My Board
Lektüren, Rezensionen => Gerade am Lesen ... => Topic started by: sandhofer on 26. Dezember 2011, 15.23 Uhr
-
Hallo zusammen!
Melde zur Beruhigung von orzifar, dass ich mittlerweile mit der "Strudlhofstiege" begonnen habe. Und schon von Anfang an sind wir wieder inmitten jenes Grüppchens junger Leute, die auch die "Dämonen" bevölkert.
Grüsse
sandhofer
-
Wir stehen hier vor dem seltsamen Phänomen, dass man, um der "Strudelhofstiege" folgen zu können, die "Dämonen" kennen sollte. Um aber den "Dämonen" folgen zu können, ist die Kenntnis der "Strudelhofstiege" notwendig. :)
-
"Doderer zu lesen beginnen sollte man mit dem Mord den jeder begeht, das ist ein spannender Krimi. Dann die leicht lesbaren Kurz- und Kürzestgeschichten, die Erzählungen. Anschließend die Dämonen und erst zum Schluß die Strudlhofstiege."
Helmut Qualtinger
-
Jaja, der Scheichsbeutel mit Zirkonflex liest mit ;). - Ich habe nie ganz verstanden, was die Strudlhofstiege so schwer macht (außer das umfangreiche Beziehungsgeflecht, aber das ist für mich kein Kriterium für "schwer"); sprachlich wunderschön, durchkomponiert, m. E. sehr viel mehr Roman als etwa die Merowinger. Ich jedenfalls hatte mit der Strudlhofstiege nie auch nur das geringste Problem, selbst nicht in meiner Jugend. Der Herr Karl mag anderer Meinung gewesen sein, hatte vielleicht auch andere, intimere Gründe (Qualtinger und Doderer sollen gewaltig gesoffen haben im Nachkriegsösterreich und - man traut's den beiden zu :)).
lg
orzifar
-
Ich hatte ja dieses Jahr einen Leseversuch der Strudelhofstiege. Ich fand sie nicht schwer oder so, aber LANGWEILIG.
-
(Qualtinger und Doderer sollen gewaltig gesoffen haben im Nachkriegsösterreich und - man traut's den beiden zu :)).
"Gestern abends mit Qualtinger und Weigel [...] ich kam um zwei Uhr heim und um drei in's Bett. Natürlich leben jene in einer andern Welt. Sie ist kurzwelliger und kurzweiliger als meine, und zugleich in erstaunlicher Weise weiträumiger, das heißt sie bringen mehr unter als ich (schon gar der sehr disziplinierte Weigel), sie verlieren keine Zeit und brüten nicht stundenlange vor sich hin, wie ich, im eigenen Safte schmorend. Ich staune über Helmut's Belesenheit, er kommt bei den Neuerscheinungen mit! Woher nimmt er die Zeit?"
(Heimito von Doderer: Commentarii, 25.1.1960)
Was Qualtinger zu seiner Reihenfolge motiviert hat, wäre ja noch zu untersuchen. Leider habe ich nur diesen einen Satz, gefunden im Verlagsprospekt, der für die neunbändige Ausgabe von Doderers literarischem Werk wirbt, und deshalb keine Ahnung, wie der Kontext lauten könnte.
-
Ich hatte ja dieses Jahr einen Leseversuch der Strudelhofstiege. Ich fand sie nicht schwer oder so, aber LANGWEILIG.
Ich mag diese - wie Du es nennst - Langeweile. Ich finde sie ähnlich auch bei Proust oder Thomas Mann. Die gepflegte Langeweile des Grossbürgertums so zwischen 1900 und 1914.
"Man könnte ruhig sagen, daß Donald seiner Zeit voraus war. So zum Beispiel empfand er vor der Langeweile nicht die geringste Scheu und in Bezug auf die Langeweile auch keine Scham: weder wollte er jene aus einer Gesellschaft vertreiben, noch auch vor dieser verbergen."
(Heimito von Doderer: Die Wasserfälle von Slunj)
-
Naja, es gibt aber verschiedene Arten von Langweile. Die Strudelhofstiege ist eine Kreuzung von Telefonbuch und Google Maps. Möglichst viele Leute werden auf möglichst viele Orte verteilt und machen da nichts.
-
Geografie spielt tatsächlich eine wichtige Rolle in Doderers Universum. (In den Wasserfällen von Slunj beginnt eine Liebesgeschichte, indem ein Protagonist von einer lange verflossenen Eisenbahnfahrt über den Brenner erzählt, Viadukte schildert und wie er zum Schluss in einen rauchigen Tunnel eingetaucht ist - und die zweite Stimme wird plötzlich von einer jungen Frau, einer Ingenieurin, übernommen, die die einzelnen geografischen Namen zu den Schilderungen kennt.)
Und das Gespräch. Kleinste Nuancen werden wichtig. Auch in dem Teil des Gesprächs, der sich als dazwischenquatschender Autor tarnt. Genaues Hinhören ist gefragt. Dieses Zuhören muss man wahrscheinlich üben, und von daher ist vielleicht Qualtingers Rat, die Doderer-Lektüre mit dem Mord den jeder begeht zu beginnen, so übel nicht. Denn dort übt auch Doderer noch, was er in den beiden grossen Wiener Romanen, wie ich Die Strudlhofstiege und Die Dämonen nennen möchte, perfektioniert hat. Die Merowinger sind etwas völlig anderes und bereiten aufs Furioso lento der Wiener Romane nicht vor. Eher vielleicht noch Die erleuchteten Fenster.
-
Ich gebe Doderer nochmal eine Chance, zusammen mit Qualtinger, mir die Strudlhofstiege näher zu bringen.
Helmut Qualtinger und der Autor lesen Heimito von Doderer http://www.amazon.de/gp/product/3902123079 (http://www.amazon.de/gp/product/3902123079)
-
Hallo!
Das Urteil "langweilig" vermag ich nun gar nicht zu verstehen. Oder besser: Ich würde es sehr gut verstehen, wenn du dich als Anhänger von Fantasy- oder Twilight-Literatur bekannt hättest.
Hier (http://www.klassikerforum.de/index.php/topic,911.msg28307.html#msg28307) ist die Quintessenz des Gefallens zusammengefasst, das Doderer-Zitat ist glänzend gewählt - und dem, was Leibgeber dazu bemerkt "Wer sich so wie ich sowas auf der Zunge v/z/ergehen lassen kann, kann auch was mit dem Ganzen anfangen" ist eigentlich nichts hinzufügen.
Die Hör-CDs sind gewöhnungsbedürftig, v. a. jene von Doderer selbst gelesenen Passagen. Ich jedenfalls mag mir von ihm sein eigenes Buch nicht vorlesen lassen, das hört sich höchst schaurig an.
lg
orzifar