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Allgemeines => Links => Topic started by: sandhofer on 21. März 2012, 20.27 Uhr
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Hallo zusammen!
So ziemlich unbemerkt verstrichen ... Heute war der Welttag der Poesie (http://www.unesco.de/welttag_poesie.html) ...
Grüsse
sandhofer
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Hallo,
Ja. Leider unbemekt verstrichen. Sonst hätte ich ein paar Gedichte gelesen. Zufälligerweise trudelte aber gestern ein Buch mit der Post ein, ausgerechnet eines über das Schreiben von Gedichten: Martina Weber: Zwischen Handwerk und Inspiration, Uschtrin-Verlag.
Außerdem habe ich gestern einen herrlich poetischen Satz des Russen Valerij Tarsis gelesen, den ersten Satz aus: "Botschaft aus dem Irrenhaus".
Es war September - die Zeit des Welkens. Die Blüten der Herbstzeitlosen röteten sich
und die Schwermut spaltete die Tage mit dumpfem ungewissen Klang in graue Splitter
wie eine schwere Streitaxt, die in Eichenbalken fährt.
Liebe Grüße
mombour
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Sonst hätte ich ein paar Gedichte gelesen.
Nun, Du hast dich wohl mehr mit Lyrik beschäftigt in letzter Zeit als ich. Obwohl bekennender Lyrik-Leser, muss ich zugeben, dass ich seit Shakespeares Sonnetten vor ein paar Wochen kein Gedicht mehr in der Hand hatte ... :(
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Hallo,
ich schau gerne bei Gottfried Benn hinein oder in meine Anthologien. Mit der Schreibpraxis beschäftige ich mich auch, aber, wie sollte es auch anders sein, ein kleines gutes Gedicht schreiben ist schwerer als eine story.
Liebe Grüße
mombour
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ein kleines gutes Gedicht schreiben ist schwerer als eine story.
Arno Schmidt war da ganz anderer Meinung *ggg*
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Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass solche Tage das begleitende Requiem zu dem in Frage stehenden Thema darstellen. Ähnlich wie es Musil bezüglich Denkmäler beschrieben hat ist es auch mit Gedenk- und Erinnerungstagen: Das, woran gedacht und erinnert werden soll, ist mit Einführung nämlichen Tages alsbald der Vergessenheit anheim gefallen (ansonsten bräuche man auch diesen Tag nicht). Und sie kehren in das Gedächtnis mittels dieses Tages auch nicht zurück - im Gegenteil: Die periodische Wiederkehr solcher "Feierlichkeiten" ist ein Erdklumpen mehr auf dem Sarg des ohnehin schon Vergessenen und Verdrängten.
Neben dem Tag der Poesie (von dem ich dank Sandhofern erstmal hörte) gibt es solche der Milch, der Sonne (und der Arbeit, an denen aber kein Mensch arbeitet). Und einen Tag der Frau, an dem dieselbe Blumen aus der Kleingärtnerei überreicht bekommt, während man sie weder davor noch danach als etwas anderes sieht denn als knackige Sekretärin mit hoffentlich nur halb verborgenen, in jedem Fall aber vermuteten sexuellen Qualitäten. Aber das kitschige Sträußlein ist denn auch billiger (und zeitmäßig weniger aufwändig) denn eine respektvolle Behandlung - und dies vielleicht noch das ganze Jahr über.
Und nun gedenke ich des Hasen, der gestern zu meinem (und seinem) Leidwesen an meiner Stoßstange das Leben ausgehaucht hat. (Die Stoßstange dito ..., hoffe, es war nicht der Osterhase.)
lg
orzifar
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Hallo orzifar,
Aber wenn einer will pflegen
den Tag, an dem er was Geden-
ken mag.
so tröpfelt ein Vers sanft
wie Mairegen.
Aber es ist schon so. Wenn man zwischen den Gedenktagen keine Verse liest, dann liest man sie auch nicht am Gedenktag. Lyrik ist leider ein einsames Pflaster in der Literatur.
Liebe Grüße
mombour
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Das, woran gedacht und erinnert werden soll, ist mit Einführung nämlichen Tages alsbald der Vergessenheit anheim gefallen (ansonsten bräuche man auch diesen Tag nicht). Und sie kehren in das Gedächtnis mittels dieses Tages auch nicht zurück ...
Wie wahr - leider. Warum hat es die Lyrik so schwer, selbst unter Literaturliebhabern und Bücherwürmern? Ich habe dafür keine Erklärung.
Schönes WE!
Tom
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Warum hat es die Lyrik so schwer, selbst unter Literaturliebhabern und Bücherwürmern?
Ob Poesie = Lyrik müsste natürlich zuerst noch geklärt werden. ;)
Aber auf Deine Frage: Lyrik ist Sprachkunst pur (deshalb auch fast unmöglich zu übersetzen). Sie vermittelt Gefühle, Stimmungen. Keine Geschichten (das schaltet schon mal 95% der Bücherwürmer aus, die selbst bei Kurzgeschichten vermissen, dass sie sich nicht von der Geschichte und den Figuren mitreissen lassen können). Keine Gedanken, keine Philosophie, keine Theologie. Kein Sach- oder Fachbuch ist als Gedicht verfasst. Natürlich gibt es Gedankenlyrik (z.B. bei Schiller) und andere Mischformen. In der reinen Form aber spricht Lyrik nur sehr wenige an. Ob das zu bedauern ist oder ob sich die wenigen deshalb "besser" fühlen sollten, wage ich beides zu bezweifeln.
@orzifar: Ja, diese Gedenktage sind eine Crux. Typischerweise zur Beruhigung des schlechten Gewissens. Da stimme ich Dir voll und ganz zu. Und das mit dem Osterhasen tut mir leid.
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Ob das zu bedauern ist oder ob sich die wenigen deshalb "besser" fühlen sollten, wage ich beides zu bezweifeln.
Ja, genau! Ich auch.
Wie heißt es so schön:
Ein Gedicht zu veröffentlichen ist wie ein Rosenblatt in den Grand Canyon zu werfen und auf das Echo zu warten.(oder so ähnlich)
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In der reinen Form aber spricht Lyrik nur sehr wenige an. Ob das zu bedauern ist oder ob sich die wenigen deshalb "besser" fühlen sollten, wage ich beides zu bezweifeln.
D'accord. Ich kenne allerdings auch Niemanden, der sich für besser hält oder besser fühlt, weil er Lyrik liest.
Ob Poesie = Lyrik müsste natürlich zuerst noch geklärt werden. ;)
Machen wir es einfach: Poesie ist für mich der etwas weiter gefasste Begriff, der ein wenig nebulös daherkommt (daran haben auch zweieinhalb Jahrhunderte ästhetische Philosophie nichts ändern können). Ein Werk kann, ohne eine Zeile Lyrik zu enthalten, poetisch sein (Hölderlins Hyperion, Rilkes Malte Laurids Brigge). Lyrik ist alles, was in Strophen gefasst ist - also Gedichte und Liedtexte. Die Musik kennt außerdem das "lyric piece" und meint damit ein zur Epoche der Romantik zählendes, frei gestaltetes Klavierstück ohne Gesang.
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Machen wir es einfach.
Ich fürchte, das geht nicht.
Lyrik ist alles, was in Strophen gefasst ist.
Nö, sir.
D'accord. Ich kenne allerdings auch Niemanden, der sich für besser hält oder besser fühlt, weil er Lyrik liest.
Ich schon. Zudem steckt schon in dem Bedauern, dass Lyrik angeblich nicht oder zu wenig gelesen werde, so etwas wie Ich danke dir Gott, dass ich nicht bin wie jene...
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Hallo!
Ich glaube, dass im Deutschen die Begriffe Poesie und Lyrik tatsächlich fast deckungsgleich verwendet werden - bei Aristoteles war's noch umfassender (mein Meyer von 1874, den ich gerne in solchen Fragen zurate ziehe, unterscheidet noch zwischen dramatischer/lyrischer und epischer Poesie, dieses Schema scheint heute obsolet, zumindest im Deutschen, im Englischen sind die "lyrics" meines Wissens für Liedtexte reserviert).
Persönlich lese ich Lyrik fast immer wie zufällig, selten bewusst, mich hinsetzend und einen Gedichtband zur Hand nehmend. Weil ich einfach nicht Seite um Seite und Gedicht um Gedicht lesen kann, während mir das bei Prosa oder Drama keine Probleme bereitet. Gedichte sind für mich Texte, die meine Gefühlsebene sehr viel stärker ansprechen denn Prosaisches, weshalb die "Gestimmtheit" sehr viel wichtiger ist. (Wobei moderne Lyrik diese meine Gefühlsebene meist nicht erreicht.) So blieb ich irgendwo stehen zwischen Rilke und Celan, manchmal ein wenig Lenau, Meyer. Vielleicht zu unrecht.
Das Lyriklesen ist aber für mich (wie hier fast anklingend) keine ideologische Frage. Hingegen etwas, das Zeit braucht, Ruhe, Ataraxie, mehr, als ich oft aufzubringen vermag. Vergleichbar mit Musik, welche ich auch nicht en passant hören kann, als bloße Berieselung, tonales Urknallrauschen. (Im Gegenteil: Mir sind Haushalte suspekt, in denen Fernseher/HiFi-Anlage/Radio ständig für eine Geräuschkulisse sorgen.)
lg
orzifar
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Mir sind Haushalte suspekt, in denen Fernseher/HiFi-Anlage/Radio ständig für eine Geräuschkulisse sorgen.
Was würdest Du dann zu unserm Büro sagen? *seufz*
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Aber auf Deine Frage: Lyrik ist Sprachkunst pur (deshalb auch fast unmöglich zu übersetzen). Sie vermittelt Gefühle, Stimmungen. Keine Geschichten
"Keine Geschichten". Balladen erzählen Geschichten, diese Form, so scheint mir, heute wohl kaum mehr existiert (bei Brahms gibt es die Balladen als musikalische Form)
So blieb ich irgendwo stehen zwischen Rilke und Celan, manchmal ein wenig Lenau, Meyer. Vielleicht zu unrecht.
Das Lyriklesen ist aber für mich (wie hier fast anklingend) keine ideologische Frage. Hingegen etwas, das Zeit braucht, Ruhe, Ataraxie, mehr, als ich oft aufzubringen vermag.
Das mit den modernen Gedichten ist so eine Sache. Wer sich damit jemand beschäftigen möchte, dem empfehle ich das von mir weiter o.g. Buch "Zwischen Handwerk und Inspiration" von Martina Weber, denn hier werden dem Leser einige Augen geöffnet. Denn wenn man schon mal weiß, was für handwerkliche Mittel benutzt werden können, dann kann man diese auch leichter entdecken. Lyrikschreiben ist wie in einer Werkstatt. Ich habe es oft erlebt, ich schreibe ein Gedicht, und schaue ein paar Wochen wieder darauf und finde es entsetzlich. Dann korrigiere ich wieder, und so weiter. Ein langweiliger oder unpassender Reim, und das ganze Gedicht ist im Eimer. Oder es fehlt Spannung. Warum mir ein Gedicht gefällt, ein modernes, das ist ganz unterschiedlich. Gute Metaphern reizen mich schon. Es gibt moderne Gedichte, die sprechen mich an, andere nicht. Interessant ist jenseits aller Empfindungen, die man während des Gedichtes hat, zu untersuchen, wie ein Gedicht überhaupt handwerklich konstruiert ist. Man kann nämlich ganz objektiv feststellen, ob ein Gedicht gut ist oder nicht (Lektorenarbeit). Ist der Zeilenumbruch nachvollziehbar, wurden Klangelemente eingebaut oder was sonst auch immer.
Schlechte Gedichte produziert man in einer Minute (Spaß muss sein):
Du mein Herz
bist eins mit mir,
mein einsamer Schmerz
ist weggeblasen.
Bleib immer bei mir.
Diese Entsetzlichkeiten produzieren manche in Pubertätsjahren.
Else Lasker-Schüler hat sehr schön über den Herzschmerz geschrieben:
Aber dein Herz ist ein Wirbelwind,
Dein Blut rauscht, wie mein Blut -
Süß
An Himbeersträuchern vorbei
(aus "Mein Liebeslied")
Das mit den Himbersträuchern ist sehr suggestiv und bleibt einfach haften. Darum gefällt mir das.
Liebe Grüße
mombour
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Balladen erzählen Geschichten, [...] .
Weshalb ich sie nicht zur Lyrik zähle. Ähnlich zähle ich die sogenannte "Gedankenlyrik" nur bedingt dazu. (Schiller hat grossartige Balladen und grossartige Gedankenlyrik geschrieben. Im Gegensatz zu Goethe war er aber kein Lyriker. Während Goethe m.M.n. vor allem dieses war ... ;) )
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Passend zum Thema: Am 23. April soll in Hamburg die "Weltnacht des Buches" über die Bühne gehen - ein Lesemarathon mit Medienpromis von Tom Buhrow bis Uli Wickert. Es muss wirklich schlimm stehen um das Buch ... ;D
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Passend zum Thema: Am 23. April soll in Hamburg die "Weltnacht des Buches" über die Bühne gehen - ein Lesemarathon mit Medienpromis von Tom Buhrow bis Uli Wickert. Es muss wirklich schlimm stehen um das Buch ... ;D
Ja ;). Aber ich lerne "Promis" kennen: Hier Tom Buhrow, im Klassikerforum wurde einmal der "Megastar" Justin Bieber erwähnt, von dem ich noch nie zuvor auch nur ein Sterbenswörtchen gehört hatte. Mit dem Heranwachsen der Kinderchen wird sich Letzteres aber wohl ändern, sodass mir zukünftige Megastars durchaus ein Begriff sein werden. (Buhrows Gesicht kannte ich allerdings von den deutschen Nachrichten, bei Bieber musste ich hingegen feststellen, dass ich ihn auch optischt niemals bewusst wahrgenommen hatte.)
lg
orzifar
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Da ja auch noch anzumerken bzw nachzufragen wäre, ob Herr Wickert überhaupt Poesie geschrieben hat. Er ist doch eher Frankeichexperte. Justin Bieber, den Namen schon mal gehört. Wie sieht der aus oder was macht der? Na, Ja. Ist mir eigentlich egal. ;D
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Das ist eine Art jugendlicher Schlagerstar *glaub*. Zumindest sagte mir das die Suchmaschine, die ich nach der Erwähnung des Namens im Klassikerforum bemühte. Weshalb ich eben vermute, dass mit älterwerdendem Nachwuchs ich über solche Stars eher informiert sein werde ;).
lg
orzifar
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Ich finde v.a. den Ausdruck Mega-Star so interessant. Da unterdessen jeder ein Star ist, der Warhols 15 Minuten erlebt hat, müssen offenbar noch höhere Stufen erfunden werden: Super, Mega, Giga ...
Was nun mit Poesie gar nichts zu tun hat ...