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Lektüren, Rezensionen => Gerade am Lesen ... => Topic started by: orzifar on 26. Juni 2012, 17.48 Uhr

Title: Allan Janik, Stephen Toulmin: Wittgensteins Wien
Post by: orzifar on 26. Juni 2012, 17.48 Uhr
Hallo!

Kennt jemand dieses Buch? (Insbesonder du Sandhofer, der du dich mit dem Philosophen als auch dem "Jungen Wien" schon eingehender beschäftigt hast?) Ich habe bisher mit großem Vergnügen darin gelesen, es unterscheidet sich wohltuend von Elaboraten Glucksmannscher Provenienz, wenngleich es ebenfalls gewagte Thesen formuliert (etwa Wittgenstein im Tractatus als Ethiker). Im Unterschied zu Glucksmann wird dies aber umfangreich zu begründen versucht (wenn man auch nicht immer zuzustimmen geneigt ist), wie man überhaupt den Eindruck hat, dass die Autoren sich intensiv und genau mit ihrem Thema auseinandergesetzt haben. Sie sehen Wittgenstein als Produkt der historisch-kulturellen Umstände Wiens (bzw. Kakaniens), dessen Anliegen nicht so sehr in sprachanalytischen Untersuchungen lag, sondern - auch - eine moralische Dimension hat, deren Herkunft ganz spezifisch auf das Wien des fin de siecle hinweist. Kraus, Schönberg oder Loos als Reaktion auf die kitschig-ästhetisierende Kunstsammlerei der Gründerzeit, puristische Kunst, aller dekorativen Arabesken entkleidet. Mittendrin Wittgenstein, der im Tractatus das Denken dieser Zeit in nuce zusammenfasst.

lg

orzifar

Nachsatz: Und wenn ich schon beim Fragen bin: Wie steht es mit der Kenntnis von Charles Brockden Brown (Wieland oder Die Verwandlung)? Schauerroman amerikanischen Ursprungs, noch bevor E. A. Poe die Bühne betrat. Liegt hier und will gelesen werden ...
Title: Re: Allan Janik, Stephen Toulmin: Wittgensteins Wien
Post by: Sir Thomas on 26. Juni 2012, 19.02 Uhr
Kennt jemand dieses Buch?

Nein, aber es klingt interessant.

Kraus, Schönberg oder Loos als Reaktion auf die kitschig-ästhetisierende Kunstsammlerei der Gründerzeit, puristische Kunst, aller dekorativen Arabesken entkleidet. Mittendrin Wittgenstein, der im Tractatus das Denken dieser Zeit in nuce zusammenfasst.

Diese Sichtweise oder These ist allerdings nicht neu. Das habe ich so ähnlich erst vor kurzem bei Sloterdijk gelesen.

LG

Tom
Title: Re: Allan Janik, Stephen Toulmin: Wittgensteins Wien
Post by: sandhofer on 26. Juni 2012, 19.46 Uhr
Kennt jemand dieses Buch? (Insbesonder du Sandhofer, der du dich mit dem Philosophen als auch dem "Jungen Wien" schon eingehender beschäftigt hast?)

Ja. Und ich kann Deiner Einschätzung nur zustimmen. (Ich habe seinerzeit die englische wie die deutsche Fassung gelesen, die sich insofern unterscheiden, als dass in der englischen noch mehr Basiswissen über Kakanien vermittelt wurde.) Janik habe ich übrigens persönlich kennengelernt, als er - damals noch professoraler Jungspund - für ein Semester Gastprofessor in Graz war ...

Wie steht es mit der Kenntnis von Charles Brockden Brown (Wieland oder Die Verwandlung)? Schauerroman amerikanischen Ursprungs, noch bevor E. A. Poe die Bühne betrat. Liegt hier und will gelesen werden ...

Der Titel kommt mir bekannt vor, mehr aber nicht. Und bevor ich es mir irgendwie anschaffe, lesen wir den Carl Julius Weber ...  ;D
Title: Re: Allan Janik, Stephen Toulmin: Wittgensteins Wien
Post by: orzifar on 26. Juni 2012, 20.05 Uhr
Kraus, Schönberg oder Loos als Reaktion auf die kitschig-ästhetisierende Kunstsammlerei der Gründerzeit, puristische Kunst, aller dekorativen Arabesken entkleidet. Mittendrin Wittgenstein, der im Tractatus das Denken dieser Zeit in nuce zusammenfasst.
Diese Sichtweise oder These ist allerdings nicht neu. Das habe ich so ähnlich erst vor kurzem bei Sloterdijk gelesen.

Nein, das ist nun nicht neu (habe ich aber auch nicht geschrieben). Wobei das Attribut "neu" bei einem Buch, das schon einige Jahrzehnte auf dem Buckel hat, ohnehin fragwürdig wäre. Neu - im Sinne von "nicht dem üblichen Interpretationsschema entsprechend" - ist die moralisch-ethische Komponente des Tractatus, der ja häufig als reine Sprachkritik betrachtet wurde. Und seine starke Einbettung in das kulturelle Lebensgefühl dieser untergehenden kakanischen Welt.

Das Buch scheint aber nur noch antiquarisch verfügbar zu sein ... schade eigentlich.

lg

orzifar
Title: Re: Allan Janik, Stephen Toulmin: Wittgensteins Wien
Post by: orzifar on 26. Juni 2012, 20.11 Uhr
Der Titel kommt mir bekannt vor, mehr aber nicht. Und bevor ich es mir irgendwie anschaffe, lesen wir den Carl Julius Weber ...  ;D

Mit dem Weber hab ich dir einen Floh ins Ohr gesetzt ;). Wenn er nicht soooo umfangreich wäre. Außerdem habe ich mich gerade zu einer mehr-weniger intensiven (Franz) Brentano-Lektüre aufgerafft.

Gut, ich habe den Weber mal rausgelegt. Der Untertitel "Hinterlassene Papiere eines lachenden Philosophen" klingt anregend, vor allem, wenn einem nicht so wirklich nach Lachen zumute ist. Wäre nicht das Schlechteste, von einem Philosophen nämliches zu lernen. 

lg

orzifar
Title: Re: Allan Janik, Stephen Toulmin: Wittgensteins Wien
Post by: sandhofer on 27. Juni 2012, 08.09 Uhr
Diese Sichtweise oder These ist allerdings nicht neu. Das habe ich so ähnlich erst vor kurzem bei Sloterdijk gelesen.

Dann hat, wenn schon, Sloterdijk abgekupfert. Zum Zeitpunkt, als Janik/Toulmin erschien, war dieser Gesichtspunkt neu. Dass es augerechnet 2 Amis waren, die darauf gekommen sind, hat allerdings seinen Reiz ...  :angel:

Title: Re: Allan Janik, Stephen Toulmin: Wittgensteins Wien
Post by: orzifar on 27. Juni 2012, 16.16 Uhr
Diese Sichtweise oder These ist allerdings nicht neu. Das habe ich so ähnlich erst vor kurzem bei Sloterdijk gelesen.

Dann hat, wenn schon, Sloterdijk abgekupfert. Zum Zeitpunkt, als Janik/Toulmin erschien, war dieser Gesichtspunkt neu. Dass es augerechnet 2 Amis waren, die darauf gekommen sind, hat allerdings seinen Reiz ...  :angel:

Ich bin mir jetzt nicht mal ganz sicher, worauf sich dieses "neu" bezogen hat: Auf die Sichtweise von Wittgensteins Philosophie als teilweise der Ethik zugehörig oder aber auf die Entwicklung der Kunst, wie ganz kurz von mir skizziert. Dieses nun ist sicher nicht ganz neu, jenes (wahrscheinlich) zum Zeitpunkt des Erscheinens vor knapp 40 Jahren schon. Wie auch immer: Ein ganz wunderbares Buch bisher, das sich spannender liest als mancher Krimi (seit King weiß ich, wovon ich spreche ;)).

Auch das Kapitel über Karl Kraus ganz hervorragend (immer davon abgesehen, ob man all den Ausführungen zustimmt), hervorragend in der Art der Begründung und Beschreibung, klar, konzis, argumentativ belegt. Es ist äußerst wohltuend, keinem Geschwätz und schwammig-verschwommenen Gedanken ausgeliefert zu sein (wie oft habe ich etwa bei Glucksmann über einzelne Sätze mich nachzusinnieren gezwungen gesehen, weil mir so gar nicht einleuchten wollte, was er mir da mitteilen will), und es ist auch offenkundig, dass die beiden umfangreiche Recherchen zu jener Zeit betrieben haben und wissen, wovon sie schreiben. (Im übrigen stellt mein - altersschwaches? - Erinnerungsvermögen fest, dass ich Teile des Buches bereits einmal gelesen habe.)

lg

orzifar
Title: Re: Allan Janik, Stephen Toulmin: Wittgensteins Wien
Post by: Sir Thomas on 27. Juni 2012, 17.13 Uhr
Diese Sichtweise oder These ist allerdings nicht neu. Das habe ich so ähnlich erst vor kurzem bei Sloterdijk gelesen.

Dann hat, wenn schon, Sloterdijk abgekupfert. Zum Zeitpunkt, als Janik/Toulmin erschien, war dieser Gesichtspunkt neu.

Hallo,

hier liegt ein Missverständnis vor: Für mich persönlich war die Einordnung Wittgensteins als Ethik-Philosoph nicht neu. Und ich habe es nicht nur kürzlich bei Sloterdijk gelesen, sondern früher auch an anderer Stelle (vermutlich in "Die Philosophie des 20. Jahrhunderts" von Volker Spierling). Wer der "Urheber" dieser These ist, vermag ich nicht zu sagen. Wahrscheinlich liegst Du mit der Vermutung, Sloterdijk sei der Abkupferer, richtig.

Ich habe mir "Wittgensteins Wien" soeben antiquarisch bestellt. Scheint ein guter Tipp zu sein, Danke!

LG

Tom
Title: Re: Allan Janik, Stephen Toulmin: Wittgensteins Wien
Post by: sandhofer on 27. Juni 2012, 20.54 Uhr
Ich bin mir jetzt nicht mal ganz sicher, worauf sich dieses "neu" bezogen hat: Auf die Sichtweise von Wittgensteins Philosophie als teilweise der Ethik zugehörig oder aber auf die Entwicklung der Kunst, wie ganz kurz von mir skizziert. Dieses nun ist sicher nicht ganz neu, jenes (wahrscheinlich) zum Zeitpunkt des Erscheinens vor knapp 40 Jahren schon.

Auf "jenes"  ;D . Und ja: Es war damals ganz neu, wenn ich mich recht erinnere ...
Title: Re: Allan Janik, Stephen Toulmin: Wittgensteins Wien
Post by: sandhofer on 28. Juni 2012, 08.16 Uhr
Hallo!

Nebenbei:

Ich habe mir "Wittgensteins Wien" soeben antiquarisch bestellt. Scheint ein guter Tipp zu sein, Danke!

Ja. Meiner Meinung nach einer der besten Versuche, Kultur(geschchte), politische Geschichte und Philosophie zu verbinden. Was Russell vollmundig gleich für die ganze "Philosophie des Abendlands" verspricht, wird hier für ein winzig kleines Segment tatsächlich gehalten.  :hi:

Grüsse

sandhofer
Title: Re: Allan Janik, Stephen Toulmin: Wittgensteins Wien
Post by: Sir Thomas on 11. Juli 2012, 17.23 Uhr
Meiner Meinung nach einer der besten Versuche, Kultur(geschchte), politische Geschichte und Philosophie zu verbinden.

Ja, die ersten Kapitel (politisches, gesellschaftliches und kulturelles Klima im Wien des Fin de siècle) sind interessant und sehr gut verdichtet. Einiges liest sich wie eine Interpretation des Musil-Romans "Mann ohne Eigenschaften", auf den die Autoren sich ja auch zuweilen beziehen. 
Title: Re: Allan Janik, Stephen Toulmin: Wittgensteins Wien
Post by: orzifar on 12. Juli 2012, 04.16 Uhr
Hallo,

aufgrund dieses Buches habe ich mir nun eine Wittgensteinbiographie besorgt von Ray Monk. Kennt diese jemand? Liest sich bislang ganz passabel.

Janik Toulmin gelingt es über das ganze Buch hinweg glänzend, die Zeit, Stimmung, die aufeinander einwirkenden künstlerischen Strömungen einzufangen. Auch das Kapitel über den Traktatus, sicherlich keine leichte Lektüre, ist hervorragend gelungen. Ein m. E. großartiges Buch mit fundierten Überlegungen (den Ausführungen zu Wittgenstein stimme ich durchwegs zu, wenngleich ich beim Philosophen selbst meine Zustimmung versagen muss), ein Buch, das Lust macht auf mehr (worin immer ein Zeichen zu sehen ist, dass es sich um ein gelungenes Werk handelt). Eigentlich schade, dass ich aufgrund von Zeitmangel nicht mehr dazu schreiben kann. Ein paar Bemerkungen hoffe ich nocht posten zu können.

lg

orzifar
Title: Re: Allan Janik, Stephen Toulmin: Wittgensteins Wien
Post by: sandhofer on 12. Juli 2012, 12.14 Uhr
Wittgensteinbiographie [...] von Ray Monk. Kennt diese jemand?

Nur vom Hören-Sagen.