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Lektüren, Rezensionen => Gerade am Lesen ... => Topic started by: orzifar on 03. Dezember 2009, 17.38 Uhr
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Hallo!
Nachdem ich (als einziger?) Schilten abgeschlossen habe (ich melde mich noch im entsprechenden Thread), habe ich nun mit Sebalds "Die Ausgewanderten" begonnen. Wieder, wie schon bei den "Ringen des Saturn" ein äußerst lesenswertes Buch. Einzelne, nicht fiktive Schicksale (bislang endeten alle erzählten Lebensläufe mit Selbstmord) in einer wunderbar klaren, eindrucksvollen Sprache, ruhig, genau. Ich ziehe auch dieses Buch dem Roman "Austerlitz" vor, die Wirkung dieser realen Personen auf mich ist stärker denn jene der Kunstfigur Austerlitz.
Als zweites Lesestück berichtet Sebald über Paul Bereyter, seinen ehemaligen Volksschullehrer (und wenn ich derlei von aufgeschlossenen, bemühten Pädagogen lese, sammelt sich in mir immer ein wenig Wut und Trauer über die schlagenden und brüllenden Idioten, mit denen ich mein Schuldasein zubringen musste). Bereyter ist Vierteljude, wird, nachdem er die Ausbildung für seinen Traumberuf abgeschlossen hat, vom Schuldienst suspendiert. Auch eine private Katastrophe, durch die Unmöglichkeit, seinem Beruf nachzugehen, zerbricht - sehr wahrscheinlich - auch seine Beziehung, schließlich wird er eingezogen und nimmt alle 6 Jahre am Zweiten Weltkrieg teil.
Nach dem Krieg wird er u. a. zum bewunderten und geliebten Volksschullehrer Sebalds, kreativ, einfühlsam, wie gemacht für diesen Beruf. Und doch wirken Trauer und zerbrochene Zukunftshoffnungen nach, er verfällt in Depressionen und nimmt sich schließlich mit 74 doch (noch) das Leben.
Sebald zeigt ein durch den Nationalsozialismus zerstörtes Leben abseits der großen Katastrophen, ein Schicksal, das - mutatis mutandis - wohl vielen widerfahren ist. Bereyter wird wie viele andere erst Jahrzehnte später Opfer dieses Wahnsinns. Die Tragik solcher Biographien wird fühlbar: Das unwiederbringlich zerstörte Dasein ohne Chance auf einen zweiten Versuch.
lg
orzifar
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Mit nahezu allem einverstanden, nur nicht mit der Abwertung des Werkes "Austerlitz". Ich lese ja solche Bücher nicht nur wegen des Gesamtinhaltes - des großen Bogens, den sie schlagen - sondern auch wegen einzelner wahrer Sätze - zugegeben, für mich wahrer Sätze - wie:
Irgendwann in der Vergangenheit, dachte ich, habe ich einen Fehler gemacht und bin jetzt in einem falschen Leben. S. 302 in meiner Ausgabe
Oder: ... aber heute, sagte Austerlitz, weiß ich, warum ich mich abwenden mußte, wenn mir jemand zu nahe kam, und daß ich in diesem Michabwenden mich gerettet wähnte und zugleich mir vorkam wie ein zum Fürchten häßlicher, unberührbarer Mensch. S. 308 ebd.
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Hallo orzifar!
Ich ziehe auch dieses Buch dem Roman "Austerlitz" vor, die Wirkung dieser realen Personen auf mich ist stärker denn jene der Kunstfigur Austerlitz.
Wir haben ja gemeinsam "Austerlitz" gelesen und deine Bemerkung macht meine Vorfreude auf "Die Ausgewanderten" noch größer!
Lg
wolves
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Hallo!
@wolves: Stimmt, habe gerade nachgelesen. Wenn wir alle beteiligten Personen zusammenbringen, könnten wir den Thread hierher übertragen (nikki, kenavo, dora und wir beide). Allerdings scheint mir das eher zweifelhaft.
Bei Austerlitz hat mich einzig die Grundkonstruktion gestört: Ein in der Welt lebender, aufgeschlossener Kunsthistoriker, dem eine beinahe völlige Unkenntnis der Konzentrationslager unterschoben wird. Das wirkt unglaubwürdig und ist m. E. ein Manko. Dennoch handelt es sich um ein ausnehmend empfehlenswertes Buch (und von Abwertung kann keinesweges die Rede sein). Ich hab im alten Thread gestöbert:
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"Die von blaßgrünen, grauweißen, ocker- und orangefarbenen Flechten überzogenen Sarkophage waren zerbrochen, die Gräber selbst teilweise aus dem Boden gehoben, teilweise in ihn versunken, so daß man glauben konnte, ein Erdbeben habe das Quartier der Toten erschüttert, oder diese seien, aufgerufen zum Letzten Gericht, ihren Behausungen entstiegen und hätten dabei in ihrer Panik die ihnen von uns aufgezwungene schöne Ordnung durcheinandergebracht."
- Ein wunderbares Bild der flüchtenden, sich unruhig erhebenden Toten, dazu das Foto mit umgestürzten Grabsteinen, schiefen Einfassungen. Ein Winkler könnte sich an solchen Metaphern ein Beispiel nehmen, Sprache, die ohne dramatischen Schwulst auskommt und dadurch sehr viel mehr vermag.
Ich mochte das Buch bis zum Ende (und habe deshalb bereits mit den "Ringen des Saturn" begonnen, das mir bislang noch besser gefällt), die unaufgeregte, ruhige Schreibweise, die schon erwähnte Genauigkeit, Behutsamkeit. Auch das Ende des Buches, das kein Abschließendes, gar Moralisierendes ist, vielmehr ein langsames Versiegen der Erzählung, das etwas von einer ewigen Suche nach den Wurzeln vermuten lässt. Ein Buch des Erinnerns - bzw. der Verweigerung, des Vergangenen zu gedenken, spät, im Alter von 60 Jahren erst begibt sich Austerlitz auf die Spuren seiner Herkunft, während er zuvor in einem Art Überlebensreflex all das ihn möglicherweise Berührende auszublenden verstand.
Austerlitz' Spurensuche, die ihn nach Prag, Theresienstadt führt, nach Paris ins Exil seines Vaters, wird ohne erklärendes Beiwerk beschrieben, beschränkt auf das Faktische, kein Hadern mit sich selbst ob "vertaner Chancen", nur irgendwann die Feststellung einer hermetischen Existenz, die auf Vermeidung bedacht war. Nichts aber lässt darauf schließen, dass eine frühere Auseinandersetzung mit seinem Leben ihn zufriedener, glücklicher gemacht hätte, nirgendwo vernimmt man dramatisch-anklagende Stimmen, weder von der (Kunstfigur?) Austerlitz, noch vom Autor selbst. Und diese so unaufdringliche Beschreibung macht die Qualität aus, sie zeigt einen verletztlichen, unsicheren, in der Vergangenheit suchenden Menschen, ohne all das explizit zu erwähnen. Der Verzicht auf Peripetien aller Art ist paradigmatisch für diese fast bescheiden anmutende Sprache, die eben - weil sie streicht, präzisiert, sich konzentriert - so viel mehr ist.
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lg
orzifar
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Ok, einverstanden; jeder Autor schreibt einmal ein etwas schwächeres Buch - Aber W. G. Sebald schrieb m.E. auf so hohem Niveau, dass selbst eine etwas schwächere Passage noch meilenweit über dem herausragt, was die zeitgenössische Literatur sonst so zu bieten hat.
Ich habe den gesamten Sebald im letzten Jahr chronologisch wieder gelesen und muss gestehen, die Begeisterung wächst mit jeder neuen Lektüre; er ist einer der seltenen Schriftsteller, der unausschöpfbare Werke hinterlassen hat (selbst im dem aus dem Nachlass herausgegebenen Band "Campo Santo" finden sich noch Perlen "Aber was wissen wir schon im voraus vom Verlauf der Geschichte, der sich entwickelt nach irgendeinem, von keiner Logik zu entschlüsselnden Gesetz ... Nicht einmal in der Rückschau können wir erkennen, wie es wirklich vordem gewesen und zu diesem oder jenem Weltereignis gekommen ist.")