer…./… so straf ihn von hinten/ mit dem Pfahle, der rot dir…  Und Priapus hat in den Erotica das letzte Wort: Im Epilog dankt er dem Dichter, dass er ihm, dem Hässlichen und Grotesken, eine gewisse Schönheit verliehen habe und verspricht ihm als Dank  Potenz (deftiger ausgedrückt- lest selbst) und (jeweils) Durchhaltevermögen…  bis ihr die dutzend Figuren/Durchgenossen, wie sie künstlich Philänis erfand. Ja, von alll dem sind die  Elegien gereinigt - versteckt in der kanonischen Elegie XI wird Priaps dennoch >:D, wenn auch nicht namentlich, erwähnt - und trotzdem dieser Sturm der Entrüstung.
Goethe hat mit seinen Elegien Neuland betreten, sich auf vermintes Terrain vorgewagt. Es war mutig, die Elegien zu veröffentlichen. Schiller, der schon von der Ursprungsfassung begeistert war und sie als „Startkapital“ für die Horen betrachtete, hat, nachdem sie gedruckt sind, Angst vor der eigenen Courage und nähert sich seinem Gönner in Defensivhaltung:

Nicht ohne Verlegenheit wage ich es, Ew. Herzogl.Durchlaucht das sechste Stück der Horen zu überreichen.
Die Elegien, welche es enthält, sind vielleicht in einem zu freien Tone geschrieben, und vielleicht hätte der Gegenstand, den sie behandeln, sie von den Horen ausschließen sollen. Aber die hohe poetische Schönheit, mit der sie geschrieben sind, riss mich hin, und dann gestehe ich, dass ich zwar eine konventionelle, aber nicht die wahre und natürliche Dezenz dadurch verletzt glaube. Ich werde in einem künftigen Stücke des Journals mir die Freiheit nehmen, mein Glaubensbekenntnis über das, was dem Dichter in Rücksicht auf das Anständige erlaubt und nicht erlaubt ist, ausführlich abzulegen.

( Schiller an Herzog Friedrich Christian von Augustenburg, 5.7.1795)

Mit der Unterscheidung von konventioneller und natürlicher Dezenz hat er ja - typisch Schiller -  noch mal die Kurve gekriegt … Hat er sein Versprechen bezüglich Anständigkeit wahr gemacht?

 
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 30. Juni 2013, 14.44 Uhr

Bevor die Schillersche Philosophische Bude hier endgültig dicht macht, einige Bemerkungen meinerseits noch zur der Ästhetischen Erziehung. Immerhin ist sie das philosophisch theoretische  Herz- und Filetstück der Horen, so etwas wie die Programm- und Kampfschrift der Weimarer Klassik. Sie beinhaltet Zivilisationskritik, Kritik an der Aufklärung, ästhetische Theorie. Aber vor allem ist die ÄE ein politisch pädagogisches Werk, das die Konsequenzen aus der geschichtlichen Lektion der Französischen Revolution zu ziehen versucht. Schiller nennt sie zwar im ganzen Werk nicht beim Namen, genauso wenig wie Begriffe wie  Feudalstaat, Fürstenherrschaft o.ä fallen. Alles bleibt abstrakt und allgemein. Es ist aber eindeutig, dass Schiller Ziele bzw gewisse Errungenschaften der Revolution bejaht, eine Staatsform , in der die Vernunft regiert, wo der Mensch in das „Majestätsrecht seiner Person“ eingesetzt wird, Freiheit und Selbstbestimmung herrschen etc. Nicht nur bejaht, es scheint für ihn außer Frage zu stehen, dass das kommen wird, kommen muss, sich die Geschichte darauf zu bewegt, Frankreich bereits der politsche Schauplatz ist, wo das große Schicksal der Menschheit verhandelt wird. Im Laufe der Revolution hat sich seiner Meinung nach jedoch gezeigt: die Freiheit wird pervertiert, schlimme menschliche Eigenschaften werden freigesetzt, die Menschen sind moralisch noch nicht reif für die Freiheit. (Im Grunde antizipiert Schiller diesen Gedanken in seinen Dramen, in denen man  gegen das Bestehende revoltiert, es mit der Befreiung aber nie klappt. Sicher, das System schlägt zurück, aber auch der Freiheitsheld selbst hat seinen Anteil am Scheitern: Ferdinand und Posa z. B. führen das Befreiungspathos eigentlich nur im Munde; am Ende lassen sie sich in der einen oder anderen Art korrumpieren. Für die, die  ihnen gefolgt sind, Luise und Karlos, bedeutet das den Untergang.) Natürlich ist unter solchen Umständen das Beispiel der Franzosen nicht nachahmenswert. Schiller gebraucht ein schönes Bild: … das lebendige Uhrwerk des Staates muss gebessert werden, indem es schägt… das rollende Rad (ist) während seines Umschwunges auszutauschen.(3. Brief) D.h. wenn ich richtig verstehe, keine Revolution, das bestehende System soll nicht außer Kraft gesetzt, sondern „entkernt“ und repariert werden. Was Schiller empfiehlt, ist bekannt und wird in den Horen allenthalben propagiert  : Veredlung des Charakters. Aber, fragt Schiller im neunten Brief:… wie kann sich unter den Einflüssen einer barbarischen Staatsverfassung der Charakter veredeln? Um dem Zirkel nicht zu erliegen, sei ein Betätigungsfeld vonnöten, auf das der Staat keinen Zugriff hat, wo der Mensch ganz er selbst sein kann etc. Dieses Feld ist für Schiller das Schöne, die Kunst. - So in etwa der Gedankengang, der zu dem bereits im zweiten Brief geäußerten viel zitierten Satz führt: :  .. dass man um jenes politische Problem in der Erfahrung zu lösen, durch das ästhetische den Weg nehmen muss, weil es die Schönheit ist, durch welche man zu der Freyheit wandert (2. Brief)
Was Schiller über die „anthropologische“ Seite der Kunst schreibt, dass sie sich der Herrschaft des Nützlichen entziehe, von den Herrschenden nicht vereinnehmbar und zerstörbar , ein Therapeutikum gegen die Zeitkrankheit der Zersplitterung sei, weil der Mensch ganz bei sich, quasi aus dem Tagesgeschäft herausgehoben sei, und ähnliches mehr, hat der ÄE durch die Zeit bis heute Beifall eingetragen bzw. Entsprechungen gefunden... Man denke etwa an das Kunst-Projekt von Chagall, Malevitschch und Lissitzky in Witebsk während der russ.Revolution. An Bulgakovs Gewissheit Manuskripte brennen nicht, an Blochs und Markuses  Einlassungen zu Schillers ÄE etc. Erst kürzlich hörte ich aus dem Munde eines bekannten Philosophen, Kunst sei  vielleicht eine „ antizyklische Maßnahme, bei den Zumutungen der Zeit den Kopf nicht zu verlieren“ o.ä. Man könnte Schiller modernistisch sogar die Aufforderung zur Entschleunigung nachsagen.

Mit dem Werk als  Revolutionsvermeidungsschrift  habe ich  ehrlich gesagt  meine Schwierigkeiten. Die Briefe sind eine Hommage an seinen Gönner, den Augustenburger Herzog. Ein bisschen drängt sich mir die Parallele zu Goethe auf, der seinen Herzog auf seinen Feldzügen gegen die Franzosen begleiten musste. In beiden Fällen, will mir scheinen, so etwas wie eine (abgenötigte) Ergebenheits- und Einverständniserklärung mit der alten Ordnung und der Reaktion.


Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 30. Juni 2013, 19.43 Uhr
Hallo!

Danke, Gontscharow, für Deine zusammenfassenden Bemerkungen! Den Spagat der deutschen Intelligentsia jener Zeit kann man jedenfall in der Ästhetischen Erziehung gut nachvollziehen. Eigentlich und ursprünglich Sympathie für die Ziele der Französischen Revolution, dann aber von den angewendeten Methoden abge- und verschreckt, sucht man nun irgendwo im Niemandsland zwischen den Fronten eine Heimstatt.

In beiden Fällen, will mir scheinen, so etwas wie eine (abgenötigte) Ergebenheits- und Einverständniserklärung mit der alten Ordnung und der Reaktion.

Die eigentliche Reaktion - nämlich den Wiener Kongress und die restaurativen Staatsformen von Metternich & Co. - hat ja Schiller nicht mehr miterlebt. Wie weit Schillers und Goethes Verhalten abgenötigt war, wie weit es "von Herzen" kam, wage ich nicht zu entscheiden. Gerade Goethe hat ja, wenn ich mich nicht irre, schon früh die alten Regierungsformen verteidigt, nicht nur aus Liebe zu seinem Herzog und zu seinem Job. Allerdings war das Leben eines deutschen Schriftstellers im 18. Jahrhundert kein Zuckerschlecken. Ohne Protektion war man rasch verloren, auch finanziell.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 01. Juli 2013, 10.08 Uhr
Quote from: sandhofer« am: Gestern um 19:43
Die eigentliche Reaktion - nämlich den Wiener Kongress und die restaurativen Staatsformen von Metternich & Co. - hat ja Schiller nicht mehr erlebt.

Nein, natürlich nicht. Ich meinte mit Reaktion auch die spätestens seit 1792  in Koalitionen gegen das revolutionäre Frankreich sich formierenden europäischen Mächte, die versuchten, die republikanischen Entwicklungen aufzuhalten.

Quote from: sandhofer« am: Gestern um 19:43

Quote from: Zitat von: Gontscharow am Gestern um 14:44
In beiden Fällen, will mir scheinen, so etwas wie eine (abgenötigte) Ergebenheits- und Einverständniserklärung mit der alten Ordnung und der Reaktion.
Wie weit Schillers und Goethes Verhalten abgenötigt war, wie weit es "von Herzen" kam, wage ich nicht zu entscheiden. Gerade Goethe hat ja, wenn ich mich nicht irre, schon früh die alten Regierungsformen verteidigt, nicht nur aus Liebe zu seinem Herzog und zu seinem Job.

Das weiß ich natürlich auch nicht…deshalb das abgenötigt schüchtern in Klammern. Es schien mir so.

Quote from: Big Ben am: 16. Januar 2013, 14.08 Uhr »
Börne hat da einige bissige Bemerkungen in seinen Briefen aus Paris. Goethe fährt zu irgendwelchen Schlachten und beschreibt da die vorherrschenden Minerale.

Ja, immer wenn es Goethe nicht gut ging, beschäftigte er sich mit Steinen. ;D Ich glaube, er war kreuzunglücklich. Wenn man Goethes Briefe aus den Feldzügen mit dem Herzog liest, hat man den Eindruck, er erfülle eine lästige Pflicht.
1792 kurz vor der  Belagerung von Mainz schenkt der Herzog ihm das Haus am Frauenplan und eine beträchtliche Summe zur Einrichtung.

Quote from: sandhofer« am: Gestern um 19:43
Allerdings war das Leben eines deutschen Schriftstellers im 18. Jahrhundert kein Zuckerschlecken. Ohne Protektion war man rasch verloren, auch finanziell.

Ja, vor allem, wenn man wie Goethe und Schiller in der Phase der Familiengründung steckte.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 01. Juli 2013, 18.21 Uhr
Nein, natürlich nicht. Ich meinte mit Reaktion auch die spätestens seit 1792  in Koalitionen gegen das revolutionäre Frankreich sich formierenden europäischen Mächte, die versuchten, die republikanischen Entwicklungen aufzuhalten.

Schon klar. War aber eben relativ schüchtern, diese Reaktion. Erst Napoleons Untergang hat Frankreich so geschwächt, dass man sich nun im übrigen Europa eine härtere Gangart leisten konnte.

Das weiß ich natürlich auch nicht…deshalb das abgenötigt schüchtern in Klammern. Es schien mir so.

Da werden wir wohl im weiten Feld der Vermutungen bleiben müssen.  ;)

Quote from: sandhofer« am: Gestern um 19:43
Allerdings war das Leben eines deutschen Schriftstellers im 18. Jahrhundert kein Zuckerschlecken. Ohne Protektion war man rasch verloren, auch finanziell.

Ja, vor allem, wenn man wie Goethe und Schiller in der Phase der Familiengründung steckte.

Wobei Goethe m.W. von Haus aus, weil er von seinem mütterlichen Grossvater, der (iirc) als Schneidermeister einiges beiseite gelegt hatte, und zum Dank von Goethe tot geschwiegen wurde, eine nicht unbeträchtliche Erbschaft gemacht hatte, und also ziemlich vermögend war, sich so einiges leisten konnte. Im Gegensatz zu Schiller oder Lessing, die im Fürstendienst verkümmerten, hätte er es nicht unbedingt nötig gehabt, sich von seinem Herzog alles bieten zu lassen.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 03. Juli 2013, 10.49 Uhr

... einige Bemerkungen meinerseits noch zur der Ästhetischen Erziehung. Immerhin ist sie das philosophisch theoretische  Herz- und Filetstück der Horen, so etwas wie die Programm- und Kampfschrift der Weimarer Klassik. Sie beinhaltet Zivilisationskritik, Kritik an der Aufklärung, ästhetische Theorie. Aber vor allem ist die ÄE ein politisch pädagogisches Werk, das die Konsequenzen aus der geschichtlichen Lektion der Französischen Revolution zu ziehen versucht.

Schöne Zusammenfassung! Inhaltlich haben wir damit das Wesentliche erörtert. Zum Abschluss der "Ästhetischen Briefe" einige persönliche Gedanken:

Der Deutsche lernt Schiller in seiner Jugend zunächst (und ausschließlich) als Dramatiker kennen. In der Schule spielen die philosophisch-ästhetischen Schriften keine Rolle. Irgendwann stolpert man jedoch als an Literatur Interessierter mehr oder weniger zwangsläufig über die "Naiven und sentimentalischen Dichter" und die "Ästhetische Erziehung". Sätze wie "Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt" prägen sich nachhaltig ein, ähnlich wie Nietzsches "Das Dasein ist nur als ästhetisches Phänomen gerechtfertigt" (Geburt der Tragödie). Für Menschen, die wie ich ihr halbes Leben in unterschiedlichsten Funktionen und Positionen der Medienbranche zugebracht haben, sind das zwar keine Erweckungserlebnisse, aber doch Denkanstösse. Ist das alles wirklich so naiv und weltfremd, wie es auf den ersten Blick aussieht? Mir scheinen eine gesunde Gleichgültigkeit gegen viele "Realitäten" (und dazu zähle ich auch die publizierten "Realitäten") und ein gewisses Interesse am Schein durchaus interessante Erweiterungen des eindimensionalen und linearen Denkens zu sein. Und ein wenig glaube ich wie Schiller, dass die Menschheit mit Schein und Spiel einen entscheidenden Schritt zur Kultur gemacht hat, immer noch macht und auch in Zukunft machen wird.

Ich werde jedenfalls nicht aufhören, Schillers "Ästhetische Erziehung" in Abständen immer wieder zu lesen - und sei es nur auszugsweise.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 07. Juli 2013, 08.31 Uhr
Eine weniger schöne Zusammenfassung des Sechsten Stücks von mir mal im Blog (http://blog.litteratur.ch/WordPress/?p=4410). Jetzt fängt der zweite Band im Böhlau-Reprint an. Immerhin habe ich im nächsten Stück schon am Inhaltsverzeichnis A. W. Schlegel und Goethe erkannt.  8)
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 07. Juli 2013, 17.05 Uhr
Siebtes Stück

Die Idee der Gerechtigkeit als Princip einer Gesetzgebung betrachtet.

Eine Diskussion der Platonischen Staatsphilosophie? Allerdings scheint mir der Umstand, dass der Autor (J. B. Erhard) dem alten Griechen eine "Republik" zuschreibt, doch verdächtig. Erhard will nicht so recht Position fassen, aber mir scheint, dass er die Gerechtigkeit als freiwilliges Unterwerfen unter ein höheres Prinzip des Staates ansieht. Gerechtfertigt durch die Lehren Christi. Aber dann auch wieder Kant und die Aufklärung.

Überhaupt wundere ich mich mal wieder, wie politisch letzten Endes die angeblich unpolitischen Horen doch immer wieder sind. Da führte 1795 wohl auch kein Weg dran vorbei.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 07. Juli 2013, 19.22 Uhr
Und auch A. W. Schlegel fährt weiter. Wie immer ein Muster der literarischen Kritik: Persönliches, Allgmeines, Zeitgebundenes und Zeitübergreifendes mischend; immer sich dessen bewusst, welche Position er gerade wo einnimmt.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 08. Juli 2013, 15.28 Uhr
Siebtes Stück

Die Idee der Gerechtigkeit als Princip einer Gesetzgebung betrachtet.

Eine Diskussion der Platonischen Staatsphilosophie? Allerdings scheint mir der Umstand, dass der Autor (J. B. Erhard) dem alten Griechen eine "Republik" zuschreibt, doch verdächtig.

Überhaupt wundere ich mich mal wieder, wie politisch letzten Endes die angeblich unpolitischen Horen doch immer wieder sind. Da führte 1795 wohl auch kein Weg dran vorbei.

Die Wahl des Begriffs Republik scheint mir kein politisches Statement zu sein, es war wohl für Erhard einfach nur der adäquate Ausdruck für πολιτεία (politeía). Im Lateinischen wird politeia mit res publica übersetzt:

Res publica is a Latin phrase, loosely meaning "public affair". ... Latin translation of politeia; the modern name of Plato's The Republic comes from this usage.(wiki)

Auch Kant sprach von Platons Republik:

Die platonische Republik ist, als ein vermeintlich auffallendes Beispiel von erträumter Vollkommenheit.. ( Kant:Kritik der reinen Vernunft)

Ich weiß nicht, seit wann man bei uns von Platons „Staat“ spricht, im Englischen jedenfalls heißt es nach wie vor Plato’s The Republic


Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 08. Juli 2013, 16.15 Uhr
Die Engländer kennen aber auch keinen Staat, bloss ein Kuddelmuddel ...  >:D

Wenn ich mich nicht irre, wird Schleiermacher schon kurze Zeit später vom "Staat" reden, bzw. übersetzen. Kant war ja auch einmal fast so etwas wie ein aufrührerischer Aufklärer...  >:D
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 08. Juli 2013, 17.07 Uhr
Im Ernst: Johann Benjamin Erhard hat im gleichen Jahr wie diesen Artikel sein Buch "Über das Recht des Volkes zu einer Revolution" veröffentlicht. Das Buch wurde in diversen deutschen Staaten verboten. Ich vermute, dass sich Erhard schon etwas gedacht hat bei der Verwendung von "Republik" statt "Staat".
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 09. Juli 2013, 13.28 Uhr
Quote from: Autor: sandhofer
 am: Gestern um 16:15 und  um 17:07
Wenn ich mich nicht irre, wird Schleiermacher schon kurze Zeit später vom "Staat" reden, bzw. übersetzen. Kant war ja auch einmal fast so etwas wie ein aufrührerischer Aufklärer...
   
Ich vermute, dass sich Erhard schon etwas gedacht hat bei der Verwendung von "Republik" statt "Staat".


Interessante Abwege, auf die wir durch die Horen wieder einmal geraten.
A..also, die erste deutsche Übersetzung der politeia in Auszügen stammt von G. Lauterbeck und trägt den Titel »Summa der Platonischen Lere, von den Gesetzen und Regierung des gemeinen Nutzes« in: G. Lauterbeck, Regentenbuch, Leipzig 1572, die erste vollständige deutsche Übersetzung von 1780(!) ist von Johann Friedrich Kleuker, ihr Titel : »Die Republik oder ein Gespräch über das Gerechte« in: Werke, 2. Band, Lemgo 1780. (Hervorhebungen von mir)
Dem folgen wohl Kant in der Kritik der reinen Vernunft (1781) und Erhard im Horenartikel von 1795. Schleiermachers Übersetzung von 1804 heißt übrigens auch noch nicht Der Staat, sondern - wohl eingedenk der Zweideutigkeit und der Brisanz des Begriffs Republik -  unverfänglich Politeia. Der Staat ist, soweit ich sehe, erst der Titel der Übersetzung von Wilhelm Siegmund Teuffel und Wilhelm Wiegand von 1855/56.

Quote from:  sandhoferam: Gestern um 17:07
Im Ernst: Johann Benjamin Erhard hat im gleichen Jahr wie diesen Artikel sein Buch "Über das Recht des Volkes zu einer Revolution" veröffentlicht. Das Buch wurde in diversen deutschen Staaten verboten.

Interessant! Interessant auch, wie Schiller väterlich gravitätisch auf dieses 1794 in Jena erschiene Werk seines Freundes (wie er aus einfachen Verhältnissen und ebenfalls Mediziner) in einem Brief vom 25.5.1794  reagiert:

Vor allem folgen Sie meinem Rat, und lassen Sie vorderhand die arme, unwürdige und unreife Menschheit für sich selbst sorgen. Bleiben Sie in der heitern und stillen Region der Ideen, und überlassen Sie es der Zeit, sie ins praktische Leben einzuführen. Und wenn es Sie je kitzelt, außer sich zu wirken, so machen Sie den Anfang mit dem physischen, und kurieren die Körper von der Gicht und vom Fieber, deren Seelen inkurabel sind. ( zitiert nach:Haasis, S. 217)

Ist das nicht eine Vorwegnahme in Kürzestform der in der Ästhetischen Erziehung entwickelten Gedanken?

Es zeugt doch von einer gewissen Toleranz, dass Schiller Erhard trotz dessen unliebsamer politischer Ansichten in den Horen zu Wort kommen lässt.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 11. Juli 2013, 11.37 Uhr
Ich erlaube mir, aus einem Brief Schillers zu zitieren, den er am 5. Mai 1795 aus Anlass des zu veröffentlichenden Horenbeitrags Die Idee der Gerechtigkeit... an J.B.Erhard geschrieben hat. Der Brief gewährt einen Blick in die Werkstatt der Horen, in die Giftküche des Idealismus...:

Mich freut es sehr mein Lieber, dass Ihre Denkungsart sich auf den gemäßigten und ruhigfesten Ton gestimmt hat, [nach den revolutionären Tönen in Erhards: Über das Recht des Volkes zu einer Revolution. Anmkg. von mir], den ihre neuesten Arbeiten unverkennbar zeigen. Nach und nach denke ich mir, sollen Sie sich ganz und gar von dem Feld des praktischen Kosmopolitism zurückziehen, um mit Ihrem Herzen sich in den engeren Kreis der Ihnen zunächst liegenden Menschheit einzuschließen, indem Sie mit Ihrem Geist in der Welt des Ideals leben. Glühend für die Idee der Menschheit, gütig und menschlich gegen den einzelnen Menschen, und gleichgültig  gegen das ganze Geschlecht wie es wirklich vorhanden ist - das ist mein Wahlspruch.
Wenn Sie mir erlauben,…in Ihren Briefen über Plato’s Republik … noch hie und da einen Ausdruck zu ändern, der für die Leser der Horen fremd sein könnte, so kann ich ihren Beitrag ganz gut für die Horen gebrauchen…
..auch wünschte ich, dass Ihnen der Vortheil des größeren Honorars
[E. war zu der Zeit pekuniär sehr klamm]  nicht entzogen würde. Ich kann Ihnen für alle Ihre Aufsätze, sobald solche nur für unser Publikum popular genug sind, 5 Louisd’ors pr Bogen auszahlen.

(zitiert nach: Denkwürdigkeiten des Philosophen und Arztes Johann Benjamin Erhard, herausgegeben von R.A. Varnhagen von Ense, 1830)
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 11. Juli 2013, 14.36 Uhr
Danke für Deine Recherchen. Tatsächlich sehr interessant.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 13. Juli 2013, 00.09 Uhr
In  Die Idee der Gerechtigkeit als Princip einer Gesetzgebung betrachtet vergleicht Erhard Platos Gerechtigkeitsbegriff mit dem Kantischen. Um dem Beitrag gerecht zu werden und etwas  Vernüftiges darüber sagen zu können, müsste man eigentlich in Platos Staat und besonders Kants Ethik bewandert sein. Das ist bei mir leider nicht der Fall. Schade, dass aus der hier vor einiger Zeit anvisierten Kantleserunde nichts geworden ist! Sie wäre die ideale Begleitung für die Horenlektüre (oder viceversa), wo es an allen Ecken und Enden kantelt.

Erhard, der mit Kant persönlich bekannt war und von diesem sehr geschätzt wurde, nennt in seinem Horenbeitrag Kants Philosophie eine sichere Leiterinn in den wichtigsten Angelegenheiten der Menschheit (S. 23) Und so lässt er sich von ihr leiten bei seiner "Beweisführung", dass Platos Begriff der Gerechtigkeit unvollkommen sei und seine "Republik" daher kein Ideal der besten Gesetzgebung sein könne. Kants Begrifflichkeit allüberall, das merke selbst ich mit meinen rudimentären Kantkenntnissen, wenn Erhard etwa von Materie und Form einer Handlung spricht oder feststellt, Plato untersuche lediglich, was die Gerechtigkeit für den Menschen und nicht was sie im Menschen sei. Und  besonders, wenn er zu dem Schluss kommt, dass die Theorie der Gesetzgebung nicht (wie bei Plato) zu erklären habe, wie die Menschen glücklich werden, sondern ”wie sich  durch das Bedürfniss veranlasste Vorschriften mit den unabhängigen selbst bestimmten und frey anerkannten Gesetzen freyer Wesen vertragen können” ... Oder ist das eine Fortführung Kantischen Denkens?
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 14. Juli 2013, 13.15 Uhr

Mit dem zweiten Beitrag des siebten Stücks kommt der Leser in den Genuss einer weiteren Kostprobe Schlegelscher Übersetzungs - und Kommentierungskunst.
Es beginnt - vielleicht nicht besonders geschickt portioniert - mit einem nachgereichten Kommentar zu der “Teufelshetze", die bereits im vierten Stück der Horen Thema war. Schlegel stellt poetologische Überlegungen an zu der Darstellung des Unsittlichen, Häßlichen, Niederen… interessant in einem Journal, das die Darstellung des Erhabenen, des sittlich Edlen propagiert! Er bemerkt, dass Dante keine Scheu vor wie auch immer gearteten Gegenständen hatte, sie mochten noch so niedrig sein, dass oder weil ihm nicht bewusst war, dass er ein Epos schrieb (Dante argwöhnte nicht, dass er eine Epopöe schriebe... S.31) was daran erkennbar sei, dass er sein Werk Komödie genannt habe… Überhaupt kommt Schlegel zu dem Schluss - und da schlägt er die klassizistisch idealistische Poetik quasi mit ihren eigenen Mitteln - dass nichts der menschlichen Einbildungskraft entspringe, was nicht auch der inneren Natur des Menschen entspreche, denn man könne keine Empfindung eines guten oder bösen Engels erfinden, dessen ein Mensch nicht ebenfalls fähig wäre.

Es folgt ein Beispiel für frühe Komparatistik, ein Vergleich der Dantesken Teufel mit denen Miltons, Goethes etc.
 
Dass Schlegel wunderbar übersetzt, wurde schon gesagt. In diesem Beitrag gefiel mir besonders sein trockener Humor. Beispiele: Im Zusammenhang mit der babylonischen Sprachverwirrung zitiert er einen Nonsens-Vers mit erfundenen Worten, die den Klang des Hebräischen imitieren sollen, und schließt an: Indessen hat auch dieser Vers seine Ausleger gefunden(S.48). Oder: Er referiert, dass Dante und Vergil von einem Riesen ergriffen und irgendwo niedergesetzt werden, obgleich Dante unterwegs eine andere Art zu reisen wohl vorgezogen hätte(S.49).
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 14. Juli 2013, 19.10 Uhr
In diesem Beitrag gefiel mir besonders sein trockener Humor. Beispiele: Im Zusammenhang mit der babylonischen Sprachverwirrung zitiert er einen Nonsens-Vers mit erfundenen Worten, die den Klang des Hebräischen imitieren sollen, und schließt an: Indessen hat auch dieser Vers seine Ausleger gefunden(S.48).

Danke für die Erinnerung. Dazu wollte ich auch noch etwas sagen. Nämlich: Stellen wie diese zeigen, wie artifiziell letzten Endes Epochen-Begrenzungen halt doch sind. So eine Bemerkung könnte auch von Wieland stammen. Der nun seinerseits stärker in der Aufklärung genannten Zeit wurzelt als seine Klassiker-Kollegen Schiller und Goethe. Und die Romantik ist zwar in vielem Gegenspiel der Aufklärung, in Bezug auf die Ironie aber treffen sich Aufklärung (Wieland), Sturm und Drang (Hamann) und Romantik (A. W. Schlegel) wieder. Bruder Friedrich und Novalis haben versucht, die Ironie neu zu erfinden, wenn ich mich recht erinnere. Aber das führt weit über Die Horen hinaus und erinnert mich daran, dass ich deren Fragmente im Anschluss an Hamann lesen wollte. Mit Weiterführung zu Kierkegaard ...
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 14. Juli 2013, 19.14 Uhr
Um dem Beitrag gerecht zu werden und etwas  Vernüftiges darüber sagen zu können, müsste man eigentlich in Platos Staat und besonders Kants Ethik bewandert sein.

Auch dazu wollte ich noch etwas sagen ...  ;)

Du hast natürlich Recht, ohne Kant lief zu jener Zeit bei den Intellektuellen, die etwas auf sich hielten, nichts. Platon und Kant lohnen sicher eine Lektüre; ob dieser Artikel so wichtig ist, dass man deswegen eine Unkenntnis der beiden bedauern soll, wage ich allerdings zu bezweifeln.  ;)
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 16. Juli 2013, 19.18 Uhr
Die Unterhaltungen

Ich bin auch der Meinung des Hausfreunds, dass es eine moralische Erzählung getan hätte. Und wenn ich nun Goethes Prosa-Stil so unmittelbar vor, während und nach dem Wielands zur Kenntnis nehme, verstärkt sich meine Widerborstigkeit noch ...  >:(
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 16. Juli 2013, 22.40 Uhr
Die Unterhaltungen

Ich bin auch der Meinung des Hausfreunds, dass es eine moralische Erzählung getan hätte.
;D
Aber die Baronesse kannn ja nicht genug kriegen. Ich liebe mir sehr Parallelgeschichten, sagt sie, eine deutet auf die andere hin und erklärt ihren Sinn … Klingt gut und überzeugt wohl auch den Hausfreund. Aber trifft das auf die beiden „moralischen“ Erzählungen zu? Ich finde kaum.
Dies ist die erste  Erzählung innerhalb der Unterhaltungen ohne literarische Vorlage. Die  Luise der Rahmenhandlung bedingt sich heimische Schauplätze und ein Familiengemälde aus. Der Alte will ihr darin willfahren und kündigt als weitere Neuheit eine „genaue Darstellung dessen, was in den Gemütern vorgeht,“ an. Eine psychologische Geschichte also. Ich würde sagen, es ist eine Charakternovelle. Wir sehen einen jungen Mann schuldig werden und sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen. Keine äußeren Anlässe oder Zufälle, die den Wendepunkt herbeiführen, aber auch keine plausibel gemachten inneren Motive, außer vielleicht die jeweiligen Erbteile von Vater und Mutter (übrigens spiegelverkehrt wie die bei Goethe selbst in DichtunguWahrheit), die jeweils Oberhand gewinnen. Die Geschichte plätschert trotz eigentlich dramatischer Vorgänge seltsam lau daher. Es gibt auch kein schönes Pathos bei der Erkenntnis der Heilung aus eigener Kraft oder des „ guten und mächtigen Ich“ wie im Prokurator.
Allerdings endet der Beitrag, bevor die Geschichte zu Ende erzählt ist. Und er beginnt mit einem Nachtrag zur Prokurator- Geschichte. Sollen das Cliffhänger sein?   
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 17. Juli 2013, 07.31 Uhr
Allerdings endet der Beitrag, bevor die Geschichte zu Ende erzählt ist. Und er beginnt mit einem Nachtrag zur Prokurator- Geschichte. Sollen das Cliffhänger sein?   

Ich tippe auf mittelmässige Redaktion. Ob von Seiten des Autors oder des Herausgebers sei dahingestellt.  :angel:
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 17. Juli 2013, 20.17 Uhr
Nach dem schwer verdaulichen plat de resistance gleich zu Anfang und anschließender leichterer Kost,  einem fein gewürzten zweiten und faden dritten Gang, können wir uns nun endlich über die Voss- Woltmannschen Dessertcreationen hermachen. Ich beginne mal mit der Dichtkunst von Johann Heinrich Voss.
Abgesehen davon, dass ich Gedichte über Dichtung so wenig mag wie Romane über Roman-Schreiben, ist dieses Stück Gedankenlyrik ohnehin für mich ungenießbar: hölzern, gedrechselt , unfreiwillig komisch:
Wer weckte Wälsch’ und Franken/Und Angeln zu Gedanken?/Des Liedes Mus’ allein.
Gewiefter Versifikant? Ich weiß nicht.  Der empfindsam-klassizistische Gedankengang des Gedichts: Dichtung zivilisiert, rüttelt auf (Deutschland erwache? vgl.Strophe3), hilft gegen Stände- und Klassenherrschaft etc passt natürlich hervorragend in die Horen, den Erscheinungsort der Ästhetischen Erziehung. Erziehung ja, aber ästhetisch? Ich würde gern wissen, was Goethe und Schiller von dem Gedicht (wirklich) hielten. Wir wissen ja nun, dass nicht alles, was in den Horen erschien, dem Redakteur auch zusagte… Eigentlich müssten sie doch gemerkt haben, dass das ein zutiefst… plattes Gedicht ist. ;D
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 18. Juli 2013, 10.13 Uhr
K.L. Woltmann: Der Dorfkirchhof:
Einen Dorfkirchhof zum Thema  eines Gedichts zu machen, ist ja eigentlich keine so schlechte Idee. Nur hat Woltmann (wär er doch bei seiner Geschichtsschreibung geblieben!) des Guten zuviel getan und das Gedicht mit verschiedenen Motiven hoffnungslos überladen. Was soll es nun eigentlich sein: Ein Stimmungsbild, Naturbeschreibung, Schilderung übernatürlichen, feenhaften Treibens auf den Gräbern, Darstellung der Vielfalt  menschlicher Schicksale und Todesarten, wehmütige Klage eines Städters über naives Landleben, christliche Auferstehungsverkündung? Der thematischen Überfrachtung entspicht der schwülstige Stil.
Wie das vorangegangene hinterlässt dieses Gedicht ein Gefühl der Peinlichkeit.
Übrigens, einige seiner Motive sind durchaus „schon“ romantisch.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 19. Juli 2013, 20.25 Uhr
Karl Ludwig Woltmann: Lethe

Eben wollte ich schreiben, dass Woltmann als Poet wohl zurecht vergessen ist und vermutlich auch seine Zeitgenossen nicht sonderlich überzeugte, als mir zufällig folgende Stelle aus einem Brief von Friedrich Schleiermacher an den Hof-und Domprediger Friedrich Samuel Gottfried Sack in die Hände fiel:

Sie lesen doch die Horen? Und besonders wird Ihnen darin das Gedicht Lethe aufgefallen sein; es ist das schönste, was ich in dieser Gattung kenne.
(Brief vom 24. November 1795)

So verschieden können Geschmäcker sein! Welche Gattung Schleiermacher meint, weiß ich nicht. Gedankenlyrik? Wie auch immer, ich finde das Gedicht schwülstig und hochtrabend. Der Gedankengang: Das lyrische Ich will und braucht kein seliges Vergessen, denn sein Elysium trägt es im Busen, es kann sich den Anforderungen der Wirklichkeit stellen: mit Anmuth & Würde. In Schillers Horen passt das.

Ein Licht auf Schleiermachers Geschmack werfen die Sätze, die dem bereits Zitierten vorausgehen:

Goethe treibt jetzt die deutsche Prosa zu einem Grade der Vollkommenheit, auf dem sie besonders in der erzählenden Gattung noch nie gestanden hat. Der Agathon sticht dagegen ab, wie ein Blondel’sches Palais gegen ein edles griechisches Gebäude.
>:D
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 20. Juli 2013, 10.44 Uhr
Nun ja - einen bekannten Namen zu haben, bedeutet nicht automatisch, einen guten (literarischen) Geschmack zu haben. Ich vermute zudem, dass Schleiermacher von der einsetzenden Goethe-Verehrung der Romantiker geblendet war.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 20. Juli 2013, 12.30 Uhr
Quote from:  sandhofer« am: Heute um 10:44
Nun ja - einen bekannten Namen zu haben, bedeutet nicht automatisch, einen guten (literarischen) Geschmack zu haben.

Wahrlich nicht. ;D

Quote from: sandhofer« am: Heute um 10:44
Ich vermute zudem, dass Schleiermacher von der einsetzenden Goethe-Verehrung der Romantiker geblendet war.
 

Ja, hab ich auch gedacht. Er bezieht sich ja auch auf Wilhelm Meister. Und bei seinem Urteil über Woltmanns Gedicht blendet ihn wahrscheinlich die Schiller- Verehrung! Denn er hält Lethe natürlich für ein Werk Schillers. Mit dem Namen Woltmann im Kopf habe ich das  betriebsblind übersehen (wie das Semikolon zwischen der Erwähnung Schillers und dem Gedicht Lethe!) Schleiermacher weiß ja nicht, dass es von W. ist , das Lethe-Motiv kommt in  Schillers damals sehr bekanntem Gedicht Hektors Abschied (zuerst in den Räubern als Hektors Lied auftauchend , später überarbeitet) vor und Anmuth und Würde erschien mWs 1794!
Für den heutigen Leser, der viel mehr von Schiller kennt als Schleiermacher, wäre eine Verwechslung mMn nicht möglich. Das ästhetizistisch Dekorative in Woltmanns Erguss ist einfach nicht Schillers Handschrift.

Hier nochmal der Brieftext im Zusammenhang:
Von Wilhelm Meister bin ich den dritten Teil noch nicht habhaft geworden und schon der erste hat mich entzückt. Goethe treibt jetzt die deutsche Prosa zu einem Grade der Vollkommenheit, auf dem sie besonders in der erzählenden Gattung noch nie gestanden hat. Der Agathon sticht dagegen ab, wie ein Blondel’sches Palais gegen ein edles griechisches Gebäude. So tut Schiller der Poesie;
Sie lesen doch die Horen? und besonders wird Ihnen darin das Gedicht Lethe aufgefallen sein
; es ist das schönste, was ich in dieser Gattung kenne.

 
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 20. Juli 2013, 13.18 Uhr
 ;D

Danke fürs Heraussuchen. Ich denke, Deinen Ausführungen, Gontscharow, ist wenig hinzuzufügen. Alle drei Gedichte sind belanglose Fingerübungen.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 21. Juli 2013, 16.14 Uhr
Saladin und der Sklave ist dann im Grunde genommen wieder ein politisches Gedicht. Ein plumpes politisches Gedicht. Ein plumpes Gedicht.

Die beiden Vertonungen von Voß' Gedichten fehlen in meinem Reprint. Waren wohl Beilagen, die in dem als Vorlage dienenden Exemplar verloren gegangen sind.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 21. Juli 2013, 16.23 Uhr
Cotta hat den Herausgeber Schiller mehrfach aufgefordert, doch auch Lichtenberg ins Boot der Beiträger der Horen zu nehmen. Schiller verspricht es immer wieder, erwähnt auch in Briefen gegenüber Körner seine feste Absicht hierzu - und tut es dann doch nicht. Nun, Lichtenberg hat zu der Zeit (1795) verschiedene solche Einladungen erhalten, aber bei keiner zugesagt. Schillers Einladung wäre wohl ähnlich ins Leere gelaufen wie alle andern.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 22. Juli 2013, 15.22 Uhr
Gottlieb Konrad Pfeffel: Saladin und der Sklave

Quote from: sandhofer« am: Gestern um 16:14
Saladin und der Sklave ist dann im Grunde genommen wieder ein politisches Gedicht.

Und wie! Wenn das keine Anspielung auf die Französische Revolution ist:

Verachtest du die Freyheit? Nein;
Doch lieber will ich stets sie missen,
Als frei mit Bösewichtern seyn,
Die sie nicht zu gebrauchen wissen.


Ganz  Schiller’scher Defätismus der 95 er !

Wie anders klang das noch in Pfeffels berühmtem Erzählgedicht von 1789 Der Tanzbär (das Heinrich Heine zu seinem wunderbaren Atta Troll inspirierte):

Ihr Zwingherrn, bebt! Es kommt der Tag,
An dem der Sklave seine Ketten
Zerbrechen wird, und dann vermag
Euch nichts vor seiner Wut zu retten.


Quote from: sandhofer« am: Gestern um 16:14
Ein plumpes politisches Gedicht. Ein plumpes Gedicht.

Mir gefällt übrigens das Balladeske, fast Moritatenhafte und pseudo-naiv Ironische von Pfeffel (schon der Tanzbär war mMn ironisch) besser als der hochgestochene Krampf von Woltmann oder die bierernste Biederkeit eines Voss.

Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Anna on 22. Juli 2013, 16.55 Uhr
Hallo!

Konrad Pfeffel? Von dem sind mir nur die folgenden heiteren Zeilen bekannt:

Am Grab der Gattin sprach zum trauernden Geleite
der Leichenredner viel vom Wiedersehn;
beim Heimweg sprach der Mann zum Pastor: „Scherz beiseite,
wird meine Frau denn wirklich auferstehn?“


Entschuldigt den kleinen, nicht zur Sache gehörenden Einwurf, der Euch immerhin zeigt, dass ich hier getreulich mitlese. Melde mich gehorsamst, wenn auch zögerlich zurück (viel Zeit habe ich im Sommer nicht, und überhaupt - diese Temperaturen… >:D).

Gruß
Anna
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 22. Juli 2013, 22.16 Uhr
Hallo Anna!

Schön, Dich zu lesen.

Grüsse

sandhofer
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 23. Juli 2013, 10.08 Uhr
...
beim Heimweg sprach der Mann zum Pastor: „Scherz beiseite,
wird meine Frau denn wirklich auferstehn?“



Köstlich! Wenn das mal nicht Johann Peter Hebel zu seiner Erzählung über die geschäftstüchtigen Gauner, die  angeblich Tote zum Leben erwecken können, inspiriert hat! Hebel, wie Pfeffel Alemanne mit satirisch schnurrigem Humor, kannnte und schätzte den 26 Jahre Älteren…

Ich komme zu dem Schluss, dass Schiller mit Bedacht Pfeffels humoristische Ballade ans Ende des siebten Stücks der Horen gesetzt hat, als Digestif sozusagen, um im Bild der Speisenfolge zu bleiben…
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 23. Juli 2013, 10.32 Uhr
Johann Peter Hebel zu seiner Erzählung über die geschäftstüchtigen Gauner, die  angeblich Tote zum Leben erwecken können,

Hast Du mir den Titel der Geschichte? Deine kleine Zusammenfassung sagt mir im Moment gar nichts; und ich glaubte bisher, eigentlich alle Hebel-Geschichten zu kennen....

Ich komme zu dem Schluss, dass Schiller mit Bedacht Pfeffels humoristische Ballade ans Ende des siebten Stücks der Horen gesetzt hat, als Digestif sozusagen, um im Bild der Speisenfolge zu bleiben…

Humoristisch? Ballade? Über letzteres will ich nicht streiten, obwohl mir der getragenere Ton einer Ballade fehlt. Aber als humoristisch habe ich dieses obrigkeitsverherrlichende Werk nicht gerade empfunden.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 23. Juli 2013, 14.41 Uhr
Quote from:  sandhofer: Heute um 10:32
Hast Du mir den Titel der Geschichte?

Wenn ich ihn gehabt hätte, hätt ich ihn geschrieben. Im Ernst, habe verzweifelt gesucht und bin weder im Projekt Gutenberg noch in meinen staubigen Büchern fündig geworden. Leider besitze ich von Johann Peter Hebel nur die Kalendergeschichten ausgewählt von Ernst Bloch mit seinem wundervollen Nachwort. Darunter ist die Erzählung nicht. Bin aber ganz sicher, dass es sie gibt und dass sie von Hebel ist. Oder? :o Bitte um etwas Geduld…


Quote from:  sandhofer: Heute um 10:32
Humoristisch? Ballade? ….als humoristisch habe ich dieses obrigkeitsverherrlichende Werk nicht gerade empfunden.

Mit obrigkeitsverherrlichend hast du natürlich leider recht. Ähnliches hatte auch ich ja angemerkt. Ich meinte, wie gesagt, auch eher den  naiven moritatenhaften Ton der Verserzählung, der an den (durchaus fortschrittlichen) Tanzbären und andere Humoresken anknüpft. Wieder so ein Janusgesicht. Auf Ballade besteh ich nicht, war für mich lediglich Synonym für Erzählung in Versen.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 24. Juli 2013, 09.22 Uhr
Klingt für mich eher nach Boccaccio oder einer mittelalterlichen Schwankerzählung.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 25. Juli 2013, 13.19 Uhr
Nachdem ich mir die Juli-Ausgabe aufgrund akuten Zeitmangels geschenkt habe, liegt nun das (verfrüht zugestellte) August-Heft vor. Es beginnt mit einem kleinen Paukenschlag: Friedrich Heinrich Jacobi, der empfindsam-religiöse Sensualist, Erfinder der „schönen Seele“ (wenn ich mich recht entsinne) sowie der erklärte Gegner Spinozas, Kants und Fichtes darf sich in Schillers „Horen“ verbreiten!

Die „Zufälligen Ergießungen eines einsamen Denkers …“ warten mit einer nicht ganz unpolitischen Überraschung auf: Der Briefautor, dessen Ansichten vermutlich diejenigen Jacobis sind, vergleicht das reale französische Königsdrama um die Hinrichtung Ludwigs XVI. mit Shakespeares Lear – wahrscheinlich um zu zeigen, wie ungerecht das über den Monarchen verhängte Urteil war. Auch Sophokles‘ König Ödipus wird in die Ahnengalerie des geköpften Bourbonen eingereiht – und zwar in Form einer Nacherzählung, ausführliche Zitate inbegriffen. Warum er diese Geschichte in aller Ausführlichkeit ausbreitet, ist mir ein Rätsel, denn ich gehe davon aus, dass das Ödipus-Drama den gebildeten Deutschen seiner Zeit bekannt war.

Schiller umgeht erneut sein eigenes Politikverbot, indem er Kritik an der Revolution hinter Shakespeare/Lear- bzw. Sophokles/Ödipus-Gedanken und –Paraphrasen verstecken lässt. Was haltet Ihr davon? 

An den zweiten Brief habe ich mich noch nicht herangetraut. Ich fürchte Schlimmes …   
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 25. Juli 2013, 14.19 Uhr
Bei mir wurde noch nichts ausgeliefert. Aber ich glaube, diese Päckchen kommen jeweils mit DHL. Das dauert dann jeweils ...  >:D
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 25. Juli 2013, 14.57 Uhr
Bei mir wurde noch nichts ausgeliefert. Aber ich glaube, diese Päckchen kommen jeweils mit DHL. Das dauert dann jeweils ...  >:D

Wie ich hörte, ist auch die Paketzustellung in der Schweiz ein den Grundsätzen der Gemütlichkeit gehorchendes Phänomen ...  :yodel:
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 25. Juli 2013, 16.26 Uhr
Oh ... die Schweizer Post ist rasch, präzise und effizient.

DHL ist eine Tochter der Deutschen Post.  :angel:
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 25. Juli 2013, 23.23 Uhr

Bin mal für einige Tage verreist. Macht ruhig schon mal weiter. :hi:
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 28. Juli 2013, 18.22 Uhr
Ich sehe gerade, dass auch Zeller bei Platos Schriften noch immer von der "Republik" spricht. Scheint sich also doch länger gehalten zu haben, der Begriff, als ich dachte...
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: orzifar on 29. Juli 2013, 18.04 Uhr
Konrad Pfeffel? Von dem sind mir nur die folgenden heiteren Zeilen bekannt:

Am Grab der Gattin sprach zum trauernden Geleite
der Leichenredner viel vom Wiedersehn;
beim Heimweg sprach der Mann zum Pastor: „Scherz beiseite,
wird meine Frau denn wirklich auferstehn?“


Entschuldigt den kleinen, nicht zur Sache gehörenden Einwurf, der Euch immerhin zeigt, dass ich hier getreulich mitlese. Melde mich gehorsamst, wenn auch zögerlich zurück (viel Zeit habe ich im Sommer nicht, und überhaupt - diese Temperaturen… >:D).


Es wurde ja schon angemahnt: Viel zu selten lässt du von dir hören (nicht nur hier ;)). Die Temperaturen (heute hierorts 39,1) werden nur bedingt als Ausrede anerkannt. Aber immerhin erspare ich mir so die schon geplante Vermisstenanzeige.

lg

orzifar
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 02. August 2013, 13.32 Uhr
Ich sehe gerade, dass auch Zeller bei Platos Schriften noch immer von der "Republik" spricht. Scheint sich also doch länger gehalten zu haben, der Begriff, als ich dachte...

Da die „richtige Übersetzung“ für Platons Πολιτεία(Politeia) uns noch umzutreiben scheint, der Kuriosität halber hier noch einiges zum Thema aus meinen persönlichen Notizen 8) : Demnach scheinen mindestens 2/3 der gebildeten Welt bei res publica geblieben zu sein. Jedenfalls alle romanisch- und englischsprachigen Länder:

La Repubblica (in greco Πολιτεία, Politéia) è un'opera di filosofia e teoria politica scritta approssimativamente tra il 390 e il 360 a.C. dal filosofo greco Platone

Selon Cicéron, la République de Platon est le premier livre de philosophie politique grecque

La República (en griego, Πολιτεία Politeia, de polis, que significa 'ciudad-estado') es la más conocida e influyente obra de Platón,

The Republic (Greek: Πολιτεία, Politeia) is a Socratic dialogue, written by Plato around 380 BC

A República (em grego: Πολιτεία, transl. Politeía) é um diálogo socrático escrito por Platão,

Während Osteuropa, die Niederlande und Skandinavien (einschließlich Finnland: valtio= Staat) dem "deutschen Weg" zu folgen scheinen:

«Госуда́рство» (греч. Πολιτεία) — диалог Платона, посвящённый проблеме идеального государства.

Państwo – dzieło filozoficzno-polityczne filozofa greckiego Platona powstałe ok. 360 roku p.n.e., napisane w formie dialogu

De Staat[1] (Oud-Grieks: Πολιτεία Politeia) is een van de bekendste en meest invloedrijke dialogen van de Griekse filosoof Plato, geschreven omstreeks 380 v.Chr

Staten (Polit'eia) är ett av Platons huvudarbeten och behandlar idealstatens utformning i en analogi med den rättfärdiga människan.

Staten (græsk: πολιτεία, politeia; latin: res publica) er Platons længste og mest indflydelsesrige dialog og har form af en sokratisk dialog

Valtio (kreikaksi Politeia) on Platonin kenties tunnetuin ja tärkein dialogimuotoinen teos.

Sehr gespannt war ich auf die chinesische Version:
 
So sieht Πολιτεία auf Chinesisch aus: 理想國   ^-^ Bedeutung (laut chinesisch/deutschem Wörterbuch) : Utopia…
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 03. August 2013, 07.49 Uhr
Eine interessante Zusammenstellung, danke!
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 03. August 2013, 19.30 Uhr
Kleiner Nachtrag:
Wie übersetzt die alte Achsenmacht Japan politeia? Natürlich mit 国家 - Bedeutung : Staat, Land, Reich, Volk
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 05. August 2013, 08.52 Uhr
Danke!

Bevor ich mich nun an das neue Heft mache (DHL hat es doch noch geliefert...  8) ), habe ich noch ein paar Bemerkungen zum Siebenten im Blog (http://blog.litteratur.ch/WordPress/?p=4618) hinterlassen.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 05. August 2013, 15.49 Uhr
So, unterdessen den Jacobi gelesen.

Friedrich Heinrich Jacobi, der empfindsam-religiöse Sensualist, Erfinder der „schönen Seele“ (wenn ich mich recht entsinne) sowie der erklärte Gegner Spinozas, Kants und Fichtes darf sich in Schillers „Horen“ verbreiten!

Ich vermute einen Fall von "In der Not frisst der Teufel Fliegen"...

Die „Zufälligen Ergießungen eines einsamen Denkers …“ warten mit einer nicht ganz unpolitischen Überraschung auf: Der Briefautor, dessen Ansichten vermutlich diejenigen Jacobis sind, vergleicht das reale französische Königsdrama um die Hinrichtung Ludwigs XVI. mit Shakespeares Lear – wahrscheinlich um zu zeigen, wie ungerecht das über den Monarchen verhängte Urteil war. Auch Sophokles‘ König Ödipus wird in die Ahnengalerie des geköpften Bourbonen eingereiht – und zwar in Form einer Nacherzählung, ausführliche Zitate inbegriffen. Warum er diese Geschichte in aller Ausführlichkeit ausbreitet, ist mir ein Rätsel, denn ich gehe davon aus, dass das Ödipus-Drama den gebildeten Deutschen seiner Zeit bekannt war.

Ja, das Ganze macht auf mich einen recht wirren Eindruck. Jacobi vergleicht zuerst den geköpften Ludwig mit Lear und dem zweifachen Ödipus, um dann den Lear zusammenzufassen und Teile daraus zu zitieren (wäre noch interessant: nach welcher Übersetzung?), und dann dasselbe mit Ödipus zu machen. Dabei geht ihm allerdings Ludwig völlig verloren und vergessen.

Schiller umgeht erneut sein eigenes Politikverbot, indem er Kritik an der Revolution hinter Shakespeare/Lear- bzw. Sophokles/Ödipus-Gedanken und –Paraphrasen verstecken lässt. Was haltet Ihr davon? 

Schillers einzige Konsequenz scheint seine Inkonsequenz zu sein: Er will anonym publizieren, und outet dann doch seine Autoren; er will nicht politisieren und tut es am Laufmeter. Übrigens verlässt Jacobi dann seine Dramen, um über Religion zu schreiben, kommt von der Religion auf die Wahrheit und von dort auf die Meynung. Alles ohne Tiefgang. Wahrlich Zufällige Ergießungen eines einsamen Denkers. Na ja - Denkers?

Kleines Detail am Rande, und weil ich das neulich gerade noch Stifter und Fontane zugeschrieben habe: Auf S. 29 bin ich über den Satz gestolpert: Ich muß abbrechen, liebe Ernestine, ganz abbrechen, ein Ende machen, denn ein zu weites Feld der Betrachtung eröffnet sich hier.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 11. August 2013, 15.09 Uhr
A. W. Schlegel: Letzter Teil zur Dante'schen Hölle. Im Grunde genommen ein Essay im Essay, zum Schicksal von Ugolino, dessen reales Leben Schlegel kurz umreisst, bevor der Dantes Schilderung von Ugolino und Ruggieri in der Hölle übersetzt. Schlegel kann sich dann der Bemerkung nicht enthalten, dass im Grunde genommen die beiden an einer ganz falschen Stelle der Hölle eingefügt worden sind, was er dann mit ästhetisch-dichterischen Forderungen begründet, denen Dante Genüge tun wollte. Über Satan, der die drei Erzverräter verspeist, geht er dann nur ganz kurz hinweg; Schlegel findet die Gruppe vor allem komisch und die Zusammenstellung Judas, Brutus und Cassius im Grunde genommen seltsam inkongruent. Damit ist Schlegels Aufsatz nun beendet. Eigentlich schade, auch wenn er mich hier mit seinem historischen Abriss ein bisschen gelangweilt hat.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 14. August 2013, 08.10 Uhr
... auch wenn er mich hier mit seinem historischen Abriss ein bisschen gelangweilt hat.

Mich hat diese Langeweile vom ersten Aufsatz an befallen. Das ist - sorry! - uninspiriertes Gequatsche, das klug daherkommen möchte, im Grunde aber nur eine Übersetzungsleistung mit einigen Anmerkungen ist. Ich kann auch nicht sagen, dass ich die Übertragung sonderlich gelungen finde, aber das mag Geschmacksache sein.

Es gibt gute Gründe, warum die Gebrüder Schlegel heute weitgehend vergessen sind und allenfalls Germanistikstudenten behelligen dürfen. August Wilhelm hat immerhin einige Verdienste als Übersetzer, aber Bruder Friedrich (den Schiller gar nicht erst für die Horen in Betracht zog!) und dessen unsägliche Zeitschrift "Athenäum" sind nicht mehr als eine historische Fußnote.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 14. August 2013, 20.47 Uhr
Es gibt gute Gründe, warum die Gebrüder Schlegel heute weitgehend vergessen sind und allenfalls Germanistikstudenten behelligen dürfen.

Vergiss die Philosophie-Studenten nicht! Aber so schlimm habe ich die Schlegels nicht in Erinnerung ...  ;)
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: orzifar on 14. August 2013, 20.50 Uhr
Hallo!

Ich mochte die "Lucinde" - aber wohl aus biographisch-sentimentalischen Gründen ;). Ob sie mir heute noch gefallen würde? (Die Widmung im Reclamheftchen ganz vorne ist jedenfalls nett :)).

lg

orzifar
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 18. August 2013, 15.14 Uhr
Ueber die Idee der Alten vom Schicksal.

Ein Jura-Professor, der sich als Philosophie-Historiker übt? So was ähnliches auf jeden Fall. Karl Heinrich von Gros (1765-1840) gibt seinen Artikel als ein Stück Philosophiegeschichte aus. In Tat und Wahrheit ist es eine kleine juristische Abhandlung über die Freiheit, eine Tat zu begehen oder eben nicht, und über die daraus resultierende Strafmündigkeit.

Wo er philosophisch tut, ist er argumentativ hilflos. Wo er juristisch wird, kann er nicht argumentieren, sondern nur des Täters Handlungs- und Zurechnungsfähigkeit festhalten. Mit den Alten und deren Schicksal hat das nur insofern zu tun, als er am Beispiel des Oedipus argumentiert. Dass er dabei alle Tiefen, die dieser Charakter besitzt, einebnet, zeigt halt nur, wie wenig ein Jurist vom Menschen verstehen muss...
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 18. August 2013, 16.33 Uhr
Ueber die Idee der Alten vom Schicksal.

Wo er philosophisch tut, ist er argumentativ hilflos.

... und verwirrend. Die Unterschiede zwischen den einzelnen Vernunftarten (theoretische, praktische und moralische V.) werden nicht klar herausgearbeitet. Die "praktische" Vernunft, soviel habe ich immerhin verstanden, resultiert in der Aufstellung des Begriffs der Strafe - zumindest auf den Gebieten, wo keine Erfahrung (= theoretische Vernunft?) existiert. Ansonsten mäandert das Ganze um die Begriffe "Notwendigkeit/Schicksal" auf der einen und "Freiheit" auf der anderen Seite herum. Das führt zu obskuren Aussagen wie: Die Vernunft mußte unter dieser Voraussetzung [der des Schicksals] zwar nicht ihr Gesetz, aber doch die Erreichbarkeit ihres Endzwecks  als einen schönen Traum aufgeben, weil der bloße Mechanismus der Natur keine Hoffnung auf Übereinstimmung mit den Ansprüchen der Freyheit übrig läßt.

Wenig inspirierend und verzichtbar, dieser Aufsatz!
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 18. August 2013, 21.14 Uhr
Über griechische und gothische Baukunst

Dieser Aufsatz des mir zuvor unbekannten Philosophen Lazarus Bendavid enthält eine Reihe nachvollziehbarer und reizvoller Gedanken. Was mich sehr erstaunt hat: Die zentralen Aussagen zur griechischen und gotischen Architektur finden sich fünfzig Jahre später bei Jacob Burckhardt und John Ruskin wieder - in den Werken "Die Zeit Constantins des Großen" bzw. "The Stones of Venice". Ob sie den Bendavid-Aufsatz kannten, ist wohl kaum herauszufinden.

Die von Bendavid entwickelte ästhetische Denkfigur der "Geschmackseinheit" zeigt, dass ein Künstler, im Unterschied zum Handwerker, einen allgemeinen Begriff seines Gegenstandes, ein Vorverständnis bzw. die Möglichkeit einer Geschmacksbildung a priori voraussetzen kann - vielleicht sogar voraussetzen muss, um nicht zum reinen Kunsthandwerker zu werden. Sehr anschaulich fand ich das Beispiel aus der Malerei (das Frauenverständnis Rubens' und Angelika Kauffmanns).

So schließt das achte Heft mit einer Betrachtung, die erneut sehr nach Schillers Geschmack gewesen sein dürfte.

 
Title: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 19. August 2013, 07.22 Uhr
Bendavid kenne ich als einen der Briefpartner Lichtenbergs. Er hat diesem gegenüber in den Briefen eine recht krude Theorie entwickelt, nach der der liebe Gott den Tempel zu Jerusalem - 3'000 Jahre, bevor die Wissenschaft das Prinzip des Blitzableiters kannte - schon mit dieser Technik gegen Blitzeinschläge geschützt haben könnte. Umso mehr bin ich gespannt auf diesen Artikel.  ;)
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 25. August 2013, 17.51 Uhr
So schließt das achte Heft mit einer Betrachtung, die erneut sehr nach Schillers Geschmack gewesen sein dürfte.

Ich denke schon, ja. Allerdings verblüffend, wie Bendavid ebenfalls zu einer politischen Analogie greift. Sehr zu Gunsten der Aristokratie, zugegeben. Und dass er die 'gothische' Baukunst offenbar in allem Ernst den Gothen und dem 5. Jahrhundert u.Z. zuweist ...
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 27. August 2013, 16.10 Uhr
So schließt das achte Heft mit einer Betrachtung, die erneut sehr nach Schillers Geschmack gewesen sein dürfte.

Ich denke schon, ja.

Allmählich nervt mich dieser Konformitätsdruck, der von Schiller ausging. Immer nur das Klassische, Schöne, Gute und Reine wirkt auf Dauer - langweilig. Wir stehen übrigens vor einer relativen Durststrecke, wenn ich das richtig gesehen habe. Das September-Heft enthält viele (Gelegenheits)Gedichte - und dann droht ab Frühjahr Goethes "Benvenuto Cellini" ...  :o
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 27. August 2013, 21.11 Uhr
Wir stehen übrigens vor einer relativen Durststrecke, wenn ich das richtig gesehen habe. Das September-Heft enthält viele (Gelegenheits)Gedichte - und dann droht ab Frühjahr Goethes "Benvenuto Cellini" ...  :o

Einer absoluten, wenn ich das von meiner ersten Lektüre richtig in Erinnerung habe... :-\
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 01. September 2013, 10.32 Uhr
1795/VIII (http://) verortet.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 01. September 2013, 21.03 Uhr
Das September-Heft enthält viele (Gelegenheits)Gedichte

Dafür hat es, wenn ich das richtig sehe, ein paar Seiten mehr als das vorhergehende ...  :teufel:
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 06. September 2013, 20.43 Uhr
Heft 9

Das Reich der Schatten


Von Schiller höchstpersönlich. Das Reich der Schatten ist auch das Reich der Heiterkeit. (Was m.W. der griechischen Konzeption nicht so ganz entspricht, jedenfalls sind die Schatten, die Odysseus besucht, nicht wirklich heiter, wenn ich mich recht erinnere.) Aber für Schiller ist das die Gelegenheit, das Reich der Schatten und damit der Heiterkeit mit dem Reich der Kunst gleich zu setzen.

Aber so wirklich überzeugt das Gedicht nicht. Kein Wunder, gehört es nicht zu denen, die wir von Schiller bis heute auswendig rezitieren...
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 08. September 2013, 17.44 Uhr
Beyträge zur Geschichte der neuern bildenden Kunst.

Der Kunscht-Meyer darf wieder einmal. Es sei ihm zu Gute gehalten, dass damals nicht jeder im Internet Kunstwerke eines jeden Malers einfach so abrufen konnte, Schilderungen davon also durchaus Sinn machten. Aber vielmehr als solche Schilderungen liefert Meyer leider nicht.

Auf die Geburt des Apollo.

Eines der minderen Gedichte von Goethe. Eigentlich - vom Thema her - müssten die Klassiker ja mit der Antike auf bestem Fusse stehen. Aber ausgerechnet eine Geburt, und dann noch eine offenbar ziemlich schwierige?

Schwarzburg.

Sophie Mereau. Eine nette Naturschilderung. Ich kenne die Gegend nicht, kann also wenig damit anfangen.
***
Vor den Unterhaltungen habe ich für heute abgebrochen.  :angel:
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 15. September 2013, 16.19 Uhr
Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten

Noch mehr redaktioneller Unsinn, indem hier eigentlich nur die Coda zur vorherigen Erzählung folgt, und - das nun wieder ein gelungener Cliffhanger - ein Hinweis darauf, dass der alte Priester am Abend noch ein Mährchen erzählen wolle. Es scheint, als ob nur der alte Mann erzählen könne, während die beiden Frauen die hauptsächlichen Zuhörer bilden. Erzählungen und Kommentare der Hörer sind denn auch danach...
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 15. September 2013, 16.24 Uhr
Homer, ein Günstling der Zeit

Herder liefert hier ein Stück Literaturgeschichte. Es ist nicht uninteressant zu sehen, wie er die Rezeption Homers an verschiedenen inneren und äusseren Kriterien festmacht; Epochen der Kunst ebenso wie der politischen Geschichte heranzieht, um darzustellen, warum ausgerechnet Homer und warum ausgerechnet die Ilias und die Odysee "klassisch" werden konnten. Herder verfügt über seinen Stoff, da gibt es keine Frage.

PS. Mich wundert, dass Schiller den doch recht langen Aufsatz für die Publikation nicht gestückelt hat, wie er es doch meist tat. Hatte er Angst vor Herder?
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 17. September 2013, 09.38 Uhr
Heft 9

Das Reich der Schatten


Das Reich der Schatten ist auch das Reich der Heiterkeit. (Was m.W. der griechischen Konzeption nicht so ganz entspricht, jedenfalls sind die Schatten, die Odysseus besucht, nicht wirklich heiter, wenn ich mich recht erinnere.)

Das Reich der Schatten ist nicht zwingend mit Hades/Unterwelt etc. gleichzusetzen. Es handelt sich, so habe ich es zumindest gelesen, um einer Art Geisterwelt der (Lebens)Kunst. Deshalb kann sie heiter sein.

So schlecht finde ich dieses Gedicht nicht. Es ist der hymnische Sound der "Götter Griechenlands", der immer wieder durchschimmert. Ich kann nicht nachvollziehen, dass Schiller gern als maximal durchschnittlicher Lyriker dargestellt wird. Seine besten Ergüsse sind von hoher und selten erreichter Musikalität. Das macht sie für mich sehr anziehend.

Aber das ist vermutlich, wie so Vieles, einfach nur Geschmacksache.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 17. September 2013, 10.02 Uhr
Mittlerweile Wilhelm von Humboldt gelesen. Eine eigenartige Mischung von Naturwissenschaft auf Geisteswissenschaft angewendet. Das Zeugende und das Empfangende dargestellt im Männlichen und Weiblichen. Und doch muss das Männliche inhärent auch ein Weibliches haben, um zeugen zu können.

Es ist ein Weilchen her, dass wir diesen Humboldt-Aufsatz gelesen haben. Ich stolperte jetzt über ein Thesenpapier, in dem unterstellt wird, die Weimarer Klassik sei (ausgehend von Winckelmann) in das Ideal der Androgynie vernarrt gewesen und habe deshalb die Absorption des Weiblichen im Mann propagiert. Ohnehin sei die gesamte neuhumanistische Bildungstheorie im Prinzip auf den platonischen Eros-Gedanken zurück zu führen. Bildungsfragen als erotisches Problem? Ich habe das nicht ungern gelesen ...

Wer mag, kann den Aufsatz ("Frauen-Schönheit will nichts heißen" von Malte Stein) hier nachlesen:

http://www.goethezeitportal.de/fileadmin/PDF/db/wiss/epoche/stein_eros_als_bildungstrieb.pdf
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 20. September 2013, 09.14 Uhr
Heft 9

Das Reich der Schatten


Das Reich der Schatten ist auch das Reich der Heiterkeit. (Was m.W. der griechischen Konzeption nicht so ganz entspricht, jedenfalls sind die Schatten, die Odysseus besucht, nicht wirklich heiter, wenn ich mich recht erinnere.)

Das Reich der Schatten ist nicht zwingend mit Hades/Unterwelt etc. gleichzusetzen. Es handelt sich, so habe ich es zumindest gelesen, um einer Art Geisterwelt der (Lebens)Kunst. Deshalb kann sie heiter sein.

Soeben finde ich die Bestätigung meiner Vermutung. Schiller hat den irreführenden Titel des Gedichts später umbenannt in "Das Ideal und das Leben". 
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 20. September 2013, 10.20 Uhr
Ok. Danke für die Info. Ich werde das Gedicht wohl nochmals lesen müssen. Aber dieses Wochenende komme ich nicht dazu. Überhaupt nicht zu den Horen.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 24. September 2013, 18.10 Uhr
F. Schiller - Das verschleierte Bild zu Sais

Es handelt sich um eines der bekannteren Gedichte Schillers. Ich halte es für ein äußerst perfides und pessimistisches Werk, denn der Leser ahnt selbstverständlich die grauenhafte Wahrheit hinter dem geheimnisvollen Schleier: Es gibt keine Seele, keinen Geist und keinen Gott! Das wusste der Anatomiestudent Schiller, der Leichen seziert hatte und im menschlichen Körper nichts gefunden hatte als blinde und ziellose Natur(notwendigkeit), das ewig andauernde gott- und sinnlose Stirb und Werde. Ich kann mich nicht erinnern, ob Schiller jemals des Atheismus bezichtigt oder "überführt" worden ist. Das zu Ende gedachte "Verschleierte Bild ..." deutet mEn. recht eindeutig in diese Richtung.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 25. September 2013, 08.18 Uhr
Homer, ein Günstling der Zeit

Herder liefert hier ein Stück Literaturgeschichte. Es ist nicht uninteressant zu sehen, wie er die Rezeption Homers an verschiedenen inneren und äusseren Kriterien festmacht; Epochen der Kunst ebenso wie der politischen Geschichte heranzieht, um darzustellen, warum ausgerechnet Homer und warum ausgerechnet die Ilias und die Odysee "klassisch" werden konnten.

Wenn ich nicht irre, dann erschien 1795 die Fragment geblieben Schrift "Prolegomena ad Homerum" von F.A. Wolf. Darin wird die Entstehung der uns bekannten homerischen Werke nicht auf einen einzigen Autor zurückgeführt, eine These, die im 20. Jahrhundert untermauert wurde (u.a. von W. Schadewaldt im Rahmen der Odyssee-Übersetzung). Ich denke, dass Herder sich in seinen Ausführungen auf das Wolfsche Fragment bezieht, allerdings ohne eine nennenswerte Kritik an dem damaligen Übervater der Altphilologie (und das, obwohl Herder ein Nörgler vor dem Herrn gewesen sein muss).
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 25. September 2013, 12.03 Uhr
F. Schiller - Das verschleierte Bild zu Sais

Ich kann mich nicht erinnern, ob Schiller jemals des Atheismus bezichtigt oder "überführt" worden ist.

Er wurde, und zwar für seine "Götter Griechenlands" (1788 in Wielands "Merkur" veröffentlicht).
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 25. September 2013, 14.28 Uhr

Hallo!

Melde mich nach mehrwöchiger reisebedingter Abwesenheit wieder zurück.

F. Schiller - Das verschleierte Bild zu Sais

Ich kann mich nicht erinnern, ob Schiller jemals des Atheismus bezichtigt oder "überführt" worden ist.

Er wurde, und zwar für seine "Götter Griechenlands" (1788 in Wielands "Merkur" veröffentlicht).


Gerade wollt ich’s sagen. ;D Ja, die „Kontroverse“ mit Leopold Graf zu Stolberg. Schiller wurde vorgeworfen, nicht so sehr „Atheist“ zu sein, als vielmehr in seinem Gedicht dem Politheismus griechischer Prägung das Wort geredet zu haben zu ungunsten des christlichen Monotheismus.  Kontroverse in Anführungszeichen insofern, als Schiller meines Wissens sich zu diesen naiven Anwürfen öffentlich gar nicht geäußert hat. In einem Brief an Körner nimmt er dazu Stellung, indem er seine - deshalb das lange Zitat -  sehr „moderne“, später in der ÄE wiedererscheinende Kunstauffassung formuliert:
 „Der Künstler und vorzüglich der Dichter behandelt niemals das Wirkliche, sondern immer nur das Idealische, oder das aus einem wirklichen Gegenstande kunstmäßig Ausgewählte; z. B. behandelt er nie die Moral, die Religion, sondern nur diejenigen Eigenschaften von einer jeden, die er sich zusammen denken will – er vergeht sich also auch gegen keine von Beiden, er kann sich nur gegen die ästhetische Anordnung oder den Geschmack vergehen. Wenn ich aus den Gebrechen der Religion oder der Moral ein schönes übereinstimmendes Ganze zusammenstelle, so ist mein Kunstwerk gut; und es ist auch nicht unmoralisch oder gottlos, eben weil ich beide Gegenstände nicht nahm, wie sie sind, sondern erst, wie sie nach einer gewaltsamen Operation, d. h. nach Absonderung und neuer Zusammenfügung, wurden. Der Gott, den ich in den Göttern Griechenlands in den Schatten stelle, ist nicht der Gott der Philosophen oder auch nur das wohlthätige Traumbild es großen Haufens, sondern es ist eine aus vielen gebrechlichen, schiefen Vorstellungsarten zusammengeflossene Mißgeburt. Die Götter Griechenlands, die ich in’s Licht stelle, sind nur die lieblichen Eigenschaften der griechischen Mythologie in eine Vorstellungsart zusammengefaßt. Kurz, ich bin überzeugt, daß jedes Kunstwerk nur sich selbst, d. h. seiner eigenen Schönheitsregel Rechenschaft geben darf, und keiner anderen Forderung unterworfen ist.“   
   
Und geht es  in Schillers „Verschleiertem Bild zu Sais“  wirklich um Atheismus? Nicht vielmehr um einen uralten Topos? Der vom menschlichen Erkenntnistrieb, der mit Tabu belegt ist und auf den Strafe steht?
Was der Jüngling sieht? Man hat viel gerätselt: sich selbst, seinen eigenen Tod, die unverschleierte conditio humana. - Ich weiß es nicht-  sagt Schiller am Schluss…


 
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 26. September 2013, 08.14 Uhr
Und geht es  in Schillers „Verschleiertem Bild zu Sais“  wirklich um Atheismus? Nicht vielmehr um einen uralten Topos? Der vom menschlichen Erkenntnistrieb, der mit Tabu belegt ist und auf den Strafe steht?

Es ist nicht der kleinste Vorzug dieses Gedichts, dass es ein Vielzahl von Interpretationsmöglichkeiten bietet. Lassen wir also Jedem die Seine.  :)
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 26. September 2013, 21.42 Uhr

... erschien 1795 die Fragment geblieben Schrift "Prolegomena ad Homerum" von F.A. Wolf. Darin wird die Entstehung der uns bekannten homerischen Werke nicht auf einen einzigen Autor zurückgeführt...

Aha. Interessant! So erklärt sich vielleicht auch der allgemein gehaltene Untertitel des goethischen Horenbeitrags Auf die  Geburt des Apollon… . Da heißt es vage: Nach dem Griechischen , während das Gedicht allenthalben als Übertragung (eines Teils) des sogenannten  Homerischen Hymnos an Apollon (EIS APOLLONA) gilt. Ich habe mal in den Text hineingelesen. Goethe hält sich ziemlich eng daran. Die Absonderlichkeit des Sujets- die schwere Geburt Apollons - ist also durch die Vorlage vorgegeben.Warum hat G. keine andere Episode gewählt ? Die Häutung eines Satyrn bei lebendigem Leib etwa wäre auch nicht erfreulicher gewesen.
Apoll war die präferierte Göttergestalt der Weimarer Klassik, seit Winckelmann den Apoll von Belvedere als Ideal männlicher Vollkommenheit entdeckt hatte, und besonders die  Goethes, der sich angesichts dessen Schönheit  zu der Äußerung hinreißen ließ, er schäme sich der eigenen Nacktheit .
Goethes Nachdichtung zeigt einmal mehr, dass die griechische Antike  so heiter gar nicht war, wie es das Klischee will, und von unseren Klassikern auch nicht (immer) so dargestellt wurde.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 27. September 2013, 15.49 Uhr
Quote from: Zitat von: Sir Thomas am 17. September 2013, 09.38 Uhr
Quote from: Zitat von: sandhofer am 06. September 2013, 20.43 Uhr
Das Reich der Schatten

Das Reich der Schatten ist auch das Reich der Heiterkeit. (Was m.W. der griechischen Konzeption nicht so ganz entspricht, jedenfalls sind die Schatten, die Odysseus besucht, nicht wirklich heiter, wenn ich mich recht erinnere.)

Das Reich der Schatten ist nicht zwingend mit Hades/Unterwelt etc. gleichzusetzen. Es handelt sich, so habe ich es zumindest gelesen, um einer Art Geisterwelt der (Lebens)Kunst. Deshalb kann sie heiter sein.

Soeben finde ich die Bestätigung meiner Vermutung. Schiller hat den irreführenden Titel des Gedichts später umbenannt in "Das Ideal und das Leben".
 

Ja, nachdem es von August Wilhelm Schlegel als Loblied auf den Tod(!) missverstanden worden war, zunächst in "Das Reich der Formen", dann in "Das Ideal und das Leben". Kurz nach Beendigung der Briefe über die  Ästhetische Erziehung … geschrieben,  greift dieses Lehrgedicht Grundgedanken der theoretischen Schrift noch mal auf: Die magische Macht des Schönen und der Kunst und ihre therapeutische Kraft als Vermittlerin von Seelenfrieden- letzteres ein Leitmotiv der Horen(!).
An Wilhelm von Humboldt schreibt Schiller:
Hätte ich nicht den sauren Weg durch meine Ästhetik geendigt, so würde dieses Gedicht nimmer mehr zu der Klarheit und Leichtigkeit in einer so difficilen Materie gelangt sein.

Quote from: Zitat von: Sir Thomas am 17. September 2013, 09.38 Uhr
So schlecht finde ich dieses Gedicht nicht.. .Ich kann nicht nachvollziehen, dass Schiller gern als maximal durchschnittlicher Lyriker dargestellt wird..

Ich will versuchen zu erklären, warum auch mir dieser lyrische Erguss jedenfalls als Lyrik eher nicht zusagt:
In der elften und zwölften Strophe von Das Reich der Schatten heißt es:

 ...
Nur dem Ernst, den keine Mühe bleichet,
Rauscht der Wahrheit tief versteckter Born,
Nur des Meisels schwerem Schlag erweichet
Sich des Marmors sprödes Korn.
 
Aber dringt biß in der Schönheit Sphäre,
Und im Stande bleibt die Schwere
Mit dem Stoff, den sie beherrscht, zurück.
Nicht der Masse qualvoll abgerungen,
Schlank und leicht, wie aus dem Nichts gesprungen,
Steht das Bild vor dem entzückten Blick...


Sch. beschreibt sehr schön, wie Kunst oder das Schöne entstehen: Erst wenn der Gegenstand, der Stoff etc in den Hintergrund tritt, kann das Schöne schwerelos und luftig (wie aus dem Nichts gesprungen) seinen Reiz entfalten, frei von Zweck und Botschaft. Gerade Lyrik ist für mich durch Leicht- und (scheinbare) Mühelosigkeit gekennzeichnet. Schillers Gedicht aber ist versifizierte Theorie und Botschaft, von Mühe gebleicht. Seine Ästhetische Erziehung, in der all diese Gedanken eigentlich schon entwickelt wurden, ist für mich nicht weniger lyrisch als dieses Stück sog. Gedankenlyrik.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 27. September 2013, 16.37 Uhr
Schillers Gedicht aber ist versifizierte Theorie und Botschaft, von Mühe gebleicht.

Schwerelose Lyrik sieht sicher anders aus, einverstanden. Mir wird trotzdem niemand einreden können, Schiller sei kein (guter) Lyriker gewesen. Er war speziell, so eine Art Beethoven der Lyrik, während Goethe eher an Mozart erinnert (wenn der "Vergleich" gestattet ist). 
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 28. September 2013, 16.23 Uhr

Von den nothwendigen Grenzen des Schönen besonders im Vortrag philosophischer Weisheiten

Noch’n Aufsatz über Ästhetik aus Schillers Feder, angesiedelt zwischen Anmuth und Würde und Ästhetischer Erziehung auf der einen und Naiver und sentimentalischer Dichtung auf der anderen Seite. Der Aufsatz ist eigentlich eine Replik auf Fichtes Horenbeitrag Über Geist und Buchstab der Philosophie, den Schiller aus inhaltlichen und formalen Gründen abgelehnt hatte. Ich habe Fichtes Aufsatz nicht gelesen. Es ging darin wohl um den Vorwurf der Vermengung von Kunst und Wissensinhalten (Wenn das stimmt, bin ich auf Seiten Fichtes, die versifizierte Philosophie der Schillerschen Lehrgedichte liegt mir, wie gesagt, nicht).Schillers poetologische Einlassung besticht dann aber, wenn er von der Zauberkraft der schönen Diktion spricht und die Metapher definiert als“ Zusammengatten von Bildern, die ihrem Inhalt nach verschieden sind. Ist vor Schiller schon mal jemand so ins poetologische Detail gegangen?

Es schließen sich acht Epigramme an, alle von Schiller, weder formal noch inhaltlich vom Hocker reißend. Selbst bei dieser Form, die Knappheit als Programm hat, kann Schiller sich nicht enthalten, blumig und teilweise ausladend zu werden.
Im Epigramm Ilias spielt er wohl auf den von Sir Thomas erwähnten von F.A. Wolf an, dessen Schrift "Prolegomena ad Homerum" ganz aktuell war:
 Immer zerreißet den Kranz des Homer, und zählet die Väter….

Und das Epigramm An einen Weltverbesserer ist nichts anderes als die in Verse gebrachte  Briefstelle, die ich vor einiger Zeit im Zusammenhang mit Johann Benjamin Erhard und seinem Buch "Über das Recht des Volkes zu einer Revolution" zitiert habe. Die Briefstelle an Erhard lautete:

Glühend für die Idee der Menschheit, gütig und menschlich gegen den einzelnen Menschen, und gleichgültig  gegen das ganze Geschlecht wie es wirklich vorhanden ist - das ist mein Wahlspruch.

Der Idealismus als commodes Ruhekissen?
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 29. September 2013, 16.55 Uhr
Hallo zusammen!

Schillers Gedicht aber ist versifizierte Theorie und Botschaft, von Mühe gebleicht.

Schwerelose Lyrik sieht sicher anders aus, einverstanden. Mir wird trotzdem niemand einreden können, Schiller sei kein (guter) Lyriker gewesen. Er war speziell, so eine Art Beethoven der Lyrik, während Goethe eher an Mozart erinnert (wenn der "Vergleich" gestattet ist). 

Ich komme im Moment leider nicht dazu, konzentriert zu lesen, und habe deshalb die Horen beiseite gelegt. Aber ich denke auch, dass Schiller eigentlich der Dramatiker unter den Weimarern war, Goethe eher der Lyriker. Schiller stand die deutsche Sprach zur Verfügung wie nur wenigen, insofern kann er gute Gedichte verfassen. Aber wenn Schillers Lyrik gut ist, ist sie immer auch pathetisch-dramatisch. Und er packt gern und oft viel Philosophisches in seine Gedichte. Das hindert ihn dann wiederum daran, seine Stärke - eben das Pathetische - wirklich auszuspielen.

Grüsse

sandhofer
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 05. Oktober 2013, 17.03 Uhr
Von den nothwendigen Grenzen des Schönen besonders im Vortrag philosophischer Weisheiten

Noch’n Aufsatz über Ästhetik aus Schillers Feder, angesiedelt zwischen Anmuth und Würde und Ästhetischer Erziehung auf der einen und Naiver und sentimentalischer Dichtung auf [...] (Wenn das stimmt, bin ich auf Seiten Fichtes, die versifizierte Philosophie der Schillerschen Lehrgedichte liegt mir, wie gesagt, nicht).

Mir auch nicht. Aber der Aufsatz ist auch eine Apologie Schillers - warum er es eben doch tut. Philosophie zu versifizieren. Mutatis mutandis beschreibt Schiller (auch) das Dilemma des Wissenschaftsjournalisten, der wissenschaftliche Erkenntnisse so aufzubereiten hat, dass sie das sog. "breite Publikum" versteht.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 06. Oktober 2013, 08.08 Uhr
Das neunte Stück ist ebenfalls im Blog besprochen (http://blog.litteratur.ch/WordPress/?p=4943). Man könnte zu vielen Texten noch vieles schreiben ... *seufz*
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 06. Oktober 2013, 11.25 Uhr

Man könnte zu vielen Texten noch vieles schreiben ... *seufz*
Ja.
Quote from:  sandhofer im blog
ist dieses Heft in punkto Qualität keineswegs eines der schlechteren.
Auch hier -  ganz Deiner Meinung.

Quote from: sandhofer im blog
Meines Wissens die einzige Frau, die in den Horen publizieren durfte.

Optimist! Uns steht noch ein ganzer Roman der Caroline von Wolzogen(Schillers Schwägerin)  sowie literarische Erzeugnisse von  zwei, drei oder vier weiteren Beiträgerinnen bevor.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 06. Oktober 2013, 16.28 Uhr
Quote from: sandhofer im blog
Meines Wissens die einzige Frau, die in den Horen publizieren durfte.

Optimist! Uns steht noch ein ganzer Roman der Caroline von Wolzogen(Schillers Schwägerin)  sowie literarische Erzeugnisse von  zwei, drei oder vier weiteren Beiträgerinnen bevor.

Wo Du Recht hast, hast Du Recht. Irgendwie habe ich die Wolzogen verdrängt...  >:D
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 11. Oktober 2013, 11.35 Uhr
Man könnte zu vielen Texten noch vieles schreiben ... *seufz*

Ein Gedanke noch zu einem Text aus IX/95, der mir wichtig erscheint und den ich als Frage an die Horen-Miitleser weitergebe:
Ist die Parabel Das Verschleierte Bild zu Sais mit ihrer Moral des Wolle nicht (alles)wissen! nicht eigentlich ein Statement gegen die Aufklärung insofern als die Moral der Schillerschen Parabel dem Sapere aude der Aufklärung diametral entgegengesetzt ist?
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 11. Oktober 2013, 12.39 Uhr
Ist die Parabel Das Verschleierte Bild zu Sais mit ihrer Moral des Wolle nicht (alles)wissen! nicht eigentlich ein Statement gegen die Aufklärung insofern als die Moral der Schillerschen Parabel dem Sapere aude der Aufklärung diametral entgegengesetzt ist?

Bekannt ist, dass Schiller die "Vernünftelei" der Enzyklopädisten, dieses sinnlose, weil kontextfreie Sammeln von Wissen nicht geschätzt hat - genau wie Herder. Damit steht er nicht der gesamten Aufklärung, wohl aber der dürren Sammelwut Diderots und Co. auf der einen Seite und dem krittelnden Mittelmaß der Berliner Aufklärung um Nicolai auf der anderen Seite entgegen. Die "Entzauberung" der Welt durch den Materialismus hat er, wenn ich das recht in Erinnerung habe, stets bedauert. Aus diesem Impuls heraus entstand wohl auch das Gedicht "Reich der Schatten", über das wir uns weiter oben bereits ausgetauscht haben. Und eben "Das verschleierte Bild ...".

Ob unsere Weimarer Götter zu den Aufklärern gehörten, kann man heute wohl nur mit einem "Nein, aber ..." beantworten. Schiller war zu sehr idealistisch gestimmt, Herder zu sehr vernarrt in seine völkischen Gedanken, Goethe zu sehr mit fast schon obskur anmutenden wissenschaftlichen Themen beschäftigt, um als Aufklärer gelten zu können (auch der gesamte Faust ist mMn. gegen Aufklärung und Klassizismus gerichtet). Bleiben Wieland und W. v. Humboldt, die für mich am deutlichsten in der aufklärerisch-humanistischen Tradition Lessings stehen.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 11. Oktober 2013, 21.22 Uhr
Ich meine, dass es irgendwo ein Statement von Lessing gibt. Sinngemäss: Wenn du, lieber Gott, mir in der einen Hand die volle und endgültige Wahrheit offeriertest und in der andern das ständige Streben nach Wahrheit, in der Gewissheit, immer wieder zu irren: Ich fiele dir in die linke Hand, Gott, und sagte: "Gib! - Denn die volle Wahrheit ist denn doch nur für dich."

Ich kann mich aber nicht erinnern, wo bei Lessing das zu finden ist.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 11. Oktober 2013, 21.48 Uhr
Schön!
Wenn Gott in seiner Rechten alle Wahrheit und in seiner Linken den einzigen immer regen Trieb nach Wahrheit, obschon mit dem Zusatze, mich immer und ewig zu irren, verschlossen hielte und spräche zu mir: wähle! Ich fiele ihm mit Demut in seine Linke und sagte: Vater gib! die reine Wahrheit ist ja doch nur für dich  ...( Gotthold Ephraim Lessing: Über die Wahrheit, 1777)
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 12. Oktober 2013, 07.40 Uhr
Danke!

Worauf ich hinweisen wollte: Auch der Parade-Aufklärer Lessing kannte diese Haltung, die Schiller im Bildnis zu Sais vertritt. Die Grenzen Aufklärung - Idealismus - Romantik etc. sind ja erst nachträglich gezogen. Im aktuellen Leben ist wohl jeder mehr oder weniger Eklektiker und nimmt aus verschiedenen Haltungen, was ihm (vielleicht auch nur gerade heute und morgen schon nicht mehr) passt.

Grüss

sandhofer
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 13. Oktober 2013, 22.24 Uhr
Quote from: Autor: sandhofer
« am: Gestern um 07:40 »
Auch der Parade-Aufklärer Lessing kannte diese Haltung, die Schiller im Bildnis zu Sais vertritt.

Ja ;), und auch mit dem Motiv der Enthüllung der Isis von Sais liegt Schiller im Trend : Schließlich wurde Isis-Natura* um 1800 zum Idol der neuen Zeit…. Die Enthüllung der vergöttlichten Natur symbolisierte wie kaum ein anderer Akt die Begehrlichkeit der Naturforschung und war um 1800 – Schillers Ballade „Das verschleierte Bild zu Sais“ war durchaus zeittypisch – recht verbreitet ( Heinz Schrott )
 Und siehe da: Das Frontispice des großen 1803 posthum erschienenen naturkundlichen Lehrgedichts von Erasmus Darwin (Großvater von Charles) “The Temple of Nature or the Origin of Society”, gestaltet vom britisch-schweizerischen Maler Johann Heinrich Füssli (gest.1782), zeigt die  gar nicht mehr frevelhafte, sondern eher feierlich triumphale Enthüllung der  Isis/Artemis -Statue (http://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Erasmus_Darwin_Temple_of_Nature.jpg).
 La Nature se dévoilant devant la Science (Die Natur enthüllt sich vor der Wissenschaft) ist  schließlich der Titel einer  Statue (http://www.musee-orsay.fr/index.php?id=851&L=2&tx_commentaire_pi1%5BshowUid%5D=5339&no_cache=1) von Ernest Barrias, die(als Kopie)noch heute die  Medizinische Fakultät von Bordeaux schmückt.
 
Was ich damit sagen will: Etwas rückwärtsgewandt war die Schillersche Ballade um den Enthüllungsfrevel schon. >:D
______________________________
*Dass es sich bei dem Bildnis um  Isis handelt, hatte ich zunächst überlesen. Dabei heißt es  explizit: So fanden ihn am andern Tag die Priester/Am Fußgestell der Isis ausgestreckt. In seiner - übrigens sehr aufschlussreichen -  religionsphilosophischen  Vorlesung von 1793(?) Die Sendung Moses zitiert Schiller die Worte, die auf der Bildsäule von Sais stehen: Ich bin alles, was ist, was war, und was seyn wird…. Isis also als Verkörperung der Magna Mater, der allumfassenden Natur...
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 14. Oktober 2013, 12.34 Uhr
In seiner - übrigens sehr aufschlussreichen -  religionsphilosophischen  Vorlesung von 1793(?) Die Sendung Moses zitiert Schiller die Worte, die auf der Bildsäule von Sais stehen: Ich bin alles, was ist, was war, und was seyn wird…. Isis also als Verkörperung der Magna Mater, der allumfassenden Natur...

Interessanter Zusammenhang! Die Vorlesung stammt aus dem Jahr 1789 oder 1790, gedruckt wurde der Moses-Aufsatz in Schillers Thalia (1790). Die Kernthese ist wohl die Herleitung der monotheistischen Religionen aus ägyptischen Isis-Geheimkulten. Die Isis-Priester waren laut Schiller insgeheim Anhänger eines einzigen Gottes. Moses soll diese Geheimlehre kennen gelernt und für seine Zwecke genutzt haben.

Hier der Link zur "Thalia": http://de.wikisource.org/wiki/Die_Sendung_Moses 
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 14. Oktober 2013, 12.43 Uhr
Die Grenzen Aufklärung - Idealismus - Romantik etc. sind ja erst nachträglich gezogen.

...und - wie Du schon einmal angemerkt hast - auch nur im deutschen Sprachraum existent. Für einen Franzosen ist das alles "Romantisme", mit Ausnahme der eigenen "Lumières"-Periode.

Was ich damit sagen will: Etwas rückwärtsgewandt war die Schillersche Ballade um den Enthüllungsfrevel schon. >:D

Etwas nur?  ;D
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 14. Oktober 2013, 15.41 Uhr

Die Kernthese ist wohl die Herleitung der monotheistischen Religionen aus ägyptischen Isis-Geheimkulten. .
Das Erstaunliche ist ja, dass es eine monotheistische Episode in Ägypten wirklich gegeben hat, unter Echnaton (und Nofretete), diese Epoche aber erst im 19. und 20. erforscht wurde, Schiller also unbekannt war!

Was ich damit sagen will: Etwas rückwärtsgewandt war die Schillersche Ballade um den Enthüllungsfrevel schon. >:D

Etwas nur?  ;D

Nachdem das Gedicht nicht anti-aufklärerisch sein durfte, bin ich vorsichtig geworden. :angel:
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 14. Oktober 2013, 19.20 Uhr
Das Problem mit "vorwärts" und "rückwärts" ist, dass das eine lineare Progression in immer ein und dieselbe Richtung suggeriert. Was aber, wenn das menschliche Denken sich im Kreis dreht? Oder mäandert oder eher mit einer Spirale oder auch mit einer Wendel zu vergleichen ist? Hamann gilt als der Renegat der Aufklärung, der nach seinem Erweckungserlebnis in London die Aufklärung zugunsten des alten Christentums verworfen hat. Man kann ihn aber auch so interpretieren, dass er die Aufklärung über sich selber hinaus weiter gedacht hat - und wieder beim Glauben gelandet ist. Kierkegaard wäre ein ähnlicher Fall. Und auch der Deutsche Idealismus ist m.M.n. in vieler Hinsicht die Vollendung oder Weiterführung der Aufklärung - wenn auch auf eine Art und Weise, die den Hard-Core-Aufklärern in Berlin unheimlich war. (Womit wir wieder dort wären, dass man das Bild der Isis nicht aufdecken dürfte... :) )
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 14. Oktober 2013, 21.06 Uhr
... der Deutsche Idealismus ist m.M.n. in vieler Hinsicht die Vollendung oder Weiterführung der Aufklärung ...

Weiterführung ja, aber Vollendung? An welchem "idealistischen" Philosophen machst Du das fest? Am ehesten wohl noch an Schiller und Fichte, oder? Denn mit Schelling und Hegel wird die Sache doch endgültig nebulös. Und antiaufklärerisch.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 14. Oktober 2013, 22.05 Uhr

Quote from:  sandhofer« am: Heute um 19:20
Das Problem mit "vorwärts" und "rückwärts" ist, dass das eine lineare Progression in immer ein und dieselbe Richtung suggeriert. Was aber, wenn…

Vollkommen deiner Meinung! Gute Beispiele!
Die Problematik des Begriffs rückwärtsgewandt war mir wohl bewusst. Mir fiel kein besserer ein. Gut, ich könnte auch sagen, das Gedicht fordert dazu auf, blind zu glauben bzw. in selbstverschuldeter Unmündigkeit zu verharren. :angel: Und jetzt sag bitte nicht, Unmündigkeit sei im Grunde (über sich selbst hinaus gedachte) Freiheit. ;D Das wäre Neusprech.

Quote from: Sir Thomas« am: Heute um 21:06
...Vollendung? An welchem "idealistischen" Philosophen machst Du das fest? Am ehesten wohl noch an Schiller und Fichte, oder?

Kant.

Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 15. Oktober 2013, 07.08 Uhr
Weiterführung ja, aber Vollendung?

"Vollendung" im Sinne einer intrinsisch (oder meinethalben auch nur psychologisch) notwendigen Konsequenz.

Quote from: Sir Thomas« am: Heute um 21:06
...Vollendung? An welchem "idealistischen" Philosophen machst Du das fest? Am ehesten wohl noch an Schiller und Fichte, oder?

Kant.

Yep. Schiller und nun gar Fichte drehten die Schraube schon wieder einen Tick weiter.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 19. Oktober 2013, 10.09 Uhr
Ich habe mit Herr Lorenz Stark begonnen. Aber irgendwie habe ich in Erinnerung, dass wir hier schon wieder so eine moralinsaure Erzählung vor uns haben, wie wir sie gerade mit den Unterhaltungen hinter uns hatten. Ich werde sie wohl überschlagen. Dafür freue ich mich aufs einzig interessante Stück der Unterhaltungen, das Mährchen.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 19. Oktober 2013, 21.36 Uhr

Ich habeI /X vor zwei Wochen schon gelesen. :angel:  Es handelt sich um die ersten vierzehn Kapitel des als „Charaktergemälde“ angelegten Familienromans „Herr Lorenz Stark“ von Johann Jacob Engel. Ja, von jenem Engel, dessen hagiographische Erzählung  Die Entzückung des Las Casas wir uns bereits zu Gemüte führen durften. Wie ich damals anmerkte, hat Engel ( er ist der bislang älteste  Horen-Beiträger) ein recht interessantes Leben geführt, war Schauspieler, Philosoph und Literat, Prinzenerzieher und Lehrer der Humboldtbrüder, Theaterleiter usw - eine originelle Persönlichkeit. Insofern war ich  gespannt auf den Roman. Engel soll auch Grundlegendes in bezug auf Erzähltheorien und -technik entwickelt haben. Es gibt sogar eine Zürcher Dissertation aus den 9oern, die sich mit Engels „innovativer Narration“ o.ä. beschäftigt.

Nun ja, der Anfang des Romans ist nicht so vielversprechend und kommt, wie sandhofer anmerkt, etwas moralinsäuerlich daher. Aber es wird dann besser, der auktoriale Erzähler nimmt sich teilweise zurück und macht der personalen Erzählweise Platz, durch die der anfangs als geradlinig und moralisch einwandfrei geschilderte alte Herr nun eher als starrsinniger Pedant erscheint, dann wieder als listiger, psychologisch gewiefter Taktiker . Hier ist durchaus erzählerische Ironie im Spiel.
Übrigens fehlt am Ende der Sequenz das sonst übliche Fortsetzung folgt. Stattdessen ist noch schnell der nächste Beitrag (Der rauschende Strom) auf die Seite gequetscht. Seltsame redaktionelle Entscheidung. Ich habe nachgeschaut: Im 76er Jahrgang geht’s dann weiter mit dem Roman.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 23. Oktober 2013, 11.59 Uhr
Quote from: Sir Thomas« am: Heute um 21:06
...Vollendung? An welchem "idealistischen" Philosophen machst Du das fest? Am ehesten wohl noch an Schiller und Fichte, oder?

Kant.

Der wird mWn. nicht zu den Idealisten gezählt, obwohl man sich darüber wohl lang und ausführlich streiten kann (wozu ich eher nicht tendiere).
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 23. Oktober 2013, 13.53 Uhr
Quote from: Sir Thomas« am: Heute um 21:06
...Vollendung? An welchem "idealistischen" Philosophen machst Du das fest? Am ehesten wohl noch an Schiller und Fichte, oder?

Kant.

Der wird mWn. nicht zu den Idealisten gezählt...

Die Freie Enzyklopädie wikipedia u.a. tut’s aber:

Der Deutsche Idealismus war um die Wende des 18. zum 19. Jahrhundert in Deutschland die vorherrschende philosophische Strömung, die sich zur Aufgabe gesetzt hatte, in einem die verschiedenen philosophischen Sparten (Erkenntnistheorie, Logik, Naturphilosophie, Ethik, Staatslehre und Metaphysik) umfassenden Gesamtentwurf („System“) das Ganze der Welt auf „wissenschaftliche“ Weise erschöpfend zu erkennen und darzustellen. Der Deutsche Idealismus war ein epochales Geschehen und übt seinen Einfluss in der Geschichte der neueren Philosophie bis heute aus.
Beginn und Ausgangspunkt des Deutschen Idealismus stellt die Philosophie Immanuel Kants dar…
:opa:
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 23. Oktober 2013, 14.00 Uhr
Beginn und Ausgangspunkt des Deutschen Idealismus stellt die Philosophie Immanuel Kants dar… [/i]:opa:

Diese Sicht kann man vertreten, muss man aber nicht. Zitierfähig ist wikipedia ohnehin nicht, was verständlich ist angesichts der immer noch vorhandenen Manipulationsmöglichkeiten.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 23. Oktober 2013, 20.04 Uhr
Kenney fasst "Hume bis Hegel" zusammen.  ;)
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 23. Oktober 2013, 20.30 Uhr
Kenney fasst "Hume bis Hegel" zusammen.  ;)

Dieser Mensch muss Engländer sein. Die haben einen derartigen Humor ...  :cherie:
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: orzifar on 24. Oktober 2013, 03.01 Uhr
Beginn und Ausgangspunkt des Deutschen Idealismus stellt die Philosophie Immanuel Kants dar… [/i]:opa:
Diese Sicht kann man vertreten, muss man aber nicht. Zitierfähig ist wikipedia ohnehin nicht, was verständlich ist angesichts der immer noch vorhandenen Manipulationsmöglichkeiten.

Also m. E. geht man kein allzu großes Risiko damit ein, Kant als Idealisten zu bezeichnen.  Und die wikipedia befindet sich mit dieser ihrer Einschätzung in durchaus guter Gesellschaft. Auch der Ritter (hist. Wörterbuch der Philosophie) oder der Metzler sind dieser Meinung. Und mir fiele auch kein plausibler Grund ein, dieser Zuordnung zu widersprechen. (So schlecht ist die wiki im übrigen nicht - bei allen Vorbehalten: Auch andere Lexika sind vor Fehlern nicht gefeit.)

lg

orzifar

Ritter, dt. Idealismus:

1. jene Epoche deutscher Philosophie, die durch Kant ihren thematischen Bestand, auch ihren methodischen Ansatz erhält und mindestens in Deutschland Philosophie überhaupt synonym werden läßt mit den Systemen zwischen Kant und Hegel. Kennzeichnend für die früheren, zum Teil noch zeitgenössischen Darstellungen dieser Epoche ist die ziemlich feste Begrenzung und nur namentliche Bezeichnung derselben durch Kant und Hegel.
[Historisches Wörterbuch der Philosophie: Idealismus, Deutscher. HWPh: Historisches Wörterbuch der Philosophie, S. 11378
(vgl. HWPh Bd. 4, S. 35)]

2. thematischer Sammelbegriff für die Philosophie jener Denker, die in Anknüpfung an und in Auseinandersetzung mit Kant, aber auch untereinander eine «Philosophie des Geistes» entwickelt haben, die in Hegels System ihren Abschluß fand. Die Stellung Kants in diesem Zusammenhang wird verschieden gesehen. Wer Hegel für maßgeblich erklärt, wird Kant als den Anfang begreifen, dessen Ende Hegel ist.
[Historisches Wörterbuch der Philosophie: Idealismus, Deutscher. HWPh: Historisches Wörterbuch der Philosophie, S. 11379
(vgl. HWPh Bd. 4, S. 35)]

Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 24. Oktober 2013, 12.01 Uhr
Liebe Horen-Mitleser!

Kann mir einer von euch verraten, aus welchem Grund der Zweizeiler Der Strom(X, II), außer dass er aus Herders Feder stammt, was der arme zeitgenössische Leser ja zunächst mal nicht wissen konnte, es in die Horen geschafft hat? Kann jemand dem mMn sprachlich holprigen und in der Aussage nebulös bis belanglosen Text irgend etwas abgewinnen?

Für ernst gemeinte Zuschriften wäre dankbar

Gontscharow
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 24. Oktober 2013, 21.01 Uhr
Kenney fasst "Hume bis Hegel" zusammen.  ;)

Dieser Mensch muss Engländer sein. Die haben einen derartigen Humor ...  :cherie:

Insofern, als dass jeder von denen der jeweiligen Meinung war, seine Vorgänger zu vervollkommnen, weiterzuentwickeln und/oder zu ergänzen, lässt sich das m.M.n. sogar vertreten. Erst die "logische Revolte" eines Moore, eines Russell und eines Whitehead war dann gegen die (englischen) Hegelianer gerichtet, also bewusste Abgrenzung. (Wittgenstein, der Österrreicher, wird von den Engländern auch dieser Revolte zugerechnet, aber Wittgenstein kommt aus einer andern Tradition...)

Kann mir einer von euch verraten, aus welchem Grund der Zweizeiler Der Strom(X, II), außer dass er aus Herders Feder stammt, was der arme zeitgenössische Leser ja zunächst mal nicht wissen konnte, es in die Horen geschafft hat? Kann jemand dem mMn sprachlich holprigen und in der Aussage nebulös bis belanglosen Text irgend etwas abgewinnen?

So ans Ende vom Engel gepropft, wirkt er wie eine indirekte Kritik am Elaborat des vorhergehenden Autors. Oder eines am Proklos, den ja, wenn ich mich nicht täusche, Herder übersetzt hat?
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 24. Oktober 2013, 23.51 Uhr

Kann mir einer von euch verraten, aus welchem Grund der Zweizeiler Der  Strom(X, II), außer dass er aus Herders Feder stammt, was der arme zeitgenössische Leser ja zunächst mal nicht wissen konnte, es in die Horen geschafft hat? Kann jemand dem mMn sprachlich holprigen und in der Aussage nebulös bis belanglosen Text irgend etwas abgewinnen?

So ans Ende vom Engel gepropft, wirkt er wie eine indirekte Kritik am Elaborat des vorhergehenden Autors. Oder eines am Proklos, den ja, wenn ich mich nicht täusche, Herder übersetzt hat?

 O.k.als Kritik am eigenen Gebrabbel mag Der rauschende Strom gerade noch durchgehen.;D
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 25. Oktober 2013, 07.04 Uhr
O.k.als Kritik am eigenen Gebrabbel mag Der rauschende Strom gerade noch durchgehen.;D

Ob's allerdings von Herder so gemeint war?  >:D
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 25. Oktober 2013, 15.04 Uhr
Wie Die Geburt des Apollo (IX,III ) von Goethe ist die Pallas-Athene(X,III) von Herder die Übertragung eines antiken Hymnus ins antikisierende Hexameter-Deutsch der deutschen Klassik . Da ich  wie bei Goethes Text mir nicht  die Mühe gemacht habe, den bearbeiteten griechischen Text im Original zu lesen, ist Eigenleistung und Grad der Veränderung bzw. Anverwandlung durch den deutschen Horenbeiträger schwer oder nicht einzuschätzen. Wie mir bei der Veröffentlichung dieser Nachdichtungs-Texte in den Horen ohnehin nicht ganz klar ist, ob philologisch historisches Interesse im Vordergrund steht oder sie literarische Adaptationen, „Einverleibungen“  der griechischen Antike in die deutsche Literatur darstellen sollen. Während aber der Untertitel der Goethischen Übertragung sehr vage gefasst ist, so dass man das Gedicht für ein originäres goethisches Erzeugnis halten könnte, gibt Herder den Autor der Vorlage, den Neuplatoniker Proklos, an und versieht den Hymnus mit einer ausführlichen Fußnote über den Originaltext. Am Ende warnt er den Leser:

Da der Gesang von Proklus, mithin aus späten Zeiten: so wird man in ihm die fröhliche Einfalt der Homerischen Hymnen nicht erwarten. Er ist gelehrt, orpheisch, theurgisch.

Da ist es wieder das Diktum von der „heiteren Antike“, dabei war ja, wie wir feststellten, der von Goethe übertragene homerische Apollon-Hymnus alles andere als fröhlich einfältig: ein kreißendes Meer, das Inseln gebirt* als Hintergrund für die schwere tagelang andauernde Geburt Apollons. „Archaisch“, Dein Ausdruck dafür, sandhofer, in der Zusammenfassung  im blog, fand ich sehr passend.
______________________________
*Das gibt’s übrigens nicht nur im Mythos. Am Tag als ich die Geburt des Apollo las, kam in den Nachrichten die Meldung, dass im Indischen Ozean eine neue Insel wie aus dem Nichts aufgetaucht sei.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 27. Oktober 2013, 20.56 Uhr
Wie mir bei der Veröffentlichung dieser Nachdichtungs-Texte in den Horen ohnehin nicht ganz klar ist, ob philologisch historisches Interesse im Vordergrund steht oder sie literarische Adptationen, „Einverleibungen“  der griechischen Antike in die deutsche Literatur darstellen sollen.

Bei Schiller und Goethe wohl eher letzteres, bei Herder ersteres.

Auch Herder zu Ossian ist philologisch-historisch motiviert. Man spürt bei Herders Aufsatz so richtig, dass er zwar gern an Ossian glauben würde - es aber nicht so ganz kann. Rezeptionsgeschichtlich nur schon deshalb merk-würdig. Auch, weil es Herders feines Gespür für die Echtheit von Volksgut beweist.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 28. Oktober 2013, 20.29 Uhr
Und der Höhepunkt dieser Ausgabe: Das Märchen.

Was zum Kuckuck hat Goethe hier geritten? Kein umständliches Juristen- und Verwaltungsbeamtendeutsch. Eine Erzählung - einfach so. Ohne moralinsaures Gedöns. M.a.W.: Das Mährchen. Besser hätte es auch Freund Wieland nicht hingebracht.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 29. Oktober 2013, 11.18 Uhr

Und der Höhepunkt dieser Ausgabe: Das Märchen.

Moment! ;D Eins nach dem anderen. Jetzt ist erstmal X, IV, Schillers doch gar nicht so unbedeutender Spaziergang dran. Er klingt wie eine Vorstudie zur Glocke.  Denn ähnlich wie später die Glocke ist der Spaziergang eine lyrische Vergegenwärtigung bzw Illustrierung der Geschichte der Zivilisation und das Hohe Lied bürgerlicher Gesittung, nur dass das hier- eigentlich zunächst mal nicht unattraktiv - alles anhand eines didaktischen Spaziergangs durch Feld und Wald, vom Land in die Stadt usw abgespult wird.
 
Ich will ganz ehrlich sein: Ich habe mich schrecklich bei diesem Spaziergang gelangweilt. Immer wieder schweiften meine Gedanken ab , immer wieder musste ich mich zwingen bei der Stange zu bleiben. Uuaah…dieser schulmeisterlich priesterliche Ton, die Betulichkeit, die biedermeierlich belanglosen und vorhersehbaren Inhalte, pompös sprachlich ausgeschmückt und im getragenen Rhythmus des Hexameters. Kein Substantiv ohne schmückendes Epitheton, meist lächerlich vorhersehbar wie die säuselnde Linde, der grünende Wald, die ambrosische Nacht und die geschäftige Biene. Und dann dieses Redundante, das kein- Ende- finden-können dieses lyrischen Beglückungsversuchs…

War ich auf dem Holzweg? Wie geht es euch mit dem Gedicht? Könnt Ihr ihm etwas abgewinnen?
Bei den Schlegels soll man sich ja bei der Erstlektüre der Glocke vor Lachen gekugelt haben. Wäre mMn auch hier die richtige Reaktion. Vielleicht tu ich Schiller unrecht. Im Klassikerforum outeten sich vor einiger Zeit einige als Liebhaber der Glocke … vielleicht kann man auch den Spaziergang lieben?


Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 29. Oktober 2013, 11.52 Uhr
Wie geht es euch mit dem Gedicht? Könnt Ihr ihm etwas abgewinnen?

Nein. Das ist Quark, genau wie "Die Glocke". Die gesamte Oktober-Ausgabe ist gähnend langweilig, ein weiterer Tiefpunkt. Selbst Goethes oft gelobten "Märchen" kann ich nichts abgewinnen. Gut, dass im November Schillers Aufsatz über die naiven und sentimentalischen Dichter beginnt.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 29. Oktober 2013, 19.30 Uhr
X,V  Homer und Ossian von  Johann Gottfried Herder

In seiner Schrift Auszug aus einem Briefwechsel über  Ossian und die Lieder alter Völker von 1773 hatte sich Herder bereits mit den von Mac-Pherson angeblich gesammelten und zusammengetragenen Gesängen des Ossian, eines legendären Barden aus gälischer Vorzeit,  auseinandergesetzt  und auch  schon die Echtheit der Lieder angezweifelt. Gleichwohl  löste dieser Text , der zu den grundlegenden des Sturm und Drang gehört, eine Ossian-Begeisterung in Deutschland aus, die z.B im Werther ihre Spuren hinterließ, und die Produktion von Gedichten im Volksliedton, von Natur- und Geisterballaden anschob …
Hier nun, rund 20 Jahre später, scheint Herders Begeistergung für Ossian ungebrochen, wenn er sich auch wundert, dass die englisch/schottische "Philologie und Ethnologie" (sag ich jetzt mal so) es  seit der Entdeckung Ossians durch Mac-Pherson nicht zu Wege gebracht hat, Klarheit in die für die "Nationaltradition" wichtige  Echtheitsfrage zu bringen. Das Thema Nationalliteratur klingt an. Herder vergleicht mit Homer. Der habe  am Anfang der griechischen Geschichte u.a.  die erste gemeinsame Kriegsunternehmung Griechenlands beispielhaft besungen, ein Werk geschaffen, auf das man sich in der Folgezeit immer wieder beziehen konnte, das identitäts- und gemeinschaftsstiftend war etc. Ganz anders die mehr individualistisch subjektive, fragmentarische nordische Dichtung...
Herder in seinem Element! Sehr schön, wie er dem allen nachspürt und es anschaulich und inspirierend rüberzubringen versteht. 
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 29. Oktober 2013, 19.38 Uhr
[...] wenn er sich auch wundert, dass die englisch/schottische "Philologie und Ethnologie" (sag ich jetzt mal so) es  seit der Entdeckung Ossians durch Mac-Pherson nicht zu Wege gebracht hat, Klarheit in die für die "Nationaltradition" wichtige  Echtheitsfrage zu bringen.

Herder hätte wohl die Echtheit gewünscht, aber irgendwo hinten links fühlte der sensible Literaturkritiker, dass "Ossian" zu romantisch war, um echt zu sein. Samuel Johnson hat schon 1762 oder 1763 die Echtheit der Lieder verneint. Allerdings hat das Publikum wenig davon mitgekriegt. Herder, falls er es wusste, hat wohl Johnsons rüden Ton und dessen Behauptung, dass Gälisch eh nur eine Sprache von Barbaren sei, nicht goutiert und sich nur schon deshalb auf die Seite der Vertreter der Echtheit gestellt.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 29. Oktober 2013, 20.05 Uhr
Selbst Goethes oft gelobten "Märchen" kann ich nichts abgewinnen.

Ja? Einer der besten Texte Goethes - seine Lyrik inbegriffen. Sprachlich wie inhaltlich kommt hier Goethe so locker daher wie sonst kaum seit seiner Sturm-und-Drang-Zeit.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 30. Oktober 2013, 20.13 Uhr

Mit Goethes Märchen ging es mir  so: Vor langer Zeit gelesen, weil man’s gelesen haben musste, also eher der Pflicht gehorchend als dem inneren Triebe,  konnte ich mit dem Text nicht viel anfangen und war ziemlich ratlos, was dieser undurchdringliche Wirrwarr von offenkundig symbolischen und bedeutungsvollen Anspielungen mir sagen wollte.
Bei erneuter Lektüre vor einiger Zeit ohne Anspruch, irgend etwas verstehen oder deuten zu sollen oder zu müssen, breitete sich eine unglaubliche Ruhe in mir aus. Das Märchen wirkte wie eine Meditation, ein großes Oohm, ein Alles- wird- gut auf mich. Vielleicht war es das Versprechen des Rahmenerzählers, das Märchen werde den Zuhörer an alles und nichts erinnern. Wie in Träumen Absurdes und Widersinniges einem ganz selbstverständlich und stimmig erscheint,  hat man auch bei  dieser rätselhaften Geschichte - nicht nur die Personen sind ein Rätsel, sie bewegen sich in einer rätselhaften Landschaft, handeln rätselhaft und gehen mit rätselhaften Dingen um - das Gefühl alles passt und fügt sich. Wie Goethe das hinkriegt, ist mir ein Rätsel. Er schreibt im Nachhinein -1796 - denn auch an Wilhelm von Humboldt: Es war freilich eine schwere Aufgabe, zugleich bedeutend und deutungslos zu sein.
 Natürlich ist es ein Spiel mit bekannten Motiven aus Märchen, Mythos und Sage: Der Fährmann, der einen nur hinübersetzen kann, aber nicht zurück, die weise gute Schlange, der Goldregen, der Gründungsmythos u.v.m. Eigentlich alles kommt einem bei aller Rätselhaftigkeit  doch wieder irgendwie bekannt vor. Der Märchenerzähler hat schon recht, man fühlt sich an alles und nichts erinnert. Übrigens gibt es auch Reminiszenzen an Goethe und Umfeld: Mops und Kanarienvogel z.B.
Was mir besonders gefällt, ist das Jonglieren mit paradoxen Aussagen und Sprüchen:
„Warum kommst du [mit einer Lampe], da wir Licht haben?“ fragte der goldene König. – „Ihr wißt, daß ich das Dunkle nicht erleuchten darf.“
Oder:Indessen sagte der goldne König zum Manne: „Wieviel Geheimnisse weißt du?“ – „Drei,“ versetzte der Alte. „Welches ist das wichtigste?“ fragte der silberne König. „Das offenbare,“ versetzte der Alte. „Willst du es auch uns eröffnen?“ fragte der eherne.
Dialoge wie aus Alice in Wonderland und manchmal eine Atmosphäre wie im Sommernachtstraum und dann wieder wie bei einem vom Hofmann Goethe inszenierten  ländlichen Gartenfest…
Im September 1795 schreibt Goethe  an Schiller :
Selig sind die da Märchen schreiben, denn Märchen sind a l'ordre du jour.
Er hält es für das  Gebot der Stunde, im Märchen die Phantasie über die Widrigkeiten der Realität und  besonders der Politik triumphieren zu lassen - genau wie der alte Geistliche in den Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten, der mit seinen Erzählungen nun am Ende ist. :opa: 
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 31. Oktober 2013, 09.54 Uhr
Quote from:  sandhofer
« am: 29. Oktober 2013, 20.05 Uhr
Und der Höhepunkt dieser Ausgabe: Das Märchen.

…. Eine Erzählung - einfach so. Ohne moralinsaures Gedöns. M.a.W.: Das Mährchen. Besser hätte es auch Freund Wieland nicht hingebracht.

Ich würde mal sagen, er hätte es gar nicht hingebracht. Wäre ein solcher Text von Wieland vorstellbar? Ich meine, nein. Korrigier mich, wenn ich irre. Goethes Text ist vergleichsweise modern, auf jeden Fall experimentell.  Eine „Erzählung“ gegen jede Erzähltradition ohne eigentlichen Plot, auch wenn wundersame Dinge passieren, keine  Erzählhandlung mit Höhepunkt , Peripetie u. ä.,  keine Protagonisten. Eigentlich ein  oder mehrere Tableaux, lebende Bilder. Das Ende - die Unterquerung des Flusses durch den Tempel und sein sich an die Oberfläche-Drücken am anderen Ufer sowie die Metamorphose der Fährmannshütte zum Altar  nimmt  sprachlich narratorisch die special effects des Fantasy-Kinos vorweg.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 31. Oktober 2013, 20.52 Uhr
Ich würde mal sagen, er hätte es gar nicht hingebracht. Wäre ein solcher Text von Wieland vorstellbar? Ich meine, nein. Korrigier mich, wenn ich irre.  Goethes Text ist vergleichsweise modern,  auf jeden Fall experimentiell. 

Hm ... Wieland war im Grunde genommen moderner als Goethe, auch was seine Erzähltechnik betrifft. Was Wieland noch zusätzlich gebracht hätte, ist die ironische Distanzierung des Erzählers von seiner Erzählung, die fehlt bei Goethe völlig. Aber Wielands "Mährchen" sind ähnlich bedeutungs- und handlunglos. Einfach Spass an der Freude.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 31. Oktober 2013, 22.02 Uhr
Ich würde mal sagen, er hätte es gar nicht hingebracht. Wäre ein solcher Text von Wieland vorstellbar? Ich meine, nein. Korrigier mich, wenn ich irre.  Goethes Text ist vergleichsweise modern,  auf jeden Fall experimentell. 

Hm ... Wieland war im Grunde genommen moderner als Goethe, auch was seine Erzähltechnik betrifft. Was Wieland noch zusätzlich gebracht hätte, ist die ironische Distanzierung des Erzählers von seiner Erzählung, die fehlt bei Goethe völlig. Aber Wielands "Mährchen" sind ähnlich bedeutungs- und handlunglos. Einfach Spass an der Freude.

Hm... auf welche Wielandschen Texte beziehst du dich? Auf die Märchen?  Du schreibst über sie im blog vom 12. Oktober 2013:

Wielands Märchen bzw. Liebesromane sind meiner Meinung nach nur darum auf die Nachwelt gekommen, weil sie eben von Wieland vorgetragen worden sind. [...] aber auch inhaltlich bieten diese Texte nichts Aufregendes. [...] der Inhalt in seiner Mischung von Empfindsamkeit und Ironie vermochte sowohl das einfacher gestrickte Publikum anzuziehen[...] Und weiter:
Für den heutigen Leser sind die Verwicklungen, die Wieland entwirft, eher Mühsal zu lesen; [...] Kein Wunder, sind diese Texte heute praktisch unbekannt.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 01. November 2013, 14.14 Uhr
Quote from:  Gontscharow Gestern um 22:02
...auf welche Wielandschen Texte beziehst du dich?

Wie dem auch sei, was ich sagen wollte: Goethe scheint mit seinem bedeutend-bedeutungslosen, spielerisch allegorischen - ich möchte fast sagen- abstrakten Text literarisch Neuland betreten zu haben und ziemlich allein dazustehen. Wie gesagt, kann mich irren, man belehre mich eines besseren.
Übrigens sind es nicht nur märchenhafte und mythologische Motivrudimente, nicht nur zeitgenössische bürgerlich höfische Spurenelemente(wie Mops und Canari),  die durch die Erzählung irrlichtern, sondern auch solche der Erd- und Naturgeschichte, der Historie, Philosophie, der Politik und  der Utopie. Denn wenn es schon keinen einzelnen Protagonisten gibt, so bildet  die anwesende Personnage inklusive Irrlichter am Ende so etwas wie den Grundstock eines Gemeinwesens, (später kommt  dann plötzlich auch noch (jubelndes)“Volk“ hinzu), dem ein Tempel und eine Brücke wird … Vorher aber gibt es dann doch noch so etwas wie Moral und den Blick in die rosige Zukunft. Der Mann mit der Lampe gibt die Devise aus:
 
Wir sind zur glücklichen Stunde beisammen, jeder verrichte sein Amt, jeder tue seine Pflicht, und ein allgemeines Glück wird die einzelnen Schmerzen in sich auflösen, wie ein allgemeines Unglück einzelne Freuden verzehrt.

Tja, im Mährchen kann man viel erzählen…

Zurück zu den Horen und zu den Unterhaltungen...  Enden sie wirklich mit dem Märchen? Zugegeben, es ist ein machtvoller Schlussakkord!  Ein Triumph der Phantasie und der Schönheit. Ganz im Sinne der Ästhetischen Erziehung. Aber was ist mit dem Rahmen? Bleibt er offen? Zumindest so etwas in der Art wie Und wenn sie nicht gestorben sind, warten sie noch immer auf die Rückkehr auf ihre linksrheinischen Besitzungen… wäre uns der Chef-Erzähler doch schuldig… Ich muss mal in einer Goethe-Ausgabe nachschlagen.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 01. November 2013, 20.24 Uhr
Hm... auf welche Wielandschen Texte beziehst du dich? Auf die Märchen?  Du schreibst über sie im blog vom 12. Oktober 2013:

Wielands Märchen bzw. Liebesromane sind meiner Meinung nach nur darum auf die Nachwelt gekommen, weil sie eben von Wieland vorgetragen worden sind. [...] aber auch inhaltlich bieten diese Texte nichts Aufregendes. [...] der Inhalt in seiner Mischung von Empfindsamkeit und Ironie vermochte sowohl das einfacher gestrickte Publikum anzuziehen[...] Und weiter:
Für den heutigen Leser sind die Verwicklungen, die Wieland entwirft, eher Mühsal zu lesen; [...] Kein Wunder, sind diese Texte heute praktisch unbekannt.

Die andern Märchen hatte ich schon wieder verdrängt. Ich dacht v.a. an den Oberon.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 01. November 2013, 20.28 Uhr
Zurück zu den Horen und zu den Unterhaltungen...  Enden sie wirklich mit dem Märchen?

Es wird ebenso unvermutet angesetzt und bricht ebenso unvermutet die Unterhaltungen ab, ja.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 01. November 2013, 22.19 Uhr
Zurück zu den Horen und zu den Unterhaltungen...  Enden sie wirklich mit dem Märchen?

Es wird ebenso unvermutet angesetzt und bricht ebenso unvermutet die Unterhaltungen ab, ja.

Nö. Eigentlich hebt das ganze mit einer  recht ausführlichen, behäbigen Exposition an:

In jenen unglücklichen Tagen, welche für Deutschland, für Europa, ja für die übrige Welt die traurigsten Folgen hatten, als das Heer der Franken durch eine übelverwahrte Lücke in unser Vaterland einbrach, verließ eine edle Familie ihre Besitzungen in jenen Gegenden und entfloh über den Rhein, um den Bedrängnissen zu entgehen, ….
Die Baronesse von C., eine Witwe von mittlern Jahren, erwies sich ….


Die Umstände, warum die Familie fliehen muss, werden geschildert, die Personen werden einzeln vorgestellt, von den Streitigkeiten wird berichtet, die der Anlass dafür sind , dass Geschichten zur Ablenkung erzählt werden, jede Erzählung wird von den Zuhörern kommentiert usw. Nur nach der letzten Geschichte, dem Märchen, hören wir nichts mehr von der Familie, der Rahmen bleibt offen -  ein Konstruktionsfehler! Hatte Goethe keine Lust mehr? Ich habe mal im Decamerone nachgeguckt. Es endet so:

Mit Tagesanbruch standen sie wieder auf und kehrten … nach Florenz zurück…

Gut, im Oktober 1795 (Erzählzeit und erzählte Zeit der Rahmenhandlung decken sich bei Goethe witzigerweise in etwa oder sind nicht weit voneinander entfernt) war dieGefahr noch nicht gebannt (im Florenz der Decamerone- Rückkehrer im übrigen auch nicht), Goethe konnte also von keiner glücklichen Rückkehr berichten, trotzdem hätte er ein Ende in irgend einer Form  finden und den Kreis schließen müssen.

__________________________________ _

Damit alles seine Richtigkeit hat, nun noch schnell X,VII: Leukothea’s Binde, den finalen Zweiteiler von Herder. Es handelt sich um keine Augenbinde, wie es gut zur Schulthematik passen würde, sondern ist eine Art magischer Schwimmgürtel, der Odysseus von der Meeresgöttin verliehen wurde, als er in ihrem Gebiet Schiffbruch erlitt, mit der Bedingung, ihn - einmal an Land -  wieder ins Wasser zurückzuwerfen.  Gar nicht so schlecht, die kleine Parabel, die ich hiermit Sir Thomas ans Herz legen möchte. ;)
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 02. November 2013, 08.43 Uhr
Nö. Eigentlich hebt das ganze mit einer  recht ausführlichen, behäbigen Exposition an:

Ich meinte das Märchen innerhalb der Unterhaltungen ... => hier im Blog (http://blog.litteratur.ch/WordPress/?p=5020).  ;)
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 02. November 2013, 22.28 Uhr
Ich meinte das Märchen innerhalb der Unterhaltungen ... => hier im Blog (http://blog.litteratur.ch/WordPress/?p=5020).  ;)

Ja, das hatt’ ich mir gedacht. Aber mit  der unvollendeten Rahmenhandlung kann ich mich nach wie vor nicht abfinden. ??? Was wird aus den Personen? Im Unterschied zu den übrigen Leserundlern mag ich nämlich die Unterhaltungen, das zeitgeschichtlich nahe setting und die Personen: die lebenstüchtige, bornierte Baroness, ihre schräge Tochter, den jakobinischen Heißsporn Karl, den traurigen, insgeheim mit den Sansculotten sympathisierenden Hofmeister etc. Die sollen nun bis in alle Ewigkeit unerlöst auf ihre Rückkehr in die Heimat warten? Konsequenterweise hätte Goethe seinen Novellenkranz weiterspinnen müssen bis … die im Basler Frieden von 1795 Frankreich zugeschlagenen linksrheinischen Gebiete 1816, 1822 bzw.1871 wieder„frei“ kamen und die deutschen Ausgewanderten hätten  zurückkehren können. ;D
______________

Schön, dass  Engel mit seinem Lorenz Stark in der Zusammenfassung im Blog  doch noch  Gnade gefunden hat.
Quote from:  sandhofer im blog
…. stilistisch schreibt sich Engel, vor allem in den Dialogen, frei;

Er ist  schließlich Theatermensch.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 03. November 2013, 08.38 Uhr
Aber mit  der unvollendeten Rahmenhandlung kann ich mich nach wie vor nicht abfinden.

Kompositorisch war Goethe eine Nuss  >:D . Werther ist kein Briefroman (Die Liaisons dangereuses hätten Goethe zeigen können, was ein Briefroman ist und kann), die Wahlverwandtschaften sind eine aufgeblasene Novelle, kein Roman, Wilhelm Meisters Lehrjahre haben kein Ziel und keine Richtung (weshalb die Romantiker sie so schätzten!), die Wanderjahre sind ein Konvolut verschiedenster Ideen und Erzählungen ohne einen richtigen Anfang oder ein richtiges Ende ...
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 03. November 2013, 10.46 Uhr
11. Stück

Das Fest der Grazien.


Inhalt und Setting dieses kurzen Textzes machen klar, warum von allen Weimarer Klassikern Herder und nur Herder mit Jean Paul Freundschaft schliessen konnte: Es ist dieselbe hart an Larmoyanz grenzende Darstellung des "schlichten Lebens", dieselbe vordergründig simple, im Hintergrund mit Symbolen und Emblemen pädagogisch aufgeladene weltliche Religiosität - denn der christliche Gott wird in diesem Stück nirgends apostrophiert. (Jean Pauls Kampaner Tal erschien 1797!)

Daneben aber nur für Herder typische, bittere Wermutstropfen. Wenn er sagt, dass der Schüler, der seinen alten und an Fähigkeiten nachlassenden Lehrer verfolgt, selber schon das Kains-Zeichen der Nemesis auf der Stirn trage - wem kommt da nicht Herders Einschätzung seines Verhältnisses zu Goethe in den Sinn?

Jean Paul'sch dann wieder die Tatsache, dass Herder das simple Fest der Grazien nicht vorbei gehen lassen kann, ohne eine Fussnote mit einer gelehrten Exkursion zu den griechisch-antiken Grazien, inkl. Übersetzung Pindar'scher und Orphischer Hymnen.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 06. November 2013, 22.53 Uhr
Aber mit  der unvollendeten Rahmenhandlung kann ich mich nach wie vor nicht abfinden.

Kompositorisch war Goethe eine Nuss  >:D . Werther ist kein Briefroman (Die Liaisons dangereuses hätten Goethe zeigen können, was ein Briefroman ist und kann), die Wahlverwandtschaften sind eine aufgeblasene Novelle, kein Roman, Wilhelm Meisters Lehrjahre haben kein Ziel und keine Richtung (weshalb die Romantiker sie so schätzten!), die Wanderjahre sind ein Konvolut verschiedenster Ideen und Erzählungen ohne einen richtigen Anfang oder ein richtiges Ende ...

Ich mag den Werther, die Wahlverwandtschaften und auch die Lehrjahre sehr! Kompositorische Mängel habe ich nicht wahrgenommen, bzw. sie haben mich nicht gestört und scheinen mir - wenn überhaupt -  eher zum Charme der Werke beizutragen. :angel:
Das Fragmentarische der Rahmenhandlung in den Unterhaltungen dagegen hat mich zunächst irritiert. Aber es stimmt: das Märchen ist ein Fremdkörper innerhalb der Binnengeschichten, es fällt nicht nur thematisch und stilistisch aus dem Rahmen. …. es sprengt den Rahmen! Im wahrsten Sinne des Wortes.
Das Geschichten-Erzählen  in den Unterhaltungen soll nicht nur unterhalten und belehren, ist nicht nur Ablenkung vom Unbill der Gegenwart , es ist auch Anlass zu Geselligkeit und Gesprächskultur, die der verunsicherten Gesellschaft abhanden zu kommen drohen. Deshalb wird eifrig kommentiert und diskutiert . Das Mährchen jedoch, bar jeder Realitätsanbindung und Moral, als Werk der reinen Phantasie, des l’art pour l’art ist jedweder Erörterung enthoben! Was sollte die Baronesse, Hüterin des Schicklichen und des Mittelmaßes auch dazu sagen? Nicht einmal die Erzählerfigur, der Geistliche, tritt mehr in Erscheinung. Es ist als erzählte das Mährchen sich selbst. Goethe stiehlt sich nicht einfach davon. Er weiß, dass er nach dem erzählerischen Feuerwerk des Märchens nichts mehr folgen lassen kann und muss. Am 17.08.95 in derVorankündigung schreibt er an Schiller:

Das Mährchen. Ich würde die Unterhaltungen damit schließen, und es würde vielleicht nicht übel seyn, wenn sie durch ein Product der Einbildungskraft gleichsam in’s Unendliche ausliefen.

Es ist schon Ironie der Literaturgeschichte, dass Goethe mit den Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten die hochentwickelte romanische Novellistik der seriellen Narration in die deutsche Literatur  einführte, aber gleichzeitig das Genre in diesem ersten beispielhaften Erzählwerk ad absurdum führte und quasi implodieren ließ.

Zweimal wurde die Frage gestellt: Was hat Goethe geritten? Ich glaube, nach den Erzählungen, die so positiv nicht aufgenommen worden waren, wollte er’s dem Horenpublikum mal zeigen nach dem Motto: Wir können auch anders! Nach der Pflicht die Kür.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 07. November 2013, 15.58 Uhr
Ich mag den Werther, die Wahlverwandtschaften und auch die Lehrjahre sehr!

Ich mag sogar die Wanderjahre, vielleicht mehr noch als die andern Texte. Aber das heisst nicht, dass ich vor deren Mängel die Augen verschliesse.

Das Geschichten-Erzählen  in den Unterhaltungen soll nicht nur unterhalten und belehren, ist nicht nur Ablenkung vom Unbill der Gegenwart , es ist auch Anlass zu Geselligkeit und Gesprächskultur, die der verunsicherten Gesellschaft abhanden zu kommen drohen. Deshalb wird eifrig kommentiert und diskutiert . Das Mährchen jedoch, bar jeder Realitätsanbindung und Moral, als Werk der reinen Phantasie, des l’art pour l’art ist jedweder Erörterung enthoben! Was sollte die Baronesse, Hüterin des Schicklichen und des Mittelmaßes auch dazu sagen? Nicht einmal die Erzählerfigur, der Geistliche, tritt mehr in Erscheinung. Es ist als erzählte das Mährchen sich selbst. Goethe stiehlt sich nicht einfach davon. Er weiß, dass er nach dem erzählerischen Feuerwerk des Märchens nichts mehr folgen lassen kann und muss.

Ja.

Es ist schon Ironie der Literaturgeschichte, dass Goethe mit den Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten die hochentwickelte romanische Novellistik der seriellen Narration in die deutsche Literatur  einführte, aber gleichzeitig das Genre in diesem ersten beispielhaften Erzählwerk ad absurdum führte und quasi implodieren ließ.

Dennoch ist auch hier die Komposition schwach: Erzähler ist immer der Geistliche. Keine Abwechslung. Auch die Themen sind immer moralinsauer. Bis Goethe dann das Märchen anhängt...
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 07. November 2013, 20.50 Uhr
Quote from: sandhofer Heute um 15:58
Dennoch ist auch hier die Komposition schwach: Erzähler ist immer der Geistliche. Keine Abwechslung.

Nun ja, vor dem Mährchen werden sechs Geschichten erzählt. Die erste (Sängerin Antonelli) erzählt der Geistliche, die zweite (Klopfgeräusche) Fritz, die dritte und vierte (Schöne Krämerin und Der Schleier, beide nach Bassompierre)  Karl und die beiden letzten (Prokurator und Ferdinand) wieder der Geistliche.

Quote from: sandhofer Heute um 15:58
Auch die Themen sind immer moralinsauer….

Nein, nicht immer, die ersten vier Geschichten sind es nicht.
Title: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 08. November 2013, 11.46 Uhr
Die erste (Sängerin Antonelli) erzählt der Geistliche, die zweite (Klopfgeräusche) Fritz, die dritte und vierte (Schöne Krämerin und Der Schleier, beide nach Bassompierre)  Karl und die beiden letzten (Prokurator und Ferdinand) wieder der Geistliche. [...] Nein, nicht immer, die ersten vier Geschichten sind es nicht.

Da siehst Du mal, was hängen bleibt...  ::)
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 11. November 2013, 14.20 Uhr
Wir sind zwar schon im eilften Stück, ich erlaube mir dennoch einen kleinen Nachtrag zum Mährchen aus dem zehenten.
Beim Zurückblättern stellte ich nämlich fest, dass wir doch nicht so unvorbereitet mit dem Mährchen konfrontiert werden, wie dargestellt, dass uns sogar so etwas wie eine "Poetik" desselben präsentiert wird. Goethe spricht vom  Mährchen im Brief an Schiller als von einem Product der Einbildungskraft. Und genau von dieser Einbilgungskraft, heute würde man sagen Phantasie,  ist hier die Rede. Der Salonrevoluzzer und Anhänger der Mainzer Republik Karl -warum ausgerechnet er? - macht den Vorschlag,  dass ein Märchen erzählt werden solle und zwar mit folgender Begründung:

Wissen Sie nicht, sagte Karl zum Alten, uns irgendein Märchen zu erzählen? Die Einbildungskraft ist ein schönes Vermögen, nur mag ich nicht gern, wenn sie das, was wirklich geschehen ist, verarbeiten will; die luftigen Gestalten, die sie erschafft, sind uns als Wesen einer eigenen Gattung sehr willkommen; verbunden mit der Wahrheit bringt sie meist nur Ungeheuer hervor und scheint mir alsdann gewöhnlich mit dem Verstand und der Vernunft im Widerspruche zu stehen.

Er selbst als einer der Protagonisten der eng am Zeitgeschehen sich orientierenden "realistischen" Rahmenhandlung ist ein solches Ungeheuer. Hier ist wieder dieselbe Ironie am Werk wie bei der Baronesse, die als selbst in einem solchen Genre vorkommende Person verschachtelte Erzählungen im Stile von 1001 Nacht für ablehnenswert erklärt. Karl fährt fort:

 Sie [die Einbildungskraft] muß sich, deucht mich, an keinen Gegenstand hängen, sie muß uns keinen Gegenstand aufdringen wollen, sie soll, wenn sie Kunstwerke hervorbringt, nur wie eine Musik auf uns selbst spielen, uns in uns selbst bewegen, und zwar so, daß wir vergessen, daß etwas außer uns sei, das diese Bewegung hervorbringt.

Damit beschreibt er sehr schön, was beim Lesen des Märchens dann passiert, etwa  dass man den Eindruck gewinnt, das Märchen erzähle sich selbst.

 Als er zu weiterer Analyse des Phantastischen ansetzt, winkt der Geistliche nur müde ab. Es entziehe sich jedweder Regel …:
 
Fahren Sie nicht fort, sagte der Alte, Ihre Anforderungen an ein Product der Einbildungskraft umständlicher auszuführen. Auch das gehört zum Genuß an solchen Werken, daß wir ohne Forderungen genießen, denn sie selbst kann nicht fordern…….

Und er fährt noch ein Weilchen fort darüber zu schwadronieren, warum man darüber nicht schwadronieren sollte...
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 11. November 2013, 20.33 Uhr
Beim Zurückblättern stellte ich nämlich fest, dass wir doch nicht so unvorbereitet mit dem Mährchen konfrontiert werden,

Stimmt. Und dennoch fällt das Märchen vom Erzählhimmel wie ein Meteor - ohne direkte Einleitung, ohne nichts.

Hier ist wieder dieselbe Ironie am Werk wie bei der Baronesse, die als selbst in einem solchen Genre vorkommende Person verschachtelte Erzählungen im Stile von 1001 Nacht für ablehnenswert erklärt.

Ja. Wenn nur nicht der unsägliche Stil wäre. Diese Art von Ironie mag ich im Grunde genommen sehr...
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 12. November 2013, 20.17 Uhr
Im übrigen muss im 11. Stück jetzt Schiller 'ran. Das meiste scheinen aber Ge- bzw. Verlegenheitsgediche zu sein ...  :-\
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 13. November 2013, 11.25 Uhr
11. Stück

Das Fest der Grazien.


... Es ist dieselbe hart an Larmoyanz grenzende Darstellung des "schlichten Lebens", dieselbe vordergründig simple, im Hintergrund mit Symbolen und Emblemen pädagogisch aufgeladene weltliche Religiosität ...

Das Herdersche Grazien-"Konzept" ist hochnotpeinlich und übertrifft sogar Schillers nicht immer schlüssige Darstellung "Über Anmut und Würde" an hohlem Geschwafel. Dabei hätten beide nur das berühmte "Il libro del cortegiano" von Baldassare Castiglione (erschienen 1528) lesen müssen, um die eigene Hilflosigkeit zu erkennen. In diesem "Buch vom höfischen Mann" wird grazia als Kunst der schlüssigen Selbstpräsentation eindeutig von affettazione (Ziererei, Affektiertheit, Prahlerei) unterschieden. Das ist zwar ein sehr aristokratisches Konzept und nur bedingt auf die bürgerlichen Anforderungen des späten 18. Jahrhunderts übertragbar, aber immer noch sehr viel lebensnäher und psychologisch stimmiger als das Geschraube von Schiller und Herder.     
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 13. November 2013, 16.05 Uhr
Beim Zurückblättern stellte ich nämlich fest, dass wir doch nicht so unvorbereitet mit dem Mährchen konfrontiert werden,

Stimmt. Und dennoch fällt das Märchen vom Erzählhimmel wie ein Meteor - ohne direkte Einleitung, ohne nichts.


Ja und schmilzt im Verglühen auch den Erzählrahmen mit ein oder lässt, wie Goethe sich ausdrückt, die Unterhaltungen quasi  ins Unendliche auslaufen...
Aber das alles ist kompositorisch überlegt, gewollt und innerhalb der Erzählung vorbereitet, nicht willkürlich, beliebig, kein kompositorischer Fehler.. wie zunächst geargwöhnt. Goethe also kompositorisch doch keine Nuss - ich bin beruhigt!
 
Nicht nur das serielle Erzählen wird von den Romantikern aufgegriffen, auch  die - wie ich nun weiß - bewusst gewählte Form des Fragments deutet in Richtung Romantik.
________________

11.Stück Das Fest der Grazien (XI,I) von Johann Gottfried Herder


Dabei hätten beide nur das berühmte "Il libro del cortegiano" von Baldassare Castiglione (erschienen 1528) lesen müssen, um die eigene Hilflosigkeit zu erkennen. .     

Aha. Interessant. Das bestätigt meine Beobachtung, dass häufig Renaissance-Themen variiert im Klassizismus wieder auftauchen. Die Unterschiede  sind sehr aufschlussreich wie z. B. der zwischen der traditionsgeleiteten Moralität der Renaissance-Prokurator-Geschichte und der innengeleiteten der Goethischen.
Daher: Kleine  Castiglione-Leserunde und Vergleich mit der Grazien-Philosophie der Weimarer Klassik?

Was mich am Herderschen Artikel vor allem erbost sind Sätze wie diese:
 
Ich freuete mich, in ihm die schönsten Gesänge der Dichter alter und neuer Zeiten zu finden, die diese drei Huldinnen des menschlichen Geschlechts besungen hatten, kein einziges entehrendes Lied des Bacchus, Mars oder der sinnlichen Venus fand ich darunter
 
Ja, alles Dunkle, Rauschhafte und Libidinöse wird ausgespart  in der Herderschen Spießer-Antike…
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 17. November 2013, 17.45 Uhr
Ja, alles Dunkle, Rauschhafte und Libidinöse wird ausgespart  in der Herderschen Spießer-Antike…

Nicht nur bei Herder. Schillers Über die Gefahr ästhetischer Sitten zielt in die nämliche Richtung. (Schiller nimmt bezeichnenderweise Les liaisons dangereuses als Belegstelle dafür, wie man eben nicht handeln, ja nicht einmal denken sollte!)

Irgendwie wirken diese Gedichte und Aufsätze auf mich wie Schüleraufgaben, die man bewerkstelligt nicht im Hinblick auf eigene, originelle Standpunkte, sondern um dem vermuteten engen Gesichtspunkt des Publikums zu entsprechen...
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 19. November 2013, 18.12 Uhr
Ja, alles Dunkle, Rauschhafte und Libidinöse wird ausgespart  in der Herderschen Spießer-Antike…

Nicht nur bei Herder. Schillers Über die Gefahr ästhetischer Sitten zielt in die nämliche Richtung.

Er dreht die üblichen, uns mittlerweile hinlänglich bekannten Schleifen, wälzt seine Gedanken von rechts nach links und von links nach rechts. So kann nichts Neues entstehen ...
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 19. November 2013, 22.12 Uhr
Moment. ;D Erstmal sind die Gedichte Theilung der Erde[/b](XI,II) und Thaten der Philosophen(XI,III) dran:

Schnurren nennt Schiller sie im Brief an Goethe (17.Oktober 1795) und erkundigt sich gleich zweimal, ob sie ihm gefallen …  Erst drei Briefe später lässt Goethe sich zu einem allerliebst herab :
 
Ich habe, glaub ich, auch noch nichts über die Gedichte gesagt, die sie mir nach Eisenach schickten; sie sind sehr artig, besonders das Teil des Dichters ganz allerliebst, wahr, treffend und tröstlich.(28.Oktober 1795)

Ich finde es kitschig: den pseudonaiven Ton, das Volkstümelnde (ganz untypisch für Schiller: die Volksliedstrophe), die Mär vom armen Poeten, der dafür mit seinem Herrgott auf Du und Du ist.

Zu den Thaten der Philosophen lasse ich Schiller selbst sprechen:
 
Bei dem andern Stück habe ich mich über den Satz des Widerspruchs lustig gemacht; die Philosophie erscheint immer lächerlich, wenn sie aus eigenem Mittel, ohne ihre Abhängigkeit von der Erfahrung zu gestehen, das Wissen erweitern und der Welt Gesetze geben will. (16.Oktober 1795)

Na schön. Seltsam nur, dass er sich über das Verbreiten von Binsenweisheiten und Selbstverständlichkeiten selbst so breit auslässt.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 20. November 2013, 15.47 Uhr
Über die Gefahr ästhetischer Sitten (XI,IV)

In den ersten Sätzen  spielt Schiller auf seinen Aufsatz Von den nothwendigen Grenzen des Schönen besonders im Vortrag philosophischer Weisheiten im Septemberheft an. Wir erinnern uns: Seine Replik auf Fichtes (abgelehnten ) Artikel  Über Geist und Buchstab der Philosophie . Nachdem er in besagter Replik die Grenzen der Ästhetisierung von Denk- und Einsichtsinhalten aufgezeigt hat, jetzt also dasselbe in  bezug auf die Moral! Ein zweiter Rückzieher, was die Ästhetische  Erziehung des Menschen angeht! Ich bin mal gespannt, ob noch weitere folgen werden. Die Verabreichung des Schönen als Allheilmittel stieß wohl doch auf Widerspruch (eigenen und fremden).

Quote from: sandhofer« am: 17. November 2013, 17.45 Uhr
Schiller nimmt bezeichnenderweise Les liaisons dangereuses als Belegstelle…

Ja, interessant, dass er sich gerade auf dieses "amoralische" Werk bezieht, wobei er bezeichnenderweise aber nur die Gewissesnnöte der schönen Seele - Betschwester Mme de Tourvel kurz erwähnt! Schiller war - er verstand schließlich etwas von Literatur -  in Wahrheit begeistert von dem  Roman. An Körner schreibt er im April 1787 :

Die Liaisons Dangereuses sind allerliebst geschrieben. Ein fortreißendes Interesse – feiner und lebhafter Witz – eine musterhafte Leichtigkeit für die Briefgattung – dabei treffende wahre Bemerkungen über den Menschen und Sentiment. Ich gestehe, daß ich weniges mit so vielem Vergnügen gelesen habe. Es ist in der That schade, daß ein großer Theil der Schönheit des Buchs in dem liegt, was man mit gutem Gewissen nicht allgemein machen kann – denn das übrige ist selbst für die Bildung zu empfehlen. Die Briefe des kleinen Volanges zum Beispiel sind eine vortreffliche Schilderung der ersten unschuldigen Liebe. Du wirst mich für paradox halten, aber ich muß dir gestehen, daß es mir feine und wirklich edle Gefühle gegeben hat – ich würde für das Frauenzimmer nicht erröthen, das mir gestände diese Briefe gelesen und vortrefflich gefunden zu haben – ich würde es nicht, nämlich wenn ich wüßte, nämlich wenn ich wüßte, daß dieses Frauenzimmer Geist genug hätte sie ganz zu verstehen. Übrigens wünschte ich von diesem und ähnlichen Büchern die nachlässig-schöne und geistvolle Schreibart annehmen zu können, die in unserer Sprache fast nicht erreicht wird.
 
Kein Wunder, wenn der Allgemeinheit  die Schönheit vorenthalten wird! Ist schon traurig, Schiller in der Rolle des vorauseilenden Zensors und Moralapostels zu sehen.

Quote from: sandhofer« am: 17. November 2013, 17.45 Uhr
Irgendwie wirken diese Gedichte und Aufsätze auf mich wie Schüleraufgaben, die man bewerkstelligt nicht im Hinblick auf eigene, originelle Standpunkte, sondern um dem vermuteten engen Gesichtspunkt des Publikums zu entsprechen...

Akzent liegt auf vermuteten. Zu Unrecht vermuteten. Das Publikum liebte die Übersetzung und Kommentierungen Dantes, Goethes Römische Elegien, Lorenz Stark, das Mährchen und nicht die manipulativen pädagogischen Erzeugnisse Schillers. Vermutlich fühlte es sich ähnlich verarscht wie wir.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 20. November 2013, 17.33 Uhr
Das Publikum liebte die Übersetzung und Kommentierungen Dantes, Goethes Römische Elegien, Lorenz Stark, das Mährchen und nicht die manipulativen pädagogischen Erzeugnisse Schillers.

Interessant! Woher stammen diese Informationen?
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 20. November 2013, 17.54 Uhr
Woher stammen diese Informationen?

Vor allem aus den Briefwechseln. Größtenteils aus Schillers eigner Feder.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 22. November 2013, 11.24 Uhr

Da ich gerade in den Briefwechseln schmökere, eine kleine Korrektur dessen, was ich über die Gunst des Publikums sagte: Schillers lyrische Produktion scheint doch nicht so schlecht beim Publikum anzukommen. Zumindest die volkstümelnd naiv- humoristische Variante, hinter der man allerdings ihn als Autor auch nicht vermutet:

Goethe den Empfang des Honorars für die Horen bestätigend, schreibt im Dezember 1795 an Schiller:

Es scheint, da wir Dichter bei der Theilung der Erde zu kurz gekommen sind, uns ein wichtiges Privilegium geschenkt zu sein, daß uns nämlich unsere Thorheiten bezahlt werden.
Das Gedicht, worauf ich hier anspiele, findet großen Beifall, und die Leute sind höchst neugierig wer es wohl gemacht habe?


Und Schiller schreibt noch im alten Jahr, die Autoren sind noch nicht bekanntgegeben:

Das Glück, welches das kleine Gedicht die Theilung der Erde zu machen scheint, kommt mit auf Ihre Rechnung, denn schon von vielen höre ich, daß man es Ihnen zuschreibt. Hingegen ist mir von andern der literarische Sanscülottism zugeschrieben worden.

Auch meine Äußerungen über den Schiller’schen Rigorismus französischer "libertärer" Literatur gegenüber muss ich etwas revidieren; immerhin erwägt er eine Übersetzung u. Veröffentlichung der Diderot’schen Religieuse* in den Horen:

Könnten wir nicht durch diesen Prinzen [August] Vergünstigung erhalten, die Diderot’sche Erzählung La Religieuse, die sich in dem geschriebenen Journale befindet und, so viel ich weiß, noch nicht übersetzt ist, für die Horen zu übersetzen?( Dez. 1795)

Leider kommt es nicht dazu. Herder, den Goethe u Schiller als Übersetzer vorsehen, lehnt ab.
____________________
*Vielleicht nicht ganz uninteressant angesichts der Tatsache, dass dieses Werk gerade mit großem Pomp verfilmt wurde und in den Kinos anläuft.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 22. November 2013, 20.02 Uhr
Na ja - dass ausgerechnet Herder Diderot übersetzen sollte ... Wieland, Knebel, Merck (wenn er noch gelebt hätte): ja. Aber Herder?!?
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 22. November 2013, 22.02 Uhr

Na ja - dass ausgerechnet Herder Diderot übersetzen sollte ... Wieland, Knebel, Merck (wenn er noch gelebt hätte): ja. Aber Herder?!?

Ich war auch erstaunt. Allerdings soll Herder Diderot geschätzt haben. Wie Goethe, der Le neveu de Rameau übersetzte. Im folgenden die Briefzitate, die La Religieuse betreffen:

Der Brief des Prinzen August hat mich unterhalten. Er hat, für einen Prinzen besonders, viel guten Humor.
Könnten wir nicht durch diesen Prinzen Vergünstigung erhalten, die Diderot’sche Erzählung La Religieuse, die sich in dem geschriebenen Journale befindet und, so viel ich weiß, noch nicht übersetzt ist, für die Horen zu übersetzen? Aus demselben ist auch Jaques le Fataliste gezogen, und in Berlin bei Unger übersetzt herausgekommen.

(Schiller, 29. November 1795)

Es wäre sehr gut, wenn man von der Religieuse für die Horen Gebrauch machen könnte. Sie könnten dazu die Erlaubniß durch Herdern am besten erhalten; ich mag nicht gerne darüber anfragen, weil mir bei dieser Gelegenheit die Travestirung der Clairon’schen Gedichte könnte zu Gemüthe geführt werden.
(Goethe, 15. Dezember 1795)

Herdern will ich zu disponiren suchen, daß er die Religieuse übersetzt. Den Stael’schen Aufsatz bringe ich nicht später als im Februar. Eine Übersetzung gleich im ersten Stück, wo schon eine poetische sich findet, würden uns die Herren auch aufgemutzt haben.
(Schiller, 17. Dezember 1795)

Mit der Religieuse von Diderot weist mich Herder an Sie zurück; auch meint er, daß sie entweder schon übersetzt sey, oder mit andern Erzählungen von Diderot künftige Ostern erscheinen werde. Es scheint demnach für uns keine sichere Entreprise zu seyn.
(Schiller, 23. Dezember 1795)

Danach war - soweit ich sehe - erstmal nicht mehr die Rede von der Nonne. :angel:
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 24. November 2013, 20.36 Uhr

XI,V Theophanie

Ist der Zweizeiler Theophanie in irgend einer Weise interessant oder von Belang, außer dass er ein Schulbeispiel für einen Chiasmus abgibt? Rhetorisch hatte Schiller was drauf.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 24. November 2013, 22.37 Uhr

XI,VI Einem jungen Freund als er sich der Weltweißheit widmete
 
Die Thematik des Verschleierten Bildes zu Sais klingt an, wie dort wird gewarnt vor dem hohen Preis der Erkenntnis. Das Gedicht spricht ein Du an und ist dadurch viel lebendiger und (im wahrsten Sinne des Wortes) anspechender als die bisher gelesenen Schiller-Gedichte.. .Ich glaube, der angesprochene junge Freund ist Hölderlin. Hat jemand von Euch das irgendwo bestätigt gefunden?
Schiller machte sich Sorgen um Hölderlin, der sich gerne in geistigen Höhen bewegte und für keinen Dienst auf Erden zu taugen schien. Er hielt ihn für hochgradig gefährdet. Hölderlin verehrte Schiller glühend, fühlte sich ihm aber hoffnungslos unterlegen und durch ihn blockiert. Auf Schillers Veranlassung hin hatte er 1794/5 eine Hauslehrerstelle bei Frau von Kalb angenommen, hielt es dort aber nicht lange aus und kam nach Jena, um Fichte zu hören und Schiller nahe zu sein. Schiller vermittelte ihm eine Übersetzungsarbeit (Phaidron nach Ovid, ausgerechnet!), dann aber verschwand der junge Freund aus Jena, ohne die Arbeit abzuschließen….
Dieses Gedicht hebt sich  für mich vom kalten Schwulst der anderen Ideengedichte  positiv ab, die beiden letzten Verse sind sogar von ungewohnt schlichter Schönheit und Eleganz und auch noch prophetisch:

Manche giengen nach Licht, und stürzten in tiefere Nacht nur;
Sicher im Dämmerschein wandelt die Kindheit dahin.

Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 25. November 2013, 14.13 Uhr

XI,VI Einem jungen Freund als er sich der Weltweißheit widmete
 
Ich glaube, der angesprochene junge Freund ist Hölderlin. Hat jemand von Euch das irgendwo bestätigt gefunden?

Eine Bestätigung kann ich nicht liefern, aber wer sollte es sonst sein? Schiller stand seinem jungen "Landsmann" sehr positiv gegenüber, hat ihn wohl auch "durchschaut" - und dokumentiert dies in seinem Gedicht. Die beiden letzten Zeilen sind in der Tat sehr prophetisch.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 25. November 2013, 20.22 Uhr
Meine Schiller-Werkausgabe hüllt sich auch in Schweigen...
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 26. November 2013, 17.46 Uhr

Eine Bestätigung kann ich nicht liefern
Meine Schiller-Werkausgabe hüllt sich auch in Schweigen...

Schade!

XI, IIX  Über das Naive

Nun also der erste Teil  des berühmten Über naive und sentimentalische Dichtung ….Ich muss hier nicht referieren, was Sch. unter dem Naiven und dem Sentimentalischen und speziell unter naiver im Gegensatz zu sentimentalischer Dichtung verstand. Das ist hinlänglich bekannt, in die Kunst-Betrachtungstradition eingegangen und bestimmt unsere Art Kunst und Literatur zu betrachten bis heute. Wobei Schiller, wie er selbst betont, etwas auf den Punkt bringt, was ansatzweise schon in der Antike gedacht wurde.
Wie dem auch sei, wir haben es hier mit einem der grundlegenden Texte der Moderne zu tun, man denke nur an das der Schrift zugrundliegende dialektische Dreischritt-Konzept, das später noch philosophisch Schule machen wird...
Wenn man nach der quälenden Lektüre seiner lyrischen Erzeugnisse das wieder liest, fällt auf, was für ein wortgewaltiger, kluger und klarer Theoretiker und Analytiker Schiller ist. Wie tief und weit er geht, mit welchem psychologischen Gespür er sich an die wunden Punkte der Moderne, den „Urschmerz“ des modernen Bewußtseins, das Gefühl des verlorenen Unbefangenheit, herantastet . Und nach der trockenen Langeweile seiner Lyrik: wie anschaulich er sein kann, z. B  wenn er Schlüsselstellen der Literatur gegenüberstellt und vergleicht …

Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 26. November 2013, 19.44 Uhr
Wobei Schiller, wie er selbst betont, etwas auf den Punkt bringt, was ansatzweise schon in der Antike gedacht wurde.

Ich habe mich gefragt, wo der antike Anknüpfungspunkt sein könnte und bin auf Aristoteles gestoßen. Das aber nur so aus dem Bauch heraus. Hältst Du das für korrekt?

Ganz nebenbei: Seit einigen Wochen lese ich gelegentlich in Werken von Shakespeare und Sidney. Letztgenannter hat gegen 1580 einen Essay mit dem Titel The Defense of Poesy geschrieben, der posthum in den 1590er Jahren veröffentlicht wurde. Sidney bezieht sich darin auf Aristoteles (konkret: auf den Mimesis-Begriff der Poetik), weshalb mir auch bei Schiller ein ähnlicher Gedanke kam. Das führt mich zu einer weiteren Frage: Den Renaissance-Essay wird Schiller vermutlich nicht gekannt haben, oder?

Wer sich für Sidney's Schrift interessiert: http://en.wikisource.org/wiki/The_Defense_of_Poesy

Eine deutsche Übersetzung gibt es mWn. nicht.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 26. November 2013, 20.10 Uhr
Wobei Schiller, wie er selbst betont, etwas auf den Punkt bringt, was ansatzweise schon in der Antike gedacht wurde.

Ich habe mich gefragt, wo der antike Anknüpfungspunkt sein könnte und bin auf Aristoteles gestoßen. Das aber nur so aus dem Bauch heraus. Hältst Du das für korrekt?

Ich bezog mich auf diese Stelle im Beitrag:
Aber die Empfindung des Naiven und das Interesse an demselben ist natürlicherweise viel älter, und datirt sich schon von dem Anfang der moralischen und ästhetischen Verderbniß. Diese Veränderung in der Empfindungsweise ist zum Beyspiel schon äusserst auffallend im Euripides, wenn man diesen mit seinen Vorgängern besonders dem Äschylus vergleicht, und doch war jener Dichter der Günstling seiner Zeit. Die nehmliche Revolution läßt sich auch unter den alten Historikern nachweisen. Horatz, der Dichter eines kultivirten und verdorbenen Weltalters preißt die ruhige Glückseligkeit in seinem Tibur, und ihn könnte man als den wahren Stifter dieser sentimentalischen Dichtungsart nennen, so wie er auch in derselben ein noch nicht übertroffenes Muster ist. Auch im Properz, Virgil u. a. findet man Spuren dieser Empfindungsweise…

Also mehr empfunden als gedacht...
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 27. November 2013, 08.09 Uhr
Also mehr empfunden als gedacht...

Du hast mich falsch verstanden. Die Aufzählung antiker Autoren in Schillers Aufsatz liefert keine Hinweise auf evtl. rezipierte antike Poetiken.   
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 27. November 2013, 14.52 Uhr
Du hast mich falsch verstanden. Die Aufzählung antiker Autoren in Schillers Aufsatz liefert keine Hinweise auf evtl. rezipierte antike Poetiken.   

Hattest du denn danach gefragt? Ich hatte es so verstanden,  dass du nach antiken Vorläufern von Schillers Theorie des Naiven und Sentimentalischen fragtest:

Wobei Schiller, wie er selbst betont, etwas auf den Punkt bringt, was ansatzweise schon in der Antike gedacht wurde.

Ich habe mich gefragt, wo der antike Anknüpfungspunkt sein könnte und bin auf Aristoteles gestoßen.

Da Schiller selbst seine Vorläufer nennt, habe ich die entsprechende Stelle zitiert. Übrigens könnte man die Liste fortsetzen, die Theorie des 'Naiven und Sentimentalischen' zieht sich unter anderen Namen durch die Kulturgeschichte.

Quote from: Sir Thomas Gestern um 19:44 »
Sidney bezieht sich darin auf Aristoteles (konkret: auf den Mimesis-Begriff der Poetik), weshalb mir auch bei Schiller ein ähnlicher Gedanke kam.

Der Mimesis- Begriff "greift"  mMn bei der Einschätzung des Schillerschen Theorie nicht, denn er umschreibt etwas Grundlegenderes und Umfassenderes als die speziellen Phänomene, um die es bei Sch. geht.

 
Quote from: Sir Thomas« am: Gestern um 19:44
Das führt mich zu einer weiteren Frage: Den Renaissance-Essay wird Schiller vermutlich nicht gekannt haben, oder?

Warum nicht? Er war sehr belesen.

Apropos: Essay sagst du? Das Ding hat 300 bis 400 Seiten! Ich habe es mir jetzt mal auf Italienisch bestellt. Übrigens ist der integrale Text auch online zu lesen: http://www.letteraturaitaliana.net/pdf/Volume_4/t84.pdf (http://www.letteraturaitaliana.net/pdf/Volume_4/t84.pdf)

Hab ich nun alles zufriedenstellend beantwortet?
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 27. November 2013, 20.22 Uhr
Apropos: Essay sagst du? Das Ding hat 300 bis 400 Seiten! Ich habe es mir jetzt mal auf Italienisch bestellt.

Du bist a bissl durcheinander, gell? Mit "Essay" war "The Defense of Poesy" gemeint; es ist offensichtlich nicht auf Italienisch geschrieben und hat auch nicht 300 bis 400 Seiten, sondern deutlich weniger. Den von mir herausgesuchten Link anzuklicken, hilft in diesem Fall ganz enorm weiter.

Hab ich nun alles zufriedenstellend beantwortet?

Das hast Du sehr schön gemacht. Vielen Dank!
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 27. November 2013, 21.27 Uhr
Mit "Essay" war "The Defense of Poesy" gemeint; es ist offensichtlich nicht auf Italienisch geschrieben ...

Oh pardon, ich dachte du meintest  Il libro del cortegiano. ::) Aber wenn ich’s mir recht überlege …wenn Ihr den Castiglione auf englisch lest, kann ich den Sidney auch auf italienisch lesen, oder?
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 28. November 2013, 15.16 Uhr
…wenn Ihr den Castiglione auf englisch lest, kann ich den Sidney auch auf italienisch lesen, oder?

Wenn Du eine Übersetzung findest ...

Auf Deutsch ist er nicht erhältlich. Nebenbei: Ob Sidney sooo wichtig ist, kann ich gar nicht sagen. Er wird halt gern zitiert, wenn es um Poetiken der Renaissance geht. Höhepunkt der Sidney-Rezeption war das 17. Jahrhundert. Shakespeare hat ihn bspw. gekannt - und von ihm abgeschrieben. Aber wo hat er eigentlich nicht "geklaut"? Was übrigens der Qualität seiner Stücke keinen Abbruch tut.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 28. November 2013, 17.47 Uhr
Hallo zusammen!

Ich wollte eigentlich in meinem Urlaub diese Woche mich verschärft mit den Horen auseinandersetzen, v.a. mit Schillers Aufsatz. Eine Erkältung und der daraus resultierende dumpfe Schädel hindern mich aber daran, tut mir leid. Ich bin so nicht in der Lage, Schillers Argumenten folgen zu können. Aber ich lese fleissig Eure Posts!

Grüsse

sandhofer
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 28. November 2013, 23.33 Uhr
…wenn Ihr den Castiglione auf englisch lest, kann ich den Sidney auch auf italienisch lesen, oder?
Wenn Du eine Übersetzung findest ...

Das mit dem Auf-italienisch -lesen war natürlich nicht ernst gemeint. . Nun reicht’s  für ’ne Weile mit den Missverständnissen, non è vero? ;D

Habe heute Kleists enigmatischen Essay Über das Marionettentheater von 1810 nochmal gelesen, der nach Schillers Über naive und sentimentalische Dichtung gar nicht mehr so enigmatisch ist und ohne ihn wohl nicht möglich gewesen wäre…
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 29. November 2013, 08.51 Uhr
Habe heute Kleists enigmatischen Essay Über das Marionettentheater von 1810 nochmal gelesen, der nach Schillers Über naive und sentimentalische Dichtung gar nicht mehr so enigmatisch ist und ohne ihn wohl nicht möglich gewesen wäre…

Kleists Essay verstehe ich nicht als Replik auf Schillers naive und sentimentalische Dichter, sondern auf den älteren Aufsatz "Über Anmut und Würde" (Thalia 1793).
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 29. November 2013, 09.21 Uhr
Sowohl als auch, okay?
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 29. November 2013, 15.06 Uhr
Sowohl als auch, okay?

Na gut. Aber nur, weil Du es bist!  ;D
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 01. Dezember 2013, 17.42 Uhr

XI,IX. Briefe über Poesie, Silbenmaaß und Sprache

August Wilhelm Schlegel lässt sich aus über Metrik und ihre Bedeutung für die Poesie. Einmal mehr geschieht dies im zeittypischen Gewand fiktiver Briefe, deren erste beiden wir hier, die zwei übrigen, wenn ich es richtig sehe, dann im Januarheft 96 finden werden. Adressatin ist eine junge Dame namens Amalie, die dem Briefschreiber den Gefallen tut, Metrik für  überflüssig und überhaupt den Poeten für einen gottbegnadeten Inspirationsempfänger zu halten, der sich um solche Äußerlichkeiten nicht zu scheren braucht. Mit diesem von diversen Versifexen(vgl.  Schillers Theilung der Erde)  genährten Mythos kann A.W. Schlegel nun aufräumen:  Dieser Dichter ist selbst nur ein Geschöpf der dichtenden Phantasie,sagt er, ganz im Gegenteil müsse er im Schweiße seines Angesichts Silben zählen, Gedanken in Form bringen und unter Schmerzen Gedichte gebären. Genie also = "zu 99 %  Transpiration und zu 1% Inspiration" ?
In gewissem Gegensatz dazu vertritt er im folgenden die Auffassung, dass  der Ursprung der Dichtung mit der Entstehung der Sprache zusammenfalle, Dichtung ursprünglich immer auch Musik und Tanz gewesen sei und das Silbenmaaß, die gemessene Bewegung, die Metrik somit originärer integraler Bestandteil der Dichtung, quasi organisch mit ihr verwoben sei.
Wie es  dazu kam, dass der freye Sohn der Natur darauf [verfiel]  dem Ungestüm seiner Phantasie und seiner Gefühle[…] einen Zügel ](in Form der Metrik) anzulegen, damit will A.W. uns in der Januarfolge beglücken.
Das ganze erinnert u.a. sehr an Herders Abhandlung über den Ursprung der Sprache , die ich seinerzeit nicht ungern gelesen habe. Auch den Text von Schlegel finde ich nicht uninteressant. Ist das nun ein Text der Frühromantik? Wir stehen vor dem Jahreswechsel 95/96. 1796 erscheinen Wackenroders Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders!

So, I have done my homework. :angel: How about you?
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 01. Dezember 2013, 21.02 Uhr
So, I have done my homework. :angel: How about you?

Krankheitshalber Schiller'scher Total-Blackout, wie gesagt. Ich hoffe, im Laufe der nächsten Woche das 11. Stück bearbeiten zu können.  :hi:
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 02. Dezember 2013, 20.30 Uhr
Also mehr empfunden als gedacht...

Ich denke, das eine ist es, eine Poetik oder Ästhetik zu liefern, wo gedacht wird, also Theorie gehubert, das andere, gefühls- oder empfindungsmässig sich dem Naiven anzunähern. Insofern sind Horaz, Properz, Virgil wohl eher Beispiele naiven Vorgehens, nicht Beispiele naiver Dichtungstheorie. Aristoteles hat Schiller sicher gekannt, Sidney wage ich zu bezweifeln. Kant war da für Schiller bedeutend wichtiger und interessanter.

Schiller ging es in seiner Poetik, wenn ich das richtig sehe, vor allem um die Art, wie der Dichter an seinen Stoff herangeht und ihn in Dichtung verwandelt - quasi eine Digestionstheorie des Homo Poeta. Kannte er darin Vorgänger? Mir will gerade keiner in den Sinn kommen.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 02. Dezember 2013, 22.11 Uhr
Insofern sind Horaz, Properz, Virgil wohl eher Beispiele naiven Vorgehens, nicht Beispiele naiver Dichtungstheorie.

Ich fürchte, hier liegt ein Missverständnis vor. Schiller nennt Euripides, Horaz, Properz, Virgil als Beispiele  sentimentalischer Dichter. Da sie in Zeiten ästhetischer und moralischer Verderbnis den Verlust des Naiven reflektieren bzw. beklagen. Wie ja nur der sentimentalische Mensch über das Naive nachdenkt, der Naive es einfach nur ist und seiner Naivität verlustig geht, wenn er drüber nachdenkt.
Horatz, der Dichter eines kultivirten und verdorbenen Weltalters preißt die ruhige Glückseligkeit in seinem Tibur, und ihn könnte man als den wahren Stifter dieser sentimentalischen Dichtungsart nennen…. (Schiller über das Naive)
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 03. Dezember 2013, 17.11 Uhr
Aristoteles hat Schiller sicher gekannt ....

Wie ich jetzt zufällig gelesen habe, stand Aristoteles auf Schillers Liste während der Arbeit an der "Weimarer Dramaturgie" (gemeinsam mit Goethe, ab 1797). Was nicht heißt, dass er 1795 im Horen-Aufsatz noch keine Notiz davon genommen hatte.

Schiller ging es in seiner Poetik, wenn ich das richtig sehe, vor allem um die Art, wie der Dichter an seinen Stoff herangeht und ihn in Dichtung verwandelt ...

Ja. Der Dichter ist entweder selbst Teil der Natur; dann produziert er (naive) Göttersprüche aus Kindesmund. Oder er strebt sentimentalisch (gefühlsmäßig) nach der Natur.

Kannte er darin Vorgänger? Mir will gerade keiner in den Sinn kommen.

Das Ganze scheint auch mir ohne Vorgänger oder Vorbild zu sein.

Ich fürchte, hier liegt ein Missverständnis vor. Schiller nennt Euripides, Horaz, Properz, Virgil als Beispiele  sentimentalischer Dichter.

So habe ich es auch verstanden.


 
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 03. Dezember 2013, 20.10 Uhr
Ich fürchte, hier liegt ein Missverständnis vor. Schiller nennt Euripides, Horaz, Properz, Virgil als Beispiele  sentimentalischer Dichter.

So habe ich es auch verstanden.

Stimmt. Die Naiven sind früher im Text, wenn ich das richtig verstehe, was Schiller über Sophokles, Archimedes, Hippokrates, Ariost, Dante, Tasso, Raphael, Albrecht-Komma-Dürer, Cervantes, Shakespeare, Fielding, Sterne sagt. Obwohl: Sterne naiv?
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 03. Dezember 2013, 23.02 Uhr
Die Naiven sind früher im Text, wenn ich das richtig verstehe, was Schiller über Sophokles, Archimedes, Hippokrates, Ariost, Dante, Tasso, Raphael, Albrecht-Komma-Dürer, Cervantes, Shakespeare, Fielding, Sterne sagt.
;D

Schiller nennt die oben angeführten Dichter Genies. Genie ist für ihn gleichbedeutend mit naiv. Ariost allerdings wird später im Text als sentimentalischer Dichter dem Erz-Naiven Homer gegenübergestellt. Der Textvergleich ist, wie ich finde, sehr anschaulich und aufs vorzüglichste dazu angetan, Schillers Theorie vom Naiven und Sentimentalischen zu verdeutlichen!

Obwohl: Sterne naiv?

Jaha. Schiller würde selbst Kafka zum Naiven erklärt haben ;D,wenn er ihn gekannt hätte. Denn zum Naiven gehören schlafwandlerische Sicherheit und Unbeirrbarkeit, ich möchte fast sagen Chuzpe (innere Notwendigkeit würde Schiller sagen), mit der die Künstler ihr fiktives Universum in die Welt setzen und ihr zumuten…
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 04. Dezember 2013, 07.10 Uhr
Mit dieser Umwertung von Begriffen aus der Alltagssprache habe ich mich schon bei Kant immer schwer getan. Und Schiller, hierin ein echter Schüler Kants, fährt damit weiter. Irgendetwas in mir weigert sich, dem Deutschen Idealismus darin zu folgen.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 04. Dezember 2013, 15.54 Uhr
Genie ist für ihn gleichbedeutend mit naiv. ... zum Naiven gehören schlafwandlerische Sicherheit und Unbeirrbarkeit, ich möchte fast sagen Chuzpe (innere Notwendigkeit würde Schiller sagen), mit der die Künstler ihr fiktives Universum in die Welt setzen und ihr zumuten…

Irgendetwas in mir weigert sich, dem Deutschen Idealismus darin zu folgen.

Folgende Briefstelle scheint mir in diesem Zusammenhang interessant:

Schiller an Goethe (Jena, 27. März 1801): […] Erst vor einigen Tagen habe ich Schelling den Krieg gemacht wegen einer Behauptung in seiner Transcendental-Philosophie, daß "in der Natur von dem Bewußtlosen angefangen werde um es zum Bewußten zu erheben, in der Kunst hingegen man vom Bewußtsein ausgehe zum Bewußtlosen." Ihm ist zwar hier nur um den Gegensatz zwischen dem Natur- und dem Kunstproduct zu thun, und in so fern hat er ganz recht. Ich fürchte aber, daß diese Herren Idealisten ihrer Ideen wegen allzuwenig Notiz von der Erfahrung nehmen, und in der Erfahrung fängt auch der Dichter nur mit dem Bewußtlosen an, ja er hat sich glücklich zu schätzen, wenn er durch das klarste Bewußtsein seiner Operationen nur so weit kommt, um die erste dunkle Totalidee seines Werks in der vollendeten Arbeit ungeschwächt wieder zu finden. Ohne eine solche dunkle, aber mächtige Totalidee die allem technischen vorhergeht, kann kein poetisches Werk entstehen, und die Poesie, däucht mir, besteht eben darin, jenes Bewußtlose aussprechen und mittheilen zu können, d. h. es in ein Object überzutragen. Der Nichtpoet kann so gut als der Dichter von einer poetischen Idee gerührt sein, aber er kann sie in kein Object legen, er kann sie nicht mit einem Anspruch auf Nothwendigkeit darstellen. Eben so kann der Nichtpoet so gut als der Dichter ein Product mit Bewußtsein und mit Nothwendigkeit hervorbringen, aber ein solches Werk fängt nicht aus dem Bewußtlosen an, und endigt nicht in demselben. Es bleibt nur ein Werk der Besonnenheit. Das Bewußtlose mit dem Besonnenen vereinigt macht den poetischen Künstler aus. [...]
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 04. Dezember 2013, 21.01 Uhr
Danke, Sir Thomas, für das Zitat. Hoffentlich verstärkt noch mehr geballter Schiller Sandhofers Verweigerungshaltung nicht noch. ;D
Zum Glück :angel: ist ja das nicht Schillers letztes Wort in der Sache und einiges rückt sich vielleicht durch den Fortsetzungsteil noch zurecht.
 
Ich kann nur sagen, die kurze Abhandlung Über das Naive ist das beste, was ich von Schiller bislang in den Horen gelesen habe. Inwiefern, steht in meinem post vom 26.11.2013.  Anschaulichkeit und Konkretheit haben nicht unerheblichen Anteil daran. In der Ästhetischen Erziehung gibt es mMn weit mehr "Etikettenschwindel" und Schiller nimmt ja auch, wie wir gesehen haben, einiges zurück.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 05. Dezember 2013, 16.15 Uhr
So, I have done my homework. :angel: How about you?

Erledigt. :angel: (Mal am Rande: In diesem Forum gibt es definitiv zu wenig coole Smileys!!!)

Schöne Zusammenfassung der Schlegel-Briefe, Gontscharow. Zu ergänzen habe ich nichts. Die erwähnte Herder-Schrift kenne ich leider nicht. Lohnt das?

Ob das Schlegelsche Opus nun Frühromantik oder was auch immer ist, finde ich nicht wichtig. Nicht nur Wackenroders "Ergießungen ..." erscheint in den nächsten Jahren, auch Friedrich Schlegels "Athenäum" - die Postille der Frühromantik - steht vor der Tür. Novalis wird bald Goethes "Wilhelm Meister" verreißen und selbst Kostproben seines Könnens abliefern (Hymnen ..., H.v. Ofterdingen). Schelling und Hegel zerbrechen sich in Kürze den Kopf über den "transzendentalen Idealismus" und den "Weltgeist" (der Hegel eines Tages tatsächlich in der Gestalt Napoleons erscheint - zu Pferd in Jena). Es ist also bald einiges los - um es salopp zu formulieren.   

Hängen Schiller und Goethe deshalb einem vergangenen Zeitgeist an? Oder gar einem Ideal, das es zwar in Winckelmanns und Lessings Schriften, in der Realität aber nie gegeben hat? Nüchtern betrachtet ist es wohl so. Aber wer möchte schon dauerhaft nüchtern (im Sinne von pragmatisch-realistisch) sein?

Ich erinnere mich dunkel, dass die Fortsetzung der "Naiven und sentimentalischen ..." genau diesen Aspekt aufgreifen wird und gehe deshalb nahtlos zur Dezember-Ausgabe über.           
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 05. Dezember 2013, 19.43 Uhr
A. W. Schlegel Frühromantik? Natürlich. Die Frühromantik war eine Bewegung Intellektueller, die sich gegen die Gefühlsseligkeit der Empfindsamen einerseits, die kalte Vernunft der Aufklärer andererseits wendeten - mit Hilfe gefühlsseliger Vernunft.  :angel:

(A propos Smileys: Bringt doch Vorschläge ...  :hi: Seit unsere weibliche Moderatorin abhanden kam, hat niemand mehr Wünsche geäussert.)
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 07. Dezember 2013, 08.35 Uhr
Ich bin auch so ein kleiner Schiller, und mir kommt vieles unterm Schreiben in den Sinn. So stehen nun halt im Blog zum Eilften Stück (http://blog.litteratur.ch/WordPress/?p=5116) Dinge, die ich hier nicht erwähnt habe, weil sie mir hier nicht in den Sinn gekommen sind ... 8)
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 08. Dezember 2013, 22.01 Uhr
Ich bin auch so ein kleiner Schiller [...]

Na also, doch noch eine recht schöne Zusammenfassung  des Eilften im blog! Schön wiederzufinden, was im thread unbestätigt und unkommentiert geblieben war. Gut auch, dass die beiden Herderschen Gedichte am Schluss, auf die im thread nicht eingegangen wurde, Erwähnung finden! Ich habe ehrlich gesagt in Herders Vierzeiler Die Horen folgende Zeilen nicht verstanden: 

   […]                                                                         die Erste,
   Die mich gebohren einst hat, segn’ und begrabe mich sanft
.

Seit wann sind die Ordnungshüterinnnen für Geburt und Tod zuständig? Herder als Sohn der Horen? Horensohn?  Nie gehört, ich kenn nur … Sollte ihn sein doofer Wortwitz bei Erscheinen der Römischen Elegien hier eingeholt haben?
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 09. Dezember 2013, 16.54 Uhr
So stehen nun halt im Blog zum Eilften Stück (http://blog.litteratur.ch/WordPress/?p=5116) Dinge, die ich hier nicht erwähnt habe, weil sie mir hier nicht in den Sinn gekommen sind ... 8)

Ein Häppchen hier, ein Häppchen dort ... So langsam wird es lästig, ständig zwischen Blog und Forum hin- und herzuwandern - zumal man im Blog nur antworten kann, wenn man registriert ist, wozu ich absolut keine Lust habe (zu viel Bildungsexhibitionismus schadet mir).  ;D

Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 09. Dezember 2013, 19.04 Uhr
Na also, doch noch eine recht schöne Zusammenfassung  des Eilften im blog!

Ein Häppchen hier, ein Häppchen dort ... So langsam wird es lästig, ständig zwischen Blog und Forum hin- und herzuwandern [...]

Sorry, ich war krank und konnte mich zeitweise wenig konzentrieren. Aber da Blog und Forum zusammen diese Seite ausmachen, müsst Ihr halt schon ein wenig hin- und herwandern. Im übrigen spricht nichts dagegen, Blog-Beiträge hier zu kommentieren.  :angel:
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 09. Dezember 2013, 19.30 Uhr
... da Blog und Forum zusammen diese Seite ausmachen, müsst Ihr halt schon ein wenig hin- und herwandern.

Für einen "kleinen Schiller" ist uns natürlich kein Weg zu weit - ehrlich! Siehst Du, hier fehlt jetzt eindeutig das Anbet- und Niederknie-Smiley ... 
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 09. Dezember 2013, 21.01 Uhr
Ich werde die Smilies mal zusammen mit dem Update anschauen, aber so was mache ich nur, wenn die Hotline meines Providers besetzt ist ...  :-\
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: orzifar on 09. Dezember 2013, 21.52 Uhr
Hallo,

ich hab das System jetzt durchschaut. Bräuchte nur noch eine Liste der Smileys bzw. die Sicherheit, dass diese nicht geschützt sind.

lg

orzifar
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 10. Dezember 2013, 17.32 Uhr
Gut auch, dass die beiden Herderschen Gedichte am Schluss, auf die im thread nicht eingegangen wurde, Erwähnung finden!
Ich habe ehrlich gesagt in Herders Vierzeiler Die Horen folgende Zeilen nicht verstanden: 

   […]                                                                         die Erste,
   Die mich gebohren einst hat, segn’ und begrabe mich sanft
.

Seit wann sind die Ordnungshüterinnnen für Geburt und Tod zuständig? Herder als Sohn der Horen? ...


Das war eine echte Frage bzw. Bitte um Meinungsäußerung zu dieser Gedichtstelle! Schließlich geht es um jene Gottheiten, die dem Magazin, mit dem wir uns seit einem Jahr beschäftigen, Namen und Programm(!) geben …
Ich zitiere mal aus Schillers Vorrede zu den Horen:

Wohlanständigkeit und Ordnung, Gerechtigkeit und Friede werden also der Geist und die Regel dieser Zeitschrift sein; die drey schwesterlichen Horen Eunomia, Dice und Irene werden sie regieren. In diesen Göttergestalten verehrte der Grieche die welterhaltende Ordnung, aus der alles Gute fließt, und die in dem gleichförmigen Rhythmus des Sonnenlaufs ihr treffendstes Sinnbild findet. Die Fabel macht sie zu Töchtern der Themis und des Zeus, des Gesetzes und der Macht; des nehmlichen Gesetzes, das in der Körperwelt über den Wechsel der Jahrszeiten waltet, und die Harmonie in der Geisterwelt erhält.
[…]
In leichten Tänzen umkreisen diese Göttinnen die Welt, öffnen und schliessen den Olymp, und schirren die Sonnenpferde an, das belebende Licht durch die Schöpfung zu versenden. Man sieht sie im Gefolge der Huldgöttinnen und in dem Dienst der Königin des Himmels, weil Anmuth und Ordnung, Wohlanständigkeit und Würde unzertrennlich sind.


Hm, und jetzt kommt Herder daher und spricht ihnen (oder der Ersten) ganz andere Funktionen zu. Ist das Herders „Privatmythologie“oder mit der traditionell verbürgten Mythologie doch irgendwie vereinbar? Dass Mythologiekenner und -verehrer Herder unverbindlich beliebig herumfaselt kann ich mir eigentlich nicht vorstellen.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 10. Dezember 2013, 21.07 Uhr
Seit wann sind die Ordnungshüterinnnen für Geburt und Tod zuständig? Herder als Sohn der Horen? ...

Das war eine echte Frage bzw. Bitte um Meinungsäußerung zu dieser Gedichtstelle!

War mir schon klar. Aber so einfach aus dem Ärmel schüttelt sich das nicht. Ich tendiere dazu, im "Ich" des Gedichts nicht Herder zu sehen, sondern das Gedicht selber. Oder er nimmt die Horen als Stunden, wünscht also, dass z.B. die Morgenstunde der Geburt auch die Stunde des Todes sein soll.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 11. Dezember 2013, 11.12 Uhr
Ich tendiere dazu, im "Ich" des Gedichts nicht Herder zu sehen, sondern das Gedicht selber. Oder er ...

Nun ja, dass  das lyrische Ich ≠ Verfasser ist, ist ja nun Allgemeingut und ich sehe nicht, inwiefern uns das in diesem Fall einer Lösung näherbringen könnte.

Oder er nimmt die Horen als Stunden, wünscht also, dass z.B. die Morgenstunde der Geburt auch die Stunde des Todes sein soll.

Hm, schon eher.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 11. Dezember 2013, 20.41 Uhr
Nun ja, dass  das lyrische Ich ≠ Verfasser ist, ist ja nun Allgemeingut und ich sehe nicht, inwiefern uns das in diesem Fall einer Lösung näherbringen könnte.

Ich hätte wohl schreiben sollen: Kein Mensch, sondern eher das Gedicht oder die Zeitschrift selber. Im übrigen suggeriert "Lösung", dass da ein Rätsel gemeint sein könnte. Vielleicht hat Herder aber einfach auch gereimt?  :angel:
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 13. Dezember 2013, 23.51 Uhr

Ich hätte wohl schreiben sollen: Kein Mensch, sondern eher das Gedicht oder die Zeitschrift selber.

Die Zeitschrift bittet um einen sanften Tod und ein entsprechendes Begräbnis? ;D
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 14. Dezember 2013, 07.29 Uhr
Die Zeitschrift bittet um einen sanften Tod und ein entsprechendes Begräbnis? ;D

So was würde ich Herder sogar zutrauen...  O0
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 22. Dezember 2013, 07.37 Uhr
Eigentlich wollte ich gestern mit der Lektüre der nächsten Nummer beginnen. Dann habe ich gesehen, dass sie mit Schillers Aufsatz "Die sentimentalischen Dichter" anhebt - 55 Seiten lang. Ich konnte mich noch nicht überwinden. Und hier offenbar auch noch niemand ...  lvw
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 23. Dezember 2013, 19.24 Uhr
So, mittlerweile doch gelesen. Ich fand es recht überraschend, dass Schiller Goethe explizit zu den sentimentalischen Dichtern rechnet. Aber offenbar gibt es für ihn im 18./19. Jahrhundert gar keine naiven Dichter mehr. Homer muss so ungefähr der letzte gewesen sein.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 23. Dezember 2013, 22.36 Uhr
Ich fand es recht überraschend, dass Schiller Goethe explizit zu den sentimentalischen Dichtern rechnet.

Ja? Wie verträgt sich das mit einem Satz wie diesem:... ,denn ich läugne nicht, daß die nehmlichen Gründe, aus welchen ich die verführerischen Gemählde des römischen und deutschen Ovid, so wie eines Crebillon, Voltaire, Marmontels [….]einer Entschuldigung durchaus für unfähig halte, mich mit den Elegien des römischen und deutschen Properz, ja selbst mit manchem verschrienen Produkt des Diderot versöhnen; denn jene sind nur witzig, nur prosaisch, nur lüstern, diese sind poetisch, menschlich und naiv.
Title: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 24. Dezember 2013, 07.07 Uhr
Gar nicht, warum? Goethe hatte der Seiten mehrere; und Schiller wusste sicher darum. Ausserdem müsste ich mich jetzt noch schlau machen ... irgendwo in der Gegend wird auch Wieland erwähnt ...
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 24. Dezember 2013, 14.22 Uhr
Gar nicht, warum? Goethe hatte der Seiten mehrere; und Schiller wusste sicher darum.

Ja, und sagte das auch und deshalb entspricht das mit der „expliziten Zurechnung“ Goethes zu den sentimentalischen Dichtern nicht ganz den Tatsachen … Goethe wird mal den sentimentalischen, mal den naiven zugerechnet. Der Grund für die schwankende Zuordnung liegt unter anderem darin, dass Schiller sowohl vertikale als auch horizontale Einteilungen vornimmt, das Sentimentalische und das Naive Unterscheidungsmerkmale im historischen Längs - als auch Querschnitt darstellen... So kann  ein Werk wie Werther sowohl sone als auch solche Merkmale aufweisen.

Mit diesen unfertigen Betrachtungen zum ersten Beytrag des Zwölften Stücks möchte ich mich für 2013 von Euch verabschieden, nicht ohne Euch ein gutes Neues Jahr gewünscht und der Hoffnung Ausdruck gegeben zu haben, dass wir uns 2014 hier in hoffentlich neuer Frische wiederlesen werden. :hi:
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 24. Dezember 2013, 15.07 Uhr
Goethe wird mal den sentimentalischen, mal den naiven zugerechnet.

Ich sagte ja: explizit, nicht exklusiv. Schiller nennt Goethe ganz explizit als sentimentalischen Dichter - was mich daran verwundert, ist, dass Goethe dennoch in die Welt gesetzt hat, Schiller habe ihn als naiven gesehen und darum beneidet. Und, dass die Welt Goethes Aussage folgt, ihn als naiv im Schiller'schen Sinn bezeichnet. Und alles nur, weil offenbar keiner mehr Schillers theoretische Schriften liest...
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 24. Dezember 2013, 15.10 Uhr
Mit diesen unfertigen Betrachtungen zum ersten Beytrag des Zwölften Stücks möchte ich mich für 2013 von Euch verabschieden, nicht ohne Euch ein gutes Neues Jahr gewünscht und der Hoffnung Ausdruck gegeben zu haben, dass wir uns 2014 hier in hoffentlich neuer Frische wiederlesen werden. :hi:

Fast vergessen ...  ::)

Schöne Feiertage auch Dir. Und allen andern.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 25. Dezember 2013, 13.01 Uhr
... offenbar gibt es für ihn im 18./19. Jahrhundert gar keine naiven Dichter mehr. Homer muss so ungefähr der letzte gewesen sein.

So ist es. Dichter von dieser naiven Gattung sind in einem künstlichen Weltalter nicht so recht mehr an ihrer Stelle (Über das Naive). Und nicht nur das. Vergleicht man ... die Arten selbst miteinander, so zeigt sich, dass das Ziel, zu welchem der Mensch durch Kultur strebt, demjenigen, welches er durch Natur erreicht, unendlich vorzuziehen ist (Die sentimentalischen Dichter). Da ist er wieder, der idealistische Schiller, dem das Ziel und der Menschheitszweck "Kultur" über alles geht!

Euch allen schöne Feiertage und einen guten Rutsch!   
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 25. Dezember 2013, 15.18 Uhr
Und alles nur, weil offenbar keiner mehr Schillers theoretische Schriften liest...

Zumindest liest niemand die "Naiven und sentimentalischen ...". Diese Schrift wird eher selten erwähnt, taucht nur in wenigen Anthologien auf und steht eindeutig im Schatten der "Briefe über die ästhetische Erziehung" - eine Tatsache, die ich, wie Gontscharow, schwer verständlich finde. 
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 26. Dezember 2013, 17.36 Uhr
Ja.

Der Rest des 12. Theils übrigens m.M.n. völlig uninteressant.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 01. Januar 2014, 15.08 Uhr
Mittlerweile wieder da und im Stande, die Besprechung des 12. Theils im Blog zu vermelden: http://blog.litteratur.ch/WordPress/?p=5209
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 02. Januar 2014, 13.34 Uhr
Mittlerweile wieder da und im Stande, die Besprechung des 12. Theils im Blog zu vermelden: http://blog.litteratur.ch/WordPress/?p=5209

Mittlerweile wieder da und im Stande, meinen Senf dazu abzugeben:

Quote from:  sandhofer im blog
Der Autor macht es seinem Leser nicht einfach, indem er die Begriffe “naiv vs. sentimentalisch” einerseits quasi literaturgeschichtlich nimmt, wo dann die alten Griechen, allen voran Homer, naiv sind und Goethe sentimentalisch, andererseits sie aber typisierend verwendet, wo dann Goethe naiv ist und er selber sentimentalisch.

Danke! Genau das meinte ich mit....

Quote from:  Gontscharow« am: 24. Dezember 2013, 14.22 Uhr
Der Grund für die schwankende Zuordnung liegt unter anderem darin, dass Schiller sowohl vertikale als auch horizontale Einteilungen vornimmt, das Sentimentalische und das Naive Unterscheidungsmerkmale im historischen Längs - als auch Querschnitt darstellen...

...was hoffentlich auch so verstanden wurde.

Quote from:  sandhofer im blog
Der moderne Dichter als moralische Anstalt, bemüht, sich wieder zu den alten Tugenden von Einfalt und Wahrheit zurückzuarbeiten – so könnte man Schillers Idee in etwa zusammenfassen. Und insofern der moderne Dichter sich dessen bewusst ist, und nur auf Grundlage dieses Bewusstseins arbeiten kann, ist er der sentimentalische sentimentalische Dichter, also Schiller; insofern nicht, ist er der naive sentimentalische Dichter, also Goethe. (Vereinfachend ausgedrückt.)

Das trifft es mMn sehr gut! ;)

Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 02. Januar 2014, 15.05 Uhr
...was hoffentlich auch so verstanden wurde.

Ja.  ;)
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 03. Januar 2014, 10.57 Uhr
Quote from:  sandhofer im blog
Er hat seine theoretischen Schriften […] untergebracht und auch von Goethe und andern Beiträgern das eine oder andere nicht Üble erhalten.[...]
Das erste Jahr hätte […] einen fulminanteren Schluss verdient.

Was die literarische Relevanz des ersten Jahrgangs betrifft, so ist vielleicht zu erwähnen, dass es immerhin zwei Werke aus dem ersten Jahr der Horen in Reich Ranickis Best-of-Sammlungen geschafft haben!
 
Die besten deutschen Erzählungen/Gedichte. Ausgewählt von Marcel Reich-Ranicki wurden mir zu Weihnachten verehrt. Ich hätte sie mir nicht unbedingt zugelegt, in bezug auf Buch-Geschenke empfinde ich ähnlich wie Gronauer im Klassikerforum...  ;D
Trotz aller gegebener Einschränkungen schätze ich Reich-Ranickis literarisches Urteilsvermögen  und halte seine Auswahl für nicht unerheblich.

Nun gut, welches sind nun besagte Werke?
Im Bereich Erzählungen: Die Sängerin Antonelli aus Goethes Unterhaltungen nebst Gebrabbel des Geistlichen über Wahrheit, Wahrscheinlichkeit bzw. Glaubwürdigkeit des Erzählens. Die Erzählung fand ich ja auch ganz beachtlich. Von Goethe gibt es nur zwei Erzählungen. Das Mährchen ist nicht darunter.
Im Bereich Gedichte ist es… tara!: Schillers Die Theilung der Erde. Schiller ist mit nur drei Gedichten vertreten. Die beiden anderen sind die Balladen Kraniche und Polykrates. Na ja, das Gedicht Theilung fand ich doof. Es ist sowas von im negativen Sinne sentimentalisch: Der krampfhafte und selbstverleugnende Versuch, naiv zu sein...

Ich warte übrigens, lieber Sir Thomas, immer noch darauf, dass Du Dein positves Diktum von Schiller als hervorragendem Lyriker mal einlöst und bei den vielen schillerschen Gedichten in den Horen mal ein Exempel nennst, das dir uneingeschränkt gefällt…
Neues Jahr, neue Gelegenheit… ;)
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 03. Januar 2014, 12.39 Uhr
Ich warte übrigens, lieber Sir Thomas, immer noch darauf, dass Du Dein positives Diktum von Schiller als hervorragendem Lyriker mal einlöst und bei den vielen schillerschen Gedichten in den Horen mal ein Exempel nennst, das dir uneingeschränkt gefällt…

Das ist bereits erledigt. Ich erinnere mich dunkel, dass ich sowohl das "Verschleierte Bild ..." als auch "Das Reich der Schatten" (beide in der September-Ausgabe) hinreichend positiv gewürdigt habe. Insofern braucht es nicht das neue Jahr mit neuen Gelegenheiten ...  ;D
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 13. Januar 2014, 20.45 Uhr
Das Inhaltsverzeichnis des ersten Bands des zweiten Jahrgangs ist schon mal weniger abschreckend als auch schon. Allerdings so richtig motivierend leider auch nicht ...  :(
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 14. Januar 2014, 17.35 Uhr
Ich erlaube mir, die Chronologie des ersten Stücks zu verlassen und mich zunächst Schillers Beschluss der Abhandlung über naive und sentimentalische Dichter zu widmen.

Im dritten Teil dieser Abhandlung wird es grundsätzlich. Schiller baut sich und dem Leser allerdings zunächst einmal eine Rampe, die damit anhebt, dass der naive und der sentimentalische Dichter noch einmal frontal gegenübergestellt werden. Erstgenannter wirkt als ungeteilte Einheit, während Letzterer immerhin noch über die Macht und den Trieb verfügt, die verlorene Einheit aus sich selbst wieder herzustellen. Beide geben der menschlichen Natur ihren vollständigen Ausdruck, wobei der naive Dichter dem sentimentalischen die sinnliche Realität voraus hat, während der sentimentalische Dichter dem Trieb nach Ganzheit eine größere Tragweite verleihen kann. Die Wirklichkeit des Naiven bleibt für Schiller dann aber doch hinter dem Ideal zurück, weil das sinnlich Existierende Einschränkungen unterworfen ist, die die Freiheit der Ideenwelt nicht kennt. Das sentimentalische Genie verlässt die Wirklichkeit, um zu Ideen aufzusteigen.   

Schiller diskutiert dann zwei Grundsätze, die den Zweck der Poesie definieren sollen, wobei sie sich seiner Meinung nach gegenseitig ausschließen: zum einen Dichtung als Erholung (verstanden als Rückkehr zu einem natürlichen Zustand nach den Mühen des Alltags), zum anderen als Veredlung. Erholung in Form erschlaffenden Genusses stößt zwar auf Schillers Verständnis (der Körper fordert schließlich noch vor dem Geist seine Rechte!), ist aber als Glück der Mittelmäßigkeit Gift für das Empfinden des wahren Schönen und das Formulieren richtiger ästhetischer Urteile. Aber auch das Ideal der Veredlung birgt Gefahren. Sie zielt auf die unendliche Welt schrankenloser Ideen und Gedanken und kann deshalb zu form- und gehaltlosen Überspannungen und Schwärmereien führen. Die Lösung ist für Schiller die Vereinigung des naiven mit dem sentimentalischen Charakter zu einem Ideal schöner Menschlichkeit.

Der Weg dahin ist allerdings ein sehr weiter. Schiller sieht die Menschheit durch zwei miteinander unvereinbare Lebens- und Denkweisen entzweit. Der psychologische Antagonismus unter den Menschen in einem sich kultivierenden Jahrhundert bildet sich (analog zu den Begriffen naiv und sentimentalisch) durch die Seinsweisen des Realismus und Idealismus. Der Realist praktiziert eine resignierte Unterwerfung unter die Notwendigkeit der Natur, der Idealist unter die Notwendigkeit der Vernunft. Der Realist wird fragen, wozu eine Sache gut sei und die Dinge nach dem, was sie wert sind, taxieren. Der Idealist wird fragen, ob eine Sache generell gut sei und sie nach dem taxieren, was sie würdig ist. Was der Realist liebt, wird er zu beglücken, der Idealist wird es zu veredeln suchen. Der Realist bezweckt Wohlstand, der Idealist Freiheit. Der Realist wähnt sich im Besitz der Erde, kümmert sich nicht um Dinge, von denen er keine Ahnung und an die er keinen Glauben hat. Der Idealist hat lange kein so gutes Schicksal. Er denkt von den Menschen so groß, dass er darüber in Gefahr kommt, die Menschen zu verachten, während der Realist sich als Menschenfreund beweist, ohne einen hohen Begriff von der Menschheit zu haben. Der Realist handelt würdiger als er denkt, der Idealist denkt erhabener als er handelt. Der Realist beweist durch seine Haltung die Selbständigkeit der menschlichen Natur, der Idealist deren Bedürftigkeit.       

Dann diese wunderschöne Metapher: Die Welt, wie der Realist sie um sich herum bildet, ist ein wohl angelegter Garten, worin alles nützt und, was nicht Früchte trägt, verbannt ist. Die Welt unter den Händen der Idealisten ist eine weniger benutzte, aber in einem größeren Charakter ausgeführte Natur.

Zur Einordnung dieses Traktats in das Schillersche Denken haben wir oben schon einiges zusammengetragen. Wenn ich die Zeit finde, werde ich noch einige Zeilen zur kürzlich wieder gelesenen Poetik des Aristoteles nachtragen. Auch wenn Schiller sich darauf mit größter Wahrscheinlichkeit in den Naiven ... nicht bezieht, gibt es imho Zusammenhänge mit den Ästhetischen Briefen aus dem Frühjahr 1795. 
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 19. Januar 2014, 16.08 Uhr
Ich erlaube mir, am vordern Ende zu beginnen.  :) - Wir werden uns schon noch treffen.

Da ist zuerst Herders "Iduna, oder der Apfel der Verjüngung". Ganz eindeutig an Lessings "Ernst und Falk. Gespräche für Freimaurer" orientiert, diskutieren hier Alfred und Frey über eine eventuelle Benutzung der alt-germanischen Mythologie in der modernen Dichtung. Am Schluss wird ein Kompromiss gefunden, der Art, dass dem Dichter erlaubt sein solle, was er wünsche und brauche.

Ein Epigramm Herders über das Epigramm.

Einige Elegien von Properz in der Übersetzung von Karl Ludwig von Knebels. Knebel war seinerzeit ein renommierter Übersetzer, v.a. von Lukrez. Ich empfinde diesen Properz hier als brav, aber nicht mehr.

Eine kurze Auslassung von Herder zu Homer.

A. W. Schlegels "Ueber Poesie, Sylbenmaaß und Sprache" in der Fortsetzung. Schlegel weiss viel, aber er will mir etwas langatmig erscheinen. Von ihm gab es in den "Horen" sicher schon Besseres.

"Der Dichter an seine Kunstrichterin": ein geradezu neckischer Schiller. So frech kennen wir ihn eigentlich gar nicht...

Und nun werde ich mich an den grossen Text dieser Nummer setzen. Bis später.  :hi:
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 26. Januar 2014, 10.40 Uhr
Ich erlaube mir, die Chronologie des ersten Stücks zu verlassen und mich zunächst Schillers Beschluss der Abhandlung über naive und sentimentalische Dichter zu widmen.

Ich bin mittlerweile auch damit durch. Deiner Zusammenfassung, Sir Thomas, kann ich nichts mehr beifügen.

Schiller sieht die Menschheit durch zwei miteinander unvereinbare Lebens- und Denkweisen entzweit.

Leider, wie ich finde, verlässt Schiller hier die Poetik und die Literaturkritik. Seine Psychologie, seine Einteilung in Realismus und Idealismus ist grösstenteils eine Folge des in der Nachahmung Kants eingerissenen Kategorisierens. Es wäre interessanter gewesen, mehr Poetik zu lesen.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 02. Februar 2014, 07.45 Uhr
Den ersten Band des neuen Jahres (1796) habe ich nun auch "verbloggt" (http://blog.litteratur.ch/WordPress/?p=5285).
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 23. Februar 2014, 10.33 Uhr
1796/2

Herr Lorenz Stark

Ein Vierteljahr seit dem ersten Teil. Worum ging's denn schon wieder? Ach ja ... der abartige Sohn. Bzw. der abartige Vater. Wie schon im ersten Teil: Die Dialoge sind so übel nicht geraten.

Aber es soll noch einmal eine Fortsetzung geben ...  lvw
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 23. Februar 2014, 14.55 Uhr
Versuch über die Dichtungen

Ein gar nicht so übles Stück Literaturkritik. Sicher, die Einteilung in Allegorie, historische Dichtung und wahrscheinliche Dichtung ist abriträr und riecht nach plattester Aufklärung, indem das Utile weit vor das Dulce gestellt wird. In Bezug auf den historischen Roman aber sind Mme Staël und ich uns einig  ;) . Und sie kennt einige grosse Stücke der Weltliteratur.

Und nebenbei ist dies erst der zweite Aufsatz in den Horen, wo das Anonymat schon gleich beim Artikel gebrochen wird. Ein klein bisschen Werbung damit, dass man nun international geworden ist?
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 23. Februar 2014, 16.12 Uhr
Fortsetzung der Briefe über Poesie, Sylbenmaaß und Sprache

A. W. Schlegel schreibt hier mehr als Sprachhistoriker denn als Literaturtheoretiker. In seiner Theorie der Entstehung der Sprache nimmt er ein bisschen Herder und mischt das mit ein bisschen Rousseau. Wissenschaftsgeschichtlich wohl spannender als sprachgeschichtlich oder philosophiegeschichtlich.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 01. März 2014, 09.26 Uhr
Ich habe der Zwei vom Jahr 1796 (http://blog.litteratur.ch/WordPress/?p=5326) gegenüber recht gemischte Gefühle. Die beiden Prosa-Erzählungen sind m.M.n. überflüssig. Schlegels Aufsatz ist ebenfalls langatmig geraten, unnötig langatmig. Der Essay von Mme de Staël schliesslich ist interessant - gerade weil er mit einem völlig unsinnigen Ansatz beginnt. Mme de Staël ist eine echte französische Intellektuelle.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 04. März 2014, 16.59 Uhr
Versuch über die Dichtungen
... Mme Staël ... kennt einige grosse Stücke der Weltliteratur.

"Königin des Geistes" lautet der Titel eines Radiofeatures über diese Dame:

http://www.ardmediathek.de/bayern-2/radiowissen-bayern-2?documentId=19974038
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 05. März 2014, 18.49 Uhr
Danke für den Hinweis!

Ich habe mir übrigens eine nette Fehlleistung geleistet. Da steht:

Schön war sie nicht, aber über mangelnde Verehrer musste Germaine de Staël nicht klagen.

Gelesen habe ich: mangelnden Verkehr. (Na ja. Es war - wenn ich mich nicht irre - zumindest A. W. Schlegel tatsächlich impotent.)
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 15. März 2014, 23.08 Uhr

Ich habe der Zwei vom Jahr 1796 (http://blog.litteratur.ch/WordPress/?p=5326) gegenüber recht gemischte Gefühle. 

Leicht und locker und völlig unbelastet von etwaiger Kritik liest sich für mich deine Zusammenfassung des zweiten Stückes 1796, denn ich habe selbst keinen dieser Texte gelesen. Schön, mal nicht selbst lesen zu müssen, sondern lesen zu lassen!  ;) Das soll sich aber jetzt wieder ändern.

Deshalb beginne ich mal mit dem ersten Beitrag des dritten Stückes, mit den Elegien des Properz in der Übersetzung von Carl Ludwig Knebel. Sie setzen die Reihe aus der Januarfolge fort. Sind diese (im ganzen) 18 Elegien nun lediglich Füllsel und Lückenbüßer in den Horen, Zugeständnisse an Goethes „Urfreud“ Knebel, dem für seine Übersetzungsversuche redaktioneller Platz gewährt wird? Ich glaube nicht, denn es handelt sich um nichts geringeres als um  Proben der ersten metrischen Übersetzung der  Properz’schen Elegien, die 1798 dann überarbeitet in einer vom Göscher Verlag Leipzig herausgegebenen Buchausgabe erschienen. Goethe begleitete Knebels Arbeit an den Properz-Übertragungen, was dem Briefwechsel zu entnehmen ist, und steuerte auch das eine oder andere bei. In Über naive und sentimentalische Dichtung nennt Schiller Goethe den „deutschen Properz“. In der Tat war Goethe von Properz beeinflusst, besonders auch in den Römischen Elegien, die das Vorbild der augusteischen Liebeslyrik nicht verleugnen.
Vor Knebel gab es lediglich eine recht unvollständige Prosaübersetzung des in Deutschland doch eher unbekannten und als unsittlich eingestuften römischen Dichters...
Die Veröffentlichung seiner Elegien in den Horen also doch eher eine dem Anspruch des Periodikums angemessene literarische Pioniertat?
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 16. März 2014, 08.25 Uhr
Die Veröffentlichung seiner Elegien in den Horen also doch eher eine dem Anspruch des Periodikums angemessene literarische Pioniertat?

Ich denke schon. Allerdings kommen die Horen nun in eine Phase, wo Übersetzungen dominieren: Schlegel gibt Proben seines Shakespeare, Goethe breitet seinen Cellini aus.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 16. März 2014, 19.38 Uhr

Ich komme zum zweiten Beitrag des dritten Stücks des Jahrgangs 1796: Der Ritter von Tourville . Um den Zusammenhang zu verstehen, habe ich  den Anfang der Erzählung ( 2/II,1796) doch noch gelesen.

Quote from: sandhofer im blog
Der Ritter von Tourville
Um gleich die fürchterlichsten Sachen vorwegzunehmen, springe ich vom ersten sofort zum letzten Text dieser Nummer. Autor dieses Ritterstücks ist ein auch in der Allgemeinen Deutschen Biographie nicht auffindbarer Johann Friedrich Gerber.

Wohl aber in der Digitalen Textsammlung älterer Literatur Estlands ;):

Johann Friedrich Gerber (1761 – 1814)
Erzähler; Gerichtssekretär in Reval
Geburtsort: Danzig
Geburtsdatum (n.St./a.St.): 01.12.1761 / 20.11.1761
Sterbeort: Reval (Estland)
Sterbedatum (n.St./a.St.): 04.03.1814 / 20.02.1814
Geschlecht: Mann
Sprache: Deutsch
Namensform: Johann Friedrich Gerber
Anmerkungen
Heiratete 1791 in Reval Catharina Elisabeth Riesenkampff (1765-1833) ; seine Erzählung "Der Ritter von Tourville" erschien in F. Schillers "Horen" (2-3, 1796).


Die Frage ist eigentlich nicht, warum jemand eine solche unsäglich kitschige klischeehafte und platte Schmonzette verfasst, sondern was die Herausgeber  dazu bewogen haben mag, dieses triviale Herzkino in die Horen aufzunehmen. Anbiederung an den vermeintlichen Publikumsgeschmack, Steigerung der Verkaufszahlen nach dem Motto: Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen; Und jeder geht zufrieden aus dem Haus…? ::)

Der Witz ist: Wenn man sich durch die zwei Folgen gequält hat und meint, das absehbare, längst fällige, künstlich hinausgezögerte Happy-End müsse nun endlich kommen, stößt man auf ein: Fortzetzung folgt! Die folgt aber gar nicht. Ich wollte mir das Ende reinziehen, um diese Geschichte ein für alle Mal ad acta zu legen, eine Fortsetzung ist aber weder im Jahrgang 96, noch 97 zu finden! Was sagt man dazu?
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 17. März 2014, 17.45 Uhr
Danke für Deine Nachforschungen.

Nun ja - ich bin ja froh, gibt es danach keine Fortsetzung mehr. Ich glaube aber nicht an eine Einsicht Schillers, sondern schlicht an ein Versehen. Oder der Autor hat nicht mehr geliefert...
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 17. März 2014, 20.35 Uhr
... ich bin ja froh, gibt es danach keine Fortsetzung mehr. Ich glaube aber nicht an eine Einsicht Schillers, sondern schlicht an ein Versehen. Oder der Autor hat nicht mehr geliefert...

Seh ich auch so. Die Geschichte lag zudem sowieso in den letzten Zügen.

Über den moralischen Nutzen ästhetischer Sitten gehört in die Reihe der schillerschen Nachbesserungen zur Ästhetischen Erziehung  wie der Aufsatz Von den nothwendigen Grenzen des Schönen besonders im Vortrag philosophischer Weisheiten im Septemberheft  und Über die Gefahr ästhetischer Sitten im Novemberheft 1795.

Dieser Aufsatz will mir platt, harmoniesüchtig und tautologisch erscheinen! Es versteht sich eigentlich von selbst, dass der gute Ton des civilisierten Menschen, dass der gute Geschmack, dass Mäßigung und Anstand  der Moralität förderlich sind, denn es sind ja bereits auch moralisch ethische Eigenschaften und Kompetenzen. Schiller schränkt Ästhetik ein auf das Positive.
 
Quote from:  Schiller, Horen,3,II,1796
Zur Ehre der menschlichen Natur lässt sich annehmen, daß kein Mensch so tief sinken kann, um das Böse bloß deßwegen, weil es böse ist, vorzuziehen…

Ja, verleugne nur Franz Moor und andere deiner Dramengestalten! Wie bei Herders Fest der Grazien sehe ich hier eine Aussparung des Dunklen,Irrationalen, Rauschhaften zugunsten einer spießerhaften "erbaulichen" Klassizität.  Was in diesem thematischen Zusammenhang  spannend wäre, eine Untersuchung z.B. der läuternden Funktion des Ästhetischen, „Reinigung von Leidenschaften“ durch Darstellung derselben etwa, findet nicht statt.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 28. März 2014, 09.38 Uhr
In Klöstern wohnt die Schwatzhaftigkeit, vorzüglich in Frauenklöstern.

Das ist in etwa das Niveau von Gerber. Und so geht's seitenlang ...
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 28. März 2014, 09.53 Uhr
Quote from:  Schiller, Horen,3,II,1796
Zur Ehre der menschlichen Natur lässt sich annehmen, daß kein Mensch so tief sinken kann, um das Böse bloß deßwegen, weil es böse ist, vorzuziehen…

Ja, verleugne nur Franz Moor und andere deiner Dramengestalten! Wie bei Herders Fest der Grazien sehe ich hier eine Aussparung des Dunklen,Irrationalen, Rauschhaften zugunsten einer spießerhaften "erbaulichen" Klassizität. 

Ich denke, der Dramatiker Schiller und der Theoretiker Schiller gehen hier auseinander, weil, was im Drama höchste Wirkung entfalten kann - z.B. Franz Moor - , in der Realität tatsächlich unmöglich ist. Franz Moor ist ebenso wie Lautréamonts Maldoror das Gedankenspiel eines Jünglings. Das wirklich Beunruhigende an der Welt ist m.M.n., dass jeder Mörder, Räuber oder was auch immer, ob der nun mein einfacher Nachbar ist oder der Regierungschef eines Weltreichs oder Oberhaupt einer weltumspannenden Kirche, jeder findet zumindest im Moment der Tat einen Grund, warum dieser Mord gut und richtig ist.

Was in diesem thematischen Zusammenhang  spannend wäre, eine Untersuchung z.B. der läuternden Funktion des Ästhetischen, „Reinigung von Leidenschaften“ durch Darstellung derselben etwa, findet nicht statt.

Ob Schiller schon die Lust am Philosophieren verloren hat?
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 29. März 2014, 10.58 Uhr
In Klöstern wohnt die Schwatzhaftigkeit, vorzüglich in Frauenklöstern.
;D

Und in estnischen Amtsstuben der pubertäre Traum vom tapferen Ritter, willigen Frauen und bösen Muselmanen.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 30. März 2014, 15.19 Uhr
Ich denke, der Dramatiker Schiller und der Theoretiker Schiller gehen hier auseinander, weil, was im Drama höchste Wirkung entfalten kann - z.B. Franz Moor - , in der Realität tatsächlich unmöglich ist. Franz Moor ist ebenso wie Lautréamonts Maldoror das Gedankenspiel eines Jünglings.

Ja sicher, und Schiller weiß das. In seiner "Selbstbesprechung" der Räuber im Wirtembergischen Repertorium… analysiert er aufs feinste die natürlichen Grenzen  dieser absoluten Boshaftigkeit und weist sie als unrealistisches Hirngespinst aus.

Das wirklich Beunruhigende an der Welt ist m.M.n., dass jeder Mörder, Räuber oder was auch immer, ob der nun mein einfacher Nachbar ist oder der Regierungschef eines Weltreichs oder Oberhaupt einer weltumspannenden Kirche, jeder findet zumindest im Moment der Tat einen Grund, warum dieser Mord gut und richtig ist.


Finde ich auch. Aber dieses banale, alltägliche Böse ist ja erst recht nicht Thema beim Idealisten Schiller.

Was mir zu denken gibt: Der emanzipatorische Aspekt, den man  der ÄE durchaus noch abgewinnen konnte, scheint flöten zu gehen, wenn Anstand und Maß die Richtlinien sein sollen. Grenzüberschreitungen sind ja nun gerade das Spannende und „Progressive“ an der Kunst! Aber hier schreibt ja auch jemand, der z.B. die Gefährlichen Liebschaften für ein wunderbares Buch hält, aber meint, dem gemeinen Leser  müsse es vorenthalten werden.





Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 02. April 2014, 00.31 Uhr

Bevor es wieder heißt : Habe Stück … verbloggt ( pardon, aber ich  lese immer verbockt), noch schnell ein paar Anmerkungen zum letzten Beitrag des Märzheftes, den Kostproben August-Wilhelm-Schlegelscher Shakespeare-Übersetzungskunst. Neben seiner interkulturell überaus fruchtbaren Beziehung zu Mme de Stael  ist es wohl seine Shakespeare-Übersetzung, (später als  Schlegel-Tieck-Ausgabe  erschienen), die am nachhaltigsten zu seinem Nachruhm beigetragen hat. Dabei gab es seit Lessings 17. Literaturbrief von 1759 ja schon jede Menge  Eindeutschungen des verehrten Dichters. Von  Wieland etwa oder von Eschenburg, Eckert, Sievers, Voß …
Was ist das Besondere an Schlegels Übersetzung? Dass sie metrisch ist und eigentlich eine Nachdichtung? Wenn ich ehrlich bin, hat die Schlegelsche Übersetzung (als einzig verfügbare) mich früher eher davon abgehalten, Shakespeare zu lesen. Immer wenn ich es versuchte, scholl mir dieses geschwollene, in Verse gezwängte Deutsch des ausgehenden18./ Anfang 19. Jahrhunderts entgegen : Obs edler im Gemüt, die Pfeil und Schleudern/Des wütenden Geschicks erdulden oder,/Sich waffnend gegen eine See von Plagen,/Durch Widerstand sie enden? …
Shakespeare habe ich, wenn überhaupt, in der Schule durch seltene Shakespeare-Lektüre im Original, im Theater durch eigens für die einzelnen Inszenierungen angefertigte Übersetzungen lieben und schätzen gelernt. Die Schönheit und Einfachheit von Shakespeares Sprache ist mir aber zum ersten Mal  so richtig erst durch Polanskis Macbeth-Film aufgegangen, den ich vor langer Zeit in London gesehen habe:  Life's but a walking shadow,/…it is a tale told by an idiot,/ full of sound and fury, signifying nothing……Give sorrow words. The grief that does not speak./ Whispers the o'erfraught heart and bids it break…
Zurück zu August Wilhelm Schlegel. Christian Köllerer wunderte sich vor einiger Zeit anlässlich einer Shakespeare-Aufführung darüber, wie gut und geschmeidig die Übersetzung von Schlegel sei, man müsse sie hören, um ihren Wert richtig einzuschätzen.
Wie geht und ging es euch mit der Shakespeare-Übersetzung Schlegels?

Allgemein ist auffällig, dass Ende des 18., Anfang des 19.Jahrhunderts viele Werke der „Weltliteratur“in Deutschland  nicht nur übersetzt, sondern auch  metrisch nachempfunden , nachgedichtet werden. Suche um Anschluss an die Weltliteratur?
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 02. April 2014, 07.51 Uhr
Wie geht und ging es euch mit der Shakespeare-Übersetzung Schlegels?

Ich habe Shakespeare in dieser Form kennen gelernt, und so, wie “Homer” für mich bei aller Kritik bis heute “Voß” ist, ist “Shakespeare” halt “Schlegel-Tieck”. Warum allerdings Schlegel (und/oder Schiller?) aus Romeo und Julia ausgerechnet diese recht uninteressanten Passagen aus dem Beginn des Stücks ausgewählt haben und nicht einen wirklich ‘dramatischen’ Ausschnitt, will sich mir nicht erschliessen.

Allgemein ist auffällig, dass Ende des 18., Anfang des 19.Jahrhunderts viele Werke der „Weltliteratur“in Deutschland  nicht nur übersetzt, sondern auch  metrisch nachempfunden , nachgedichtet werden. Suche um Anschluss an die Weltliteratur?

Übersetzungen haben ihre Moden: Es war zu Beginn des 19. Jahrhunderts ausgemacht, dass, was im Original Versform aufwies, auch in der Übersetzung Versform aufzuweisen hatte. Warum allerdings gerade an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert in Deutschland Verse in Versen nachgedichtet werden mussten, kann ich auch nicht sagen.

Ach ja. Im Blog (http://blog.litteratur.ch/WordPress/?p=5412) ist diese Nummer nun auch ...  :angel:
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 12. April 2014, 09.14 Uhr
Man möge mir übrigens verzeihen, wenn ich den Benvenuto Cellini nicht lese. Ich habe mich bei meiner ersten Lektüre der Horen, vor Jahren, tatsächlich über mehrere Nummern da durch gequält. Ein zweites Mal halte ich das nicht mehr aus. Goethes Kurialstil in Verbindung mit den letztlich uninteressanten Bluff-Geschichten des Italieners, der eh immer der Grösste und Beste und einzige Ehrliche ist ... brrr ...
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 27. April 2014, 09.57 Uhr
[...] noch schnell ein paar Anmerkungen zum letzten Beitrag des Märzheftes, den Kostproben August-Wilhelm-Schlegelscher Shakespeare-Übersetzungskunst. Neben seiner interkulturell überaus fruchtbaren Beziehung zu Mme de Stael  ist es wohl seine Shakespeare-Übersetzung, (später als  Schlegel-Tieck-Ausgabe  erschienen), die am nachhaltigsten zu seinem Nachruhm beigetragen hat. Dabei gab es seit Lessings 17. Literaturbrief von 1759 ja schon jede Menge  Eindeutschungen des verehrten Dichters. Von  Wieland etwa oder von Eschenburg, Eckert, Sievers, Voß …
Was ist das Besondere an Schlegels Übersetzung? Dass sie metrisch ist und eigentlich eine Nachdichtung?

Im Gegensatz zu dem, was der Anfang vermuten lässt, gibt Schlegel im 4. Teil der Horen auch eine Erklärung, warum und wo er welches Versmass verwendet hat in seiner Übersetzung. Er sieht nämlich in der Shakespeare'schen Verwendung jeweils unterschiedlicher Sprachformen durchaus einen Sinn und möchte den auch ins Deutsche übertragen haben.

Daneben ist sein Aufsatz - natürlich! - eine Hommage an den Goethe des Wilhelm Meister, an Wieland den Übersetzer, an Lessing den Dramentheoretiker. Ein bisschen Romantik, ein bisschen Aufklärung...
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 28. April 2014, 15.19 Uhr

Quote from: sandhofer am: Gestern um 09:5
gibt Schlegel im 4. Teil der Horen auch eine Erklärung, warum und wo er welches Versmass verwendet hat in seiner Übersetzung

Ja, ein Blick in seine Übersetzerwerkstatt, aus der er außer Überlegungen zum Versmass noch viele weitere Details preisgibt.

Quote from: sandhofer am: Gestern um 09:57
Daneben ist sein Aufsatz - natürlich! - eine Hommage an den Goethe des Wilhelm Meister, an Wieland den Übersetzer, an Lessing den Dramentheoretiker.

Wobei im Wilhelm Meister selbst schon eine Hommage an den Shakespeare-Übersetzer  Wieland enthalten ist: Wielands Übersetzung ist Grundlage von Wilhelms Hamlet-Inszenierung:

Quote from:  Goethe Lehrjahre
Wilhelm hatte sich schon lange mit einer Übersetzung Hamlets abgegeben; er hatte sich dabei der geistvollen Wieland’schen Arbeit bedient, durch die er überhaupt Shakespearn zuerst kennen lernte…

Was mich wundert: dass es in den Horen sonst keine(?) Wilhelm Meister-Rezension gibt bis auf diese A.W.Schlegel’schen Anmerkungen, die sich auf die darin enthaltene Shakespeare- Interpretation beschränken.

Man möge mir übrigens verzeihen, wenn ich den Benvenuto Cellini nicht lese. Ich habe mich bei meiner ersten Lektüre der Horen, vor Jahren, tatsächlich über mehrere Nummern da durch gequält. Ein zweites Mal halte ich das nicht mehr aus.

Es sei Dir verziehen! Ich schließe mich Dir an, hoffe aber, dass Du aufgrund Deiner Lektüre noch einige Vermutungen darüber zum besten gibst, was Goethe an dem Künstler und Kunsthandwerker so interessant fand, dass er ihn (ich glaube sogar aus dem Englischen) übersetzt hat.


Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 29. April 2014, 21.56 Uhr
Ich schließe mich Dir an, hoffe aber, dass Du aufgrund Deiner Lektüre noch einige Vermutungen darüber zum besten gibst, was Goethe an dem Künstler und Kunsthandwerker so interessant fand, dass er ihn (ich glaube sogar aus dem Englischen) übersetzt hat.

Sofern ich was herausfinde ...  ::)
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 01. Mai 2014, 07.35 Uhr
Sofern ich was herausfinde ...  ::)

Viel Gescheites hat auch meine Werkausgabe nicht hergegeben, also habe ich sonst noch ein wenig Öl, Essig und Senf hinzugegeben: http://blog.litteratur.ch/WordPress/?p=5493
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 02. Mai 2014, 21.25 Uhr
Viel Gescheites hat auch meine Werkausgabe nicht hergegeben, also habe ich sonst noch ein wenig Öl, Essig und Senf hinzugegeben...

...und Stück IV gehörig aufgepeppt. Erstaunlich, was du noch an Interessantem aus der faden Nummer herausgeholt hast!

Übrigens sind die A.W. Schlegelschen Anmerkungen doch nicht die einzige Erwähnung der Lehrjahre in den Horen. Ein paar Monate später folgt noch ein "Brief" von Freund Körner, in dem er sich über die Lehrjahre auslässt: Kurz, dröge, brav.
Es ist schon sehr verwunderlich, dass das literarische Großereignis, das Erscheinen von Goethes Roman 95/96 und die Diskussion darum, so gar keine Wellen schlägt in den kunstliebenden Horen! Die Leser werden mit Zweitrangigem, Marginalem abgespeist. Ähnliches gilt ja in bezug auf den "keimenden" Walllenstein, von dem Schiller kein Fitzelchen preisgibt, wie du schreibst.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 25. Mai 2014, 17.57 Uhr
Das 5. Stück - ein wahres Sammelsurium an Entlegenem und Entlegenstem ...

Benvenuto Cellini - wie immer überschlagen

Die Pulver-Verschwörung ...: Da hat wohl Schiller seinem Schwager ein bisschen Geld zustecken wollen. Ein anti-jesuitische Pamphlet zum Schluss, ein Nichts zum Anfang.

Elegie: Matthisson hätte heute Drehbuchautor für Splatter-Filme werden können

Die Juvenal-Nachahmung durch Alxinger hat sogar einen guten Beginn, dort, wo er sich gegen die Kant-Epigonen stellt, wird dann aber banal

Tibull - ein uns Heutigen nichts mehr zu sagen habender Elegiker; Voss als Übersetzer taugt mehr für den heroischen Homer

Theokrit - eine Idylle, und dann abermals von Voss übersetzt, der auch zum Idylliker nicht taugt

Schnitzel und Abfall - was soll ich bloss im Blog darüber schreiben?
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 27. Mai 2014, 15.17 Uhr
Schnitzel und Abfall - was soll ich bloss im Blog darüber schreiben?

Nichts. Und dann gucken, ob jemand die  monatliche Dosis Horen vermisst. Ist ja seit etlichen Folgen schon nicht mehr die volle Dröhnung. O0
Nein, im Ernst:
Schnitzel und Abfall - wahrscheinlich hast du recht. Eine Ausnahme gibt es aber wohl, jedenfalls in den Augen Schillers:  das Gedicht von Matthisson. Schiller hatte alle Hebel in Bewegung gesetzt, diesen zu seiner Zeit äußerst beliebten Naturlyriker - heute nur durch Vertonungen von Beethoven und Schubert noch nicht ganz vergessen - zu einem versprochenen Beitrag für die Horen zu bewegen. Am 18. Juni 1795 schrieb er an Matthisson:

Quote from:  Schiller, Briefe
Schon viele Monate habe ich Sie, mein lieber Freund, wie einen verlorenen Tropfen im Ocean, in der ganzen bewohnbaren Welt aufsuchen lassen[…]. Schon sechs Monate sind die Horen in der Welt, und Sie thun noch gar nicht, als wenn Sie mit zu unserer Societät gehörten[…].
[…] hoffe ich, wenigstens noch in diesem laufenden Jahr, etwas von Ihrer Hand zu erhalten…. Ihr langes Stillschweigen läßt mich hoffen, daß Sie recht fleißig gewesen sind[…]?
Für jetzt und für immer
Ihr aufrichtiger Freund

In Über naive und sentimentalische Dichtung zählt Schiller Matthisson unter die Sentimentalischen, die  Modernen .
 In der 1794 geschriebenen Abhandlung „Über Matthissons Gedichte“ wird deutlich warum. Zwar feiert er Matthisson aufgrund der Musikalität seiner Sprache als „Eingeweihten in die innersten Geheimnisse der poetischen Kunst" und"Jünger der wahren Schönheit“, äußert sich aber skeptisch seiner thematischen Beschränkung auf Natur und Landschaft gegenüber. Wie es bei den alten Griechen keine Landschaftsmalerei gebe, „seelenlose Natur“ nur dekorativer Hintergrund sei, so auch in der Lyrik und im Epos. Am Ende der Abhandlung spricht Schiller daher die  Empfehlung aus:
    
Quote from:  Schiller, Über Matthissons Gedichte
Nur von ihm wird es abhängen, jetzt endlich, nachdem er in bescheideneren Kreisen seine Schwingen versucht hat, einen höhern Flug zu nehmen, in die anmuthigen Formen seiner Einbildungskraft und in die Musik seiner Sprache einen tiefen Sinn einzukleiden, zu seinen Landschaften nun auch Figuren zu erfinden und auf diesen reizenden Grund handelnde Menschheit aufzutragen.

Mit seinem Gedicht im 5. Stück des 96er Jahrgangs scheint Matthisson den Wünschen Schillers entsprochen zu haben. Nicht unbedingt zum Vorteil des Gedichts. Das Sinnhafte, Positive, der tätige Mann am Ende wirken  aufgesetzt. Aber auch die morbide Stimmung der ersten Strophen  will mir überladen und künstlich vorkommen. Was den Ton, die Musikalität angeht, muss ich Schiller recht geben. Ich fühlte mich an Platens Nächtlich am Busento lispeln bei Cosenza dumpfe Lieder… erinnert, was vielleicht an den vierhebigen bzw achthebigen Trochäen liegt, es ist der gleiche Sound.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 28. Mai 2014, 20.18 Uhr
Nichts. Und dann gucken, ob jemand die  monatliche Dosis Horen vermisst.

Ja: Ich.  ;D

Im Ernst: Matthisson - Ich fürchte, Du hast Recht. Für heutige Verhältnisse unbrauchbar.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 01. Juni 2014, 08.15 Uhr
Ich habe jetzt trotzdem mal was geschrieben: http://blog.litteratur.ch/WordPress/?p=5552
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: orzifar on 04. Juni 2014, 03.43 Uhr
Hallo!

Exkurs zu der unten zitierten Frage der Idealismus-Definition: Kant selbst hat sich keinesfalls als einen Idealisten verstanden (vom deutschen Idealismus konnte er ohnehin noch nicht wissen), aber gegen Berkeley oder Cartesische Ansätze grenzt er sich ab:

Quote from: Kant
Denn daß ich selbst dieser meiner Theorie den Namen eines transszendentalen Idealisms gegeben habe, kann keinen berechtigen, ihn mit dem empirischen Idealism DESCARTES' (wiewohl dieser nur eine Aufgabe war, wegen deren Unauflöslichkeit es, nach CARTESENS Meinung, jedermann frei stand, die Existenz der körperlichen Welt zu verneinen, weil sie niemals gnugtuend beantwortet werden könnte), oder mit dem mystischen und schwärmerischen des BERKELEY (wowider und andre ähnliche Hirngespinste unsre Kritik vielmehr das eigentliche Gegenmittel enthält) zu verwechseln. Denn dieser von mir sogenannte Idealism betraf nicht die Existenz der Sachen, (die Bezweifelung derselben aber macht eigentlich den Idealism in rezipierter Bedeutung aus) denn die zu bezweifeln, ist mir niemals in den Sinn gekommen, sondern bloß die sinnliche Vorstellung der Sachen, dazu Raum und Zeit zuoberst gehören, und von diesen, mithin überhaupt von allen Erscheinungen, habe ich nur gezeigt: daß sie nicht Sachen, (sondern bloße Vorstellungsarten) auch nicht den Sachen an sich selbst angehörige Bestimmungen sind. Das Wort transszendental aber, welches bei mir niemals eine Beziehung unserer Erkenntnis auf Dinge, sondern nur aufs Erkenntnisvermögen bedeutet, sollte diese Mißdeutung verhüten. Ehe sie aber dieselbe doch noch fernerhin veranlasse, nehme ich diese Benennung lieber zurück und will ihn den kritischen genannt wissen. Wenn es aber ein in der Tat verwerflicher Idealism ist, wirkliche Sachen, (nicht Erscheinungen) in bloße Vorstellungen zu verwandeln, mit welchem Namen will man denjenigen benennen, der umgekehrt bloße Vorstellungen zu Sachen macht? Ich denke, man könne ihn den träumenden Idealism nennen, zum Unterschiede von dem vorigen, der der schwärmende heißen mag, welche beide durch meinen, sonst sogenannten transszendentalen, besser kritischen Idealism haben abgehalten werden sollen.

Bei der Lektüre der "Prolegomena zu einer jeden künftigen Metaphysik, die als Wissenschaft wird auftreten können" darauf gestoßen. Aus dem angeführten Werk, Meiner Verlag, S. 47f. Das ist natürlich auch ein Hinweis darauf, wie sehr die deutschen Idealisten Kant missverstanden haben, der die Erkenntnis niemals von der Erfahrung abkoppeln wollte. Sondern dem es darum ging zu ergründen, warum synthetische Urteile a priori möglich sind. Dass sie möglich sind war für ihn keine Frage.

lg

orzifar




Beginn und Ausgangspunkt des Deutschen Idealismus stellt die Philosophie Immanuel Kants dar… [/i]:opa:
Diese Sicht kann man vertreten, muss man aber nicht. Zitierfähig ist wikipedia ohnehin nicht, was verständlich ist angesichts der immer noch vorhandenen Manipulationsmöglichkeiten.

Also m. E. geht man kein allzu großes Risiko damit ein, Kant als Idealisten zu bezeichnen.  Und die wikipedia befindet sich mit dieser ihrer Einschätzung in durchaus guter Gesellschaft. Auch der Ritter (hist. Wörterbuch der Philosophie) oder der Metzler sind dieser Meinung. Und mir fiele auch kein plausibler Grund ein, dieser Zuordnung zu widersprechen. (So schlecht ist die wiki im übrigen nicht - bei allen Vorbehalten: Auch andere Lexika sind vor Fehlern nicht gefeit.)

lg

orzifar

Ritter, dt. Idealismus:

1. jene Epoche deutscher Philosophie, die durch Kant ihren thematischen Bestand, auch ihren methodischen Ansatz erhält und mindestens in Deutschland Philosophie überhaupt synonym werden läßt mit den Systemen zwischen Kant und Hegel. Kennzeichnend für die früheren, zum Teil noch zeitgenössischen Darstellungen dieser Epoche ist die ziemlich feste Begrenzung und nur namentliche Bezeichnung derselben durch Kant und Hegel.
[Historisches Wörterbuch der Philosophie: Idealismus, Deutscher. HWPh: Historisches Wörterbuch der Philosophie, S. 11378
(vgl. HWPh Bd. 4, S. 35)]

2. thematischer Sammelbegriff für die Philosophie jener Denker, die in Anknüpfung an und in Auseinandersetzung mit Kant, aber auch untereinander eine «Philosophie des Geistes» entwickelt haben, die in Hegels System ihren Abschluß fand. Die Stellung Kants in diesem Zusammenhang wird verschieden gesehen. Wer Hegel für maßgeblich erklärt, wird Kant als den Anfang begreifen, dessen Ende Hegel ist.
[Historisches Wörterbuch der Philosophie: Idealismus, Deutscher. HWPh: Historisches Wörterbuch der Philosophie, S. 11379
(vgl. HWPh Bd. 4, S. 35)]
Title: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 04. Juni 2014, 07.34 Uhr
Hallo!

Kant selbst hat sich keinesfalls als einen Idealisten verstanden (vom deutschen Idealismus konnte er ohnehin noch nicht wissen), aber gegen Berkeley oder Cartesische Ansätze grenzt er sich ab:

Auch Fichte - zumindest in den Jahren von 1794-1797- hat sich immer vom Idealismus, von Berkeley, abgegrenzt. So, wie auch von Descartes oder Leibniz.

Grüsse

sandhofer
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 29. Juni 2014, 12.49 Uhr
06/96

Benvenuto Cellini: Goethes altväterisch-gravitätischer Stil macht mir die Lektüre unmöglich, tut mir leid.

Die zweite Idylle des Theokritos: Voß' Stil passt wirkich besser zu Homer. "Diesen zerstampfeten Molch zum Gifttrunk bring ich dir morgen" - ja, was ist das denn???

Szenen aus Shakespeares Sturm
: Schlegel ist seiner Aufgabe hingegen gewachsen.

Aus Platons Theätetus
: Noch eine Übersetzung. Von einem mir ansonsten unbekannten Johann Jakob Horner. Ich nehme an, es war der hier: http://www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D45956.php

Das Geständniß
: Für  einmal ein Original (obwohl Kosegarten auch als Übersetzer gearbeitet hat ;) ). Was nicht heisst, dass die Qualität des Beitrags höher ist... Ludwig Gotthard Kosegarten war zu seiner Zeit berühmt. Er ist es heute nicht mehr. Zu Recht.

Unbenutztes Wissen / An Cäcilia / Der neue Orpheus: Einiges Original, anderes Übersetzung. Samuel Gottlieb Bürde hat sogar einen Eintrag bei Wikipedia. Diese Gedichte hier muss man trotzdem nicht kennen...

Eine äusserst unergiebige Nummer.

Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 30. Juni 2014, 01.39 Uhr
Die Idyllen des Theokrit gefallen mir sehr. Erst durch die Horen und dank Voß lerne ich sie nun kennen, φιλανθρώπως!
Nachdem o5/96 bereits die sechzehnte Idylle: Die Chariten enthielt, nun die zweite: Die Zauberin.

Die von Dir gerügte Zeile:

Diesen zerstampfeten Molch zum Gifttrunk bring ich dir morgen

übersetzt Eduard Mörike später so:

Einen Molch zerstampf' ich und bringe dir morgen den Gifttrank

Ist das so viel besser? Der Inhalt ist halt nicht der appetitlichste. Der reinere Hexameter jedenfalls ist von Voß.

Mörike scheint durch die  Horen zu seiner Beschäftigung mit Theokrit inspiriert worden zu sein, denn in seiner lyrischen Hommage trifft er dieselbe Auswahl wie Schiller/Voß:

Theokrit
Sei, o Theokritos, mir, du Anmutsvollster, gepriesen!
Lieblich bist du zuerst, aber auch herrlich fuerwahr.
Wenn du die Chariten schickst in die Goldpaläste der Reichen,
Unbeschenkt kehren sie dir, nackenden Fusses, zurueck.
Muessig sitzen sie wieder im ärmlichen Hause des Dichters,
Auf die frierenden Knie traurig die Stirne gesenkt.
Oder die Jungfrau fuehre mir vor, die, rasend in Liebe,
Da ihr der Juengling entfloh, Hekates Kuenste versucht


Ludwig Gotthard Kosegarten scheint eine originelle Persönlichkeit gewesen zu sein. Seine „Uferpredigten“ waren legendär. Das schwülstige dreiteilige Gedicht Geständnis wohl weniger. In Heinsius’ Bardenhain für Deutschlands edle Söhne und Töchter. Ein Schul- und Familienbuch von 1809 werden  Kosegarten zwar dichterische Fähigkeiten attestiert, aber vor seinem grellen, luxuriösen Stil wird gewarnt.

Samuel Gottlieb Bürdes Der neue Orpheus  entspricht vom Niveau und Inhalt her exakt Johannes Orpheus Heesters’ Man müsste Klavier spielen können/Wer Klavier spielt hat Glück bei den Frau’nvon 1938. Nur Bürdes Verse sind besser.

Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 30. Juni 2014, 14.56 Uhr
Die von Dir gerügte Zeile:

Diesen zerstampfeten Molch zum Gifttrunk bring ich dir morgen

übersetzt Eduard Mörike später so:

Einen Molch zerstampf' ich und bringe dir morgen den Gifttrank

Ist das so viel besser? Der Inhalt ist halt nicht der appetitlichste. Der reinere Hexameter jedenfalls ist von Voß.

Nein, Mörike ist nicht besser und Voß hat den reineren Hexameter. Allerdings musste er dafür ein potthässliches und lächerndes 'e' ins Zerstampfen murksen ...
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 30. Juni 2014, 20.07 Uhr
Die von Dir gerügte Zeile:

Diesen zerstampfeten Molch zum Gifttrunk bring ich dir morgen
übersetzt Eduard Mörike später so:
Einen Molch zerstampf' ich und bringe dir morgen den Gifttrank

Ist das so viel besser? Der Inhalt ist halt nicht der appetitlichste. Der reinere Hexameter jedenfalls ist von Voß.

Nein, Mörike ist nicht besser und Voß hat den reineren Hexameter. Allerdings musste er dafür ein potthässliches und lächerndes 'e' ins Zerstampfen murksen ...

 ;D. Ja, aber vielleicht war das 'e' in der Goethezeit noch üblich oder möglich?  Zerstoßenen Molch wäre problemlos durchgegangen. Molch-Pesto. Muss ich mir mal merken.

Übrigens bist du bei Voß doch sonst nicht so zimperlich:

Quote from:  sandhofer, am 30.Mai 2013, um 07:26 Uhr
Quote from:  gontscharow
Voß reimt auf Baum - Gaum(Gaumen), auf heißt - geußt (gießt) u. ä., eher nicht die Arbeit eines Feinschmieds…
Nun ja - unreine Reime sind ja erlaubt ... 

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Edith hat die Zeilenschaltungen entfernt.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 30. Juni 2014, 20.43 Uhr
Übrigens bist du bei Voß doch sonst nicht so zimperlich:

Ich bin beim Reim weniger empfindlich als beim Rhythmus. Vielleicht, weil ich solche Dinge immer höre ... "zerstampfeten" klingt nach Kinderlallen, "zerstossenen" hätte ich tatsächlich akzeptiert.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 01. Juli 2014, 08.04 Uhr
Jedenfalls habe ich das Sechste Stück von 1796 nun ebenfalls 'verbloggt'. (http://blog.litteratur.ch/WordPress/?p=5619)
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 01. Juli 2014, 16.33 Uhr

Jedenfalls habe ich das Sechste Stück von 1796 nun ebenfalls 'verbloggt'. (http://blog.litteratur.ch/WordPress/?p=5619)
Quote from:  sandhofer im blog
Auch zwingt den Deutschen das Versmass manchmal zu unfreiwillig komischen Formen: die ausgeschändete Jungfrau steht neben einem zerstampfeten Molch – ersteres an ausgewaidetes Wild erinnernd, letzteres kindlich hopsend das eigentlich dämonisch gemeinte Bild ins Lächerliche überführend.

Kleine Ehrenrettung Voßens:
Ob das e in zerstampf… iin der Goethezeit üblich oder möglich war, weiß ich nicht, müsste man nachschauen. Dass das Wort ausschänden aber kein Vossisches Notkonstrukt um des Rhythmus’ willen, sondern durchaus gängig war, da bin ich mir ziemlich sicher. Fand es vielfach bestätigt. ZB:
verb. reg. act. Jemanden ausschänden, ihm schimpfliche und niedrige Vorwürfe machen, im gemeinen Le-ben; wofür in niedrigern Sprecharten auch wohl ausschändiren gehört wird…(Adelung - Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart)

Quote from:  Edith
Edith hat die Zeilenschaltungen entfernt.
Danke, Edith ;)
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 11. Juli 2014, 22.10 Uhr
Aus administrativen Gründen werde ich das nächste Stück der Horen noch in diesem Monat verbloggen. Gibt es diese Leserunde überhaupt noch?
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 11. Juli 2014, 23.55 Uhr
Aus administrativen Gründen werde ich das nächste Stück der Horen noch in diesem Monat verbloggen. Gibt es diese Leserunde überhaupt noch?

Die Frage versteh ich nu gar nicht. Wo zwei versammelt sind... Meine letzten Beiträge zu den Horen sind vom 30.6. und 1.7., nicht bemerkt?
Außerdem habe ich aus verschiedenen Gründen angefangen, den Benvenuto Cellini  nun doch zu lesen. Gar nicht so uninteressant! Bitte mit der "Verbloggung" von 1796/7 noch etwas zu warten. Welche "administrativen Gründe"  sind das denn?
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 12. Juli 2014, 06.04 Uhr
Die Frage versteh ich nu gar nicht. Wo zwei versammelt sind... Meine letzten Beiträge zu den Horen sind vom 30.6. und 1.7., nicht bemerkt?

Doch, doch. Aber ich habe bei mir selber bemerkt, dass ich nur noch kurz vor Monatsende eine weitere Nummer lese, und ein paar Bemerkungen im Forum deponiere. Da war ich mir nicht sicher, ob überhaupt noch jemand gerne weiterliest.


Bitte mit der "Verbloggung" von 1796/7 noch etwas zu warten. Welche "administrativen Gründe"  sind das denn?

Abwesenheit aus beruflichen Gründen.  :hi:
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 12. Juli 2014, 10.14 Uhr
Gibt es diese Leserunde überhaupt noch?

Was mich betrifft: Ich bin dann mal raus. Schon die ersten Hefte des Jahrgangs 1796 waren so unergiebig wie ein Telefonbuch. Aber ich verfolge Eure Kommentare brav weiter.   
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 12. Juli 2014, 12.32 Uhr
Im Telefonbuch ist mehr "Action"...  >:D
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 22. Juli 2014, 11.19 Uhr
1796, VII. Stück

Der Verfasser der Ekloge, Ludwig Gotthard Theobul Kosegarten, ist uns aus der vorangegangenen Nummer als Versifex bereits bekannt. Ekloge, eigentlich Auswahl aus einem größeren Werk bedeutend, ist hier wohl eher im späteren Sinne als bukolische Dichtung  zu verstehen. Der legendäre "Uferprediger" Kosegarten beschreibt darin sein beschauliches Leben auf seinem Landgut in der äußersten Thule, am Nordrand Rügens, im Kreise seiner Familie und als einsamer Denker und Dichter. Das ganze verbrämt mit griechischer Mythologie und natürlich in Hexametern. Für mich nur als Parodie seiner selbst genießbar, diese grauenhaft positiv dargestellte Welt, in der auch der lustigwedelnde Dachshund nicht fehlen darf, es aber auch larmoyant zugehen kann:

Quote from:  Kosegarten
Ich gedenke, der Zeit, der nahen vielleicht! wo ich selber
Lieg’ und schlafe den eisernen Schlaf, wo die liebende Gattin
Schluchzend des Schläfers Hügel besucht, wo meine Allwina
Jammernd dem Vater ruft, dem nieerwachenden Vater!

Vorher setzt er aber sein endloses Gedicht noch fort. Es ist übrigens die zweite von im ganzen fünf Eklogen, die noch heute, wie ich gesehen habe, unter dem Titel Jucunde: Eine ländliche Dichtung in fünf Eklogen gehandelt werden.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 24. Juli 2014, 01.18 Uhr

Auch  Karl Ludwig von Woltmann der Autor von Theoderich, König der Ostgothen ist kein Unbekannter für uns. Es handelt sich um  jenen smarten jungen Geschichtsprofessor aus Jena, der sich durch wenig überzeugende poetische Erzeugnisse ( Der Dorfkirchhof, Lethe) und in 1795/V durch den durchaus interessanten Beitrag zu einer Geschichte des französischen Nationalcharakters hervorgetan hat.
Hier und in der Fortsetzung im Augustheft nun gibt er einen Abriss von Theoderichs Leben und  seiner Königsherrschaft in Ravenna. Die Aussage über Theoderichs Maxime(..), daß nehmlich alle wissenschaftliche Kultur, so nützlich sie dem Staat seyn mächte, der Tapferkeit nachtheilig und daher eines Gothen unwürdig sei, hielt ich zunächst für Ironie. Im Laufe des Artikels und seiner Fortsetzung im Augustheft wird aber klar, dass W. das durchaus positiv sieht und darin sogar das Geheimnis von Theoderichs Erfolg zu erkennen glaubt. Die unvermischte Koexistenz  des zivilisierten gebildeten Wirtsvolks der Italiäner mit den naturbelassenen, naiven und kriegerischen Gothen sei der Schlüssel zu Frieden und Prosperität in Italien unter der Herrschaft Theoderichs gewesen. Ein wenig fühlt man sich an die „sich ergänzende Unterschiedlichkeit“ von Deutschen und Franzosen im Beitrag zur Geschichte des französischen Nationalcharakters erinnert. 
Wie dem auch sei, dass Theoderich durch Zwangsmaßnahmen durchgesetzt hat, dass die bei Ausschreitungen durch die Italiäner zerstörten Synagogen der Juden wieder aufgebaut werden und dass das einer der Gründe für den Niedergang der gotischen Herrschaft gewesen sein soll, war mir neu.


Woltmanns Theoderich hat mir Lust gemacht, Jorge Luis Borges Geschichte vom Krieger und der Gefangenen noch einmal zu lesen, die den clash of cultures im Ravenna des 6.Jahrhunderts am Beispiel des Germanen Droctulft anrührend, wie nur Borges es kann, beschreibt.
 
Terribilis visu facies, sed mente benignus,
 Longaque robusto pectore barba fuit.

Title: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 24. Juli 2014, 07.17 Uhr
Die Abgrenzung vom Französischen / Welschen war auch zeittypisch. Abgesehen davon, dass schon Tacitus gern als Zeuge herbeigezogen wird: Madame de Staël versucht ein Gleiches, mit ähnlichen Stereotypen. (Nur, dass sie den Deutschen für den tiefen Denker, den Franzosen für den weltgewandten Causeur hält.)
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 24. Juli 2014, 09.41 Uhr

Die Abgrenzung vom Französischen / Welschen war auch zeittypisch.....Madame de Staël versucht ein Gleiches, mit ähnlichen Stereotypen. (Nur, dass sie den Deutschen für den tiefen Denker, den Franzosen für den weltgewandten Causeur hält.)

Jawohl. Daher schloss ich seinerzeit meine Besprechung von Karl Ludwig von Woltmanns Beitrag zu einer Geschichte des französischen Nationalcharakters mit einem Hinweis auf von Staëls De l'Allemagne:

Quote from:  Gontscharow, am 06.Mai 2013, 01.12 Uhr
Deutschland ist gleichsam das Magazin des erhabenen Genius, ...
Mit je größerer Selbstverleugnung wir (…) Nationaleitelkeit von uns entfernen, ....

Stellt nicht später auch Mme de Staël in De l’Allemagne diesen Zusammenhang her zwischen politischer Unbedeutendheit und Kullturleistungen? Und lässt Napoleon das Buch nicht auch deshalb einstampfen?...
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 25. Juli 2014, 19.12 Uhr
Genau. Noch im deutsch-französischen Krieg von 1870/71 glaubten ja die Franzosen, ein leichtes Spiel zu haben, weil Madame de Staël nur den französischen Soldaten echten Kampfesmut zusprach, den deutschen nicht. War dann plötzlich umgekehrt ...  >:D
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 26. Juli 2014, 09.10 Uhr
[...] Ludwig Gotthard Theobul Kosegarten [...]. Für mich nur als Parodie seiner selbst genießbar[...]

Traun, fürwahr.

Nicht nur, dass die Töchter am Webstuhl die alternden Eltern erleichtern (nein, ich will mir das gar nicht erst vorstellen!), wir sehen auf dem Hof auch die ehrbarwandelnde Kuh mit strozzendem Euter. Ich dachte im ersten Moment, er wird frech und meint die Magd, aber er meint wirklich eine Kuh. Dafür habe ich das Wort "Leim" wieder gefunden, das ich in einem andern Zusammenhang mal gesucht hatte. Und das Ganze hat natürlich eine moralische Ordnung und zeigt die weise Güte des Weltplans. Die Physikotheologie war auch 1796 noch nicht tot.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 26. Juli 2014, 09.20 Uhr
Woltmann kann immerhin schreiben. Seine Geschichte Theoderichs versucht sich auch in einer kritischen Auseinandersetzung mit seinen geschichtsschreibenden Vorgängern, allen voran Gibbon. Dass sein Aufsatz halt dann doch von Gemeinplätzen und Vorurteilen wimmelt, ist - von heute aus gesehen - sein Pech. Die üppige Musse eines Volks zu beklagen, wirkt aus der Feder eines Geschichtsprofessors des 18. Jahrhunderts irgendwie komisch ...
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 27. Juli 2014, 06.30 Uhr
Wie schon angekündigt: Aus technischen Gründen für einmal noch im alten Monat (dafür wird wohl der August dann nichts zu den Horen enthalten): http://blog.litteratur.ch/WordPress/?p=5677
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 27. Juli 2014, 13.14 Uhr
Genau. Noch im deutsch-französischen Krieg von 1870/71 glaubten ja die Franzosen, ein leichtes Spiel zu haben, weil Madame de Staël nur den französischen Soldaten echten Kampfesmut zusprach, den deutschen nicht. War dann plötzlich umgekehrt ...  >:D

Und der Aufstieg Deutschlands zur imperialen Großmacht begleitet,„erkauft“ durch kulturellen Niedergang. Es scheint schon was dran zu sein an der Idee der Madame de Staël. :angel:
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 29. Juli 2014, 21.49 Uhr
[...] Ludwig Gotthard Theobul Kosegarten [...]. Für mich nur als Parodie seiner selbst genießbar[...]

 Und das Ganze hat natürlich eine moralische Ordnung und zeigt die weise Güte des Weltplans. Die Physikotheologie war auch 1796 noch nicht tot.

Das befürchte ich auch… Dass die Natur als Erweis der Existenz Gottes, bzw. der weisen Güte des Weltplans angesehen wird, mag ja noch angehen , aber dass uns auch das menschengemachte Kosegartensche Patriachat und die ostelbische Gutsherrenseligkeit als gottgegeben untergejubelt werden… :wut:. Ich fürchte, auch Schillerschen Erzeugnissen wie dem Spaziergang und dem Lied von der Glocke liegt ähnliches zugrunde.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 12. August 2014, 18.37 Uhr
Wie dem auch sei, dass Theoderich durch Zwangsmaßnahmen durchgesetzt hat, dass die bei Ausschreitungen durch die Italiäner zerstörten Synagogen der Juden wieder aufgebaut werden und dass das einer der Gründe für den Niedergang der gotischen Herrschaft gewesen sein soll, war mir neu.

Ich vermute, dass mit der Abneigung gegen das Welsche eine gegen den Katholizismus einher geht.

Und der gute Boethius ist auch ein wenig arg martyrerhaft geschildert...
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 24. August 2014, 12.22 Uhr
Hat jemand eine Ahnung, wer dieser "J. Scott" sein könnte, dessen Elegien Bürde hier übersetzt hat?
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 24. August 2014, 13.48 Uhr
Die Schilderung, wie Goethe mit ein paar Begleitern von Genf her kommend, wo sie de Saussure auf seinem Landsitz besucht haben, durchs Waadtland und das Wallis über den Furkapass zum Gotthardhospiz reist, zeigt mir einen Goethe, wie ich ihn liebe. In der Schilderung der Gebirgslandschaften kann sich das Auge des Naturforschers und -beobachters mit dem des Malers verbinden und danach die sprachliche Geschmeidigkeit des malenden Schriftstellers evozieren. Er gibt selber zu, dass er da oben die Menschen beinahe vergessen hat - und das tut seinem Stil gut.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 24. August 2014, 14.47 Uhr

Ja, hier ist jemand: Es handelt sich um diesen hier (http://en.wikipedia.org/wiki/John_Scott_of_Amwell): John Scott (January 9, 1731 – December 12, 1783), known as Scott of Amwell, was a poet and writer on the alleviation of poverty.
He was a wealthy Quaker who lived at Amwell near Ware in Hertfordshire, England...

Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 24. August 2014, 15.39 Uhr
Danke!
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 24. August 2014, 16.24 Uhr
In der Schilderung der Gebirgslandschaften kann sich das Auge des Naturforschers und -beobachters mit dem des Malers verbinden und danach die sprachliche Geschmeidigkeit des malenden Schriftstellers evozieren.

O lala, schön gesagt! Ja, ich fühlte mich an die Wanderjahre erinnert und erwartete hinter jeder Wegbiegung, dass Montan auftaucht.
Neben dem Naturforscher und Landschaftsmaler Goethe ist der Soziologe nicht zu vergessen, denn er bringt, wenn ich das richtig verstanden habe, die  Misswirtschaft im  welschen Part mit der dortigen Feudalherrschaft und im Gegensatz dazu die Wohlbestelltheit des Berner Landes mit den "freien Menschen auf freiem Grund" in Verbindung …
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 26. August 2014, 01.04 Uhr

Liebe LR!

Bin die nächsten vier Wochen dann mal weg, wünsche Euch eine schöne Zeit und viele neue Erkenntnisse beim Studium der Horen.
 :ciao:
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Karamzin on 26. August 2014, 08.06 Uhr
Hallo,

ich habe mich in diesem Forum angemeldet und würde ab Oktober beim Lesen der "Horen" 1796 dabei sein. Dabei geht es unter anderem um die "Agnes von Lilien" der Caroline von Wolzogen.

Vom 6. bis 27. September werde ich ebenfalls nicht im Lande sein.

Viele Grüße

Karamzin
Title: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 26. August 2014, 12.50 Uhr
Hallo Karamzin und willkommen!

Das ist schön. Die Horen beginnen, allmählich zäh zu werden; und ich setze auf Schillers Schwägerin noch keine grossen Hoffnungen. Bei meiner ersten Horen-Lektüre vor ein paar Jahren hat mir der Roman jedenfalls keinen bleibenden Eindruck hinterlassen.

Grüsse

sandhofer
Title: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 26. August 2014, 12.51 Uhr
Ach ja ... schöne Ferien Euch beiden. (Wenn's denn Ferien sind.)
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 31. August 2014, 17.05 Uhr
Gemil und Zoe. Gerhard Anton von Salem. Nett. Was ist eigentlich - literaturgeschichtlich gesehen - ein "Sittengemälde"?

Irgendwie scheint sich der Griechen-Wahn, der runde 20 Jahre später ausbrechen sollte, schon anzukünden.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Karamzin on 01. September 2014, 16.40 Uhr
Zuerst eine kleine Korrektur des Namens: Gerhard Anton von Halem (1752-1819) war der Autor von "Gemil und Zoe", der wahrscheinlich von seinem Oldenburger Landsmann Karl Ludwig Woltmann ermuntert worden war, etwas für die "Horen" zu liefern. 1786, also lange vor Schiller, hatte Halem ein "Wallenstein"-Drama verfasst, wobei er sich zugleich als Historiker begriff. In dieser Zeit der "Fürstenbund"-Bestrebungen, in der eine dritte Kraft im Reich zwischen Preußen und Österreich etabliert werden sollte, konnte die Wallenstein-Figur beflügeln.

Wallensteinbilder im Widerstreit. Eine historische Symbolfigur in Geschichtsschreibung und Literatur vom 17. bis zum 20. Jahrhundert. Hrsg. von Joachim Bahlcke. Köln, Weimar, Wien 2011.


Später schrieb Halem Biographien Zar Peters des Großen und des Oldenburger Kanal- und Deichbauexperten, späteren Generalfeldmarschalls in russischen Diensten, Burchard Christoph von Münnich (1683-1767), der nach Sibirien verbannt wurde, unter Katharina II. jedoch wieder hochgeehrt am Hofe leben konnte.

Gerhard Anton von Halem bereiste das revolutionäre Frankreich in dem relativ "ruhigen" Jahr 1790. Seine Reisebeschreibung wurde von Wolfgang Griep nach 200 Jahren erneut herausgegeben:

Gerhard Anton von Halem: Blicke auf einen Theil Deutschlands, der Schweiz und Frankreichs bey einer Reise vom Jahre 1790. Nach der Ausgabe von 1791 mit den Korrekturen und Ergänzungen aus Halems Handexemplar neu herausgegeben, erläutert und mit einem Nachwort versehen von Wolfgang Griep und Cord Sieberns (Sammlung denkwürdiger Reisen). Edition Temmen, Bremen 1990.

In diesem Werk bezieht sich Halem, wie etwa auch die ebenfalls 1790 in Paris weilenden Reisenden Wilhelm von Wolzogen oder Nikolaj Karamzin, immer wieder auf L.-S. Mercier mit seinem "Tableau de Paris" als Referenzautor. Ich könnte mir vorstellen, dass gerade dieses Werk das Vorbild für ein "Sittengemälde" abgeben konnte.

War hier übrigens auf den mehr als 40 Seiten des Threads schon auf das nützliche Buch hingewiesen worden: Günter Schulz: Schillers Horen. Politik und Erziehung. Analyse einer deutschen Zeitschrift. Heidelberg 1960?

Dort werden alle Beiträger aufgeführt, Halem auf den S. 169-171 (nach ihm Hölderlin).
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 01. September 2014, 19.39 Uhr
Richtig, ja ... Salem lag so nahe ...  8)
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 02. September 2014, 19.25 Uhr
War hier übrigens auf den mehr als 40 Seiten des Threads schon auf das nützliche Buch hingewiesen worden: Günter Schulz: Schillers Horen. Politik und Erziehung. Analyse einer deutschen Zeitschrift. Heidelberg 1960?

Ich habe in meinem Hinterkopf jedenfalls nichts Derartiges abgespeichert. Aber meine Speicherkapazität lässt nach ...
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 06. September 2014, 09.40 Uhr
N° 8/1796 hat nun auch seinen Eingang ins Blog (http://blog.litteratur.ch/WordPress/?p=5764) gefunden...
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 28. September 2014, 12.22 Uhr
In einer Vorbemerkung zu Benvenuto Cellini meint Goethe, dass sie nun Cellinis Bericht von seiner Reise durch die Schweiz weggelassen hätten. Schade - den ich ich aus Lokalpatriotismus vielleicht sogar gelesen ...  :teufel:
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 28. September 2014, 14.07 Uhr
Knebel durfte auch wieder mal ran. Der Aktische Sieg von Properz. Der Römer verlässt mit dieser Elegie sein angestammtes Themengebiet und wird zum augusteischen Staatsdichter: eine grosse Lobhudelei auf Augustus.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 28. September 2014, 17.47 Uhr
Neueste Zimmerverzierung in Rom

Beim Namen "Meyer" dachte ich zuerst, der "Kunschtmeyer" berichte aus Rom. War aber dann ein anderer. Was die Sache leider nicht besser macht, im Gegenteil. So was würde man heute "Home-Story" nennen. Nur, dass die Prinzessin sich vorsorglich in einen andern Teil ihres Palastes zurückgezogen hat - wohl, um nicht auch noch interviewt und abkonterfeit zu werden. "Die Horen" goes Boulevard-Presse?
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 28. September 2014, 19.20 Uhr
Nathan.

Darf den A. W. Schlegel jetzt nicht mehr aus dem Italienischen übersetzen? Ich habe gerade den Überblick verloren, wann sich Schiller mit Friedrich Schlegel verkracht hat ...
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 29. September 2014, 06.42 Uhr
Und zum Schluss darf Voss nochmals was von Theokrit übersetzen.

Alles in allem: Über den alten Griechen und den alten Römer lasse ich allenfalls mit mir reden. Was allerdings das merkwüridge Zimmer in Rom soll?  lvw
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 30. September 2014, 20.16 Uhr
Über den alten Griechen und den alten Römer lasse ich allenfalls mit mir reden. Was allerdings das merkwüridge Zimmer in Rom soll?  lvw

Und was ist mit der von Sophie Mereau Brentano übersetzten Erzählung Nathan aus dem Bokkaz? Erst dachte ich ja, jetzt folgt die Ringparabel; die gibt’s ja wirklich im Decamerone. Aber es ist eine andere Geschichte aus dem Novellenkranz  des zehnten Tages, an dem bekanntlich „ von lauter großmüthigen und uneigennützigen Handlungen erzählt wird“. Sie passt also in Schillers ethisch moralisches  Konzept . Mir scheint hier aber Ironie am Werke zu sein, so wie Freigiebigkeit und Hochherzigkeit hier ad absurdum geführt und in ihr Gegenteil verkehrt werden ..., oder?
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 30. September 2014, 20.46 Uhr
Und was ist mit der von Sophie Mereau Brentano übersetzten Erzählung Nathan aus dem Bokkaz?

Bokkaz hat Besseres. Über die Übersetzung kann ich nicht urteilen - man merkt wenig vom Übersetzer, was per se ja nicht unbedingt ein schlechtes Zeichen ist.

Mir scheint hier aber Ironie am Werke zu sein, so wie Freigiebigkeit und Hochherzigkeit hier ad absurdum geführt und in ihr Gegenteil verkehrt werden ..., oder?

Ich glaube nicht. Jedenfalls habe ich es nicht so empfunden. Die Geschichte übertreibt, aber das ist nicht ironisch gemeint, denke ich.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 01. Oktober 2014, 13.09 Uhr
.

Mir scheint hier aber Ironie am Werke zu sein, so wie Freigiebigkeit und Hochherzigkeit hier ad absurdum geführt und in ihr Gegenteil verkehrt werden ..., oder?

Ich glaube nicht. Jedenfalls habe ich es nicht so empfunden. Die Geschichte übertreibt, aber das ist nicht ironisch gemeint, denke ich.

Du hast ja recht. Ist auch das erste Mal, dass mir beim Lesen von Boccaccio Ironie in den Sinn kommt. Aber die sich übertrumpfenden Hochherzigkeitsapostel geben doch eine zu lächerliche Figur ab. Und ich komme gerade aus Italien, wo die Rennaissance- Maxime di far bella figura immer noch oberster Grundsatz zu sein scheint und dieser Exzess ruinöser und pervertierter Freigiebigkeit allenfalls Heiterkeit auslösen würde.  ;)

Wenn ich’s mir recht überlege: Ist das Muster an Hochherzigkeit, Federigo degli Alberighi , der seiner verehrten Dame sein Liebstes, seinen Falken, als Speise serviert, nicht eigentlich auch etwas dämlich? :teufel:
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 01. Oktober 2014, 18.21 Uhr
Wenn ich’s mir recht überlege: Ist das Muster an Hochherzigkeit, Federigo degli Alberighi , der seiner verehrten Dame sein Liebstes, seinen Falken, als Speise serviert, nicht eigentlich auch etwas dämlich? :teufel:

Für uns Zyniker des 21. Jahrhunderts auf jeden Fall ...  8)

N° 9/1796 ist übrigens im Blog... (http://blog.litteratur.ch/WordPress/?p=5808)
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 01. Oktober 2014, 18.24 Uhr
Quote from:  sandhofer
Was allerdings das merkwüridge Zimmer in Rom soll?
[....] 
So was würde man heute "Home-Story" nennen."Die Horen" goes Boulevard-Presse?


Ja, und weil es noch keine Hochglanzphotographie gab, wird alles in Hochglanzprosa haarklein und in jedem Detail beschrieben.
Ich glaube, es geht hier gar nicht um die Prinzessin, sondern wirklich um das Heranführen der Leserschaft an die edle Austattung der Räume, an bildende Kunst, "Design" und Kunsthandwerk, mit dem Ziel, die Leser ästhetisch zu erziehen. Wie uns Schiller in seiner  entsprechenden richtunggebenden Schrift wissen lässt, veredelt Schönheit den Menschen, lässt ihn letztendlich  reif werden zu politischer Verantwortung und Freiheit.

Dieser Tage las ich in einem Magazin folgende Auszüge aus einem literarischen Text:

Diese allgegenwärtige Hässlichkeit war die einzige Gleichheit im Sozialismus. Sie war Absicht und gehörte zum Programm […] Man wurde lebensmüde von den im Sozialismus hergestellten Gegenständen […] Die hässliche Geichheit drückt aufs Gemüt, macht apathisch und anspruchslos[…] Sozialismus bedeutet die Austreibung der Schönheit. Kurz nach der Wende sah ich, dass die planmäßige Hässlichkeit für ganz Osteuropa zutrifft[… ]überall dieselben […] Vitrinen der Elendsläden - vergilbte Papierservietten mit Lochmusterrand, darauf im Dreieck arrangierte angestaubte Fruchtsaftflaschen, zu beiden Seiten der Vitrine gelbbraune Gardinen und über allem unzählige Fliegenschisse. Es ist die Heimatvitrine des Ostens[…]so eine Vitrine ist ein Lebensgefühl. Sie ist depressiv und überträgt ihre Depression tagtäglich auf alle, die an ihr vorbeigehen etc

Mir wurde klar, dass ich hier quasi im Umkehrschluss eine Bestätigung von Schillers Grundthese in der Ästhetischen Erziehung las: Es ist die Schönheit, durch welche man zu der Freyheit wandert . In der negativen Version des von mir zitierten Textes: Hässlichkeit macht apathisch, widerstandslos, unfrei.

Ich fand diese späte Bestätigung der Schillerschen Verbindung von Ästhetik und Politik interessant und wollte sie euch nicht vorenthalten. Der Text stammt von Herta Müller aus ihrem neuen Buch.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 02. Oktober 2014, 08.26 Uhr
Diese allgegenwärtige Hässlichkeit war die einzige Gleichheit im Sozialismus. Sie war Absicht und gehörte zum Programm […] Man wurde lebensmüde von den im Sozialismus hergestellten Gegenständen […] Die hässliche Geichheit drückt aufs Gemüt, macht apathisch und anspruchslos[…] Sozialismus bedeutet die Austreibung der Schönheit. Kurz nach der Wende sah ich, dass die planmäßige Hässlichkeit für ganz Osteuropa zutrifft[… ]überall dieselben […] Vitrinen der Elendsläden - vergilbte Papierservietten mit Lochmusterrand, darauf im Dreieck arrangierte angestaubte Fruchtsaftflaschen, zu beiden Seiten der Vitrine gelbbraune Gardinen und über allem unzählige Fliegenschisse. Es ist die Heimatvitrine des Ostens[…]so eine Vitrine ist ein Lebensgefühl. Sie ist depressiv und überträgt ihre Depression tagtäglich auf alle, die an ihr vorbeigehen etc

Dazu eine kleine subjektive Ergänzung: Diese "anti-ästhetische Erziehung" wirkt lebenslänglich. Ich kenne mehrere Ehepaare, die in der DDR aufgewachsen und im Westen zu Wohlstand gekommen sind. Was allerdings nichts nützt: Die Wohnungseinrichtungen dieser "Immigranten" bestehen aus sinnlos angehäuften Designermöbeln, deren Arrangement jeglichen Geschmack vermissen lässt. Die Gärten sind überwiegend Nutzgärten mit Kräuter- und Gemüsebeeten, Beerensträuchern, Obstbäumen ... Das oben beschriebene depressiv-hässliche und ärmliche Lebensgefühl lässt offensichtlich keinen Raum für Schönheit und Nutzlosigkeiten (üppige Blumenbeete o.ä.).       
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Karamzin on 06. Oktober 2014, 09.40 Uhr
Ich habe die ersten 35 Jahre meines Lebens in der DDR, in der Sowjetunion (darunter ein Jahr am Stück in Moskau und Leningrad) sowie in Polen und der Tschechoslowakei verbracht und könnte daher einiges aus der "Innensicht" mitteilen. Hingegen durfte ich bis 1989 nicht in den Westen reisen, habe überhaupt keine Verwandtschaft dort, musste persönliche Begegnungen mit Bundesbürgern melden und kannte auch niemanden "von drüben" näher. Aber darum soll es hier nicht gehen.


Vielmehr mache ich mir Gedanken darüber, wie ich jetzt möglicherweise eine Diskussion zustande bringe über:

Caroline von Wolzogen: Agnes von Lilien. 

Der Abdruck von Auszügen des Romans in den "Horen" begann im Oktober 1796; die fertige Ausgabe erschien erst 1798 in zwei Bänden. Von dieser Edition wurde 2013 durch Einscannen eine neue Ausgabe angefertigt (offenbar hat niemand Korrektur gelesen; an manchen Stellen wird das lange "s" falsch als "f" wiedergegeben). 

Nachdem ich den Film "Die geliebten Schwestern" angesehen hatte, griff ich nochmals zu dem gesamten Roman. Mich hat der Roman von Anfang bis Ende gefesselt, durch etliche mich interessierende Motive in der Handlung, sogar eigene Lebenserfahrungen (Wirkungen des von Intriganten erweckten Zorns oder der Zuneigung von Greisen z.B.). 

Da auch noch Beobachtungen zu anderen Beiträgen der "Horen" gebracht werden, könnte man daran denken, einen eigenen Diskussionsfaden zur "Agnes von Lilien" einzurichten, um hier die Debatten nicht zu sehr zu unterbrechen.
Am meisten beschäftigte mich - nach dem Filmerlebnis - natürlich die Frage der Autorschaft. Da fragt man sich schon, wie die Brüder Schlegel zu der Ansicht gelangten, der Roman sei von Schiller oder sogar von Goethe. Allzu verschieden ist der Stil der Caroline von Wolzogen von dem der Dioskuren.

Haben die Zeitgenossen, die so dachten, nur ein Gerücht in die Welt gesetzt, ohne den Text genauer gelesen zu haben? Ist der Anteil Schillers am Schreiben seiner Schwägerin vielleicht doch größer als man denkt? Hat man Goethe und Schiller zugetraut, in die Rolle einer schreibenden Frau zu schlüpfen und auch Ansichten wiederzugeben, die ihnen selbst fremd waren? Konnten sie etwa die "Vorsehungsgläubigkeit" der Heldin des Romans authentisch wiedergeben?
Heutzutage achtet man ja noch auf ganz andere Dinge. Mich interessierte schon, ob man dem Text anmerkt, dass er von einer Frau stammt, eventuell bei der Wiedergabe des Erlebnisses der Mutterschaft, oder ob Züge einer "weiblichen Psyche" durch eine Autorin der Schule der Sophie La Roche sichtbar gemacht werden.
Ich habe einst keine literaturwissenschaftlichen Lehrveranstaltungen erlebt und nicht Philologie studiert. Unter Umständen stören mich die Sentimentalität, stereotype und gequält wirkende Wendungen nicht so sehr wie Leser, die sich mehr im 20. und 21. Jahrhundert zu Hause fühlen.

Was meint Ihr, soll ich noch einen Thread zur Agnes von Lilien aufmachen oder erfüllen die Fortsetzungen in den "Horen" eher "bedenkliche" Leseerwartungen an die Fortsetzung der "Horen" und regen bloß dazu an, ein allgemeines Gähnen loszuwerden ... ;D
Title: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 06. Oktober 2014, 11.19 Uhr
Was meint Ihr, soll ich noch einen Thread zur Agnes von Lilien aufmachen oder erfüllen die Fortsetzungen in den "Horen" eher "bedenkliche" Leseerwartungen an die Fortsetzung der "Horen" und regen bloß dazu an, ein allgemeines Gähnen loszuwerden ... ;D

Das sehen wir ja dann; aber mach' ruhig mal einen eigenen Thread auf.  :hi:
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 25. Oktober 2014, 19.58 Uhr
10/1796 enthält nur drei verschiedene Werke:

- Kosegartens Theon und Theano: Eine Liebesgeschichte in Versen, wenn ich das recht sehe. Ich kann gar nicht so schnell lesen, wie ich den Inhalt dieser Nullität wieder vergesse.
- Caroline von Wolzogen: Agnes von Lilien. Wie Anfang Oktober besprochen, gönnen wir dem Roman einen eigenen Thread (http://litteratur.ch/SMF/index.php?topic=911.0).
- Benvenuto Cellini: rauft immer noch in Italien mit diversen Leuten herum.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 02. November 2014, 06.22 Uhr
Eher allgemein Gehaltenes zu der Oktober-Nummer nun auch im Blog: http://blog.litteratur.ch/WordPress/?p=5887
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 29. November 2014, 13.21 Uhr

Juhu! Endlich einmal etwas Interessantes. Die Novembernummer enthält eine kleine literarische Sensation, das Gedicht: Ich denke dein. Es ist von einer Frau, von Friederike Brun. Aber nicht die Tatsache, dass es von einer Frau stammt, macht es zum Hightlight in den an Hightlights armen Horen, auch nicht , weil es besonders schön wäre. Beim Recherchieren, wer diese Friderike Brun denn nun sei, stieß ich im Goethezeitportal auf folgenden Satz:
 Ihr bekanntestes Gedicht „Ich denke dein“ wurde von Johann Wolfgang Goethe, den sie 1795 in Karlsbad kennen lernte, in sein Gedicht „Nähe des Geliebten“ umgeformt.
Ja, und das erschien in Schillers Musenalmanach für das Jahr 1796, kurz nach  der Publikation des Brunschen Gedichts in den Horen! Die Umformung  zeigt auf  eindrucksvolle Weise, wie sich Goethes Lyrik von der seiner Zeitgenossen, bzw.seiner literarischen Mitstreiter unterscheidet! Bei den Lyrik- Kostproben in den Horen war immer ganz klar, dass sie nicht von Goethe stammen konnten, seine Toleranz diesen Erzeugnissen gegenüber war mir, ehrlich gesagt, schleierhaft. Das Gedicht in der goethischen Prägung ist von allem antiken und antikisierenden Plunder und aller Jenseitsduselei befreit, ist einfacher, sinnlicher, intimer, lyrischer eben. Man vergleiche nur den Schluss: Oh, wärst du da…
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 30. November 2014, 14.47 Uhr
Danke für den Tipp mit Goethes Gedicht. Ja, als Lyriker ist dem alten Herrn keiner und keine so schnell überlegen. Was Deinen Satz:

[...] seine [Goethes] Toleranz diesen Erzeugnissen gegenüber war mir, ehrlich gesagt, schleierhaft.

betrifft: Einerseits vermute ich, dass auch bei den beiden Giganten der damaligen Literatur eine gewisse Schonung der Vertreter des eigenen Lagers stattfindet. Weiter muss das Heft irgendwie gefüllt werden, und es wollen ja beide, Schiller wie Goethe, nicht ihre besten Sachen beitragen. Vielleicht ist auch generell die schiefe Optik gegenüber Zeitgenossen schuld. Wenn ich sehe, was der sonst nicht auf den Kopf gefallene Wieland zur gleichen Zeit in seiner Zeitschrift, dem Teutschen Merkur, so alles gut findet... Man bleibt halt letztlich doch ein Kind seiner Zeit, und Wieland flippt bei Kosegarten aus wie andere heute bei Cohen oder Dylan (dem Bob).

Allgemein haben sich die Horen, will mir scheinen, mit der November-Nummer wieder etwas berappelt. Gut, auf den Benvenuto Cellini kann ich immer noch verzichten. Aber Hirts Reisebericht (der sehr schnell zur gelehrten philologischen Abhandlung mutiert!) ist so weit gelungen. Die Korrektheit seiner philologischen Abhandlung kann und will ich allerdings nicht beurteilen. Ich stelle mir dennoch vor, das so etwas den Erwartungen des Publikums durchaus entsprechen konnte - wenn es nicht allzu gehäuft auftrat. Voßens und Knebels Übersetzungen sind wie immer: Voß brav, aber umständlich, tonnenweise unnötige Neologismen einführend, nur um das Versmass einhalten zu können; Knebel hat mit Properz das bessere Ende erwischt und bleibt recht locker- luftig. Die Friederike hast Du, Gontscharow schon gut skizziert. Um ehrlich zu sein, bei all ihren Fehlern im Vergleich zu Goethe: Ich ziehe ihr Gedicht noch immer dem Voß'schen Erguss oder dem umständlichen Kanzlei-Deutsch des Prosaisten Goethe vor. Herders Gedicht zum Schluss hielt ich zuerst für ein scherzo; aber die dritte Strophe, wo er vom philosophischen Rohr zur Leier übergeht, ist wohl durchaus ernsthaft gemeint.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 30. November 2014, 19.43 Uhr

Quote from: sandhofer
Aber Hirts Reisebericht (der sehr schnell zur gelehrten philologischen Abhandlung mutiert!) ist so weit gelungen. Die Korrektheit seiner philologischen Abhandlung…
Ganz Deiner Meinung. aber wieso philologische Abhandlung? Aloys Hirt war Archäologe und Kunsthistoriker,  u.a. war er "Cicerone" in Rom gewesen und hatte Goethe und  später Amalia durch Rom geführt. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland spielte er als Gründer der Bauakademie, Mitinitiator der Museumsinsel und Lehrer Schinkels eine bedeutende Rolle im Berliner Klassizismus. Was er seiner Gönnerin (er war kurz vorher Weimarer Rat geworden) da beschreibt, ist eine historisch archäologische Exkursion.
Wie auch immer, mir hat sein Bericht direkt Lust gemacht, Latium und die Vorgängerstätten Roms ebenfalls zu erkunden.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 30. November 2014, 20.29 Uhr
Quote from: sandhofer
Aber Hirts Reisebericht (der sehr schnell zur gelehrten philologischen Abhandlung mutiert!) ist so weit gelungen. Die Korrektheit seiner philologischen Abhandlung…
Ganz Deiner Meinung. aber wieso philologische Abhandlung?

Weil er alte Texte analysiert. Zugegeben: Anhand der Gegebenheiten vor Ort.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 01. Dezember 2014, 10.59 Uhr

Quote from:  sandhofer
Herders Gedicht zum Schluss hielt ich zuerst für ein scherzo; aber die dritte Strophe, wo er vom philosophischen Rohr zur Leier übergeht, ist wohl durchaus ernsthaft gemeint.

Selten einen solchen Schwachsinn gelesen! Schon gar nicht einen so aufs kunstvollste gereimten  und in Form gebrachten (Rondeau o.ä.).

Apropos. Geht es wirklich nur um simplen Tabakgenuss? Oder hat man sich Weimarer Kiffbrüder vorzustellen?
 
Quote from:  Herder. Trösterinnen
.Wer reichet mir das Rohr? …
.....
……
Des Menschen Würd’ und Werth’ ist Türken-Apathie! –

...
So tröstete mich Rauch und Rauchphilósophie.
O0
Title: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 01. Dezember 2014, 11.36 Uhr
Selten einen solchen Schwachsinn gelesen!

 ;D

Apropos. Geht es wirklich nur um simplen Tabakgenuss? Oder hat man sich Weimarer Kiffbrüder vorzustellen?

 :o  ;D Ich bin jetzt in der Geschichte der Drogen und Betäubungsmittel auch nicht so firm, aber ich meine, dass Haschisch und Opium erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aufkamen. Es ist ja auch so, wenn wir über Kaffee lesen. Wir können uns gar nicht vorstellen, was Koffein und Nikotin auf die unschuldigen Kinder des 18. Jahrhunderts noch für eine Wirkung gehabt haben müssen.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 01. Dezember 2014, 12.47 Uhr

Quote from:  sandhofer
Es ist ja auch so, wenn wir über Kaffee lesen.

Ja, ich musste bei der Lektüre des Herderschen Gedichts auch gleich an Carl Gottlieb Herings
 
C-a- f- f- e- e,
…………………………..............
……………....   Türkentrank,
schwächt die Nerven, macht dich bla-ass und krank.
Sei doch kein Muselmann,
der ihn nicht lassen kann!


denken. Stammt wohl aus der selben Zeit.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 06. Dezember 2014, 07.35 Uhr
Heute früh dann im Blog beschrieben (http://blog.litteratur.ch/WordPress/?p=5961): Das Eilfte Stück des Jahrgangs 1796.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 26. Dezember 2014, 14.27 Uhr
Das zwölfte und letzte Stück von 1796:

Hirt fährt mit seinem archäologischen Bericht weiter. Wohl weil es eine Fortsetzung ist, fehlt die Huldigung an Anna Amalia. Im übrigen zeitgenössische Archäologie, wie zeitgenössische Archäologie damals eben war. Ohne Reisebericht vorher gefällt mir Hirts jedenfalls besser.

Boies Pilger: Eine moralische Novelle, wie sie in Boccaccio auch hätte gefunden werden können. Oder in Wielands Goldenem Spiegel (http://blog.litteratur.ch/WordPress/?p=4634), bzw. in dessen Fortsetzung, der Geschichte des weisen Danischmend (http://blog.litteratur.ch/WordPress/?p=4297).
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 28. Dezember 2014, 14.55 Uhr
Den Abschluss von N° 12 macht Körners Anaylse der Lehrjahre. Wir müssen wohl davon ausgehen, dass Körner diesen Roman so interpretierte, wie es auch Goethe und Schiller taten. Als letzten Endes realistisch, aber ins Idealistische gewandte Schilderung von Ereignissen, die hätten wahr sein können. Oder so.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 28. Dezember 2014, 20.24 Uhr

Endlich lerne ich einen Text von jenem Heinrich Christian Boie kennen, an dessen Wohnhaus in der Barfüßerstraße in Göttingen ich so oft achtlos vorübergegangen bin, als ich dort noch wohnte.  Boie war „Mentor“ der jungen Dichter des Hainbundes, von Hölty, Voss  und Co. und bot ihnen in seinem Göttinger Musenalmanach ein Sprachrohr. Er gilt u.a. als Begründer der deutschen Almanachskultur, die bis zur Frühromantik andauerte.
Seine Ballade Der Pilger, inhaltlich unoriginell und formal wenig ausgereift, vermag mich jedoch nicht vom Hocker zu reißen. Erstaunlich, wie unstrukturiert und wenig pointiert hier am Vorabend des sogenannten Balladenjahrs, in dem Goethe&Schiller diese Textform zu höchster Perfektion treiben werden, noch gedichtet wird!   
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 31. Dezember 2014, 20.44 Uhr

Kurz vor Toresschluss möchte ich der Pflicht Genüge tun und mich auch noch zum Körnerschen „Analyse“ auslassen. Ich hatte in diesem thread schon einmal etwas darüber geschrieben, finde es jetzt aber über die Suchfunktion nicht mehr.
Es ist  einigermaßen verwunderlich, dass Schiller das literarische Großereignis des Jahres - das Erscheinen von Wilhelm Meisters Lehrjahren - in den Horen lediglich durch diesen strohtrockenen, ich möchte fast sagen, uninspirierten Kommentar würdigt. Zumal er doch selbst lebhaftesten Anteil an der Entstehung des Romans genommen hat und von ihm begeistert war. Warum hat er, statt selbst etwas darüber zu verfassen sich mit diesem ziemlich nichtssagenden Auszug aus einem Brief seines Freundes begnügt?
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 01. Januar 2015, 06.57 Uhr
Warum hat er, statt selbst etwas darüber zu verfassen sich mit diesem ziemlich nichtssagenden Auszug aus einem Brief seines Freundes begnügt?

Keine Zeit?  ???
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 01. Januar 2015, 07.41 Uhr
12/1796 nun auch verbloggt (http://blog.litteratur.ch/WordPress/?p=6015).  8)
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 24. Januar 2015, 14.31 Uhr
Und was mache ich aus der ersten Nummer des letzten Jahrgangs?

Karl Wilhelm Ferdinand von Funcks Robert Guiscard Herzog von Apulien und Calabrien ist brav und bieder. Als einmaliges Zwischenspiel: Meinethalben. Immerhin ist er stilistisch lesbarer als Goethe, weil unkompliziert. Leider droht man uns mit einer Fortsetzung.

Fortgesetzt wird zu meinem Leidwesen auch der Benvenuto Cellini. Cellini ist immer noch der alte rechthaberische Aufschneider, dem von allen, vor allem von den Königen dieser Welt, natürlich Unrecht getan wird.

Der Gefangene von Pfeffel. Gem. Wikipedia hat Pfeffel sein gesamtes Vermögen in der Französischen Revolution verloren. Insofern will ich ihm seine merkwürdige, gegen die Aufklärung gerichtete Metapher in diesem Gedicht nachsehen. Allerdings bin ich sehr enttäuscht von Schiller, dass er einen derartigen (inhaltlichen wie sprachlichen) Quark in seine Zeitschrift aufnimmt.

Die Freundschaft, offenbar von Herder (übersetzt?), ist eine nette, pädagogisch-volksbildnerisch gedachte Nullität.

Fazit: Man könnte sich diese Nummer wohl auch sparen. Oder?
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 25. Januar 2015, 23.20 Uhr
Du bist aber früh dran diesmal! ;D Ich bitte noch um etwas Geduld.
 
Zu Pfeffel  kann ich aber schon etwas sagen.

Der Gefangene von Pfeffel. Gem. Wikipedia hat Pfeffel sein gesamtes Vermögen in der Französischen Revolution verloren. Insofern will ich ihm seine merkwürdige, gegen die Aufklärung gerichtete Metapher in diesem Gedicht nachsehen. Allerdings bin ich sehr enttäuscht von Schiller, dass er einen derartigen (inhaltlichen wie sprachlichen) Quark in seine Zeitschrift aufnimmt.


Das wundert mich gar nicht, hatten wir doch schon ein ähnlich anti-aufklärerisches Gedicht von Pfeffel im VII. Stück des Jahrgangs 1795  (http://litteratur.ch/SMF/index.php?topic=666.360) unter demTitel Saladin und der Sklave. Da hieß es:

Verachtest du die Freyheit? Nein;
Doch lieber will ich stets sie missen,
Als frey mit Bösewichtern seyn,
Die sie nicht zu gebrauchen wissen.

Hier wie da  passt das zu Schillers reservierter Haltung der Französischen Revolution gegenüber, wie sie an vielen Stellen in den Horen zum Ausdruck kommt, in der ÄE etwa , der Auseinandersetzung mit Jenisch und wie ich meine auch im Bild zu Sais - auch da blendet und gefährdet das Licht der Erkenntnis .



Title: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 26. Januar 2015, 07.45 Uhr
Du bist aber früh dran diesmal!

Nun ja: An diesem Knochen ist auch so gar kein Fleisch...
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 27. Januar 2015, 22.46 Uhr

Karl Wilhelm Ferdinand von Funcks Robert Guiscard Herzog von Apulien und Calabrien ist brav und bieder. Als einmaliges Zwischenspiel: Meinethalben. Immerhin ist er stilistisch lesbarer als Goethe, weil unkompliziert. Leider droht man uns mit einer Fortsetzung.

Da ich auf noch nicht lange zurückliegenden Streifzügen durch einsame archaische Landstriche Süditaliens u.a. auch immer auf Spuren der Normannen gestoßen bin, war ich eigentlich nicht abgeneigt, etwas über Robert Guiscard zu lesen. Leider ist eher klischeehaft , was Funcke uns  bietet. Er heroisiert Guiscard, der mit seinen Mannen in Wahrheit ziemlich gewütet haben muss, macht ihn fast zum Befreier und Wohltäter, jedenfalls zum sympathischen Haudegen mit idealen Führungsqualitäten…
Ich war schon drauf und dran kritisch anzumerken, dass in den Horen ziemlich wahllos durch die Weltgeschichte „gezappt“ wird. Das stimmt aber gar nicht. Im ganzen sind, so weit ich sehe, nur drei historische Darstellungen bis jetzt in den Horen erschienen: Schillers Merkwürdige Belagerung von Antwerpen, Woltmanns Theoderich, König der Ostgoten und eben Funcks Guiscard. In letzteren ist der Schauplatz Italien und in beiden geht es um „nordische“ Eindringlinge, Eroberer oder Herrscher , die mental und physisch dem südländischen Wirtsvölkern und sonstigen Konkurrenten überlegen sind… Zufall?
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 27. Januar 2015, 23.49 Uhr
Zufall?

Gute Frage. Ich weiss es nicht...
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Sir Thomas on 28. Januar 2015, 09.05 Uhr
... „nordische“ Eindringlinge, Eroberer oder Herrscher , die mental und physisch dem südländischen Wirtsvölkern und sonstigen Konkurrenten überlegen sind…

Lass das nicht die Pegida-Leute lesen! Die nehmen Dich sonst zwangsweise in ihre Reihen auf!!  ;)
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 29. Januar 2015, 15.16 Uhr
Fortgesetzt wird zu meinem Leidwesen auch der Benvenuto Cellini. Cellini ist immer noch der alte rechthaberische Aufschneider, dem von allen, vor allem von den Königen dieser Welt, natürlich Unrecht getan wird.

Das klingt so, als wenn du den Cellini doch wieder liest bzw. weiterliest.  Auch ich habe mir seit einiger Zeit den Cellini (allerdings in der etwas überarbeiteten späteren Buchfassung) zu Gemüte geführt. Trotz gegenteiliger Empfehlung  motivierte mich folgendes zu einer Lektüre:

1. ganz allgemein die Frage, was Goethe an Cellini interessiert und speziell warum er sich mit einem Manieristen beschäftigt, wo  er doch in der Italienischen Reise den Manierismus noch vehement ablehnt

2. die abenteuerliche exzentrische Figur des „Renaissancemenschen“ Cellini , dessen Durchsetzungs- und Behauptungswillen bis an die Grenzen des Kriminellen und darüber hinaus gehen., eines „Künstler-Verbrechers“ ähnlich wie Caravaggio.

3. Cellinis Homo- oder Bisexualität und  Goethes Haltung dazu vor dem Hintergrund eigener souveräner Darstellungen gleichgeschlechtlicher Liebe in seinem Werk und der toleranten solidarischen Haltung, die er im Falle Winckelmanns einnimmt und die er und Schiller ganz im Gegensatz zu den (hämischen)Romantikerkollegen in der Hartenberg-Affäre Johannes von Müller gegenüber an den Tag legen.

4.Cellinis Perseus…

Die Autobiographie liest sich wie ein Schelmenroman: Händel um Nichtigkeiten, Konkurrenzkämpfe, Tricksereien, viel Technik und Handwerkliches,  schlau-dreister Umgang mit den Herrschenden (Papst, Könige, Fürsten) Das ganze in einem ziemlich kruden Stil. Die Horen- Leser waren z.T. empört . Dabei soll vieles abgeschwächt und „Schlimmstes“ ausgelassen  worden sein …

Ich glaube , es entsteht ein schiefes Bild wenn man den Cellini außen vor lässt. Wie oft fanden wir den Inhalt einzelner Folgen brav, bieder, moralinsauer, ja spießig. Da schafft doch ein Renaissance-Tausendsassa wie Cellini ein willkommenes Gegengewicht …
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 29. Januar 2015, 17.40 Uhr
Das klingt so, als wenn du den Cellini doch wieder liest bzw. weiterliest. 

Ich versuch's ja in jeder Horen-Nummer wieder. Aber nach einer Seite oder zwei gebe ich auf. Zu viel vom Gleichen. Und dann Goethes Kurialstil...  ::)

1. ganz allgemein die Frage, was Goethe an Cellini interessiert und speziell warum er sich mit einem Manieristen beschäftigt, wo  er doch in der Italienischen Reise den Manierismus noch vehement ablehnt

Die Frage ist gut, aber ich fürchte, der Cellini gibt keine Antwort...

2. die abenteuerliche exzentrische Figur des „Renaissancemenschen“ Cellini , dessen Durchsetzungs- und Behauptungswillen bis an die Grenzen des Kriminellen und darüber hinaus gehen., eines „Künstler-Verbrechers“ ähnlich wie Caravaggio.

Heinses Ardinghello hatte den Typ geprägt; hier findet Goethe ein reales Gegenbild. Aber ob das alleine die Faszination erklärt?

3. Cellinis Homo- oder Bisexualität und  Goethes Haltung dazu vor dem Hintergrund eigener souveräner Darstellungen gleichgeschlechtlicher Liebe in seinem Werk und der toleranten solidarischen Haltung, die er im Falle Winckelmanns einnimmt und die er und Schiller ganz im Gegensatz zu den (hämischen)Romantikerkollegen in der Hartenberg-Affäre Johannes von Müller gegenüber an den Tag legen.

Diese liberale Haltung ist es ja, die Goethe und Schiller auch zu den letzten der Aufklärung gehören lässt. Umso mehr staune ich jedesmal, dass man in dern Horen einen Mann wie Pfeffel seine nur schlecht versteckten Invektiven gegen die Aufklärung loslassen lässt.

Die Autobiographie liest sich wie ein Schelmenroman: Händel um Nichtigkeiten, Konkurrenzkämpfe, Tricksereien, viel Technik und Handwerkliches,  schlau-dreister Umgang mit den Herrschenden (Papst, Könige, Fürsten)

Ja. Aber zu viel von immer wieder demselben...

Das ganze in einem ziemlich kruden Stil.

Ich hätte ja nun Goethes Stil nicht als krude bezeichnet...  ;D

Ich glaube , es entsteht ein schiefes Bild wenn man den Cellini außen vor lässt. Wie oft fanden wir den Inhalt einzelner Folgen brav, bieder, moralinsauer, ja spießig. Da schafft doch ein Renaissance-Tausendsassa wie Cellini ein willkommenes Gegengewicht …

Würde er vielleicht schaffen, wenn er nicht im spiessigsten Kurialstil daher geschritten käme, dessen Goethe mächtig ist. In Jahnns Fluss ohne Ufer, das ich gerade lese, haben wir ja auch so eine Diskrepanz, indem die Protagonisten allesamt (inkl. einfache Matrosen) so reden, als ob sie Gymnasiallehrer aus dem Ende des 19. Jahrhunderts wären. Aber bei Jahnn trägt das zur gespenstischen Atmosphäre bei, die auf dem Holzschiff herrscht - eine mächtige Inkongruenz, wohin man schaut. Beim Cellini habe ich einfach den Eindruck, Goethe konnte oder wollte nicht anders. (Bzs.: dass er anders wollen kann, hat er ja im Märchen gezeigt...)
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 30. Januar 2015, 12.02 Uhr

Zum guten Schluss:


Die Freundschaft, offenbar von Herder (übersetzt?), ist eine nette, pädagogisch-volksbildnerisch gedachte Nullität.

Bin einverstanden und habe nichts hinzuzufügen.

Fazit: Man könnte sich diese Nummer wohl auch sparen. Oder?

Ein klares Jein.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 31. Januar 2015, 19.07 Uhr
Fazit: Man könnte sich diese Nummer wohl auch sparen. Oder?

Ein klares Jein.

Seufz. Auch Kollege Köllerer findet den Cellini "kulturgeschichtlich interessant" - aber ganz ehrlich: selbst wenn's von Goethe ist: das ist einfach nur Schrott.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 01. Februar 2015, 06.03 Uhr
Nun ja - im Blog abgelegt (http://blog.litteratur.ch/WordPress/?p=6072) habe ich diese Nummer mittlerweile auch...
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 21. Februar 2015, 15.21 Uhr
Und was mache ich aus der ersten Nummer des letzten Jahrgangs?

Und mit der zweiten?

Karl Wilhelm Ferdinand von Funcks Robert Guiscard Herzog von Apulien und Calabrien ist brav und bieder. Als einmaliges Zwischenspiel: Meinethalben. Immerhin ist er stilistisch lesbarer als Goethe, weil unkompliziert. Leider droht man uns mit einer Fortsetzung.

Und irgendwie mag ich diese Fortsetzung so gar nimmer lesen. Vor allem, weil man uns mit noch einer droht...

Fortgesetzt wird zu meinem Leidwesen auch der Benvenuto Cellini. Cellini ist immer noch der alte rechthaberische Aufschneider, dem von allen, vor allem von den Königen dieser Welt, natürlich Unrecht getan wird.

Hab' ich noch nicht 'reingeguckt, aber ich denke mal, dass ich auch das ruhig so stehen lassen kann...

Dafür habe ich schon die Geschichte des Königs von Neapel nach dem Boccaz hinter mir. Ich bin zu faul nachzuforschen, aber fast davon überzeugt, dass das Original flüssiger und lesbarer ist als Sophie Mereaus Übertragung.

Die Pindar'sche Ode, von Wilhelm von Humboldt übersetzt, traue ich mich heute nicht mehr zu lesen...

Fazit: Man könnte sich diese Nummer wohl auch sparen. Oder?

Ja. Und diese wohl auch...
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 21. Februar 2015, 20.16 Uhr
Und was mache ich aus der ersten Nummer des letzten Jahrgangs?

Und mit der zweiten?

....
Fazit: Man könnte sich diese Nummer wohl auch sparen. Oder?

Ja. Und diese wohl auch...

 ;D

Du verstehst es, deine Mitleser zu motivieren...
Was ist übrigens mit Caroline von Wolzogen?
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 21. Februar 2015, 20.33 Uhr
Was ist übrigens mit Caroline von Wolzogen?

Nichts. Totalausfall. Gelesen und gleich wieder vergessen. Das Ganze scheint sich zu einer simplen Love-Story à la Courths-Mahler zu entwickeln. Ich weiss nicht einmal mehr, wer hier wer ist.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 21. Februar 2015, 21.37 Uhr
Dafür habe ich schon die Geschichte des Königs von Neapel nach dem Boccaz hinter mir. Ich bin zu faul nachzuforschen, aber fast davon überzeugt, dass das Original flüssiger und lesbarer ist als Sophie Mereaus Übertragung.

Nö. Ich hab’s mal kurz nachgeprüft: Mereau hält sich ziemlich genau ans Original und versucht adäquat zu übersetzen. Schiller äußert sich in bezug auf Sophie Mereau Goethe gegenüber: Ich muß mich doch wirklich darüber wundern, wie unsere Weiber jetzt, auf bloß dilettantischem Wege, eine gewisse Schreibgeschicklichkeit sich zu verschaffen wissen, die der Kunst nahe kommt. (Briefwechsel, Juni 1797)

Natürlich ist auch diese Geschichte wie weiland die von Mereau übersetzte Boccaz-Erzählung Nathan (IX/96) vom zehnten Tag, an dem horen-affin „von edlen und großmütigen Handlungen“ erzählt wird. Und das Thema entspricht dem Lieblingsthema der Weimarer Klassik: Entsagung.

Dass in einer Erzählung des 14. Jahrhunderts im Garten gegrillt wird und ein Miss Wet-T-Shirt-Contest stattfindet, hat mich jedoch erstaunt.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 22. Februar 2015, 05.53 Uhr
Danke fürs Nachschlagen.

Dass in einer Erzählung des 14. Jahrhunderts im Garten gegrillt wird und ein Miss Wet-T-Shirt-Contest stattfindet, hat mich jedoch erstaunt.

 ;D ;D
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 25. Februar 2015, 23.29 Uhr
Fortgesetzt wird zu meinem Leidwesen auch der Benvenuto Cellini. Cellini ist immer noch der alte rechthaberische Aufschneider, dem von allen, vor allem von den Königen dieser Welt, natürlich Unrecht getan wird.
Hab' ich noch nicht 'reingeguckt, aber ich denke mal, dass ich auch das ruhig so stehen lassen kann...

Nei-ein! :police: Denn: In dieser Folge geht es um den Perseus, die monumentale Bronze-Statue, die in der Loggia dei Lanzi neben Donatellis und vis a vis von Michelangelos David steht, den Vergleich mit ihnen nicht scheuen muss und die ihn weltberühmt gemacht hat! Wir erfahren, dass sein Modell einer seiner Schüler war, dessen Mutter Cellini später der „Sodomie“ bezichtigen wird. Er berichtet  über Verhandlungen mit seinem Auftraggeber Cosimo de Medici, über Vorarbeiten, über verschiedene Techniken, vor allem über das komplizierte Gießen der Formen!
Ich sagte ja, dass einer der Gründe, warum ich die Autobiographie in der Übersetzung Goethes dann doch gelesen habe, der Perseus ist. Er ist atemberaubend schön und und mich interessierte Goethes Haltung dazu, der, wie u.a. Statuen und Büsten in seinem Haus zeigen, ja durchaus ein Faible für schöne Mannsbilder hatte. Goethe hat den Perseus von Cellini aber nie gesehen, auch nicht auf Bildern oder Stichen, Schiller übrigens auch nicht.
 
In dem neuen Stück Cellini, schrieb Schiller an Goethe am 7.02.1797, habe ich mich über den Guß des Perseus recht von Herzen erlustigt. Die Belagerung von Troja oder von Mantua kann keine größere Begebenheit sein, und nicht pathetischer erzählt werden als diese Geschichte.[/b]
Und Goethe antwortete  postwendend:
Der Guß des Perseus ist fürwahr einer von den lichten Punkten, so wie bei der ganzen Arbeit an der Statue bis zuletzt Naturell, Kunst, Handwerk, Leidenschaft und Zufall alles durcheinander wirkt und dadurch das Kunstwerk gleichsam zum Naturprodukt macht.

Cellini wählte das Verfahren der "verlorenen Form", das er so beschreibt: Ein Modell wird in Ton so groß gearbeitet als der künftige Guss werden soll. Ein Fingerbreit der Oberfläche wird abgetragen und durch eine ebenso dicke Schicht Wachs ersetzt. "Hierüber wird eine feuerfeste Form gemacht und das Wachs herausgeschmolzen, da denn eine Höhlung bleibt, welche das Erz wieder ausfüllen soll. Wo in der Literatur gibt es eine ähnliche Beschreibung? Ja, genau, im Lied von der Glocke:
Eine weitere Anregung zur Abfassung des Liedes war die Beschreibung des Gusses des Perseus in Benvenuto Cellinis Autobiographie, deren vorletzte[!?] Sendung der Übersetzer Goethe ihm[Schiller] am 1. Februar 1797 für die Zeitschrift „Die Horen" gesandt hatte. Jetzt entwickelte Schiller einen klaren Plan für „Das Lied von der Glocke“ (wiki :Die Glocke)
Italienischer Toyboy oder deutsche biedere Glocke - es geht um das Handwerkliche...
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 26. Februar 2015, 17.48 Uhr
Gut. Du hast mich überzeugt. Vor Samstag komme ich aber nicht mehr dazu, den Benvenuto zu lesen. (Ich wollte eigentlich schon letzten Sonntag, aber da hat mich eine Migräne ausser Gefecht gesetzt.)
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 28. Februar 2015, 17.37 Uhr
Mittlerweile erledigt. Irgendwie war's aber bis zum Punkt, wo die Glocke ... äh der Toyboy ... äh der Perseus endlich gegossen wurde, mit meiner Konzentration schon fast wieder vorbei. Dieser Cellini ist wahrlich ein selbstgerechtes A... Und Goethes altbackene Übersetzung macht die Lektüre auch nicht faszinierender ...
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 28. Februar 2015, 20.59 Uhr
Irgendwie war's aber [...] mit meiner Konzentration schon fast wieder vorbei.

Verständlich. Mir geht’s so mit Robert Guiscard. Habe mich durchgequält, sehe aber wenig Sinn darin, den Inhalt hier zu referieren. Denn ich kann mir keinen Reim darauf machen, was dieser Bericht in den Horen verloren (diesen Reim wollte ich schon lange mal machen) hat, außer als Lückenfüller, schrieb Schiller doch am 17. Januar 1797 verzweifelt an Goethe:

Wir müssen alles was wir finden, für die Horen zusammenraffen…
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 01. März 2015, 06.39 Uhr
Trotz allem N° 2/1797 nun auch im Blog (http://blog.litteratur.ch/WordPress/?p=6125) verortet. Mit bestem Dank an Dich, Gontscharow, fürs Heraussuchen der Briefstellen. So bekam der Eintrag doch noch etwas Farbe.  ;)
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 27. März 2015, 21.52 Uhr
Herr, es ist Zeit. Nun also 1797/ III. Mit nur vier Beiträgen und deutlich unter hundert Seiten ist es die vermutlich schlankeste bisherige Folge. Selbst der sog. Centaur (1795/VI), der nur zwei Beiträge, nämlich Teile der Ästhetischen Erziehung und der Römischen Elegien, enthielt, war mit 127 Seiten deutlich umfangreicher, vom höherkarätigen Inhalt einmal abgesehen.

Die zum Glück letzte Folge von Funcks Robert Guiscard erlaube ich mir zu überspringen und komme direkt zu Hans Christian Boies Die Stände, einem moralisch politischen Lehrgedicht ähnlichen Inhalts wie Der Pilger aus 1797/I : Ein Herrscher oder angehender Herrscher prüft mit Hilfe eines „Weisen“ seine Untertanen. Im ersten Fall muss er feststellen, dass keiner ihm gegenüber ehrlich und er einsam ist  (Mir kommen die Tränen) und im zweiten, dass die Menschen der verschiedenen Stände nur an ihre Stellung denken und das Gemeinwohl ihnen egal ist. Während aber der Schauplatz des Pilgers das neapolitanische Königreich ist, hat Boie für Die Stände eine morgenländische Kulisse gewählt. Er entführt uns nach Persien. Ich habe mich gefragt, woher er die iranischen Interna, diese Namen wie Hormuz und Nirsukhan, hat und ich vermute mal aus Edward Gibbons  The History of the Decline and Fall of the Roman Empire, das damals Furore machte, dort habe ich das Personal aus dem Gedicht Die Stände jedenfalls gefunden…
Übrigens etwas"Modernes" hat das Gedicht. Der weise Nirsukhan weist den zukünftigen König darauf hin, dass er als Herrscher mit gutem Beispiel vorangehen und sich zuvörderst in den Dienst des Gemeinwohls stellen müsse. So etwas wie aufgeklärter Absolutismus friderizianischer Prägung (...erster Diener des Volkes) klingt an und passt gar nicht ins Morgenland.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 28. März 2015, 17.27 Uhr
Nun also 1797/ III. Mit nur vier Beiträgen und deutlich unter hundert Seiten ist es die vermutlich schlankeste bisherige Folge. Selbst der sog. Centaur (1795/VI), der nur zwei Beiträge, nämlich Teile der Ästhetischen Erziehung und der Römischen Elegien, enthielt, war mit 127 Seiten deutlich umfangreicher, vom höherkarätigen Inhalt einmal abgesehen.

Und man ist bedeutend schneller fertig mit Lesen bei dieser Nummer. Bzw. mit Nicht-Lesen...

Die zum Glück letzte Folge von Funcks Robert Guiscard erlaube ich mir zu überspringen

Ich habe 'reingelinst: Du verpasst nichts.

Während aber der Schauplatz des Pilgers das neapolitanische Königreich ist, hat Boie für Die Stände eine morgenländische Kulisse gewählt.

Warum - ausser, um mit exotischer Kulisse prunken zu können, wird allerdings nicht klar. Es hätte genau so gut noch einmal Neapel sein können. Oder das alte England. Oder ... oder ... oder ...

Übrigens etwas"Modernes" hat das Gedicht. Der weise Nirsukhan weist den zukünftigen König darauf hin, dass er als Herrscher mit gutem Beispiel vorangehen und sich zuvörderst in den Dienst des Gemeinwohls stellen müsse. So etwas wie aufgeklärter Absolutismus friderizianischer Prägung (...erster Diener des Volkes) klingt an und passt gar nicht ins Morgenland.

Wohl nicht unbeabsichtig. Aber alleine schon das Deutsch, das Boie verwendet ... Er biegt so lange am deutschen Satzbau herum, bis Reim und Rhythmus halbwegs stimmen.

Maler Müllers Text ist zumindest zu Beginn sogar recht interessant. Dort gibt er nämlich eine Art Ästhetik und Anleitung zum Kunstkritier in einem. Die Gemälde, um die es geht, kenne ich leider nicht, da verliert die zweite Hälfte dieses Textes dann doch so einiges.

Der Benvenuto Cellini ist wie gehabt. Höchstens, dass er uns erzählt, wie wütend es ihn macht, vor den Ohren des Fürsten, der ihn gerade sponsort, "Sodomit" genannt zu werden. Ich weiss nicht, ob ihn seine Homo- oder Bisexualität den Kopf hätte kosten können, aber die Stellung am Hof allemal. Da kriege ich sogar fast eine Art Mitleid mit diesem alten, unverschämten Aufschneider...
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 28. März 2015, 22.25 Uhr

Maler Müllers Text ist zumindest zu Beginn sogar recht interessant.


Wirklich?? Das  Schreiben Herrn Müllers Mahlers in Rom über die Ankündigung des Herrn Fernow von der Ausstellung  des Herrn  Professor Carstens in Rom ist - wie schon der vulominöse umständliche Titel ahnen lässt- doch eigentlich ein ziemlich unverdaulicher Brocken, eine Herausforderung für den Leser, dem zugemutet wird, sich die Replik eines Herrn auf ungelesene Ausführungen eines zweiten über ungesehene Bilder eines dritten zu Gemüte zu führen.
Zudem bemerkt auch Goethe:
 
In den Grundsätzen, die er [Maler Müller]aufstellt hat er sehr recht…, aber im Ganzen doch etwas Unbehülfliches und in einzelnen Stellen ist der Punkt nicht recht getroffen.

Das in einem Brief vom 1.Februar 1797, in dem er Schiller wissen lässt :

Von Rom habe ich einen wunderlichen Aufsatz erhalten, der vielleicht für die Horen brauchbar ist. Er hat den ehemals sogenannten Maler Müller zum Verfasser, und ist gegen Fernow gerichtet.

Fernow hatte in Wielands Teutschem Merkur sich lobend über eine Ausstellung Carstens ausgelassen.

Goethe schlägt vor:

Ich lasse das Werkchen abschreiben und theile es alsdann mit. Da er  genannt seyn will, so könnte man es wohl mit seinem Namen abdrucken lassen und am Schlusse eine Note hinzufügen, wodurch man sich in die Mitte stellte und eine Art von pro und contra eröffnete. Herr Fernow möchte alsdann im Merkur, Herr Müller in den Horen seine rechtliche Nothdurft anbringen, und man hätte dabei Gelegenheit die mancherlei Albernheiten, die Herr Fernow mit großer Freiheit im Merkur debütirt, mit wenig Worten herauszuheben.

Das wäre eine für den Leser nachvollziehbare interessante Lösung gewesen. Schiller jedoch setzt den Artikel ohne Erläuterung oder Kommentar ins März- und Aprilheft. Meines Wissens ist auch daraus keine Diskussion entstanden, oder?

Was aber interessant ist: Goethe lernte den überaus interessanten Maler Asmus Jacob Carstens zwar zuerst durch die negative Kritik Müllers kennen, erwarb dann aber in seiner Funktion als Direktor der herzoglichen Kunstsammlungen vom zunächst geschmähten(s.o.) Fürsprecher und Biographen Fernow den gesamten künstlerischen Nachlass Carstens, der 1798 an der Schwindsucht starb. Wie es zu diesem  Sinneswandel kam, darüber geben die Horen, fürchte ich, keine Auskunft. Aber Goethe hatte mal wieder den richtigen Riecher!
__________
Ich sah Bilder von Carstens in einer Klassizismus-Ausstellung des Frankfurter Städel, die den wie auf die Horen zugeschnittenen Titel Schönheit und Revolution trug! Zum Glück fand ich jetzt im Katalog das von Müller inkriminierte Gemälde Die Helden im Zelt des Achill und konnte so Müllers Ausführungen nachvollziehen, sie konnten mich aber nicht überzeugen. Ein informativer Artikel zu der interessanten Persönlichkeit Carstens und zum deutschen Klassizismus: http://www.zeit.de/1992/47/klassizist-und-rebell (http://www.zeit.de/1992/47/klassizist-und-rebell)
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 29. März 2015, 06.52 Uhr
Eine andere Frage noch: Ich habe im Hinterkopf, dass es ein "Volkslied" gibt, dessen Text nicht vom Volk, sondern eben vom Maler Müller. Ich finde im Netz zwar jede Menge Lyrik vom Maler Müller, aber nichts, das mir bekannt vorkäme. (Und: Nein, ich denke nicht, dass ich Das Wandern ist des Müllers Lust meine und den jüngeren Wilhelm mit dem älteren Friedrich verwechsle.)

Fernow, den Maler Müller hier kritisiert, ist später übrigens von Böttiger als Professor nach Jena, und dann von Anna Amalia als Bibliothekar nach Weimar geholt worden. Auch so einer der Minderen der Weimarer Klassik also, die man kaum mehr kennt heute. Ich zitiere mal Wikipedia:

Nach der Beteiligung an Goethes Schrift Winckelmann und sein Jahrhundert (1805) edierte Fernow gemeinsam mit Heinrich Meyer Johann Joachim Winckelmanns gesammelten Werke. Es sollte sein letztes Projekt werden. In der Nacht vom 4. zum 5. Dezember 1808 verstarb er. Zwei Jahre später veröffentlichte Johanna Schopenhauer Carl Ludwig Fernow's Leben, dem regierenden Herzog Carl August gewidmet. Fernows Bibliothek kaufte Johann Wolfgang von Goethe im Auftrag des Herzogs auf, wovon den verwaisten Söhnen ein Erziehungsgeld ausgesetzt wurde. Aus der Sammlung seiner Kupferstiche erwarb Goethe 1809 die bemerkenswertesten Stücke, meist nach Gemälden der Spätrenaissance und des Manierismus, für sich selbst. Die Sammlung von Zeichnungen des Asmus Carstens, die Fernow über die Alpen mitgebracht hatte, war bereits einige Jahre zuvor für die herzoglichen Kunstsammlungen angekauft worden.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 30. März 2015, 01.40 Uhr
Eine andere Frage noch: Ich habe im Hinterkopf, dass es ein "Volkslied" gibt, dessen Text nicht vom Volk, sondern eben vom Maler Müller. Ich finde im Netz zwar jede Menge Lyrik vom Maler Müller, aber nichts, das mir bekannt vorkäme. (Und: Nein, ich denke nicht, dass ich Das Wandern ist des Müllers Lust meine und den jüngeren Wilhelm mit dem älteren Friedrich verwechsle.)

Ist es vielleicht dieses?
Das 1776 veröffentlichte Gedicht "Soldaten-Abschied" ("Heute scheid' ich, heute wand'r ich") von Friedrich Müller, genannt Maler Müller, wurde in der Vertonung Friedrich Ernst Fescas (1822) zum volkstümlichen Lied. Mehr:

http://www.liederlexikon.de/lieder/heute_scheid_ich_heute_wandr_ich (http://www.liederlexikon.de/lieder/heute_scheid_ich_heute_wandr_ich)

Der Benvenuto Cellini ist wie gehabt. Höchstens, dass er uns erzählt, wie wütend es ihn macht, vor den Ohren des Fürsten, der ihn gerade sponsort, "Sodomit" genannt zu werden. Ich weiss nicht, ob ihn seine Homo- oder Bisexualität den Kopf hätte kosten können, aber die Stellung am Hof allemal. Da kriege ich sogar fast eine Art Mitleid mit diesem alten, unverschämten Aufschneider...

Er zieht sich aber schlagfertig aus der Affaire und teilt sogar noch einen ironischen Seitenhieb auf anwesende und hohe Herrn im allgemeinen aus:

O du Thor! sagte ich, du überschreitest das Maas; aber wollte Gott, daß ich mich auf eine so edle Kunst verstünde, denn wir lesen, daß Jupiter sie mit Ganimeden verübte, und hier auf der Erde pflegen die größten Kaiser und Könige derselben; ich aber als ein niedriges und geringes Menschlein wüßte mich nicht in einen so wundersamen Gebrauch zu finden.
Hierauf konnte sich niemand halten, der Herzog und die übrigen lachten laut und ob ich mich gleich bey dieser Gelegenheit munter und gleichgültig bezeugte, so wisset nur, geneigte Leser, daß mir inwendig das Herz springen wollte…


Für mich eine der witzigsten Szenen im Benvenuto Cellini, an die Boccaz’schen Novellen des sechsten Tages erinnernd, in denen gezeigt werden soll, wie jemand durch ein witziges Wort eine peinliche Situation meistert.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 30. März 2015, 17.44 Uhr
Ist es vielleicht dieses?
Das 1776 veröffentlichte Gedicht "Soldaten-Abschied" ("Heute scheid' ich, heute wand'r ich") von Friedrich Müller, genannt Maler Müller, wurde in der Vertonung Friedrich Ernst Fescas (1822) zum volkstümlichen Lied.

Müsste es sein ... wenn ich dann doch nicht den Griechen-Müller mit dem Maler Müller verwechselt habe...
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 03. April 2015, 07.06 Uhr
Verwechslung her oder hin, ich habe N° 3 von 1797 nun im Blog (http://blog.litteratur.ch/WordPress/?p=6212) zu beschreiben versucht.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 25. April 2015, 16.39 Uhr
Boies "Aufklärung": hat sogar eine witzige Pointe. Das bisher Beste von ihm in den "Horen".

Maler Müller, der den Genie-Gedanken hoch hält.

Die Schlüssel-Szene aus Shakespeares "Julius Cäsar", übersetzt von A. W. Schlegel. Immer ein Genuss...

Cellini ... nun ja.

Pause für heute.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 26. April 2015, 14.30 Uhr
Die beiden Schlussgedichte von Boie sind Füllsel, wie sie die "Horen" schon allenthalben und immer wieder brachten.

Lenz' "Waldbruder" bringt den guten alten Sturm & Drang zurück. Aber Lenz konnte Prosa.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 26. April 2015, 21.49 Uhr

Boies "Aufklärung": hat sogar eine witzige Pointe.

Nun lese ich das Gedicht Aufklärung von Hans Christian Boie schon zum dritten Mal auf der Suche nach der witzigen Pointe. Vergebens. Habe ich etwas überlesen? Ich bitte um Aufklärung.  lvw
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 27. April 2015, 20.46 Uhr
Nun lese ich das Gedicht Aufklärung von Hans Christian Boie schon zum dritten Mal auf der Suche nach der witzigen Pointe. Vergebens. Habe ich etwas überlesen? Ich bitte um Aufklärung.  lvw

Zeile 59, wo der scheinbar nur um seinen Herrscher besorgte Wesir plötzlich verrät, warum er die Aufklärung beim Volk für so gefährlich hält: Weil die aufgeklärte Kritik zuerst und vor allem - ihn selber trifft. Wobei das andererseits natürlich auch Lobhudelei gegenüber dem Potentaten ist - der die Aufklärung ja nicht zu fürchten hat.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 28. April 2015, 23.39 Uhr
Nun lese ich das Gedicht Aufklärung von Hans Christian Boie schon zum dritten Mal auf der Suche nach der witzigen Pointe. Vergebens. Habe ich etwas überlesen? Ich bitte um Aufklärung.  lvw

Zeile 59, wo der scheinbar nur um seinen Herrscher besorgte Wesir plötzlich verrät, warum er die Aufklärung beim Volk für so gefährlich hält: Weil die aufgeklärte Kritik zuerst und vor allem - ihn selber trifft. Wobei das andererseits natürlich auch Lobhudelei gegenüber dem Potentaten ist - der die Aufklärung ja nicht zu fürchten hat.

Ach so, diese Stelle meintest Du. Okay, einverstanden, sie ist einigermaßen witzig, besonders auch die prompte Reaktion Harun al Raschids: Ich verstehe[…]/ und gehe. Wie überhaupt das ganze Zwiegespräch zwischen Wesir und Herrscher erfreulich ist, da eine Apologie der Aufklärung, was ja in den Horen eher selten ist.
Allerdings, das Ganze spielt (wieder) im fernen Morgenland und von einer aufgeklärten kritischen Infragestellung des Herrschaftssystem ist natürlich nicht die Rede, im Gegenteil…
Title: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 29. April 2015, 07.27 Uhr
Allerdings, das Ganze spielt (wieder) im fernen Morgenland und von einer aufgeklärten kritischen Infragestellung des Herrschaftssystem ist natürlich nicht die Rede, im Gegenteil…

Da gebe ich Dir Recht.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 30. April 2015, 23.38 Uhr
Als ich den Titel des V. Beitrags: Der Waldbruder, ein Pendant zu Werthers Leiden von dem verstorbenen Lenz las, war ich einigermaßen überrascht. Eine Sturm-und Drang- Erzählung in den Horen? Noch dazu von Jakob Michael Reinhold Lenz?
Seine Beziehung zu Goethe, sein Zerwürfnis mit ihm und der Welt, seine Lebens- und Krankengeschichte und nicht zuletzt seine Dichtung - ich kenne und schätze besonders den Hofmeister- machen ihn zu einer überaus interessanten Erscheinung der Literaturgeschichte. Nicht ohne Grund avanciert er später zur literarischen Figur,  bei Georg Büchner etwa oder Peter Schneider.
Am 17. Januar 1797 schreibt Schiller an Goethe:
Fällt Ihnen etwas von der Lenzischen Verlassenschaft in die Hände, so erinnern Sie sich meiner. Wir müssen alles was wir finden, für die Horen zusammenraffen…
Und am 2. Februar 1797, nachdem ihm Goethe einige der „wunderlichen Hefte“ zugesandt hat:
Die Lenziana, so weit ich bis jetzt hineingesehen, enthalten sehr tolles Zeug, aber die Wiedererscheinung dieser Empfindungsweise zu jetzigen Zeiten wird sicherlich nicht ohne Interesse sein, besonders da der Tod und das unglückliche Leben des Verfassers allen Neid ausgelöscht hat, und diese Fragmente immer einen biographischen und pathologischen Werth haben müssen.
Also weniger oder gar nicht wegen seiner literarischen Qualität oder Originalität  wird der Waldbruder veröffentlicht, sondern  weil man ihn als Lückenfüller gebrauchen kann und die unglückliche Lebensgeschichte des Verfassers der Sensationslust des Lesepublikums entgegenkommt.
Und noch ein weiterer unlauterer Grund, warum Schiller scharf auf die Lenziana ist, klingt an: dem Verstorbenen muss kein Honorar gezahlt werden.
Schiller an Goethe am 5. Mai 1797:
Was die Karte zum Moses betrifft, so wollen wir, wenn es Ihnen recht ist, den Lenzischen Aufsatz, den ich in das fünfte Horenstück einrücken lasse, dazu bestimmen, daß die Ausgabe für jene Karte davon bestritten wird. Ich habe Cotta versprochen, daß ihn kein Bogen mehr als vier9) Louisdors kosten solle; sonst hätte er die Horen nicht gut fortsetzen können. Auf diese Art aber macht er sich sehr gut.
Das hat Lenz nicht verdient….Der ominöse Moses erschien mWs nicht.
Was mich interessieren würde: Wie kam ausgerechnet Goethe, der Lenz aus Weimar hatte ausweisen lassen, zur Verfügungsgewalt  über die Lenziana?

Allem anderen von dir Gesagten ist von meiner Seite nichts hinzuzufügen.  8)
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 01. Mai 2015, 07.58 Uhr
Eine Sturm-und Drang- Erzählung in den Horen?

Wenn wir dann noch hinzunehmen, dass der Maler Müller in seinem Beitrag eine Sturm-und-Drang-Ästhetik propagiert, könnte man diese Nummer nachgerade eine des Rücksturzes in den Sturm und Drang nennen.

Die literarische Qualität des Waldbruders würde ich im Übrigen doch etwas höher einstufen als Goethe und Schiller. Für die Horen ist sie gar unverschämt hoch...
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 01. Mai 2015, 11.18 Uhr
Eine Sturm-und Drang- Erzählung in den Horen?

Wenn wir dann noch hinzunehmen, dass der Maler Müller in seinem Beitrag eine Sturm-und-Drang-Ästhetik propagiert, könnte man diese Nummer nachgerade eine des Rücksturzes in den Sturm und Drang nennen.


Allerdings mit dem Unterschied, dass es sich bei Lenz’ Text um einen originalen Sturm- und- Drang-Text handelt, während Maler Müllers Elaborat zwanzig Jahre zu spät kommt.
Ich halte Müllers Schreiben ehrlich gesagt für rhetorisch aufgeblähten Stuss. Zum Glück tragen ja  auch im Endeffekt sowohl der Kritiker Fernow als auch Maler Carstens ( in der Wertschätzung Goethes) den Sieg über Maler Müller davon.  ;)
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 01. Mai 2015, 12.17 Uhr
während Maler Müllers Elaborat zwanzig Jahre zu spät kommt.

Ja. Das war in gewissem Sinn die Tragik dieses Mannes...
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 03. Mai 2015, 07.12 Uhr
Unterdessen ist auch diese Nummer im Blog zu finden: http://blog.litteratur.ch/WordPress/?p=6279
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 30. Mai 2015, 15.41 Uhr
N° 5.

Lenz' Waldbruder lässt nach. Die Geschichte mäandert, und Lenz muss 3 Pseudo-Briefe einfügen, um dem Leser den Gang der Ereignisse erzählen zu können, die er ihm nicht durch einen auktoriellen Erzähler mitteilen kann/will. Dann hört die Geschichte abrupt auf - wohl ein Fragment, das Lenz hinterlassen hat.

Voß übersetzt diesmal Ovid. Das Episch-Spannende liegt ihm mehr, und so ist die Übersetzung durchaus geniessbar.

Pfeffels Volksrath ist nach 5 Zeilen vorhersehbar und war wohl eher als Füllsel gedacht...
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 31. Mai 2015, 23.28 Uhr
Die offenen Fragen zum Waldbruder ließen mir keine Ruhe und ich habe ein wenig recherchiert :

Der (Unter-)Titel „Pendant zu Goethes Werther“ ist keine Erfindung von Goethe/Schiller, sondern scheint von Lenz zu stammen. Das Prosafragment wird von ihm selbst zuerst in einem Brief an den Verleger Boie so genannt.

Lenz schrieb den Waldbruder 1776 in Berka, wohin er vor dem Weimarer Hofleben geflohen war. Allenthalben wird angenommen, dass Herz Lenz und Rothe Goethe  darstellen soll...Kurz darauf kam es zu dem denkwürdigen Zerwürfnis mit Goethe. Ursachen und Beweggründe sind unbekannt. Eindeutig ist nur: Goethe hat Druck gemacht und erreicht, dass Lenz "reisen" musste. Es gab Widerspruch  und Stimmen, die für Lenz Partei ergriffen (Wieland, Frau von Stein u.a.) Goethe beseitigte alle Spuren seiner Freundschaft mit Lenz (Briefe u.ä.) Er setzte durch, dass er nicht daran erinnert , der Freund nicht erwähnt wurde. Und ausgerechnet Goethe war das Manuskript des Waldbruders und anderer „Lenziana“ anvertraut! Eigentlich unglaublich. Er scheint sich in der Folgezeit geweigert zu haben, etwas davon zu veröffentlichen. Wie war das möglich, es war doch Lenz’ Eigentum bzw das seiner Erben. Umso erstaunlicher, dass er zwanzig Jahre nach der Entstehung des Fragments und fünf Jahre nach Lenzens Tod Schiller das Manuskript zur Veröffentlichung in den Horen überlässt. Wie muss das auf die Leser gewirkt haben?! Lenz war doch seit 20 Jahren in Weimar tabu. Das Ganze wirft ein seltsames Licht auf den doch recht willkürlichen Umgang unserer Dichterfürsten mit zeitgenössischen Dichterkollegen. Interessant: Noch Tieck verzichtet in seiner Lenz-Ausgabe von 1828 (der ersten) aus Rücksicht auf Goethe auf den „Waldbruder“.

Zu Voss:
Ja, ich finde seine Übersetzung auch lesbar. Schiller hatte ja einige Zeit zuvor Hölderlin gebeten, den Phaiton zu übersetzen. Wohl aus pädagogisch-therapeutischen Gründen. Leider scheiterten beide. Hölderlins Phaiton hätte ich noch lieber gelesen.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 01. Juni 2015, 19.50 Uhr
Danke für Deine Recherche. Ja Schiller und (vor allem!) Goethe und ihre Zeitgenossen. Könnte man ein Buch drüber schreiben - das aber sicher schon geschrieben ist. Nein, vor allem Goethe muss ein zuweilen recht unangenehmer Zeitgenosse gewesen sein. Um so weniger verstehe ich, wie die Romantiker sich vor allem auf Schiller einschiessen konnten. Goethe wäre ein viel lohnenderes Ziel gewesen...
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Karamzin on 02. Juni 2015, 09.22 Uhr
Was Lenz betrifft, so ist  durch die überaus gründliche zweibändige Ausgabe seiner "Moskauer Schriften und Briefe" durch Heribert Tommek (2007), der sich mit Russlandkundlern beriet, eine neue Ausgangssituation für die Forschung entstanden. In seinen letzten Lebensjahren sprudelte Lenz über, es finden sich mannigfache Ideen, Projekte, Übersetzungen und Werke auf verschiedenen Wissensgebieten, mit und ohne ästhetischem Anspruch, über Wasserbau, Kanalisation, Außenhandel, Schulgründungen, Bibelübersetzung, Sprache und Symbole - und das ist in den meisten Fällen gar nicht "verrückt", sondern hat immer einen Bezug zum realen Leben in Russland und zu den Vorhaben der Zeitgenossen.
Lenz siechte nicht im Wahnsinn dahin und endete nicht, wie es die Legende will, als namenloses Opfer auf einer Moskauer Strasse.
Karamzin lebte mit Lenz jahrelang in einer Art "Wohngemeinschaft" und ließ sich von ihm für seine Europareise 1789/90 beraten, er wurde von Lenz vorbereitet auf Treffen mit Kant, Goethe, Herder, Wieland und Lavater. Als Karamzin in Weimar weilte, hielt er unter dem 22. Juli 1789 fest:
"Ich habe hier manche Anekdoten von unserem Lenz gehört" und berichtet u.a. von dessen unpassendem Auftritt als "Domino" auf einem Ball, als er die Standesunterschiede ignorierte:

"... aber die betitelten Herren und Damen, die den Weimarischen Hof ausmachten, meinten, daß dem naseweisen Lenz dafür wenigstens der Kopf vor die Füße gelegt werden müsse."
Nikolai Karamsin: Briefe eines russischen Reisenden. Berlin 1977, S. 166.

Klinger, der auch herausgeworfen wurde und etwa gleichzeitig wie Lenz nach Russland ging, hat dort auch über Weimar berichtet, aber das ist weniger faßbar. 

Auf der Grundlage der Lenz-Ausgabe von 2007 erweckte unlängst ein gewisser Oleg Jur'ev zuerst Hoffnungen und lieferte dann letztlich eine Mystifikation ab:
"Neizvestnye pis'ma. Ja. M. R. Lenc - N. M. Karamzinu" (Unbekannte Briefe. Ja. M. R. Lenz an N. M. Karamzin). St.Petersburg 2014.
Das wäre etwas gewesen, ein neu entdeckter Brief Lenzens, es waren bisher überhaupt keine Briefe an Karamzin bekannt (weil sie eben nebeneinander wohnten)!
Stattdessen wird ein Brief in russischer Sprache, die Lenz gut beherrschte, vom 23. Mai 1792, am Vorabend seines Todes,  geboten, angeblich aus dem Moskauer Staatsarchiv (Polizeiakten über die Verfolgung der Moskauer Freimaurer 1792), gespickt mit Einzelheiten (die aus der Ausgabe der Moskauer Werke und Briefe von 2007 hervorgehen und die in Russland vielleicht nur zwei oder drei Leute kennen dürften) und durchweg angenehmen Erinnerungen Lenzens an den Freund Goethe.
Ich habe mich natürlich geärgert, dass ich dem Schmarrn beinahe auf den Leim gegangen wäre und Geld für das Büchlein ausgegeben habe. :(
Dass der Brief nicht echt ist, sieht man schon daran, dass angeblich Lenz darin von "Aufklärung (prosveshchenie) und Zivilisation (civilizacija)" schreibt, die in Russland eingeführt werden müssten; man benutzte aber 1792  im Zarenreich noch nicht das Wort "Zivilisation" (und auch nicht "Kultur"). 


Wir kommen nicht weiter, ehe wir nicht wissen, worin 1776 "Lenzens Eseley" bestand, die den Anlaß für seine Ausweisung lieferte. Die Quellenlage wird sich nicht wesentlich ändern.

Die Klassikstiftung und die Anhänger Ghibellinos stehen sich unversöhnlich gegenüber, anstatt miteinander ins Gespräch zu kommen, was durch das eigenwillige Auftreten des italienischen Juristen nicht einfacher wird.
Wilhelm Solms: Das Geheimnis in Goethes Liebesgedichten. 2014, lieferte im vorigen Jahr durchaus Nachdenkenswertes.

Seit vergangenem Herbst bin ich leider nicht mehr dazu gekommen, mich gründlicher mit den "Horen" zu befassen und hier etwas Zusammenhängendes zu schreiben. Das sog. "reale Leben" hielt Turbulenzen genug bereit.
Dass ich die "Agnes von Lilien" offenbar mit mehr Gewinn gelesen habe (Nachbar-Thread), hängt vielleicht damit zusammen, dass ich erschütternd wenig Leseerfahrungen in großen Bereichen der Literatur des 19./20./21. Jahrhunderts habe und daher eventuell anders lese; ich hatte etwa Rousseaus "La Nouvelle Heloise" (1761) oder Sophie La Roches "Fräulein von Sternheim" vor Augen (dann aber auch noch nicht Zeit/Muße/Nerven etwa für Richardsons "Pamela") - da schien mir im Vergleich zu diesen älteren Werken Caroline von Wolzogens Roman mehr Überraschungen zu bieten.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 05. Juni 2015, 18.56 Uhr
Wir kommen nicht weiter, ehe wir nicht wissen, worin 1776 "Lenzens Eseley" bestand,

Ich vermute ja, dass er der Herzogin-Mutter in den Ausschnitt gelangt hat ...
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 06. Juni 2015, 06.43 Uhr
Im Übrigen ist N° 5 jetzt im Blog abgelegt (http://blog.litteratur.ch/WordPress/?p=6362).
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 24. Juni 2015, 16.47 Uhr
Eigentlich wollte ich  noch vor meiner Abfahrt etwas über die Juni-Nummer schreiben, aber ich schaff's nicht mehr. Dabei ist sie einigermaßen interessant. Endlich ein Beitrag von Hölderlin und parallel zur letzten Folge Cellini beginnt Villeneuveals Ersatz- und Nachfolge, nicht übersetzt von Goethe, wie Schiller es sich gewünscht hatte, sondern von Schillers Schwager....
Ich muss los, meine Fähre (nicht Fere ;)) geht ...
In zwei Wochen hört Ihr wieder von mir, auch etwas über Lenz , mit dem ich mich beschäftigt habe. Ich glaube, ich habe Goethe, und vor allem Schiller unrecht getan... :hi:

Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 24. Juni 2015, 17.17 Uhr
In zwei Wochen hört Ihr wieder von mir, [...]

Waiting is...
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 27. Juni 2015, 14.05 Uhr
Dem Cellini trauere ich nicht nach. A. W. Schlegels Aufsatz über Shakespeares Romeo und Julia ist hingegen sehr interessant und zeigt die beginnende Neueinschätzung des Engländers. Schlegel wird zwar zwischendurch recht kitschig in seiner Analyse, aber was er gegen Johnson und gegen Garricks Änderungen vorbringt, ist konstistent und hat Hand und Fuss. Dass er zuletzt als Beispiel, wie die Deutschen Shakespeare besser verstanden, Lessing beibringt, ist ein frühes Zeugnis des aufkommenden Gedankens, dass die Deutschen aufgrund der Sprache (?) eine besondere Affinität zu Shakespeare haben.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Berneir on 29. Juni 2015, 14.31 Uhr
Ein interessanter Ansatz. Klingt so, als müsste ich den Aufsatz auch einmal lesen
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 03. Juli 2015, 20.45 Uhr
Ein interessanter Ansatz. Klingt so, als müsste ich den Aufsatz auch einmal lesen

Lohnt sich durchaus, ja.

Zum Rest dieser Nummer:

Sophie Mereaus "Briefe von Amanda an Eduard" fangen schon mal hochromantisch an. Aber ich habe keine Ahnung, wo das hinwill.

Hölderlins Gedicht ist sicher der Höhepunkt dieser Nummer.

Über den "Marschall von Vielleville" hingegen möchte ich nicht zu viele Worte verlieren...
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 04. Juli 2015, 06.53 Uhr
N° 6/1797 nun auch im Blog (http://blog.litteratur.ch/WordPress/?p=6447) erhältlich...  8)
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 25. Juli 2015, 18.41 Uhr
N°7/1797: Hirts Versuch über das Kunstschöne ist bieder und birgt keine neuen Erkenntnisse. Der Rest ist nicht einmal bieder ...

(Wie mache ich daraus eine Blog-Eintrag???)
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 26. Juli 2015, 14.13 Uhr
N°7/1797: Hirts Versuch über das Kunstschöne ist bieder und birgt keine neuen Erkenntnisse.( ...)

(Wie mache ich daraus eine Blog-Eintrag???)

Vielleicht, indem Du schreibst, dass das mal wieder ein Text ist, den die Welt nicht braucht! Was Hirt übrigens selbst zu ahnen scheint, wenn er gleich zu Anfang quasi entschuldigend anmerkt:

habe ich Ursache zu glauben, daß mein Unternehmen, und die Weise dasselbe anzusehen, vielleicht leichtern Eingang und eine bessere Aufnahme finden dürfte, wenn nicht selbst Männer, welche in manchen andern Rücksichten die Hochachtung der Nachwelt, wie der Zeitgenossen verdienen, über die nehmlichen oder ähnliche Gegenstände so vielseitig geschrieben hätten.

In der Tat, seine" Ästhetik" ist preskriptiv, betont die goldene Mitte, respektive das Mittelmaß, bringt nichts Originelles, als hätte es so etwas Tiefgründiges und Innovatives wie  die Ästhetische Erziehung in den Horen nie gegeben.

Wir haben Aloys Hirt, Professor der Archäologe und Mitinitiator der Museumslandschaft Berlins, als Verfasser eines durchaus interessanten archäologischen Reiseberichts in den Horen kennengelernt . Er( es) hätte dabei bleiben sollen. ;)

Der Rest ist nicht einmal bieder ...

Muss ich mir erstmal zu Gemüte führen.
Title: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 27. Juli 2015, 10.06 Uhr
Vielleicht, indem Du schreibst, dass das mal wieder ein Text ist, den die Welt nicht braucht!

Wäre ein Möglichkeit. Ich habe gerade gesehen, dass schon die Nummer 7 des letzten Jahrgangs eine Niete war... Mässig interessant wäre höchstens das, was die Verbindung des Schönen mit dem Wahren betrifft. Ich hatte bisher im Hinterkopf, dass das Hegel sei - es könnte aber auch von den alten Griechen stammen.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 28. Juli 2015, 10.19 Uhr
Vielleicht, indem Du schreibst, dass das mal wieder ein Text ist, den die Welt nicht braucht!
[...] Mässig interessant wäre höchstens das, was die Verbindung des Schönen mit dem Wahren betrifft. Ich hatte bisher im Hinterkopf, dass das Hegel sei - es könnte aber auch von den alten Griechen stammen.

Meinst du damit Hirts  Überlegung zu den „Drei Quellen unserer angenehmen Empfindung“, die in folgendem gipfelt:
Das Wahre ist die Grundquelle unserer angenehmen Empfindungen und gleichsam die Basis des Guten und Schönen. ?
Das meine ich schon oft gelesen zu haben, besonders auch in den Horen, in der Ästhetischen Erziehung(?), sicher auch bei Kant.
Rien n’est beau, que le vrai und Le vrai seul est aimable( Boileau, Art poetique)
Ich meine auch, dass bereits die alten Griechen, Platon und Sokrates, Ähnliches festgestellt haben.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 29. Juli 2015, 19.32 Uhr
Ich meine auch, dass bereits die alten Griechen, Platon und Sokrates, Ähnliches festgestellt haben.

Ich habe auch gerade noch herausgefunden, dass auch der Fabulierer Esterhazy hier Hegel die Schuld in die Schuhe schiebt. Also ist anzunehmen, dass gerade Hegel nie so was gesagt oder geschrieben hat...
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 31. Juli 2015, 14.13 Uhr
N°7/1797
(Wie mache ich daraus eine Blog-Eintrag???)

Ich hab die Lösung: Das Thema Frauennummer als Aufmacher! VII,97 bringt drei Beiträge von Frauen, von Männern nur zwei! Ein solches Übergewicht von Frauenbeiträgen gab’s noch nie in den Horen! Und sie scheinen nicht Lückenfüller-Funktion zu haben, nicht aus Gnade und Barmherzigkeit von Schiller aufgenommen worden zu sein. Friderike Brun, deren überladene überschwängliche Gedichte dieser Nummer mir nicht unbedingt zusagen, hatte ja mit einem bereits in den Horen erschienenen lyrischen Erzeugnis Goethe zu einem Gedicht inspiriert. Sie war eine arrivierte Schriftstellerin, auch Mme de Stael des Nordens genannt. Und von Sophie Mereaus Briefroman scheint Schiller nachgerade begeistert gewesen zu sein. Er schreibt am 4.Juli 1797:

Quote
Sie haben mich mit den ersten Briefen Ihres Romans gestern und heute recht angenehm überrascht; ich finde darin einen so schnellen und großen Fortschritt, den Ihr Darstellungstalent zu einer höhern Vollkommenheit gethan hat, daß ich Ihnen recht von Herzen dazu Glück wünsche. Diese Briefe sind mit einer sehr angenehmen Leichtigkeit und schönen Simplicität geschrieben; es ist sichtbar, wie sehr Sie Ihres Stoffes mächtig geworden[…..]
Ich hoffe, der Vorrath ist noch groß, denn die Horen werden durch diesen schönen Beitrag ein neues Lustre gewinnen.
Ganz der Ihrige
Schiller.


Zum (Un-)Glück kündigt die Juli-Folge eine Fortsetzung an, so dass wir sehen werden, ob Schiller mit seinem „ neuen Lustre“ recht behält. Bislang bin ich nach flüchtigem Lesen davon nicht überzeugt.
Sophie Mereau wird sich übrigens schriftstellerisch so sehr „machen“, dass sie nach ihrer Scheidung von Mereau (angeblich erste Scheidung in Jena/Thüringen) mit ihrer Tochter von ihrer literarischen Arbeit leben kann(sie ist sogar selber Herausgeberin einer Zeitschrift), geht aber dann die Ehe mit dem besitzergreifenden Brentano ein, bekommt zwei Kinder, die sterben und stirbt selbst nach einer Totgeburt im Kindbett mit 36. Argh!
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 31. Juli 2015, 21.21 Uhr
N°7/1797
(Wie mache ich daraus eine Blog-Eintrag???)

Ich hab die Lösung: Das Thema Frauennummer als Aufmacher! VII,97 bringt drei Beiträge von Frauen, von Männern nur zwei!

Das wäre tatsächlich ein brauchbarer Aufhänger ...

*seufz* ich habe gesehen, dass schon letztes Jahr die Nummer 7 miserabelst daher kam... (Und da waren keine Frauen drin...)
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 01. August 2015, 06.55 Uhr
In etwa das abgelegt, was wir hier besprochen haben: http://blog.litteratur.ch/WordPress/?p=6496
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 29. August 2015, 20.43 Uhr
Ojomai ... 8. Stück von 1797 ... Gotter, Wolzogen, Brinckmann, Helvig ... nix, nada, niente ...
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 30. August 2015, 09.27 Uhr
Ojomai ... 8. Stück von 1797 ... Gotter, Wolzogen, Brinckmann, Helvig ... nix, nada, niente ...

O Gott, ja, 8/1797! Aber Helvig? Ach so, geborene Amalie von Imhoff. Nicht uninteressant laut Wiki. Hat ein" Epos" geschrieben, bei dem Goethe mitgemischt hat: Die Schwestern von Lesbos :-*. Enttäuschend : Es geht um Entsaagung :opa: in einer Hetero-Beziehung.
Das Gedicht Abdallah und Balsora muss ich erst noch lesen.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 30. August 2015, 23.10 Uhr
Hab  Imhoffs Endlos- Gedicht in sechs Gesängen nun hinter mich gebracht. Uff! Wie bereits des öfteren in den Horen geht es um einen  Despoten und seinen weisen  Ratgeber im fernen Persien.
Ich habe mich sehr über Ihr Gedicht gefreut und ausser dem Schönen und Zarten was es reichlich enthält mich auch nicht wenig über die Correctheit der Sprache und des Verses gewundert, schreibt Schiller an Amalie von Imhoff am 22. September 1797.
Lobt Schiller hier (etwas herablassend) die Correctheit der Sprache und des Verses, um von der platten politischen Correctheit
des Inhalts nicht reden zu müssen? >:D
Allerdings, eine Stelle ließ mich aufhorchen und muss Schiller wegen der Nähe zu seiner Ode  An die Freude gebauchpinselt haben:
....
Die Flüchtlinge hieher gebracht;
Ein Sclave folgte mit,
Der mit getreuem Herzen bald
Als Freund ihr Schicksal theilt,
Es sinkt des Vorurtheils Gewalt
Wo Glük und Liebe weilt.
 
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 31. August 2015, 20.53 Uhr
Carl Gustav von Brinkmanns Gedichtchen An Eulalia bei der Übersendung… ist ganz im Versmaß und Sound der Römischen Elegien gehalten. Mehr kann ich darüber nicht sagen.
Die Geisterinsel von Gotter ist das Opernlibretto zu Shakespeares Sturm. Um die Eigenleistung Gotters zu beurteilen, müsste ich mir  die Vorlage angucken. Das kann dauern. Zum Glück gibt es eine (?) Fortsetzung. Vielleicht sage ich beim nächsten Mal etwas dazu.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 04. September 2015, 20.34 Uhr
[...] Mehr kann ich darüber nicht sagen.[...] Vielleicht sage ich beim nächsten Mal etwas dazu.

Also ähnlich fassungs- und sprachlos wie ich. Das wird was werden morgen ...  :yodel:
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 05. September 2015, 06.47 Uhr
Das wird was werden morgen ...

Ist auch was geworden ... so kurz war ich seit langen nicht mehr: http://blog.litteratur.ch/WordPress/?p=6570
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 08. September 2015, 18.06 Uhr
[...] Mehr kann ich darüber nicht sagen.[...] Vielleicht sage ich beim nächsten Mal etwas dazu.

Also ähnlich fassungs- und sprachlos wie ich. Das wird was werden morgen ...  :yodel:

Besonders die Verdruckstheit der "Frauenliteratur" in den Horen enttäuscht mich zunehmend und macht mich sprachlos.

Das wird was werden morgen ...

Ist auch was geworden [...]: http://blog.litteratur.ch/WordPress/?p=6570

Ich bin erleichtert!. Fürchtete schon, du würdest angesichts der inhaltlichen Ödnis von 8/1797 die Waffen strecken...  Aber ich weiß ja, dass Du es verstehst, aus Scheiße Gold zu machen .

Bin jetzt mal ein paar Wochen weg, werde aber wohl rechtzeitig wieder im Lande sein, um ein paar Worte über 9/1797 zu verlieren.
  :ciao:
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 28. September 2015, 20.07 Uhr
Fürchtete schon, du würdest angesichts der inhaltlichen Ödnis von 8/1797 die Waffen strecken... 

Bei N° 9 bin ich echt versucht. Die Geisterinsel ist zum Gähnen. Der Marschall zum Einschlafen. Und das seltsame Gedicht über die Gallier in Rom schlicht Nonsense. Aber nicht einmal ein lustiger...
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 02. Oktober 2015, 13.05 Uhr
Die Geisterinsel ist zum Gähnen. Der Marschall zum Einschlafen.

Schließe mich uneingeschränkt Deiner Meinung an.

[...]das seltsame Gedicht über die Gallier in Rom schlicht Nonsense.

Und zwar horenaffiner Nonsense, denn Gries versucht in dem Gedicht im Sinne von Schillers Ästhetischer Erziehung einen Zusammenhang zwischen Anmut und Freiheit zu konstruieren. Erstaunlich, welch stümperhafter Gedankenlyrik Schiller in den Horen einen Platz einräumte - und das im sog. Balladenjahr, in dem sich Goethe und Schiller mit „Meisterwerken“ schier übertrumpften. Gries hat wohl später das Dichten aufgegeben und sich als  Übersetzer Ariosts und Tassos einen Namen gemacht. Ich zitiere wikipedia:

Sich selbst seines durchschnittlichen Talents für eigene Lyrik bewusst, wollte er „lieber gute Übersetzungen liefern als mittelmäßige Originale“. In der Übersetzung ging er ganz auf und lieferte den deutschen Lesern zum ersten Mal kunstfertige und originalgetreue Übersetzungen berühmter fremdsprachiger Texte, die noch heute maßgebend sind.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 03. Oktober 2015, 06.32 Uhr
N° 9 trotzdem im Blog verewigt: http://blog.litteratur.ch/WordPress/?p=6621
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 26. Oktober 2015, 20.47 Uhr
N° 10: Schiller scheint Wiedergutmachung leisten zu wollen - statt der bloss 3 Autoren der letzten Nummer nun gleich ein Dutzend. Hirts Aufsatz, mit dem die N° 10 beginnt, verspricht sogar einiges für diese Nummer. Immerhin ein ästhetischer Aufsatz, der Winckelmann und Lessing korrigieren will und ihre Gedanken zu Laokoon. Nichts Aufregendes, aber die Art von Futter, die die Horen eigentlich versprochen hatten.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 27. Oktober 2015, 00.38 Uhr
N° 10: Schiller scheint Wiedergutmachung leisten zu wollen - statt der bloss 3 Autoren der letzten Nummer nun gleich ein Dutzend.

Ja, ich war auch erstaunt!

Hirts Aufsatz, mit dem die N° 10 beginnt, verspricht sogar einiges für diese Nummer. Immerhin ein ästhetischer Aufsatz, der Winckelmann und Lessing korrigieren will und ihre Gedanken zu Laokoon. Nichts Aufregendes, aber die Art von Futter, die die Horen eigentlich versprochen hatten.

Hirts Aufsatz scheint eine kleine Sensation gewesen zu sein! Die Abhandlung ist auf Goethes ausdrückliche Empfehlung hin ( vgl.Briefwechsel Goethe -Schiller) in den Horen erschienen. Und zwar wie vermutet wird aus "kunstpolitischen" Gründen, als Antwort auf kunstgeschichtliche Auffassungen der Frühromantiker. Näheres erfährt man im Goethezeitportal im Rahmen eines Artikels über Goethes Abhandlung Über Lao-koon.
 
Ehrlich gesagt finde ich diesen an Glaubensstreitigkeiten erinnernden Hickhack um die Frage, ob Laokoon nun aus Dezenz nicht schreit oder dazu einfach schon zu schwach ist, ein bisschen makaber.
Mir will scheinen, das von Hirt hervorgehobene „ Karakteristische" und die "Individuellheit" meint schlicht und einfach so etwas wie Realismus im Gegensatz zur idealisierenden Form der Darstellung. Friedrich Schlegel  machte sich dann ja auch über Hirts "anatomische" oder "chirurgische" Betrachtungsweise lustig. Ich finde, Hirt beobachtete richtig. Und er war vor Ort, kannte die Skulptur aus eigener Anschauung.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 28. Oktober 2015, 20.33 Uhr
N° 10: Schiller scheint Wiedergutmachung leisten zu wollen - statt der bloss 3 Autoren der letzten Nummer nun gleich ein Dutzend.

Ja, ich war auch erstaunt!

Hirts Aufsatz, mit dem die N° 10 beginnt, verspricht sogar einiges für diese Nummer. Immerhin ein ästhetischer Aufsatz, der Winckelmann und Lessing korrigieren will und ihre Gedanken zu Laokoon. Nichts Aufregendes, aber die Art von Futter, die die Horen eigentlich versprochen hatten.

Hirts Aufsatz scheint eine kleine Sensation gewesen zu sein!

Der Rest allerdings - vielleicht mit Ausnahme von Hölderlins Gedicht (das für Hölderlin nichts Spezielles ist, aber für diese Horen-Nummer doch über dem Durchschnitt) - enttäuscht. Auch Schillers eigene Gedichte.

Hirts Aufsatz wurde übrigens auch von Vischer (der die ästhetischen Aufsätze der Horen sehr wohl kannte) totgeschwiegen. Was Hirt da so antönt, ist naturalistische Kunst - von der wollten die Weimarer und ihre Epigonen nichts wissen. Goethe war allerdings gern der, der ein wenig provozierte.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 01. November 2015, 08.10 Uhr
Mit Hilfe Hölderlins den Eintrag im Blog (http://blog.litteratur.ch/WordPress/?p=6728) aufgehübscht.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 30. November 2015, 16.30 Uhr
Kleiner Nachtrag zum 10. Stück: Ich hatte ja nur zu Hirts Beitrag meinen Senf dazugegeben, eine Grippe Ende Oktober/Anfang November hinderte mich daran, etwas zu den anderen Beiträgen zu posten. Ich schließe mich Deiner Meinung an, es sind ziemliche Nichtigkeiten. Der Vollständigkeit halber sei angemerkt: Die Ballade Das Fest der Hertha ist der erste und einzige Beitrag  mit einer nordisch germanischen Kulisse. Bislang gab es in den Horen altgriechische, alttrömische, orientalische und eventuell noch Renaissance- Szenerien. Beim Recherchieren zu Hertha schwappten mir aus dem Netz Fussball-, Esoterik-, Occultismus, und Nazi-Contents entgegen. In der Ballade geht es  - wie mir scheint - nach dem Vorbild Iphigenies um Humanisierung und Zivilisierung barbarischer Praktiken…Zur Verfasserin der…Todtenköpfe  sei noch erwähnt, dass Elisa von Recke sich durch eine Schrift über Cagliostro, den sie bei seinem Aufenthalt in Livland persönlich kennenlernte,  einen Namen gemacht hatte.
Das mit der Zusammenfassung im blog hast Du wieder schön gemacht! Die zitierten Hölderlin’schen Eichbäume klingen dort viel schöner und würdiger als im Kontext der anderen Horen-Elaborate.

Nun zum eilften Stück: Ähnliche Ödnis wie in 10. Texte wie der von von Einsiedel (sein Libretto Die Geisterinsel durften wir uns schon zu Gemüte führen) machen mich wütend. Im Jahre 9 der Revolution hat der Kammerherr nichts besseres zu tun als eine kindliche Utopie von einem Kasten- Staat zu entwerfen.
Hier schicke ich eine Arbeit von Einsiedeln, die ich wegen Kürze der Zeit nicht habe lesen können; sie steht, wenn Sie solche brauchen können, für die Horen zu Diensten. Nach der gewöhnlichen Erscheinung der Widersprüche, die der Zufall so oft in den Gang des Lebens mischt, erscheinen jetzt grade am Ende noch voluminose Beiträge und Böttigers Aufsatz über die neufränkische Behandlung der Kunstwerke wird wohl gar erst nach dem seligen Hintritt unserer drei geliebten Nymphen eintreffen.
( Goethe an Schiller,  3.2.1798)
Ja, aber wir müssen das lesen!

Als ich mich in die C. von Wolzogen zugeschriebene Erzählung Donna Rosalva eingelesen hatte und einigermaßen gespannt war, ob nun der Ritter bei Rosalva werde landen können und was es mit dem Rückzug der Gräfin und dem Faktotum  Boccadore auf sich hat, und in der nächsten Folge nach der angekündigten Fortsetzung suchte, musste ich feststellen, dass es eine solche nicht gibt. Das kennen wir doch schon,@ Frau von Wolzogen!

Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 03. Dezember 2015, 20.47 Uhr
Ich möchte Einsiedel zu Gute halten, dass sein Deutsch bedeutend besser ist als das der beiden Wolzogen. Und dass die Geisterinsel von F. W. Gotter stammt, und nicht von ihm. Jedenfalls wenn mein Beibuch Recht hat.

Utopien haben irgendwie die Tendenz, rückwärts gerichtet zu sein, weiss der Himmel, warum...

Aber ich bin noch nicht fertig mit Lesen. Ein Auslandaufenthalt hat mich ein wenig gebremst.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 03. Dezember 2015, 21.47 Uhr
Und dass die Geisterinsel von F. W. Gotter stammt, und nicht von ihm. 

Quote from:  google
Gotter, Friedrich Wilhelm, Libretti, Die Geisterinsel - Zeno.org
www.zeno.org/Literatur/M/Gotter.../Libretti/Die+Geisterinsel‎Im CacheÄhnliche Seiten
Volltext von »Die Geisterinsel«. ... Libretto in Zusammenarbeit mit Friedrich
Hildebrand von Einsiedel. Uraufführung am 06.07.1798, Königliches
Nationaltheater ...

Einsiedel, Friedrich Hildebrand von, Libretto - Zeno.org
www.zeno.org/Literatur/M/Einsiedel,+Friedrich.../Libretto‎Im Cache
Die Geisterinsel. Komponiert von Johann Friedrich Reichardt. Libretto in
Zusammenarbeit mit Johann Friedrich Wilhelm Gotter. Uraufführung am 06.07.
1798, ...
Title: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 04. Dezember 2015, 07.03 Uhr
Na gut: von beiden.  :angel:
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 05. Dezember 2015, 07.25 Uhr
Jedenfalls ist die zweitletzte Nummer nun auch im Blog (http://blog.litteratur.ch/WordPress/?p=6831) darnieder gekommen...
Title: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 28. Dezember 2015, 07.31 Uhr
Die letzte Nummer: Alles, was ansatzweise lyrisch zu nennen ist, ist - Kitsch. Einsiedels Utopie endet auch mit einer merkwürdigen Coda. Hirts Aufsatz zur Laokoon-Gruppe ist noch das beste. Aber vom Hocker reisst einen auch der nicht.
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 31. Dezember 2015, 07.55 Uhr
Fertig Horen. Der letzte Beitrag nun auch im Blog (http://blog.litteratur.ch/WordPress/?p=6906).
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 02. Januar 2016, 23.21 Uhr
Hallo sandhofer,

Du warst fleißig zum Jahresende und hast ausgemistet! Gut so, zum Jahreswechsel soll man sich von Ballast und Überlebtem trennen. In manchen Ländern wirft man zu Silvester symbolisch und ganz konkret alten Hausrat aus dem Fenster… Ich komm erst heute dazu.

Deinen Einlassungen zu 12/1797  hab ich kaum etwas hinzuzufügen. Zur Verteidigung der „vorher nicht in Erscheinung getretenen“ Louise Brachmann sei vielleicht noch gesagt, dass sie bei Erscheinen der letzten Nummer erst knapp zwanzig war. Ihre Gedichte wurden Schiller von Novalis empfohlen, weitere sind in Schillers Musenalmanach erschienen. Von Müllner später als die deutsche Sappho bezeichnet, wegen ihres Schicksals (sie drehte durch und nahm sich schließlich das Leben) oft mit Karoline v. Günderode verglichen, soll sie immerhin nachfolgenden Dichtern Anregungen gegeben haben, z.B C.F. Meyer …

In Bezug auf Einsiedels Utopie bestätigtest Du mir in einem Deiner Posts, dass Utopien, weiß der Himmel warum, irgendwie die Tendenz haben, rückwärts gerichtet zu sein. Schlimmer, sie weisen (fast) immer auch faschistische Spurenelemente auf. In Einsiedels Utopie heißt die Kaste der Bauern die Nährenden. Hat Goebbels das gelesen? Reichs-Nährstand war die Bezeichnung für die  Bauern im 3. Reich.
Die Coda, finde ich, reißt das ganze ein bisschen heraus,weil ironisch zurücknommen wird.

Zu den  Horen als ganzes: Leicht beieinander wohnen die Gedanken, doch hart im Raume stoßen sich die Sachen(Wallenstein)
Hoch im Anspruch, kläglich in der Realisierung, sind die Horen für mich eine einzige Demonstration dieses Satzes, den Schiller1797 - vielleicht auch im Hinblick auf sein dahinsiechendes Horen-Projekt -  dem Wallenstein in den Mund legt.
Es stimmt leider, bis auf die unabhängig von den Horen bereits bekannten Texte ist die Mehrzahl der Beiträge kaum wert gelesen zu werden. Verborgene literarische Schätze habe ich nicht gefunden. Für das Scheitern der Horen auf ganzer Linie mag es viele Gründe geben, einer ist sicher das Politisierungsverbot, das zur Auflage für Beiträger gemacht wurde. So wird der Leser, dem ganz anderes auf den Nägeln brennt in dieser politisch brisanten Zeit,  mit  ästhetischen, poetologischen und anderen weltfremden Themen abgespeist.  Alles, was irgendwie  spannend, konfliktgeladen oder aktuell ist, wird abgewürgt und hinausgedrängt. Nun gut, der Weg zur Freiheit soll über das Schöne gehen, gab Schiller in seiner Revolutionsvermeidungsschrift Ä.E. die Devise aus und sie hat einiges für sich. Aber was in den Horen übrigbleibt, ist brav, bieder, konservativ, von jeglicher Brisanz und Lebendigkeit gereinigt, steril und sterbenslangweilig. Die präferierte „lyrische“ Gedichtform ist das Dinggedicht: der Dorffriedhof, der Spaziergang, die Eichbäume. usw. Kurzum, den Horenerzeugnissen mit ihrer Verdrängung und Verleugnung der Realität fehlt es - um im Jargon der Klassik zu sprechen - am Wahren. Und das Wahre ist Vorbedingung für das Gute und Schöne. Rien n’est beau que le vrai - wie Schiller und  die Horen wissen.

Ich gratuliere uns zu unserer Leserunde, zu unserem Durchhaltevermögen bei dieser strohtrockenen Lektüre. ;) Die Horen von A bis Z gelesen zu  haben, kann kaum jemand von sich sagen!Der Kommentator unserer Ausgabe jedenfalls nicht.

Ich habe trotz  allem unendlich viel  durch die Beschäftigung mit den Horen gelernt: über die Weimarer Klassik, über Goethe &Schiller usw. Mit letzterem bin noch nicht fertig. >:D
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 04. Januar 2016, 19.31 Uhr
Ich gratuliere uns zu unserer Leserunde, zu unserem Durchhaltevermögen bei dieser strohtrockenen Lektüre. ;) Die Horen von A bis Z gelesen zu  haben, kann kaum jemand von sich sagen!Der Kommentator unserer Ausgabe jedenfalls nicht.

Da sagst Du was. Wobei ich zugebe, dass ich - z.B. beim unsäglichen Benvenuto Cellini - meist nur durchgeblättert habe ...
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 29. Januar 2016, 20.10 Uhr
Ich möchte - ganz zum Schluss - noch allen danken, die mehr oder weniger lang durchgehalten haben. Es war ein interessantes Experiment.  :yodel:
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: Gontscharow on 30. Januar 2016, 13.56 Uhr
Experiment?? Was sollte denn versucht, bewiesen, geprüft o.ä. werden? Und wie steht es mit dem Resultat?
Title: Re: Die Horen eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und hg. v. Schiller
Post by: sandhofer on 30. Januar 2016, 14.05 Uhr
Experiment:

Kann man eine Zeitschrift 218 Jahre nach ihrem Erscheinen noch so lesen, wie sie damals gelesen wurde? Wenn es eine für die literarische Entwicklung wegweisende Publikation war? So lesen, dass man in monatlichen Abschnitten liest und denkt, d.h., die Artikel auch ein bisschen aufeinander bezieht? Versucht, zu verdrängen, wie es weitergeht – mit der Geschichte, mit dem Artikel, mit der Zeitschrift? (http://blog.litteratur.ch/WordPress/?p=3080)

Resultat:

Nein, man kann nicht: Mit diesem Beitrag ziehe ich auch einen Schlussstrich unter drei Jahre regelmässiger Lektüre von Schillers Horen. Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass eine intensive und regelmässige Auseinandersetzung mit Schillers Vorzeigeprojekt dazu geführt hat, dass der eine oder andere Beitrag in mein Blickfeld gerückt ist, den ich sonst überlesen bzw. nicht beachtet hätte. Was bleibt, ist aber auch die Erkenntnis, dass die meisten Beiträge einer Lektüre kaum wert gewesen sind. (http://blog.litteratur.ch/WordPress/?p=6906)