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Lektüren, Rezensionen => Gerade am Lesen ... => Topic started by: sandhofer on 18. Februar 2010, 19.45 Uhr
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Ich bin jetzt im Jänner 1901 - das ist etwas mehr als die Hälfte des zweiten Bandes des 12-bändigen Fackel-Reprints von Zweitausendeins. Kraus sucht noch immer "seine" Themen, "seinen Stil". Und er muss nach allem doch ein rechter Kotzbrocken gewesen sein. Und dass er St. H. Chamberlain ganze Nummern der Fackel überlassen hat, berührt im Nachhinein merkwürdig. Muss was dran sein, am Antisemitismus des Juden, wenn man Kraus so liest. Er scheint mir nach allem mindestens so oft Unrecht gehabt zu haben mit seinen Urteilen über Zeitgenossen wie Recht. Und was er an Heine auszusetzen hätte - ausser seinen offenbar merkwürdigen Verehrern -, durchschaue ich auch noch nicht.
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Und was er an Heine auszusetzen hätte - ausser seinen offenbar merkwürdigen Verehrern -, durchschaue ich auch noch nicht.
Wenn es dich sehr interessiert und dir durch die Fackel keine Erleuchtung zuteil wird, kann ich sowohl in meinem Gedächtnis als auch in meinen Unterlagen kramen. Diese müssten nämlich zumindest Aufzeichnungen über ein (oder gar zwei) Seminar(e) zu genau diesem Thema beinhalten. Einer unserer Professoren bot nämlich zumindest jedes zweite Semester ein Seminar zu genau diesem Thema (mit leicht variierendem Titel) an.
lg
orzifar
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Ich meine - ich kenne natürlich den Satz vom Kommis und dem gelockerten Mieder. Aber sonst? Wenn Du mal Zeit hast, orzifar, gerne, ja. Ich werde im Moment den Eindruck nicht so ganz los, es könnte sich um den Neid auf eine (zumindest) gleichwertige Begabung gehandelt haben. Die, zu allem Überfluss, ebenfalls konvertierte ...
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Ich habe jetzt 6 der 12 Bände gelesen. Na ja, nicht wirklich alles gelesen, vieles überfliege ich natürlich nur. Man trifft hin und wieder auf alte Bekannte (nicht nur Lueger), und wundert sich, für wen sich Kraus so alles eingesetzt hat: Otto Stoessl, Liliencron, Trakl, Lasker-Schüler ...
Nur, sein Frauenbild möchte ich nicht haben mögen ...
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Kraus hat ja nicht alles ganz alleine geschrieben. Wer waren denn seine Co-Autoren?
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Ein paar Namen findest Du auf der Seite der Wikipedia:
http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Fackel
Dort fehlt z.B. eben Otto Stoessl, auch von Liebknecht findet man Sachen, von Strindberg, Otto Weininger.
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Und dann natürlich das Jahr 1914. Mit der Vierfachnummer (400-403) vom Sommer und der 404: "In dieser großen Zeit". Wenn er so richtig Pathos generiert, läuft Kraus zu elemantarer Wucht auf ...
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Und dann natürlich das Jahr 1914. Mit der Vierfachnummer (400-403) vom Sommer und der 404: "In dieser großen Zeit". Wenn er so richtig Pathos generiert, läuft Kraus zu elemantarer Wucht auf ...
Das ist zurecht eine der bekanntesten Fackelnummern. Keine bloße Polemik, sondern vermischt mit Wut und Trauer ob der Dummheit seiner Zeitgenossen, zeitlos - leider.
lg - orzifar
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Ist mir vorher gar nicht aufgefallen:
Wie Kraus nach dem Weltkrieg regelmässig mit Ruhestörungen zu tun hatte bei seinen Lesungen. Da merkt man erst, wie wenig beruhigt sich die politische Lage im Grunde genommen hatte - im Gegenteil.
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Bin nun mit der 12-bädnigen Ausgabe durch. Kraus' Reaktion bei der Machtübernahme Hitlers ist ebenfalls sehr zu Recht berühmt.
Und dann, in Band 12, Die letzten Tage der Menschheit. Grosses Theater, auch wenn ich nicht glaube, dass es zu Kraus' Zeit - weder ideologisch noch technisch - aufführbar gewesens sein dürfte.
Ach ja - Frage an die Kakanier hier: Einer der österreichischen Offiziere benutzt regelmässig den Ausdruck "mullatieren". Weiss jemand, was das heisst oder wofür das eine Verballhornung sein soll?
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Bin zwar keine Kakanierin, habe aber mal ein Semester in Wien verbracht. Mullatieren - zechen, feiern , auch Mulatschag - Feier , höchstwahrscheinlich aus dem Ungarischen mulatsag - Vergnügung.
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Danke. Ich hatte zerst so was in der Richtung vermutet; aber zum Schluss brachte es der Offizier in so unpassenden Zusammenhängen, dass ich verunsichert worden bin. Das war dann wohl ein Stilmittel von Kraus. Die letzten Tage der Menschheit - wie gesagt: sehr beeindruckend.
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Ich kann der Interpretation als geborener Kakanier nur zustimmen. Wird allerdings heute kaum (gar nicht) mehr verwendet. Synonym für "um die Häuser ziehen" etc., mir fielen als beste Umschreibungen aber nur weitere, spezifisch österreichische Ausdrücke ein, die dann wieder höchst erklärungsbedürftig wären.
lg
orzifar
der ein großer Anhänger der verschiedenen Dialekte und Idiome ist (und diese auch zu sprechen und anzunehmen je nach Bedarf in der Lage ist ;))