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Lektüren, Rezensionen => Klassische Literatur => Topic started by: Bartlebooth on 15. Juli 2009, 11.59 Uhr

Title: Jane Austen, Emma
Post by: Bartlebooth on 15. Juli 2009, 11.59 Uhr
Es war mal Zeit für meinen zweiten Jane-Austen-Roman. Den ersten - "Northanger Abbey" - hatte ich seinerzeit einfach zufällig aus dem Regal gezogen. Er hat mich vor ein paar Jahren ziemlich amüsiert, wenn es mir auch nicht immer ganz leicht fiel, über diesen naiven Backfisch Catherine Morland aus vollem Herzen zu lachen. Die Frauenfiguren des 19. Jahrhunderts lassen mich das oft als ungerecht empfinden.

Beim zweiten Buch nun fragte ich eine Freundin, Austen-Kennerin und literarisch höchst bewandert, einfach nach dem besten Buch von Austen. Die spontane Antwort war: "Emma".

Und so quälte ich mich wie Waldfee anfänglich immer mal wieder zum baldigen Einschlafen durch die Soireen auf Randalls und auf Hartfield, machte Bekanntschaft mit dem nächsten bestürzend naiven Backfisch - Harriett Smith - und bewunderte Jane Austens Mut, seitenlange Dialoge über Zugluft oder die allgemeinen Wetterverhältnisse zu schreiben. Ich kann mit so was ja tatsächlich viel anfangen, mit dieser unglaublich steifen Reguliertheit des Lebens im 19. Jahrhundert, die sich so schön mit einer Phrase aus den "Buddenbrooks" beschreiben lässt: "Die Dehors wahren".

Aber es war anfangs zäh. Ganz soviel Wetter, Zugluft und Kuppelversuche konnte ich nicht ertragen. Da hatte ich plötzlich über Weihnachten Zeit zum lesen und siehe da: Es flutschte. Ok, mit dem Auftauchen Frank Churchills und Mrs Eltons wurden auch die Gefühlsregungen der Charaktere etwas heftiger, aber ich bemerkte vor allem: Auf dieses Spiel mit den Ornamenten der Konvention muss man sich in Echtzeit einlassen. Ich habe die Pausen und die erstaunten Gesichtsausdrücke, die durchkomponierte Mimik und Gestik einer aufs Äußerste verfeinerten Etikette langsam mitgelesen und konnte das Buch so plötzlich doppelt so sehr genießen.

Das Ende war dann leider gar nicht nach meinem Geschmack, zu sehr bleibt jede/r auf seinem/ihrem angestammten Platz, alles in allem viel zu happy und comme il faut.
Im Nachhinein waren es die Dialoge um Mr Woodhouse, die in ihrer unverblümten Langeweile und Lebensuntüchtigkeit den größten Gewinn darstellten, den ich aus diesem Buch gezogen habe. Und der ist schon einmal beträchtlich.