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Lektüren, Rezensionen => Gerade am Lesen ... => Topic started by: sandhofer on 28. November 2012, 19.44 Uhr
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Band 1 der 6-bändigen historisch-kritischen Ausgabe von Nadler. Na ja - was Nadler so "historisch-kritisch" nannte. Im Moment liest Haman die Bibel von A bis Z und schreibt seine Kommentare dazu. Er wäre ein guter Prediger gewesen. Oder jedenfalls ein guter Verfasser von Predigten ...
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*lach* Sechs Bände Hamann - und das als Nebenlektüre zu Leibniz (im übrigen, ich bin noch nicht dazu gekommen, eine Notiz im Blog zu verfassen: Erwähnen sollte man bei Leibniz auch, dass er sich mit dem binären Zahlensystem (als erster?) auseinandergesetzt hat und dieses als ein "logisches" System allüberall einführen wollte): Du hast dir ja einiges vorgenommen.
lg
orzifar
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im übrigen, ich bin noch nicht dazu gekommen, eine Notiz im Blog zu verfassen: Erwähnen sollte man bei Leibniz auch, dass er sich mit dem binären Zahlensystem (als erster?) auseinandergesetzt hat und dieses als ein "logisches" System allüberall einführen wollte
Tu das. Es war in meiner Auswahl nicht so prominent, deshalb habe ich nichts dazu geschrieben.
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Revenons à nos moutons.
Hamanns Erstling - die Biblischen Betrachtungen - zeichnen sich noch nicht durch den exzessiv-dunklen Stil aus, den Hamann später verwenden sollte. Exzessiv ist höchstens die Sache als solches. Hamann schrieb diese Betrachtungen im Rahmen einer grossen persönlichen Krise in London nieder. Er las dabei in wenigen Tagen die ganze Bibel und schrieb seine Kommentare dazu.
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Interessant an den Biblischen Betrachtungen ist ja weniger, was Hamann schreibt, als was er nicht schreibt. Zum Hohen Lied knappe 6 1/2 Zeilen. Die Kommentierung von Hiob bricht er ab; wohl weil er sich dem Hiob in seiner aktuellen Londoner Situation zu nahe fühlte ...
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Im Anschluss an die biblischen Betrachtungen dann seine Lebensbeichte. Im Grunde genommen die klassische, pietistische Beichte des Scheiterns in allen Belangen, die wir schon von Moritz kennen. Hamann, der gerne ein Kauf- und Weltmann geworden wäre, und der im grossen London nach Strich und Faden ausgenommen wird ...
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So langsam geht's ans Eingemachte. Hamann und Sokrates. Bzw.: Wie Hamann Sokrates interpretiert.
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Sokrates als Maske. Hinter der ein Faun steckt. Irgendwo ein Holzschnitt eines Pan. Hamann will offenbar Angst und Schrecken verbreiten unter seinen Lesern. Muss ich das verstehen? Hm ...
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Sokrates als Maske. Hinter der ein Faun steckt. Irgendwo ein Holzschnitt eines Pan. Hamann will offenbar Angst und Schrecken verbreiten unter seinen Lesern. Muss ich das verstehen? Hm ...
Ich nehme an, Du beziehst Dich auf die "Sokratischen Denkwürdigkeiten"? Wenn ich mich recht erinnere, war das sein Abgesang auf die Aufklärung, oder?
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Ich nehme an, Du beziehst Dich auf die "Sokratischen Denkwürdigkeiten"?
Genau.
Wenn ich mich recht erinnere, war das sein Abgesang auf die Aufklärung, oder?
Gute Frage. Ich bin in Bezug auf den Zusammenhang Hamann - Aufklärung noch immer zu keinem definitiven Resultat gelangt. Denn er setzt sich auch später noch mit Kant auseinander.
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Ich nehme an, Du beziehst Dich auf die "Sokratischen Denkwürdigkeiten"?
Genau.
Wenn ich mich recht erinnere, war das sein Abgesang auf die Aufklärung, oder?
Gute Frage. Ich bin in Bezug auf den Zusammenhang Hamann - Aufklärung noch immer zu keinem definitiven Resultat gelangt. Denn er setzt sich auch später noch mit Kant auseinander.
Ich bin geneigt, mir das Reclam-Heftchen mit den "Sokratischen ..." und den "Aesthetica in nuce" zuzulegen. Lohnen diese Schriften?
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Ich bin geneigt, mir das Reclam-Heftchen mit den "Sokratischen ..." und den "Aesthetica in nuce" zuzulegen. Lohnen diese Schriften?
Du hast damit Hamann in nuce. Insofern lohnen sie sicher. ;)
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Mittlerweile bei Hamanns Jugendschriften. Nichts Spektakuläres. Seine Auseinandersetzung mit Hume und Kant ist bei weitem interessanter. Vor allem, weil er als einer der ersten darauf hinweist, dass die Struktur der Sprache uns dazu verführt, in der Welt dieselbe Struktur zu vermuten.
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Ich bin geneigt, mir das Reclam-Heftchen mit den "Sokratischen ..." und den "Aesthetica in nuce" zuzulegen. Lohnen diese Schriften?
Du hast damit Hamann in nuce. Insofern lohnen sie sicher. ;)
Ich habe mal kurz reingelesen. Das scheint harter Stoff zu sein - jedenfalls weiss ich bislang noch nicht, wohin der Zug fährt. Oberflächlich betrachtet handelt es sich bei der ersten Schrift um eine Apologie des Sokrates sowie eine Ablehnung der Aufklärung. Sprachlich ist Hamann recht interessant. Der Sound ist biblisch bis dunkel-prophetisch. Mal sehen, ob ich auch mit den Inhalten warm werde.
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jedenfalls weiss ich bislang noch nicht, wohin der Zug fährt. Oberflächlich betrachtet handelt es sich bei der ersten Schrift um eine Apologie des Sokrates sowie eine Ablehnung der Aufklärung. Sprachlich ist Hamann recht interessant. Der Sound ist biblisch bis dunkel-prophetisch. Mal sehen, ob ich auch mit den Inhalten warm werde.
Mit Hamann warm zu werden, ist nur wenigen gelungen. Und falls Du herausfindest, wohin der Zug fährt, sag es mir doch bitte. Nach über drei Jahrzehnten Beschäftigung mit Hamann weiss ich immer noch nicht, was ich von ihm halten soll. Im übrigen scheint mir Deine Kurzanalyse durchaus korrekt.
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Mit Hamann warm zu werden, ist nur wenigen gelungen. Und falls Du herausfindest, wohin der Zug fährt, sag es mir doch bitte. Nach über drei Jahrzehnten Beschäftigung mit Hamann weiss ich immer noch nicht, was ich von ihm halten soll.
Auch wenn viele Textstellen selbst nach mehrmaligem Lesen unklar bleiben, so meine ich doch folgende Essenzen aus den "Sokratischen Denkwürdigkeiten" und den "Aesthetica" isolieren zu können:
Hamann wendet sich gegen die große geistige Strömung seiner Zeit, gegen die französischen Enzyklopädisten, gegen Voltaire, gegen Moses Mendelssohn und Lessing - und damit so ziemlich gegen alles, was um 1760 unter der Flagge "Aufklärung" unterwegs war. Das damals gängige ästhetische Konzept, wonach die Kunst die Natur nachzuahmen habe, weist er ebenso wie die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse Newtons und Buffons als mordlügnerische Philosophie zurück. Auch Winckelmanns Griechenliebe nennt er verächtlich Abgötterey. Seine Rhetorik ist durchgängig rückwärtsgewandt. Wenn ich es nicht besser wüsste, dann hielte ich diese Schriften für Werke des frühen 17. Jahrhunderts.
Was hält er der Aufklärung entgegen? Man ahnt es bereits: der liebe Gott muss herhalten, um die Tenne der Literatur zu fegen (schönes Bild übrigens). Eigentlich ist damit der Punkt erreicht, an dem man Hamann geistig ungefährdet zur Seite legen könnte, wenn da nicht auch solche Sätze wären: Poesie ist die Muttersprache des menschlichen Geschlechts ... Ein tieferer Schlaf war die Ruhe unserer Urahnen; und ihre Bewegung, ein taumelnder Tanz. Sieben Tage im Stillschweigen des Nachsinns oder Erstaunens saßen sie; –– und thaten ihren Mund auf – zu geflügelten Sprüchen. Sinne und Leidenschaften reden und verstehen nichts als Bilder. In Bildern besteht der ganze Schatz menschlicher Erkenntniß und Glückseligkeit. Der erste Ausbruch der Schöpfung, und der erste Eindruck ihres Geschichtschreibers; –– die erste Erscheinung und der erste Genuß der Natur vereinigen sich in dem Worte: Es werde Licht! hiemit fängt sich die Empfindung von der Gegenwart der Dinge an.
Es müssen diese oder ähnliche Passagen gewesen sein, die Herder und Goethe dazu veranlassten, in Hamann einen ganz Großen ihrer Zeit zu bewundern.
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Ist wohl in nuce unser Hamann, ja. ;)
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Die Bände 4 - 6 der HKA sind dann nur noch ungeordnete Notizen in Band 4 (also noch allenfalls zum Nachschlagen gut - so hat Hamann gemäss seinen Notizen offenbar zumindest einen Band des Tableau de Paris von Mercier gelesen), dann Konkordanzen und Personenverzeichnisse. Wie so etwas in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts hat gelobt werden können, entzieht sich meinem philologischen Bewusstsein. Da war bereits 50 Jahre früher die Herder-HKA auf einem ganz andern Niveau ...
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so meine ich doch folgende Essenzen aus den "Sokratischen Denkwürdigkeiten" und den "Aesthetica" isolieren zu können:
Ich habe - quasi in Ergänzung zu Deinen Ausführungen - im Blog noch etwas zu den Sokratischen Denkwürdigkeiten geschrieben:
http://blog.litteratur.ch/WordPress/?p=2440
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so meine ich doch folgende Essenzen aus den "Sokratischen Denkwürdigkeiten" und den "Aesthetica" isolieren zu können:
Ich habe - quasi in Ergänzung zu Deinen Ausführungen - im Blog noch etwas zu den Sokratischen Denkwürdigkeiten geschrieben:
http://blog.litteratur.ch/WordPress/?p=2440
Sehr schön, danke. Bevor ich Hamann endgültig zur Seite lege, bleibt die Frage: Welchem Umstand verdankt dieser obskure "Philosoph" die Tatsache, im 21. Jahrhundert noch zur Kenntnis genommen zu werden? Mein Verdacht: Goethes Verdikt, Hamann sei ein gescheiter Kopf, hat wohl sehr geholfen. Oder gibt es handfestere Gründe?
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Bevor ich Hamann endgültig zur Seite lege, bleibt die Frage: Welchem Umstand verdankt dieser obskure "Philosoph" die Tatsache, im 21. Jahrhundert noch zur Kenntnis genommen zu werden? Mein Verdacht: Goethes Verdikt, Hamann sei ein gescheiter Kopf, hat wohl sehr geholfen. Oder gibt es handfestere Gründe?
Doch, ich denke schon. Goethe hielt ja so manchen für einen klugen Kopf. Aber Recht hatte er damit eigentlich nur bei Herder, Hamann und Schiller ...
Hamann nun ist einer der ersten, der die Fallen bemerkt hat, die die Sprache der Philosophie bzw. dem Philosophen stellt. Seine Kritik an Kant beruht dann sehr stark auf sprachphilosophischen Argumenten. Ich hoffe, demnächst mal dazu zu kommen, was zu Hamanns Metakritik schreiben zu können.