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Gemeinsam Lesen => Leserunden => Topic started by: mombour on 18. September 2011, 15.42 Uhr
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Hallo
Diese Woche habe ich mir schon zweimal die 7. Sinfonie angehört, die „Leningrader“. Krzysztof Meyer erwähnt sie schon im Vorwort. Diese Sinfonie steht für den beharrliche Widerstand und Kampf gegen die Truppen der Wehrmacht, die 1941 die sowjetische Grenze passiert hatten und Leningrad 900 Tage belagerten. Die Musik ist auch eine Symphonie über den Menschen in Russland. Warum beginne ich damit, schließlich führt Krzysztof Meyer die Begebenheiten um die 7. Sinfonie in einem späteren Kapitel noch ausführlicher aus. Meyer erwähnt schon auf der ersten Buchseite,
daß er wie nur wenige Künstler der Musikgeschichte im politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Umfeld seiner Zeit verankert ist.
So sind auch viele Musiken für bestimmte Anlässe komponiert worden. Schon in seiner Jugend gibt es Hinweise dafür, dass Schostakowitsch politische Ereignisse in Musik festzuhalten versucht. Krzysztof Meyer erzählt, der elfjährige Mitja (Kürzel von Dimitri) sei während der Februarrevolution auf dem Newskiprospekt gewesen und habe demonstrierende Arbeiter gesehen, ein junger Arbeiter wurde vor seinen Augen erschossen. Dieses prägte ihn und er komponierte die „Hymne an die Freiheit“, einen „Trauermarsch für die Opfer der Revolution“, „Kleine Revolutionssymphonie“.
Dimitri spielte seit seinem neunten Lebensjahr Klavier und war sehr begabt. Allerdings dachten seine Mutter und sein erster Klavierlehrer, der seine Kompositionen nicht ernst nahm, er werde Pianist und kein Komponist. Eine Professorin am Leningrader Konservatorium, Alexandra Rosanowa, erkannte sein kompositorisches Talent, Aleksandr Glasunow schickte ihn ans Petrograder Konsrvatorium. Schostakowisch war erst dreizehn Jahre alt. Kein Wunderkind wie Mozart, aber eine Wunderjugend.
Mir macht es große Freude, das Leben dieses Komponisten zu durchstreifen. Von Krzysztof Meyer habe ich jetzt schon den Eindruck, er formuliert sehr sorgfältig, versucht in angenehmer Lesart, für uns das Leben dieses Komponisten aufzublättern, wobei er auch die Zeitgeschichte einfließen lässt, so habe große Zuversicht auf ein schönes Leseereignis.
Krzysztof Meyer scheint geradezu prädestiniert zu sein, diese Biografie zu schreiben. Er ist Pole, kennt also den Osten, studierte Komposition u.a. bei Koryphäen auf diesem Gebiet: Penderecki, Lutowslawski, Boulanger. Heute ist er Professor für Komposition an der Musikhochschule in Köln. Er vollendete Schostakowitsch's Oper „Der Spieler“ (nach Dostojwskij nehme ich an).
Liebe Grüße
mombour
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Er vollendete Schostakowitsch's Oper „Der Spieler“ (nach Dostojwskij nehme ich an).
Hab ich im ersten Moment auch gedacht. Die Oper heißt aber Die Spieler und behandelt Szenen aus Gogols gleichnamiger Komödie. Nachzulesen im Anhang.
Überhaupt - mit der Schott-Ausgabe habe ich viel Buch für wenig Geld erworben! Es beinhaltet neben über 500 eng bedruckten Seiten Biographie den besagten umfangreichen Anhang, Notenbeispiele (!) und viele Bilder (keins das S. mit Lunatscharski, Stalin o. einer anderen Politgröße zeigt). Mein Interesse bezieht sich vor allem auf das Zeitgeschichtliche, die Problematik Kunst und totalitärer Staat , Künstler in der Diktatur.
Fasziniert war ich wieder von der künstlerisch unglaublich kreativen revolutionären und postrevolutionären Zeit in Russland, die ziemlich zu Anfang des Buches schon zur Sprache kommt, und es tut richtig weh, mitzuverfolgen, wie das allmählich erstickt wird und mit der dämlichen Doktrin vom sozialistischen Realsmus endet.
Die Person Schostakowitschs erscheint mir noch ein bisschen blässlich. Vielleicht war er so?
Von Krzysztof Meyer habe ich jetzt schon den Eindruck, er formuliert sehr sorgfältig, versucht in angenehmer Lesart, für uns das Leben dieses Komponisten aufzublättern
Es ist eine Übersetzung von Nina Kozlowski. Ich finde den Text manchmal etwas hölzern und wenig aussagekräftig. Beispiel:
Die Art der Komik war bei Schostakowitsch von Anfang an sehr originell. Sie ging hauptsächlich im Bereich der Harmonik und Orchestration in eine Groteske oder gar eine ironische Parodie über; die Banalität mancher Ideen war aber schlicht schockierend. Diese Vorliebe für Extravaganz ist nicht nur das Ergebnis einer Beeinflussung durch die Ästhetik mancher westlicher Komponisten…
Anschaulichkeit geht anders. Das sind so Stellen, bei denen ich mich frage, was sie überhaupt aussagen wollen. Und ist da nicht auch ein Nachklang sozialistischer Sprachregelung zu spüren? Banalität= Extravaganz ist doch schon sehr um die sozialistische Ecke gedacht.
Zu meiner Freude habe ich vor ein paar Tagen festgestellt, dass meine Lieblingsopernbühne in dieser Saison Schostakowitschs Lady Macbeth von Mzensk, eine Oper, mit der er bei Stalin sehr angeeckt ist, auf dem Spielplan hat. Leider kann ich sie erst besuchen, wenn wir unsere Leserunde wahrscheinlich schon beendigt haben.
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Die Person Schostakowitschs erscheint mir noch ein bisschen blässlich. Vielleicht war er so?
Er war etwas schüchtern. Das wird erwähnt.
Es ist eine Übersetzung von Nina Kozlowski. Ich finde den Text manchmal etwas hölzern und wenig aussagekräftig. Beispiel:
Die Art der Komik war bei Schostakowitsch von Anfang an sehr originell. Sie ging hauptsächlich im Bereich der Harmonik und Orchestration in eine Groteske oder gar eine ironische Parodie über; die Banalität mancher Ideen war aber schlicht schockierend. Diese Vorliebe für Extravaganz ist nicht nur das Ergebnis einer Beeinflussung durch die Ästhetik mancher westlicher Komponisten…
Anschaulichkeit geht anders. Das sind so Stellen, bei denen ich mich frage, was sie überhaupt aussagen wollen. Und ist da nicht auch ein Nachklang sozialistischer Sprachregelung zu spüren? Banalität= Extravaganz ist doch schon sehr um die sozialistische Ecke gedacht.
Was bei Schostakowitsch Groteske ist, glaube ich zu hören, wenn ich seine Musik höre. Bei Parodie wird es schon schwieriger. Vielleicht kommen wir im Laufe der Leserunde noch auf ein geeignetes Musikbeispiel. Es hätte erklärt werden müssen, eine Parodie auf was? Was banal erscheint in Schostakowitsch's Musik, erläutere ich noch anhand des Scherzos op 7. Offensichtlich wis in der von dir zitierten Textstelle unter Banalität doch was anderes verstanden. Hört sich wirklich merkwürdig an.
Ich bin noch nicht so weit in der Lektüre. Vielleicht liegt es ja daran, dass ich nebenbei noch seine Musik höre. Wenn ich eine Musikerbiografie lese, ist das bei mir völlig normal. Da wir nicht mit youtube verlinken, gebe ich bei speziellen Musiken geeignete Sichwörter, die bei Youtube nur noch ins Suchfeld kopiert werden müssen. Vielleicht gibt es noch Musikhörer unter uns. ;D
Während Dimitri sein Studium mit Begeisterung aufnahm, herrschte Not im Land. Auch im Konservatorium wurde des Winters nicht geheizt. Man lehrte und lernte in Winterkleidung. Geld war nichts Wert, Tauschhandel blühte auf. An Alkohol war nicht heranzukommen. Man trank Spiritus, Formalin, Kölnischwasser oder produzierte für den Eigenbedarf. Alexandr Glasunow, der Rektor des Konservatoriums, war sich Dimitris Begabung bewusst und förderte ihn mit Stipendien. Er hatte öfters Anfälle von Trunksucht, Dimitri versorgte ihn mit Alkohol, weil sein Vater von Berufswegen leicht an Alkoholika herankam. Als 1922 Dimitis Vater starb, wurde die Not noch größer. Dimitri verdiente sehr wenig Geld in den Filmtheatern, in denen er zu Stummfilmen life am Piano improvisierte. Einige Zeit kämpften sich die Schostawowitsch's durchs Leben. Das Leben in Russland damals war sehr schwer, trotzdem, und das ist wohl typisch russisch: Der Russe verliert in seinem Herzen nie die Vaterlandliebe. Die Mutter hatte die Schnapsidee, nach Amerika aus zuwandern. Die Reaktion von Soja, Dimitiris Schwester, in einem Brief an ihre Tante Nadeschda, die in Amerika lebte(ein Auszug):
Ich kann mir nicht vorstellen, wie ein Russe in Amerika leben kann. Dort gibt es kein richtiges Leben und keine Menschen. Alle sind wie Maschinen. Sie haben nicht unsere russische Seele, und sie haben keine Kunst und keine Talente. Amerika wird vom Materialismus regiert...
(Seite 44)
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Wir erleben auch einen Generationswechsel von Komponisten. Glasunow, der Tschaikowski und Rimsky-Korsakoff noch persönlich gekannt hat, vertrug die Modernen nicht. Mit Strawinsky, Prokofiew und den neuartigen Klängen von Schostakowitsch konnte er nichts anfangen, auch wenn er Dimitris Talent erkannte. Ergänzend zum Buch sei zu erwähnen, Strawinsky, der ein Schüler Rimsky-Korsakows war, schrieb seine erste Symphonie noch im Schatten seinen Lehrers, noch sehr traditionell. Der echte Strawinsky brach erst später durch. Aber nun, wenn wir Schostakowitscht's frühe Kompositionen durch unsere Ohren fließen lassen, finden wir das heute nicht mehr so modern, wie es Glasunow empfand. In seinem Scherzo fis-moll für Orchester op. 1 hören wir durchaus auch, wie beim sehr frühen Strawinsky, das 19. Jahrhundert heraus, an sich noch traditionell komponiert, zeigt aber, wie gut der dreizehnjährige schon Instrumentation beherrscht hat. In dem späteren Scherzo ES-Dur op.7 (1923/24) zeigen sich schon typische Schostakowitsch-Merkmale „wie zum Beispiel die Vorliebe für exzentrischen Humor, Groteske und absichtliche Benutzung banaler Phrasen.“ (Seite 55). Um versuchen zu verstehen, was mit banalen Phrasen gemeint ist, höre ich mir das Stück mal an:
hier. (http://www.youtube.com/watch?v=rY8pbE1DGrY)
Eine Phrase ist die Aneinanderreihung von zwei Motiven. Ich höre in dem Scherzo, wie sich ein rhythmisches Motiv in Abwärts -und Aufwärtsbewegungen mehrmals wiederholt, sodass es aufgrund exzessiver Wiederholungen durchaus banal erscheint. Natürlich hätte ich von Krzysztof Meyer erwartet, dass er erklärt, was „banale Phrasen“ sind.
Liebe Grüße
mombour
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... mit der Schott-Ausgabe habe ich viel Buch für wenig Geld erworben!
Schott ist ein hervorragender Verlag für Noten und Partituren. Dass die auch Biografien vertreiben, wusste ich gar nicht. Interessant.
LG
Tom
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Zu den Vorzügen dieser Biografie gehört, dass sich Krzysztof Meyer in manchen Kapiteln von Schostakowitsch direkt wegbewegt und Kapitel zur Zeitgeschichte einfügt, wie das über die aufstrebende russische künstlerische Avantgarde zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die Zeit, in der Schostakowitsch heranwuchs, war die Zeit, in der sich die Kunst von ästhetischen Kanons des 19. Jahrhunderts verabschiedete und völlig neues schuf. In der Malerei bildeten sich verschiedene Künstlergruppen, in Moskau, München, Paris. Sehr Selbstbewusst traten sie auf, die jungen Wilden. So äußert sich Alesandr Benua: Wir und nur wir, die Russen, können jetzt eine große, wundervolle, lebendige, und originelle Kunst schaffen.“ Das ist sicher eine Überschätzung. War ist, Kandinsky und Chagall sind Recht immer noch in aller Munde. Viele andere Künstler dieser Zeit sind vergessen. Auch in der Literatur wurde neu experimentiert, Andrei Bely, Issaak Babel u.a. In der Musik brach Strawinsky mit „Le sacre du printemps“ mit allen früheren Vorstellung von Musik.
Kryzystof Meyer erzählt von dem Komponisten Jefim Golyschew, der unabhängig der Wiener Schule (Schönberg, Berg, von Webern) zur Zwölftonmusik gelangte, „die ersten Versuche in dieser Richtung bereits im Jahre 1914“ (Seite 74) unternahm, noch vor Schönberg, der die Zwölftontechnik erst in den zwanziger Jahren formulierte. Das ist eindeutig falsch. Nicht vor Schönberg machte Golyschew seine ersten Versuche. Arnold Schönberg brach mit „Drei Klavierstücke op. 11“ aus dem Jahre 1909 schon vor Golyschew aus den Tonarten hinaus, darum diese Stücke, die ersten Versuch darstellen, die direkt zur Zwölftonmusik führten.
Die russische Staatsmacht versuchte nach der Revolution Einfluss auf Kunst und Kultur zu nehmen:
Jewgeni Samjatin äußerte sich über die revolutionären Künstler, die oft „Schlauköpfe waren...
die genau wußten, wann sie die rote Kappe anlegen und wann sie diese wieder abnehmen sollen, wann sie den Zaren und wann Hammer und Sichel zu rühmen haben.
(Seite 74) Alexandr Blok sprach, in dem er die Roten meinte, sie nehmen Ruhe und Freiheit, sie nehmen die schöpferische Freiheit (vgl. Seite79).
Manche Avantgardisten waren bereit mit der sowjetischen Führungsmacht zusammenzuarbeiten. Diese Leute begannen, den Ton im Kunstleben anzugeben. Die Revolution zerstörte künstlerische Formationen und brachte neue hervor. z.B. in der Malerei der Produktivismus (Nikolai Tarabukin).
Wirklich interessant wird es, und das ist wohl typisch sowjetisch, wenn Kunst, eine Ausdrucksform einen neuen Ökonimie werden soll, wie Alexei Gan (1922) ausgedrückt hat, auf diese Weise eine „spekulative Handlungsweise im künstlerischen Schaffen“ gefordert wird. Es gab aber auch einen anderen Zweig dieser Neuen, die an das 19. Jahrhundert anknüpfen wollten. Laut der Resolution des Zentralkomitees vom 27. Februar 1922 durfte nun bestimmt werden, welche literarischen werke erscheinen durften, welche nicht.
Und Schostakowitsch? Er fiel in eine Schaffenskrise, wusste nicht, wie er nach der ersten Symphonie weiter komponieren solle und konzentrierte sich auf das Klavierspiel. Dann begann Schostakowitsch kompositorisch zu experimentieren (avangardieinestisch zu werden). Im Jahre 1926 komponierte Klaviersonate, in der er die Tonalität. Wenn Krzyzsztof Meyer schreibt, er habe in dieser Sonate zum ersten Mal mit der Tonalität gebrochen, heißt das nicht, dass er zum atonalen Komponisten wurde. Er experimentierte und ignorierte die klassische Sonatenform, benutzte wie Béla Bartók im „Allegro Barbaro“ (1911) und wie in Strawinskys „Piano Rag Music" (1919) das Klavier als Schlaginstrument. Sergej Prokofiew gehörte zu den wenigen, die die Sonate geschätzt haben. Prokofiew wurde vorgeworfen, er schätze diese Musik nur, weil es entfernte Verbindungen zu seiner dritten Klaviersonate aufgezeigt waren.
Die Sonate gespielt von Boris Petrushansky hier. (http://www.youtube.com/watch?v=saGCMd6sMRk)
und als Vergleich die dritte Klaviersonate von Prokofiew. Es spielt Emil Gilels: hier (http://www.youtube.com/watch?v=BnJjUbWelAs)
Auch die folgenden Werke, die Aphorismen für Klavier und die Symphony Nr.2 waren experimentiell, musikalische Erzeugnisse ihrer Zeit, sind heute aber fast vergessen, erzielten auch damals keine Breitenwirkung. Die Symphony Nr.2 komponierte Schostakowitsch zum 10. Jahrestag der Revolution und hat durchaus einige musikalische Raffinessen, wie der Biograf zu erzählen weiß.
Mit der Oper „Die Nase“ scheint Schostakowitsch wieder in die erfolgreiche Schiene zu kommen. Er ergänzte die Oper mit Inhalten aus anderen Gogolschen Werken, auch Smerdjakows Lied aus den Brüdern Karamasow. Erstmals in der Musikgeschichte taucht ein Musikstück auf, welches nur mit Schlaginstrumenten gespielt wird (Zwischenspiel zum zweiten Bild).
Diese Oper wird z.Zt im Opernhaus Zürich gespielt. Siehe hier (http://www.youtube.com/watch?v=pWZXFlAmIQI)
Liebe Grüße
mombour
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Da wir nicht mit youtube verlinken, gebe ich bei speziellen Musiken geeignete Sichwörter, die bei Youtube nur noch ins Suchfeld kopiert werden müssen.
Super. Danke!
Das Scherzo in Es-Du, op7 ist wirklich ein sehr schönes Beispiel für Scherz, Ironie und tiefere Bedeutung bei Schostakowitsch. Ich finde dieses kleine Musikstück überaus evokativ und witzig. Das bei youtube abgebildete Seurat- Gemälde Die Zirkusreiterin, ein Bild das Kafka zu Auf der Galerie inspiriert haben soll, passt ausnehmend gut dazu! Meyer spricht zum Glück in Bezug auf dieses Werk von„absichtlich banalen Phrasen“. Denn es ist schon sehr raffiniert, wie diese zunächst stampfende, fast tonlose Musik, (2X) von chopinartigen Klavierläufen wie aus einer anderen Zeit oder einer anderen Welt durchkreuzt wird! Das Bass-Gequake der Oboe(?) nimmt schon Prokofjews Ente aus Peter und der Wolf vorweg und die letzten (5?) Töne sind wie ein Peitschenhieb …
Sehr informativ , mit links etc: die Seite der Schostakowitsch-Gesellschaft http://www.schostakowitsch.de/ (ftp://www.schostakowitsch.de/)
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Hallo zusammen!
Da haben wir uns offenbar falsch verstanden. Direkte Links dürft Ihr schon einstellen, ich dachte, es gehe darum, die YouTube-Videos direkt ins Forum einzubetten. Das wäre technisch machbar, habe ich aber deaktiviert.
Grüsse
sandhofer
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Hallo zusammen!
Direkte Links dürft Ihr schon einstellen, ...
Sehr gut. Ich habe die links eingeragen. So ist es auch einfacher zu bedienen. :)
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Das Scherzo in Es-Du, op7 ist wirklich ein sehr schönes Beispiel für Scherz, Ironie und tiefere Bedeutung bei Schostakowitsch.
Witzig ist auch das Scherzo á la russe (http://www.youtube.com/watch?v=aOcNp4lQPYE) von Stravinsky.
Nach der anstrengenden Musik der Klaviersonate und dem Prokofiew mal ein entspannenderes Kapitel, in dem wir Schostakowitsch selbst etwas in die Nähe rücken. Um berühmte Komponisten ranken sich Legenden. Auch um Schostakowitsch, der unheimlich leicht und schnell komponieren konnte, es ist so, als schreibebe er auch schwierige Parituren aus sich selbst einfach so heraus. Die Oper „Die Nase“ entstand auch ziemlich schnell.
Eine heitere Geschichte. Im Herbst 1928 legte man dem Komponisten eine Platte mit dem Foxtrott „Tea for two“ auf. Er wurde dann darum gebeten innerhalb einer Stunde dieses Stück aufzuschreiben und neu zu instrumentieren. Es wurde ihm sogar gestatten das Stück noch einmal anzuhören. Dann ging er ins Nebenzimmer. Nach einer dreiviertel Stunde kam er hinaus mit diesem: Hier. (http://www.youtube.com/watch?v=-JUqe-Ha0-Y&feature=related)
Dies ist übrigens die Originalinstrumentation, (Es gibt etliche Verarbeitungen); hier meines Erachtens bloß zu langsam vorgetragen.
Es war auch die Zeit, als Schostakowitsch begann, Filmmusik zu schreiben. Exemplarisch sei hier die Musik zu „Das neue Babylon“ vorgestellt. Einmal ging er ins Filmstudio. Er trug einen weißen Schal, grauen Hut, eine Ledertasche unterm Arm. Er soll damals „ein fast kindliches Gesicht gehabt haben.“ Nun rollten aber Schwierigkeiten an. Der Film und die Musik mussten amtlich geprüft werden und fiel durch. So musste Schostakowitsch noch einmal Szenen umschreiben, arbeitete außerdem noch unter Zeitdruck, weil der Premierentermin schon festgesetzt war. Die Werke, die in dieser Zeit entstanden, waren nicht erfolgreich und gerieten ins Vergessen. Meyer erzählt ausführlich über die Schwächen der dritten Symphonie. Es gab auch bei den Zeitgenossen über diese Symphony kaum ein gutes Wort. Es wurde nicht verstanden, warum Schostakowitsch so ideenlos, trivial komponieren konnte, vor allem nach Der Nase. Fielen ihm die Ideen aus? Heute wissen wir nicht, was in Schostakowitsch gefahren ist. Ich habe mir die Musik von „Das neue Babylon“ angehört. Es hört sich einigermaßen passabel an, aber Schostakowitsch konnte es später noch viel besser: Nämlich in den beide Jazzsuiten. Wie in der „Nase“ kommen in der Fimmusik Tänze vor, doch zurückhaltend, eher lahm. Die Jazzsuiten sind bedeutend schmissiger. Er konnte es besser. Ja. Doch hören wir uns „Das neue Babylon“ mal an (Marco Tezza - Jugend-Symphonie Orchester des Saarlandes): hier (http://www.youtube.com/watch?v=eOAFmD9SqJU)
Nun kommen wir tiefer in die Verstrickungen zwischen Schostakowitsch und der Kremlideologie.[heul]
Ich finde es großartig, wenn ein Komponist der ernsten Muse sich zur leichten Muse schlenkert. Genauer. Schostakowitsch selber machte da wohl nicht so einen großen Unterschied. „Die Nase“ ist voll von Tänzen, „The new Babylon“ auch. Wenn es Schostakowitsch darauf angelegt hätte, hätte er der Johann Strauß jr. des 20. Jahrhunderts werden können. Da bin ich mir sicher.
Bloß,
und das ist das Dilemma
Damals Unterhaltungsmusik oder Jazz in der Sowjetunion zu komponieren (in der damaligen Moderne wurde im Westen durchaus auch jazzig komponiert, auch Strawinsky, der emigriert war), war für einen Komponisten nicht ungefährlich und konnte die Karriere kosten. Auch Schostakowitsch's Musik wurde von den Machthabern im Kreml beobachtet. Schon Ende der zwanziger Jahre glaubten die Kremlianer, in Schostakowitsch einen Komponisten gefunden zu haben, der ganz offiziell unter dem Diktat der Staatsmacht komponieren könnte (sozusagen als Repräsentat des Staates). Gerade in dieser Zeit enstand der Foxtrott „Tahiti Trott“!!! Schostakowitsch wollte sich nie vom Staate kapern lassen, er wurde aber, und das ist tragisch, „für immer in die höllische Maschinerie des sowjetkommunistischen Systems hineingezogen.“ So formuliert es Meyer auf Seite 151. Für eine Schostakowitsch-Biografie ist es immer wichtig, auf diese Problematik einzugehen, und Meyer macht das, soweit ich das überblicken kann, sehr ordentlich. Wir haben wohl keine Ahnung, wie Schostakowisch komponiert hätte, wenn er in Paris gelebt hätte. Seine (angeblich) freiwillige Zusammenarbeit mit dem Staat, war von Zweifeln übersäht. Schostakowisch äußerte sich in einer Umfrage über Unterhaltungsmusik sehr seltsam, hat aber, es kann doch nicht anders sein, mit dem von der Staatsmacht unter Druck stehenden Komponisten zu tun. Meyer äußert sich nicht so direkt, aber meint wohl dasselbe. Schostakowitch machte wirklich einen Vorschlag, wie die Unterhaltungsmusik bekämpft werden soll, weil sein „Tahiti Trott“ vom „Russischen Verband der proletarischen Musiker“ als für die sowjetische Kultur schädlich eingestuft worden war. IDIOTEN.
Ich sehe es als einen politischen Fehler meinereits an, daß ich dem Dirigenten Malko erlaubt habe, meine Transkription des Tahiti-Trott aufzufühen....
Harry Neuhaus, Meyer sagt nicht, wer das ist, äußerte sich so:
Leichte Musik ist für die Musik das, was Pornographie in der Literatur ist.
Mit anderen Worten: Ende der zwanziger Jahre wurde ziemlich gemein gegen die Unterhaltungsmusik gehetzt. Krzysztof Meyer führt ein ziemlich krasses Beispiel an für Schostakowischs Konformismus:
...es gibt keine Musik ohne Ideologie, und die Komponisten haben immer, bewußt oder unbewußt, mit ihrer Musik politische Konzeptionen ausgedrückt....
(Seite 154).
Da Schostakowitsch in den Jahren 1928-1931 viel leichte Musik komponierte und sich seinen Verstrickungen bewusst wurde, publizierte er den Artikel „Erklärung über die Pflichten eines Komponisten“ in dem er sich rechtfertigte, zwar leichte Musik geschrieben zu haben, aber
Das einzige Werk, das meiner Meinung nach einen Platz in der sowjetischen Musikgeschichte einnehmen könnte, ist die Symphonie >Der 1. Mai<, ungeachtet all ihrer Schwächen. Ich will damit sich sagen, daß alles übrige nichts Wert sei. Aber die anderen Werke verbinden sich mit dem Theater und haben deshalb keine eigenständige Bedeutung.
Auf solche Art und Weise versuchte sich Schostakowitsch aus den Verstrickungen mit dem Staat zu lösen - "lösen" sicher übertrieben......vorübergehend vielleicht.....
Liebe Grüße
mombour
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Schostakowitsch wollte sich nie vom Staate kapern lassen, er wurde aber, und das ist tragisch, „für immer in die höllische Maschinerie des sowjetkommunistischen Systems hineingezogen.“ So formuliert es Meyer auf Seite 151
Die einmal aufgenommene Zusammenarbeit war kaum aufzukündigen und Schostakowitsch wurde für immer in die höllische Maschinerie des sowjetkommunistischen Systems hineingezogen.
Bei diesem Satz habe ich auch aufgemerkt! Er markiert eine Zäsur. Die Falle ist zugeschnappt. Schade nur, dass Meyer nicht oder kaum erläutert, wie das sowjetische System und speziell die Kulturpolitik zu einer "Höllenmaschine" werden konnte. Bis in die 20er Jahre hinein gab es ja noch so etwas wie Meinungsfreiheit, Liberalität und Kulturvielfalt, sie wurde nicht nur geduldet, sondern gefördert. So etwas wie Chagalls(!) Kunstakademie in Witebsk unter Mitwirkung Lissitzkys und Malewitschs war möglich! Russland war in jenen Jahren fast so etwas wie ein Eldorado für westeuropäische Intellektuelle und Künstler. Dann diese 180Grad-Wende!
Auch wie Schostakowitsch in diese "höllische Maschinerie" hineingerät, wird mir bislang zu wenig deutlich. War er naiv? Wie hoch war der Grad seiner Zustimmung zu dem System, welche politischen Vorbehalte hatte er? War er ein Technokrat, ein Fachididiot, der nur komponieren wollte? Meyer spricht einmal beiläufig von seinem „krankhaften Ehrgeiz“. Und wenn seine Zusammenarbeit widerwillig oder erzwungen war, welchen Repressalien war es ausgesetzt, von wem? Meyer spricht hier(auf S.150) "von ordinären Forderungen der staatlichen Angestellten" – die Formulierung verstehe ich nun überhaupt nicht. Und auf Seite 149 heißt es ebenfalls eher beiläufig: "Sein ehrgeizigstes Werk, Die Nase vermochte seine Position nicht zu festigen. ….Man scheute nicht davor zurück eine Aktion zu organisieren, bei der sich Arbeiter in Briefen über eine solche Oper entrüsteten." Ist doch ungeheuerlich. Warum wird darauf nicht näher eingegangen? Wer ist „man“? und dann: Welche Auswirkungen hat die Zusammenarbeit mit dem Regime auf seine Musik? Welches sind seine Zugeständnisse, wo gibt er eigene Positionen auf? Ich hoffe, ich tue Meyer nicht Unrecht. Sicher gibt es nicht viel Aufklärendes von S. selbst, er ist ja vor der Peristroika , dekoriert mit Leninorden, gestorben. Aber gibt es wirklich so wenig Selbstzeugnisse und Zeugnisse anderer, die eine klare Sprache sprechen? Was ist mit den Akten? Überhaupt - wird dieses Kapitel nationaler Schande von den russischen Historikern heute aufgearbeitet?
Ich hoffe, wir bekommen auf all das noch Antworten.
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Auch wie Schostakowitsch in diese "höllische Maschinerie" hineingerät, wird mir bislang zu wenig deutlich. War er naiv? Wie hoch war der Grad seiner Zustimmung zu dem System, welche politischen Vorbehalte hatte er? War er ein Technokrat, ein Fachididiot, der nur komponieren wollte? Meyer spricht einmal beiläufig von seinem „krankhaften Ehrgeiz“. Und wenn seine Zusammenarbeit widerwillig oder erzwungen war, welchen Repressalien war es ausgesetzt, von wem?
Im Vorwort schreibt Meyer, dass der Zugang zum Quellenmaterial sehr schwierig, oft auch unmöglich war. Wer weiß, was in den Akten noch herumliegt? Schostakowitsch hatte einige Freunde, die Beziehungen zum Kreml hatten. Deswegen warfen sie ein Auge auf ihn. Das Schostakowisch nicht dumm war, beweist sein von Meyer erwähnter Artikel "Erklärung von den Pflichen eines Komponisten", in dem Schostakowitsch darlegt, seine Unterhaltungswert habe keine besondere Bedeutung für die Sowjetunion, weil sie nur für einige Theater geschrieben wurden. Nur die erste Symphonie werde einen Platz in der Musikgeschichte finden. Er leugnete also öffentlich seine Liebe zur Unterhaltungsmusik ab. Ganz bewusst, um sich zu schützen.
Weiter geht's:
Nun man ganz privat. Tatjana Gilwenko hat Schostakowitsch nicht geheiratet, weil er sich nicht entscheiden konnte. Sie heiratete dann einen anderen. Bei Nina Warsar war er auch zögerlich. Nina solle erst ihr Studium beendeb, außerdem waren seine künftigen Schwiegereltern skeptisch, weil der junge Komponist finaziell schwammig auf dem Boden stand. In diesem Zusammenhang wird erwähnt, Schostakowitsch sei ein ziemlich nervöser Mensch gewesen, launisch, unfähig sich zu beherrschen. Schostakowisch pendelt zwischen dem Entschluss zu heiraten, dann wieder nicht. Aus Angst und Furcht, dachte sogar ernsthaft an eine Ruckkehr zu Tatjana. Als 1931 ein Hochzeitstermin festgesetzt wurde, erschien er nicht zur Hochzeit. Einige Tage war er verschwunden, tauchte dann ziemlich niedergeschlagen wieder auf. Eine psychische Krise von kurzer Dauer. In der Biografie wurde schon erwähnt, Schostakowitsch sei ein schüchterner Mensch gewesen. Jetzt erfahren wir:
Immer deutlicher wurde sein fast schon krankhaftes Unvermögen, Bekanntschaften zu schließen. Außerdem plagten ihn verschiedenerlei Hemmungen und Ängste angesichts der Notwendigkeit, seinen Platz im beruflichen Umwelt und ganz allgemein unter Menschen.
(Seite 163).
Obwohl Schostakowitsch vom Ehrgeiz getrieben war, wieder eine erfolgreiche Symphonie wie die erste Symphonie zu schreiben, kümmerte er sich aber nicht weiter darum, wie sein Bekanntheitsgrad erhöht werden könnte. Bekanntlich machte er keine Auslandsreisen. Ich frage mich, wie doppelt schwer muss es für ihn gewesen sein, in diesem elenden Sowjetsystem zu leben.
Er hat Nina dann doch geheiratet.
Zu dieser Zeit entstand seine berühmte Oper „Lady Mcbeth von Mzensk“, eine Oper mit cantablen Gesangspartien. Das Orchester wird durch ein Militätorchester u.a. aufgestockt. Eine tragisch-satirische Oper, der Komponist in seiner Musik sich in Komik und Groteske vertieft. Der vierte Satz schlägt allerdings pessimistiche Töne an. Szenen unter Zwangsarbeitern.
Hier (http://www.youtube.com/watch?v=tudf-ioinGA) ein Ausschnitt. Vierter Akt? (Elena Nebera, Berlin).
Das 10. Kapitel des Buches beginnt mit einem Ausflug in die Kulturpolitik nach 1932. Die sowjetische Staatsmacht ermächtigte sich besonderen Einfluss auf die Literatur und machte Maxim Gorki zu seinem Repräsentanten. Auf dem ersten Kongress des sowjetischen Schriftstellerverbandes verweigern Bulgakow, Mandelstamm und Anna Achmanowa den Treueeid. Gorki beendete den gkeit zum Staat Kongress mit folgenden Worten:
Es lebe die Partei Lenins, des Führers des Proletariats, es leben der Führer der Partei, Josef Stalin.
(Seite 185). Schostakowitsch versuchte,seine Unabhängigkeit zum Staate zu bewahren, so finden sich in den Jahren 1932-1936 kaum parteiideologisch freundliche Ausagen.
Ich möchte nun auf zwei Werke des Komponisten zu sprechen kommen, die mir gefallen, die in dieser Zeit enstanden sind:
1.) 24 Präludien op. 34
Präludien durch alle Tonarten. Kleine Miniaturen, in denen Schostakowitsch auf Chopin, Mahler, Skrijabin, Rachmaninow und Prokofiew zurückgriff. Die Stückchen sind recht unterschiedlich. Im d-moll-Präludium paraphrasiert der Komponist eine Gavotte von Prokofiew. Leopold Stokowski orchesttrierte das es-moll-Präludium. Artuubinstei setzte sich für die Verbreitung der Präludien ein.
Hören wir einige Stücke daraus: hier. (http://www.youtube.com/watch?v=KkQ8ubzrvUY)
Hier noch drei Präludien im Arrangement für Violine und Klavier: hier (http://www.youtube.com/watch?v=wHT0dmor6JM)
2.) Klavierkonzert (Streicher, Trompete, Klavier)
Steht der Neoklassik sehr nahe. Der erste Satz im klassischen Sonatenschema. Meyer eist darauf hin, dass der mittlere Satz, das Lento, eine Analogie zum zweiten Satz des Ravel-Konzertes G-Dur ist. Im letzten Satz Zitate aus Haydn und Beethovens „Wut über den verlorenen Groschen“ (Man denke auch an das Konzert für zwei Klaviere von Francis Poulenc, in dem im Mittalsatz Mozart imitiert wird):
Hier nun Schostakowitsch mit Martha Argerich (zwei Videos): hier. (http://www.youtube.com/watch?v=QLDkpbQvrk8&NR=1)
Liebe Grüße
mombour
Liebe Grüße
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Im Vorwort schreibt Meyer, dass der Zugang zum Quellenmaterial sehr schwierig, oft auch unmöglich war.
Ja, da hast du recht, ins Vorwort hätte ich schon mal schauen können ;).
Dass die Biographie schon in den Siebzigern noch zur Zeit des real existierenden Sozialismus geschrieben worden ist, ist der heutigen erweiterten und überarbeiteten Fassung, wie ich finde, noch anzumerken. Ich verstehe, dass damals der Zugang zu den Quellen fast unmöglich war, aber heute? Da wäre es schon interessant zu erfahren inwiefern und von wem der Zugang verwehrt wird.
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Hallo,
am Wochenende war ich ein wenig faul, doch nun geht es weiter. ;D
Nun kommen wir zu ereignisreichen Kapiteln, die sich insbesondere um die Symphonien 4,5, und 7 ranken, die Jahre 1936 -1941. Wenn mich jemand fragen würde, mit welcher Symphony sollte ich beginnen, so wie man in Literaturforen fragt, mit welchem Roman von Thomas Mann sollte man beginnen, würde ich sagen, zuerst die fünfte Symphonie, dann die siebente und dann vielleicht doch die vierte Symphonie, weil die vierte Schostakowitschs Stimmung jener schweren Zeit wiederspiegelt, die damit begonnen hat, als Stalin am 28. Januar 1936 einer Aufführung der Lady Macbeth von Mzensk beiwohnte und urteilte: „Chaos statt Musik“. Dieser Wortlaut wurde auch als Überschrift für einen Artikel in der Prawda übernommen, der gleichfalls am 28 Januar erschien, in dem Schostakowitschs Oper den Boden gleichgemacht wurde. Es ist schon großartig, dass dieser Artikel offenbar vollständig in der Biografie wiedergegeben ist. Gleichzeitig auch schaurig, weil wir ablesen können, wie der Machtapparat über (ihrer Meinung nach) unliebsame Musik dachte. Da dieser Artikel nicht unterzeichnet war, so sagt Meyer, sei der Artikel die Meinung des Machtapparates gewesen. Aus heutiger Sicht, steht in diesem Artikel natürlich bodenloser Unsinn drin, die Musik verneine die Oper, Der Komponist bediene sich der nervösen, verkrampften und hysterischen Jazzmusik, die Musik gehe auf mangelnde Begabung des Komponisten zurück oder auf das Unvermögen, starke und einfache Gefühle in der Musik auszudrücken, die „Liebe“ werde in der Oper auf ausgesprochen vulgäre Art ausgebreitet, der Komponist sollsich auch nicht um die Erwartungen der sowjetischen Kultur gekümmert haben, er chiffriere seine Musik durch Zusammenklänge, die nur Formalisten und Ästheten interessieren können, deren Geschmack sich schon längst verformt habe usw...
Dass Schostakowitsch von nun an von Ängsten und Selbstmordgedanken getrieben war, ist verständlich, wurden in dieser Zeit viele Künstler verhaftet und umgebracht. Meyer erzählt vom Schriftstellerkongress, in dem über seine Musik übel hergezogen worden ist. Ziemlich schizophren finde ich, dass auch sein erstes Klavierkonzert und die 24 Präludien im Kreuzfeuer der Kritik standen, obwohl gerade diese Musik sich auf alte Musik beruft, mit avangardistischer Musik nichts zu tun hat. Dieser Umstand symbolisiert deutlich, dass das Musikverständnis engstirniger Sowjets keinen Pfifferling wert war. Das Kapitel droht, sich in einem spannenden Agententhriller wie einer von Frederick Forsythe auszuweiten (natürlich übertrieben), weil ein übereifriger Beamter des „Volkskommissariats für innere Angelegenheiten“ Schostakowitsch einreden wollte, er gehöre einer Teroristengruppe an, die Stalin umbringen wolle (hier nenne ich mal wieder eine Seitenzahl, sonst glaubt man mir nicht: Seite 217). Schostakowitsch lebte wirklich gefährlich, weil schon Bekannte seines Umfeldes verhaftet und umgebracht wurden.
In dieses drückenden Zeit enstand die Symphonie Nr. 4, deren Änhören ich empfehle, wenn man sich in Schostakowistchs Musik schon etwas hineingehört hat. Krzysztof Meyers Musikbeschreibungen machen sowieso aufs Musikhören neugierig. Mit ergeht es jedenfalls so. Das besondere an der Vierten ist der tragische Ton, „die die Persönlichkeit des Komponisten wiedergeben.“ (Seite 222). Im Finale taucht ein Trauermarsch auf. Krzysztof Meyer bedauert sicher zurecht, dass „belustigend ...groteske Episoden“ in diesem Werk letztmals auftauchen. Er habe „niemals mehr einen so übermütigen, sorglosen, und exzentrischen Ton gefunden.“
Und nun die vierte Symphonie, verteilt auf acht Videos mit Charles Dutoit, NHK Symphony Orchestra, NHK Hall:
hier (http://www.youtube.com/watch?v=bNfjVvR-fVU&feature=related)
Liebe Grüße
mombour
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Hallo,
noch einmal zurück zur vierten Symphonie. Meyer drückt sich zu zaghaft aus, sodass man es überlesen könnte, Schostakowitsch nämlich darum gebeten wurde, die vierte Symphonie aus dem Programm zu nehmen, weil sonst "administrative Mittel" angewandt werden könnten, d.h. er hätte, wenn diese Musuik bei der Kremlobrigkeit durchfällt, in arge Schwierigkeiten kommen können.
Darum komponierte Schostakowitsch seine fünfte Symphonie auf den ersten Blick recht brav, weil seine Oper "Lady McBeth von Mrensk" u.a. übel beschimpft wurde und Stalin schon anderen Komponisten nahegelegt hat, sie sollen lieber Volkslieder komponieren, anstatt so etwas Entartetes. . Schostakowitsch stand in dem Dilemma, entweder er komponiert brav und traditionell oder es geschehe ihm sonst etwas. Darum komponierte Schostakowitsch seine fünfte Symphonie wohlklingend und bezieht sich, was die Satzbezeichnung angeht auf Beethoven, in der Musik auf Gustav Mahler (er hat Mahler gründlich studiert).
Meyer erzählt auf seine Art Seiten lang über die Symphonie. Hier mein Eindruck:
Natürlich ist hier nicht komplett alles brav und langweilig hinkomponiert worden, Schostakowitsch hätte sich doch nie so weit der Obrigkeit ausgeliefert. So gibt es im ersten Satz groteske Schlenker, Blasmusik mit Millitätgetrommel (erinnert an die Leningrader Symphonie), das so zarte Hauptthema des Kopfsatzes wird später ziemlich gewaltmäßig, bösartig verzerrt. Typisch Schostakowitsch, an diesen Stellen ist durchaus das elendige Sowjetsystem, allerdings gut getarnt, auszumachen. Der zweite Satz im Charakter eines fröhlichen Menuets ist in neoklassistischer Heiterkeit traditionell komponiert worden,. als wolle der Komponist sagen, schau doch, Stalin, wie schön traditionell ich komponieren kann. Schostakowitsch hat gesagt, diese Symphonie sei stark autobiografisch, ich meine, dieses im dritten Satz, dem Largo, zu erspüren. Diese Streicher, diese einsame Oboe, wie ein langgezogener Schmerz, der sich ewig dahin zieht, sein Schmerz, dass seine Oper so brutal durchgefallen war, dazu sicher auch der Schmerz über stalinistische Opfer in seiner freundschaftlichen Umgebung. Die letzten Takte der Sinfonie sind dann wie ein großer Aufschrei, deftig mit Blech und ein sich quälend wiederholender Ton der Violinen.
Diese Symphonie ist nicht ohne Grund von allen Seiten gelobt worden und ist sogar von der Staatsmacht wohlwollend angenommen worden. Es ist wunderbare Musik, die sich u.a auch auf Gustav Mahler bezieht. Das Haupthema, des ersten Satzes ist so schön leicht schwebend, dass es unmittelbar gar nicht so auffällt, wie unerhört chromatisch diese Musik ist.
Eine Höhrgenuss in sieben Videos mit der Kölner Philharmonie unter Semyon Bychkov:
hier (http://www.youtube.com/watch?v=LYI4kCMSZis)
Aus dem 1939, kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges entstandenen Klavierquintett g moll, in dem Schostakowitsch im ersten und zweiten Satz auf Bach'sche Polyphonie zurückgreift, hören wir den dritten Satz, das Scherzo, mit Martha Argerich, Mischa Maisky, Joshua Bell, Henning Kraggerud, Yuri Bashmet.
hier (http://www.youtube.com/watch?v=HP1WFiNCCZU)
Das Quintett zählt zu den bedeutenden Kammermusikwerken Schostakowischs.
Liebe Grüße
mombour
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Nur mal so zwischendurch.: Dimitri Dimitrijewitsch Schostakowitsch * 25.09.1906!
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edit:Ups! Heute ist ja schon der 27.!
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Es ist schon großartig, dass dieser Artikel offenbar vollständig in der Biografie wiedergegeben ist.
Das finde ich auch! Diese zwei Tage nach dem Opernbesuch Stalins in der Prawda erschienene “Rezension" der Lady Macbeth von Mzensk dokumentiert den ganzen Irrsinn und die Verlogenheit des Systems. Nach der Lektüre dieses Verrisses, der nach dem Gesetz der multiplizierten Negativität eigentlich eine Lobeshymne ist, freue ich mich umso mehr auf den Besuch Oper! Ich bin gespannt, ob und wie die Inszenierung dem historischen Kontext Rechnung trägt.
Mit dem Verriss der Lady Macbeth von M. und den mehr oder weniger versteckten Drohungen darin wird ein Exempel statuiert: Seht her, Musiker, Maler, Poeten, das passiert, wenn ihr so schreibt, malt, dichtet. Denn was über Schostakowitschs Oper gesagt wird, richtet sich ausdrücklich auch an die Adresse von Künstlern und Wissenschaftlern allgemein. Dieser Artikel markiert das Ende der russischen Moderne. Es fallen inkriminierende Stichworte wie vulgärer Naturalismus, Formalismus, Degeneration etc, nur allzu vertraut! Die Parallelität zu Bücherverbrennung und Ächtung "entarteter Kunst" zur gleichen Zeit in Deutschland macht einen erschaudern.
Meyer dokumentiert die verheerenden Auswirkungen. Es ist wie ein Lehrstück, wenn man liest, wie Schostakowitschs Musikerkollegen sich distanzieren und Kritiker, die seine Oper gelobt haben, reihenweise umfallen und ihre Meinung widerrufen, andere aber auch standhalten, S. vom Publikum stehende Ovationen bekommt etc. Sehr erstaunlich und anrührend fand ich den zitierten Brief Maxim Gorkis an Stalin, in dem er sich für S. einsetzt.
Ja, und die 5. Symphonie nach der unter Druck revozierten 4. in c- moll? Ist das nun ein Zu-Kreuze-Kriechen oder unterschwelliger Protest? Meyer, der das Ganze mehr vom Formalen her betrachtet, hält es für einen Kompromiss. Mich wundert, dass Meyer nirgendwo auf die .Die Memoiren des Dmitri Schostakowitsch, herausgegeben von Solomon Wolkow eingeht. Danach soll Schostakowitsch später gesagt haben:
„Was in der Fünften vorgeht, sollte meiner Meinung nach jedem klar sein. Der Jubel ist unter Drohungen erzwungen. [...] So als schlage man uns mit einem Knüppel und verlange dazu: Jubeln sollt ihr! Jubeln sollt ihr! Und der geschlagene Mensch erhebt sich, kann sich kaum auf den Beinen halten. Geht, marschiert, murmelt vor sich hin: Jubeln sollen wir, jubeln sollen wir. Man muss schon ein kompletter Trottel sein, um das nicht zu hören.[1]“(zitiert nach wikipedia)
Weißt du, warum Meyer diese Memoiren nicht erwähnt? Sie scheinen nicht ganz unumstritten. Aber obiger Ausspruch,wenn nicht authentisch, ist gut erfunden!
Diese Streicher, diese einsame Oboe, wie ein langgezogener Schmerz, der sich ewig dahin zieht, sein Schmerz, dass seine Oper so brutal durchgefallen war, dazu sicher auch der Schmerz über stalinistische Opfer in seiner freundschaftlichen Umgebung. Die letzten Takte der Sinfonie sind dann wie ein großer Aufschrei, deftig mit Blech und ein sich quälend wiederholender Ton der Violinen.
Ich finde das sehr schön und treffend beschrieben! Nur, wo hörst du im 3. Satz eine einsame Oboe? Ich höre eine einsame Flöte und eine Klarinette. Auf die Oboe hab ich vergeblich gewartet, oder hab ich mich verhört?
Danke auch für den Link zum Klavierquintett in g-Moll. Es gefällt mir sehr, wie überhaupt für mich die Scherzi von S (auch in der 5.) das beste sind. Die Musiker des Klavierquintetts spielen wirklich furios! Auch wenn ich bei den wippenden Mähnen manchmal an die Muppet-Show denken musste. ;)
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Weißt du, warum Meyer diese Memoiren nicht erwähnt? Sie scheinen nicht ganz unumstritten. Aber obiger Ausspruch,wenn nicht authentisch, ist gut erfunden!
Wenn ich meine Erinnerungen durchwühle, fällt mir ein, manche haben gedacht, diese Memoiren wären von Schostakowitsch selber und Wolkow sei sein Pseudonym. So habe ich mal gelesen, eine Theorie. Umstritten ist das Buch auf jedenfall, weil man, zumindest damals, vor über 25 Jahren, als ich in das Buch mal hineinsah, nicht genau wusste, wer Solomon Wolkow war, der Komponist oder irgendein anderer. Ob man heute mehr darüber weiß, ist mir unbekannt.
Es mag sein, dass ich mich bei der fünften Symphonie mit der Oboe geirrt habe. Werde ich mir noch einmal anhören. ;D
Nachdem ich nun die achte Symphonie vollständig gehört habe, sage ich, nach der Siebenten die Achte hören. Sie spricht mich sehr an und vermittelt das inhaltliche Programm.
Wir kommen zu den Werken, die sich auf den Zweiten Weltkrieg beziehen. Drei Symphonien, die Siebente, die den Widerstand musikalisch ausdrückt, die Achte, der Schmerz und das Leid des Krieges, die Neunte, den Sieg in Töne ausdrückt. Gewaltige Musik, deren populärste die Siebente Symphonie ist, die in Leningrad während der Belagerung komponiert worden ist, die Bedeutendste aber die achte Symphonie ist.
Parallel zum Meyer nehme ich noch die rororo-Bildmonographie von Detlef Gojowy zur Hand, welche, was die Deutung der Symphonien angeht, den Meyer ergänzt.
Schostakowitsch: Siebte Sinfonie – Leningrader Sinfonie
Der große Vaterländische Krieg begann, als die deusche Wehrmacht in den Morgenstunden des 22. Juni 1941 die sowjetische Grenze überschritten. Am 08. August erschienen erstmals feindliche Flugzeuge über Leningrad. 900 Tage und Nächte lang wurde Leningrad vom feindlichen Geschütz bedrängt. Als für die Russen der Krieg begann, war Schostakowitsch Vorsitzender der staatlichen Prüfungskommission in der Klavierklasse am Leningrader Konservatorium. Am 19. Juli begann er mit der Komposition der 7. Sinfonie.
Obwohl es sich um eine reine Instrumentalsymphonie handelt, hat die Musik eine Textgrundlage und bezieht sich nach Detlef Gojowy offenbar auf den 79. Psalm Davids, der Klage wider der Zerstörung Jerusalems (vgl. die Ausführungen von Gojowy, rororo-bildmonografie, Seite 70)
Schostakowitsch sagte über diese Symphonie:
Als ich an der neuen Symphonie arbeitete, dachte ich an die Größe unseres Volkes, an seine Heldenhaftigkeit, an die wunderbaren humanistischen Ideen, an die menschlichen Werte, an unsere wunderschöne Natur, an die Menschheit, an die Schönheit...Meine Symphonie Nr. 7 widme ich unserem Kampf gegen den Faschismus, unseren sicheren Sieg über den Feind und meiner Heimatstadt Leningrad.
(Meyer, Seite 259)
Weil dieses das Musikprogramm war, sollten möglichst viele Menschen diese Musik verstehen. So komponierte er im ersten Satz die drei Themen einstimmig. Nach den beiden ersten Themen folgt an Stelle der Durchführung ein drittes Thema, welches 12 Mal immer wieder in anders gearteter Instrumentierung sich wiederholt, sehr eindringlich übrigens, das ganze ein großes crescendo. Ähnlichkeiten mit dem Bolero sind hier nicht wegzudenken. Übrigens nahm Béla Bartók die Abwärtsbewegung dieses Themas im vierten Satz vom „Konzert für Orchester“ wieder auf. Die Einfachheit der Themen vergleicht Gogowy mit der Einfachheit alter liturgischer Melodien. Dieses wuchtige anschwellen des Themas wird mit Trommelwirbel („Trommelfeuer“). Dieses unerbittliche starre Wiederholen des Themas im crescendo bis zum Äußersten kann als harter Widerstand gegen feindliche Truppen gedeutet werden, und so es Schostakowitsch auch gemeint, als er sagte, er widme diese Symphonie dem Kampf gegen den Faschismus. Das Finale kündigt den Sieg an, sagt Krzyzstof Meyer, in der Tat, die letzten Takte zeugen von einer Unbeschwertheit, wenn nicht sogar größte Freude. Er ist schon erstaunlich, dass Schostakowitsch in der achten Symphonie dann noch mal das Leid so zentral in den Vordergrund stellt, ohne Hoffnung.
Hier (http://www.youtube.com/watch?v=an2nsAWEDZI) nun die siebente Symphonie
Mit dieser Symphonie komponierte sich Schostakowitsch nach oben. Nun war er der Komponist Nr. 1 in der Sowjetunion. Allerdings sagt Meyer ähnliches schon in dem Kapitel über "Lady Macbeth von Mzensk". :) Allerdings relativiert Meyer, die Siebte sei zwar sehr populär, was er auf die Umstände der Entstehung zurückführt, andere Symphonien seien aber bedeutender, z. B. auch die Achte.
Die achte Symphonie entstand kurz nach der Schlacht von Stalingrad, nach dem Sieg über die 6. Armee der Wehrmacht. Diese sehr lange Symphonie, der erste Satz ist mit 25 Minuten länger als die komplette neunte Symphonie, zeigt die große Begabung des Komponisten, bestimmte Gefühle in Musik auszudrücken. Das Beste ist, wir vergessen die Zeit, wenn wir den ersten Satz hören und lassen diese Schmerzensmusik in uns hinein. Diese Musik ist so tragisch, dass mir Tränen gekommen sind. Es ist schier unglaublich, was für tiefe Schmerzen und großes Leid Schostakowitsch in dieser Musik ausdrücken konnte. In Anbetracht dessen, muss ich mich doch über folgende Aussage Schostakowitschs wundern:
„Dieses Werk spiegelt meine Gedanken und Gefühle nach den freudigen Meldungen über die ersten Siege der Roten Armee wieder. Ich versuchte darin die Nahe Zukunft der Nachkriegsepoche...“
Krzysztof Meyer sagt auf Seite 281 selbst, „Die Symphonie Nr. 8 erreicht im ersten Statz ein ungeahntes Ausmaß von Tragik.“
Zu anderen Schlüssen kann man kaum kommen, wenn man diese Musik anhört. Ich vermute, Schostakowitsch sprach von „freudigen Meldungen...“ um die Kremlführung ihm gegenüber friedlich zu stimmen. Vielleicht bezog sich Schostakowitschs Äußerung auf den dritten Satz, der Toccata: äußerst schwungvoll und mitreißend. Trotzdem, die Symphonie wurde als ein „Epos der Qual“ bezeichnet. Nach der Toccata, im vierten Satz die Symphonie in eine schmerzzerrende Passacaglia gleitet, Oberstimmen werden von einer sich wiederholenden Bassfigur getragen. Dieser vierte Satz allein schon genial, die fröhliche Toccata bei mir aber auch freudig ankommt, wie die wunderbaren Scherzi in anderen Werken. Der vierte Satz ohne Pause in den fünften Satz übergeht.
Sehr interessant ist, was der Dirigent Pierre-Dominique Ponnelle über die achte Symphonie zu sagen hat: hier. (http://www.youtube.com/watch?v=ZsCGNffYVok&feature=related)
Und nun das komplette Werk mit Concertgebouw Orchestra, Bernard Haitink. Man beachte, der erste Satz besteht schon aus drei Videos. Und dann klicke man sich durch die anderen Sätze (insgesamt fünf Sätze). Um das Hörvergnügen nicht zu trüben, epfehle ich allerdings in diesem Falle, lieber eine CD-Scheibe in den Player zu legen. hier. (http://www.youtube.com/watch?v=KZoaA0tm5wA&feature=related)
Die neunte Symphonie ist überraschend kurz ausgefallen. Es ist die Symphonie über „unseren großen Sieg“, wie man damals sagte. Im Winter 1944/45 wurde bekannt, dass er eine neue Symphonie schreibe. Er unterbrach aber die Arbeit, weil er rasch „ihre Unbrauchbarkeit“ erkannt habe, wie Meyer es ausdrückt. Er hat wohl sein kompositorisches Konzept geändert und begann noch einmal. Innerhalb weniger Tage hat er sie komponiert (Seite 295). Formell greift Schostakowitsch auf die Frühklassik zurück, heitere, fröhliche Musik. Schmunzeln musste ich, als Meyer über den ersten Satz schrieb:
Die eindeutige Tonart – Es-Dur – tritt in nahezu reiner Form auf, obwohl sie der Komponist auf recht originelle Weise mit fremden Tönen >>beschmutz<<.
;D
Es folgt die Neunte. Orchester weiß ich nicht. Es steht dort nur dies: 2011 교향악축제 목포시립교향악단 쇼스타코비치 교향곡 9번 1 mov 지휘 진윤일 Jin Yun IL (fünf Videos für die kleine Symphony ::)). Aber die Musik ist Zucker. hier. (http://www.youtube.com/watch?v=g4G8AvqcpL4&feature=related)
Bei youtube las ich noch, das Fagottsolo im vierten Satz bedeute "Nie wieder Krieg". "Es könnte - denkt man an die martialische Blechbläsereinleitung - aber auch eine Klage des verbitterten und einsamen Komponisten gegen den Diktator Stalin sein..".
Liebe Grüße
mombour
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Hallo,
nun geht es endlich weiter:
Schostakowitsch kommt in arge Bedrängnis mit dem Staate.
Nach dem Krieg wird im Jahre 1946 die Zeitschrift „Kultur und Leben“ gegründet (hrsg. Vom ZK der KpdSU), die offenbar nur deswegen herausgegeben wurde, um ideologishe Abweichler anzugreifen. Zu anfangs wurden literarische Werke angegriffen, übrigens u.a.von Autoren, die mir (oder uns im Westen) nicht geläufig sind. An der Spitze dieser ideologischen Angriffe stand der Sekretär des ZK der KpdSU Andrei Schdanow, mit dem dann auch Schostakowitsch zu tun hatte. Nach Auffassung von Schdanow sollten alle kultuellen Einflüsse aus dem Westen ausgeschaltet werden. Dieses 18. Kapitel ist wieder so ein hervorragendes Kapitel, in dem der Leser dieser Biografie Einblick in die verrückten Vorstellungen sowjetischen Kulturlebens bekommt. Anna Achmatowa, ja, die kennen wir doch, sie wurde angegriffen wie auch Michail Soschtenko, dessen satirische Werke sich damals großer Beliebtheit erfreuten. Die Hohlkritik dieses Schdanow ging bis unter die Gürtellinie. Achmatowa bezeichnete er als „Halbdirne“ und „Halbnonne“ (Seite 304) Im Jahre 1949 spitzte sich sein Kampf mit den „Kosmopoliten und Formalisten“ zu. Seine Kulturkritik weitete sich über die anderen Künste aus. Literatur, Musik, Theater, Bildende Kunst und Film. Auf der Liste der Komponisten mit „antinationalen, fomalistischen Tendenzen“ standen u.a. Prokofiew, Schostakowitsch, Chatschaturjan, Kabalewski,. Das sind die uns heute noch bekanntesten. Kabalewski wurde später von der Liste gestrichen.
Dann wurde am 10. Februar 1948 die folgenschwere Parteiresolution „Über die Oper >>Die große Freundschaft<< veröffentlicht. Muradelis Oper wurde scharf angeriffen und auch über Schostakowischs „Lady Macbeth von Mzensk“ wurde ähnlich kritisiert wie im Prawda-Artikel 1936.
Krzyzszof Meyer zitiert eine Aussage von Schostakowitschs Sohn Maxim, welche Bände spricht:
1948 war ich zehn Jahre alt. Als mein Vater nach der Rede Schdanows allseits verfolgt wurde, zwang man mich bei der Prüfung in der Musikschule ihn ebenfalls zu verdammen.
Auf dem Komponistenverband im Februar sollte sich Schostakowitsch über seine Musik äußern, ihm wurde allerdings eine vorgefertigte Rede zugeschoben, er dazu gezwungen war, diese abzulesen, darin er der Partei recht zu geben hatte und eigene Fehler zugab. Sozialistischer Maulkorb. Noch im Herbst 1948 wurde Schostakowitsch von seinen Professurstellen in den Konservatorien von Leningrad und Moskau des Amtes enthoben. Eine Zeit lang komponierte er für die Schublade.
Auf dem ersten Blick verwunderlich, dass Schostakowitsch im Jahre 1949 vom Kreml eingeladen wurde, an dem Panamerikanischen Kongress für Kultur und Fridenssicherung teilzunehmen. Schostakowitsch lehnte ab, u.a. weil seine Musik nicht aufgeführt werden durfte. Irgendwann war dann Stalin selbst am Telefon und konnte dem Komponisten doch dazu bewegen, mitzufahren. Das Aufführungsverbot wurde widerrufen. Offenbar brauchte Stalin einen großen Vorzeigekomponisten, der die sowjetische Musik in den USA gut repräsentieren kann. Auf dem Kongress hielt Schostakowitsch in New York einen Vortrag „über die Rolle der Musik in der sowjetischen Gesellschaft“, Meyer nimmt aber an, Schostakowitsch wusste gar nichts vom Inhalt des Vortrages. Er las den Text zwar in russischer Sprache aber die Übersetzung ins Amerikanische, entsprach wohl nicht dem, was der Komponist sprach. Der Inhalt der Rede, wie die New York Times vom 28. März berichtete, „wimmelte von Schlagworten und Angriffen auf den Westen und Amerika.“ Da die Amerikaner über die schwierigen Umständen, die der Komponist in der Sowjetunion ertragen musste, informiert waren, bekam er aber großen Beifall. Nach dem Kongress wurden die Sowjets aber von amerikanischen Behörden wieder in ihr Land geschickt, obwohl noch einige Konzerte geplant waren. Eine sehr schöne Gestik führender amerikanischer Musiker war gewesen, als sie Schostakowitsch ein Dokument übergaben, in dem sie die internationale Sprache der Musik priesen, sein Besuch sei „ein Symbol für das Band, das die Musik zwischen allen Menschen knüpfen kann:“ (Seite 328). Die hatten mehr begriffen, als die ollen Sowjetbonzen.
Liebe Grüße
mombour
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Hallo,
Im Jahre 1950, während den Feiern zum 200. Todestag von Johann Sebastian Bach, bekannte Schostakowitsch, wie sehr er Bachs Wohltemperiertes Klavier bewunderte, er wolle diese „phantastische Tradition“ fortsetzen. Das war wohl die Geburtsstunde des Vorhabens, einen Zyklus durch alle Tonarten zu komponieren. Vom Oktober 1950 – Februar 1951 komponierte Schostakowisch seine 24 Präludien und Fugen für das Klavier. Ich hatte mal Vergnügen einem Konzert beizuwohnen, in dem eine russische Pianistin einige Stücke dieses Werkes zum besten gab. Es ist wirklich wunderbare Stücke darunter. Was ich nicht verstehe ist, dass viele Kritiker über diese Stücke gelästert haben, nur einige wenige haben das Werk damals verteidigt. Als Schostakowisch die ersten 12 Präludien und Fugen erstmals aufführte, war er allerdings sehr schlecht in Form und spiellte mangelhaft, sodass man sich nach diesem Auftritt wirklich nicht ein Urteil über diese Musik bilden konnte. Später waren diese Stücke erfolgreich, als eine Pianistin den kompletten Zyklus darbot. Die Bachfuge in der Musiksprache Schostakowitschs zu hören, ist ein Hörerlebnis wert. Da gibt es Stücke, die sich streng an die Tonarten halten, andere die total chromatisch der Tonarten entfliehen. Die Stücke sind von recht unterschiedlicher Stimmung: pessmimistisch, humorig, lyrisch usw. Der Komponist bediente sich auch mit Tonskalen, die in russischer Volks-und Kirchenmusik gepflegt wurden.
Fünf Hörbeispiele:
1)Prelude & Fugue op 87 n. 15 - Mariangela Vacatello (dieses No. 15 mag ich besonders ;D): hier. (http://www.youtube.com/watch?v=e15_owVlEmI&feature=related)
2) Keith Jarrett plays Shostakovich Prelude And Fugue No. 5 in D Major: hier. (http://www.youtube.com/watch?v=_UYW9uUrNyM)
3) David Jalbert plays Shostakovich Prelude and Fugue no. 24 in d minor: hier. (http://www.youtube.com/watch?v=7bnBYWJ6hLI&feature=related)
4)Konstantin Alexeev. Shostakovich. Prelude and Fugue a-moll op.87 №2: hier. (http://www.youtube.com/watch?v=U_OVyLdc9Qg)
5) Tatiana Nikolayeva Plays Shostakovich Prelude and Fugue No. 8 in f sharp minor : hier. (http://www.youtube.com/watch?v=Xoe5GpjbCw0)
Als bekannt wurde, dass Stalin am 06. März 1953 um 4 Uhr 07 gestorben war, fragte seine Tochter Galina. „Wird nun alles anders?“ Schostakowitsch antwortete: „Hoffentlich“
Diese Anwort widerspricht dem, was er öffentlich bekennt: „Es werden Tausende von Jahren vergehen, un d viele Ereignisse im schnell dahinschwindenden Leben werden in Vergessenheit geraten, aber der Name und das Werk und das Werk Stalins werden ewig leben....“ (Seite 343)
1953: Nach acht Jahren schuf Schostakowitsch wieder eine Symphonie. Diese Symphonie gilt als Abrechnung mit dem Stalinismus. Viele Werke hatte er für offensichtlich für die Schublade komponiert, auch sein Violinkonzert lag Jahre lang darin, sein Jüdischen Lieder aufführen zu lassen, war nicht möglich, weil in der Sowjetunion antisemitische Stimmung herrrschte. Diese 10. Symphonie, sehr bedeutend für sein Schaffen, auch heutzutage wird sie oft aufgeführt, war eines der wenigen bedeutenden Werke, die Schostakowitsch in seiner größten Schaffenskrise schuf. Ich vermute, die Schaffenskrise wurde auch wegen der Drangsalierungen durch den Kreml ausgeköst, und in seiner Erleichterung, Stalin war nicht mehr, konnte er sich wieder einer Symphonie widmen. Der zweite Satz stellt nach Aussage des Komponisten „ein musikalisches Portrait des verbrecherischen Tyrannen“ dar. Zu Beginn des Satzes wird ein Thema aus Mussorgskis „Boris Godunow“ paraphrasiert.
Stalins Fratze mit Simón Bolivar Youth Orchestra of Venezuela Gustavo Dudamel, conductor (Zweiter Satz, 10. Symphony)
hier. (http://www.youtube.com/watch?v=2ZbJOE9zNjw)
Der erste Satz ist getragen von tragisch pessimistischer Stimmung. Im dritten Satz des Werkes bedient er sich der Initialen seines Namens "D-Es-C-H" (kommt auch in anderen Werken vor). Der Pessimismus löst sich erst im vierten Satz auf.
Nach Stalins Tod gab es zwar zaghafte Anfänge der Stalinisierung, Repressalien gab es aber immer noch. Krzyszof Meyer berichtet vom Schicksal Boris Pasternak. Schostakowitschs Stellung verbesserte sich zwar, er musste aber immer wieder Zugeständnisse machen. Er übernahm diverse Ämter, arbeitete u.a. im Sekretariat des Komponistenverbandes, wurde 1960, ganz offensichtlich gegen seinen Willen, er vergoss Tränen,, in die Kommunistische Partei gedrängt.
Schostakowitsch gilt als der bedeutendste Komponist von Streichquartetten im 20. Jahrhundert darum werden wir einen Blick darauf werfen. Das Streichquartett Nr. 4 entstand 1949, das Nr. 5 entstand 1952.
Das Vierte gilt in der Quartett-Literatur als bedeutend. Im kurzen ersten Satz gibt es eine „stufenweise Aufschichtung der Stimmen bei gleichzeitiger Benutzung der leeren Saiten, was den Eindruck einer sich ständig vergrößernden Insrumentenzahl hervorruft.“ (Seite 360) Der zweite Satz ist voll von Traurigkeit. Krzysztof Meyer schwärmt, im dritten Satz habe er eines seiner besten Scherzi geschrieben.
Streichquartett Nr. 4, Borodin-Quartet (vier Videos): hier. (http://www.youtube.com/watch?v=AsxgLKLvALA&feature=related)
Das fünfte Streichquartett hat symphonischen Charakter und erinnert an manche früheren Orchesterwerke. Ein sehr kompliziertes Werk, wie Meyer sich ausdrückt. Es enthält so viele Neuerungen, dass dieses Quartett Schostakowitsch zum bedeutendsten Komponisten dieser Gattung im 20. Jahrhundert machte.
Streichquartett Nr. 5, St. Petersburg String Quartet.(drei Videos): hier. (http://www.youtube.com/watch?v=ecM9w-OgP9k)
Auch wenn er diese Werke schuf, hing er noch in einer Schaffenskrise. Er klagte „Mein Kopf arbeitet schlecht, und ich komponiere nichts“ (Seite 364 in einem Brief an Kara Karajew). Im Februar 1957 schrieb er an seinen Komponistenfreund Edisson Denissow: „Ich komponiere schlecht. Ich habe ein Klavierkonzert beendet, das keinerlei künstlerische oder ideelle Werte besitzt.“ 1955 war auch seine Mutter gestorben, 1954 seine Frau Nina Wassiljewna. In der Ehe hat es durchaus auch gekrieselt, eine zeitlang lebten sie getrent. Über solch persönliche Angelegenheiten erfahren wir in dieser Biografie bisher nur extrem spärliches. Die Schaffenskrise überwand Schostakowitsch erst 1959 und komponierte für den Cellisten Msislaw Rostropowitsch ein Cellokonzert. In nur drei Tagen komponierte er 1960 sein Streichquartett Nr. 8, welches autobiografisch ist. Die fünf Sätze gehen ineinander über. Er benutzte Zitate aus früheren Werken. Nach der Beendigung des Werkes, soll Schostakowitsch gesagt haben: „Ich habe es mir selbst gewidmet.“ Im Quartett geht das bekannte Revolutionslied „Im Kerker zu Tode gemartet“ in Motive über, die aus Lady Macbeth sind. Schostakowitsch sagte wortwörtlich: „Die Pseudotragik dieses Quartetts liegt darin, daß ich beim Komponieren so viele Tränen vergoß wie Urin nach einem halben Dutzend Bier.“
Dimitri Shostakovich String Quartet No 8 Kopelman Quartet (drei Videos): hier (http://www.youtube.com/watch?v=gSoKpCXWF0Q&NR=1).
Mehr Musik höre ich heute nicht mehr.
Liebe Grüße
mombour
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...nun geht es endlich weiter
;D Was soll das denn heißen? Dein Pensum ist enorm; Du postest ja fast so schnell wie Schostakowitsch komponiert! Aber im Ernst: Ich kam in den letzten Tagen kaum zum Lesen und gar nicht zum Antworten. Deshalb noch mal kurz zurück:
Der große Vaterländische Krieg begann, als die deutsche Wehrmacht...
Der "Große Vaterländische..." ist raffinierte stalinistische Sprachregelung und und für mich daher nur in Gänsefüßchen genießbar.
Der Krieg zementierte Stalins Macht und erstickte jeden etwa noch verbliebenen Widerstand. Meyer beschreibt, wie die vom Kriegsdienst befreiten "Kulturschaffenden" zur Stärkung des Kampfeswillen, aber eben auch zu Propagandazwecken für das Systems herangezogen wurden. Jede Äußerung gegen den Krieg bzw für den Sieg über Nazideutschland wurde zur Zustimmung für Stalin. Dieses Dilemma drückt sich, wie ich finde in dem von dir zitierten ganz in der stalinistischen Phraseologie gehaltenen Aussage Schostakowitschs über seine Leningrader Symphonie aus:
Schostakowitsch sagte über diese Symphonie:
Als ich an der neuen Symphonie arbeitete, dachte ich an die Größe unseres Volkes, an seine Heldenhaftigkeit, an die wunderbaren humanistischen Ideen, an die menschlichen Werte, an unsere wunderschöne Natur, an die Menschheit, an die Schönheit...Meine Symphonie Nr. 7 widme ich unserem Kampf gegen den Faschismus, unseren sicheren Sieg über den Feind und meiner Heimatstadt Leningrad.
(Meyer, Seite 259)
Schostakowitsch scheint von seiner 7. Symphonie nicht überzeugt gewesen zu sein und Meyer folgt ihm da und hält sie mehr oder weniger für ein Propagandawerk.
Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was ich von der Symphonie – da überfrachtet mit historischem Pathos – halten soll.
Mehr Musik höre ich heute nicht mehr.
Gut zu wissen, denn ich komme kaum hinterher mit dem Lesen und Musikhören. Aber mach bitte ruhig weiter in deinem Tempo!
Den ersten Satz der Neunten hab ich gehört. Wunderbar, wie das chinesische Orchester dazu passt!
Die „Fratze Stalins“ hebe ich mir noch ein bisschen auf!
edit hat einige Leerzeilen entfernt.
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Schostakowitsch scheint von seiner 7. Symphonie nicht überzeugt gewesen zu sein und Meyer folgt ihm da und hält sie mehr oder weniger für ein Propagandawerk.
Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was ich von der Symphonie – da überfrachtet mit historischem Pathos – halten soll.
Ich weiß , woran du es ausnachst, dass Schostakowitsch von der 7. Symphonie nicht so überzeugt gewesen ist. Im europäischen Azsland und in den USA wurde sie ja aufgeführt. Merkwürdigerweise wird in späteren Kapiteln nicht mehr erwähnt, dass sie in der Sowjetunion später noch aufgeführt worden ist. Vielleicht ist es aber auch ein Zufall, dass Meyer da nichts erwähnt. Es sind die fünfte, achte und die erste Symphony, die mehrmals aufgeführt worden sind.
Was ich selber von der vierten Symphony halten soll, die Meyer lobt, weiß ich nicht. Die ist bei mir nicht angekommen. Da sie aber die Stimmungen von Schostakowitsch wiederspiegelt, muss ich da noch mal ran. Die Siebente ist natürlich populär wegen der Einfachheit der Melodien und wegen der Wirkung (erster Satz). Für mich auch eine Symphonie, die ich rein vom hören her mag. Die fünfte Symphonie ist für meine Begriffe auch für Popularität tauglich. Ich mag sie ganz besonders. Die achte Symphonie ist sehr anspruchsvoll, hat aber Tiefe und Emotionen. Wenn man sich da hineinhören kann, wird man sie mögen. Ich halte sie für eins der großen Meisterwerke.
Tja nun, wenn die ganzen Ablenkungen mit dem Nobelpreis losgehen, werde ich auch wieder langsamer im Lesen ;D Habe das Wochenende auch nichts inhaliert. Da brauchte ich wirklich mal eine Pause. ;)
Liebe Grüße
mombour
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Hallo zusammen!
Aber im Ernst: Ich kam in den letzten Tagen kaum zum Lesen und gar nicht zum Antworten.
Gut, dass Du dich meldest. Ich hätte vor ein paar Tagen den Thread beinahe in ein anderes Unterforum verschoben, weil ich dachte, der sei aus Versehen in den Leserunden gelandet. :D
Grüsse
sandhofer
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Hallo zusammen!
Aber im Ernst: Ich kam in den letzten Tagen kaum zum Lesen und gar nicht zum Antworten.
Gut, dass Du dich meldest. Ich hätte vor ein paar Tagen den Thread beinahe in ein anderes Unterforum verschoben, weil ich dachte, der sei aus Versehen in den Leserunden gelandet. :D
Grüsse
sandhofer
Das spricht ja nun nicht gerade für eine aufmerksame fürsorgliche Begleitung unseres Threads, Herr Moderator! ;D ( Wo ist der Tattergreis mit dem Krückstock und dem drohenden Zeigefinger?)
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Ich habe mal eine längere Pause gemacht, damit ihr auch genügend Zeit habt, die Musik anzuhören. ;D
Und weiter gehts.
Nach Stalins Tod setzte nach dem XXII. Parteitag der KpdSU die Entstalinisierung ein, allerdings sehr träge. Als 1961 ein Gedichtband von Marina Zwetajewa erschienen war, einer Autorin, die durch das stalinistische Regime 1941 in den Selbstmord gerieben war, betrachtete man diese veröffentlichung als Tauwetter. Es erschienen auch die Memoiren von Ilja Ehrenburg und Solchenizyns Roman „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“. Aber der Schein trügt. Chruschtschow erwies sich in der Kunst als völlig von Unkenntnis geschlagen. Die Dodekaphonie sei Musik des Lärms, schlicht und einfach Kakophonie. Ukrainische, russische, kasachische Tänze liebte er natürlich. Als bekommen wir den Eindruck, es sei nicht wesentlich anders als z.zt. Stalins. Trotzdem traten Auflockerungen ein. Leonard Bernsstein gab im Jahre 1959 mit den New Yorker Philharmoikern. Auf dem Programm stand u.a. „Le Sacre du Printemps“, ein Werk des emigrierten Strawinsky, welches seit 30 Jahren in Russland nicht mehr aufgeführt worden war. Nach 50 Jahren Abwesenheit kam Strawinsky 1962 selbst nach Russland. In Russland war bekannt, dassStrawinsky die Bolschewiken und lhre Ideologie hasste, darum lehnte er 1925 eine Einladung ab. Sowjetische Musikexperten verunglimpften in ihren Büchern die Musik ihres emigrierten Landsmannes. Zur Zeit seines Besuches begegnete Strawinsky auch Schostakowitsch. Doch diese kurzen Begegnungen verliefen sehr kühl, und sie blieben sich fremd. Zwischen beiden war eine tiefe Kluft. In künstlerische und ästhetische Ansichten gab es unüberbrückbare Differenzen, in politischen Ansichten auch. Strawinsky hatte sich allerdings in seiner „Musikalischen Poetik“ sehr kritisch über Schostakowischs fünfter Sinfonie geäußert, sogar gegenüber Stalin Verständnis gezeigt, dass er die Lady MacBeth verurteilt. Keine Voraussetzungen für eine Komponistenfreundschaft (allerdings, Strawinsky it über so manchen hergezogen, Rachmaninow ist in der Romantik hängengeblieben, Vivaldi habe nur 400 Variationen von einem Konzert komponiert, usw., na ja, nehme ich nicht so todernst, nicht wahr?). Wie wars denn mit Brahms und Bruckner? Da lief auch nichts.
Auf zwei bedeutsame Werke aus den sechziger Jahren möchte ich eingehen:
1)1961: Symphonie Nr. 13 für Baßstimme, Chor und Orchester.
Schostakowitsch verwendet das Gedicht „Babi Jar“ des bekannten Autors Jewgeni Jewtuschenko, welches damals sehr umstritten war. In dem Gedicht geht es um ein Massaker an Juden in der Schlucht Babi Jar in der Nähe von Kiew. Dieses gedicht wurde heftig kritisiert, weil nur das Schicksal der Juden im Vordergrund stand, und der Autor nicht die menschen anderer Nationalitäten erwähnt, die damals umgekommen sind. Fehlender Patriotismus war die sowjetische Diagnose. Abgesehen vom zweiten Satz ist sehr viel Traurigkeit in dieser Musik. Ich mag diese Musik, weil Schostakowisch seine Musik mit respektvollem Ernst vor den gefallenen Menschen in die Ohren des Höhrers flößt. Auch wenn wir den Text nicht kennen, spüren wir den Charakter einer Passionsmusik, einer würdevollen Trauermusik. Die Beziehung zwischen Text und Musik ist engverflochten. Es ist gar nicht verwunderlich, dass Meyer viele Bezüge zur achten Symphonie feststellen. Die Achte ist ebenso eine Symphonie der Trauer. Auffallend ist, dassSchostakowitsch seine 13. Symphonie ziemlich streng tonal komponiert hat. In der Biografie konnen wir auch Jewtuschenkos Test lesen. Bei dieser Symphonie hat sich Meyer sehr viel Zeit genommen. Finde ich auch richtig. Die Musik ist wohlklingend, andächtig komponiert. Eine Symphonie, die mir auf Anhieb gefallen hat.
Chruschtschow warf Jewtuschenko Unterstützung des Antisemitismus vor. Es gab ja im Vorfeld der Uraufführung auch einige Turbulenzen. Die Symphony aber, wurde zum Erfolg. Der „Prawda“ war die Uraufführung im Dezember 1962 aber nur eine Zeile wert.
Und nun die Musik mit Mikhail Petrenko- bass
Chorus and Orchestra of The Mariinsky Theatre (Kirov Opera)/ Valery Gergiev.(Sieben Videos, der Text wird in Englisch eingelendet): hier (http://www.youtube.com/watch?v=FQccC7ATJbE)
Die Tradition des Chores, bzw. Solostimmen innerhalb einer Symphony, begann mit Beethovens neunter Symphonie, wurde von Liszt in seiner Faustsymphonie fortgeführt, die mit dem "Chorus Mysticus" ausklingt. Gustav Mahler brachte diese Tradition zu einem Höhepunkt, und Schostakowitsch führte sie weiter fort.
2.)Das Violoncellokonzert Nr.2 aus dem Jahre 1966
Krzysztof Meyer hält es für das vielleicht beste seiner Instrumentalkonzerte.
Es handell sicher dabei eher um eine Symphonie denn um ein Instrumentalkonzert.
(Seite 435)
Schade, wenn Meyer das Konzert für sein bestes hält, dass er dann nur sehr kurz darauf eingeht. Was wir erfahren, und jetzt auch hören können, ist eben, dass dieses Konzert mit typischem Schostakowitsch – Sypmphonie-Stil geprägt ist. Dieses Werk ist auch seinem Freud Msistlaw Rostropowisch gewidmet.
Schostakowitsch: Cello Concerto No. 2 Maxim Kozlov - cello, Delta David Gier - conductor, South Dakota Symphony Orchestra
Concert recording November 2010: hier. (http://www.youtube.com/watch?v=xZBUZgQwcpc&NR=1) (Zwei Videos)
1961 hat Schostakowitsch wieder geheiratet. "Sie hat nur einen Fehler. Sie ist erst knapp 27 Jahre alt.", meinte er.
In den sechziger Jahren machte sich auch eine Muskelschwäche bemerkbar. 1966 ein Herzinfarkt. Schostakowitsch wurde nie wieder so richtig gesund.
Von nun an kämpfte Schostakowisch ständig gegen seine immer schwächer werdende Gesundheit an.
mombour
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Schostakowitsch kam in arge Bedrängnis mit dem Staate.
Tja, das ist wieder so ein interessantes und höchst wichtiges Kapitel, über das ich gern hätte mehr erfahren wollen und bei dem ich mich vom Autor allein gelassen fühlte. Zwölf Jahre nach Chaos statt Musik, der Generalabrechnung mit der künstlerischen Avantgarde, gibt es 1948 plötzlich eine erneute Kampagne gegen die (übrig gebliebenen) Künstler in der Sowjetunion. Warum gerade jetzt? Hatte das mit der Nachkriegszeit, dem kalten Krieg zu tun? Was steckte dahinter, welches waren die Ziele, wofür musste das herhalten? Meyer erklärt kaum etwas. Er zitiert seitenweise unkommentiert Reden und Beschlüsse des Komponistenverbandes und irgendwelcher anderer Gremien, mit dem Effekt, dass ich mich durch die absurde gewalttätige Pseudologik der Texte in eine Erzählung von Kafka versetzt fühlte.
Die Kampagne gegen Sch. bezog sich nicht nur auf die Oper Lady Macbeth v. M., die war ja von der Bildfläche verschwunden und die vierte Symphonie gar nicht erst erschienen, die Kampagne ging gegen die Werke, in denen Sch. ohnehin schon Zugeständnisse an das Regime gemacht hatte, auch gegen die Leningrader Symphonie, die laut Meyer angeblich ein Propagandawerk war. Я не понимаю!
Meyer erklärt auch nicht, was sozialistischer Realismus in der Musik eigentlich sein soll. Volkstümelei? Neben dem schon bekannten Formalismus wird den Musikern jetzt ja auch vorgeworfen, sie seien Kosmopoliten. (Wie verträgt sich das mit der Internationale?) Traditionalismus? Anbiederung an den Geschmack der Massen, das gesunde Volksempfinden? Oder einfach an den unbedarften Musikgeschmack Stalins und Schdanows?
Der reine Hohn ist ja, dass Sch. nachdem er aller Ämter enthoben und unter Veröffentlichkeitsverbot steht, genötigt wird, als Vorzeigekünstler die Sowjetunion in den USA zu vertreten und da kommt dann auch noch der Exil-Russe Nabokov(Cousin Vladimirs) mit seiner provokanten Frage und bringt ihn in Bedrängnis! Wie konnte Sch. nur all diesem Druck stand halten? Wie konnte er unter diesen Umständen überhaupt kreativ arbeiten und noch gescheite Musik schreiben? Mindestens seit den dreißiger Jahren wusste er von Folterungen, Todeslisten, Lagern, er hatte das Beispiel von Kollegen vor Augen, er musste selbst damit rechnen. Wie konnte er diese ungeheure Repression ertragen und damit leben? Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass er, wie das bei Meyer rüberkommt, alles unter Verschluss gehalten hat und sich lediglich durch seltene Ausbrüche in Form von Fehlhandlungen, im Alkohol , durch nervöses Kettenrauchen und natürlich kryptisch in seiner Musik Luft verschafft haben soll.
Ich glaube, mombour, wir lesen die falsche Biographie. Die Zagheit und Verhaltenheit, mit der sich Meyer seinem Thema nähert, war in den 70ern, als er diese Biographie ursprünglich geschrieben hat, sicher angebracht, zumal in Polen. Heute glaub ich, kann man mehr erwarten. Ich habe mich noch mal ein bisschen im internet umgesehen und fand in mehreren Rezensionen namhafter Zeitungen die einhellige Meinung, dass man um die überarbeitete und 2004 neu herausgegebene Biographie Solomon Wolkows nach den umstrittenen Memoiren von 79 nicht herumkommt. Der Verdacht der Fälschung scheint ausgeräumt. Maxim Schostakowitsch soll nach seiner Übersiedlung in den Westen die Echtheit bestätigt haben.
Nähere Informationen:http://www.zeit.de/2004/26/SM-Schosta (http://www.zeit.de/2004/26/SM-Schosta)
Ich lese Meyers Biographie noch zu Ende, werde mir die Wolkow-Biographie aber schon mal bestellen.
Chruschtschow warf Jewtuschenko Unterstützung des Antisemitismus vor.
??? Wer warf wem was vor? Ich gehe doch davon aus, du meinst, dass Jewtuschenko dem Chruschtow … Ich war noch gar nicht so weit im Buch und habe das schleunigst nachgelesen.
Ich kann verstehen, dass Meyer so lange bei der 13.Symphonie verharrt und deren 1. Satz zum Bedeutendsten zählt, was Sch. komponiert hat! Das Gedicht von Jewtuschenko hat mich erschüttert! Hier (http://www.nizza-thobi.com/paul_celan.htm) ist es noch einmal vollständig (Übersetzung von Paul Celan) Ich kannte es bislang nicht. Jewtuschenko war in den 60ern als Spaßvogel und Satiriker Schlaf schneller Genosse in Westdeutschland bekannt und beliebt. Aber kannte jemand dieses Gedicht von 1961?
Er hat recht: Es steht kein Denkmal über Babi Jar Ich war noch zu Sowjetzeiten in Kiew und Babi Jar. Wohl wissend, was dort geschehen war, sah ich: von der Schlucht nichts mehr, eine weite hügelige Grünanlage, kein Hinweis auf das Massaker an den Juden, stattdessen ein pompöses Denkmal Bolschewiki im Kampf gegen den Faschismus(das vielleicht zur Zeit des Jewtuschenko-Gedichts noch nicht stand). Erst nach Auflösung der Sowjetunion hat man angefangen, der Opfer zu gedenken. Umso großartiger finde ich, was Jewtuschenko und Schostakowitsch da Anfang der 60er gegen alle Zeitströmung und gegen den verbohrten Antisemitismus Stalins und seiner Nachfolger geschaffen haben. Danke für den link zur 13.Symphonie! Diesen ersten Satz habe ich bestimmt nicht zum letzten Mal gehört!
Heute abend nehme ich an einer Opersoiree zu Lady Macbeth v. M. teil. Bin schon sehr gespannt.
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Hallo mombour!
Die Schostakowitsch-Soiree im Kasseler Staatstheater war klasse. Nun weiß ich endlich, wie Mzensk ausgesprochen wird! Nein, im Ernst, neben späten Liedern nach Alexander Blok und Michelangelo-Gedichten zum Thema Tod - von sehr guten Sängern (auf russisch und italienisch) vorgetragen-, gab es eine hervorragende Einführung in Werk, Zeit und die besonderen Umstände der Lady Macbeth und – das war wirklich beeindruckend - man konnte an einer Probe teilnehmen. Die Musik, wenn man sie so life erlebt, ist überwältigend! Ich werde noch zum Schostakowitsch-Fan. Den Sängern, besonders auch den Chorsängern schien diese expressive Musik unglaublich viel Spaß zu machen. Was im Pravda-Artikel Chaos statt Musik als Negativum beschrieben wird “… die Musik schnattert, stöhnt, keucht…“ wurde hier geradezu lustvoll dargeboten. Also, ich freu mich auf die Premiere im November. Habe mir auch die Erzählungen von Leskow bestellt, um auch die Opernhandlung besser beurteilen zu können. Die war ja auch ein Stein des Anstoßes.
Liebe Grüße
Gontscharow
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Schostakowitsch kam in arge Bedrängnis mit dem Staate.
Tja, das ist wieder so ein interessantes und höchst wichtiges Kapitel, über das ich gern hätte mehr erfahren wollen und bei dem ich mich vom Autor allein gelassen fühlte. Zwölf Jahre nach Chaos statt Musik, der Generalabrechnung mit der künstlerischen Avantgarde, gibt es 1948 plötzlich eine erneute Kampagne gegen die (übrig gebliebenen) Künstler in der Sowjetunion. Warum gerade jetzt?
Weiß ich auch nicht, warum gerade jetzt.
Meyer erklärt auch nicht, was sozialistischer Realismus in der Musik eigentlich sein soll. Volkstümelei? Neben dem schon bekannten Formalismus wird den Musikern jetzt ja auch vorgeworfen, sie seien Kosmopoliten. (Wie verträgt sich das mit der Internationale?) Traditionalismus? Anbiederung an den Geschmack der Massen, das gesunde Volksempfinden? Oder einfach an den unbedarften Musikgeschmack Stalins und Schdanows?
Das Problem liegt vielleicht darin, Krzysztof Meyer ist kein Historiker, sondern ein Musiker. Im Falle Schostakowitschs wäre es eine glückliche Zusammenarbeit zwischen einem Komponisten und einem Historiker, eine Biografie gemeinsam zu erstellen. Was die Kompositionen angeht, da hat Meyer ja viel zu sagen. Gut deswegen sind historisch einige Schwächen sicherlich da. Die historische Abrissen laufen ja immer daraus hinaus, dass Meyer dann zu den Künstlern kommt, die Repressalien, etwas Musikgeschichte usw. Vielleicht hätte er mit Karl Schlögel gemeinsam das Buch schreiben sollen. :)
Wie konnte er diese ungeheure Repression ertragen und damit leben? Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass er, wie das bei Meyer rüberkommt, alles unter Verschluss gehalten hat und sich lediglich durch seltene Ausbrüche in Form von Fehlhandlungen, im Alkohol , durch nervöses Kettenrauchen und natürlich kryptisch in seiner Musik Luft verschafft haben soll.
Ich glaube, mombour, wir lesen die falsche Biographie.
Ich habe noch nichts andere gehört, als dass er in seiner Musik unauffällig gegen den Staat bollern konnte. Kunst als Ventil gegenüber Represalien? Bei Schostakowitsch kann ich mir nichts anderes vorstellen. Aus meiner Erinnerung heraus, dürfte Solomon Wolkow auch zu keiner anderen Lösung kommen (soweit meine Erinnerung mich ncht trügt), allerdings scheint er explizit auf die politische Situation einzugehen. Er schrieb auch das Buch "Stalin und Schostakowitsch: Der Diktator und sein Künstler". Von Karl Schlögel interessiert dich sicher u.a. dieses Buch: "Terror und Traum. Moskau 1937, darin Schlögel auch über die fünfte Sinfonie schreibt (Ich habe es nicht gelesen, aber eine Freundin, die in Leningrad geboren ist).
Die Gedichte von Jewtuschenko kenne ich nicht. Ich bin beeindruckt, weil du in "Babi Yar" warst. Wahnsinn. Zu meiner Zeit, als ich in Kassel wohnte, habe ich den "Rosenkavalier" gesehen. Bei der "Lady Macbeth" ware ich auch gerne dabei. Ich weiß ja nicht, ob die das auf unserer Provinzbühne mal hingekommen.
Liebe Grüße
mombour
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Chruschtschow warf Jewtuschenko Unterstützung des Antisemitismus vor.
??? Wer warf wem was vor? Ich gehe doch davon aus, du meinst, dass Jewtuschenko dem Chruschtow … Ich war noch gar nicht so weit im Buch und habe das schleunigst nachgelesen.
Da hatte ich wahrlich Unsinn geschrieben. Bei Meyer heißt es auf Seite 417:
...bei dem es zu einem heftigen Wortwechsel mit Jewtuschenko kam, der Chruschtschow Unterstützung des Antisemitismus vorwarf.
..... ..... ..... .....
Ziemlich spät, wir sind schon im Jahre 1967, offenbart uns Krzysztof Meyer, dass Schostakowitsch schon seit Ende der fünfziger Jahre an „einer eigenartigen Krankheit“ litt. Schmerzen in, den Händen, während eines Konzertes Bewegungseinschränkung des rechten Armes, Muskelschwäche. !960, während der Hochzeit seines Sohnes Maxim, stürzte er, weil Muskeln versagten, ein komplizierter Beinbruch war die Folge. Seitdem hinkte er etwas. Die Krankheit verschlimmerte sich, häufiges Zittern. Meyer schreibt, anfang der sechziger Jahre diagnostizierten Ärzte „eine Art Poliomyelitis, also Kinderlähmung. Nach seinem Herzinfarkt 1966 konnte er monatelang keine Note schreiben. In dieser Zeit las er viel, z.B. Alexandr Blok. Sein Poem „Die Zwölf“ zählte zu Schostakowitschs Lieblingswerken. So schrieb er 1967 „Sieben Romanzen nach Worten von A. Blok.“ In diesem Jahr auch das Violinkonzert Nr. 2 enstand, welches er für seinen Freund Dawid Oistrach schrieb. Von Schostakowitsch wurde aber erwartet, dass er eine Musik zum 50 Jahrestag der Revolution schreibe. Offenbar hatte Schostakowitsch keine Lust, und schuf ein sehr schlecht komponiertes Poem für Orchester, dieses Stück er „Oktober“ nannte. Schostakowitsch habe ziemlich selten mal schlecht komponiert, erfahren wir von Biografen. Rostropowitsch hat gesagt, es handele sich hier um absichtlich schlecht komponierte Musik (vielleicht hatte Schostakowitsch die Nase voll, für den Staat zu komponieren, brach er doch früher schon mal eine Oper ab, komponierte sie einfach nicht zu Ende: „Der stille Don“ nach Michail Scholochow).
Anstatt seiner staatsbürgerlichen Pflichten als Komponist nachzukommen, komponierte er zwei Werke, die eine Verbindung zum Thema Tod aufweisen: , die Symphonie Nr. 14, Streichquartett Nr.13. Offenbar bereitete sich Schostakowitsch in diesen Werken innerlich auf das Ende seines Lebens vor.
Hatte Schostakowitsch gerade erst mit der 12- Tontechnik experimentiert, schuf er mit der 13. Symphonie ein Werk, was bisherige Vorstellungen einer Symphonie sprengte, eine Symphonie für Sopran, Baß, sechs Schlaginstrumente, Celesta und 19 Streicher. Das Werk hat elf kurze Sätze, die sich in fünf größere Abschnitte aufteilen lassen. Für die Thematik des Todes sprechen die hierfür ausgewählten Texte von Lorca, Apollinaire, Kjuchelbecker und Rilke. Im Streichquartett Nr. 13, b-moll zitiert Schostakowitsch aus „Chorfragmenten über Trauer und Tod“ aus der Filmmusik zu König Lear.“ (Seite 460)
Ein Video braucht man nicht, nur aufmerksames hören. Mandelring Quartet: http://www.youtube.com/watch?v=Z2YrajPOL_c (http://www.youtube.com/watch?v=Z2YrajPOL_c)
Die letzten Jahre von Schostakowitsch fallen in die Jahre, die als „sowjetischer Realismus“ bezeichnet werden. Nach Chruschtschows Sturz galt die nachstalinistische Phase als beendet. Leonid Breschnew stieg auf zur Macht, dabei ich doch die Seltsamkeit bemerke möchte, dass Breschnew als Generalsekretär zu Beginn der 70er Jahre kultisch verehrt wurde. Es scheint tief in Menschen zu sein, dass sie eine Kultfigur gebrauchen oder danach sehnsüchteln. An sich nichts Neues. Im Alten Ägypten gab es das auch schon, will jetzt aber nicht vom Thema abdriften. Steve Jobs war auch so eine Art Kultfigur. Breschnew anullierte einige Reformen Chruschtschows, allerdings, es entwickelten sich Oppositionszweige, gegen die harsch angegangen wurde. Ich erinnere mich noch als damals Sacharow und Solschenizyn als Regimekritiker durch die Presse gingen. Solschenizyn „wurde von den Behörden schikaniert, in der Presse verunglimpft, aber seiner Freiheit nicht beraubt.“ - Ich frage mich jetzt, durfte er damals publizieren? In einigen Sowjetrebubliken wuchs das Nationalgefühl an. Es bildeten sich nationale Bewegungen, so gabe es in der Ukraine eine besonders große Verhaftungswelle. Beschnew glaubte an den „Triumph des Sozialismus auf der ganzen Welt“ (Breschnew, 1971), der Einfluss von Dissidenten wuchs aber, sodass Solschenizyn 1974 verhaftet und dann ausgewiesen wurde.
Schostakowitsch hatte für Dissidenten eine Sympathie, meinte aber, Solschenizyn solle „es nicht mit der Bande im Kreml aufnehmen....Ein Schriftsteller muß arbeiten. Er soll schreiben...“
Die Krankheit schreitete fort. Hinzu kam die Diagnoe Lungenkrebs. Schließlich war ein Lungenflügel funktionsuntüchtig, Metastasen. Schostakowitsch starb im Krankenhaus.
Krzyzstof Meyer schildert in einem Abschlusskapitel, seine persönlichen Begegnungen mit Schostakowitsch, in dem wir noch einiges persönliches, z.B. über Schostakowitschs Charakter erfahren. Die Tatsache, dass Meyer in der Biografie verhältnismäßig wenig persönliches zu erzählen wusste, liegt vielleicht an Schostakowitsch selbst.
Sein Verhalten entzog sich einer eindeutigen Beurteilung. Die einen sahen in ihm einen Opportunisten, andere wiederum respektierten sein Verhalten, in dem sie Beweise für eine Ablehnung des sowjetischen Machtanspruchs erkannten. Es gab auch einzelne, die Schostakowitsch für einen typischen russischen Sonderling hielten – einen Menschen, der den Tölpel spielt und unter der Narrenmaske der Welt auf umständliche Weise die Wahrheit sagt, wobei er seine Gedanken absichtlich in raue, farblose und ungelenke Worte kleidet.
(Seite 492)
1974 komponierte er das Streichquartett Nr. 15, es-moll, das längste Quartett, sechs Sätze, die ineinander übergehen, darin enthalten auch eine Elegie, ein Trauermarsch.
„Auf bewundernswerte Weise verstand es der Künstler, ein fünfunddreißigminütiges großes Adagio zu schaffen, das den Zuhörer von der ersten bis zur letzen Note fesselt und in Spannung hält.“
(Seite 482/83). Borodin-Quartet, sechs Videos: hier. (http://www.youtube.com/watch?v=Kz6o9wCNxbc)
Lieber Krzyzstof,...Ich bin wieder im Krankenhaus wegen Herz-Lungen- Komplikationen. Nur mit größten Schwierigkeiten kann ich mit der rechten Hand schreiben. Bitte deshalb nicht böse sein für diese krumme Schrift....Mit herzlichem Gruß D. Schostakowitsch
PS: Obwohl es mir sehr schwerfällt, habe ich eine Sonate für Viola und Klavier geschrieben. D. Sch.
Daraus das "Scherzo" (Spencer Martin (viola) Miko Kominami (piano) Luther College Faculty): hier. (http://www.youtube.com/watch?v=mhPjKHuLyOw&feature=related)
FINE