My Board

Gemeinsam Lesen => Leserunden => Topic started by: orzifar on 12. Februar 2011, 19.42 Uhr

Title: Fritz Zorn: Mars
Post by: orzifar on 12. Februar 2011, 19.42 Uhr
Hallo!

Im Vorwort werden alle psychoanalytischen Plattheiten und Halbwahrheiten ausgebreitet (naja, Adolf Muschg, für mich seit seiner Keller-Biographie der Inbegriff des Flachdenkers an sich): Mit der mehr als unseligen Conclusio, dass der Krebs des Schriftstellers Zorn seine Ursache einzig in der seelischen Verfasstheit desselben habe. Nun ist derlei Unsinn (selbst wenn der Unsinn als solcher noch so leicht zu durchschauen wäre) in weiten Teilen der Bevölkerung en vogue, führt sich manchmal selbst ad absurdum (etwa im Fall Hackethals), treibt grausame Blüten (wie bei dem 7jährigen Mädchen aus Österreich, bei dem auf eine Tumorbehandlung zugunsten esoterisch-wunderheilerhafter Behandlung so lange verzichtet wurde, bis er halbe Fußballgröße erreichte und den Eltern schließlich das Sorgerecht entzogen werden musste, um eine Behandlung - gerade noch rechtzeitig - zu ermöglichen) - er führt aber eben aus Kritik an einer falsch verstandenen Wissenschaftlichkeit, im Wunsch nach Transzendenz ein blühendes Leben. Und solches Denken eignet sich ideal als Religionsersatz, als Wohlfühlmittelchen auf der spirituellen Esoterikmatratze. Tatsächlich wird ein Prinzip mittelalterlichen - besser: vorwissenschaftlichen Denkens wieder eingeführt: Der Traum eines metaphyisischen Ursache-Wirkung-Prinzips, das in vordenklichen Zeiten verständlich, heute aber ein Mittelding zwisch dumm und verbrecherisch darstellt.

Unzweifelhaft der Zusammenhang zwischen Geist und Körper: Die Körperchemie eines positiven, glücklichen Menschen birgt mehr Möglichkeit zur Genesung, verhindert wohl auch Erkrankungen. Ebenso evident ist die Tatsache, dass dies ein Aspekt unter vielen für die Gesundung und Gesundheit des Menschen ist und dass es nirgendwo signifikante Hinweise auf klar erkennbare Zusammenhänge zwischen Misanthropie und Krebserkrankung gibt (Kreuzkorrelationen dieser Art haben eher die Aussagekraft von Erhebungen, die eine Verbindung zwischen Meniskusschäden, der Farbe des Gartenzauns und der Schornsteinhöhe feststellen). Handfestere Zusammenhänge zwischen Rauchen, Alkohol und exzessiven Schweinebratenverzehr werden da weniger oft zur Kenntnis genommen, wahrscheinlich sind sie dem esoterisch angehauchten Krankheitsinterpreten schlicht zu trivial. Noch häufiger aber sind Krankheiten wie Krebs ein reines Zufallsprodukt: Das zu akzeptieren fällt am schwersten, da kann sich das Menschlein nun gar nicht mehr wichtig nehmen, ähnelt sein Schicksal doch plötzlich dem Zerfall radioaktiver Isotope und ist für das Weltganze nicht wichtiger als eine beliebige strahlende Masse.

Was im Mittelalter mangels Wissen nicht möglich war - nämlich rationale Erklärungsmodelle für Phänomene zu entwerfen (weshalb Wetterunbillen, Naturkatastrophen von Gott gesandt und in weiterer Folge als vom Menschen verursacht betrachtet wurden), feiert heute wieder fröhliche Urständ. Denn die psychische Verfasstheit als ursächlich für (z. B.) Krebserkrankungen anzusehen, bedeutet immer auch Schuldzuweisungen - und wie sich der vorwissenschaftliche Mensch gefragt haben wird, ob nicht bestimmte im Ehebett vollzogene Sexualpraktiken das Hagelunwetter ausgelöst haben, rekurriert auch das psychoanalytisch-esoterische Gewäsch auf derart dubiose Zusammenhänge von Kastrationsängsten, Inzestphantasien und Mordgedanken bezüglich des Erzeugers. Und schließlich wird irgendwas zutage gefördert (was durch den Wunsch des Patienten bedingt natürlich ein leichtes Unterfangen ist) und dadurch nebulöse Ursache an Ursache gereiht, um schließlich die märchenhaft-phantastischen Spekulationen zur Wahrheit zu erheben. Aber lieber ist der Mensch offenbar an seiner eigenen Erkrankung schuld, als dass er akzeptieren könnte, dass seine physische Unversehrtheit weitgehend von Zufällen abhängig ist, deren Auswirkungen zu minimieren unsere einzige Möglichkeit darstellt.

Ich hoffe inständig, dass das Buch nicht ausschließlich aus solchen willkürlichen, geistreich für den bereitwilligen Empfänger esoterischer Wahrheit klingenden, dafür aber umso geistlos seienderen Zusammenhängen besteht, sondern auch eine Beschreibung der bourgeoisen Lebenswelt in all ihrer Bigotterie und Verklemmtheit liefert. Ansonsten wird dies kein langes Lesevergnügen.

lg

orzifar
Title: Re:Fritz Zorn: Mars
Post by: sandhofer on 12. Februar 2011, 20.50 Uhr
Hallo!

Ach ... Muschg ... Lesen wir das Vorwort überhaupt? Ich finde den Beginn des eigentlichen Textes viel spannender:

"Ich bin jung und reich und gebildet; und ich bin unglücklich, neurotisch und allein."

Schon mit diesem Satz alleine macht Zorn seinem Pseudonym alle Ehre.

Grüsse

sandhofer
Title: Re:Fritz Zorn: Mars
Post by: sandhofer on 13. Februar 2011, 21.08 Uhr
Hallo!

Muschg - nebenbei gesagt - gehört zu der Trias von Autoren, wo ich sagen muss, dass ich den älteren dem jüngeren vorziehe. Also nicht den älteren Adolf Muschg dem jüngeren, sondern den älteren Muschg dem jüngeren. Im Falle der beiden Walser besteht m.W. keine Verwandtschaft, bei Süskinds ist's der Vater, den ich dem Sohn vorziehe, bei Muschg der ältere Halbbruder dem jüngeren.

Zu Zorn: Den ersten Teil habe ich mittlerweile gelesen. Ich mag seinen Stil - es ist auch, unterm Strich, der meine: Helvetisch geprägt mit "welschen" Einsprengseln. Selbst sein Humor kommt mir bekannt vor.

sondern auch eine Beschreibung der bourgeoisen Lebenswelt in all ihrer Bigotterie und Verklemmtheit liefert.

Muschg wirft Zorn ja indirekt vor, dass er auf jedwede Analyse verzichtet. Ich persönlich finde es schön, wie Zorn beschreibt; Zusammenhänge zwar bildet, sie aber auf der sprachlichen Ebene belässt, ohne psychoanalytische Modelle herbeizuziehen oder marxistische. Ich erkenne diese seine Welt ja wieder - es war in vielem auch (noch) die meine, so wie sie in noch viel mehr auch die Muschgs war. Die helvetische Welt des Kalten Krieges halt, wo sich ein allzu rasches Hervorpreschen mit seiner Meinung rasch am Hervorpreschenden zu rächen pflegte.

Grüsse

sandhofer
Title: Re:Fritz Zorn: Mars
Post by: orzifar on 14. Februar 2011, 01.18 Uhr
Kann dir nur zustimmen, habe allerdings nur 10 Seiten gelesen, die aber mit einigem Vergnügen. Wird auch nur sehr, sehr langsam vorwärts gehen, unvorhersehbare Kalamitäten vom Schlimmsten  :(. Alles beschissen hoch drei - und ein Ende nicht wirklich absehbar. Also nur wenige Seiten pro Tag möglich ...

lg

orzifar
Title: Re:Fritz Zorn: Mars
Post by: sandhofer on 14. Februar 2011, 20.24 Uhr
Nun, dann wünsche ich Dir, dass Deine Kalamitäten sich bald- und bestmöglich auflösen. Im übrigen geht es mir ja auch so: Nur wenige Seiten pro Tag möglich ...
Title: Re:Fritz Zorn: Mars
Post by: orzifar on 15. Februar 2011, 00.01 Uhr
Hallo!

Eine bislang sehr ansprechende Lektüre, Beschreibung eines Kindheitsalptraums, wie er so selten nicht ist. Mit den entsprechenden Änderungen könnte ich viele ähnliche Situationen aus meiner eigenen Vergangenheit zutage fördern - und das Kuriose daran: Wenngleich in manchen Dingen das genaue Gegenteil dessen, was Fritz Zorn beschreibt, so sind es doch die Ausprägungen desselben (gut-)bürgerlichen Nachkriegsdenkens, die Abhängigkeit von Konventionen, gesellschaftlichem Ansehen, allgemein akzeptierter Meinungen, apodiktische Vorurteile und dergleichen mehr.

Sehr schön das, was Zorn über den Harmoniezwang schreibt, über die Selbstverständlichkeit, mit der man die Meinung des pater familias als gottgegeben hinnimmt, offenbarte Wahrheit, wobei der bloße Gedanken an ein Hinterfragen dieser Wahrheit schon eine Unverzeihlichkeit wäre. Das Totschlagen von Kindern mit Schlagworten (nennt man sie deshalb so?), alles Gesagte ein Sprechen ex cathedra, das Verstümmeln, Kastrieren, Niederhalten dieser kleinen Menschen in all seiner Perfidie, um dann ähnlich verkrüppelte Erwachsene zu erzeugen, welche im Betonen darin, wie wenig ihnen die Erziehung geschadet habe, gerade diesen Schaden bekennen.

So viel Bekanntes: Die Hegelschen Erfolgsformeln, der Akademiker, Erfolg-Reiche, Anerkannte als ein zu Bewundernder, während der Arme implizite Schuld trägt an seinem bedauernswerten Sein: Er hätte doch auch ... und könnte sich ein Beispiel nehmen, Mitleid ja, aber möglichst kostengünstig, der Hang zum Katholizismus und zur Ablassbequemlichkeit: Der sonntägliche Obolus im Klingelbeutel enthebt von aller Schuld und einem schlechten Gewissen, das diese Bezeichnung nicht verdient.

Sehr schön auch das, was er über Geben und Nehmen schreibt, über den Egoismus derer, die nichts annehmen wollen oder aber sofort mit Gegengeschenken bei der Hand sind, einfach aus Angst (und Selbstherrlichkeit), jemanden nur ja nichts schuldig zu bleiben, sondern die anderen zu verpflichten (und im Zweifelsfall auf die eigene, so oft bewiesene Uneigennützigkeit zu rekurrieren).

Bisher wenig psychosomatische Plattheiten - und sehr lesbar.

lg

orzifar
Title: Re:Fritz Zorn: Mars
Post by: sandhofer on 15. Februar 2011, 11.10 Uhr
Hallo!

Das nun wiederum:

So viel Bekanntes: Die Hegelschen Erfolgsformeln, der Akademiker, Erfolg-Reiche, Anerkannte als ein zu Bewundernder, während der Arme implizite Schuld trägt an seinem bedauernswerten Sein: Er hätte doch auch ... und könnte sich ein Beispiel nehmen, Mitleid ja, aber möglichst kostengünstig, der Hang zum Katholizismus und zur Ablassbequemlichkeit: Der sonntägliche Obolus im Klingelbeutel enthebt von aller Schuld und einem schlechten Gewissen, das diese Bezeichnung nicht verdient.

möchte ich für Zorn aufgebröselt haben. Der Teil:

So viel Bekanntes: Die Hegelschen Erfolgsformeln, der Akademiker, Erfolg-Reiche, Anerkannte als ein zu Bewundernder, während der Arme implizite Schuld trägt an seinem bedauernswerten Sein [...]

wird wohl auch Bestandteil des Zorn'schen Milieus gewesen sein. Max Weber hat ja die protestantische Ethik als Wurzel des kapitalistischen Erfolgsdenkens bezeichnet. Auch wenn Zwingli m.W. die Gnadenwahl Calvins, die hinter diesem Denken stehen soll, gemäss Weber, verworfen hat, so sind dem Protestantismus Zwingli'scher Provenienz solche Ideen sicher nicht fremd.

Der zweite Teil allerdings ist für Zorn sicher nicht relevant. Die protestantische Ethik leidet lieber an den Sünden, als sie sich ablassen zu lassen.

Grüsse

sandhofer
Title: Re:Fritz Zorn: Mars
Post by: orzifar on 15. Februar 2011, 13.34 Uhr
Der zweite Teil allerdings ist für Zorn sicher nicht relevant. Die protestantische Ethik leidet lieber an den Sünden, als sie sich ablassen zu lassen.

Da hast du natürlich Recht, der Übergang von der Zornschen zur Orzifarschen Kindheit war fließend. Wobei es schon Parallelen gibt, denn der Ablass befreit ja v. a. gesellschaftlich, wird gesehen mit Blick auf die anderen.Vielleicht mehr dazu, wenn ich Zeit finde.

lg

orzifar
Title: Re:Fritz Zorn: Mars
Post by: mombour on 15. Februar 2011, 20.19 Uhr
Hallo,

das erste Kapitel habe ich gelesen. Auch Zorn erwähnt auf der ersten Seite die seelischen Ursachen des Krebses. Natürlich ist das nicht richtig. Es gibt diverse Ursachen von Krebs, die sog. seelische...das hat sich auch nach wikipedia nicht bestätigt. Wenn es so wäre, dann wäre Zorns Kerbsursache seine Depression. Das ist natürlich barer Unsinn. Die Angst des Menschen vor gefährlichen Krankheiten geht manchmal, und das leider, irrationale Wege. Die Frage, die man sich stellt, warum muss ausgerechnet ich mit 32 an Krebs sterben, ist natürlich beklemmend.  Damit dieses überhaupt einen Sinn bekommen kann, denken sich Mensch Möglichkeiten aus, warum sie diese Krankheit bekommen haben. Auch wenn versucht wird, aus Verzweiflung dieses rational zu erfassen, landen viele Leute in irrationale Fantasien, d.h. esoterische Ursachenforschung, esoterische Praxis. Ich persönlich kenne einen Fall, auch Krebs, aber im allerfrühsten Zustand inzwischen geheilt. Doch diese Person hat ihre Ernährung radikal umgestellt (tendenziell fanatisch), liest dann diverse esoterische Literatur, Reinkarnationstherapie usw. Es ist tragisch, was  Angst mit Menschen anstellen kann. Außerdem, diese Person ist strengkatholisch...man möge ja glauben, die Religion helfe gerade in solcher Not - aber Pustekuchen.

Fritz Zorn arbeitet mit Wiederholungen, erläutert die gekünstelte Harmonie in seiner Kindheit von sehr vielen Seiten. Ich bin überrascht, was Zorn hier alles eingefallen ist, und es ist auch sehr schön für mich, das zu lesen. Diese Vermeidung von Streitgespräch, dieses fatale Unternehmen, alle in der Familie müssen einer Meinung sein, d.h. der Vater hat eine Meinung, die sich auf die anderen Familienmitglieder drüberstülpt, ist ein seelisches Korsett, was dort jemand zu tragen hat, der in solch einer Familie lebt. Zorn besitzt eine kleine Dosis Humor, und führt diesen Harmonieunsinn selbst ins absurdum. Von einem Schulkamerad wird er gefragt, ob er Autos mag. Zorn denkt, er mag Autos und sagt "Ja". Es stellt sich aber heraus, der Kamerad mag keine Autos. Zorn auch nicht, aber er hatte gelogen. Dieses erste Kapitel ist wirklich gute Literatur: die gekonnten Wiederholungen oder einfallsreichen Absurditäten wie die mit dem Auto, oder auch die mit den guten und schlechten Bucher. Das ist gute Literaturkost. Ich hoffe, es bleibt so gut.

Liebe Grüße
mombour
Title: Re:Fritz Zorn: Mars
Post by: orzifar on 16. Februar 2011, 16.30 Uhr
Auch Zorn erwähnt auf der ersten Seite die seelischen Ursachen des Krebses. Natürlich ist das nicht richtig. Es gibt diverse Ursachen von Krebs, die sog. seelische...das hat sich auch nach wikipedia nicht bestätigt. Wenn es so wäre, dann wäre Zorns Kerbsursache seine Depression. Das ist natürlich barer Unsinn. Die Angst des Menschen vor gefährlichen Krankheiten geht manchmal, und das leider, irrationale Wege. Die Frage, die man sich stellt, warum muss ausgerechnet ich mit 32 an Krebs sterben, ist natürlich beklemmend.  Damit dieses überhaupt einen Sinn bekommen kann, denken sich Mensch Möglichkeiten aus, warum sie diese Krankheit bekommen haben. Auch wenn versucht wird, aus Verzweiflung dieses rational zu erfassen, landen viele Leute in irrationale Fantasien, d.h. esoterische Ursachenforschung, esoterische Praxis.

Zorns Überlegungen kann ich nachvollziehen: Betroffen von einem schlimmer Schicksal stellt sich ganz automatisch die Frage nach dem Grund desselben, der Wunsch, einen solchen Grund auszumachen ist auch der Wunsch, aufgrund der sich einstellenden Erkenntnis Heilung zu erlangen. Anders ausgedrückt: Die psychologische Verfassung, die den Betroffenen zum Wunderheiler gehen lässt (oder eben die obskursten "Gründe" ausfindig macht) ist absolut nachvollziehbar. Mache ich Ursachen für meinen Zustand aus, so vermag ich möglicherweise auch auf diese Ursachen einzuwirken. Nichts scheint schwerer, denn ohnmächtig ertragen zu müssen, in sein eigenes Schicksal nicht eingreifen zu können.

Diese Erklärungsmodelle gibt es allüberall: Ein Jugendfreund von mir machte etwa den Ausgang eines Fußballspiels davon abhängig, ob er auf seinem Weg auf eine gerade oder ungerade Zahl von Kanaldeckeln treffen würde oder ob der bärtige bzw. der glatzköpfige Spaziergänger als erster bei irgendeiner Ecke anlangen würden, ein anderer hatte nach einer langen Siegesserie eines österreichischen Schirennläufers die Erklärung für dessen erste Niederlage parat: Er (der Bekannte) habe - ausnahmsweise - gerade dieses Rennen auf dem Fernsehgerät in der Küche angesehen, während er ansonsten immer im Wohnzimmer die Rennen verfolge. Usf. Je nebulöser der Zusammenhang zwischen prognostiziertem Ereignis und der für diese Prognose herangezogenen Dinge ist, desto eher verfällt der Wundergläubige diesen seinen Prognosen. Die schon im Eingangsposting erwähnte Erklärung von Naturkatastrophen, Unwettern etc. fällt in diese Kategorie (wenn man etwa nach Hagelschlag jahrelang intensiv auf den Felder betet und tatsächlich über einige Zeit die Unwetter ausbleiben, bis sich - nach erneuter Vernichtung der Ernte - diese Maßnahmen wieder als unzureichend herausstellen, intensiviert oder geändert werden müssen). Das könnte man nun als Vergangenheit angehörig bezeichnen, ein Bericht des Schweizer Fernsehens (vor einigen Tagen) belehrte mich aber eines Besseren (zugegeben, dieser Belehrung war ich nicht wirklich bedürftig): Hier (http://www.swissinfo.ch/ger/specials/klimawandel/aktualitaet/Laesst_sich_der_Gletscherschwund_mit_Beten_bannen.html?cid=944264) ein (älterer) Bericht, mittlerweile hat der Papst die Erlaubnis erteilt, für das Gletscherwachstum zu beten und die um diese Erlaubnis einkommende Gemeinde ist von der Wirksamkeit felsenfest überzeugt. Exotische Heilungsmethoden und der ganze esoterische Klimbim funktionieren nach ebendieser Methode.

Wie gesagt: Aus Sicht des Betroffenen absolut verständlich, da dieser (wenn auch nur vermeintlich) eine gewissen Macht über das Schicksal zurückerlangt. Genau mit diesem Gedanken scheint Zorn auch zu spielen, eine Aufarbeitung seiner Erziehung soll ihm den Schlüssel für die Heilung zur Hand geben.

Zorns Erziehung scheint mir im übrigen nicht so außergewöhnlich zu sein (worauf er auch selbst hinweist). Allerdings ist seine Reaktion auf diese Bevormundung im Sinne des gesellschaftlichen Funktionierens über einen sehr langen Zeitraum eher selten: So kommt es zumeist schon in der Jugend zu intensivem Widerstand, da (etwa die erwachende Sexualität, auch die Anerkennung durch Peer-Groups) unmissverständlich ihre Forderungen stellen und dieser Bedürfnisse wegen der Gehorsam aufgekündigt wird. Gerade diese jugendliche Selbstfindung (in der Generation Zorns stärker noch als heute), die in einem Abgrenzen, auch einer oft ungerechten Kritik der Erwachsenenwelt besteht, fehlt bei ihm vollkommen, erst nach Kenntnis der Krankheit fasst er den Mut, den vorhandenen latenten Wünschen explizit Ausdruck zu verleihen. Und er wirkt (verständlicherweise) auch mit seinen dreißig Jahren noch unreif, dort, wo er etwa über Sexualität spricht, die er auch in diesem Alter ähnlich überschätzt wie es für einen 14jährigen normal ist.

lg

orzifar
Title: Re:Fritz Zorn: Mars
Post by: sandhofer on 16. Februar 2011, 21.03 Uhr
Allerdings ist seine Reaktion auf diese Bevormundung im Sinne des gesellschaftlichen Funktionierens über einen sehr langen Zeitraum eher selten:

Wobei dieses lange Stille-Halten zum Teil wohl doch dem Milieu geschuldet ist. Die Vor-68er Jeunesse dorée vom rechten Zürichsee-Ufer (bis heute nicht zu Unrecht im Volksmund "Goldküste" genannt) kannte selbst da eigene Spielregeln.
Title: Re:Fritz Zorn: Mars
Post by: orzifar on 18. Februar 2011, 16.33 Uhr
Hallo!

Bei allem, was Zorn über Sexualität schreibt, ist es schon befremdlich zu wissen, dass das von einem 32jährigen kommt. Seine romantisierenden Vorstellungen, sein Träumen, sich unfähig fühlen sind für einen Pubertierenden völlig normal; hingegen ist es schon erstaunlich, dass der Schreibende auch 15 Jahre später keine andere Position einzunehmen in der Lage ist, dass er (da hat ihn wohl Freud ziemlich verdorben) in der Sexualität das um und auf des Lebens sieht, ihr eben jenen Wert zuerkennt, den sie für einen Jugendlichen natürlicherweise besitzt. (Auch seine Gleichsetzung von Liebe und Sexualität sind Hinweis darauf, dass er mit beiden - durchaus unterschiedlichen Begrifflichkeiten - nur Träume verbindet, Sehnsüchte, dass er in einer nie stattgehabten sexuellen Erfahrung die Erfüllung seiner ganzen Wünsche sieht. Und die Psychoanalyse liefert ihm das theoretische Rüstzeug, eine Welt, in der es nichts gibt, was nicht irgendwie mit Sexualität in Verbindung gebracht werden konnte. - Bei solchen Menschen mit derartigen Interessenlagen muss ich an Kraus' Aphorismus denken, dass die Psychoanalyse eben jene Krankheit sei, für deren Therapie sie sich hält. Zorn scheint dafür beispielhaft.)

Was mich - bislang blieb das im Buch völlig unerwähnt - interessieren würde, ist der Werdegang, die Entwicklung seines Bruders. Denn mir scheint dieses Buch mehr das Psychogramm eines schweren Neurotikers zu sein als Gesellschaftskritik und der implizit ausgesprochene Vorwurf, dass einzig die verquere, moralinsaure Erziehung die Probleme (und Krankheit) des Protagonisten ausgelöst hätte, könnte durch die Schilderung des Werdegangs des Bruders einige Aufhellung erfahren.

Zorn erinnert mich stark an einen Bekannten, der, mittlerweile Uni-Professor, ebenfalls Sohn von reichen, gutbürgerlichen Eltern, sich auch in späteren Jahren noch jene pubertäre Überzeugung (keiner kann mich mögen, ich bin hässlich, furchtbar, eine Überzeugung, denen wahrscheinlich alle Jugendlichen irgendwann anhängen) zueigen machte, die im Laufe der Entwicklung sich normalerweise irgendwann verflüchtigt. Auf S. 104 findet sich ein verräterischer Satz, wie ich ihn mutatis mutandis von dem erwähnten Bekannten auch gehört habe: Er beklagt als Student seine Zeit zu verbummeln, aber eben nicht "richtig", denn "er besoff sich nicht, trieb sich nicht in Spielhöllen und Bordellen herum und verführte nicht den ganzen Tag schöne Studentinnen (was ja tatsächlich auch eine Möglichkeit gewesen wäre, und vielleicht nicht die schlechteste)" (Hervorhebung meinerseits).

Das vermittelt ein höchst seltsames Bild von Beziehungen bzw. deren Entstehung, da er diese Verführung als eine Art Tätigkeit begreift wie Kegelschieben oder Briefmarken sammeln, was genau dazu führt, dass ein solcher Mensch eben niemanden abkriegt, da sich Frauen von dieser Haltung zurückgestoßen, instrumentalisiert fühlen. Man verführt nicht, man ist ganz einfach (auch wenn das - je jünger, je schwieriger - so "einfach" nicht ist), man spricht, hört zu, versteht, widerspricht - was auch immer. Aber man "verführt" nicht (außer als professioneller Gigolo auf Ibiza, wobei genau dieser seltsame "Idealtypus" des Verführers vor dem geistigen Auge solcher Menschen wie Zorn auftaucht), das würde im übrigen aus dem Objekt der Begierde tatsächlich ein "reines" Objekt machen, sondern man versteht sich eben mehr-weniger gut, findet sich sympathisch, interessant, lacht gemeinsam, spottet usf. Woraus sich dann manchmal "etwas" ergibt, wobei der Typus Zorn dann einen weiteren Fehler begeht: Er setzt eben Liebe (nebst Variationen) explizite mit Sexualität gleich, während es aber unzählige Zwischenstufen gibt; dass selbst ein Blick, eine wie zufällige Berührung etc. erotisch sein können, dass es dann manchmal auch dabei bleibt und nichts weiter geschieht (was häufig vor Enttäuschungen bewahrt ;)), leuchtet solchen Menschen überhaupt nicht ein, die dann im bloßen Geschlechtsakt ihre Erfüllung zu finden meinen (wobei die Enttäuschung vorprogrammiert ist, so es denn soweit kommt).

Halte auf S. 115, geht nur langsam voran.

lg

orzifar
Title: Re:Fritz Zorn: Mars
Post by: sandhofer on 20. Februar 2011, 07.54 Uhr
Hallo!

Halte auf S. 115, geht nur langsam voran.

Sagt einer, der schon mehr als doppelt so weit ist wie ich ...    :D

Wie weit Zorn individuell und wie weit er milieubedingt im sexuellen Rückstand ist, kann ich nicht abschätzen. Sexualität war natürlich in den Kreisen, in denen er aufgewachsen ist, tabu. (Sie "störte", so, wie auch sonst ein Besuch störte.) Da der Protestant zwar wie der Katholik das Verbot vor- und ausserehelicher Sexualität kennt, aber im Gegensatz zu diesem - wenn er denn mal dagegen verstossen haben sollte - nicht die Erleichterung, dass er das Ganze dem Priester beichten kann, der ihm garantiert (auch im Namen Gottes) die Sünde ablässt, sondern sich direkt einem zornigen, eifernden Gott ausgesetzt sieht, dessen Reaktionen unvorhersehbar sind, mag das Tabu sogar noch härter sein, die Moral noch rigider. Nicht umsonst gelten wohl die protestantischen Länder als prüder.

Kurzschlüsse dort, wo Zorn seine Krebserkrankung direkt seiner Erziehung zuschreibt. Ist der Begriff der "Christian Science" hier schon gefallen? "Krankheit ist ein Irrtum." Im Grunde genommen kann sich Zorn gerade dort, wo er vorgibt, sich von seiner Erziehung zu lösen, am wenigsten davon lösen. Nur, dass er keinen Weg mehr sieht, seine Krankheit zu bekämpfen.

Grüsse

sandhofer

PS. Wollen wir den Thread nicht in die Leserunden verschieben?
Title: Re:Fritz Zorn: Mars
Post by: orzifar on 22. Februar 2011, 01.39 Uhr
Hallo!

Ich bekenne, dass mir Zorn immer mehr auf die Nerven geht. Und mir fehlt im Buch die Gesellschaftskritik, die Beschreibung dieser bürgerlichen Scheinheiligkeit, während die verquasten Innenansichten und Selbstbeweihräucherungen meine Geduld strapazieren. Unzweifelhaft, Zorn ist ein armes Schwein, in sich selbst gefangen und andererseits nur in den Köpfen der anderen lebend, alle Konventionen brav erfüllend. (Er macht dies im übrigen konsequent: Auch sein Hang zur Psychotherapie ist nun so revolutionär nicht, er delegiert gewissenmaßen die Verantwortlichkeit dadurch wieder an eine gesellschaftlich anerkannte Institution, an eine Autorität (wie die seiner Eltern), aber ihm scheint bis zu seinem Tode nie bewusst geworden zu sein, wofür er denn wirklich Interesse hat, was denn er sich wirklich wünscht, denn seine Wünsche (etwa die nach einer Partnerin) sind vorgestellte, sind theoretischer Natur, es sind die Prinzessinnenträume des 14jährigen, dem noch nicht klar wird, dass auch dieser erträumte Zustand erarbeitet werden muss - mit Enttäuschungen, Bemühungen, Kämpfen, Traurigkeit - und dass es diese Allharmonie nicht gibt, sondern nur in Ansätzten - und unter Mühen - erreicht werden kann.)

Dann Feststellungen wie auf S. 132: "Diese Erklärung [dass das angestaute Leid sich in seinem Inneren nicht mehr komprimieren ließ und dadurch zur Geschwulst wurde] scheint schon deshalb einleuchtend zu sein, weil es sonst eigentlich keine andere gibt." Nun, ich könnte ihm schon einige weitere Erklärungen liefern, aber die würden wohl nicht in sein Weltbild passen. Wie schon zuvor erwähnt: Ich verstehe ja den Wunsch nach solchen einleuchtenden Zusammenhängen (wie etwa bei astrologisch angekränkelten Menschen, wobei die Astrologie eine sie verständlich machende Vorgeschichte besitzt, die erst heute obsolet geworden ist), aber der Wunsch allein bedeutet natürlich nicht, dass es einen solchen Zusammenhang auch gibt.

--- Da ward mir eine prophetische Gabe zueigen: Gegen Ende des ersten Buches entblödet sich Zorn nicht, über den Mond im vierten Hause, Widder, Skorpion und andere Einflüsse der Gestirne auf seine Krankheit bzw. seine familiären Probleme zu räsonieren. Und dann gleich nochmals Prophetie: Seine angebliche Besserung aufgrund der Therapie, die er zuvor konstatierte, nahm ich ihm nicht ab und siehe da: Gleich zu Beginn des zweiten Buches erfolgt auch von seiner Seite die Bestätigung, dass es ihm nun noch schlechter gehe.

Im Grunde genommen kann sich Zorn gerade dort, wo er vorgibt, sich von seiner Erziehung zu lösen, am wenigsten davon lösen.

Genau. Auch in seinem Weg in die Therapie wandelt er auf diesen bürgerlichen Spuren, immer noch gehorcht er gesellschaftlichen Konventionen, erwartet von dieser Gesellschaft auch seine Heilung und pflegt und hegt auf diese Weise sein Neurosenpflänzchen. Wobei - das ist schon ein ausgewachsener Baum in seiner Beziehungsunfähigkeit, seinem Mangel an Empathie jeder Art, seiner absoluten Humorlosigkeit, die v. a. im völligen Fehlen an Selbstironie zutage tritt: Vielleicht spürt man gerade in diesem Bierernst am stärksten die Auswirkungen seiner puritanischen Erziehung.

Im zweiten Teil scheint er insofern einen Fortschritt gemacht zu haben, als dass er hier stärker Gefühle zeigt: Er poltert und wütet gegen die Gesellschaft, sein Elternhaus - und selbst wenn dies manchmal ungerecht zu sein scheint, macht es in dieser Wut einen Menschen aus ihm. Und wenn er in Bezug auf die Gedulds- und Leidensfähigkeit des Protagonisten in der Hiobgeschichte feststellt, Gott sei das "größte Schwein des Universums" (was angesichts der Geschichte ein Wahrspruch wäre), so wird hier wenigstens ein erstes Stück Emotionalität sichtbar.

Aber weiterhin wird er von Orwellschem Zwiedenken beherrscht: Er erkennt zwar das Seltsame einer Sinngebung durch die christliche Religion, zieht aber nicht die - sich eigentlich aufdrängende - Konsequenz, ein solches Konzept gänzlich fallen zu lassen, sondern versucht es für sein eigenes Leben zu retten, phantasiert irgendwas zusammen von Glück, vom Sinn des Lebens (wobei ihm die Idee, dass ein glücklicher Mensch nach diesem Sinn nicht zu fragen pflegt, nicht kommt), schließlich will er Klarheit erreichen, um allem und jedem die Schuld zuzuweisen, wobei sich die Frage nicht stellt, ob er damit Recht hat. Denn eines ist tatsächlich klar: Selbst wenn er Recht hätte (was ich der Pauschalierungen wegen keinesfalls glaube), so ist das für ihn letztendlich irrelevant, v. a. für seinen Versuch, sich aus diesem Sumpf zu befreien. (Erinnert mich an einen bereits über 50jährigen Alkoholiker, der nie müde wurde, seine Eltern - der Vater war schon 20 Jahre tot - die Schuld für diesen seinen Alkoholismus zu geben. Auch hier war der Punkt überschritten, ob diese Schuldzuweisung nun teilweise (ganz wohl nie) zu Recht bestand: Es hatte etwas Seltsam-Bedrückendes, einen eigentlich alten Mann über seine lieblose (damals 90jährige) Mutter reden zu hören wie einen 14jährigen.)

Trotzdem: Der zweite Abschnitt war für mich - teilweise - lesbarer, wenigstens ein wütender, um sich schlagender Mensch, während bei Teil eins nur der Beginn erträglich war, der Rest eine Art Beweihräucherung nebst psychoanalytischem Schwulst.

lg

orzifar
Title: Re:Fritz Zorn: Mars
Post by: mombour on 22. Februar 2011, 15.47 Uhr
Hallo,

Quote from: sandhofer
Da der Protestant zwar wie der Katholik das Verbot vor- und ausserehelicher Sexualität kennt, aber im Gegensatz zu diesem - wenn er denn mal dagegen verstossen haben sollte - nicht die Erleichterung, dass er das Ganze dem Priester beichten kann, der ihm garantiert (auch im Namen Gottes) die Sünde ablässt, sondern sich direkt einem zornigen, eifernden Gott ausgesetzt sieht, dessen Reaktionen unvorhersehbar sind, mag das Tabu sogar noch härter sein, die Moral noch rigider.

Das ist mir noch gar nicht aufgefallen, dass Katholiken es in Bezug von Sünden leichter hätten. Was überstrapazierte strenge Religiosität an Kindern ausrichten kann, da vergleiche man das Schicksal von Hermann Hesse, Flucht aus dem Kloster Maulbronn usw. Das die Sexualität im Abendland als etws Böses und Sündhaftes angesehen wurde, ist auch der katholischen Kirche anzulasten; man lese Deschner: "Das Kreuz mit der Kirche."

Die Mentalität von Zorns Eltern ist, man kann es nur so nennen, verlogen, unehrlich. Sie belügen sich doch selber, wenn sie die Kirche für respektabel halten, von Gott aber nichts wissen wollen. Warscheinlich liegt dem ein Gesellschaftszwang  zugrunde. Andere gehen in die Kirche, also wir dann auch. Das sich der Vater für Predigtinhalte nicht interessiert hat, ist ja bezeichnend.

Quote from: orzifar
Bei allem, was Zorn über Sexualität schreibt, ist es schon befremdlich zu wissen, dass das von einem 32jährigen kommt. Seine romantisierenden Vorstellungen, sein Träumen, sich unfähig fühlen sind für einen Pubertierenden völlig normal; hingegen ist es schon erstaunlich, dass der Schreibende auch 15 Jahre später keine andere Position einzunehmen in der Lage ist...

Ich bin jetzt noch beim 15 Jährigen im 1V. Kapitel. Was man mit jungen Menschen anrichten kann, wenn  Eltern mit ihren Nachwüchslern nie über Sexualität reden, kann man hier nachlesen. Diese extreme Schüchternheit, dann die Erwartungshaltung anderer "Na, hast du schon 'ne Freundin" muss dem Zorn doch tief auf einen Nerv eingeschlagen haben. Mädchen nur in der Fantasie des Jungen, quasi hat er den Anschluss verpasst. Diese Vorstellung, Kinder werden gezeugt, indem man eine Frau mit der Hand berührt, Schweißtropfen dann überspringen usw....da weiß ich nicht mehr, was ich dazu sagen soll.

Quote from: Zorn
Das ganze Leben aber ist Sexualität
, heißt es, und:
Quote from: Zorn
Wer sich vereinigt, lebt, wer sich fernhält, stirbt.

Er weiß, dass ihm etwas entgeht. Sagen wir mal so: Es ist doch kein Wunder, dass ein Mensch mit so einer Vergangenheit depressiv werden kann.

Zorn sagt , er sei nicht der einzige mit solch einem Schicksal, bloß nicht jeder schreibt eben seine Momoiren darüber. Zorn also repräsentiert nur eine betroffene Person von vielen? In Ansätzen habe ich vergleichbares wie Zorn erlebt. Zu meiner Zeit waren damals die kritischen Thesen zur Kirche von Uta Ranke-Heinemann in Umlauf. Als wir diese Thesen am Tisch diskutierten, hatte mein Vater nicht den Mund aufgemacht und saß nur versteinert da; das bedeutet: die Kirche darf man nicht kritisieren. Wir hatten also einen Tabubruch begangen. Über Sexualität wurde auch nicht gesprochen. Ausrede: "Das kriegste schon später mit".  Protestantisches Umfeld, tja.

Ich will jetzt noch einen Schwung weiterlesen.....

Liebe Grüße
mombour
Title: Re:Fritz Zorn: Mars
Post by: orzifar on 22. Februar 2011, 16.37 Uhr
Hallo!

Ich glaube auch nicht, dass ein großer Unterschied zwischen protestantischer und katholischer Sexualmoral, Ethik besteht - und dass die Beichte in dieser Hinsicht tatsächlich erleichtert, kann ich mir nicht vorstellen: Da damit ja kein Problem gelöst wird, keinesfalls die verqueren Vorstellungen von Sexualität geändert werden - im Gegenteil: Sie werden explizite als Sünde gebrandmarkt.

Unser aller Sexualerziehung dürfte sich ohnehin kaum unterschieden haben, in meinem Elternhaus war dieses Thema ein absolutes Tabu, alles, was nur entfernt damit zu tun hatte, wurde totgeschwiegen (ich habe etwa meine Eltern niemals nackt gesehen, das wäre völlig undenkbar gewesen). Aufklärung gab es übehaupt nicht (ich wurde von der "Straße" aufgeklärt), die Unsicherheit dadurch natürlich geschürt. Andererseits halte ich Zorns Vorstellungen (in der Pubertät) für nichts Besonderes, die Unsicherheit Mädchen gegenüber scheint normal, sie wurde nur bei ihm über einen "normalen" Zeitraum hinaus prolongiert. (Für mich selbst stand auch fest, dass ich nie jemanden kriegen würde (bis 16), dann genau eine (wobei ich mir sicher war, dass die Betreffende einen Knall haben müsse, wenn sie sich ausgerechnet mich aussuche) - schließlich verschwand dieses Gefühl und vor allem machte ich auch die Erfahrung, dass meine "Erfolge" umso größer waren, je weniger ich meiner Umwelt (in Gestalt der begehrten Weiblichkeit) irgendwas vorspielte, je mehr ich dem durch die Erziehung verschütteten Gefühl "nett zu sein" nachgab. Vielleicht habe ich einfach diesbezüglich Glück gehabt, indem ich relativ früh begriff, dass das, womit man zu imponieren glaubt, keinesfalls Eindruck macht und man sich im Gegenteil als sympathisch und menschlich erweist, wenn man "Schwächen" eingesteht.)

Das Paradoxon scheint darin zu bestehen, dass Zorn in seiner Kritik an Eltern und Gesellschaft völlig Recht hat, andererseits sich aber gar nicht davon lösen kann. Das ist auch die Crux an seiner Situation, an Depressionen, Traurigkeiten im allgemeinen: Dass eben die Krankheit verhindert, jene Mechanismen wirken zu lassen, die eine Besserung bewirken würden, dass man einem Depressiven zwar sagen kann, er möge sich aus seiner Lethargie befreien, er möge - wenn auch nur irgendetwas - tun, leben, dass aber seine Krankheit genau darin besteht, dass er eben genau das nicht kann. Ich unterschätze nicht das Verzweifelte eines solchen Teufelskreises, im Gegenteil: Ich habe in meiner Vergangenheit genau solche katastrophal endenden Geschichten miterleben müssen.

lg

orzifar
Title: Re:Fritz Zorn: Mars
Post by: sandhofer on 22. Februar 2011, 19.24 Uhr
Hallo!

wenigstens ein wütender, um sich schlagender Mensch,

Ja, daran erinnere ich mich noch. Aber - wie gesagt: Ich bin bei dieser Lektüre hier wohl am weitesten zurück. So weit bin ich diesmal noch lange nicht.

Ich glaube auch nicht, dass ein großer Unterschied zwischen protestantischer und katholischer Sexualmoral, Ethik besteht - und dass die Beichte in dieser Hinsicht tatsächlich erleichtert, kann ich mir nicht vorstellen: Da damit ja kein Problem gelöst wird, keinesfalls die verqueren Vorstellungen von Sexualität geändert werden - im Gegenteil: Sie werden explizite als Sünde gebrandmarkt.

Ich weiss nicht. Ich habe als Pubertierender meine katholischen Kameraden immer beneidet: Die konnten beichten und damit war die Sünde - zumindest für die Vergangenheit - erledigt. Wir Protestanten mussten uns direkt unserm Gott gegenüberstellen - und wussten nie, ob er uns nun verziehen hatte oder nicht. Natürlich ist die grundlegende Moral dieselbe, ebenso die Einstellung zur Sexualität. Der protestantische Priester darf im Gegensatz zum katholischen zwar pimpern - aber nur die eigene Frau. Bischöfe dürfen nicht besoffen Auto fahren (wer war der zweite Mann?). Verteidigungsminister dürfen keine Zitate unterschlagen.

Grüsse
sandhofer

(PS.: Nein, das Saufen und Zitieren hat mit dem Pimpern keinen Zusammenhang. Oder höchstens über die verquere Ethik, dass, wer ein Amt inne hat, auch eine moralische Anstalt zu sein hat.)
Title: Re:Fritz Zorn: Mars
Post by: orzifar on 22. Februar 2011, 20.06 Uhr
Ich war bis etwa 11 Ministrant (wegen Renitenz des Amtes verwiesen, nicht wegen ungenauer Zitate wie der Herr Dr. strg. c. strg. v. von und zu), und meine auch, niemals etwas sexuell Konnotiertes in den Beichtstuhl getragen zu haben. Außer Doktorspielchen wäre da auch nicht viel zu bekennen gewesen und im - heutigen - Wissen um die sexuelle Ausrichtung des Herrn Dechants hätte das ihm mindestens so viel Erleichterung gebracht wie mir. Später war die Kirche kein Thema mehr (die Religion bzw. der Glaube schon zuvor nicht, die Kirche war für mich eine Institution wie die Polizei oder das Elternhaus), insofern bin ich vielleicht auch kein guter Gewährsmann für das Erleichternde dieses Beichtvorgangs.

Ich werde vielleicht noch heute den Zorn abschließen, im letzten Teil wütet er gehörig, aber es macht ihn mir (bei aller Ungerechtigkeit) doch eine Spur sympathischer als dieses Herumgeeiere zuvor.

lg

orzifar
Title: Re:Fritz Zorn: Mars
Post by: mombour on 23. Februar 2011, 17.13 Uhr
insofern bin ich vielleicht auch kein guter Gewährsmann für das Erleichternde dieses Beichtvorgangs.

Ich auch nicht als Protestant auf dem Papier, zumal es bei mir nichts zu beichten gab, außer, dass ich mich in eine Mathelehrerin verknallt hatte, aber, sind nicht die Gedanken frei?...na ja, in der Bibel steht natürlich drin, wenn man ne Frau  schief anschaut, hat man die Ehe schon gebrochen...ein hartes Brot das NT. Aber in meinem Hause wurde Sexualität nicht mit Sünde oder Kirche verbunden, sondern einfach verschwiegen, weil meine Erzeuger (ha, wie klingt das) selber Angst hatten, darüber zu reden. Und so kann es ja in der Zornfamilie auch gewesen sein. Man redete nicht darüber. Was ich mir unter Gott oder so was vorstelle, hat mich niemand während meiner Protestantenlaufbahn gefragt, aber natürlich war ich gerne in der Musik- und Theatergruppe. Kirche als sozialer Treffpunkt war sehr beliebt.

Ich bekenne, dass mir Zorn immer mehr auf die Nerven geht. Und mir fehlt im Buch die Gesellschaftskritik, die Beschreibung dieser bürgerlichen Scheinheiligkeit,


Es wäre interessant zu wissen in wieweit diese Scheinheiligkeit in der Schweiz gang und gäbe war. Mich nerven natürlich seine Privattheorien über die Krankheit - der seelische und der körperliche Krebs. Natürlich weiß ich, er sucht Orientierung und Sinn in seinem ganzen Leid, trotzdem, diese Abstrusitäten immer wieder vorgekaut zu bekommen, ist anstrengend. Krebs bekomme man, wenn man sein Leid in sich hineinfrisst und..

Quote from: Zorn
Ebenso klar war mir, daß die Seele offensichtlich vorderhand noch überhaupt keinen Widerstand aufbrigen konnte, denn die war noch viel kränker als der Körper;..

gemeint ist, die Seele zum Wiederstand gegen den Krebs einsetzen. Solche Vorstellungen enden mit einer Privattheologie vom symbolischen Tod (eine Narkose) bis zur Wiedergeburt zu einem besseren Leben (ohne Krebs, nach der Narkose).
Fantastereien eines Todkranken, verzweifelt einen Halt suchend.

Sein Exkurs über Liebe, Sex und Freud vermurkst er auch noch mit dem Christentum, dort doch aber Agapé gemeint ist, außerdem Freud in späteren Schriften eine viel erweiterte Auffassung vom Eros vertrat als Sex. Es ist im Text so, als ob alles zu einer Einheitsmixtur vermischt wird. Das mag natürlich darin liegen, weil Zorns Gefühlsleben tot ist ("emotionale Idiotie"), und Sex nur in seinem Kopf vorstellbar ist. Er weiß, dass seine Sexlosigkeit sein größtes Manko ist. Man kann sich wirklich schlecht vorstellen, dass sich ein 32 jähriger sich noch nie verliebt hat. Irgendwo habe ich mal gelesen, wenn jemand in früheren Jahren keine Liebesverhältniserfahrungen hat, schlägt sich das sehr oft in negativer Weise auf das Selbstbewusstsein des betroffenen Menschen zurück. Zorn klagt ja über Minderwertigkeit.

Morgen werde ich die Schimpftriaden auf seine Eltern lesen... na, mal sehen wie mir das bekommt.

Liebe Grüße von
mombour, der vorgestern mit einem Fieberanfall zu kämpfen hatte, die Planeten warscheinlich in ungünstiger Stellung standen, dem orzifar und der Katze, der Familie gute Besserung wünscht.
Title: Re:Fritz Zorn: Mars
Post by: sandhofer on 23. Februar 2011, 20.21 Uhr
Es wäre interessant zu wissen in wieweit diese Scheinheiligkeit in der Schweiz gang und gäbe war.

Was heisst hier "war"? Sie ist es - gerade jetzt - wieder. Allerdings, fürchte ich, nicht nur in der Schweiz.

A propos "Scheinheiligkeit": Folgende Sprachregelung habe ich gerade - mal wieder - beobachten können: Solange er fest im Sattel sass: "der ägyptische Präsident Mubarak". Heute: "der ehemalige Diktator". Ja.
Title: Re:Fritz Zorn: Mars
Post by: mombour on 24. Februar 2011, 16.09 Uhr
Was heisst hier "war"? Sie ist es - gerade jetzt - wieder. Allerdings, fürchte ich, nicht nur in der Schweiz.

Tja, nicht gerade fortschrittlich.

In unserem Buch geht es keineswegs aufbauend weiter. Diese scharfe Kritik an seine Eltern, einerseits verständlich, dass seine in gedämpften Niederungen schwelende Emotionen jetzt aufbrechen, allerdings letzten Endes doch eine unreife Verarbeitung seines Hasses ist, alles auf seine krebsüblen Eltern zu beziehen, Zorn allerdings durch seinen frühen Tod die Chance verwehrt worden ist, sein Schicksal sinnvoll  verarbeiten zu können. Aber da er mit seinem Hass natürlich nicht weiterkommt, dreht er sich im Kreise herum, wurstelt in seinen Problemen herum, findet in dem gewurstele keinen Ausgang mehr. Auch wenn ich noch zwanzig Seiten zu lesen habe, werde ich dieses Buch niemanden weiterempfehlen, weil zumindest ich keinen Sinn daraus ziehen kann, einen Menschen anzusehen, der ständig nur im Irrgang seines Hasses verweilen kann. Natürlich blinkt Mitgefühl, schließlich möchte man so einem Menschen helfen, aber durch seine im Kreisedreherei treibt er mich als Leser nur in Abgründe der Hilfslosigkeit mit dem Wissen, das Leid war irgendwann mal vorbei, als Zorn gestorben war.

Liebe Grüße
mombour
Title: Re:Fritz Zorn: Mars
Post by: orzifar on 24. Februar 2011, 19.37 Uhr
Hallo!

Hm, ich empfehle Bücher nicht nach ihrer möglichen "Nützlichkeit", eher danach, inwieweit sie bezüglich ihres Themas von Interesse sein könnten. Das hier ist eindeutig die ganz persönliche Geschichte einer schweren Neurose, der durch seine Krebserkrankung und den nahen Tod um die Chance gebracht wird, einen für ihn einigermaßen zufriedenstellenden Umgang mit seiner Vergangenheit zu finden. Es ist - auch - Gesellschaftskritik, aber eine sehr subjektive; die Gesellschaft, repräsentiert durch seine Eltern, wird gehasst, sie wird angegriffen (teilweise ungerechtfertigt) - und dieser erste Hass scheint mir durchaus sinnvoll, produktiv, denn er scheint eine Voraussetzung für eine weitere konstruktive Auseinandersetzung. Die Tragik besteht nun einfach darin, dass der Tod diese Auseinandersetzung verhindert. Aber diese wilden Anschuldungen der beiden letzten Teile scheinen mir menschlicher, sinnvoller als dieses halbgare, intellektuell aufgemotzte Gerede des ersten Teiles.

Im übrigen glaube ich auch, dass Scheinheiligkeit & Co heute noch grosso mode die gleich sind. Ein wenig allerdings scheint sich mir die Situation von Kindern gebessert zu haben (wenngleich es da noch viel zu tun gäbe), so etwa ist es heute nicht mehr selbstverständlich, dass man sie verprügelt - bzw.: Es ist dies keine "anerkannte" Methode mehr, sie zu erziehen. Allein die Tatsache, dass man heute solche Praktiken öffentlich anprangern kann, macht schon einen großen Unterschied aus, vor 30, 40 Jahren wäre so etwas unter "normal" subsummiert und überhaupt nicht der Rede wert gewesen. Und auch bezüglich der Sexualerziehung dürfte heute vieles ein wenig "natürlicher" ablaufen.

@Sandhofer: Genau diese Sprachregelungen sind mir auch aufgefallen. Und die Doppelmoral, mit der man plötzlich Konten von langjährigen und gern gesehenen Kunden sperrt - nicht weil sie nun plötzlich vom Paulus zum Saulus geworden wären, sondern einzig, weil es nun nicht mehr opportun erscheint, mit ihnen Geschäfte zu machen (und man sich die Nachfolgeregierungen gewogen machen will, egal wie "menschenfreundlich" sich diese Regierungen in Zukunft auch gebärden mögen).

lg

orzifar
Title: Re:Fritz Zorn: Mars
Post by: sandhofer on 24. Februar 2011, 21.10 Uhr
Hallo!

Ihr seid ja viel, viel weiter als ich. Aber ich erinnere mich, dass ich den wild um sich schlagenden "Zorn" damals (rund 40 Jahre sind's her ...) recht gut mochte.

Grüsse

sandhofer
Title: Re:Fritz Zorn: Mars
Post by: orzifar on 24. Februar 2011, 21.57 Uhr
Ihr seid ja viel, viel weiter als ich.

Ja, ich bin seit gestern nacht (Katerpflege mit zweifelhaftem Erfolg) durch mit dem Buch. Werd jetzt noch den Russel vornehmen, obwohl ich mir wünschte, einmal wieder ruhig schlafen zu können. Schaut aber nicht danach aus ...

lg

orzifar
Title: Re:Fritz Zorn: Mars
Post by: wolves on 25. Februar 2011, 09.53 Uhr
Werd jetzt noch den Russel vornehmen, obwohl ich mir wünschte, einmal wieder ruhig schlafen zu können. Schaut aber nicht danach aus ...
Oh je! *orzifar eine Tasse starken Kaffee rüberschieb* Ich ahne,wie du dich fühlst..... Noch mal Gute Besserung an alle Mitglieder deiner Familie!
Title: Re:Fritz Zorn: Mars
Post by: mombour on 25. Februar 2011, 10.44 Uhr
Hallo,

ich habe ja damals schon, als ich den Peter Noll gelesen, prophezeit, dass mir der Zorn nicht so liegen würde, und das ist so eingetreten. Zu diesem Themenbereich interessiert mich noch Joan Didion: "Das Jahr magischen Denkens".

Liebe Grüße
mombour
Title: Re:Fritz Zorn: Mars
Post by: orzifar on 25. Februar 2011, 14.41 Uhr
Danke euch für die Guten Wünsche! Die Gattung homo erholt sich langsam, aber felis silvestris bringt mich zur Verzweiflung. Tierklinik, OP, 10mal hin und her, keine Besserung - im Gegenteil. Mein Problem, dass ich an den Tieren sehr zu hängen pflege, wobei nicht ich sie halte, sondern umgekehrt. Denn wissend um meine emotionale Bindung würde ich "freiwillig" kein Tier nehmen. Daher landen sie krank, mit vereiterten Augen etc. in meinem Dachboden oder vorm Haus und miauen. Eingepackt, Tierarzt usf. - und aus Dankbarkeit zu ihrem Erretter bleiben sie mir erhalten. (Blöd wären sie ja, wenn sie wieder verschwänden - und die "Dankbarkeit" als spezifisch menschliche Kategorie ist wohl durch materielle Sicherheit zu ersetzen.) Der oft geäußerten Meinung, dass ein krankes Tier nun einmal dem evolutionären Ausleseprozess anheim fallen würde und daher nicht gerettet werden sollten kann ich mich nicht anschließen: Aus rationalen Gründen (da mir solche sozialdarwinistischen Überlegungen suspekt sind), noch mehr aus emotionalen Gründen (und prinzipiellen Überlegungen: Bei mir überlegen auch als "eklig" angesehene Insekten, ich neige nicht zum Zertrampeln und Erschlagen, es soll leben, was irgendwie leben kann und will). Wenn mich da so ein miauendes Fellbündel anguckt kann ich nicht anders - selbst wenn ich wollen wollte. Willensfreiheit, pah ... Hume hat schon Recht, wenn er meint, dass rationale Gründe sehr selten handlungsentscheidend oder motivierend sind.

Naja, nun werd ich den Kater weiter zum Fressen zu überreden versuchen, 24 Stunden kasteit er sich nun schon  :-\

lg

orzifar
Title: Re:Fritz Zorn: Mars
Post by: sandhofer on 27. Februar 2011, 10.07 Uhr
Hallo!

Hoffen wir, dass es auch der Gattung felis mittlerweile besser geht ...

In Mars habe ich nun das dritte Kapitel gelesen: Der Gymnasiast (aber eben nicht: Gymnast) Zorn. Zorn kommt nun langsam weg von seinem Hintergrund, von seiner Herkunft und beginnt, sich auf sich selber zu konzentrieren. Wahrscheinlich durchaus bewusste Gestaltung: Die geografische Öffnung, die äussere Schauplatzerweiterung, mündet in eine Konzentration auf die Innenansicht des Ich.

Aber es ist schon so: Wo es nur noch um den (wie wir hier sagen) verknorzten Zustand eines Spätentwicklers geht, geschildert aus der Innnensicht eben jenes Spätzünders, da verliert das Werk für den Leser an Interesse.

Ich lese dann dennoch mal schön langsam weiter. Nächstes Wochenende ziehen wir um; da wird wenig Zeit sein für Lektüre. Ich hoffe einfach, das Internet überlebt den Umzug ...  ^-^

Grüsse

sandhofer
Title: Re:Fritz Zorn: Mars
Post by: sandhofer on 07. März 2011, 10.08 Uhr
Hallo!

Kapitel 4. (Erste?) Analyse der Religiosität und der Sexualität seines Milieus. Wobei ich mit erster nicht ganz einverstanden bin - die Interdependenz zwischen Kirche als Institution, Glauben und dem Bewahren des äusseren Scheins muss komplizierter gewesen sein. Jedenfalls wenn ich von meinem eigenen Milieu auf das seine schliesse, auch wenn wir "nur" Mittelstand waren und nicht Oberschicht. Bei der Analyse der Sexualität bleibt er ganz einfach banal am Äusserlichen kleben, schade.

Grüsse

sandhofer
Title: Re:Fritz Zorn: Mars
Post by: sandhofer on 11. März 2011, 08.00 Uhr
Hallo

Die nächsten beiden Kapitel. Zorn lässt sich des langen und breiten über seine Depression aus. Das finde schlimmer als seine Fixierung aufs Sexuelle. Seine Ansichten betr. Psychoanalyse und deren Gegner sind platt, besseres Stammtischniveau. Von einem Romanisten, der doch Montesquieu oder auch "nur" Camus gelesen haban sollte, würde ich mehr erwarten.

Gruss

sandhofer
Title: Re:Fritz Zorn: Mars
Post by: sandhofer on 12. März 2011, 17.23 Uhr
Hallo

Nun bin ich ebenfalls durch. Der zweite Teil, mit seiner Gleichsetzung von Neurose und Krebs ist tatsächlich wenig ertragreich; der Schluss, wo Zorns Angst und Wut durchschlagen, ist dann wieder bedeutend interessanter, auch wenn ich finde, dass von einem Romanisten mehr präzise Logik zu erwarten wäre. (Ach ja, zumindest Sartre und Camus hat er doch gelesen...)

Grüsse

sandhofer
Title: Re:Fritz Zorn: Mars
Post by: orzifar on 12. März 2011, 18.25 Uhr
Der Zusammenhang zwischen Romanist und Logik will sich mir nicht erschließen ;). Dass er im letzten Teil (aber nicht nur, hierin ist er konsequent) auf stringente Beweisführung verzichtet ist wohl auch der (für mich wohltuenden) Wut geschuldet.

lg

orzifar
Title: Re:Fritz Zorn: Mars
Post by: sandhofer on 14. März 2011, 08.12 Uhr
Hallo!

Nun ja: Die "romanistische Literatur" (darunter verstehe ich die portugiesische, die spanische, die italienische und die französische Literatur, die ich mehr oder weniger kenne) zeichnet sich für mich durch einen hohen Grad an intellektueller Durchtränktheit aus. Selbst der verrückte Don Quijote ist auf eine sehr intellektuelle, rationale, kühle Art verrückt. Und irgendwie kann ich mir nicht vorstellen, dass ein Romanist all diese Schriften studieren soll, ohne dass das Rationale, Kühle, (Selbst-)Beobachtende auf ihn abfärben soll. Witzigerweise kann ich die vom Vater herrührenden sexuellen Probleme von Chessex' nicht-autobiografischem Protagonisten weit besser nachvollziehen als die des autobiografischen Fritz Zorn. Vieles mag Zorns Wut und Angst geschuldet sein, die das grosse Plus dieses Romans ist, aber die intellektuelle Durchdringung der Probleme ist Chessex besser gelungen.

Grüsse

sandhofer
Title: Re:Fritz Zorn: Mars
Post by: VivaElSocialismo on 27. Juni 2011, 20.00 Uhr
Hoi zäme

Ich spreche zu Euch quasi als Wiedergeburt Fritz Zorns. Das Buch war wohl nicht zufällig eine enorme Identifikation und sehr prägend für mich. Habe es mehr durch Zufall entdeckt. Zum ersten Mal davon gehört habe ich in einem Buch "Die Sehnsucht Opfer zu sein" oder so (über Binjamin Wilkomirskis Fall). Dann dachte ich, das Interessiert mich. Paar Monate später hatte ich von der Arbeitslosenkasse eine Beschäftigungsstelle in einer Bibliothek. Und beim Einräumen liegt genau das noch auf dem Tablar... Es gibt manchmal so Zufälle, wo man zweifelt, ob es wirklich Zufälle sind. Habe mir dann sogar den Strapazin-Band antiquarisch bestellt, in dem die Gebrüder Varenne ein Comic über ihn machten. Und DeRoulets "Double" gelesen, wobei ich finde, dass dieser Möchtegern-Revolutionär Zorns Namen nur als Zugpferd brauchte, dass jemand das Buch kauft. Über Zorn stehen darin nur Mutmassungen, dass er glaubt, er hätte ihn mal gesehen usw. Wie ehrlich DeRoulet ist, sieht man ja im Buch, wo er uns Lesern glaubs sagt, er hätte das Springerhaus nicht angezündet usw., und kaum als es verjährt war, ging er an die Presse.

Aber ich bin abgeschweift: Für mich war Zorn genau richtig, wie er war. Das Buch hatte für mich überhaupt keine Längen, es hätte fünfmal so lang sein dürfen! Es war, als würde er zu mir sprechen, und ich dachte, endlich mal redet einer Klartext. Das Wohltuende daran ist sein Empören über eine Gesellschaft, wo nur die Starken lieben. "Das ist in der Natur auch nicht anders.", kann man sagen, aber der bewusste Mensch sollte das Chaos überwinden durch Kultur.

Ich bin 27 und hatte mit Frauen auch nie etwas, wegen einer leichten Behinderung. Vor ca. 10 Jahren bin ich in den "sozialen Tod" und die Neurose und Depression verfallen, als ich keine Lehrstelle fand (Was aber nur die Spitze des Eisbergs war, vorausgegangen war Ausgrenzung in überfremdeten Schulhäusern in Kombination mit meiner Labilität, und mangelnder Sensibilität des Umfelds). Mit 8 und mit 16 erneut zur Psychiaterin, die nur Belangloses plauderte (Ich wünschte, die Psychiaterin hätte euren Scharfsinn gehabt. Aber die las wohl nur Fachbücher - in der Studienzeit damals.) Habe körperlich selber nichts, bin sehr zufrieden mit dem Körper. Aber jemand anderes in unserer problematischen Familienkonstellation hat Leukämie. Mir hat die Literatur sehr über die schwierige letzte Dekade hinweggeholfen (und das, obwohl ich als langsamer Leser absolut gesehen nicht so viele ganze Bücher las) und mir geholfen, meine zersplitterte Welt wieder zusammenzusetzen. Heute geht es mir trotz allem gut, weil ich (dank der Literatur) die richtige Einstellung habe, und irgendwann werde ich von der IV loskommen, und Arbeit finden. Ob auch eine Freundin, ist nicht so sicher, denn das Schicksal vieler historischer Persönlichkeiten (Jesus, Hitler, Tintin) war es, ihre Sexualität unterdrücken zu müssen.

Ich kann also Fritz Zorn sehr gut intuitiv verstehen. Was ich nicht verstehe, ist Eure Belustigung darüber, was für hohe Erwartungen Zorn in die Liebe steckt. Auch für mich ist die Vorstellung von Liebe eine sehr tragende Hoffnung. M.E. ist die Liebe immer nur so heilig, wie man sie hält ("Der einzige Fortschritt, den es gibt, ist der Fortschritt der Liebe." Anthony de Mello)

Ihr als frauengewohnte Literaturbeaus seid höchstwahrscheinlich einfach viel erfolgsverwöhnter bei Frauen als ich, und darum abgestumpft ;) Ich interessiere mich halt auch mehr für die östlichen Sachen wie Tantra und Karezza, normalen GV möchte ich gar nicht. M.E. ist eine richtige Liebesumarmung gegen oben offen und ist Poesie, das hat nichts mehr mit dem "alten Rein-Raus-Spiel" zu tun.

Es gibt Leute, die Wie Bonobos Sex als Mittel zum Zweck sehen, als sozialer Kitt und bargeldlose Zahlungsmöglichkeit. Andere wie ich betrachten Sex als den Zweck an sich. Gerade Zorn als ziemlich sicher genitaler Charakter (Probleme mit der Identitätsfindung), genau solche Menschen bräuchten es eigentlich am meisten. Ein analer oder oraler Charakter kann er nicht sein (sagt ja, es ist ihm nicht so wichtig, ob das Essen gut ist.)

Zorn war darum für mich ein Typ, der zu "gut" für diese Welt war. Er hätte vielleicht gewünscht, er könne einen leichtfertigeren Umgang mit Sex haben, aber dazu war er zu edel. So ist es, und man wird immer edler. Wenn Du Jahre gewartet hast, willst Du nicht in irgendein Bordell.

Das Problem grösste als Depressiver ist m.E., dass man nicht nur das eigene Leben für trist ansieht, sondern bald das Leben generell, und gar nicht mehr sieht, dass es ein gutes Leben geben kann. Sex ist noch der augenfälligste, plumpste Ausdruck von Glück, darum wohl die Fixiertheit darauf. Sex ist nicht alles, aber ohne Sex ist alles nichts. Eine Freundin wäre für Zorn der Schlüssel zum Leben gewesen, dazu, eine Persönlichkeit zu bekommen.

Was Zorn sagt, hat ausserdem wirklich grössere Dimensionen, für mich ist das nicht nur Grössenwahn. Der orientierungslose Bürger der Schweiz ist in einem Wechselbad aus Autorität und Überbehütung.
Title: Re:Fritz Zorn: Mars
Post by: orzifar on 27. Juni 2011, 21.35 Uhr
Hallo,

das dürfte nun weniger ein Diskussion über Literatur denn über psychosoziale Umstände des Erwachsenwerdens mit einem Gran Psychologie werden.

Nur ein paar Dinge, die mir in deinem Posting auffielen:

Ich bin 27 und hatte mit Frauen auch nie etwas, wegen einer leichten Behinderung.

Das ist eine Begründung, die, wenngleich ich dich nicht kenne, so nicht stimmt bzw. stimmen kann. Weil ich Menschen mit Behinderung und Beziehung kenne. Bestimmte Umstände machen es vielleicht schwerer, aber man könnte nur dann von einem kausalen Zusammenhang sprechen, wenn alle Menschen mit der entsprechenden Einschränkung ebenfalls beziehungslos wären. Offenbar ziehst du etwas als Begründung heran, was dir plausibel erscheint, erscheinen will, tatsächlich aber sind die Gründe mit Sicherheit vielfältig und in der Gesamtheit der Person begründet (und ein Teil davon ist diese Behinderung).

Zorn erwartet sich von der Sexualität zu viel, nicht von der Liebe - und er setzt die beiden Dinge gleich (wie es auch du zu tun scheinst). Bei dir scheint das ähnlich zu sein, deine Gedanken drehen sich um den Vollzug (oder Nichtvollzug) des Geschlechtsverkehrs, um bestimmte Liebespraktiken (die ich noch nicht mal kenne). In realiter (Erfahrungen eines literarischen Beaus ;)) verläuft die Sache anders: Kennenlernen, Sprechen, Erzählen, Zuhören, Unterhalten, Lachen (ganz wichtig), Spüren, dass man dem anderen - möglicherweise - nicht ganz unsympathisch ist. Wer all dieses Sprechen aber mit "einem im Hinterkopf erigierten Penis" betreibt und so gar nicht diesen seinen Wunsch verbergen kann (und meiner Erfahrung nach spüren Frauen und Mädchen das zumeist seeeehr gut, was und ob das Gegenüber "etwas" erwartet) wird wohl recht leicht enttäuscht werden. Die entsprechende Dame mag eine Dumpfbacke sondergleichen sein, sexuelle Avancen, das Fixiertsein auf Sexualität, spürt sie zumeist mit beachtlicher Sensibilität.

Zorn erinnerte mich in seiner Obsession an einen Bekannten, mittlerweile Uni-Dozent, also gesellschaftlich etabliert, normal aussehend (er allerdings begründet - vielleicht wie du - seinen mangelnden Erfolg durch sein Aussehen), der auch ständig die Erlösung seiner Leiden in der Sexualität sah. Ich habe dann mal Bekannte gefragt, warum er für sie als Partner nicht in Frage käme: Alle haben (wenngleich er sehr zurückhaltend war, schüchtern) sofort gewusst, dass er auf der Suche ist, er "fixiert" sei und ihn aus genau diesem Grund als irgendwie seltsam, verstörend, beunruhigend eingeschätzt. "Er ist nett, witzig, klug, aber auch komisch und fixiert, selbst wenn er lacht glaubt man, es diene nur einem Zweck". Unter diesen Frauen waren einige, denen psychologisches Feingefühl ansonsten fremd wie nur irgendetwas war, ihn aber haben sie trotz aller Manöver sofort durchschaut (vielleicht kann ja eine der anwesenden Damen auch noch etwas zu diesem Typus beitragen).

Ich selbst (unsicher wie jeder andere) hab ziemlich bald begriffen, dass ich "einfach nur sein muss". Der Dozent hat mich damals gefragt, worüber ich mit Frauen reden würde, "so zu Anfang" - und ich hab ihn gar nicht recht verstanden, einfach weil ich mir nie eine Strategie zurecht legte. Damals hatte ich grad eine unglaublich nette Studentin kennengelernt, die ich irgendwann zum Essen einlud. Wir redeten bis Mitternacht oder darüber hinaus - und der neugierige Dozent fiel aus allen Wolken, als ich ihm erzählte, dass ich mich hauptsächlich über Selbstmord an diesem Abend unterhalten hatte. Weil ich eben mit einer diesbezüglichen literarhistorischen Arbeit beschäftigt war und ich nicht im Traum auf den Gedanken gekommen wäre, dass dies kein "passendes" Gesprächsthema sei. Alles, einfach alles ist passend. Außer vorbereitete Gespräche, mit denen man imponieren, was auch immer, will.

Außerdem scheinst du leider schon von deiner Psychologin infiziert zu sein: Vergiss sämtliche genitalen, oralen, analen Charaktere. Es gibt Menschen, die man mag - und von denen man gemocht wird. Mit denen man vielleicht mal im Bett landet und mehr oder weniger Spaß hat. Jeder mag so seine versteckten Träume haben, aber die sind so wichtig nicht. Meiner Erfahrung nach (ich spreche wieder als Beau) sind es keinesfalls die Stunden, die man gemeinsam im Bett verbringt, die sich am meisten einprägen, am schönsten sind. Es ist oft das Kennenlernen, das erste, leise Spüren, das Herzklopfen, der Quadratzentimeter Haut, den man wie zufällig berührt, die Hand, die bei einer leisen Berührung nicht wegzuckt, wie zufällig liegen bleibt - das Herz klopft bis zum Hals, während man zitternd, schluckend, scheinbar aber souverän über Heideggers Fundamentalontologie spricht (zu sprechen vorgibt). Später ein Gefühl der Sicherheit, Geborgenheit, das Wissen, dass da jemand ist, der einen (und man hat wohl lebenslang den Eindruck) ein wenig unberechtigt zu gern mag.

So weit so gut ...

lg

orzifar
Title: Re:Fritz Zorn: Mars
Post by: VivaElSocialismo on 27. Juni 2011, 23.05 Uhr
Danke für Deine Ratschläge. Meine Behinderung hat eben genau Kontaktschwierigkeiten zum Inhalt, das "Aspergersyndrom", wobei ich diesen Befund eigentlich nicht glaube, sondern eher, dass ich ein extremer Topneurotiker bin, was ich aber immer zu verbergen wusste, auch vor mir selbst. Es durfte nicht gemerkt werden, dass ich neurotisch war (dann hätte man den Dingen auf den Grund gehen müssen), da war so ein Stempel einfacher. Wäre ich in ein akademisches Umfeld reingeboren worden, wäre sowas evtl. gar nie als "Behinderung" aufgefallen. Meine Fähigkeiten hätten sich in eine entsprechendere Richtung entwickelt, und dann hätte ich es evtl. sogar ans Gymnasium geschafft. Zorn hat also Recht, dass das Umfeld eine grosse Rolle spielt, wie jemand sich entwickelt. Aber seine Eltern waren ja anscheinend gebildet, das geht mir nicht in den Kopf.

Jahrelang hat es mich vor Begehren zum Teil fast in den Irrsinn getrieben, aber heute, dank den asiatischen Energiekultivierungsübungen und Hypnose via MP3 kann ich Energie aus mir selber generieren und brauche eine Frau vor allem noch emotional. Was Du beschreibst ist eigentlich genau das, was ich vermisse, aber natürlich gehört sicher alles zusammen.

Ich bin einverstanden, dass man Psychoanalyse nicht zu totalitär würdigen sollte, aber das, was Freud so sagt, ist schon nicht einfach an den Haaren herbeigezogen! Ich habe es selber als Kind gespürt, diese Gefühle waren zum Schneiden dick: Die Geschichte von Davids Kampf gegen Goliath hat in mir als Kind immer ein sehr beklemmendes Gefühl ausgelöst, das ich nicht verstand... Ausserdem habe ich in der Beratungsrubrik der "Schweizer Jugend" mal eine Erklärung vom Ödipuskomplex gelesen, und ab dann hatte ich Angst, dass ich das wirklich tun würde. Ich hatte generell eine enorme Aggressionshemmung. "Dank" selbem Heft begriff ich auch erstmals, wie der Geschlechtsakt abläuft - und verstand die Welt nicht mehr (Genau wie Zorn es beschreibt)

Es verblüfft mich auch, dass Zorn alleine wohnte bzw. in einer WG, und es trotzdem nicht besser wurde. Irgendwo stand mal Zorn hätte sogar Feste gegeben und alle eingeladen, und sei nicht so eine graue Maus gewesen, sondern aufgetreten wie ein spanischer Grande (Möglicherweise im Buch "Lettre à Fritz Zorn" von Monique Verrey, von dem ich selber nur Rezensionen las.) In der heutigen Zeit hätte er via Internet ziemlich wahrscheinlich eine Freundin gefunden, und heute muss auch niemand mehr Hemmungen haben, Frauenbesuch in seiner Wohnung zu empfangen (Wenigstens ein Vorteil davon, dass man einander nicht mehr so kennt in den Häusern)

Und was, wenn er dann doch Krebs bekommen hätte? Dann hätte er nichtmal eine Erklärung dafür gehabt, es wäre nur Sprachlosigkeit geblieben.
Title: Re:Fritz Zorn: Mars
Post by: orzifar on 28. Juni 2011, 13.49 Uhr
Hallo,

du hast meines Erachtens Recht, wenn du die Diagnose "Asperger-Syndrom" anzweifelst. Häufig sind Behandelnder und Behandelter einfach nur froh, einen Namen gefunden zu haben für das, was sie zu therapieren wünschen bzw. sie beeinträchtigt. Damit ist dann - außer der Katalogisierung - nichts gewonnen, einzig der Patient hat das mehr-weniger wohltuende Gefühl, an einer ganz spezifischen Krankheit zu leiden und damit auch das Recht an diesem seinen Zustand erwirkt zu haben. Ähnlich inflationär wird bei auffälligen Jugendlichen mit dem Borderline-Syndrom umgegangen, in beiden Fällen gibt es eine Aufzählung von Kriterien, die - bei entsprechender kreativer Auslegung - auf beinahe jeden Menschen zutreffen.

Das, was dich an Zorn verblüfft, sollte dich nicht verblüffen ;). Zumeist erscheinen andere Umstände als erstrebenswert, schön, wie ja auch Zorn irgendwo schrieb, dass er gerade seine spezifischen Umständ für besonders schrecklich erachtet hat: Das Leben an der "Goldküste", das Wohlbehütetsein etc., weshalb ihm ein Dasein in einem weniger exklusiven Milieu als eine Art Rettung erschienen ist. Ich glaube auch nicht, dass das Internet Zorn zu einer Beziehung verholfen hätte: Denn es war ja nicht der Mangel an Gelegenheiten, wenn man seinem Buch Glauben schenken darf (wobei ich mir diesbezüglich nicht immer ganz sicher bin).

Und nein: Nicht alles, was Freud sagte, ist einfach nur falsch (er hat im Gegenteil als erster bestimmte psychische Phänomene angesprochen). Aber vieles ist doch Nonsens, vereinfachend (u. a. seine Überbetonung von Sexualität). Oder aber es benennt ein Gefühl, das häufig vorkommt: So ist es nicht verwunderlich, dass in einer Gesellschaft mit patriachalen Strukturen so mancher heranwachsende Jugendliche (Mädchen inklusive) den Wunsch verspürt, seinem Vater die Rübe zu spalten (kenn ich ;)). Ob man das allerdings großartig mit einem ödipalen Komplex bezeichnen muss, will ich bezweifeln (und der zweite Teil der Sehnsucht einer Kopulation mit Mama bedarf meist erst einer "therapeutischen" Behandlung).

Gerade was dieses "Begreifen" des Geschlechtsaktes anlangt ist es wohl ganzen Generationen ähnlich gegangen. Auch bei uns kursierte so eine Aufklärungsbroschüre mit den entsprechenden Zeichnungen (die mir allerdings kein wirkliches Verständnis vermittelten). Außer dass die Sexualität damit (für mich) in den medizinischen Bereich verschoben, zu einem Abstraktum wurde, das mit dem, was mich beschäftigte (nämlich der Sehnsucht nach Umarmung, irgendeiner Form von Liebe, die ich genau gar nicht hätte benennen können), nichts zu tun hatte. Meine Aufklärung fand später auf der Straße statt.

Eigentlich will ich keine "Ratschläge" geben: Bestenfalls zeigen, dass dein Zustand so besonders denn doch auch wieder nicht ist, was aber keinesfalls bedeuten soll, dass ich dein Leiden an diesem Zustand unterschätze. Wie ich überhaupt der Meinung bin, dass man in der Beurteilung der Probleme anderer Vorsicht walten lassen sollte: Nach Camus ist das, was ein Grund zu leben ist, immer auch ein Grund zu sterben. Das aber bedeutet, dass, wenn man zum Glück nur ganz wenig braucht, man dieses Wenige auch dazu benutzen kann, sich einen Strick zu kaufen.

lg

orzifar
Title: Re:Fritz Zorn: Mars
Post by: VivaElSocialismo on 28. Juni 2011, 17.38 Uhr
Das mit dem Strick stimmt absolut. Wenn einem alles sinnlos ist, kann einem genausogut alles sinnvoll sein. Es kann in jede Richtung kippen. Wenn man genug verzweifelt ist, lacht man ja eigentlich mehr vor Verzweiflung als dass man weinen würde. Und aus der (überwundenen) Depression kann auch eine grosse Kraft kommen, die sonst unmöglich wäre.

Ich glaube, der Ausgang des Ödipuskonflikts bei Zorn war so, dass er sich sagte, ich gebe auf. Dieser Konflikt kann eh keinen guten Ausgang nehmen für das Kind, wenn die Eltern den Ödipuskonflikt ernster nehmen als es selbst...

Es gibt Männer, die ihre Frau und ihren Sohn (unbewusst) zu Mollusken werden lassen. Die "Lächerlichkeit", die Zorn erwähnt, ist ein Schlüssel zum Verständnis davon: Zorns Familie war wohl wirklich lächerlich, im weitesten Sinn, wie ich und meine Familie. Ich erinnere mich daran, wie mal in ein Lager meine Eltern mit meinem Grossvater auf Besuch kamen (generell keine gescheite Idee..) und dann haben die anderen Kinder irgendwie über sie gelacht. Aber Vielleicht nicht absolut lächerlich, sondern nur in dem Zusammenhang, alle anderen waren ganz anders sozialisiert, Schlüsselkinder mit Migrationshintergrund. Und meine Eltern bringen auch noch Schoggistängeli für alle vorbei, für die Klasse, wo drei Viertel mich schmähen.

Zorn scheint mir ausserdem auch eher eine kleine Verwandtschaft gehabt zu haben, was weiter zur Isolation und zum Um-Sich-Selbst-Drehen der Kleinfamilie führte, ein Komplexherd. Ich hatte gerademal 2 Cousins väterlicherseits (wovon einer adoptiert), während z.B. die Italos zahlreiche Cousins und Cousinen hier in der Schweiz hatten.

Wenn der Vater lächerlich ist (Sonderschuljahre als Kind, Harthörig ohne ein Hörgerät kaufen zu wollen, Wortfindungsstörungen), dann verdrängt das die Familie, denn er ist ja immerhin der Vater und man mag ihn ja.

Der Vater kann trotz der tieferen Schwächen und auch ohne besonders Aussehen ein rätselhaft attraktiver Mann à la Dick Laurent aus "Lost Highway" sein, solche Männer wie wandelnde Penisse, die bis auf die Knochen obszön sind (unterschwellig), sodass ihnen die Frauen zufliegen (ein Penis so gross, dass man nicht sieht, dass es einer ist. Cola kann haushohe Plakate kleben und niemanden störts, während der neueröffnete Coiffeursalon fast niedergebrannt wird, weil er paar Wurfzettel verteilt.) Jedenfalls wird um so einen Mann herum alles andere weiblich... Und der Sohn will nicht glänzen und nimmt sich körperlich und geistig zurück, will den Vater nicht übertrumpfen (Darum die Kunst als Ausflucht, weil es in der Kunst keine Konkurrenz gibt, alles ist einzigartig und "man kann es nicht vergleichen"). Trotzdem wird auf eine Art der Vater bald zum Sohn, und der unterdrückte Sohn zum Vater, weil er (ein Leichtes) geistig bald reifer ist. Noch bisschen verbale Gewalt, und voilà, das labile Kind hat die schönsten Komplexe. Die sind so mannigfach, dass es mir wirklich vorkommt, wie Zorn sagt: Zurückschlagen eines Vorhangs, und dahinter ist ein weiterer Vorhang, hinter dem noch mehr Schrecken ist usw. Man muss aber das Gute sehen: Man kann sich nach jedem Vorhang freuen, dem Leben einen Schritt näher zu kommen. Es hilft auch viel, sich nicht so ernst zu nehmen.

"Dick Laurent-Männer" bekommen alles, was sie wollen, denn den Penis will niemand verletzten oder zurückweisen. Vielleicht wegen den Fruchtbarkeitskulten von früher, vielleicht auch, weil die Leute unbewusst denken: "He, fuchtel nicht mit dem Ding hier rum!", und alle geben ihm alles, nur damit er verschwindet... Diese "Dickheads" umgehen rationale Schranken in der Frau und sprechen irgendwie unbewusste animalische Wünsche an.

Der Sohn muss aber bald merken, dass er sich nicht auf dieselbe Art den Frauen nähern kann, im Gegenteil... Es wird hier nicht mit gleichen Ellen gemessen, bei ihm gilt es sofort als Belästigung. Vielleicht auch nur weil er sensibler ist, und allzu deutlich merken kann, dass die anderen ihm signalisieren, dass es lästig ist.

So ein Mann baut eine Harmonie auf, notfalls mit (verbaler) Gewalt, durch raffinierte Schuldgefühle wagt es das Kind nicht, die Harmonie zu verletzen und z.B. nicht mit in die Ferien zu gehen (Daheimbleiben geht umso schlechter als dass es keine Freunde hat, sodass es dumm aussähe, zu sagen: Ich bleibe lieber ganz alleine zuhause, obwohl es stimmt.) Aber irgendwann beginnst Du dich zu fragen, wer hat diese Harmonie überhaupt am meisten nötig? Harmonie auch in dem Sinn, dass diese Männer jetzt ihre Jagdphase abgeschlossen haben, weil sie schon alle hatten, und jetzt umso monogamer sind. Verlogen wie die Einsiedler, zuerst das Leben geniessen, und dann, wenn man wund ist und den Kater hat, den Heiligen spielen. Sie wollen auch nicht, dass der Sohn wird wie sie, darum vermeiden sie, dass er sturmfrei oder sonstige Gelegenheiten bekommt.
 
M.E. potenzierte sich die Lächerlichkeit erst recht dadurch, dass Zorns Vater jemand war, der sich ernst nahm, mit seiner rein-säkulären Arbeit mit den Kirchen (Verlogener geht es nicht) Der Beruf des Vaters des antichristlichen Federicos ist somit eine grosse Ironie, der von meinem Vater auch (Erotik-Zulieferbranche). Solche Eltern arbeiten auch mit Drohungen wie "Iss auf, denk an die Kinder in Afrika usw.", dabei kümmern sich genau jene Eltern überhaupt nicht darum, was für politische Verhältnisse dazu führen, dass es in Afrika solche Misstände gibt...

Nennt mich abergläubisch, aber solche Unaufrichtigkeit beschwört einfach Flüche hinauf! Mit der Bedeutung, mit dem Sinn zu spassen, kann nicht gut sein, weil alle dann immer mehr in Frage stellen, am Schluss das Leben selbst, und immer mehr Substanz bröckelt weg. Man hat ja gesehen, was aus dem Sohn, des Laienpredigers Crowley, der Alkohol verteufelte, unter der Woche aber selber braute, geworden ist...