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Gemeinsam Lesen => Leserunden => Topic started by: Gontscharow on 06. März 2011, 16.25 Uhr
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Hallo liebe Svevo-Leserundenteilnehmer!
Es ist der 6. März 2011. Der Zenos-Gewissen-Thread ist hiermit eröffnet!
Möge er mit vielen klugen Beiträgen gefüllt werden! :angel:
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Möge er mit vielen klugen Beiträgen gefüllt werden! :angel:
Hab mich deshalb nicht getraut :-[ - aber ...
Hach, ich kann mit dem Buch genauso wenig anfangen wie mit "Senelita", der Humor erreicht mich nicht, der Protagonist geht mir auf die Nerven, diese Psychoanalyse ist so flach, also so überhaupt nicht unter der Oberfläche sondern so offensichtlich.
Wie geht es euch?
Vielleicht stoßt ihr mich ja noch mit der Nase auf Dinge, die ich einfach überlese, aber ich empfinde das Buch als äußerst seicht und lau ...
LG
Anita
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So, das erste Kapitel Das Rauchen ist gelesen.
Ein wenig Sorge bezüglich der Leserunde hab ich auch: So ist Svevos Nähe zur Psychoanalyse (und die Nähe des Romans zu derselben) dazu angetan, mir ein bisschen Kopfzerbrechen zu bereiten.
Mir scheint die Sorge unbegründet. Mit Psychoanalyse werden wir wohl trotz anderweitiger Verlautbarungen kaum behelligt. Sie bildet nur den fiktiven Erzählanlass (Erzähler ist in psychoanalytischer Behandlung und soll seine Lebensgeschichte aufschreiben).
Wir scheinen es hier mit einem etwas skurrilen, hypochondrischen Helden zu tun zu haben, der sich in den Fallstricken seiner guten Vorsätze ( mit denen ja bekanntlich der Weg zur Hölle gepflastert ist) verheddert, sich mit an Watzlawick erinnernder dialektischer Spitzfindigkeit analysiert und durchschaut, um dann so weitermachen zu können wie bisher.
... aber ich empfinde das Buch als äußerst seicht und lau ...
Dieses erste Kapitel reißt mich auch noch nicht vom Hocker. Mal schauen, was das nächste Der Tod des Vaters bringt. Scheint ja vom Thema her interessanter >:D als die Raucherproblematik.
Wie weit bist du, Anita?
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Wie weit bist du, Anita?
Ich habe eben das Kapitel "Die Ehefrau und die Geliebte" begonnen.
Viel Spaß beim Vaterkapitel, der ja so schwach ist ;D ::)
LG
Anita
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Möge er mit vielen klugen Beiträgen gefüllt werden! :angel:
Hab mich deshalb nicht getraut :-[ - aber ...
Ja, in diesem Forum wird man intellektuell gnadenlos gefordert. ::)
Ein wenig Sorge bezüglich der Leserunde hab ich auch: So ist Svevos Nähe zur Psychoanalyse (und die Nähe des Romans zu derselben) dazu angetan, mir ein bisschen Kopfzerbrechen zu bereiten.
Mir scheint die Sorge unbegründet. Mit Psychoanalyse werden wir wohl trotz anderweitiger Verlautbarungen kaum behelligt.
Schon die drei vorangestellten Zitate, besonders die weisen Sätze Schopenhauers über den Menschen als der ewig tragikomischen Figur im Trauerspiel seines Lebens, lassen nicht gerade vermuten, dass der Autor vom Nutzen der Psychoanalyse überzeugt ist. Tragikomisch ist auch der Protagonist des Romans, der für seinen Lebensunterhalt nicht arbeiten muss und daher jede Menge Zeit hat, unaufhörlich um sich selbst zu kreisen. Seine Versuche, sich das Rauchen abzugewöhnen, entwickeln sich zur Zwangsneurose, stellen aber auch den ständigen, nie realisierten Wunsch dar, sein Leben zu ändern, ein „idealer, lebenstüchtiger“ Mensch zu werden. „Es ist ja so bequem, sich groß zu glauben – vermöge einer latenten Größe“ (S. 37). Auch dieser bequeme Glaube ist wohl ein typischer Zug von uns "läppischen Lustspielcharaktere(n)".
Ich bin jetzt beim zweiten Kapitel, in dem das lange Sterben des Vaters geschildert wird. Mich hat das Buch auch noch nicht in den Bann gezogen, aber ich finde es bis jetzt ganz amüsant zu lesen. Auf alle Fälle hat es mich daran erinnert, dass ich mir dieses Jahr mal wieder die „Welt als Wille und Vorstellung“ vornehmen wollte.
Gruß
Anna
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Mich hat das Buch auch noch nicht in den Bann gezogen, aber ich finde es bis jetzt ganz amüsant zu lesen.
Du findest man könnte hier so ganz lapidar ein Buch einfach zur Unterhaltung lesen? ;)
Okay mit diesem Gedanken könnte ich mich anfreunden, unterhaltsam ist es, obwohl ich oft mit den Augen rollen muss, denn ich mag auch Filme weniger vom Format "Nackte Kanone" u. a..
Ich versuche mal meine Gedanken zusammen zu tragen, tue mich damit aber meist schwer, denn wenn mich ein Buch derart reizt, verfalle ich schnell in Sarkasmus.
LG
Anita
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denn wenn mich ein Buch derart reizt, verfalle ich schnell in Sarkasmus.
Macht doch nichts. Dann habe ich, der ich das Buch nicht kenne und nicht lese, wenigstens auch etwas vom Lesen Eurer Beiträge ... ;D
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Macht doch nichts. Dann habe ich, der ich das Buch nicht kenne und nicht lese, wenigstens auch etwas vom Lesen Eurer Beiträge ...
Ach, so einer bist du also. Nun gut, dann werde ich dir mal das Buch vorstellen:
Da ist zunächst dieser Doktor S, der sich im Vorwort zu Wort meldet und auch direkt einräumt, dass dem Leser „viele Überraschungen von Wahrheiten und Lügen“ aufgetischt werden. In der Vorrede beginnt dann der Protagonist und Ich-Erzähler seine Geschichte von der Kindheit an nieder zu schreiben. Darauf folgt dann das Kapitel „Das Rauchen“. Und das erinnert mich dann an so einen Film mit Leslie Nielsen, der ganz verbohrt, ewig und immer, mit dem Rauchen aufhören will, die schrägsten Dinge anstellt um von dieser Sucht abzukommen, aber viel zu schwach ist, um wirklich aufzuhören. Selbst „die letzte Zigarette“ wird ihm zum Suchtritual, er versucht es mit Elektroschocks und Säure, in einer Anstalt … es ist einfach nur lächerlich, aber nicht witzig.
Es folgt das Kapitel „Der Tod meines Vaters“, welches ziemlich zu Beginn feststellt, dass der Ich-Erzähler >>die Stärke verkörpere und er (der Vater) die Schwäche<<. Ach das ist dann wirklich so offensichtlich nach diesem Rauchentzug, das bringt mich nicht zum Lachen, eher zum Weinen, ehrlich ich wollte das Buch beiseite legen. Und es ist ja auch in der Tat so, dass es genau darauf hinaus läuft … Was für ein Schwachkopf dieser Zeno ist, liest man dann in „Die Geschichte meiner Heirat“. Kurz zusammen gefasst (ich denke, damit verrate ich nicht zu viel, weil es auf der Hand liegt), von vier Töchtern, wovon er eine heiraten möchte, sucht er sich die Schönste aus, erhält letztendlich die Hässliche, und wird dennoch glücklich mit ihr.
So, ich werde nun mal weiter lesen, weil es a. schön groß geschrieben ist und b. ich es mit euch gemeinsam lesen kann.
LG
Anita
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... er versucht es mit Elektroschocks und Säure, in einer Anstalt
Huh, das klingt ja rabiat! Ich glaube, mit den elektrischen Anwendungen, die der gutmütige Doktor ihm verabreicht, sind keine Elektroschocks gemeint, sondern eine vergleichsweise harmlose Methode zur Behandlung von Neurasthenie (vgl. Anmerkung Ruhmkorffsche Röhre). Zenos Kummer ist es ja gerade, dass man seine Sucht nicht ernst nimmt, und er wegen Sekundärsymptomen, hier Schlaflosigkeit, behandelt wird. Die
Säure bekommt er wegen angeblicher Verdauungsschwierigkeiten verabreicht.
Auch in der Anstalt wird seinem Leiden nicht die Beachtung gezollt, die der Hypochonder sich wünschen würde.
Es folgt das Kapitel „Der Tod meines Vaters“, welches ziemlich zu Beginn feststellt, dass der Ich-Erzähler >>die Stärke verkörpere und er (der Vater) die Schwäche<<. Ach das ist dann wirklich so offensichtlich nach diesem Rauchentzug, das bringt mich nicht zum Lachen, eher zum Weinen, ehrlich ich wollte das Buch beiseite legen. Und es ist ja auch in der Tat so, dass es genau darauf hinaus läuft …
Hier verstehe ich nicht ganz: Was ist offensichtlich und worauf läuft es hinaus? ::)
Das Kapitel Der Tod meines Vaters ist mMn dazu angetan, Lobsprüche wie „Italiens Beitrag zur literarischen Moderne“ u.ä. zu rechtfertigen. Es zeigt die Kommunikationslosigkeit zwischen Vater und Sohn, die Sprachlosigkeit des Vaters bei gleichzeitigem Anspruch, letzte Weisheiten zu verkünden. Seine Anflüge von Altersweisheit sind aber nur erste Anzeichen für seinen Gehirntumor! Das Kapitel zeigt Zenos Mittelmäßigkeit, seine geistige Trägheit, Feigheit, die jedoch Momente schonungsloser Ehrlichkeit und Selbstkritik nicht ausschließt. Erst nach dem Tod seines Vaters wird Zeno diesen "gebührend" lieben und verehren können, während er im Leben durch ihn eigentlich nur sekkiert war.
Das Kapitel endet mit einer grotesken Szene, in der der sterbende entmündigte Vater im wahrsten Sinne zurückschlägt!
Die Schrulligkeit der Personen mildert hier, was bei anderen Dichtern des 20.Jahrhunderts (etwa bei Rilke und Kafka) eine Wendung ins Tragische nimmt.
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Hallo!
Ich wollte für eine erste Einschätzung auch noch das zweite Kapitel über den Tod des Vaters abwarten. Nunja, bei mir macht sie so etwas wie gediegene Langeweile breit.
Die Rahmenhandlung (nebst psychoanalytischem Ansatz) ist - glücklicherweise - zu vernachlässigen. Es werden die Aufzeichnungen Zenos präsentiert, die er während seiner Behandlung durch einen Analytiker geschrieben hat und es soll wohl - anhand beispielhafter Themengebung wie etwa der Entwöhnung vom Rauchen - ein Bild dieses blasierten Müßiggängers von Kindheit bis Alter entworfen werden.
Sympathie kann man dem etwas weinerlichen, hypochondrischen höheren Sohn kaum entgegenbringen. Seine Rauchentwöhnversuche sind paradigmatisch - und ein Freund bemerkt treffenderweise, dass es sich bei all diesen seinen kapriziösen Veranstaltungen, vom Rauchen zu lassen, mehr um den Vorsatz handelt, um das ganze Brimborium rundherum denn um den tatsächlichen Willen von diesem seinem Laster loszukommen. Das Ganze als eine Art Vorwand, um sich die Langeweile zu vertreiben.
Das eine ist nun der Inhalt, das andere seine Darstellung. Mein Vergnügen beim Lesen war eher gering, zwischen leicht amüsiert und stirnrunzelnder Kenntnisnahme etwas abstruser Geschichtchen (wie jene von der notgeilen, alkoholabhängigen Pflegerin, wobei mir diese ganze Episode mit der freiwilligen Selbsteinschließung ein bisschen sehr konstruiert erscheinen wollte).
Das zweite Kapitel besser, aber wieder zu geschwätzig, in manchem (etwa der so sinnigen Ohrfeige des sterbenden Vaters) zu aufgesetzt metaphorisch. Aber hier gibt es schon auch beeindruckende Szenen, das selbstmitleidige Gejammer des Sohnes (wenngleich wieder ein wenig zu schwatzhaft), seine mühsamen Rationalisierungen des eigenen Verhaltens, die (von Gontscharow schon erwähnte) Kommunikationsunfähigkeit, manierierte Ichbezogenheit des Sohnes vermitteln ein eingängiges Bild dieses selbstgefälligen Müßiggängers. (Als Weltliteratur im Sinne eines großen Werkes würde ich das aber keinesfalls bezeichnen, um ein solches zu schaffen hätte es m. E. vieler Kürzungen, Straffungen bedurft, allzu aufgesetzt Sinnfälliges müsste gestrichen werden.)
Insgesamt für mich ein eher durchwachsenes Lesevergnügen, bei dem bislang die Langeweile überwiegt. Schmunzeln musste ich über ein Zitat auf der Rückseite, das diesen Roman als so "vergnüglich und spannend wie kaum ein anderes Werk der Weltliteratur" bezeichnet. Was liest der Herr Sebastian Fasthuber, von dem diese Zeilen stammen, ansonsten? Novellierungen der Strafprozessordnungen, Bauverhandlungsprotokolle, Gebrauchsanleitung für Videorekorder?
lg
orzifar
der im übrigen die erwähnten Schopenhauerzitate nicht in seiner Ausgabe gefunden hat.
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Hier verstehe ich nicht ganz: Was ist offensichtlich und worauf läuft es hinaus?
Ich habe wieder sehr kryptisch geschrieben, weil ich nichts verraten wollte. Offensichtlich wie schwach Zeno ist und auch, dass er ein "Schwachkopf" ist, weil ich das Wort nochmals gebrauchen wollte, man könnte ihn auch als "Idiot" bezeichnen.
(Als Weltliteratur im Sinne eines großen Werkes würde ich das aber keinesfalls bezeichnen, um ein solches zu schaffen hätte es m. E. vieler Kürzungen, Straffungen bedurft, allzu aufgesetzt Sinnfälliges müsste gestrichen werden.)
Ganz genau. Übrigens wie dein ganzer Kommentar ;)
LG
Anita
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Geschwätzig, schwatzhaft habe ich den Roman im letzten Posting genannt - und ich will präzisieren anhand einer - jetzt beliebig herausgegriffenen - Textstelle. Auf S. 94 meiner Ausgabe (Kapitel: Die Geschichte meiner Heirat) heißt es beim Tod des Schwiegervaters: "An seinem Grab galt mein Schmerz wie an allen Gräbern, an denen ich geweint habe, auch dem Teil von mir selbst, der dort begraben lag." Er beweint sich also - auch - selbst, trauert ob der Schmerzen, welche er als Trauernder ertragen muss, tut sich selbst ein wenig leid usf. Ein nicht seltenes Empfinden, aber mir ist eine solch explizite Ausführung unangenehm, ich will von solchen Gemütszuständen nicht auf diese etwas plump-direkte Art erfahren, sondern dezenter, verpackt in Bilder, welche vielleicht verschlüsselt, aber aufgrund der Beschreibungen dann sehr viel genauer jenen Zustand umschreiben, der den Leser nicken lässt, ja, genau so. Und weil die Welt der Guermantes näher rückt: Genau das macht die unglaubliche Qualität Prousts aus, der sich niemals zu solch platten Sätzen hergeben würde, der eben jene Bilder findet, die dann dieses Aha-Erlebnis auslösen (und ebenso wundervolle, wenn auch anders geartete Bilder findet Doderer für die Befindlichkeiten seiner Figuren). Natürlich ist diese Form der Beschreibung bei Svevo teilweise der Erzählstruktur geschuldet, aber auch Proust bedient sich - teilweise - eines Ich-Erzählers (wenn auch nicht in Reinkultur wie Svevo). Und natürlich sind die beiden genannten Schriftsteller wirkliche Größen. Aber eben genau das ist der Unterschied zwischen Svevo und Weltliteratur.
lg
orzifar
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, aber mir ist eine solch explizite Ausführung unangenehm, ich will von solchen Gemütszuständen nicht auf diese etwas plump-direkte Art erfahren, sondern dezenter, verpackt in Bilder, welche vielleicht verschlüsselt, aber aufgrund der Beschreibungen dann sehr viel genauer jenen Zustand umschreiben, der den Leser nicken lässt, ja, genau so.
Das meinte ich mit: >>der Humor erreicht mich nicht, der Protagonist geht mir auf die Nerven, diese Psychoanalyse ist so flach, also so überhaupt nicht unter der Oberfläche sondern so offensichtlich.<< Ich kann so was auch nicht haben, wie gesagt mir ist dann eher zum weinen und es ist mir gar peinlich, peinlich in der Art, weil es so platt ist.
Es wird aber alles noch schlimmer ;D
Außerdem erinnert das Werk immer mehr an "Senelità", die Vergreisung eines jungen Mannes. Das Zitat von orzifar >>an denen ich geweint habe, auch dem Teil von mir selbst, der dort begraben lag.<< gibt das auch schön wieder. Zeno sieht sich ja selber schon mit einem Bein im Grab. Svevo setzt ja senil mit ohne Tatkraft und Durchsetzungsvermögen, einen Entschluss nicht durchsetzen zu können, gleich. Irgendwie geistert auch hier wieder diese abstruse Verwechselung herum.
LG
Anita
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der im übrigen die erwähnten Schopenhauerzitate nicht in seiner Ausgabe gefunden hat.
Ich habe mich auch geirrt. Die drei Zitate, die aus der „Welt als Wille und Vorstellung“, dem „Mann ohne Eigenschaften“ und aus einer Kritik Thomas Manns über den MoE stammen, stehen gar nicht direkt vor dem Roman Svevos, sondern vor dem Vorwort von Francois Bondy und sind offenbar von ihm ausgewählt worden.
Das Buch ist für mich bis jetzt keine Offenbarung, aber gar so langweilig finde ich es auch wieder nicht, es lässt sich zumindest ganz gut herunterlesen. Ich muss orzifar allerdings zustimmen, der Roman kommt wirklich ein wenig geschwätzig und streckenweise auch zu platt daher. Wie ganz anders ist da die Erzählökonomie Thomas Manns im „Zauberberg“, dessen letzte Kapitel ich gerade lese: Eine weitschweifige, sich in viele Einzelheiten verlierende Erzählung, bei der doch kein Wort überflüssig ist (mal abgesehen vom zweiten Teil des „Schnee“-Kapitels, in dem Thomas Mann es auch etwas an Dezentheit fehlen lässt). An der Stelle, wo Zeno Ada kennen lernt, musste ich übrigens auch sofort an Proust denken. Wie Swann oder der Ich-Erzähler in der „Mädchenblüte“ verliebt sich auch Zeno nicht in das Mädchen selbst, sondern in seine Vorstellung von ihr. Aber wie subtil und vielschichtig, vor allem wie elegant wird das bei Proust geschildert, während Svevos Erklärungen psychologischer Vorgänge doch etwas grobschlächtig wirken.
Ich vermisse auch so etwas wie Stimmung oder Atmosphäre in dem Buch, also etwas, was zwischen den Zeilen mitschwingt. So wirkt beispielsweise die Sterbeszene des Vaters, obwohl sie ausführlich geschildert wird, auf mich sehr nüchtern und "stumpf".
@ Anita, ich kenne ja Deine Abneigung gegen zaudernde, hypochondrische Anti-Helden, aber ein Idiot ist Zeno denn doch nicht, er ist durchaus zur Selbstanalyse und Selbstkritik fähig, und das sind Idioten im allgemeinen nicht. ;)
Gruß
Anna
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Die Vergleiche mit Manns, Doderers und Prousts Romanen finde ich unfair! ;D Wie ein Vergleich von Äpfeln mit Birnen!
Zeno Cosini ist doch ein ganz anderes Genre, ein Bericht, eine Innenschau, eine Beichte mit Anklängen übrigens, wie ich finde, an den Schelmenroman! Das ist kein opulentes Gesellschafts-und Sittengemälde, mit Stimmung und Atmosphäre werden wir nicht verwöhnt, das stimmt. Wie in Pessoas Buch der Unruhe spielen sich die Dramen im Inneren ab, die Außenwelt fungiert als Kulisse. Irgendwo habe ich in Bezug auf Svevo den Begriff Literarischer Minimalismus gefunden, das passt ganz gut, finde ich.
Bei dem, was da manchmal arglos, manchmal dumm-dreist daherkommt, sollte man vielleicht mit dem Urteil platt etwas vorsichtig sein, oft ist es raffinierter und vielschichtiger, als es den Anschein hat, und die Plattheit liegt im Auge des Betrachters.
Mit Claudio Magris, dem Triester Literaten, hoffe ich, den Roman in seiner ganzen dämonischen Größe noch zu entdecken. >:D
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Die Vergleiche mit Manns, Doderers und Prousts Romanen finde ich unfair!
Sehr unfair! Aber da ich gerade Mann und Proust lese, drängen sich solche Vergleiche unwillkürlich auf. Außerdem wird Svevos Roman mittlerweile ebenfalls zur Weltliteratur gerechnet und muss sich Vergleiche gefallen lassen. Natürlich, im Roman geht es um die Innenschau eines ganz auf sich selbst konzentrierten Neurotikers, nicht um ein breites Gesellschafts- und Zeitgemälde (mit den Anklängen an den Schelmenroman magst Du übrigens Recht haben). Wenn literarischer Minimalismus bedeutet, viele Worte, aber wenig Atmosphäre und treffende Bilder, dann ist Svevo minimalistisch. Bis jetzt bietet der Roman inhaltlich, sprachlich und gedanklich noch nicht viel Beeindruckendes oder Originelles, wenn ich ihn auch für lesenswerter halte, als unsere beiden Mitstreiter es tun.
die Plattheit liegt im Auge des Betrachters.
>:D ;D
Mit Claudio Magris, dem Triester Literaten, hoffe ich, den Roman in seiner ganzen dämonischen Größe noch zu entdecken.
Ich bin auch noch guten Mutes.
Gruß
Anna
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Irgendwie habe ich eine solche Entgegnung befürchtet: Wer Schwächen eines Textes kritisiert, hat sie bloß nicht in ihrer ganzen Tiefsinnigkeit durchschaut, denn eigentlich sind diese Schwächen gewollt und in dieser ihrer Gewolltheit von raffiniertem Doppelsinn ;). Diesen zu erkennen war dem Kritisierenden nicht gegeben - der Text und dessen subtiles Arrangement sind ihm verborgen geblieben. Platt ist doppeldeutig und vielschichtig, keinesfalls aber ist platt --- platt. Außerdem erzielt man durch eine solche Argumentation einen Immunisierungseffekt, da mit dem Hinweis auf das Verborgene und Raffinierte dem Kritisierenden eine Art Unfähigkeit unterstellt wird, die ihn nicht hinter die Kulissen (der Eingeweihten?) blicken lässt. Gelingt ihm dies, kann er nur loben, gelingt es ihm nicht, kann man ihn nur bedauern: Er versteht's halt nicht. 1
Anderes Genre? Andere Innenansichten als jene der Recherche? Welchen verborgenen kleinsten Fältchen seiner Seele spürt der Erzähler denn nicht - neurotisch - nach, was wird da nicht alles zutage gefördert, erinnert? Und warum fiele es Proust niemals ein, eine solch sinnige Ohrfeige zu erfinden für die Todesstunde? Natürlich sind die Genannten Größen und ein Vergleich muss fast zwangsläufig zu ungunsten des Betroffenen ausfallen. Annas Vergleich bezüglich der Mechanismen von Verliebtheiten aber treffen m. E. trotzdem ins Schwarze, weil sie den Unterschied illustrieren. Mag durchaus sein, dass Svevo etwas anderes wollte, eine andere Form der Darstellung - was auch immer: Ich kann einfach nicht sagen, dass ihm dies bisher gelungen wäre. Aber ich möchte nach 100 Seiten noch kein Resumee ziehen, vielleicht kann ich nach Kenntnis der Gesamtkonzeption tatsächlich mehr Raffinement entdecken. Bislang aber könnte ich wirklich nicht sagen, was ein Wort wie "Weltliteratur" rechtfertigen würde, ich meine hunderte Romane gelesen zu haben, die diesem das Wasser reichen können. Literarischer Minimalismus ist ein recht treffendes Bild, wenn ich den Ausdruck auch ein wenig anders zu interpretieren vermeine.
lg
orzifar
1) Das erinnert mich nun an jene Zeit, von der Henisch erzählt: Wie oft war da die Rede in Diskussionen von Tief- und Doppelsinn, von Hintergründigem, das sich verberge hinter vermeintlich einfachen Texten. Während man, weil man den Schreiber derselben kannte, wohl wusste, dass der bestenfalls mal tief ins Glas geguckt hatte, aber das leider alles war, was der Autor bezüglich Tiefe bieten konnte. Und vice versa: Man schreibe einen Metatext, Buchstaben- und Wortkaskaden, alphabetisch geordnet und tiefsinnsschwanger vorgetragen, sodass des Lobens und Staunens nicht genug sein konnte bei soviel Scharfsinn. Passiert etwa, wenn man bei der Dichterlesung seine Manuskripte nicht findet und am Schanktisch mal schnell was zusammenkloppt für das bereits wartende Auditorium. Schwarzer Afghane als Phantasieansporn inklusive. Soll sich genau so schon ereignet haben ...
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Hallo,
auch Wilhelm Genazino sagt in seinem Nachwort: >>; mancher seiner Texte ist so leicht und einfach, daß er kaum mehr als die Ansprüche gehobener Unterhaltung zu erfüllen scheint. ... Svevos literarische Liebenswürdigkeit hat schon manchen Leser verführt, seinen Ernst und seine ausweglose Wahrhaftigkeit nicht zu sehen. Aber Svevos Werk hat viele Seiten; wir wollen ihm nicht dieses oder jenes Etikett aufkleben, an denen es auch seinem Werk nicht fehlt, sondern seine epische Welt kennenlernen.<< und dann fängt er an zu schwafeln, weiter habe ich noch nicht gelesen.
Ähnlich geht es dem Leser mit "Senelità", wo natürlich der Manesse-Verlag das Werk lobt, aber nicht recht begründet warum, und auch diejenigen, die über das Werk schreiben, wie Siegfried Lenz, keine eindeutigen Worte finden, was denn nun wirklich gut an dem Werk sei.
Ich frug eingehens, bitte weist doch meine Nase darauf hin, vielleicht bin ich zu dumm, aber was macht diesen Svevo so lesenswert?
Meine Vermutung ist, dass Svevo ein neues Genre eröffnete, denn seine Werke sind ca. 100 Jahre alt und die Werke, die wir mit ihm vergleichen immer jünger. Er hatte eine Vision, die er stümperhaft umgesetzt hat, andere nahmen es auf, machten es aber um Längen besser. Damit hätte er seine Berechtigung auf dem literarischen Markt, aber er schrieb keine Weltliteratur ;)
LG
Anita
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Für mich ist das mittlerweile zur Qual geworden, ich bin grade mal auf S. 145 und stöhne unter der Last der restlichen 450 Seiten. Werde die Leserunde möglicherweise nicht beenden, fortgesetzte Langeweile hoch drei, wie Gurgeln mit lauwarmen Kamillentee ::).
lg - orzifar
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Werde die Leserunde möglicherweise nicht beenden
Och, du wirst doch vor einem Stück Weltliteratur >:D nicht kapitulieren!
Auf Seite 145 bist du? Nach dem verwechslungskomödienhaften Eiertanz um die vier Malfenti-Schwestern wird es wieder besser!
Ja, der Text stellt einige Anforderungen an die Geduld des Lesers. Vor allem auch wegen der Sprache, wie ich finde! Holprig, abgehackt, staccatohaft, oft ist der Zusammenhang zwischen den Sätzen uneindeutig.
Das Buch …. lässt sich zumindest ganz gut herunterlesen.
Tja, Anna, du liest ja auch die Übersetzung von Piero Rismondi, wir anderen die modernere hochgelobte von Barbara Kleiner:
In dem Bemühen, mit einem gefälligen Text die Aufnahme in Deutschland zu befördern, glättete und schönte Piero Rismondo, der erste Übersetzer, den Stil und Text Svevos, ließ ganze Abschnitte weg und griff stellenweise bis zur Unkenntlichkeit in den Roman ein. Die neue Übersetzung von Barbara Kleiner folgt dem Original Svevos philologisch präzise und läßt zum ersten Mal Svevos sprachliche Eigenarten, seine Komik und eine Ironie hervortreten, die alle Nuancen zwischen Sarkasmus und Heiterkeit kennt.
(Klappentext)
Ich lese die zweisprachige Ausgabe von Zweitausendeins, die mir mit ihren rund 1200 Seiten Gelenkschmerzen verursacht und außerdem mit der (gewollt) holprigen Sprache der Übersetzung meinen Lesefluss hemmt. Ich finde, Barbara Kleiner übertreibt’s vielleicht ein bisschen mit der Authentizität und philologischen Genauigkeit. Manches finde ich im italienischen Originaltext (obwohl es nicht meine Sprache ist und ich auch des Triestinischen nicht mächtig bin) geschmeidiger, klarer und besser verständlich!
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Zu den bisherigen Hemmnissen, ich kann mit Svevo nichts anfangen plus Augenprobleme, hat sich noch ein neuer hinzu reiht, beim Umzug tut sich endlich was, kann/wird es auch bei mir sein , auch nach über 300 Seiten, dass ich das Buch beiseite lege.
Ab Sonntag bin ich wieder für eine Woche unterwegs, ich weiß nicht wie oft ich vorbei schauen kann ...
LG
Anita
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Anstatt mich weiter mit Zenos Gewissen zu beschäftigen, habe ich mich gestern in einen Roman vertieft, der ebenfalls im merkantilen Milieu einer mittelgroßen Hafenstadt spielt und den Niedergang ihres Bürgertums nachzeichnet. Mein Augenmerk war besonders auf eine Gestalt gerichtet, lebensuntüchtig, wenngleich aus dem Besitzbürgertum stammend, unfähig zu bürgerlichem Broterwerb, geschweige denn zu unternehmerischem verantwortungsvollen Handeln, störend und allen auf die Nerven gehend, peinlich, lächerlich, sich in Krankheiten flüchtend: ja - auf Christian Buddenbrook. Die ganze Zeit während der Zeno-Lektüre hatte mich das Gefühl begleitet, die Gestalt Zenos - über ihre Zugehörigkeit zum Typus des passiven Anti-Helden hinaus - irgendwoher schon zu kennen.
Die Übereinstimmungen gehen bis in Einzelheiten: Das zu früh sich lichtende Haar (übrigens auch Svevos Problem) die psychosomatischen Ticks, die linke Seite, die bei Bedarf schmerzt( bei Christian sind die Nerven dort zu kurz , bei Zeno, glaub ich, ist was mit der linken Hüfte), die Untragbarkeit im väterlichen Geschäft, der Hang zur Kunst (auch Zeno kratzt ja auf der Geige) usw...
Und doch: Christian ist nur eine Nebenfigur, in Zaum gehalten durch seine Familie, besonders seinen sich gegen die Entwicklung noch stemmenden Bruder, er ist dessen etwas clowneske lächerliche Variante. Und alles wird vermittelt durch einen bedächtigen, verlässlichen Erzähler!
Ja, und zwanzig Jahre ( und einen Weltkrieg ) später ist diese Nervensäge zum Protagonisten und Erzähler geworden (man könnte auch sagen, Svevo hat den Mut gehabt, ihn zur Hauptperson zu machen), aus dessen seltsamer Perspektive wir die Welt sehen.
Im Anschluss an die Buddenbrooks-Lektüre habe ich noch etwas im Zeno Cosini gelesen. Es war, als wäre man aus einem mit Stativ-Kamera in einen mit Handkamera gedrehten Film übergewechselt.
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@ Anita: Viel Erfolg, was die Umzugspläne betrifft!
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Im Anschluss an die Buddenbrooks-Lektüre habe ich noch etwas im Zeno Cosini gelesen. Es war, als wäre man aus einem mit Stativ-Kamera in einen mit Handkamera gedrehten Film übergewechselt.
Hast du also auch dieses szenische Gefühl bei Svevo, sprich filmmäßig. Als du von dem Staccato-Stil bei der Übersetzung von Kleiner sprachst, kam mir direkt der Gedanke, ja da haben wir den Grund: gehetzt und atemlos, gar nicht mehr richtig beschreibend, sondern ein Dahinwerfen.
Ich kann meist nur schreiben was ich beim Lesen empfinde, dass dahinter dann diese oder jene Literaturtheorie steht, darauf weisen mich meist andere hin ;D
Ist daraus dann später der Bewusstseinsstrom entstanden?
LG
Anita
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ja - auf Christian Buddenbrook. Die ganze Zeit während der Zeno-Lektüre hatte mich das Gefühl begleitet, die Gestalt Zenos - über ihre Zugehörigkeit zum Typus des passiven Anti-Helden hinaus - irgendwoher schon zu kennen.
Den Christian habe ich nie als Nervensäge empfunden, eher liebenswert (gut, man kann beides sein: Liebenswert und nervend), der hat alles, dessen Zeno ermangelt: Er ist witzig, traurig, seltsam, tragisch. Der Vergleich ist sehr gut gewählt und macht klar, welch exorbitante Unterschiede zwischen diesen Werken bestehen. Bzw. zwischen Mann und Svevo.
lg
orzifar
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Tja, Anna, du liest ja auch die Übersetzung von Piero Rismondi, wir anderen die modernere hochgelobte von Barbara Kleiner:
Von Rismondis eigenwilliger Bearbeitung des Texts habe ich auch gelesen, natürlich erst, nachdem ich das Buch gekauft habe. Normalerweise ärgern mich solche Eingriffe sehr, aber in diesem Fall scheinen sie der Lesbarkeit des Romans zugute gekommen zu sein, denn „Zeno Cosini“ in meiner Version wird es zwar sicher nicht unter meine Top 10 schaffen, aber so furchtbar langweilig finde ich ihn auch nach dem fünften Kapitel nicht. Die psychologischen Beobachtungen sind ja durchaus richtig, die Selbsttäuschungen, die Stimmungsschwankungen, die Eigentümlichkeit von Gefühlen (wenn es beispielsweise Zeno nicht weiter belastet, dass er seinen Rivalen Guido beinahe von der Mauer gestoßen hätte, wohl aber, dass er indiskreterweise Augusta von Guidos Hass auf die Frauen erzählt hat). Apropos Frauenhass: Otto Weiningers „Geschlecht und Charakter“ scheint einigen Einfluss auf die Schriftsteller jener Zeit ausgeübt zu haben, jedenfalls stolpere ich immer wieder über seinen Namen.
Auf die Parallelen zu Christian Buddenbrook bin ich gar nicht gekommen. Ich habe Zeno eher mit dem Ich-Erzähler bei Proust verglichen. Beide sind ja ähnlich verzärtelt, hypochondrisch und neurotisch. Auch wenn die Erzählintention bei Proust eine andere ist, fällt die Beschreibung der eigenen Gefühlslage und der Verhaltensweise anderer Personen bei ihm erheblich diffiziler und feinfühliger aus als bei Svevo. Auch Humor und Ironie sind mir im „Zeno“ zu grob gestrickt. Allein schon die Sache mit den drei Heiratsanträgen am selben Abend ist viel zu übertrieben und erscheint einfach idiotisch. Da lobe ich mir die subtile Ironie Prousts oder die Fähigkeit Thomas Manns, all seine Personen mehr oder weniger zu karikieren, ohne aus ihnen Witzfiguren zu machen. Zeno Cosini dagegen wirkt wie ein ziemlich nervtötender Hanswurst.
Auch von dem Schauplatz der Handlung bekommt man wenig mit. Bei Proust hat man Combray, Balbec und die Pariser Salons vor Augen stehen, Svevos Triest, dem die Herausgeber im Anhang meines Buchs eigens einen Aufsatz gewidmet haben, ist zumindest im ersten Drittel des Romans kaum gegenwärtig.
Aber gut, das kann ja noch kommen. Ich werde es jedenfalls weiter zwingen.
Gruß
Anna
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Das Leseerlebnis des Jahres wird aus diesem Buch nimmermehr. Das ganze Geschreibsel mutet wie ein Entwurf zu einem Roman an, übergangslos wird von einer Szene zur anderen gehampelt, wie in einer Ideensammlung, die Handlungen sind motivationslos und selbst nach über 200 Seiten hat man überhaupt keinen Eindruck vom Verhältnis der Figuren zueinander, manche Bemerkungen kommen für mich völlig überraschend (etwa, wenn der Protagonist plötzlich feststellt, das ihm seine Schwiegermutter zuwider ist, was sich aus dem Vorangehenden überhaupt erschließen lässt). Oder sein Verhältnis zu Guido, von Mordgedanken bis Freundschaft wechselt da alles kunterbunt durcheinander - innerhalb kürzester Zeit, und weder das eine noch das andere ist aus dem Handlungsverlauf plausibel zu erklären. Dazu immer wieder Einleitungssätzchen, die in ihrer Naivität an die Behandlung von Schulaufsätzen erinnern ("Mein schönstes Ferienerlebnis"). Raffiniert? - daran kann ich schon deshalb nicht glauben, weil es in diesem Roman bisher wirklich nichts, aber schon gar nichts gibt, was nur im entferntesten auf eine solche Raffinesse schließen ließe.
lg
orzifar
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Zwei Beispiele für diese unausgegorene Schreibweise: Auf S. 235 heißt es: "Ich weiß nicht, warum ich ihm nicht sagen wollte, daß mir jede Zügellosigkeit fernlag, und zwar schon seit geraumer Zeit." Eine Seite später denkt er mit der "Schauder des Begehrens an alle Frauen", die er der eigenen wegen vernachlässigt und führt dann weiter aus, wie wichtig die sekundären Geschlechtsmerkmale dieser Fremden sei usf.
S. 240: Er will sich vor einer "lästigen Angelegenheit" drücken, nämlich die Dankesbekundungen einer Frau entgegenzunehmen, zwei Absätze später ist er "gut gelaunt, denn ich ging ja die meiner Menschenfreundlichkeit geschuldete Dankbarkeit einsammeln". Wenn er trotz vorher in Abrede gestellter "Zügellosigkeit" (müsste man wohl definieren) mit der jungen Dame ein Verhältnis anfangen würde, wäre meine Verwunderung gering zu nennen.
lg
orzifar
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Mich beschleicht ein grauenhafter Verdacht: Ich bin der einzige auf der Svevoschen Folterbank, alle anderen sitzen im Auditorium und delektieren sich hohnlachend an meinem Schmerzensgeschrei ...
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Mich beschleicht ein grauenhafter Verdacht: Ich bin der einzige auf der Svevoschen Folterbank, alle anderen sitzen im Auditorium und delektieren sich hohnlachend an meinem Schmerzensgeschrei ...
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Ich komme nicht so recht voran. Momentan habe ich Besuch von zwei munteren Mädchen aus Deutschland, die mich mit den witzigen Schilderungen ihrer diversen Liebesabenteuer erheblich besser unterhalten als Zeno mit seiner lang und breit erzählten Ehebruchsgeschichte. Heute versuche ich, das sechste Kapitel zu beenden, aber allmählich beginnt mich der Roman auch zu langweilen. Bei seinem Erscheinungsdatum 1923 mag das anders gewesen sein, aber heute bietet diese ganz auf sich selbst fixierte Nabelschau des Protagonisten nichts Neues oder Interessantes mehr. Auch wenn die Gedankensprünge und Stimmungsschwankungen Zenos eine Vorform des stream of consciousness sein mögen, ist – wie orzifar schon sagt - sein Wankelmut streckenweise nicht mehr nachzuvollziehen. Gedanken und Verhalten Zenos wirken völlig kindisch. Mir fehlt nach wie vor das Drumherum, also Lokalkolorit, Atmosphäre usw. Die Schilderung des Ehebruchs zieht sich hin, ohne einen durch psychologischen Scharfsinn zu frappieren. Das habe ich alles schon besser (und kürzer) dargestellt gelesen.
Gruß
Anna
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Hallo liebe Svevo- Leserundler!
Ihr seid nicht allein! Bei den grauenvollen Nachrichten der letzten Tage konnte ich mich einfach nicht auf Literatur - schon gar nicht auf Svevo konzentrieren.
Vielleicht morgen wieder...
Herzlich grüßt
G.
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Hallo!
Eines der Probleme des Romans besteht in seiner Erzählstruktur: Die Ich-Form kombiniert mit den sarkastischen, zynischen Attitüden wirkt unglaubwürdig. Erzählte man von Zeno als von einer dritten Person würde das alles weniger plump und aufgesetzt wirken, dadurch aber, dass er zum einen als ein durchaus intelligenter Mensch erscheint, intellektuell interessiert, gebildet, schreibend wirken die amoralischen Bemäntelungen seines Tuns künstlich und konstruiert und scheinen in nichts mit seiner anderen Person in Einklang zu bringen zu sein. Ich meine ständig den Autor hinter Zeno zu spüren, nirgendwo will dieser mir als eine - auch in seiner Zerrissenheit - eingängige Figur erscheinen, er wirkt ausgedacht und keinesfalls authentisch.
Als Anita das Adjektiv "stümperhaft" gebrauchte, wollte ich mich noch dagegen verwehren - aber es trifft die Schreibweise doch ganz gut. Der Romanfigur nimmt man seine Handlungen nicht ab, er dient als bloßes Behältnis für irgendwelche Ideen des Autors, welche, ob passend oder nicht, dieser Figur aufoktroyiert werden. Da ja auch die Übersetzerin sich nicht entblödet, die Namen Proust und Joyce in den Mund zu nehmen und Svevo neben sie zu stellen: Bei beiden habe ich nirgendwo, selbst nicht in den kleinsten, unwichtigsten Szenen einen derartigen Dilettantismus am Werk gesehen.
lg
orzifar
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Im Anschluss an die Buddenbrooks-Lektüre habe ich noch etwas im Zeno Cosini gelesen. Es war, als wäre man aus einem mit Stativ-Kamera in einen mit Handkamera gedrehten Film übergewechselt.
Hast du also auch dieses szenische Gefühl bei Svevo, sprich filmmäßig ... gehetzt und atemlos, gar nicht mehr richtig beschreibend, sondern ein Dahinwerfen.
Ja, das wollte ich mit dem Bild der Stativ- und der Handkamera andeuten: Während in den Buddenbrooks ein Erzähler quasi von einer höheren Warte aus sichtet, filtert und das Verhalten der Personen in ein Ganzes einordnet, ist der Leser von Zenos Gewissen den Ergüssen des Protagonisten direkt und unvermittelt ausgesetzt und muss dem Zickzackkurs seines Bewusstseins folgen. Nach der vergleichsweise geruhsamen Erzählweise der Buddenbrooks versetzte mir die anschließende Zeno –Lektüre so etwas wie einen Modernitätsschock: ich befand mich (wieder) auf dem schwankendem Boden der Moderne.
Die psychologischen Beobachtungen sind ja durchaus richtig…… die Eigentümlichkeit von Gefühlen (wenn es beispielsweise Zeno nicht weiter belastet, dass er seinen Rivalen Guido beinahe von der Mauer gestoßen hätte, wohl aber, dass er indiskreterweise Augusta von Guidos Hass auf die Frauen erzählt hat).
Das zieht sich durch den ganzen Roman, diese versetzten, deplacierten, nicht angemessenen, widersprüchlichen Gefühle. Zeno scheint in der Welt, in der er lebt, ja, in seinem Leben, nicht richtig zu Hause zu sein. Er ist immer irgendwie daneben. Nichts passt, das Selbstverständliche, Einfache und Natürliche ist kompliziert, das Vertraute fremd. Mir kommt da das gute alte Wort Entfremdung in den Sinn:
Entfremdung bezeichnet einen individuellen oder gesellschaftlichen Zustand, in dem eine ursprünglich natürliche Beziehung (zwischen Menschen, Menschen und Arbeit, Menschen und dem Produkt ihrer Arbeit sowie von Menschen zu sich selbst) aufgehoben, verkehrt oder zerstört wird.(Wikipedia)
Ja, er hat diesen fremden Blick auf alles und schert aus allen sozialen Rollen irgendwie (halbherzig) aus. Weder ist er ein Sohn comme il faut, noch ein guter Freund, weder ein überzeugter und überzeugender Ehemann und Vater, noch ein gescheiter Geliebter! Dem Fremden in Camus' Roman wird (vom Gericht) vorgeworfen, dass er am Todestag seiner Mutter eine Kinovorstellung besucht habe. Christian B. aus L. hält ein Nickerchen, während seine Geschwister am Sterbebett der Mutter auf ihre letzten Worte warten, ist dann aber wach genug, um - während die Leiche aufgebahrt im Nebenzimmer liegt - lautstark Geschirr und Möbel einzufordern.( Meinen wir eigentlich dieselbe Person, orzifar, den späteren Ehemann der Aline Puvogel?) Ja, und Zeno spielt beim Tod des Vaters mehr den betroffenen Sohn, als dass er mit seinen Gefühlen nachkommt. Die Geste des Vaters ist der groteske Schlusspunkt eines unwürdigen Schauspiels ( die Metaphorik nur ein Nebeneffekt). Bezeichnenderweise grämt sich Zeno in der Todesstunde seines Vaters weniger über dessen Hinscheiden als darüber, dass ein Anwesender diesen Eklat weitererzählen und er als Sohn schlecht dastehen könnte. Wie schon erwähnt empfindet er erst später eine (sentimentale) Liebe für seinen Vater.
Zeno hat eine höchst verzwickte Gefühlsökonomie. Vieles ist ihm nur möglich, wenn er sich gleichzeitig mit schlechtem Gewissen und guten Vorsätzen kasteien kann. So ist er nie so glücklich mit seiner Geliebten, die ihm ja bereits auf die Nerven geht, nie ist die Liebe so köstlich wie an dem Tag, als sie den Entschluss fassen, die Beziehung zu beenden. Nur dass es Carla im Gegensatz zu ihm Ernst ist mit dem Schlussmachen und sie sein Spiel mit dem letzten Mal nicht mitspielt … Auch das intrigante Spiel mit Guido, seine Indiskretion gegenüber seiner Frau, von der er weiß, dass sie alles brühwarm ihrer Schwester erzählen wird, ist begleitet von schlechtem Gewissen.
Im Grunde weiß Zeno, dass er so etwas wie eine paradoxe Symptomverschreibung bräuchte. Bezogen auf sein Rauchen: Man müsste ihn zwingen zu rauchen, dann würde er aufhören können. Er sucht das Weite und ist angewidert von seiner Geliebten, als er auf ihr Drängen hin eine (ganze) Nacht mit ihr verbringen soll, was problemlos möglich wäre, weil seine Frau außerhäusig ist. So kommt er gerade durch die Möglichkeit, sein „Laster“ ausleben zu können bzw. zu sollen, dem Vorsatz, seiner Frau treu zu sein, bedrohlich nahe.
Zeno ist ein Narziss, er entzieht sich der Verantwortung, laviert sich durchs Leben. Doch wie Christian B. und anderen Lebensuntüchtigen kann man ihm nicht recht böse sein, denn er verweigert sich ja den Anforderungen einer gnadenlosen Geschäftswelt und einer verlogenen maroden Gesellschaft und legt damit den Finger auf die Wunden der Zeit …
Ich kann eure Klagen verstehen, ich selbst stoße mich auch an manchem und würde den Roman - Weltliteratur hin oder her - nicht unbedingt weiterempfehlen, schon gar nicht als „Lesegenuss“, wie es hier immer so schön heißt. Aber ich meine doch so allmählich dahinterzukommen, was die Modernität des Romans und damit seine Bedeutung ausmacht ….
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Eines der Probleme des Romans besteht in seiner Erzählstruktur: Die Ich-Form kombiniert mit den sarkastischen, zynischen Attitüden wirkt unglaubwürdig. Erzählte man von Zeno als von einer dritten Person würde das alles weniger plump und aufgesetzt wirken, dadurch aber, dass er zum einen als ein durchaus intelligenter Mensch erscheint, intellektuell interessiert, gebildet, schreibend wirken die amoralischen Bemäntelungen seines Tuns künstlich und konstruiert…
Man darf den Adressaten nicht aus den Augen verlieren. Es ist geschrieben für seinen Analytiker und manchmal kommt es mir so vor, als würde Zeno Erfundenes "beichten", wie ein Dreizehnjähriger im Beichtstuhl, dem der Sündenstoff ausgegangen ist.
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Hallo!
Das zieht sich durch den ganzen Roman, diese versetzten, deplacierten, nicht angemessenen, widersprüchlichen Gefühle. Zeno scheint in der Welt, in der er lebt, ja, in seinem Leben, nicht richtig zu Hause zu sein. Er ist immer irgendwie daneben. Nichts passt, das Selbstverständliche, Einfache und Natürliche ist kompliziert, das Vertraute fremd. Mir kommt da das gute alte Wort Entfremdung in den Sinn:
Entfremdung bezeichnet einen individuellen oder gesellschaftlichen Zustand, in dem eine ursprünglich natürliche Beziehung (zwischen Menschen, Menschen und Arbeit, Menschen und dem Produkt ihrer Arbeit sowie von Menschen zu sich selbst) aufgehoben, verkehrt oder zerstört wird.(Wikipedia)
Kann man natürlich so sehen. Ich aber habe den Eindruck, dass das, was da "nicht passt", bloß die Unfähigkeit des Autors ist. Camus' Entfremdung ist eine andere, sie holpert nicht so hilflos daher, Christians (ich nehme schon an, dass wir denselben meinen, jenen mit den "auf einer Seite verkürzten Nerven") Hypochondrie kann man nachfühlen (sie ist meines Wissens auch einem Verwandten Thomas Manns nachgebildet, der über diese Darstellung nicht sehr erbaut war), während bei Svevo alles immer ein wenig klappert, hilflos wirkt, mühselig erfunden. Und zwar auf eine Weise, die - mir - nicht beabsichtigt scheint, sondern schlicht auf mangelndes schriftstellerisches Können zurückzuführen ist.
Zeno hat eine höchst verzwickte Gefühlsökonomie. Vieles ist ihm nur möglich, wenn er sich gleichzeitig mit schlechtem Gewissen und guten Vorsätzen kasteien kann. So ist er nie so glücklich mit seiner Geliebten, die ihm ja bereits auf die Nerven geht, nie ist die Liebe so köstlich wie an dem Tag, als sie den Entschluss fassen, die Beziehung zu beenden. Nur dass es Carla im Gegensatz zu ihm Ernst ist mit dem Schlussmachen und sie sein Spiel mit dem letzten Mal nicht mitspielt …
Selbst hier, wo nun durchaus nachvollziehbare Gefühle im Spiel sind, wirkt das alles aufgesetzt: Wieviel eleganter hat etwa Schnitzler schon Jahre zuvor diese Problematik im Anatol-Zyklus aufgelöst, wieviel eingängiger, genauer.
In der zweiten Hälfte des Romans (ich halte auf S. 480) wird der Heuchler, Intrigant und eingebildete Kranke (dem ich im übrigen weder Mitleid noch Verständnis entgegenbringen kann, man (ich) kann ihm durchaus böse sein im Gegenteil zu Christian, was für die Beurteilung natürlich irrelevant ist) nachvollziehbarer, greifbarer, immer noch aber habe ich den Eindruck, dass die Brüche nicht gewollt sind, dass Svevo seinen Stoff einfach nicht im Griff hat. Sehr häufig entgleitet ihm das Geschehen - und was dann modern anmutet, scheint mir Unvermögen, auch deshalb, weil ich eben nirgendwo besondere Fähigkeiten zu entdecken vermag und mir die Erklärung "sprachlich-inhaltliche Überforderung" sehr viel wahrscheinlicher anmutet als besonderes Raffinement.
Ich bin echt froh, wenn ich diese meine persönliche literarische Kernschmelze überstanden habe.
lg
orzifar
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Hallo!
Es ist vollbracht. Die letzten Teile haben mir etwas besser gefallen, sowohl jene über die geschäftlichen Aktivitäten als auch das berührend-komische Ende mit dem Ausbruch des Krieges zwischen Österreich und Italien, der Cosini nach einer kleiner Wanderung wegen einer inzwischen installierten Grenztruppe nicht mehr zu seinem Milchkaffee zurückkehren lässt. Ein wenig hat mich das alles versöhnt, Lobeshymnen, wie etwa im Nachwort von Wilhelm Genazino gesungen, bleiben mir dennoch ein Rätsel.
Aber in diesem Nachwort kommt teilweise auch die Hilflosigkeit des zur Hommage Entschlossenen zum Ausdruck: Denn über den "Zeno" weiß er nicht viel mehr zu sagen, als dass dieser zwischen Frau und Geliebter lavierend schließlich zu Sicherheit und Ruhe zurückkehrt. Ansonsten wird gerade der Zeno mit Schweigen bedacht. Und dann ein Satz, der mir einiges verständlicher erscheinen lässt: Angeblich hat Svevo nur 14 Tage an diesem Roman geschrieben - und das würde einiges, vieles erklären. Denn sowohl Handlung als auch Ausführung scheinen von großer Nachlässigkeit zu zeugen, möglicherweise hätte Svevo bei einer Überarbeitung einiges glätten, streichen können und damit das Buch vor diesen oftmals wirren Passagen bewahren können.
Ob die anderen Romane besser sind, durchdachter? (Anita scheint dieser Meinung nicht zu sein ;).) Ich warte nun mal auf euer Resumee, aber wirklich Lust auf mehr vom gleichen Autor hat der Roman nicht gemacht.
lg
orzifar
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…dem (Zeno) ich im übrigen weder Mitleid noch Verständnis entgegenbringen kann, man (ich) kann ihm durchaus böse sein im Gegenteil zu Christian…
Mitleid - nein, das bringe ich ihm auch nicht entgegen, aber so etwas wie Sympathie, weil er sich (wie gesagt) ja einer Welt verweigert und entzieht, die es nicht besser verdient hat. Mit ihm ist kein Staat zu machen, er ist Sand im Getriebe … Ich habe diesen Verweigerungs-und Überlebenskünstler während der Lektüre immer vor mir gesehen, wie er sich ins Fäustchen lacht und leise Je suis de la mauvaise herbe, braves gens… singt.
Das Schlusskapitel liegt nun auch hinter mir.
Waren schon die vorangegangenen Kapitel unruhig, widersprüchlich, konfus, so trägt das Schlusskapitel dazu bei, den Leser vollends zu verwirren: Hat Zeno Guido nun gehasst, in den Tod getrieben oder beschützt und geliebt? War Anna seine große Liebe oder Augusta, war er mono-oder polygam, wer weiß? Ist überhaupt alles nur erstunken und erlogen? Müsste alles neu geschrieben werden? Auch das erwägt er, alles scheint möglich.
Sicher ist nur eins: Das Leben, die Wirklichkeit ist brüchig, fragil, in der Erinnerung, in der Rückschau kaum zu rekonstruieren. Was dabei herauskommt, ist ein Trug-, Such- oder Vexierbild, bei dem mal dieses, mal jenes ins Auge springt und seine Bedeutung ändert, je nach Blickwinkel des Betrachters.
Die letzten Teile haben mir etwas besser gefallen…… das berührend-komische Ende mit dem Ausbruch des Krieges zwischen Österreich und Italien, der Cosini nach einer kleiner Wanderung wegen einer inzwischen installierten Grenztruppe nicht mehr zu seinem Milchkaffee zurückkehren lässt.
Ja, erinnert das nicht ein bisschen an Schwejk? Ich sagte ja, Schelmenroman. Berührt hat mich auch besonders der Umstand, dass Zeno sich in unmittelbarer Nähe von Görz/Gorizia befindet. Von diesem Ort kehrt er mit der Bahn nach Triest zurück. Das Trauma des ersten Weltkrieges ist (jedenfalls für Italiener) mit diesem Namen verbunden (Gorizia, tu sia maledetta, per ogni cuore che sente coscienza…)
Das alles schwelte ja schon vorher, kommt für Zeno jetzt aber scheinbar ganz überraschend…
…in diesem Nachwort kommt teilweise auch die Hilflosigkeit des zur Hommage Entschlossenen zum Ausdruck….
Ja ;D , übrigens begegnet einem das allenthalben. Bis auf dürftige Inhaltsangaben und markige Lobsprüche wie Harald Schmidts Italo Svevo, Das ist ein Gigant habe ich nichts zum Zeno gefunden.
Auch Claudio Magris' Artikel in der Zeit bewegt sich sehr im Allgemeinen und Vagen.
Ob die anderen Romane besser sind, durchdachter?
Ich kenne noch Senilità, ein, wie ich finde, lesenswerter Roman, melancholischer und ohne den etwas derben Humor des Zeno. Bestimmt werde ich noch Una vita, Svevos ganz frühen Roman lesen und irgendwann seinen letzten Il vecchione (Der Greis), denn der alte Svevo gefällt mir.
Wie gesagt, Italo Svevo, das ist ein Gigant. ;)
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Also Sympathie zu empfinden gelingt mir gar nicht. Zeno ist Egomane, sein Denken dreht sich einzig um ihn selbst und zu so etwas wie Liebe (im Sinne von Gegenseitigkeit, Gleichberechtigung) ist er überhaupt nicht fähig. Weder liebt er Augusta (wobei sich das nicht unbedingt darin äußert, dass er sie betrügt; wenn er sich die Entdeckung seiner Untreue überlegt, bedauert er gar nicht so sehr seine Frau, sondern seine verlorene Ruhe), noch Carla, die für ihn einfach nur ein erotisches Objekt ist (das er nicht liebt, aber auch keinem anderen wirklich vergönnt), er begehrt auch in Ada bestenfalls ihr Aussehen, ihre Unerreichbarkeit.
Ebenso sind seine Freundschaft oder Hilfe (im Falle des fallierenden Guido) von egoistischen Überlegungen motiviert, er überlegt einzig, welchen Eindruck diese Unterstützung auf die Umgebung (z. B. Ada) haben würde, aber es scheint ihm nirgendwo um Guido zu gehen, dessen Selbstmord er ein wenig bedauert, weil er ja eigentlich ein Unfall und nicht wirklich beabsichtigt gewesen ist.
Zeno instrumentalisiert seine Umgebung, sie dient ihm als Spiegel seiner kleinen Eitelkeiten, ist ihm Anlass zu Reflexionen, aber tatsächliches Mitgefühl oder Anteilnahme konnte ich nirgendwo entdecken. Der Tod seines Vaters, Coplers, Guidos - hier ist kein Schmerz des Verlustes wegen zu spüren, hier werden nur einige philosophische Reflexionen angestellt, die Auswirkungen auf ihn selbst untersucht.
Das Übermaß an Heuchelei ist das eine; dass aber Zeno als ein eigentlich kluger Mensch sich in seinen Reflexionen immer noch als "gut" oder "mitfühlend" beschreibt, wirkt auf mich unglaubwürdig. Man könnte diese Selbstbeurteilung als ironisch, sarkastisch, bewusst überhöht bezeichnen: Mir aber schien es auf ein Ungenügen Svevos hinzuweisen. Womit wir wieder beim Anfang wären ;).
lg
orzifar
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Also Sympathie zu empfinden gelingt mir gar nicht. Zeno ist Egomane, sein Denken dreht sich einzig um ihn selbst und zu so etwas wie Liebe …. ist er überhaupt nicht fähig. Weder liebt er….., noch….
Sympathie habe ich für Zeno auch nicht wegen seiner vorhandenen oder nicht vorhandenen Liebesfähigkeit oder seines Altruismus, du hast recht, darum ist es schlecht bestellt, sondern wie gesagt nur deshalb:
... er verweigert sich ja den Anforderungen einer gnadenlosen Geschäftswelt und einer verlogenen maroden Gesellschaft und legt damit den Finger auf die Wunden der Zeit …
Mitleid - nein, das bringe ich ihm auch nicht entgegen, aber so etwas wie Sympathie, weil er sich (wie gesagt) ja einer Welt verweigert und entzieht, die es nicht besser verdient hat. Mit ihm ist kein Staat zu machen, er ist Sand im Getriebe…
Mit der Egomanie Zenos hast du natürlich recht.
… es scheint ihm nirgendwo um Guido zu gehen, dessen Selbstmord er ein wenig bedauert, weil er ja eigentlich ein Unfall und nicht wirklich beabsichtigt gewesen ist.
Es ist noch viel perfider. Nach seinem ersten Selbstmordversuch, über den Zeno aus verschiedenen Gründen verärgert ist und den er mit Häme bedenkt, erkundigt sich Guido bei ihm, dem Chemiker, wie man sich mit Veronal umbringt und was man tun müsse, um es beim Versuch zu belassen. Der zweite Selbstmordversuch geht tödlich aus und Zeno erkennt an dem, was G. eingenommen hat, dass dieser nicht hat sterben wollen, da er seine (Zenos) entsprechende Anweisung bezüglich Einnahme befolgt hat. Es sieht (bei anderen Interpretationsmöglichkeiten) doch sehr danach aus, dass er den Tod seines Freundes durch eine bewusste(?) Fehlinformation mit herbeigeführt hat.
Ja, was den Umgang mit seinen Mitmenschen und Nächsten betrifft, kein angenehmer Zeitgenosse!
Aber: Von wem wissen wir das alles? Von ihm selbst! Würde ein platter Egomane und Heuchler (wie du sagst) nicht seine Schandtaten eher beschönigen, umdeuten oder gänzlich verdrängen und verschweigen als sie minutiös zu dokumentieren? Ist da nicht auch so etwas wie Selbsterforschung und – kritik am Werk?
Und Liebe im Sinne von Gegenseitigkeit, Gleichberechtigung ,wem gelingt schon diese (heute politisch korrekte) Form der Liebe, die du als Gradmesser aufstellst? Nach meiner Erfahrung sind die Gründe und Motive, warum sich Menschen ineinander verlieben, sich zusammentun, zusammenbleiben und sich „lieben“ vielfältig und nicht immer so hehr, uneigennützig und frei von Instrumentalisierung, wie es sich den Anschein geben möchte.
Konsequent eigentlich, dass Zeno die heuchlerische, pseudoromantische bürgerliche Liebesheirats- Praxis entlarvt, indem er sich erst den geeigneten Schwiegervater aussucht, wohlhabend und in seinen Kreisen angesehen,ehe er sich daran macht, sich in eine seiner Töchter zu verlieben.
Und warum soll das, was ihn mit seiner Frau verbindet, nicht wider Erwarten Liebe sein, eben weil sie ihm überraschend zugefallen ist, sie ihn erwählt hat, er nicht unter Erwartungsdruck steht usw.?
Dieses Oszillieren zwischen verschiedenen Interpretationsmöglichkeiten, die Widersprüche, Dissonanzen und scheinbaren Unvereinbarkeiten unterlaufen Svevo nicht, sondern sind Programm. Der ältere Zeno im Schlusskapitel, ein ganz anderer Mensch,wie ausgewechselt, gefestigt und in sich ruhend, bringt es so auf den Punkt:
Wenn der Doktor diesen letzten Teil meines Manuskriptes bekommen hat, sollte er mir das ganze zurückgeben. Ich würde es mit echter Klarsicht neu schreiben, denn wie konnte ich mein Leben verstehen, solange ich diese letzte Phase noch nicht kannte?
Warum enthält Svevo dem Leser den mit Klarsicht umgeschriebenen Text vor und konfrontiert ihn mit dem unausgegorenen? ;)
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... er verweigert sich ja den Anforderungen einer gnadenlosen Geschäftswelt und einer verlogenen maroden Gesellschaft und legt damit den Finger auf die Wunden der Zeit …
Mitleid - nein, das bringe ich ihm auch nicht entgegen, aber so etwas wie Sympathie, weil er sich (wie gesagt) ja einer Welt verweigert und entzieht, die es nicht besser verdient hat. Mit ihm ist kein Staat zu machen, er ist Sand im Getriebe…
Nunja, er verweigert sich aus guten Gründen (und nicht etwa, weil er implizite Kritik an der kapitalistischen Welt üben will): Er hat berechtigte Selbstzweifel, was seine geschäftlichen Fähigkeiten anlangt und er ist schlicht und einfach faul (was denn nun keine schlechte Eigenschaft sein muss ;)), scheut die Übernahme der Verantwortung. (Im übrigen ist eine conclusio aus der ganzen Geschichte jene, dass dieses Delegieren von Verantwortung, dieses Dahinleben einer der Gründe für den hypochondrischen, leidenden Zustand Zenos gewesen ist, da er sich - nachdem er durch den Krieg zur Arbeit gezwungen wird - wesentlich wohler fühlt und erst dann gefestigt und in sich ruhend wirkt. Aber er ist kein Revolutionär in irgendeiner Form, seine Verweigerung erfolgt nur aus Gründen der Bequemlichkeit, er ist ziellos, dilettiert da und dort, studiert dies und das, versinkt in Grübeleien - und rennt schließlich zum Psychoanalytiker.
Aber: Von wem wissen wir das alles? Von ihm selbst! Würde ein platter Egomane und Heuchler (wie du sagst) nicht seine Schandtaten eher beschönigen, umdeuten oder gänzlich verdrängen und verschweigen als sie minutiös zu dokumentieren? Ist da nicht auch so etwas wie Selbsterforschung und – kritik am Werk?
Das ist tatsächlich ein bedenkenswerter Punkt, auf den ich im übrigen auch hingewiesen habe: Die Tatsache, dass wir alle diese Dinge in der Ich-Form erzählt bekommen, wirkt schon äußerst seltsam. Sie wirkt eben auch unglaubwürdig, weil sie in einem nonchalanten Ton die größten Schweinereien von sich selbst erzählt, ohne diese von dir erwähnte Beschönigung. Auf mich macht das häufig den Eindruck des Unausgegorenen (wobei eben diese 14 Tage Schreibarbeit, wenn denn diese Angabe stimmt, einiges erklären würde).
Konsequent eigentlich, dass Zeno die heuchlerische, pseudoromantische bürgerliche Liebesheirats- Praxis entlarvt, indem er sich erst den geeigneten Schwiegervater aussucht, wohlhabend und in seinen Kreisen angesehen,ehe er sich daran macht, sich in eine seiner Töchter zu verlieben.
Naja, also Zeno entlarvt gar nichts, er kriegt bloß nicht die, die er sich wünscht ;). Auf diese Entlarvung hätte er offenbar gerne verzichtet.
Und warum soll das, was ihn mit seiner Frau verbindet, nicht wider Erwarten Liebe sein, eben weil sie ihm überraschend zugefallen ist, sie ihn erwählt hat, er nicht unter Erwartungsdruck steht usw.?
Das kann durchaus so sein, angeblich sind ja Liebesheiraten die glücklichsten nicht. Aber liebt er sie wirklich, seine Frau, oder ist sie nicht nur auch ein sehr nützliches Utensil, ähnlich Olivio, der für ihn die Geschäfte führt? Und scheint nicht gerade diese utilitaristische Einrichung seiner Welt das Hauptübel zu sein, ein Mensch, der keine Verantwortung, keine Verpflichtungen hat, eigentlich ein Dekadent in Reinkultur, dessen gesamte Beschäftigungen nur darauf hinauslaufen, sich die Zeit zu vertreiben (unter diesem Gesichtspunkt ist ja auch seine Tätigkeit bei Guido zu betrachten, denn, als er sie zu verlieren droht, fürchtet er die Langeweile mehr als alles?).
Interpretationsmöglichkeiten lässt der Roman natürlich zu, das aber ist für mich noch kein Kriterium für Qualität (auch nicht für's Gegenteil). Mich haben einfach manche hanebüchenen Konstruktionen, diese seltsam unglaubwürdige Ich-Form, das häufig Platte der Beschreibungen gestört (wenn ich auch nach Ende des Romanes weniger hart urteile als zur Hälfte). Die Erwähnung der Zwei-Wochen-Schreibarbeit rennt bei mir offene Türen ein: Genau so (schlampig, unausgegoren) wirkt der Roman auf mich.
lg
orzifar
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(Zeno) ist schlicht und einfach faul, scheut die Übernahme der Verantwortung …
Herrgott ja ;D, das haben wir ja nun zur Genüge festgestellt! Was ich sagen wollte: Zeno hat den (anarchischen) Charme der Nichtsnutze, Taugenichtse, Lebensuntüchtigen(wie Christian), die durch ihre Existenz die Gesellschaft indirekt in Frage stellen. Daher der Anflug von Sympathie. Und natürlich sind es keine Revolutionäre!
Naja, also Zeno entlarvt gar nichts ...
Nein? Nach bürgerlicher Liebesheirats-Ideologie wird so getan, als habe die Liebe in der Partnerwahl Priorität, eigentlich stehen aber meist Versorgungstechnisches und materielle Interessen im Vordergrund, die bemäntelt werden. Indem Zeno sich vorab für einen solventen, akkreditierten Schwiegervater entscheidet, ohne die Töchter auch nur zu kennen, dreht er (auf zugegeben etwas künstlich komödienhafte burleske Weise) diese ungeschriebenen Gesetze um und entlarvt ihren wahren Charakter.
er kriegt bloß nicht die, die er sich wünscht Wink. Auf diese Entlarvung hätte er offenbar gerne verzichtet.
Das glaube ich nicht, denn er wird mit der, die er sich nicht wünscht, glücklich (das wird noch mal im Schlusskapitel betont!) Ja, das geht nach dem Motto des chinesisch/ tibetanischen Sprichwortes, das da lautet: Gott bewahre uns vor der Erfüllung unserer Wünsche. Es ist ein bisschen wie im Märchen Hans im Glück – Er tauscht "Höherwertiges" gegen "Geringeres" ein und entdeckt darin sein Glück. Oder wie Oblomov, der seine große Liebe vernachlässigt, um dann in den molligen Armen einer Kleinbürgerin in der Vorstadt die "wahre Liebe" zu finden und glücklich zu werden.
Im übrigen ist eine conclusio aus der ganzen Geschichte jene, dass dieses Delegieren von Verantwortung, dieses Dahinleben einer der Gründe für den hypochondrischen, leidenden Zustand Zenos gewesen ist, da er sich - nachdem er durch den Krieg zur Arbeit gezwungen wird - wesentlich wohler fühlt und erst dann gefestigt und in sich ruhend wirkt.
Also, ich will nicht hoffen, dass Svevo hier zu einer Apologetik des Krieges als dem großen Erzieher und Therapeuten der Menschheit ansetzt! Dann würde ich das Buch wirklich an die Wand werfen.
Wieso zur Arbeit gezwungen? Warum sollte er nicht weiter von den Zinsen seines Vermögens oder vom Kapital selber leben können. Warum bleibt er eigentlich in Triest, während sein Geschäftsführer, seine Familie, sein Therapeut in der Schweiz bzw. irgendwo in Italien sind? Und was hat es mit diesen seltsamen Weihrauch- statt Harz- Geschäften auf sich? Ich habe ein sehr schönes Buch von Claudio Magris über Triest, in dem auch immer wieder Svevos Beitrag zur Triester Literaturszene gestreift wird. Ich werde mir mal das Kapitel über Triests Rolle im 1.Weltkrieg genauer anschauen, um Klarheit über diese Fragen zu bekommen. Zur Arbeit gezwungen und dadurch geheilt , da ist es ja zum Arbeitsscheue in Arbeitslager! nicht weit! Ich glaube nicht, dass das die (eine) Botschaft des Buches ist. Eher hat die Befreiung u. a. von dem bevormundenden Olivio, der ja wie ein Zerberus zwischen Zeno und der Arbeit stand, seine Arbeitslust beflügelt(?)
Also, nach wie vor: vieles gilt es in dem Buch noch zu entdecken. Ein Qualitätsurteil will und kann ich (noch) nicht abgeben. Auf jeden Fall ist der Roman aber für mich kein plattes Psychogramm, das Schillernde, Widersprüchliche und Seltsame ist beabsichtigt und kein Fehler oder Zeichen literarischen Unvermögens.
Übrigens halte ich das mit den 14 Tagen für eine Legende! Das wären ja 35 Seiten pro Tag. Eine entsprechende pure Abschreibarbeit könnte man in dieser Zeit kaum schaffen. Ich glaube eher, dass Svevo in dem Kreativitätschub, den die positive Bewertung seiner frühen Romane durch Joyce auslöste, doch einiges mit verwertet hat, was er während seiner zwanzigjährigen literarischen Abstinenz schon geschrieben und in der Schublade abgelegt hatte.
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Das glaube ich nicht, denn er wird mit der, die er sich nicht wünscht, glücklich (das wird noch mal im Schlusskapitel betont!)
Ja, das schon. Aber er wollte sie nicht und es ist ihm weder bei der Heirat noch bezüglich der Unternehmung um eine "Entlarvung" irgendwelcher bürgerlicher Scheinheiligkeiten zu tun. Alle diese Dinge unterlaufen ihm (Entlarvung von was auch immer würde ich als ein aktives, bewusstes Handeln sehen, etwas, das man sich vornimmt und durchführt), er wird aber zum bestenfalls unbewussten Instrument solchen Tuns. (Hier ergeben sich bei mir gleich wieder Schwierigkeiten: Denn einerseits ist er eben klug, reflektiert, andererseits einfältig und naiv, sodass sich Zeno für mich als eine unglaubwürdige Romanfigur präsentiert - im Gegensatz zu dem von dir erwähnten Oblomov, dem man seine gesamte Nachlässigkeit, Müdigkeit, auch das Widerfahren seiner im Endeffekt glücklichen Beziehung abnimmt: Während der Oblomov in Plüschpatschen nicht die geringsten Schwierigkeit bereitet was seine Imagination (für mich) betrifft, erscheint mir Zeno als konstruiert literarische Figur ohne Entsprechung. Nur einzelne Teile Zenos sind authentisch, ihre Gesamtheit macht mir den Eindruck, als hätte man einen Menschen mehr-weniger willkürlich aus verschiedenen Teilen zusammengefügt (aber man kann das natürlich als Entfremdung, picassoartige Ausstaffierung sehen und nicht als einen Mangel)).
Dass er in Triest bleibt, habe ich auf pragmatisch-staatsbürgerliche Gründe zurückgeführt (allerdings ohne ein Beleg im Buch zu finden): Ich nahm an, dass Olivi aufgrund seiner Herkunft nach Italien zurückkehren musste, während Zeno als Österreicher zum Verbleib in Triest genötigt war. (So nebenbei: Triest ist eine der Städte, welche ich heuer - auch aufgrund Milo Dors Beschreibungen - besuchen möchte, wiewohl eigentlich nur einen Katzensprung entfernt, war ich bloß einmal als Kind in dieser Stadt, wobei als einzige Erinnerung das Schloss Miramare figuriert).
lg
orzifar
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Hallo!
Nur eine kurze Zwischenmeldung. Ich habe das Buch immer noch nicht beendet, weil ich wegen meines Besuchs kaum zum Lesen gekommen bin. Mein Schlussresümee folgt also noch. Auf jeden Fall gefällt mir der zweite Teil des Romans besser als der erste.
Gruß
Anna
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Nur einzelne Teile Zenos sind authentisch, ihre Gesamtheit macht mir den Eindruck, als hätte man einen Menschen mehr-weniger willkürlich aus verschiedenen Teilen zusammengefügt
Da ist etwas dran. Das empfinde ich ähnlich.
(aber man kann das natürlich als Entfremdung, picassoartige Ausstaffierung sehen und nicht als einen Mangel)).
Danke, dass du mögliche Einwände meinerseits vorwegnimmst! ;) Ja, und ich finde in der Tat, man kann in den kubistischen Porträts Picassos, in denen so etwas wie die Simultanität verschiedener Ansichten und Perspektiven versucht wird, gewisse Entsprechungen zur Darstellung Zenos sehen. Ich muss gestehen, dass weder die zerhackten Frauenköpfe Picassos noch der gespaltene und zersplitterte Charakter von Svevos Romanheld mir besonders gefallen. Aber sie sind Ausdruck eines Gestaltungswillens…
Ich nahm an, dass Olivi aufgrund seiner Herkunft nach Italien zurückkehren musste, während Zeno als Österreicher zum Verbleib in Triest genötigt war.
Von Olivi wird meines Wissens nicht gesagt, dass er Bürger des Königreichs Italien ist, auch von Zenos Familie oder Sale wird das nicht gesagt. Sie alle sind Triestiner und von daher zu der Zeit Bürger des Habsburger Reiches. Triest war eine multinationale Stadt. Die meisten Einwohner nach Sprache und Kultur Italiener (und dem Anschluss an Italien meist nicht abgeneigt), zweitstärkste Gruppe waren die Slowenen, aber es gab auch Kroaten, viele (meist deutsche) Juden (wie Svevos Vater), Serben, Griechen u. a. Es gibt einige Anspielungen darauf im Roman, eine besonders deutliche und fast satirische in der Szene, in der Zeno Friedhöfe verschiedener Nationalitäten und Religionen abklappert auf der Suche nach der Trauergemeinde seines Freund Guido, von dem er nicht weiß, wo er beerdigt wird.
Magris schreibt in seinem Triest-Buch, dass viele Einwohner während des Krieges die Stadt verließen ( zu pro-italienische wurden auch interniert!), auch dass Triestiner z. T. auch aus ein- und derselben Familie an verschiedenen Fronten gegeneinander kämpften usw. Zeno scheint aus freien Stücken (ohne seine Familie) und eigentlich ohne Grund in Triest zu bleiben. Interessant für den Roman ist Magris’ Beschreibung des Lebens in der Stadt während des Krieges:
Zwischen 1915 und 1918 … steht das Leben in der Stadt gewissermaßen still. Der Krieg und die Nähe der Front paralysieren den Hafen und die ökonomisch- kommerziellen Aktivitäten….
Ist doch seltsam: just in dieser Zeit der allgemeinen Stagnation erblüht Zeno zum Geschäftsmann, wird endlich aktiv, hat Freude an der Arbeit und Erfolg. Also ist er (zum Glück) wohl doch nicht zur Arbeit gezwungen und dadurch gereift? Eher ganz der alte: anachronistisch, aus der Reihe tanzend , immer anders als andere und anders als erwartet.
In Magris’ Triest-Buch, Untertitel: Eine literarische Hauptstadt in Mitteleuropa, finden sich einige Äußerungen zu Svevos literarischer Bedeutung, z.B.:
…mit Svevo entstand eine große Dichtung der Krise des zeitgenössischen Individuums… eine ironische und tragische Dichtung, in höchstem Maße luzid…
Svevo und Saba machen Triest zu einer seismographischen Station der geistigen Erdbeben, die sich anschickten, die Welt zu erschüttern ...
Das möchte ich ja alles gern glauben, leider belegt Magris das aber nicht anhand des Svevo'schen Werkes, schon gar nicht des Zeno- Romans.
So nebenbei: Triest ist eine der Städte, welche ich heuer - auch aufgrund Milo Dors Beschreibungen - besuchen möchte
Ich war zweimal dort, vor langer Zeit. Jedes Mal war ich verzaubert von der Stadt mit ihrer 'deplazierten' Ringstraßenarchitektur und ihrem morbiden Charme. Milo Dor habe ich mir notiert!
P.S.: Fahr nicht kurz vor Triest achtlos an dem am Meer gelegenen Schloss von D. vorbei!
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Eigentlich scheinen wir in der Beurteilung so weit gar nicht auseinander zu liegen. Und je länger die Lektüre zurückliegt, desto eher vermag ich in den Brüchen, im "kubistischen" Charakter Zenos einige Absicht (und möglicherweise Sinn) zu erkennen. Allerdings ist die konjuntivische Formulierung nicht zufällig ;).
Triest wäre doch ein schöner Ort für ein Forumstreffen ;D, auf besagtem Schloss mit den Elegien auf den Lippen. Geographisch wäre ich im Vorteil.
lg
orzifar