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Lektüren, Rezensionen => Gerade am Lesen ... => Topic started by: orzifar on 19. September 2009, 01.01 Uhr
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Hallo!
Über Joseph Roth gibt es relativ wenig - und Sternberg scheint diese biographische Lücke nicht schließen zu können. Ähnlich wie beim einzigen mir bekannten umfangreicheren Buch von David Bronsen ergeht sich auch Sternberg in einer Unmenge von Zitaten, kaum ein Absatz, in dem nicht wenigstens ein Drittel und Anführungszeichen gesetzt ist. Hier scheint der Biograph seine Hausaufgaben nicht gemacht zu haben: Wenn er seine Meinung belegen möchte, so sollte er dafür Fußnoten, Verweise verwenden, so hat man eher den Eindruck, dass eine Lebensbeschreibung vom Umfang einer Rowohlt-Bildmonographie auf 500 Seiten aufgeblasen werden soll. Wobei Sternberg im Grunde nur die zitierten Werke paraphrasiert, nicht interpretiert oder analysiert. An der Menge der verfügbaren Quellen (auch wenn diese im Falle Roths sehr umfangreich sind) kann es nicht liegen: Harpprecht standen in seiner Thomas Mann Biographie sicher noch wesentlich mehr solcher Briefe, Tagebücher oder Artikel zur Verfügung, ohne dass er jemals in eine derart hilflose und auch überflüssige Kommentierung verfiele.
So also wird dem Leser entweder ein Zitat serviert, das im Anschluss mit den Worten Sternburgs wiedergegeben wird oder aber Sternburg beschreibt einen trivialen Sachverhalt, um diesen mit einem Zitat zu untermauern. Dieses recht billige Verfahren wird nur selten unterbrochen - und auch dort nicht zum Vorteil des Buches: So entblödet sich Sternberg nicht, allerhand küchenpsychologisches Gewäsch bezüglich des Alkoholismus' Roths zum Besten zu geben, indem er auf irgendeine psychoanalytische Untersuchung bezüglich der Verbindung von Sucht und Familienkonstellation hinweist: "Auf der einen Seite handelt es sich um einen Vater, der eine Identifizierung künftig Süchtiger erschwert, sei es wegen seines frühen Todes, zu häufiger Abwesenheit, zu geringer Beteiligung am Familienleben oder aufgrund von Charaktereigenschaften, die das Männliche abstoßend oder wenig begehrenswert erscheinen lassen." Mit nur ein wenig gutem Willen trifft diese Beschreibung auf so gut wie jede Familie zu, eigentlich können hier nur die alleinerziehenden, liebevollen Väter ausgenommen werden, die in Galizien um 1900 nicht wirklich in der Überzahl gewesen sein dürften. Diese Wiedergabe von typisch aussagelosem psychoxxx Geschwätz ist aber typisch für die Hilflosigkeit des Autors, der außer dieser simplen Schlussfolgerungen nichts beizutragen weiß.
Wer über Roth die Biographien Nürnbergers (eigentlich wäre das bereits ausreichend), Bronsens oder die Erinnerungen Sziffras gelesen hat, wird in diesem Buch (sofern nicht noch ein von mir nicht erwartetes Wunder geschieht) nichts Neues erfahren, das ist eine bieder, brav und einigermaßen routiniert verfasste Lebensbeschreibung ohne Witz, psychologisches Einfühlungsvermögen oder besondere literarische Kenntnisse. Sternberg, der ja bereits als Autor mehrerer Biographien über Personen jener Zeit in Erscheinung getreten ist, hat sich schlicht noch einen solchen Schriftsteller gesucht und - ohne allzu großen Aufwand betreiben zu müssen (bzw. zu wollen) - eine weitere hinzugefügt. Und - um den bereits zitierten Vergleich noch einmal zu bemühen - es ist ihm keineswegs etwas Vergleichbares gelungen, wie es Harpprecht mit seinem über weite Strecken ganz ausgezeichneten Werk über Thomas Mann geschaffen hat; im Gegenteil: Ein höchst durchschnittliches Werk, das dadurch, dass es über 500 Seiten ausgewalzt wurde, noch einen Gran langweiliger ist als ihm ohnehin schon zukäme.
lg
orzifar
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Hallo!
Ich lag mit der Vermutung richtig, dass sich an der Qualität der Darstellung nicht wirklich Entscheidendes ändern würde auf den restlichen Seiten. Ein äußerst biederes, farbloses Werk, manchmal wie zusammengeflickt aus verschiedenen Aufsätzchen, kein großes Ganzes: Beispielhaft die Behandlung der Bekanntschaften und Geliebten Roths, da gibts kleine Kapitelüberschriften und eine - sehr lieblose - Kurzbeschreibung der jeweiligen Person, nirgendwo in ein Gesamtkonzept (gibt's das überhaupt?) integriert, sondern wie ein notgedrungen einzufügender Fremdkörper wirkend.
Roths Person, seine Besonderheiten, Eigenschaften bleiben Sternburg verborgen; er hat sich offenbar einen Schriftsteller für seine biographischen Bemühungen gesucht, dessen Charakter ihm fremd ist. Wenn er über dessen Alkoholismus schreibt, so erweckt dies den Eindruck, dass er für seine Recherchen bezüglich des Suchtverhaltens die Beilage einer Hausfrauenzeitschrift bemüht hat. Dazu kommen krude Theorien über die Vererblichkeit von Süchten, die, selbst wenn sie irgendeinen Wahrheitsanspruch erheben könnten, für Roths eigenes Trinkverhalten vollkommen belanglos sind. Sternburg begreift nicht den Zusammenhang zwischen Alkoholismus und Roths oft seltsamen politischen Ansichten, seinen Lügengebäude bezüglich seiner Herkunft, dem Märchenhafte der Zeit im Ersten Weltkrieg, er versteht nicht, dass diesen Äußerungen eine andere Interpretation zugrunde gelegt werden muss, dass sie nicht bloß verifiziert oder falsifiziert werden können. Mit dem bloßen Konstatieren eines solchen Faktums ist nichts getan, das "warum" bleibt dem Autor aber verborgen.
So liest sich das alles wie ein ins Kraut geschossener Artikel einer Enzyklopädie, uninspiriert und langweilig. Damit will ich keineswegs einer romanhaften Darstellung a la Stefan Zweig das Wort reden (dessen Lebensbeschreibungen sind nun wirklich eine einzige Katastrophe), aber ein Mindestmaß an Einfühlungsvermögen ist für die Interpretation der Fakten notwendig. Sternburg scheint sich schlicht die falsche Person für sein Unternehmen ausgesucht zu haben.
Auch die Behandlung des Rothschen Werkes hat etwas Schüleraufsatzhaftes: Sternburg operiert hier ebenfalls mit Unterkapiteln, referiert brav den Inhalt und ergeht sich bestenfalls in Plattheiten: So ist etwa die Tatsache, dass ein Alkoholiker in seinen Romanen Alkoholiker beschreibt, nicht wirklich überraschend, auch nicht, dass er sich für diese Figuren an seinem eigenen Trinkverhalten orientiert hat. Rückschlüsse, Interpretationen, die über das allzu Offensichtliche hinausgehen, erwartet man aber vergebens.
In der Beurteilung fügt sich Sternburg der überlieferten Meinung, kaum ein eigenes Urteil, eigene Ansichten oder Einsichten zum Werk. Nicht weiter überraschend, dass auch er die "Legende vom Heiligen Trinker" als großes Alterswerk bezeichnet (wobei es viel eher misslungener Ausdruck des Wunschdenkens und Träumens ist: Romantische Verklärung des Trinkens nebst Wundertätigkeit als Gegenstück zu geschwollener Trinkerleber, Hämorrhoiden und elendiglichem Krepieren an Delirium tremens), sodass das Resumee dieser 487 Seiten ein trauriges bleibt: Überdimensionale Seminararbeit, brav recherchiert und dokumentiert, aber ziemlich unbeleckt von jeglicher Einsicht in das Werk und Leben Joseph Roths.
lg
orzifar
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Auch wenn ich nicht so krass mit Sternburg ins Gericht gehen würde, erfreuen mich die Beiträge insofern im Sinne einer Bestätigung, als auch ich seinerzeit vom Sternburgschen Buch etwas enttäuscht war. Und bei einer Vorstellung dieses Buches mit dem anwesenden Sternburg in einer Veranstaltung ebenfalls. (Hätte mir da etwas mehr Tiefe gewünscht ...)