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Gemeinsam Lesen => Leserunden => Topic started by: sandhofer on 28. Februar 2010, 17.08 Uhr
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Hallo zusammen!
Ich eröffne diese Leserunde heute schon mal, da ich morgen kaum zum Schreiben oder Lesen kommen werde. So habe ich heute auch schon die ersten paar Seiten gelesen und ganz gegen meine Erinnerungen an das Werk eine sehr zarte, poetische Schreibe vorgefunden. Bis und mit S. 29 steht der Tod bzw. das Sterben (nicht nur des Vaters) ganz klar im Vordergrund, aber ganz und gar nicht so morbid-satirisch wie beim Landsmann Burger.
Ich lese eine Ausgabe des Club Français du Livre, erschienen 1974, ein Jahr, nachdem Chessex für dieses Buch den renommierten Prix Goncourt erhalten hat. Ich hab's antiquarisch erstanden, und darin vom Vorbesitzer nicht nur den Originalprospekt beigefügt gefunden sondern auch eine Hektographie (weiss heute noch jemand, was das war?) einer Pressemitteilung des Service de Presse Suisse über La Suisse de Jacques Chessex vom 30. Oktober 1974. So was stimmt mich ganz nostalgisch. Ich bin kein wirklich grosser Fan von Waadtländer Weinen, aber vielleicht werde ich mir für die weitere Lektüre eine Flasche oder zwei vom Lavaux besorgen ... 8)
Grüsse
sandhofer
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Ich lese die deutsche Übersetzung von Marcel Schwander, Volk und Welt Verlag, Berlin 1981, denn ich vermag es nicht auf Französisch zu lesen.
Nostalgisch stimmt dich wohl eher das ganze Drum und Dran (meine „Buddenbrooks“ sind auch gespickt mit solchen Leckerbissen) Sandhofer, denn düsterer geht es kaum von der Atmosphäre her. Also so richtig schwelgen und genießen werde ich das Buch nicht können, dazu erdrückt es mich zu sehr, aber es scheint eine ausgesprochen tiefe Lektüre zu werden.
LG
Anita
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Hallo,
Ich lese in folgender Ausgabe: Verlag: Volk und Welt, Berlin, Spektrum 148 (DDR), 1981
Der Wink des Schicksals wollte es vielleicht so, dass ich erstmals von Jacques Chessex gehört habe, nachdem er gerade gestorben war. Chessex starb am 09.10. 2009 während einer Diskussionsveranstaltung, auf der es um eines seiner Bücher ging.
In „Der Kinderfresser“ geht es um den Lateinlehrer Jean Calmer, der von seinem Vater tief gedemütigt und verhöhnt wurde. Auch als sein Vater gestorben war, kommt Calmer nie von ihm los, so sieht er ihn in einer Vision seinen vestorbenen Vater in eine Gastwirtschaft gehen. Das Leid, was der Vater ihm angefügt hat, sitzt dem Lateinlehrer so tief im Nacken, quasi wie ein autoritäres Über-Ich, dass der Vater über seinen Sohn nicht die Macht verliert, obwohl dieser schon im Krematorium liegt.
Wunschdenken:
Man durfte ihm in der guten Erde nicht die geringste Chance lassen, daß er seine abscheuliche Gewalt bewahren konnte
(Seite 12)
Es geht um großes Leiden, psychisches Trauma, welches nicht verarbeitet worden ist, der Sohn, also Jean Calmer, deswegen immer leiden muss.
Übrigens: Im übertragenem Sinne geht es auch um das Leid auf gesellschaftlicher Ebene:
Die Asche redet um so lauter, je gräßlicher das Märtyrium ist.
(Seite 44).
(Krematorium Auschwitz, flammende Scheiterhaufen der Inquisiteure ...).
Die Wirkung des Vaters auf Jean ist fatal. Selbst Kontakte zu Frauen lassen sich für Jean nicht herstellen. Da sitzt er in vereinsamt in einer Gastwirtschaft, schaut aus dem Fenster und sieht hübsche junge Mädchen, die eine Brücke überqueren.
Jean Calmer findet sie wunderbar, fröhlich und stark, und wieder spührt er einen Krampf, mitten ins Herz.
(Seite 34)
Sprachlich vorzüglich. Ich lese gerne weiter :hi:
Liebe Grüße
mombour
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@Anita: Die Nostalgie hat mich eigentlich auch eher angesichts der hektographierten Blätter gepackt. Inhaltlich - wie gesagt: Ich habe weder mit dem Lavaux noch mit Lausanne nähere Verbindungen. Lausanne ist die Stadt, die ich links liegen lasse, wenn ich nach Frankreich fahre. (Während ich um Bern einen Bogen mache.) Payerne war ein paar Jahre lang die "grosse Stadt", in der ich am Wochenende einkaufen ging. Aber im Grunde genommen kein Kontakt mit den Einheimischen. Ich war ein Fremder, ein Zugereister. In doppeltem Sinn: Ich war in Payerne aus einem andern Kanton, an meinem Wohnort aber auch erst kürzlich zugezogen.
Der Text übrigens ist dann sehr schnell morbider geworden. Und dennoch: Die Beschreibung der Friedhofsszene mit der moribunden Schülerin und ihren Freunden und Freundinnen war ungeheuer zart und poetisch. Sehr neutral und sachlich beschrieben, keinerlei Voyeurismus. Und deshalb wie ich finde, sehr poetisch. Sprachlich, wie mombour sagte, ein Genuss. Auch im Original ;)
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Prima, dann habe ich das genau richtig verstanden. Es soll aber auch tatsächlich Leser geben, die in einer solcher Atmosphäre genüsslich schwelgen ...
Die Beschreibung der Friedhofsszene mit der moribunden Schülerin und ihren Freunden und Freundinnen war ungeheuer zart und poetisch. Sehr neutral und sachlich beschrieben, keinerlei Voyeurismus. Und deshalb wie ich finde, sehr poetisch. Sprachlich, wie mombour sagte, ein Genuss. Auch im Original ;)
Ganz großartige Szene, ja das ist sie. :) Und selbstverständlich lese ich das Buch mit Freude, ich bin ebenso froh im Literaturclub von Chessex erfahren zu haben, und ihn nun hier mit euch zu lesen. Nach seinem Tod werden jetzt auch endlich wieder seine Bücher neu herausgebracht, ins Deutsche übersetzt war er ziemlich schwer zu bekommen.
LG
Anita
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Ich bin seitenmäßig nicht viel weiter gekommen, ich denke, Chessex werde ich mir sehr langsam zu Gemüte führen.
Vorab im Vorwort: Dieses Buch ist ein Roman über die Erziehung. Es ist auch ein Roman über die Schweiz, deren patriarchalische Strukturen der mittelalterliche Kindlifresserbrunnen im „einschüchternden“, im „väterlichen“ Bern symbolisiert. Es sind Strukturen, die auch in der neuen Schweiz noch aufscheinen: in Typen wie dem Rektor Grapp, Oberst und Nationalrat, einem jener „Ordnungshüter“, die der demonstrierenden Jugend wehren, die Neonazis im Lande aber gewähren lassen.
Sandhofer inwieweit können wir und darf ich das schreiben, so wie mir der Schnabel wächst? (Auf Streitgespräche liegt mir momentan nämlich nicht der Sinn.)
Es handelt sich hier wohl um eine Analyse des Protagonisten Jean Calmet, die dann auf weitere Ebenen übertragen werden kann. Und so ist dann auffällig, dass Jean Calmet seinen Vater zunächst vergöttert, obwohl er offensichtlich ein Familientyrann ist, der Patriarch, und seine Mutter >betrachtet er mit gehässigem Erbarmen<, weil er offenbar ihre Schwächen geerbt hat: mager, zerbrechlich, erregbar und zart. Er ist ein Heiliger und sie ein hochmütiger >Prügelsklave<. Der Vater war Arzt und seine Patienten legt er demütigend bis auf letzte Hemd frei, ich denke mal, dass er das auch mit seiner Familie tat, und zum Schluss wird er dann selber zum >Pflegling<. Jean Calmet denkt, wenn seine Mutter nicht diese Unterwürfigkeit gegenüber dem Vater besessen hätte, hätte er ihm anders begegnen können. Er ist wohl so „klein“, dass er gar die Selbstsicherheit des Bestatters neidet. Dann kommt ein wohl wichtiger Hinweis, er ist der jüngste Spross, der Benjamin (Jakobs jüngster Sohn, bei dem Rahel stirbt).
Dann ändert er völlig seine Meinung und stellt seinen Vater als den >schrecklichsten Erwachsenen< hin, und dass die >Schulzimmer Schutzinseln gegen seine Autorität< darstellen.
LG
Anita
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Sandhofer inwieweit können wir und darf ich das schreiben, so wie mir der Schnabel wächst? (Auf Streitgespräche liegt mir momentan nämlich nicht der Sinn.)
Von mir aus so frei von der Leber weg, wie Du willst. Ich meinerseits bin nicht gewillt, in politische bzw. patriarchalisch-feministische Streitgespräche mich zu verwickeln. Ich lese dieses Buch als eine Art Entwicklungsroman. Die politischen Implikationen, die Dein Vorwort, Anita, oder auch mombours Beitrag darstellen, interessieren mich wenig(er), fallen mir deshalb auch gar nicht auf. (Was nicht heisst, dass ich sie nicht dankbar aus Euren Beiträgen zur Kenntnis nehme!) Dafür diese Gegenüberstellung einer anziehend-gesunden Jugend und eines abstossend-gesunden Alters. Die sich dennoch gegenseitig finden, wie im Beispiel des Vaters und des 17-jährigen Jugendschwarms von Jean. Es ist, und da muss ich mein früheres Posting wieder korrigieren, kein morbides Buch. Es ist ein Buch über den Tod. Und das Leben. Ein Buch über das Alter. Und die Jugend. Calmet liebt die Jugend und hasst das Alter. Er liebt den Wein. Und das Rasieren ...
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Die politischen Implikationen, die Dein Vorwort, Anita, oder auch mombours Beitrag darstellen, interessieren mich wenig(er), fallen mir deshalb auch gar nicht auf.
Ich bin ganz ehrlich und gestehe, dass mir die Übertragung aus meinem Post erst später am Abend kam "Jean Calmet denkt, wenn seine Mutter nicht diese Unterwürfigkeit gegenüber dem Vater besessen hätte, hätte er ihm anders begegnen können." Der Vater als Nationalsozialist/Hitler, die Mutter als die Schweiz und der Sohn, eben als die Generation danach. Okay, ich weiß zum Beispiel was in Davos im zweiten Weltkrieg abging ..., aber es stellt sich hier wirklich die schickliche Frage, soll und darf ich nun als Deutsche ...
Nein lassen wir es raus und lesen die Entwicklung ;)
LG
Anita
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Okay, ich weiß zum Beispiel was in Davos im zweiten Weltkrieg abging ..., aber es stellt sich hier wirklich die schickliche Frage, soll und darf ich nun als Deutsche ...
Nein lassen wir es raus und lesen die Entwicklung ;)
Ja, also, was soll denn das? ???
Ich verstehe nicht die Frage, ob man was darf oder nicht? Schamgefühl? Nein, alles raus, was euch einfällt. Was soll der selbstgeflickte Maulkorb? Ich verstehe das wirklich nicht.
Über den Vater, dem Tyrannen
Sein Vater kannte die verpuppten Triebe.
(Seite 10)
Diesen Satz mag man weithin deuten. Mir sagt er, der übermächtige Vater kennt seinen Sohn bis in die letzten Winkel und Jean kann sich überhaupt nicht von seinem Vater abgrenzen. Der Vater nutzt ihn schamlos aus und verletzt seine Menschenwürde, da sich Jean vor seinem Vater quasi entblößen muss, bis in den letzten Seelenwinkel hinein. Der Schluss des ersten Kapitels "Das Krematorium" gibt mir einiges zu denken. Jean träumt, ein Stier starrt ihm von einem Hügel herab an und dann liegt die erdrückende Masse auf ihn (Seite 68). Mir kommt die Assoziation, sein Vater, der Stier, habe den Sohn vergewaltigt, Jean daher in seinem künftigen Leben Schwierigkeiten mit seiner Sexualität bekommen hat. Dazu kommt noch die Vision auf Seite 66, in der Jean den Phallus seines Vaters sieht. Ihn fröstelt vor Angst und Ekel und "erstarrte wie ein Sünder". Vielleicht gibt sich Jean selbst die Schuld für die Vergewaltigung, obwohl er natürlich keine Schuld an der Perversion des Vaters trägt. Mythologisch gesehen steht der Stier für Zeugungskraft und Fruchtbarkeit. Der Minotaurus auf Kreta fraß auch seine Opfer: Ein Kinderfresser.
Der Vater hat sie Seele seines Sohnes gefressen. Die Liebe des Sohnes zum Vater wird zur Furcht. Jean traut sich nicht, seinen Vater in die Arme zu schließen. Die Mutter in ihrer Liebe zu dem Grausamen, verehrt ihn nach seinem Tode auch noch als "Heiligen", denn er habe sich für seinen Beruf aufgeopfert. Es gibt ja Frauen, die bei ihrem Mann bleiben, auch wenn er sie schlägt. Die emotionale Bindung wird zur Abhängigkeit, eine Tennung von dem Ehemann ist nicht möglich. So ergeht es auch dem Sohn:
Jean Calmet senkte den Blick über seinem Teller, doch er konnte dem Inquisator nicht entgehen.
(Seite 10)
Politischer Hintergrund? (den Anita schon angedeutet hat)
Ich vermute einen politischen doppelten Boden des Romans. Es gibt Anspielungen auf die Inquisition und den Nationalsozialismus. Nicht zufällig heißt es einmal "Gottes Auschwitz" (Seite 19).
Seine Gedanken geisterten um den glühenden Rost des heiligen Laurentius, die flammenden Scheiterhaufen der Inquisition, die Verbrennungsöfen von Auschwitz...
(Seite 44)
Warum ist Jean zum Leiden "auserkoren?"
"auserkoren", das heißt, es ist doch etwas besonderes, nur was? Jean sagt das auf Seite 16 im Zusammenhang seiner Gedanken an Märtyrertode wie der von Jeanne d'Arc, und an den todwundenen Roland, der in einer Felsschlucht ins Horn bläst. Meine Frage besteht darin, warum sich Jean Parallelleiden von Märtyrern sucht. Nur um seinem Leiden einen Sinn zu geben?
Wenn wir an den Nationalsozialismus denken wollen, dagegen konnten sich die Menschen auch nicht wehren, sie waren einfach übermächtig. Auch aus Furcht (wie bei Jean) unternahmen Menschen nichts dagegen, denn sonst drohte ihnen der Tod (wie der Vater, der die Seele des Kindes fraß).
Liebe Grüße
mombour
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Der Vater als Nationalsozialist/Hitler, die Mutter als die Schweiz und der Sohn, eben als die Generation danach. Okay, ich weiß zum Beispiel was in Davos im zweiten Weltkrieg abging ..., aber es stellt sich hier wirklich die schickliche Frage, soll und darf ich nun als Deutsche ...
Och, ich bin da relativ unempfindlich. Dass die Schweiz eher mangels Gelegenheit und weil es sich besser anders als so rentierte, nicht nationalsozialistisch geworden ist, bestreite ich auch nicht. Ich glaube einfach, ehrlich gesagt, nicht, dass das im Text angelegt ist. Aber vielleicht bin ich zu naiv ...
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Nochmals zum Nationalsozialismus: Ich weiss nicht, ich weiss nicht. Und ehrlich gesagt: Nein, ich glaube nicht. Dafür fehlt mir beim Vater jede ideologische Komponente bei seinem Tun. Er vertritt m.M.n. eher das Animalische, das Tier, das bedenkenlos tut (auch bedenkenlos f...t; und, wenn's sich so ergibt, auch die jungen Weibchen, die Gespielinnen seiner eigenen Jungen, vernascht).
Chessex hat sich (z. B. in seinem letzten Roman, Un juif pour l'exemple) durchaus mit der Problematik des Nationalsozialismus in der Schweiz auseinandergesetzt, so ist es ja nicht. Er schildert darin den Mord am jüdischen Viehhändler Bloch, der sich 1943, iirc, in Payerne tatsächlich ereignet hat, und an dem etwelche "Fröntler", wie man die schweizerischen Nationalsozialisten hierzulande nannte, beteiligt waren.
Der Kinderfresser aber vertritt m.M.n. zwar durchaus die Gewalt, aber jede Gewalt, und nur deshalb eben auch die Gewalt der Nationalsozialisten. Der Nationalsozialismus hat ja auch seine Kinder nicht gefressen, jedenfalls nicht absichtlich. Genau das aber tut Vater Calmet. (Wie es z.B. auch ein Bärenvater täte, wenn man ihn liesse.)
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Wenn wir an den Nationalsozialismus denken wollen, dagegen konnten sich die Menschen auch nicht wehren, sie waren einfach übermächtig. Auch aus Furcht (wie bei Jean) unternahmen Menschen nichts dagegen, denn sonst drohte ihnen der Tod (wie der Vater, der die Seele des Kindes fraß).
Sehe ich ganz genauso, ich kann diesen Gedanken und diese Übertragung nicht mehr aus meinem Kopf heraus bekommen :-[
Mir kam sogar heute noch die Idee, dass die Kranken, die der Doktor/Tyrann behandelte, das deutsche Volk waren.
Eindeutig finde ich das Gedicht:
Wie grausam bist du, Blondchen,
Wie schlimm, mein braunes Liebchen ...
Aber daraus entwickelt sich jetzt eine andere Geschichte.
LG
Anita
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Eindeutig finde ich das Gedicht:
Wie grausam bist du, Blondchen,
Wie schlimm, mein braunes Liebchen ...
Kannst Du mir ungefähr Seitenzahl angeben und den Kontext, also die Geschichte rundherum? Ich würde gerne mal das Original nachlesen, aber meine Ausgabe nummeriert die Seiten wahrscheinlich anders. Meine Ausgabe hat 235 Seiten, ich bin unterdessen (immer noch) auf Seite 90. Danke!
Wieviel Seiten hat die Eure?
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Kannst Du mir ungefähr Seitenzahl angeben und den Kontext, also die Geschichte rundherum?
Also meine Ausgabe hat 174 Seiten, das Gedicht steht auf Seite 63 im Kontext: Francois Clerk, der eine ärgerliche Geschichte eines Kollegen mit zwei Schülerinnen erzählte und rezitierte:
Wie grausam bist du, Blondchen,
Wie schlimm, mein braunes Liebchen ...
Weiter bin ich auch noch nicht gekommen.
LG
Anita
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das Gedicht steht auf Seite 63 im Kontext: Francois Clerk, der eine ärgerliche Geschichte eines Kollegen mit zwei Schülerinnen erzählte
Gut, da bin ich noch nicht ...
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Hallo,
… ich habe nichts getan, ich bin sauber, sauber bin ich, sauber …
die Vergebung der Sünden ihres Herrn
Der Sohn ist regelrecht vom Vater zum psychischen Krüppel gemacht worden, und es lastet eine wahnsinnige Schuld, übertragene Schuld vom Vater, auf den Schultern des Jungen. Und im zweiten Teil Dionysos, in dieser Bettpassage mit Therése, läuft es dem Leser so richtig kalt den Rücken runter.
Keiner der bisherigen Figuren, also zumindest die, die den Vater kannten, kann sich seiner Macht entziehen. Reihenweise fallen sie ihm vor die Füße. Chessex braucht dem Vater gar keine ideologischen Gedanken spinnen zu lassen, er zeigt uns wie es funktioniert, eine hypnotisierende Macht, dem sich keiner entziehen kann. Ein Charisma! in Zeiten der Schwäche oder auch der Angst? Aus Angst unterwerfen sie sich alle?
Ich finde das Buch sehr unbequem zu lesen …
LG
Anita
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Ich finde das Buch sehr unbequem zu lesen …
Unbequem wollte Chessex wohl auch sein ... Ich geh jetzt gleich noch ein bisschen weiterlesen. Denke ich ... Hoffe ich ...
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Eindeutig finde ich das Gedicht:
Wie grausam bist du, Blondchen,
Wie schlimm, mein braunes Liebchen ...
Ich bin nun mit dem Krematorium fertig, und habe das Gedichtchen auch gefunden. Ich war dann aber gestern Abend noch zu faul, um den PC nochmals anzuwerfen, und im Moment habe ich das Buch nicht bei mir. Es scheint mir auch eindeutig - nämlich eindeutig der Anfang eines (im übrigen offenbar nicht sehr gelungenen) Liebesgedichts. Nicht mehr und nicht weniger. Stil und Niveau von "Ob blond, ob braun ...", nur als Klage formuliert. Aber ich kann heute Abend oder morgen mehr dazu sagen, wenn ich den Text wieder vor Augen habe.
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Sodele, hier also der französische Text:
Ne soyez cruelle blondine,
et vous perfide brunette
Seid nicht grausam, Blondine
und Ihr, hinterlistige Brünette
Ich fürchte bald, da hat der Übersetzer ein bisschen die Optik verschoben ... Sowohl "blondine" wie "brunette" sind im Französischen reine Bezeichnungen der Haarfarbe, ohne Nebenbedeutungen.
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Sodele, hier also der französische Text:
Ne soyez cruelle blondine,
et vous perfide brunette
Seid nicht grausam, Blondine
und Ihr, hinterlistige Brünette
Ich fürchte bald, da hat der Übersetzer ein bisschen die Optik verschoben ... Sowohl "blondine" wie "brunette" sind im Französischen reine Bezeichnungen der Haarfarbe, ohne Nebenbedeutungen.
Und dann "eben" noch Volk und Welt Verlag für die DDR ::)
Aber es passt gut ;D (Irgendwie muss man es ja mit Humor nehmen, oder? Ansonsten regt man sich höllisch auf >:D )
LG
Anita, die nun so gar nicht weiß, ob sie weiter lesen möchte ...
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Nur mal als Denkanstoß: Vielleicht liegt das nun nicht nur am Übersetzer, sondern auch im Auge des Betrachters: Dass ein aus prosodischen Gründen braunes (statt braunhaariges) Liebchen ideologisch eingefärbt wird. Erinnert mich jetzt ans andere Forum, wo der MoE auch zum nationalsozialistischen Sittenbild erhoben wurde. Vielleicht, vielleicht kann weder Autor noch Übersetzer was für des Lesers Interpretationen, sondern in dessen Kopf finden sich vorgefertigte Modelle zur Auslegung, wobei jene nationalsozialistischer oder psychotherapeutischer Provenienz an erster Stelle stehen. (Ähnlich wie bei testostoronverseuchten männlichen Jugendlichen, bei denen die harmloseste Bemerkung einen sexuellen Unterton bekommt. Es gab auch schon die Vermutung, dass Freud seine Pubertät ins hohe Alter mitgeschleppt hätte.)
lg
orzifar
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Anita, die nun so gar nicht weiß, ob sie weiter lesen möchte ...
Wieso nicht? Ich finde das Buch - unabhängig von jeder Interpretation - äusserst lesenswert. Sehr poetisch; ich finde, man merkt, dass Chessex als Lyriker begonnen hat, auch wenn er zu diesem Genre nie mehr zurückgekehrt ist.
Noch eine Bemerkung zu François Clerc: Ich fand es sehr witzig, wie Chessex sich selber im Roman noch einmal spiegelt, indem dieser Clerc, ein Freund von Calmet (der beste Freund?), ebenfalls Gymnasiallehrer ist - für Französisch, wie es Chessex selber war.
Ich bin jetzt dort, wo Jean Calmet seine Katzenfrau kennengelernt hat. Im Moment ein bisschen irritiert, da ich nicht sehe, was Dionysos mit dem Bisherigen und mit dem Aktuellen zu tun haben soll, irritiert, da ich auch nicht sehe, was das Neue, die Katzenfrau, mit dem Bisherigen zu tun haben soll.
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Hallo,
irritiert, da ich auch nicht sehe, was das Neue, die Katzenfrau, mit dem Bisherigen zu tun haben soll.
Es wird später noch gesagt, die Katzenfrau sei 19 Jahre alt. Jean ist vierzig Jahre alt, schaut jungen Mädchen nach, sucht sich Frauen aus, die gar nicht (schon altermäßig nicht) zu ihm passen. In Wahrheit hat er Angst, eine feste Bindung einzugehen, zumal er, dass wirst du gleich lesen, außerdem noch impotent ist.
Ich habe weiter oben die Theorie aufgestellt, Jean sei sexuell missbraucht worden. Das ist natürlich nur eine Theorie meinerseits, die sich nicht belegen lässt. Ich kann nur Indizien sammeln. Es ist natürlich schwierig, weil die Folgen eines Missbrauches sehr unterschiedlich sein können und ich mich explizit mit diesem Thema noch nie auseinandergesetzt habe, bin aber auf eine Website gestoßen, auf der einige mögliche Spätfolgen aufgezählt werden. Einiges trifft auf Jean Calmet zu:
"Störungen der Sexualität und Partnerschaftsprobleme;
Selbstmord(versuche),
Störung der Sexualfunktionen....
Angstzustände, Alpträume, Angst machende Tagträume
....soziale Isolation, Misstrauen,"
(Quelle: hier (http://www.praevention.org/folgen.htm) )
Ich kann mir jedenfalls vorstellen, dass jemand, der jemanden sexuell demütigt, jemanden auch missbrauchen könnte.
Jean Calmet ist Zeit seines Lebens nie erwachsen geworden, in der Pubertät festgezurrt, in seiner Unterwürfigkeit vor Autoritäten hängengeblieben, sein Sexualverhalten weltfremdig.
Liebe Grüße
mombour
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Jean ist vierzig Jahre alt, schaut jungen Mädchen nach, sucht sich Frauen aus, die gar nicht (schon altermäßig nicht) zu ihm passen.
Da finde ich wiederum die Spiegelungen interessant. Neben dem gesunden Alter Ego François, der ebenfalls jungen Mädchen nachsteigende Kollege, der dazu noch dichtet.
Ich habe weiter oben die Theorie aufgestellt, Jean sei sexuell missbraucht worden.
Mag sein. Obwohl ich auch das weniger glaube. Weil ich hier:
Ich kann mir jedenfalls vorstellen, dass jemand, der jemanden sexuell demütigt, jemanden auch missbrauchen könnte.
nicht an eine auch nur im Geringsten beabsichtigte sexuelle Demütigung glaube (ich nehme an, Du spielst auf den Jugendschwarm Jeans an), sondern ganz simpel daran, dass sich die animalische Anziehungskraft von Calmet senior und dessen animalische Triebhaftigkeit hier einfach ausgelebt haben.
Ich sehe im Antagonismus von Jean und seinem Vater eher eine von Geist und Körper, von Vorstellung und Wille, von Ohnmacht und Macht. Was natürlich auf Konkreteres herabgebrochen werden kann: Sexuelles, Ideologisches. Für mein Gefühl verlieren wir aber damit bereits wieder Facetten dieses schillernden Textes. :hi:
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Anita, die nun so gar nicht weiß, ob sie weiter lesen möchte ...
Wieso nicht? Ich finde das Buch - unabhängig von jeder Interpretation - äusserst lesenswert. Sehr poetisch; ich finde, man merkt, dass Chessex als Lyriker begonnen hat, auch wenn er zu diesem Genre nie mehr zurückgekehrt ist.
Ich bin ziemlich verunsichert, deshalb habe ich das gestern spontan gedacht. Erstens weil das Vorwort dem Leser schon etwas suggeriert, was der Autor vielleicht so nie gedacht hat. Ferner findet man in den ersten Seiten den Vergleich zu Auschwitz, immer wieder mal Andeutungen, und dann diese Gedichtszeilen ...
In der deutschen Übersetzung lese ich auch nichts von einer lyrischen Prosa. Eine gepflegte Prosa, äußerst "szenisch", wenn ich das so ausdrücken darf, aber nicht zu vergleichen mit Herta Müller beispielsweise.
Momentan weiß ich nicht, ob es eine Lesart ist, wenn man diesen animalischen, patriarchalischen Phallus mit einem absurden Diktatur vergleicht, der die nachfolgenden Generationen mit Schuldkomplexen, Minderwertigkeitsgefühlen "gefressen" hat?
Die sexuelle Vergewaltigung habe ich nicht heraus gelesen. Dafür würde sich bei mir diese erhabene Figur, jetzt auch dieser Grapp, nicht herablassen. Lediglich demütigen, aussaugen und zerstören ... Aber auch diese Gedanken finde ich sehr interessant.
LG
Anita
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Den Geist des Dionysos habe ich nun beendet. Mir will scheinen, Jean Calmet gleitet mehr und mehr in eine irreale und absurde Welt ab ...
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Erstens weil das Vorwort dem Leser schon etwas suggeriert, was der Autor vielleicht so nie gedacht hat. Ferner findet man in den ersten Seiten den Vergleich zu Auschwitz, immer wieder mal Andeutungen, und dann diese Gedichtszeilen ...
Von wem ist denn das Vorwort? Und dann, ach ja, hatte ich vergessen: Könnt Ihr mir bei Gelegenheit genauere Angaben über den Kontext der verdächtigen Stellen geben? Ich würde gerne mal auch da die Originalversion lesen.
In der deutschen Übersetzung lese ich auch nichts von einer lyrischen Prosa. Eine gepflegte Prosa, äußerst "szenisch", wenn ich das so ausdrücken darf, aber nicht zu vergleichen mit Herta Müller beispielsweise.
Ich finde schon. Auch eine Schwäche für Farben ... Herta Müller habe ich nicht gelesen.
Momentan weiß ich nicht, ob es eine Lesart ist, wenn man diesen animalischen, patriarchalischen Phallus mit einem absurden Diktatur vergleicht, der die nachfolgenden Generationen mit Schuldkomplexen, Minderwertigkeitsgefühlen "gefressen" hat?
Das klingt nun fast nach der Freud'schen Lesart. Die, die auch bei Kafka auf die alles dominierende Vaterfigur verweist. Ich persönlich halte die politische Interpretation für die am wenigsten ins Gewicht fallende. Chessex weist m.M.n. mindestens genau so häufig, wenn nicht häufiger, auf die mythologische Seite hin: Zeus, Dionysos spielen ebenso eine Rolle wie christliche Motive im Succubus, die den gekreuzigten Jean Calmet verführt. (Der ja offenbar auch nur beim ersten Mal impotent ist.) Grapp, ein zweiter Jesus, der die Schüler aus dem Schulhof peitscht ... :angel:
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Momentan weiß ich nicht, ob es eine Lesart ist, wenn man diesen animalischen, patriarchalischen Phallus mit einem absurden Diktatur vergleicht, der die nachfolgenden Generationen mit Schuldkomplexen, Minderwertigkeitsgefühlen "gefressen" hat?
Dafür würde sich bei mir diese erhabene Figur, jetzt auch dieser Grapp, nicht herablassen. Lediglich demütigen, aussaugen und zerstören ... Aber auch diese Gedanken finde ich sehr interessant.
Was die Lesarten betrifft, ich lese den Roman in erster Linie als psychologischen Roman, weil der Roman mir sich besonders auf diese Weise repräsentiert. Die Lesart Phallus/absurde Diktatur habe ich nur im Hinterkopf.
Jean scheint seine Gefühle, die er vor seinem Vater hatte, auf Grapp zu übertragen. (Psychoanalyse). Jean kommt sich wie ein kleiner Junge vor und fragt sich vor der ersten Begegnung mit Grapp, was er den getan habe? Natürlich muss es Jean kränken, wenn Grapp ihm sagt, ihm tue es gut eine Familie zu gründen. Jean erfährt wieder eine Demütigung. Aufgrund seines Minderwertigkeitskomplexes knickt Jean sicherlich vor jeder Autoritätsperson ein.
Jean Calmet ist schon recht seltsam, dass er keinen Versuch unternimmt, aus diesem Leid auszubrechen. Immerhin steht er in der Mitte des Lebens. Ihm scheint die Rolle des Leidens zu gefallen, irgend einen Nutzen zu bringen, z.B: dass er keine Familie gründen muss oder Verantwortung übernehmen muss. Das ist wieder so eine Realitätsflucht.
Liebe Grüße
mombour
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Lediglich demütigen, aussaugen und zerstören ...
Die Frage ist ja auch: Wie weit entspricht das Bild von Calmet senior oder von Grapp der Realität? Der Leser lernt die beiden ja nur aus der Perspektive des Benjamins kennen. Das Alter Ego François hingegen scheint keine Probleme mit Grapp zu haben.
Jean Calmet ist schon recht seltsam, dass er keinen Versuch unternimmt, aus diesem Leid auszubrechen.
Das scheint mir allerdings eher die Regel als die Ausnahme zu sein, bei Persönlichkeiten à la Calmet junior. Man kann sein Leiden lieben ... >:D
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Leider habe ich diesmal das Buch nicht farblich missbraucht, aber diese zwei Passagen habe ich im Schnelldurchlauf gefunden:
... als kleine Märtyrerin, gefoltert in Gottes Ausschwitz
S. 19 in Bezug zu Isabell
... Inquisition, die hexenbeschwörenden Johannisfeuer, die aufgestapelten Schuhe und angehäuften Goldzähne von Ausschwitz sind Siegesschreie.
das ist der Abschnitt, den mombour zitiert hat auf Seite 44 in Bezug zur Verbrennung des Vaters
Dieses "Vorwort" hat keinen Autor, stammt höchstwahrscheinlich vom Verlag.
LG
Anita
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Gut, danke. Ich geh dann morgen mal suchen ...
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So, die "Eifersucht" ist fertig. Und hier sind sie auch: der kinderfressende Bär in Bern, der Brunnen, nämlich der Kindlifresserbrunnen (http://de.wikipedia.org/wiki/Kindlifresserbrunnen), der dem Buch den Namen gegeben hat. Jean denkt hier sofort nicht nur an seinen Vater (das tat er ja schon beim Bärengraben), sondern auch an all die antiken mythischen Gestalten Chronos, Saturn, Moloch, Minotaurus, die ebenfalls ihre Nachkommenschaft verspiesen haben. Offenbar aber ist Jean kein Zeus, der seinen Vater zu entmannen wusste ...
Davor die wohl ebenfalls todessehnsüchtige Mutter. Der Sohn, der sich auf der Fahrt nach Bern seine Nutzlosigkeit eingesteht.
Die Szene, wie Jean im Heftchen seiner Mutter über verschiedene französische Krematorien liest, könnte auch Burgers "Schilten" stammen. Die Wissenschaft des Kremierens ...
Leider habe ich diesmal das Buch nicht farblich missbraucht, aber diese zwei Passagen habe ich im Schnelldurchlauf gefunden:[...]
Die stehen auch so im Original - im zweiten Abschnitt ja allerdings auch auf Deutsch begleitet von ganz andern völker- oder massenmörderischen Institutionen.
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Und in der Opferung ist auch der Neonazi. Eine Kanalratte ... Ich muss mir noch darüber im Klaren werden, das die hier zu suchen haben könnte.
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Nach wie vor sehe ich meine Interpretation vom Buch, auch jetzt in der „Eifersucht“, eher politisch. Der Vergleich zu Kronos und Zeus wird angeführt, für mich passt es nicht so recht, Jean wird weder seinen Vater noch Grapp entmannen; vielleicht wird er biblisch gesehen sein „Volk“ befreien (läuft darauf hinaus).
Jetzt werden die 68 (RAF) ins Spiel geworfen, und wieder ist es die Situation, dass die neue Generation der alten einiges vorwirft, die Kriege, Vietnam, auch das Naziregime und den Holocaust. Die 68 haben diesen betäubenden, mit Minderwertigkeitskomplexen/Angst und Schuld gespickten, Zustand, Jean Calmet, abgeworfen. Im nächsten Teil wird das vollzogen nicht wahr?
Auch scheint mir Chessex im Ganzen ein sehr politischer Mensch zu sein.
LG
Anita
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Der Vergleich zu Kronos und Zeus wird angeführt, für mich passt es nicht so recht, Jean wird weder seinen Vater noch Grapp entmannen;
Eben nicht, eben nicht ... Eher könnte man sagen, dass Jean Calmet von Marc entmannt wird. Wenn's da was zu entmannen gäbe ...
vielleicht wird er biblisch gesehen sein „Volk“ befreien (läuft darauf hinaus).
Versteh' ich jetzt nicht, tut mir leid.
Auch scheint mir Chessex im Ganzen ein sehr politischer Mensch zu sein.
Das war er zweifelsohne. Was nicht heisst, dass jeder seiner Texte (bzw. spezifisch dieser Text) primär politisch sein muss, oder?
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Der Vergleich zu Kronos und Zeus wird angeführt, für mich passt es nicht so recht, Jean wird weder seinen Vater noch Grapp entmannen;
Eben nicht, eben nicht ... Eher könnte man sagen, dass Jean Calmet von Marc entmannt wird. Wenn's da was zu entmannen gäbe ...
Mir kam diese Verdrehung oder Verkehrung als so ein Blitzgedanke beim Fressen. Ob da nicht der Vater irgend ein Geflügel zerlegt und "frisst" was zum Alp beim Sohn wird. Du schließt es daraus, wie schon mal erwähnt, dass wir bisher nur aus Jeans Sicht lesen? Aber du kennst das Buch auch schon, ist ein Re-read bei dir nicht?
vielleicht wird er biblisch gesehen sein „Volk“ befreien (läuft darauf hinaus).
Versteh' ich jetzt nicht, tut mir leid.
Da habe ich an diese Opferung gedacht.
Auch scheint mir Chessex im Ganzen ein sehr politischer Mensch zu sein.
Das war er zweifelsohne. Was nicht heisst, dass jeder seiner Texte (bzw. spezifisch dieser Text) primär politisch sein muss, oder?
Ich lese jetzt erst mal das Buch zuende ;D
LG
Anita
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Der Vergleich zu Kronos und Zeus wird angeführt, für mich passt es nicht so recht, Jean wird weder seinen Vater noch Grapp entmannen;
Eben nicht, eben nicht ... Eher könnte man sagen, dass Jean Calmet von Marc entmannt wird. Wenn's da was zu entmannen gäbe ...
Mir kam diese Verdrehung oder Verkehrung als so ein Blitzgedanke beim Fressen.
Sie sind sozusagen eine Negativfolie. Söhne, die gegen ihre Überväter anzukommen wussten. (Um dann ihrerseits zu Übervätern zu werden.)
Aber du kennst das Buch auch schon, ist ein Re-read bei dir nicht?
Ich lese das Buch zum zweiten Mal, ja. Das erste Mal war vor 30 oder 35 Jahren, ich stelle fest, dass da nicht mehr viel hängen geblieben ist ... Und ja: Wir lesen nur aus Jeans Sicht. Wir wissen, was er fühlt und denkt - das erfahren wir von keiner andern Person.
vielleicht wird er biblisch gesehen sein „Volk“ befreien (läuft darauf hinaus).
Versteh' ich jetzt nicht, tut mir leid.
Da habe ich an diese Opferung gedacht.
Tut mir leid, ich verstehe immer noch nicht: Wer wird das wann von wem wozu geopfert? Jean ist nicht Moses (der wird, glaube ich, nur einmal kurz in einer Aufzählung erwähnt), eher schon Christus (wozu auch seine Position während des nicht vollzogenen Geschlechtsakts passt). Aber Christus wird auch travestiert im Direktor, der nicht die Händler aus dem Tempel (wo sie nicht hingehören), sondern die Schüler aus dem Schulhof peitscht (wo diese eigentlich hingehören). Christus aber hat sich von seinem Vater verlassen gefühlt, Jean ist von seinem besessen. Und Jean wird wohl keine neue Religion ins Leben rufen helfen mit seinem Tod.
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Jean ist nicht Moses (der wird, glaube ich, nur einmal kurz in einer Aufzählung erwähnt), eher schon Christus (wozu auch seine Position während des nicht vollzogenen Geschlechtsakts passt). Aber Christus wird auch travestiert im Direktor, der nicht die Händler aus dem Tempel (wo sie nicht hingehören), sondern die Schüler aus dem Schulhof peitscht (wo diese eigentlich hingehören). Christus aber hat sich von seinem Vater verlassen gefühlt, Jean ist von seinem besessen. Und Jean wird wohl keine neue Religion ins Leben rufen helfen mit seinem Tod.
Nein, so meinte ich das jetzt auch nicht. Ich denke, du hast meine "neue Erkenntnis" noch nicht erfasst: Die 68 (Marc) haben diesen betäubenden, mit Minderwertigkeitskomplexen/Angst und Schuld gespickten, Zustand, Jean Calmet, abgeworfen. Im nächsten Teil wird das vollzogen nicht wahr?(die Opferung)
Bin aber immer noch nicht soweit, und kann noch nicht sagen, ob das diesmal so hinhaut ;D
LG
Anita
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Nein, so meinte ich das jetzt auch nicht. Ich denke, du hast meine "neue Erkenntnis" noch nicht erfasst: Die 68 (Marc) haben diesen betäubenden, mit Minderwertigkeitskomplexen/Angst und Schuld gespickten, Zustand, Jean Calmet, abgeworfen. Im nächsten Teil wird das vollzogen nicht wahr?(die Opferung)
Bin aber immer noch nicht soweit, und kann noch nicht sagen, ob das diesmal so hinhaut ;D
Ich kaue an dem Wort "Opferung". Wer opfert hier wen? Und weshalb? Und wofür oder wogegen? Willst Du sagen, dass die 68er den Zustand der Schuld bzw. des Sich-schuldig-Fühlens von Jean Calmet überwunden haben? Damit bin ich einverstanden. Aber weswegen eine Opferung? Der Gegner der 68er wäre der Übervater, nicht dessen kaputter Sohn, oder? Der Sohn wird höchstens so nebenbei platt gemacht (das französische Wort "écraser" ist eben mehr als ein einfaches Überfahren), so, wie die Ratte vom Omnibus so nebenbei und rein aus Versehen platt gemacht wurde. So, wie Marc, offenbar ohne einen Gedanken an (oder ein Wissen um?) Jean, sich die 19jährige Kunststudentin schnappt. Ein Opfer wird gebracht, um eine erzürnte Gottheit zu besänftigen. Doch das wollen die Gymnasiasten gar nicht. Calmet opfert sich selber, ja. Er ist auch der einzige, der den erzürnten Gott sieht. Überall sieht. (Die Beschreibung der Stadt Bern z.B. ... Gut, für einen Waadtländer hat Bern noch immer den Geruch der ehemaligen ungeliebten Herrscher an sich. Dennoch reagiert Calmet wohl sehr, sehr empfindlich.)
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@ Sandhofer
ich wäre dir dankbar gewesen, wenn du in dieser LR Zitate als "Zitate" erkenntlich gemacht hättest, gerade dein letzter Beitrag entschlüssele ich im Nachhinein wieder als solches.
Bin eben zur "Opferung" vorgestoßen und kann mir nun denken, weshalb und warum "Opferung". Ich bin mir aber nicht sicher, ob das wirklich die Lösung ist, die braune Suppe opfert sich selber? Oder die Feigheit legt selber Hand an sich?
LG
Anita
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Hallo,
Die Frage ist ja auch: Wie weit entspricht das Bild von Calmet senior oder von Grapp der Realität? Der Leser lernt die beiden ja nur aus der Perspektive des Benjamins kennen. Das Alter Ego François hingegen scheint keine Probleme mit Grapp zu haben.
Jean überträgt die Gefühle, die er für seinen Vater (eine übermächtige Autoritätsgestalt) empfindet auf Grapp (Übertragung, siehe Psychoanalyse), François tut so etwas nicht.
Jean denkt hier sofort nicht nur an seinen Vater (das tat er ja schon beim Bärengraben), sondern auch an all die antiken mythischen Gestalten Chronos, Saturn, Moloch, Minotaurus, die ebenfalls ihre Nachkommenschaft verspiesen haben.
Jean vergleicht seine Situation mit Beispielen aus der Mythologie. Er weiß, er steht nicht allein mit dem Wunsch, gegen seinen Erzeuger anzutreten. Es ist ja wie ein Ringkampf. Ähnlich wie in der Pubertät, in der Zeit, wo man sich gegenüber seiner Eltern selbst behaupten möchte, sich auflehnen und sich durchsetzen möchte. Natürlich hat Jean das nie geschafft, darum hat er auch vor anderen Autoritätspersonen Angst und duckt sich lieber.
Nach wie vor sehe ich meine Interpretation vom Buch, auch jetzt in der „Eifersucht“, eher politisch. Der Vergleich zu Kronos und Zeus wird angeführt, für mich passt es nicht so recht, Jean wird weder seinen Vater noch Grapp entmannen;
Bevor vom Kindlifresserbrunnen die Rede ist, hört Jean die Stimme seines Vaters, die ihm vorwirft, ein "Impotenter Nichtsnutz" zu sein. Jean würde sicher sich selber zum Mann machen, und sich gegenüber Marc durchsetzen wollen, auch gegenüber seinen Vater; aber er kann das nicht und opfert sein Leben.
Wieder ins Politische, denn der Roman hat durchaus verschiedene Deutungsebenen, darum ist er ja so interesssant, also das Politische: Jeans Bekanntschaft mit dem rechtsradikalen Mollendruz. Jean sieht sich dessen Sammlung nationalsozialistischer Gegenstände in seiner Wohnung an, und das, obwohl ihm das nicht interessiert. Jean wäre der ideale Mitläufer der Nazis gewesen. So gibt er sich. Und wegen dieser Szenerie ist es durchaus passend, in der Vaterfigur eine Metapher für eine gefährliche Diktatur zu sehen. Eine Diktatur ist auch nur schwer zu entmannen, alle Hitlerattentate schlugen fehl.
Liebe Grüße
mombour
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Jeans Bekanntschaft mit dem rechtsradikalen Mollendruz. Jean sieht sich dessen Sammlung nationalsozialistischer Gegenstände in seiner Wohnung an, und das, obwohl ihm das nicht interessiert. Jean wäre der ideale Mitläufer der Nazis gewesen. So gibt er sich. Und wegen dieser Szenerie ist es durchaus passend, in der Vaterfigur eine Metapher für eine gefährliche Diktatur zu sehen. Eine Diktatur ist auch nur schwer zu entmannen, alle Hitlerattentate schlugen fehl.
Sie intressierten ihn scheinbar nicht. Allerdings, das macht Chessex immer so ganz raffiniert und nebenbei, Jean möchte ja zunächst diesen Mollendruz gar nicht kennen, aber er kennt ihn! Ist Jean also ein Mitläufer gewesen? Oder untergräbt dieser Herr nur das komplette Schulwesen ;D
Ja den Über-Vater kann man einem tyrannischem System zuordnen, auf jedem Fall mit patriarchalischer Ordnung, es könnte auch noch in die K u K Zeit fallen. Jean ist der Unter-Vater, oder überhaupt kein Vater, irgend ein Zwischending, da einfach zum Krüppel gemacht, wehrlos und nutzlos, und natürlich der beste Mitläufer. Ich hoffe für die Zukunft, dass wir jetzt Väter haben.
So kann man das jetzt auch prima auf die komplette Zeitgeschichte umlegen, und bestimmt auch mythologisch. Richtig guter Roman und mir haben meine Ausflüge großen Spaß gemacht :)
LG
Anita
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Ich verfolge weiterhin die Geschichte und auch die Deutung des Romans, und so habe ich gestern noch Länger in ""Es war einmal ein Zauberberg" von Günther Schwarberg gelesen. Es gab wohl schon seit 1931 in Davos Hitler-Beauftragte, die auf den Promenaden mit Heil Hitler grüßten und in Uniform daher stolzierten. Aber insbesondere war wohl Bern unterlaufen, dort gab es eine Nazi-Gesandtschaft ("Ein Jude als Exempel" von Chessex), das Schulwesen und die Unis wurden von deutschen Nazis kontrolliert ...
Meine Assoziationen zu Beginn sind auf jedem Fall auch eine Richtung und Deutung wie man das Buch lesen kann. Der braune Übervater, der sich seinen impotenten braunen Mitläufer schafft, das Schulwesen wird weiterhin mit braunen Blättchen versorgt, und die 68, die sich dagegen frei strampeln. Das Bild ist stimmig und passt.
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Meine Assoziationen zu Beginn sind auf jedem Fall auch eine Richtung und Deutung wie man das Buch lesen kann.
Zweifelsohne. Auch wenn das Bild, das diese Interpretation Chessex von der "braunen Gefahr" zeichnen lässt, ein eher harmloses ist. Sicher, da ist der Übervater. Aber der scheint nur die eigene Brut zu fressen. Schliesslich sind es nur Calmet und in minderem Mass (?) seine Geschwister, die angeschlagen sind. Und auch der eigentliche Neonazi der Geschichte ist ja im Grunde genommen ebenso lebensunfähig wie Calmet.
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als Ergänzung zu unserer Diskussion möchte ich auf Francisco de Goyas Gemälde "Saturn, der eines seiner Kinder verschlingt" hinweisen. Saturn wird hier als "menschenverschlingender Dämon" = Krieg gedeutet. Siehe hier (http://www.onlinekunst.de/frieden/goya_saturn.html).
Vaterstaat = Kronos = Nazidiktatur, die ihre Kinder = Bürger verschlingt. Jeans Geschwister, die vor dem Vater geflüchtet sind, sind quasi Exilanten.
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Danke mombour für diese Information.
Nach 35 Jahren schreibt Chessex dann das Werk "Ein Jude als Exempel", für mich ganz eindeutig auch eine "zweifache" Entmythologisierung des "Kinderfressers", ganz offen und ehrlich und ohne Umschreibung, und ohne Rücksicht auf seine Heimat. Er stellt unangenehme Fragen und wird 2009 auf einem Karnevalszug mit Nazirunen als Karikatur gescholten, ein unfassbarer Tabubruch!
Ich bin innerhalb kürzester Zeit zum richtigen Chessex-Fan geworden :) Ich mag solche ehrlichen Tabubrecher, das ist auch für mich ganz große Literatur.
LG
Anita
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So, nun noch ein Rückblick:
Chessex' L'ogre (Der Kinderfresser) ist eine komprimierte Studie über einen, der von seinem Vater geistig-seelisch erdrückt worden ist. Beim Einsetzen des Romans ist dieser Vater schon tot und soll gerade beerdigt bzw. kremiert werden. Was in einer leichten, lockeren, fast mediterran anmutenden Atmosphäre beginnt, wird zunehmend düsterer. Die Szenen um die letzten Tage einer Schülerin sind trotz des Todesthemas eigentlich sehr heiter gestaltet. Wer hätte schon vermutet, dass der erste und letzte Geliebte dieser Schülerin kurze Zeit später der Geliebte jener jungen Frau wird, die von der Hauptperson Calmet selber begehrt wird. Doch Calmet ist impotent und der junge Mann vollendet, was Calmets Vater begonnen hat, der ihm schon vor Jahren eine Frau ausgespannt hat. Überhaupt dieser Vater: animalisch und wie ein Tier auch a-moralisch. Wie die Bären (die wir in Bern auch besuchen werden) verschlingt dieser Vater seine eigenen Kinder. Calmet selber wird dies am Beispiel des sog. Kindlifresserbrunnens in Bern bewusst. Die Figuren dieses Brunnens (die ich selber eher als grotesk und komisch empfinde) werden detalliert beschrieben, beschrieben wird auch, wie sie in Calmet tiefsitzende Ängste aufrühren.
Im Laufe des Büchleins wird die Stimmung, wie gesagt, düsterer. Calmet hört und sieht und fühlt seinen Vater auch nach dessen Tod an allen Ecken und Enden. Obwohl bei seinen Schülern eigentlich nicht unbeliebt, fühlt sich der Lehrer auch beruflich als Versager. Ihm bleibt, als letzte Konsequenz, der Selbstmord.
Chessex gelingt es, nur aus der Sicht Calmets erzählend, dessen zunehmende Depression fühlbar zu machen. Während ich zu Beginn der Lektüre noch damit liebäugelte, mir zur Lektüre jeweils ein Glas des weissen Weins jener Region zu gönnen, empfand ich dies, als ich mit der Lektüre weiter und mit der Weinbeschaffung zu Ende war (denn ich habe standardmässig keinen Lavaux bei mir zu Hause ;)), als doch recht unpassend.
Eine Zweitlektüre nach einigen Jahrzehnten, die sich gelohnt hat!
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Hallo!
Durch die Leserunde nebst Diskussion angeregt habe ich nun den Chessex zur Hand genommen. Und kann das weitgehend Positive, das über das Buch gesagt wurde, nicht teilen. Vor allem ab dem zweiten Teil, dem Auftritt des "Katzenmädchens" will mir vieles konstruiert scheinen, das Mädchen selbst ein Kunstgriff, der, wenn man die Figur Calmets betrachtet, inkonsistent, unlogisch ist. Calmet als ein Versager, ein verunsicherter schüchterner Feigling, wird zum Geliebten einer schönen Kunststudentin und Konkurrent eines Schülers seiner Klasse, das Mädchen sieht ihn, lädt ihn bereits am ersten Tag in ihr Zimmer ein usf. Das passt wie die Faust aufs Auge, der unsichere Lateinlehrer, ansonsten Kunde bei einer alternden, fetten Hure, wird zum Liebhaber der schönen jungen Frau.
Aus der Handlung selbst, dem Charakter der Figur lässt sich diese Verbindung nicht ableiten, sie dient dem Autor dazu, bestimmte Absichten, Eigenheiten Calmets sichtbar zu machen. Dann der Ausbruch Calmets im Café, sein theatralisches Hinsinken auf dem Tisch, Schnittverletzungen, die vom Katzenmädchen in der folgenden ersten Liebesnacht weggeküsst werden. Das alles wirkt auf mich aufgesetzt, mühsam konstruiert, ohne inneren Zusammenhang.
Auch der Sprache kann ich nicht viel abgewinnen, wobei ich nicht zu beurteilen vermag, inwieweit die Übersetzung daran Schuld trägt. Die Schilderung seiner Liebesnacht unfreiwillig komisch: "Alle seine Burgen barsten. Er war zerschmettert und flippte durch die Luft. Eine schreckliche Kühle entsprang seinem Mark, übersäte seine Adern mit weißen Tröpfchen, entdrosselte seine Gurgel, strömte zwischen die Schultern." Mit Verlaub: Aber diese etwas seltsamen sexuellen Ekstasen vermag ich nicht nachzuvollziehen. Solch verquere und schiefe Metaphern gibt es jede Menge - wie gesagt: Vielleicht klingt das Ganze im französischen Urtext passabel. Aber "durch die Luft zu flippen" würde mit Recht von jedem Gymnasiallehrer mit Rotstift unterstrichen und mit "Ausdruck!" moniert werden.
Das eigentliche Thema eines mit Allmacht regierenden pater familias geht dabei fast verloren. Zurück bleibt die schablonenhaft wirkende Figur des Calmet mit spezifisch psychotherapeutischen Problemen, seiner Scham über das sexuelle Versagen, des auch in diesem Bereich dominierenden Vater. Die Bezüge innerhalb der Familie, seine Ohnmachtserfahrungen als Kind, seine - leider nur angedeuteten - Vorwürfe der Mutter gegenüber hätten mich mehr interessiert. So wird mir ein frustrierter Gymnasiallehrer mit lehrbuchhaften Sexualproblemen serviert, dessen Schicksal mir fremd (weil konstruiert?) erscheint.
Im letzten Teil. Das ist ein Text für Literaturpreisverleihungen. Der unvermeidliche Nationalsozialist, metaphorisch zerquetschte Ratten, sprechende Tiere. Ein Autor, der da meint, mehr, viel mehr erzählen zu müssen denn seine eigentliche Geschichte, der sie vor allem umschreibt und allegorisiert, ein Vexierspiel betreibt und dadurch Kunstprosa schafft. Preisrichter und Literaturkritik hat daran meist ihre helle Freude, kann man sich doch des eigenen Tiefsinns erfreuen bei der Interpretation.
Ich vermute, dass ich von Chessex kaum noch etwas lesen werde. Bis auf den ersten Teil war dieses Buch für mich ein ziemliches Ärgernis. Sprachlich und inhaltlich. Dort, wo "eine Moschee den Gluthauch wildgewordener Dromedare bringt" (hier versagt meine Phantasie), neige ich zu Schweißausbrüchen.
lg
orzifar
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Hallo orzifar
Deine Kritik ist herb - und nicht unberechtigt.
Das Katzenmädchen. Chessex brauchte offenbar eine Gegenfigur zum Vater. Was ist ein Katzenmädchen? Eine Kätzin. Was ist eine Kätzin auf Französisch? Une chatte. Was ist "la chatte" auf Deutsch? Richtig - die Muschi. Der Vater, die alte und eigentlich schon längst tote, aber dennoch noch immer präsente männliche Sexualität und Promiskualität; die Kätzin, die junge, weibliche, sanftere Sexualität und Promiskualität, letzten Endes aber genauso egoistisch wie die paternalistische Spielart. Das ist konstruiert, richtig. Aber ohne dieses Konstrukt wäre der Roman schon nach 20 oder 30 Seiten zu Ende. Ausserdem gehe ich davon aus, dass Chessex hier "tongue in the cheek" schreibt, den Leser also ein bisschen irreführt. Die Erzählung findet zwar in der Er-Form statt, anscheinend objektiv die Tatsachen berichtend - genau gesehen, erfahren wir aber die Welt immer und ausschliesslich aus der Sicht von Jean Calmet. Vielleicht war ja die "Realität" so, dass Calmet die Kätzin gesehen hat, seinen Zusammenbruch hatte und danach die Kätzin weggegangen ist - ohne ihn? Und der Rest sind Calmets Halluzinationen, seine Wunsch- und Angstträume? Eine Geschichte auf 2 Ebenen, sozusagen. (Ich sehe gar noch eine dritte (Wohl nicht umsonst ist Calmet Lateinlehrer, also Lehrer einer klassischen Sprache): Zeus, dem es nicht gelungen ist, sich vor seinem Vater zu verstecken, dem es nicht gelungen ist, seinen Vater zu entmannen, sondern der seinerseits von seinem Vater entmannt und verschluckt wird. Und die Kätzin wäre dann Aphrodite, nicht die Schaumgeborene, sondern die Wollknäuelgeborene.)
Allerdings muss ich zugeben, dass Du, wenn Du sagst:
Aus der Handlung selbst, dem Charakter der Figur lässt sich diese Verbindung nicht ableiten, sie dient dem Autor dazu, bestimmte Absichten, Eigenheiten Calmets sichtbar zu machen.
Recht hast.
Auch der Sprache kann ich nicht viel abgewinnen, wobei ich nicht zu beurteilen vermag, inwieweit die Übersetzung daran Schuld trägt.
Ich habe mein Buch gerade nicht zur Hand. Aber ich erinnere mich daran, dass mich die Stelle auch etwas befremdet hat. Sie ist im Französischen nicht so krass, wie im Deutschen. Ich habe diese Bilder dann Calmets Sexualität zugeschrieben, die ja, wie Du von der sie schildernden Sprache sagst, verquer und schief ist.
Im letzten Teil. Das ist ein Text für Literaturpreisverleihungen. Der unvermeidliche Nationalsozialist, metaphorisch zerquetschte Ratten, sprechende Tiere.
Die Tiere haben mich eigentlich darauf gebracht, dass wir hier Calmet unbemerkt ins Reich einer wahnhaften Phantasie gefolgt sind.
Der Nationalsozialist hat mich ebenfalls befremdet. Ich vermute allerdings, dass es Calmet weniger um irgendwelche Preisrichter als Zielpublikum ging. Er hat ja viel später unter dem Titel "Un juif par exemple" die Geschichte niedergeschrieben von einem der wenigen Juden (wenn es nicht gar der einzige war), der in der Schweiz von organisierten Nazis im wahrsten Sinne des Worts totgeschlagen wurde. Die Geschichte beruht auf Tatsachen und hat sich in Chessex' Heimatstadt, Payerne, tatsächlich in den Dreissiger Jahren des 20. Jahrhunderts ereignet. Und es ist Tatsache, dass man bei den Tätern auch eine Liste fand mit weiteren potentiellen Opfern - eine Liste, auf der sich auch der Name von Chessex' Vater befand. Von daher vermute ich, dass es Chessex eben auch darum ging, "den Vater", dem er offenbar eine Menge Dinge vorzuwerfen hatte, von genau diesem Vorwurf auszunehmen: Der Kinderfresser ist kein Nationalsozialist, ist nicht der Nationalsozialismus. Der Nationalsozialist der Geschichte ist ein Nachtschattengewächs, in kindischer Heldenverehrung gefangen und letzten Endes unfruchtbar, hat also gar keine Kinder, die er fressen könnte. Weit und breit keine Proselyten. Selbst der Schwächling Calmet lässt sich nur zu einer einzigen, kindischen Verbalinjurie hinreissen durch ihn (die er dann, nüchtern geworden, auch wieder bereut). Der Nazi ist der einzige, der nicht Wein trinkt, das in jedem Sinn des Wortes klassische Getränk des Südens, der Latinität und von daher auch der französischsprachigen Schweiz. Der Nazi trinkt Bier - das Getränk des Nordens. Ein Fremdkörper also.
Preisrichter und Literaturkritik hat daran meist ihre helle Freude, kann man sich doch des eigenen Tiefsinns erfreuen bei der Interpretation.
Dazu gehöre ich dann wohl auch ... ;D