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Lektüren, Rezensionen => Gerade am Lesen ... => Topic started by: orzifar on 27. Dezember 2011, 23.37 Uhr
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Hallo,
ein recht eigenwilliges Buch mit einer ebensolchen Geschichte. Die "Abenteuer des jungen Brideron" sind eine Satire auf Homer und im besonderen auf Fenelons "Die Abenteuer des Telemach". Homer war einer der Säulenheiligen, an den zu rühren ein Skandalon war. Und so hat Marivaux dieses Werk als junger, der Gruppe der "Modernes" (im Gegensatz zu den "Anciens") zuzurechnender Autor geschrieben, sich aber später als arrivierter Schriftsteller (und sich um einen Sitz in der Academie bewerbend) von diesem Buch distanziert. Es erschien nur in Holland, galt lange als Fragment (etwa ein Viertel des Romans war zugängig), bis in der Mitte des 20. Jahrhunderts eine vollständige Ausgabe auftauchte, die erstmals 1956 veröffentlicht wurde.
Die Geschichte um Telemach wird ins Frankreich des 17. Jahrhunderts transponiert und spielt im bäurischen Milieu. Hauptsächlich war es Marivaux darum zu tun, den schon lächerliche Züge annehmenden Homer-Kult zu persiflieren, wobei Fenelons Buch nur zufällig zur Hauptzielscheibe wurde (Marivaux hat immer mit Hochachtung von Fenelon gesprochen). Dieser hat im übrigen in seinem Telemach erst jene Figur geschaffen, die uns heute als "Mentor" ein Begriff ist, während dieser Erzieher und Begleiter (Athene nimmt seine Gestalt an) bei Homer keine besondere Rolle einnimmt.
Bislang liest sich das Buch sehr gut, die "kräftige, derbe" Sprache, die allenthalben Erwähnung findet, verdient diese Bezeichnung (glücklicherweise) nicht, von derartigen Exzessen (a la Rabelais) bin ich zumeist wenig begeistert. Allerdings habe ich erst wenige Seiten gelesen.
lg
orzifar
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Müsste ich wohl zuerst Fénelon und dann Marivaux lesen. Gibt's die auch auf Deutsch? Das barocke Französisch mag ich nicht so ...
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Müsste ich wohl zuerst Fénelon und dann Marivaux lesen. Gibt's die auch auf Deutsch? Das barocke Französisch mag ich nicht so ...
Ja, gibts: Fenelon (http://www.amazon.de/Die-Abenteuer-Telemach-Fenelon/dp/3150013275/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1325110153&sr=8-1)
Marivaux (http://www.amazon.de/Abenteuer-jungen-Brideron-Eine-Parodie/dp/3458327355/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1325110213&sr=1-1) (Meine Ausgabe)
Laut Vorwort ist die Kenntnis Fenelons nicht erforderlich. Habe ein wenig weitergelesen, liest sich leicht und locker, erinnert aber immer mehr an Don Quijote mit seinem Regelfetischismus. Aber es wäre tatsächlich von Vorteil, Fenelons Telemach zu kennen, ich vermute, dass ich einige Anspielungen nicht zu goutieren weiß. Allerdings ist das Ganze so toll auch nicht, dass man es unbedingt gelesen haben muss.
lg
orzifar
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Ja, gibts: Fenelon (http://www.amazon.de/Die-Abenteuer-Telemach-Fenelon/dp/3150013275/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1325110153&sr=8-1)
Ein Reclam-Heftchen?!? :o ;D
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Hallo,
wahrscheinlich wäre es doch von Vorteil gewesen, wenn ich zuvor Fenelon gelesen hätte. Trotzdem: Eine angenehme, witzige Lektüre, die bei vielen Zeitgenossen auf große Ablehnung gestoßen ist (so hat etwa auch d'Alembert das Werk aufs schärfste verurteilt). Verständlich ist dies nur aus zeitgenössischer Sicht: Homer (und auch Fenelon) waren Autoren, über die sich satirisch zu äußern gegen den common sense war. Denn sowohl sprachlich als auch von der Konzeption ist das Werk durchaus gelungen, witzig, frech, zynisch, nirgendwo aber so exzessiv derb wie der hier bereits erwähnte Rabelais. Auch wird das Stilmittel der "natürlichen" Sprache sehr vorsichtig gehandhabt: Man nimmt es den dargestellten Personen ab, genau so wie im Buch beschrieben zu sprechen, Vulgaritäten um ihrer selbst willen kommen so gut wie gar nicht vor.
Im übrigen sollte man zumindest das Personal der Odyssee kennen, um dem Handlungsverlauf einigermaßen folgen zu können (was aber vorausgesetzt werden kann). Mir hat das Lust auf mehr vom gleichen Autor gemacht, wennschon er - älter werdend - sehr viel zahmere Sachen geschrieben haben soll.
lg
orzifar