My Board
Lektüren, Rezensionen => Gerade am Lesen ... => Topic started by: orzifar on 03. Oktober 2012, 20.24 Uhr
-
Hallo!
Otto Julius Bierbaum ist einer der Vergessenen. Mir einigermaßen unverständlich, sind doch seine Bücher (der "Prinz Kuckuck" oder auch "Stilpe") unterhaltend und geistreich. Aber die Literaturgeschichte betrachtet ihn als Trivialliteraturproduzenten und hat bestenfalls Nebensätze für ihn übrig, während man über die gepflegte Langeweile eines Heyse sich seitenlang ergeht. Eigenartigerweise gab es auch keine Wiederentdeckung, keine Renaissance des Bierbaumschen Werkes, auch wenn der Ullstein-Verlag sich an den zuvor genannten Werken einmal versuchte.
Der Reisebericht einer Mittelmeerkreuzfahrt ist sein letztes Buch gewesen (er starb mit erst 44 Jahren), ein Bericht, der viel eigentümlich Aktuelles an sich hat in seiner Kritik am deutschen Urlauberwesen (an dem die Welt - so Bierbaum - denn hoffentlich nicht genesen werde). Auch in diesem Buch Witz und Esprit, kleine Bosheiten, Zynismus und über allem: Ein geistreicher, im Grunde die Menschen liebender Autor, der sich ironisch mit der ihn nicht immer angenehm erscheinenden Welt zu arrangieren trachtet. Das, was Bierbaum andeutungsweise über Massentourismus, über us-amerikanische Unbildung und großdeutscher Selbstgefälligkeit angesichts von Kulturdenkmälern zu berichten weiß, mutet sehr aktuell an, obwohl es im Vergleich mit mit heutigen Club-Urlauben natürlich nur ein sehr dezenter Abklatsch der Dummheit sein kann. Aber bislang sehr lesenswert, unterhaltend.
Ein Ärgernis: Man hat sich nicht enblödet, die Ausgabe zu kürzen, "Unzeitgemäßes" zu streichen. Die editorische Dummheit - wahrscheinlich einem ökonomischen Hintergedanken huldigend - hat nichts genutzt: Das Buch wurde nicht gelsen.
lg
orzifar
-
Hallo orzifar!
Ich dachte schon, etwas meiner "To-buy-list" hinzufügen zu müssen, aber Deine Bemerkung das Kürzen betreffend, hat mich dann davon abgehalten. Den Prinz Kuckuck habe ich vor ein paar Jahren gelesen, und eine Zeitlang verfolgte ich im Internet eine Serialisierung (ähnlich wie es heute Giesbert Damaschke macht mit dem Briefwechsel Schiller-Goethe und mit Eckermanns Gesprächen) eines Reiseberichts von Bierbaum, der mit Auto und Chauffeur in den Zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts (wenn ich mich nicht irre) nach Italien reiste, damals einer der ersten Auto-Touristen. Beides eigentlich ganz interessant. Trivialliteratur? Nicht trivialer als Hesse. Bierbaum hatte wohl das Unglück, zur Münchner Bohème gezählt zu werden, die im Gegensatz zur Berliner sich literarisch nicht durchzusetzen vermochte.
Grüsse
sandhofer
-
eines Reiseberichts von Bierbaum, der mit Auto und Chauffeur in den Zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts (wenn ich mich nicht irre) nach Italien reiste, damals einer der ersten Auto-Touristen.
Da habe ich mich wohl um ein Jahrzehnt vertan. Bierbaum ist ja 1910 gestorben ...
-
Moin, Moin!
eines Reiseberichts von Bierbaum, der mit Auto und Chauffeur in den Zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts (wenn ich mich nicht irre) nach Italien reiste, damals einer der ersten Auto-Touristen.
Da habe ich mich wohl um ein Jahrzehnt vertan. Bierbaum ist ja 1910 gestorben ...
Irrt Wikipedia hier? Die schreibt: "Sein 1903 erschienenes Reisebuch Eine empfindsame Reise im Automobil schildert eine Fahrt, die das Ehepaar Bierbaum 1902 mit einem Cabrio der Marke Adler von Deutschland über Prag und Wien nach Italien (und auf der Rückreise via die Schweiz) unternahm. Es gilt als erstes Autoreisebuch der deutschen Literatur. Bei der erwähnten Fahrt überquerte Bierbaum als erster den Gotthardpass mit einem Auto."
Ich danke euch für die Hinweise auf Bierbaum, der bisher noch nie in meinen Fokus geriet. Ich habe mir mal zwei Kindle-Editionen (die auf Amazon allesamt kostenlos sind) aufgeladen.
-
Irrt Wikipedia hier?
Nö. Ich. ;D
-
Ich dachte schon, etwas meiner "To-buy-list" hinzufügen zu müssen, aber Deine Bemerkung das Kürzen betreffend, hat mich dann davon abgehalten.
Hab's mir jetzt trotzdem bestellt. Antiquarisch. In einer Ausgabe von 1910. :angel:
-
Buch scheint lieferbar zu sein ... :D
-
Hallo!
Finde ich schön, dass der Bierbaum hier auf solche Resonanz trifft. Ich habe nun meine Ausgabe mit jener des Gutenberg-Projektes verglichen und keine Unterschiede feststellen können. Wird so gravierend also nicht sein mit den "Verbesserungen". Trotzdem eine bornierte Unart vorab zu entscheiden, was für den rezenten Leser zumutbar sei.
Der "Prinz Kuckuck", den ich in guter Erinnerung habe, würde sich auch für eine Leserunde eignen. Mir jedenfalls hat der Roman wesentlich besser gefallen als etwa die zeitlich (auch inhaltlich?) vergleichbaren Romane eines Heinrich Mann (dessen erste Gehversuche ich für ziemlichen Schrott halte, wobei ich ja - abgesehen vom "Untertan" und dem "Professor Unrat" kaum Lesbares beim kleinen großen Bruder ausfindig machen konnte - wobei ich mich meines Wissens im Gegensatz zu meinem Moderartorenkollegen befinde ;)).
Vielleicht kann ja auch Dostoevskij seine Eindrücke bezüglich Bierbau posten.
lg
orzifar
-
Der "Prinz Kuckuck", den ich in guter Erinnerung habe, würde sich auch für eine Leserunde eignen.
Würde sich sicher. Aber ich muss passen.
Manns Henri IV, zumindest das erste Buch, hast Du übrigens vergessen ... :angel: ;D
-
Der "Prinz Kuckuck", den ich in guter Erinnerung habe, würde sich auch für eine Leserunde eignen.
Würde sich sicher. Aber ich muss passen.
Manns Henri IV, zumindest das erste Buch, hast Du übrigens vergessen ... :angel: ;D
;D ich wusste, dass genau das kommt. Vielleicht wäre ich bei einem Wiederlesen gnädiger - aber genau diesen Henri IV vermochte ich nicht zu ertragen.
lg
orzifar
-
8)
-
Ich habe als Kind "Zäpfel Kerns Abenteuer" geliebt. :)
-
Die berühmte Pinocchio-Adaption, ja. Ich glaube sowieso, dass Bierbaum in der DDR bekannter und geschätzter war als im Westen ...
-
Hallo!
Das Buch abgeschlossen. Eine durchaus ansprechende Lektüre, amüsant, mit einem Gran Selbstironie, die das Lesen noch sehr viel angenehmer macht, da sie dem Ganzen die oft apodiktisch anmutende Schärfe solcher Darstellungen nimmt. Bierbaum kritisiert das Menschsein im Bewusstsein, selbst dieser Spezies anzugehören. Eine historische Reiselektüre, die man empfehlen kann (ohne dass man mit der Meinung des Autors allüberall übereinstimmen müsste).
Ich bin schon gespannt, wie dir, Sandhofer, das Buch gefallen wird. (Meines hatte - groß gedruckt - 264 Seiten, ich wäre neugierig, wie viel der Dummheit des Herausgebers zum Opfer fiel.)
lg
orzifar
-
Ich bin schon gespannt, wie dir, Sandhofer, das Buch gefallen wird.
Ich bin zuversichtlich. ;D
(Meines hatte - groß gedruckt - 264 Seiten, ich wäre neugierig, wie viel der Dummheit des Herausgebers zum Opfer fiel.)
Das allerdings wird dann wirklich interessant. 8)
-
Sodele, mein Buch ist in der Zwischenzeit angekommen.
(Meines hatte - groß gedruckt - 264 Seiten, ich wäre neugierig, wie viel der Dummheit des Herausgebers zum Opfer fiel.)
Gemäss Inhaltsverzeichnis: Von S. 105-448. Vorher und nachher noch anderes. Seitengrösse im Verhältnis zur Schriftgrösse: Ungefähr das Format der heutigen Reclamheftchen. :hi:
-
Vorher und nachher noch anderes.
Das vorher (zwei kurze, mit irgendwas + "Fiesole" betitelt) gestern Abend noch gelesen. Locker-flockig vom Hocker. Es geht eher um Erlebnisse mit der Bahn, mit Mitreisenden als um Fiesole. Nun freue ich mich mal auf die Yankeedoodle-Fahrt. (Wenn ich Arno Schmidt wäre, würde ich, wie damals nicht nur im Frakturteil des eigentlichen Textes, sondern auch auf dem in Antiqua gesetzen Buchrücken üblich "Yankeedoodle=Fahrt" schreiben. Wobei das ganz korrekt ja auch nicht das Gleichheitszeichen war damals, sondern ein leicht schräg gestellter Doppelstrich, was auch Arno Schmidt auf seiner Schreibmaschine nicht imitieren konnte.)
-
Das vorher (zwei kurze, mit irgendwas + "Fiesole" betitelt)
Jetzt, wo ich das Buch zur Hand habe, noch die genauen Titel: Von Fiesole nach Pasing und Blätter aus Fiesole.
Ein Ärgernis: Man hat sich nicht enblödet, die Ausgabe zu kürzen, "Unzeitgemäßes" zu streichen. Die editorische Dummheit - wahrscheinlich einem ökonomischen Hintergedanken huldigend - hat nichts genutzt: Das Buch wurde nicht gelsen.
Ich vermute, es handelt sich um solche Dinge, wie z.B. den Anfang meines 7. Kapitels, wo Bierbaum über zuerst den französischen, dann den englischen Erzfeind Deutschlands referiert, in einer - für uns Heutige - wunderlichen Mischung aus Pazifismus und deutschem Hurra-Patriotismus. Gegenüber dem Franzosen eher pazifistisch, gegenüber dem Engländer eher Kriegsgurgel. (Wobei er sich durch eine Bemerkung Kiplings provoziert fühlt, der ja nun tatsächlich ein britischer Hurra-Patriot schlimmsten Schlages war.)