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Allgemeines => Links => Topic started by: sandhofer on 19. November 2011, 15.48 Uhr
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... ein lesenswerter Artikel in der NZZ-Online:
Mit schmerzhaft gebundenen Schwingen (http://www.nzz.ch/nachrichten/kultur/literatur/mit_schmerzhaft_gebundenen_schwingen_1.13356467.html)
:yodel:
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Und auch der - bedeutend weniger gelungene, weil nicht Kleist, sondern die Frau Leutenegger, die schon vor 30 Jahren nicht interessant war, ins Zentrum stellende - Beitrag von Getrud Leutenegger
Nur einen Tropfen Vergessenheit (http://www.nzz.ch/magazin/campus/nur_einen_tropfen_vergessenheit_1.13356441.html)
sei der Vollständigkeit halber erwähnt.
:yodel:
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Danke für die Links! Ja, Leuteneggers Ausführungen sind im Vergleich zu denen von Andrea Hofer subjektiver, ungermanistischer, zudem eingebettet in einen erzählerischen Rahmen, aber was Leutenegger, die ich im übrigen gar nicht kenne, über Kleist und seine Marquise von O. zu sagen hat, was sie zitiert und wie sie der Magie der kleistischen Sätze nachspürt, spricht mich sehr, sehr an! Sie zitiert einen Satz, der ihr zur „Formel (in dunklen Zeiten ;)), zur Melodie meines Lebens geworden ist". Seltsam, für mich gibt es in der Marquise von O. auch so einen Satz! Nämlich den:
Durch diese schöne Anstrengung mit sich selbst bekannt gemacht, hob sie sich plötzlich, wie an ihrer eigenen Hand, aus der ganzen Tiefe, in welche das Schicksal sie herabgestürzt hatte, empor. …
Ich habe gleich nachgeschlagen. Zwei Sätze weiter kommt der von Leutenegger zitierte Satz! Danke für den Link! Ich liebe solche Übereinstimmungen mit Unbekannt.
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Es gilt hoffentlich nicht als „Todesgedenktagsthread-Zumüllen“, wenn ich noch darauf hinweise, dass dem Leutenegger-Artikel die Reproduktion eines Gemäldes von Kleists Grab am kleinen Wannsee beigegeben ist. Das Bild ist von 1911 und von dem Maler Karl Walser, dem älteren Bruder Robert Walsers (der diesem Bruder nach Berlin folgte). Die Grabstelle sieht heute ganz anders aus.
Ein kleiner Abriß der Geschichte der Grabstätte und ihrer höchst bezeichnenden Veränderungen: Hier (http://www.berlin-hidden-places.de/regional/zehl/zehl_kleist.htm)
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Und auch die FAZ sei nachgetragen:
http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/autoren/heinrich-von-kleist-aus-dem-leben-11534227.html
:hi:
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Hallo!
Ich müsste v. a. mal die "Marquise" wiederlesen, diese seltsam ätherisch-wundersame Befruchtung hat mich schon immer ratlos zurückgelassen (auch nachdem ich mir die Mühe machte und einige Interpretationen zu Rate zog). Als Jugendlicher war das eines der wenigen klassischen Werke, das ich für vollkommenen Schmarrn hielt (und ich war ein großer Klassikverehrer).
lg
orzifar
p. s.: Die gute Leutenegger (mir im übrigen ebenfalls unbekannt) schreibt tatsächlich nur von ihr - und nur von ihr, auf Kleist reduziert (und ihr malträtiertes Auge weggelassen) bliebe bestenfalls ein Vierzeiler.
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Ich müsste v. a. mal die "Marquise" wiederlesen ...
Ja, das habe ich auch vor. Wie wär's mit einer Spontanleserunde ab nächste Woche? Das Buch ist nicht sehr voluminös.
LG
Tom
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Ja, einverstanden. Ich bin gespannt, ob die etwas nebulös-numinose Kopulation in diesem meinem fortgeschrittenen Alter nun auf mehr Zustimmung stößt (aber irgendetwas lässt mich daran zweifeln ...)
lg
orzifar
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Ich bin gespannt, ob die etwas nebulös-numinose Kopulation in diesem meinem fortgeschrittenen Alter nun auf mehr Zustimmung stößt...
Auf Zustimmung? Das will ich nicht hoffen! Es ist eine Vergewaltigung.
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Ich bin gespannt, ob die etwas nebulös-numinose Kopulation in diesem meinem fortgeschrittenen Alter nun auf mehr Zustimmung stößt...
Auf Zustimmung? Das will ich nicht hoffen! Es ist eine Vergewaltigung.
Du dürftest ganz entfernt ahnen, dass ich damit nicht den zweifelhaften (gewalttätigen?, im Schlafe vollzogenen? - das hat sich mir nie ganz erschlossen) Akt an sich, sondern dessen künstlerische Ausgestaltung gemeint habe ;).
lg
orzifar
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Kleist - auch wenn im Klassikerforum drüben gerade vom Prosa-Dichter geschwärmt wird - mochte ich eigentlich immer mehr als Dramatiker denn als Novellist. Im Drama ist er nicht nur der Vorläufer sondern eigentlich auch gleich der Vollender des expressionistischen und des absurden Dramas in einem. Seine Figuren sind verletzlich und werden bis zum Geht-nicht-Mehr verbogen. Durch die Umwelt (die andern), aber auch durch sich selber. Kleists Menschen eignet eine faszinierende Selbst-Destruktivität.
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Ich habe die bislang vergebliche Suche nach der "Marquise ..." eingestellt (vermutlich verliehen und nie wiedergesehen) und soeben ein frisches Exemplar bestellt. Es dürfte Dienstag eintreffen.
Vielleicht lese ich am Wochenende den Kleist betreffenden Abschnitt aus Stefan Zweigs "Der Kampf mit dem Dämon". Das ist zwar pures Melodram, aber irgendwie doch unterhaltsam.
Schönes WE!
Tom
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Ich bin gespannt, ob die etwas nebulös-numinose Kopulation in diesem meinem fortgeschrittenen Alter nun auf mehr Zustimmung stößt...
Auf Zustimmung? Das will ich nicht hoffen! Es ist eine Vergewaltigung.
Du dürftest ganz entfernt ahnen, dass ich damit nicht den zweifelhaften (gewalttätigen?, im Schlafe vollzogenen? - das hat sich mir nie ganz erschlossen) Akt an sich, sondern dessen künstlerische Ausgestaltung gemeint habe ;).
Warum sagst du es dann nicht?
Nein, schon klar. Es war ein Nebenkriegsschauplatz ;) . Eigentlich wollte ich sagen: Wenn du darauf den Focus deiner Aufmerksamkeit und deines Interesses legst, wird sich die Schönheit dieser Novelle dir (wieder) nicht erschließen.
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Kleist - auch wenn im Klassikerforum drüben gerade vom Prosa-Dichter geschwärmt wird - mochte ich eigentlich immer mehr als Dramatiker denn als Novellist.
Bei mir hält sich das die Waage. Meine Zustimmung bezog sich auf die syntaktische Sprachkunst in Kleists Novellen.
Im Drama ist er nicht nur der Vorläufer sondern eigentlich auch gleich der Vollender des expressionistischen und des absurden Dramas in einem.
Mindestens.
Seine Figuren sind verletzlich und werden bis zum Geht-nicht-Mehr verbogen. Durch die Umwelt (die andern), aber auch durch sich selber. Kleists Menschen eignet eine faszinierende Selbst-Destruktivität.
Ja, aber es gibt das Rettende auch ;). Die Tröstungen der Vernunft, die Sehnsucht, das Bestreben der Menschen, das manchmal gelingt, mit sich ins Reine zu kommen, mit sich eins zu werden... Auslöser für die „rätselhafte“ kleistische Heiterkeit.
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Hallo!
Gerade die "Marquise" war mir zu abgehoben, ätherisch, zu viel ans Dramatisch-Sentimentale grenzendes Gefühl. Aber vielleicht stellt sich dies mir heute anders da, mal sehen. Und was die Schwangerschaft der Dame anlangt, so ist dies ein vielleicht nicht so wichtiger, aber doch typischer Punkt: Sie ist so zart und verschämt geschildert, dass man auch an eine unbefleckte Empfängnis glauben könnte.
lg
orzifar
Nebenkriegsschauplatz: Nein, ich stelle manche Dinge nicht explizit fest. Weil sie sich von selbst verstehen. Ich gehöre auch nicht zu den Plakettenträgern "Gegen Rechts" oder kleb derlei ins Weblog, weil ich ansonsten gegen fast alle im Bürgerlichen Gesetzbuch aufgelisteten Vergehen auftreten müsste - und als wandelnde Litfaßsäule will ich weder im rl noch in der virtuellen Welt erscheinen. Im Gegenteil: Ich halte Leute, die ihre Gesinnung so plakativ auszudrücken belieben, für verdächtig; derlei sollte sich aus dem Verhalten erschließen.
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Ja, aber es gibt das Rettende auch ;). Die Tröstungen der Vernunft, die Sehnsucht, das Bestreben der Menschen, das manchmal gelingt, mit sich ins Reine zu kommen, mit sich eins zu werden... Auslöser für die „rätselhafte“ kleistische Heiterkeit.
Nun ja - die Heiterkeit, die auch Warten auf Dodot eignet. Bestenfalls. Ich sehe allerdings kaum eine Heiterkeit bei Kleist. Am Ende der Schroffensteins sind alle Kinder tot. Im Zerbrochenen Krug wird Eve beinahe kaputt gemacht. Man sage mir nicht, dass Eve nach dem Prozess den Rüpel Ruprecht wirklich noch zu lieben vermöchte. Aber Kleist bricht hier ab. Amphitryon muss den von Zeus gezeugten Bankert wohl oder übel akzeptieren. So ganz wohl wird ihm nicht dabei gewesen sein. Penthesilea - wie schon geschrieben. Das Käthchen von Heilbronn entpuppt sich ebenfalls als - nachträglich und im letzten Moment erst - legitimierter Bankert. Der Michael Kohlhaas ist der Prototyp des unrecht Behandelten, der zur Selbstjustiz greift und in dieser über seine legitimen Anfangsgründe hinaus sich selber schuldig macht. Die Marquise wird vergewaltigt, geschwängert und muss/will ihren Peiniger gar noch heiraten. Im Bettelweib von Locarno verbrennt sich einer selber. Auch in der Verlobung auf St. Domingo stirbt ein Liebespaar im Mord/Selbstmord, getäuscht durch sich und andere. Der Prinz Friedrich von Homburg kann sich nur retten durch die Erklärung, alles sei ein Traum gewesen. Auch er wird ja beinahe füsiliert.
"Heiter" würde ich persönlich anders definieren ... ;)
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Das ist in der Tat eine beeindruckende Liste von unhappy endings! Und doch: In keiner der kleistischen Geschichten geht alles nur den Bach runter, keine endet in völliger Trostlosigkeit wie die Stücke des absurden Theaters oder andere Werke der Moderne (Kafkas Prozess, Verwandlung etwa) Da geht Kleist nicht so weit wie die Moderne - oder er geht über sie hinaus. Es gibt bei ihm bei allem Unglück, aller Destruktivität eben auch Gegen- und Heilkräftiges.
Ja, in seinem finsteren Erstling, den Schroffensteins, sind zum Schluss alle Kinder tot, aber die Liebe von Agnes und Ottokar setzt der Familientradition aus Argwohn, Grausamkeit und Hass ein Ende, führt letztlich, wenn auch (zu) spät, zur Versöhnung der Familienzweige.
Der zerbrochene Krug ist ein analytisches Drama, das aufklärt, Licht ins Dunkel der die Menschen knechtenden Machenschaften bringt. Dem falschen Richter wird das Handwerk gelegt. Ja, Eve wird ihren Ruprecht, der in seiner Engstirnigkeit entlarvt wird, wahrscheinlich nicht mehr lieben können, aber sie wird auch nicht mehr erpressbar und manipulierbar sein.
Käthchen, ganz Hingabe, trägt über Falschheit und Berechnung den Sieg davon.
Von Michael Kohlhaas, dessen Rechtsgefühl… einer Goldwaage glich, heißt es : …mitten durch den Schmerz, die Welt in einer so ungeheuren Unordnung zu erblicken, zuckte die innerliche Zufriedenheit empor, seine eigene Brust nunmehr in Ordnung zu sehen. Das ist am Wendepunkt der Erzählung, nachdem K. Willkür und Unrecht erlitten, seinen unverhältnismäßigen Rachefeldzug aber noch nicht begonnen hat, gleichwohl aber entschlossen ist, das Unrecht nicht hinzunehmen und auf sich beruhen zu lassen. Er erreicht ja auch im Endeffekt die Verurteilung des Junkers und nimmt sein eigene wegen Landfriedensbruchs als gerechte Strafe an.
Auch die Marquise findet in dem Moment , in dem sie sich über den Zustand des Erleidens erhebt und beschließt, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen und sich mit Stolz gegen die Fährnisse der Welt zu rüsten, zu Ruhe, Gelassenheit, ja Heiterkeit und findet sogar die Kraft zu dem sie kompromitierenden und der Lächerlichkeit preisgebenden Schritt, um ihr Leben in Ordnung zu bringen.
Ja, in der Verlobung von Santo Domingo stirbt das Liebespaar, aber nicht bevor sich Toni, das fünfzehnjährige Mestizenmädchen kraft ihrer Liebe und ihres Willens über die schier unüberwindlich scheinenden Gegensätze erhoben und einer unmenschlichen mörderischen Umwelt getrotzt hat …
Ich kann nicht sterben, ohne mich, zufrieden und heiter, wie ich bin, mit der ganzen Welt, und somit auch, vor allen Anderen, meine theuerste Ulrike, mit Dir versöhnt zu haben. …..
…..möge Dir der Himmel einen Tod schenken, nur halb an Freude und unaussprechlicher Heiterkeit dem meinigen gleich…
Die bekannten Zeilen Kleists aus dem Abschiedsrief an seine Schwester. Ich glaube, dass die angesprochene „Heiterkeit“ eine ähnliche ist wie die schon in seinem Werk aufscheinende, auch wenn sie hier mit Selbstzerstörung einhergeht.
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Hallo orzifar,
meine "Marquise ..." ist soeben eingetroffen. Ich werde gegen Abend mit der Lektüre beginnen.
LG
Tom
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Hallo,
in Ordnung, auch ich werde heute abend mit der Marquise beginnen. Bin schon gespannt, ob ich Gontscharows Begeisterung ob des Sprachbrückenbaus teilen kann.
lg
orzifar
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Ich war im letzten Jahr in Berlin in der Ausstellung zum Kleist-Jahr 2011 (http://www.heinrich-von-kleist.org/kleist-jahr-2011/). Mir hat sie sehr gut gefallen. Wer also noch nicht da war und sie sich anschauen möcht, der hat noch bis Ende Januar 2012 eine Chance.
Klara
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Danke für den Link - und nachträglich noch Willkommen alldahier!