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Gemeinsam Lesen => Leserunden => Topic started by: mombour on 18. August 2009, 11.33 Uhr

Title: Claudio Magris: Donau
Post by: mombour on 18. August 2009, 11.33 Uhr
Es ist selbstverständlich, daß ein Buch über die Donau an der Donauquelle beginnt. Doch, wo ist die Quelle?  Die Quelle der Donau entspringt bei Donaueschingen. „Seit der Zeit des Kaisers Tiberius wird jenes Rinnsal, das aus einem Hügel hervorquillt, als die Donau gefeiert; und darüber hinaus vereinigen sich in Donaueschingen zwei kleine Flüsse, die Breg und die Brigach, die...dort, wo sie zusammenfließen, den Beginn der Donau bilden.“ Doch es gibt auch eine andere Theorie, die des Herrn Doktor Ludwig Öhrlein, der an der Quelle der Breg bei Furtwangen ein Schild aufstellen ließ, diesen Ort als die Quelle der Donau bezeichnet, „und hier wird präzisiert, daß die letztere von allen übrigen Zuflüssern die am weitesten vom Schwarzen Meer entfernte sei,..." Doch damit nicht genug. Doch damit nicht genug, schon in der Antike schwirrten Vermutungen und Untersuchungen, wo denn die Quelle sei, darüber schrieben auch berühmte Autoren wie Herodot, Strabon, Cäsar, Plinius, Ptolemäus, Erasthostenes.  Der eine schrieb, die Quellen der Donau entspringen aus dem Harz, ein anderer meinte, bei den Hyperboreern, oder auch in den Pyrenäen usw. Der Fantasie wurden keine Grenzen gesetzt. In Immedingen verschwindet die Donau in Felsspalten und tritt vierzig Kilometer als die Ach wieder zum Vorschein, fließt in den Bodensee, dann in den Rhein. Magris schlussfolgert, die Donau sei zum Teil ein Nebenfluss des Rheins und münde eher in die Nordsee als ins Schwarze Meer. Wo denn die Donau nun herkommt gipfelt in der außerordentlichen Kuriosotät eines gewissen Amedeos „renomierter Sedimentologe und geheimer Historiograph von Mißverständnissen“, über den wir leider sonst nichts weiteres erfahren, die Donau komme  aus einem Wasserhahn. Magris hat den Wasserhahn nicht gefunden. Die Donauquellen, so rätselhaft wie die des Nils.

Die Kapitel über Martin Heidegger („Die Mensner von Meßkirch“) und Louis Ferdinand Céline ( „Die Führerin von Sigmaringen“) sind für mich sehr schwierig gewesen, weil ich um ihre Lebensbiographien nichts weiß. Hier ist man wirklich auf Sekundärliteratur angewiesen.

„Das faschistische Mißgeschick Heideggers ist kein zufälliger Unglücksfall gelesen“ schreibt Magris, warum, dass wurde für mich in dem zusammengerafften Kapitel nicht ersichtlich. Im Kapitel darauf schreibt Magris über Célines Flucht auf  das Schloss Sigmaringen, dass Schloss der Hohenzollern, auf das die Mitglieder der Vichy-Regierung geflüchtet sind, geflüchtet vor den Alliierten. Céline schreibt darüber in seinem Buch „Von einem Schloß zum anderen“ .

Über Célines (restlos vergriffenes) Buch „Die Judenverfolgung in Frankreich“ schreibt Magris, es sei das erschreckendste seiner Bücher. Es ist

Quote from: Claudio Magris
eine der wenigen tatsächlichen, schuldhaften und sträflichen Überschreitungen unter so vielen harmlosen Freizügigkeiten von Literaten, die es nach Überschreitung verlangt hat, aber unter Wahrung der Immunität und mit allen Garantien der Sozialversorgung. Es ist der langatmige und langweiligste Gefühlsausbruch eines Kleinbürgers und Ladenbesitzers, der sämtlichen Vorurteilen seiner verarmten und desorientierten Schicht anhängt, doch ist es zugleich eine geniale, verzerrte Momentaufnahme des 20. Jahrhunderts, an der man nicht vorbeikommen wird. Der vom Haß getrübte, bisweilen aber auch geschärfte Blick Célines entlarvt die frenetische Betriebsamkeit der Kulturindustrie und erkennt in ihrer sterilen, kalten Aufregung, in ihrer fortwährenden, hektischen vorzeitigen Ejakulation, ein Potential dumpfer Gewalttätigkeit. Diese fieberhafte Mobilisierung, die gebieterisch das Individuum zu den Symposien, Debatten und Interviews abkommandiert, ist die Hysterie eines überfüllten Zimmers, einer Welt, an der an allen Türen dass Schild hängt. „Alles belegt.“

Dieses Zitat soll als Beispiel stehen, für Magris' teilweise hochintellektuellen überbordeten Stils, betont auf teilweise, denn es gibt genügend  weitaus leichtverdaulichere Stellen im Donaubuch. Dieses Zitat sollte nicht abschreckend wirkend.

Schließlich noch, Louis Ferdinand Célines Meisterwerk „Reise ans Ende der Nacht“ sollte unbedingt gelesen werden. Alles andere, über seinen Antisemitismus usw., ist sicher nur etwas für speziell Interessierte.

Liebe Grüße
mombour


Title: Re:Claudio Magris: Donau
Post by: arbor on 18. August 2009, 13.45 Uhr
“Seit Heraklit ist der Fluss Sinnbild der Identitätsfrage par excellence...”

“Vielleicht bedeutet Schreiben, jene Leerstellen der Existenz auszufüllen, jenes Nichts, das sich unvermittelt in den Stunden und Tagen auftut, zwischen den Gegenständen des Zimmers, und diese in einem Strudel desolater, unendlicher Bedeutungslosigkeit mit sich reißt.”

“Die Geschichte erhält ihre Realität immer ein wenig im nachhinein, erst wenn sie vergangen ist, und die allgemeinen Zusammenhänge, die Jahre später in den Annalen festgelegt und beschrieben werden, ordnen einem Ereignis Rolle und Bedeutung zu.”

“...das Leben als Mangel, als deesse, beständig von der Hoffnung zerstört, dass die gegenwärtige schwere Stunde bereits vergangen und ihre Auswirkung überwunden sei...”
“Sobald das Leben als Mangel, als Insuffizienz, als ein deesse erfahren wird, besteht die Verteidigung in einer eigensinnigen Selbstausschließung, in der Weigerung, daran teilzuhaben.”

“... denn die eigentliche Tragödie des Lebens ist die, dass es selbst nur eine einzige Unerträglichkeit darstellt.”

“Wahrscheinlich erfindet und fingiert man jede Glückseligkeit nur auf dem Papier.”


Das sind nur ein paar Zitate aus Claudio Magris’ “Die Donau”, die m.E. belegen, das er mehr ist als nur “hochintellektuell”, dass er überaus klug und lesbar zu schreiben weiß, aus umfassender Bildung schöpft und sich dennoch auch wesentlichen Details auf dem Weg der Donau zu widmen vermag. “Die Donau” ist ein kulturgeschichtlicher Versuch von unvergleichlichem Charakter, m.E. - de gustibus... - das klügste Buch, das in den letzten Jahrzehnten geschrieben worden ist.
Title: Re:Claudio Magris: Donau
Post by: orzifar on 18. August 2009, 15.53 Uhr
Hallo!

Ein Beginn mit viel Bildungsballast, mit Hegel, Wittgenstein & Co und einigermaßen komplizierten Sätzen, deren Sinn sich mir nicht immer erschließt oder aber ein wenig überschwänglich ausdrückt, was einfacher gesagt werden könnte, vielleicht müsste. Etwa dass das Leben "in den Klassifikationen seine verzehrende Oszillation enthüllt", Klassifikationen, die immer einen Rest an "Zauber und Geheimnis" zurücklassen. Nunja, einiges fällt immer durch den Rost der Katalogisierung und ich ahne hier durchaus, was Magris mir sagen will: Doch die leichte Berauschung und Extase am eigenen Wortspiel ist hier zu spüren, was dann nicht immer mein Wohlgefallen erweckt. Etwa auch: "Der (...) Professor aus Tübingen, der sich dessen bewusst ist, dass die Prosa der Welt die Odyssee, die konkrete und einmalige Erfahrung des Individuums, bedroht, faßt wieder Mut, und zitiert auf der dritten Seite Hegel, den großen Schüler aus dem theologischen Stift seiner Stadt, um mit ihm zu wiederholen, daß die Methode die Konstruktion der Erfahrung sei." Sowas als eine Art Sekundärzitat einer dem Autor zugegangenen Schrift ist, naja, entbehrlich.

Ein wenig erinnert das Buch an Sebald (z. B. "Die Ringe des Saturn"), wobei dieser ein größeres Maß an Bescheidenheit und Zurückhaltung walten lässt, was auch Magris manchmal gut angestanden wäre. Klug zu sein bedeutet nicht, alles immer aussprechen zu müssen.

Aber - Magris kann schreiben. "Donaueschingen gegen Furtwangen" ist ein höchst amüsantes Stück über den Streit, wo denn die Donau ihren Ursprung habe (Gerüchte besagen, sie entspringe einem Wasserhahn), letzteres zu verifizieren unternimmt der Autor und muss den Leser abschlägig bescheiden: Kein Wasserhahn am inkriminierten Ort. Dafür eine alte Frau im fraglichen wasserhahnlosen Haus, die für 2,50 Mark dem interessierten Wanderer ein Tonband vorspielt, die Bräuche längst vergangener Zeiten erörternd. Und zwischendrin viel Bildungsgut - von Hugo und Hesiod bis Hölderlin, um bloß beim stimmlosen Frikativ zu bleiben.

Verschnupfte Grüße

orzifar
Title: Re:Claudio Magris: Donau
Post by: mombour on 18. August 2009, 17.21 Uhr

 dass er überaus klug und lesbar zu schreiben weiß, aus umfassender Bildung schöpft und sich dennoch auch wesentlichen Details auf dem Weg der Donau zu widmen vermag.

Teils, teils eben. orzifar hat zurecht von einer Bildungslastigkeit gesprochen und von Inhalten, die man auch hätte lesbarer gestalten können. Das kann ich nur unterschreiben, denn das Kapitel über „Grillparzer und Napoleon“ musste ich mehrmals lesen, um ungefähr zu ahnen, was Magris meint. Jedenfalls habe ich über Grillparzers Drama „König Ottokars Glück und Ende“ in Wilperts Lexikon für Weltliteratur nachschlagen müssen und bin klüger geworden. In diesem Drama wollte Grillparzer in dem böhmischen König Ottokar II. eine Analogie zu Napoleon sehen, der als tatkräftiger Eroberer in die Tyrannei getrieben wurde. Bei Grillparzer wird er zum maßlosen Machtmenschen. Das Kapitel ist mir vielleicht auch schwer gefallen, weil ich von großer Politik nichts verstehe und mich höchstens für die psychologischen Hintergründe von Machtgier interessiere. Wie nun Magris auf Grillparzer und Napoleon kommt, begründet die Abtei von Elchingen nahe Ulm, in deren Nähe am 19. Oktober 1805 die „Kapitulation von Ulm“ stattfand, „die Übergabe des österreichischen Generals Mack – des >>unglücklichen Mack<<, wie ihn Tolstoi in Krieg und Frieden nennt – an Napoleon."

Um Macht geht es auch in dem Kapitel über den KZ-Arzt und Menschenquäler Josef Mengele („Der Kitsch des Bösen“), der in Günzburg geboren ward.Übrigens ein brillianter Aufsatz, in dem Magris klarstellt, dass der Nazismus „ein Höhepunkt, ein unübertroffener Gipfel der Infamie gewesen (ist), die engste Verknüpfung von gesellschaftlicher Ordnung und menschlicher Roheit. Es wäre völlig abwegig“, meint Magris, „hinsichtlich des ständig lächelnden sadistischen Arztes auf patrhologische Erklärungen zurückzugreifen, so als wäre er ein Kranker, den ein unbezwinglicher Ruptus hinriß.“ Als er sich bis 1949 in der Nähe von Günzburg in einem Kloster versteckt hielt, hat er niemanden seine Augen ausgerissen und keine Leiber zerfetzt. Magris schreibt von der Banalität des Bösen:

Quote from: Claudio Magris
Mengeles Lust zu quälen, sein stupides Lächeln bei der Ausführung seiner Mordtaten..es ist die mechanische, faszinierte Wiederholung einer Art rituellen Formel zwischen dem Refrain eines psychedelischen Lieds und einer religiösen Litanei, das Stammeln eines von Grausamkeit berauschten armseligen Geistes.

So, jetzt werde ich aber schreiberisch warten, bis orzifar mich lesetechnisch einholt.

Liebe Grüße
mombour


Title: Re:Claudio Magris: Donau
Post by: arbor on 18. August 2009, 18.07 Uhr
Es kann gar nicht genug Klugheit in der Welt geben (wenn ich mich so umsehe, leide ich eher an der horrenden Dummheit meiner Zeitgenossen).

Bei Heinrich Mann gerade gefunden: ""Ach, die Vegetation dieser Erde birgt mehr Schlangen, und das Gift spritzt endlos, da die Dummheit kernfest ist."

Und an anderer Stelle: "Der Mensch soll gedeihen und er kann es, wenn er denkt."

D'accord einzig mit W. G. Sebald; er war in der Tat einer der letzten klugen Köpfe, denn diese Anstrengungen der Bildung will sich ja heute keiner mehr antun. (Aber nur ein gebildeter Mensch ist ein Mensch.)
Title: Re:Claudio Magris: Donau
Post by: dora on 18. August 2009, 19.27 Uhr
(Aber nur ein gebildeter Mensch ist ein Mensch.)

Sag mal, Arbor, stammt dieser kluge Satz von dir? 
Title: Re:Claudio Magris: Donau
Post by: sandhofer on 18. August 2009, 20.43 Uhr
Hallo zusammen!

Ist jetzt nicht abgesprochen mit meinen Co-Administratoren, aber ich fände ein klein wenig weniger aneinandergereihte Zitate berühmter oder bekannter Autoren und ein klein bisschen mehr eigene Meinung interessanter.

Sorry, aber ein bisschen Foren- :police: musste jetzt sein.

Grüsse

sandhofer
Title: Re:Claudio Magris: Donau
Post by: arbor on 19. August 2009, 07.56 Uhr
Warum eine Meinung nicht mit Zitaten belegen, warum etwas neu sagen müssen, was schon (meist besser) gesagt wurde. Wie schon im anderen Thread ausgeführt, die Konstanten des Menschseins ändern sich nicht so wesentlich, also kann man doch auch auf schon Gesagtes zurückgreifen (ohne sich mit fremden Federn schmücken zu wollen).
Title: Re:Claudio Magris: Donau
Post by: sandhofer on 19. August 2009, 08.25 Uhr
Warum eine Meinung nicht mit Zitaten belegen,

Dagegen hätte ich ja gar nichts. Aber gerade von Dir finde ich hier etwelche Postings, wo ich zwar Zitate finde, aber keine Meinung. Mag sein, das liegt an mir, aber nur ein Zitat bringen, ist für mich keine Meinung, selbst wenn der ursprüngliche Autor damit natürlich eine Meinung verknüpft hat. Bei Klopstock ist das weniger tragisch, bei zeitgenössischen Autoren aber riskieren wir als Betreiber u.U. sogar juristischen Ärger, da eine blosse Aneinanderreihung von Zitaten einem scharfen Anwalt als Urheberrechtsverletzung ins Auge stechen könnte. Auch daran bitte ich doch zu denken.  :hi:
Title: Re:Claudio Magris: Donau
Post by: orzifar on 20. August 2009, 15.05 Uhr
Hallo!

@mombour: Wie weit bist du? "Eine Frage der Traufe" abgeschlossen?

Magris ist in seinem Schreiben mehr Literaturprofessor denn Schriftsteller - und dieser Umstand macht sich - leider - bemerkbar. In Kapitel 9 (Bissula) könnte ein Hinweis darauf verborgen sein, dass er sich dessen durchaus bewusst war, wenn er von Ausonius berichtet, dem Professor, der ein sorgfältiger Handwerker, aber bestimmt kein Dichter gewesen sei trotz der ihm von der Liebe eingegebenen Distichen. Und er habe auch ein langweiliges Elaborat über die Mosel verfasst. Wenn es nun auch nicht nur Selbstkritik ist, die aus diesen Zeilen spricht, so kann ich mir kaum vorstellen, dass Magris nicht beim Niederschreiben dieser Zeilen an die Gefahr dachte, in der er selbst schwebt.

Das Buch kommt eben allzu gelehrt daher - und dass ihm so viel an Lob zuteil wird, liegt wohl daran, dass gelehrt und klug allzu gern verwechselt wird, dass man allenthalben eine Neigung sehen kann, die dem Unverständlichen, oft Obskuranten tiefen Respekt entgegenbringt. "Es glaubt der Mensch - wenn er nur Worte hört, es müsse sich dabei doch auch was denken lassen." Und so sind diese Bücher geschrieben für die Famuli (die nicht immer Wagner heißen müssen) der Welt, die im Wunsche, alles wissen zu wollen, übersehen, dass damit das Entscheidende verloren geht.

Dennoch: Es gibt viel Lesenswertes in diesem Buch (wenngleich Sebalds oder Ransmayrs Reisebeschreibungen von ungleich größerer Qualität sind). Das von mombour erwähnte Kapitel über Heidegger (das tatsächlich an zwei, drei sehr unverständlich formulierten Absätzen krankt) ist davon abgesehen ausgezeichnet und erfährt gerade durch diesen Thread eine gewisse Aktualität: Denn es handelt u. a. vom Mangel an Phantasie, der Heidegger eignete, wenn er seine Schwarzwald-Heimat-Authentizität zelebrierte, dabei vergessend, dass mutatis mutandis solcher Heimatbegriff auch außerhalb des Schwarzwaldes seine Berechtigung habe. Ihm wurden die "anderen Bauern, Wälder, Bräuche und Gewohnheiten jenseits der Berge und Meer (...) abstrakt, ideologisch, irreal." Und so ist das faschistische "Missgeschick", das Heidegger widerfuhr, tatsächlich kein zufälliger Unglücksfall gewesen, vergleichbar Eichmann, der sich über die Mitteilung entsetzte, dass der Vater des von ihm geschätzten jüdischen Hauptmanns Less in Auschwitz umgekommen sei.

"Die deklamatorische Erklärung der eigenen Authentizität wird zur Pose eines Parvenu, wenn man gegen die Masse polemisiert und dabei vergisst, dass man selbst dazugehört." Das in Bezug auf Heidegger erinnert mich an einen schnell hingeschriebenen (und dann nicht geposteten) Absatz meiner selbst:

"Wer nun aber gar an seiner Umwelt zu leiden vorgibt aus Gründen der Dummheit, der sollte (weil schon für sich selbst eine Metaposition beanspruchend) doch dessen gewärtig sein, dass er oftmals nicht alleine leidet, dass er selbst ebenfalls ein solches Leiden zu verursachen imstande ist (und dies - paradoxerweise - gerade jener Ursachen wegen, die ihm selbst das vorgebliche Leiden bescheren). So könnte ich etwa bezüglich eines von Dora zitierten Satzes, dass dem Menschen ein Menschsein nur dann zugesteht, wenn ihm Bildung (was immer das sei) zukäme, einiger Qual teilhaftig werden (eignete mir nicht glücklicherweise eine gewisse Indolenz) und tatsächlich spüre ich ein leichtes Ziehen und Zirpen, untrüglicher Hinweis auf gedankliche Inkontinenz."

Wie ich überhaupt zum Aphoristischen einer Meinung noch etwas loswerden muss und will (da ich hier meine eine Art von "Beratungsresitenz" zu spüren):

Relativ sinnfreies Zitieren von einzelnen Sätzen wie “... denn die eigentliche Tragödie des Lebens ist die, dass es selbst nur eine einzige Unerträglichkeit darstellt” mögen ihre Wirkung in Weltschmerz- und Todessehnsuchtsforen entfalten, sie erinnern an traurige Pubertierende, welche mit 15 unfehlbar Cioran lesen und das Glas der Bitterkeit schon bis zur Neige geleert zu haben meinen. Dieser jugendlichen Traurigkeit will ich gar nicht zu nahe zu treten, sie ist schwer zu tragen, wenngleich man sich irgendwann nicht mehr an Kurt Cobains Todestag die Lippen schwarz anmalt oder sich einen Totenkopf tätowieren lässt. Denn er gedeiht, der Mensch, und kann es, "wenn er denkt".

Selbstverständlich unterstütze ich den Wunsch meines hochgeschätzten Moderatorenkollegen nach einem mehr an eigener Meinung, glaube aber in seinem Sinne zu sprechen, wenn ich hier nochmals den Hinweis auf Absatz 5, Forenregeln einbaue. So ein Argument mit einem Gran Begründung ist was Schönes und erfreut das Herz des Mitlesenden und -schreibenden.

Der Aphorismus aber ist überhaupt ein schlüpfriges Pflaster, der Weg zum Sprichwort nur mal eben über die Straße, zwei Häuser weiter wohnt der Klospruch und die Bibelsentenz zum Katholikentag drei Stiegen tiefer. Aphoristisches Posten aber ist ein Forensündenfall, denn ein Forum ist mitnichten die Pinnwand vorerwähnter 15jähriger, die ihren Weltschmerz an die Korktafel tackert. Schläft man erst mit den Sudelbüchern unterm Kopfpolster, ist der Weg nicht weit zu

"Es ist der Zahn der Bisamratte,
nicht härter als die Morgenlatte!"

Hier ist mit Eleganz und Schwung der Bogen geschlagen von der geschlechtlichen Erregung zum Animalischen, metaphorisch wird die hormonelle Aufwallung dem Niederstürzen ganzer Wälder gleichgesetzt, der Vergänglichkeit aller Erhobenheit das Wort geredet, alles, was da sich erfrecht und gen Himmel strebt muss wieder zurück ins Irdische - und die Natur selbst macht der Natur den Garaus. Der grandiose dialektische Gedanke erfährt seine Synthese, die antagonistische Grundidee ist im Niedergang harmonisch vereint ...

Wenn er denkt ...

orzifar
Title: Re:Claudio Magris: Donau
Post by: Sir Thomas on 20. August 2009, 16.55 Uhr
Beratungsresitenz

Eine vernünftige Rechtschreibung wäre schon mal ein gutes Mittel gegen "Resitenz".

By the way: Ich wusste bislang nicht, dass es hier "Beratung" gibt. Tausend Dank dafür!
Title: Re:Claudio Magris: Donau
Post by: arbor on 20. August 2009, 18.59 Uhr
Dagegen hätte ich ja gar nichts. Aber gerade von Dir finde ich hier etwelche Postings, wo ich zwar Zitate finde, aber keine Meinung. Mag sein, das liegt an mir, aber nur ein Zitat bringen, ist für mich keine Meinung...

 Bei Klopstock ist das weniger tragisch, bei zeitgenössischen Autoren aber riskieren wir als Betreiber u.U. sogar juristischen Ärger, da eine blosse Aneinanderreihung von Zitaten einem scharfen Anwalt als Urheberrechtsverletzung ins Auge stechen könnte. Auch daran bitte ich doch zu denken.  :hi:

ad 1 - Das habe ich m.E. ausgeführt - auch ein Zitat ist eine Meinung. Warum etwas wiederholen, was schon besser gesagt worden ist?

ad 2 - Zitate mit Quellenangabe sind keine Urheberrechtsverletzungen (das kann man in allen einschlägigen Kommentaren zum Urheberrechtsgesetz nachlesen).
Title: Re:Claudio Magris: Donau
Post by: orzifar on 20. August 2009, 19.24 Uhr
Eine vernünftige Rechtschreibung wäre schon mal ein gutes Mittel gegen "Resitenz".
By the way: Ich wusste bislang nicht, dass es hier "Beratung" gibt. Tausend Dank dafür!

Och, hast du einen Tippfehler gefunden? Darfst ihn behalten ... Dass da ein Wort unter Anführungszeichen gesetzt war (und dies nicht zufällig) scheint dir entweder entgangen zu sein oder aber du den Sinn nicht erschlossen zu haben.

Um es nochmal ganz klar zu sagen: Jemand, der - u. a. - der Meinung ist, dass nur gebildete Menschen Menschen sind und mit diesem Satz bestenfalls sein eigenes Unvermögen bzw. seine intellektuellen Defizite laut und deutlich kundtut, ist hier keineswegs erwünscht. Im Gegenteil: "Ungebildete" (diverse Leser sollten hier Acht haben auf die Anführungszeichen) sollen hier durchaus schreiben, nicht hingegen solche, die achtelgebildet von Moralität faseln und krude Menschseinstheorien aufstellen. Oder sich mit derlei einverstanden erklären.

orzifar
Title: Re:Claudio Magris: Donau
Post by: sandhofer on 20. August 2009, 20.01 Uhr
ad 1 - Das habe ich m.E. ausgeführt - auch ein Zitat ist eine Meinung.

Warum etwas wiederholen, was schon besser gesagt worden ist?

Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.

ad 2 - Zitate mit Quellenangabe sind keine Urheberrechtsverletzungen (das kann man in allen einschlägigen Kommentaren zum Urheberrechtsgesetz nachlesen).

Und wenn ich mit Quellenangabe ein ganzes Buch zitiere, dann begehe ich keine Urheberrechtsverletzung? Scusi - für dumm verkaufen kann ich mich selber. Aber heute ist es mir zu heiss dafür. Sagen wir einfach: Es ist in diesem Forum nicht gern gesehen, dass man seine Meinung hinter Zitaten versteckt. OK?
Title: Re:Claudio Magris: Donau
Post by: mombour on 20. August 2009, 20.56 Uhr
Hallo!

@mombour: Wie weit bist du? "Eine Frage der Traufe" abgeschlossen?

ach, ich bin ja schon in Bratislava...aber lese  einige Kapitel noch einmal, wenn wir darüber diskutieren.  Ich muss ja lesen, wie mir die Zeit Lesezeit schenkt. So lese ich auch im Zug, wenn ich von der Arbeit kommt und der Zug, der fährt vor Regensburg über die Donau. :)

Dass Heidegger seinen Heimatbegriff nur auf den Schwarzwald bezogen sah, ist schon sonderlich und hier muss ich mich fragen, hatte das auch Auswirkungen auf seine Philosophie? Nur weil die Braunen auch in seiner Heimat waren, hatte er diese kurze unsägliche Episode? Hier eröffnen sich mehr Fragen als Antworten.

Liebe Grüße
mombour
Title: Re:Claudio Magris: Donau
Post by: orzifar on 21. August 2009, 02.26 Uhr
ach, ich bin ja schon in Bratislava...aber lese  einige Kapitel noch einmal, wenn wir darüber diskutieren.  Ich muss ja lesen, wie mir die Zeit Lesezeit schenkt. So lese ich auch im Zug, wenn ich von der Arbeit kommt und der Zug, der fährt vor Regensburg über die Donau. :)

Wenngleich ein passabler Schwimmer werde ich dich mit Sicherheit nicht mehr einholen (ich habe erst die "Traufe" abgeschlossen und werde meine Lesegeschwindigkeit nicht nennenswert steigern. Würde wohl auch damit dem Buch unrecht tun.)

Dass Heidegger seinen Heimatbegriff nur auf den Schwarzwald bezogen sah, ist schon sonderlich und hier muss ich mich fragen, hatte das auch Auswirkungen auf seine Philosophie? Nur weil die Braunen auch in seiner Heimat waren, hatte er diese kurze unsägliche Episode? Hier eröffnen sich mehr Fragen als Antworten.

Magris scheint - Ähnliches legt auch das Kapitel über Céline nahe - immer wieder auf die Beschränktheit der Phantasie im Denken von Menschen hinweisen zu wollen. Menschen, die sich eine kleine eigene, geistige und/oder territoriale Welt schaffen und in dieser in sich stringenten Konstruktion verbleiben, vergessend, dass solche Welten allüberall entstehen und dass der Anspruch, die eine möge der anderen überlegen sein, mit gleichem Recht von allen erhoben werden kann. Er schreibt am Ende des Céline-Kapitels vom "leichten Spiel der Verachtung", das jeder betreiben kann, der eine Tiefe des Lebensabgrundes wahrgenommen zu haben glaubt. Denn die Verachtung kann wieder verachtet werden, da jeder auf eine solche metaphysische Tiefe sich berufen kann - und argumentelos wird der Streit von Kindern nachgeahmt, die da einer dem anderen immer die selben Schimpfwörter an den Kopf werfen.

Zufällig (im Sinne geographischer Nähe) war Heideggers Mesalliance mit dem Faschismus wohl nicht (was Magris mit dem Satz beschreibt: "Das faschistische Mißgeschick Heideggers ist kein zufälliger Unglücksfall gewesen, denn Faschismus ist, auf einer weniger niederträchtigen, wenngleich nicht minder zerstörerischen Ebene, auch ebendiese Haltung, sich als guter Freund des früheren Schulkameraden zu erweisen, ohne sich darüber klarzuwerden, daß auch andere Menschen sich ihren Schulkameraden als gute Freunde erweisen können.") Der Satz beschreibt nicht nur Heideggers Affinität zu solchen Strukturen (wobei ich mit der Philosophie Heideggers nicht vertraut genug bin, um eingehender darüber urteilen zu können), sondern auch ein Grundübel des Lebens: Das Solidarisieren mit anderen aufgrund zufälliger Zusammengehörigkeiten ohne eine faktische Prüfung solcher Solidarisierung nebst gleichzeitigem Vergessen, dass auch die andere Gruppe gleich agiert. Der Patriotismus in allen Schattierungen lebt gut davon ...

Liebe Grüße

orzifar
Title: Re:Claudio Magris: Donau
Post by: arbor on 21. August 2009, 08.02 Uhr
ad 1 - Das habe ich m.E. ausgeführt - auch ein Zitat ist eine Meinung.

Warum etwas wiederholen, was schon besser gesagt worden ist?

Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.

ad 2 - Zitate mit Quellenangabe sind keine Urheberrechtsverletzungen (das kann man in allen einschlägigen Kommentaren zum Urheberrechtsgesetz nachlesen).

Und wenn ich mit Quellenangabe ein ganzes Buch zitiere, dann begehe ich keine Urheberrechtsverletzung? Scusi - für dumm verkaufen kann ich mich selber. Aber heute ist es mir zu heiss dafür. Sagen wir einfach: Es ist in diesem Forum nicht gern gesehen, dass man seine Meinung hinter Zitaten versteckt. OK?

1. Du weißt ganz genau, dass Wittgenstein etwas ganz anderes meinte - außerdem versteckst du dich nun selbst hinter einem Zitat.

2. Ich habe nie vom Zitieren eines ganzen Buches gesprochen; es geht ja nur um einzelne Sätze mit Quellenangabe. Und vom Urheberrecht habe ich womöglich mehr Ahnung als du mir zutraust, ich habe schließlich auch selbst einmal als Kleinverleger gearbeitet.

3. Ich habe den Eindruck, dass dir meine Statements nicht passen; du kannst meinen Account ja dann gerne löschen. Aber ich verlasse das Forum nicht, ohne zu sagen, dass das in meinen Augen eine Art von Zensur ist.
Wenn du nur deine Meinung im Forum hören willst, wozu dann ein Forum?
Title: Re:Claudio Magris: Donau
Post by: mombour on 25. August 2009, 12.47 Uhr
Hallo orzifar,

In einem Kapitel widmet sich Magris dem Ingenieur Ernst Neweklowsky, der ein umfangreiches Buch, sein Lebenswerk, über 2000 Seiten, über die Donau geschrieben hat. „Schiffahrt und Flößerei im Rahmen der oberen Donau" (1952-1964), ein Buch, dass heute hohe Antiquariatspreise erziehlt, d.h. für den Normalsterblichen kaum erschwinglich. Neweklowsky  war  besessen auf Vollständigkeit, deswegen beschäftigte er sich wohl auch sein Leben lang mit der Donau. Natürlich kann man sich fragen, woher diese Besessenheit kommt, es ist eben das Streben nach Vollkommenheit, wie wenn einer Briefmarkensammelt und möchte alle Briefmarken haben, die es gibt. Dieses Vollkommenheitsstreben richtet sich hier allerdings nur auf materielle Güter. Schlimm finde ich z.B., wenn jemand sämtliche Erstausgaben irgendeines Autors sammelt und sich dann darüber aufregt, dass in einer Buchausgabe ein Knick ist. Ich denke schon, ist es nicht sinnvoller, sich diesem Vollständigkeitsdrang zu entledigen und sich auf der Suche nach innerer Zufriedenheit und Glück zu begeben. Nun ist es aber trotzdem schön, dass es das Buch von Neweklowsky  gibt, denn sonst wäre vieles Wissen wohl verlorengegangen. So listet der auf Vollständigkeit bedachte Ingenieur, wenn er über die Reise  der Kaiserin Maria, Gemahlin von Ferdinand III.(1645), von Linz nach Wien schreibt, alle 52 Schiffe auf, und erläutert genau, für wen diese Schiffe bestimmt waren: für den Oberkämmerer usw...

Meine Ausführungen zu Josef Mengele vom 18. August möchte ich noch ergänzen:
 
Erschreckend ist, dass Verbrecher wie Mengele so grausam gehandelt haben, weil es ihre Umgebung zugelassen hat, weil es quasi erwartet wurde. Keine Krankheit? Zumindest ist doch dieser extrem ausgeartete Sadismus genau das, was wir für das Böse halten. Wenn es im Menschen das Gute und das Böse gibt, möge das Böse lieber übergibst werden, sodass es im Untergrund des Unbewussten erstarrt und sich nicht entfesseln kann.

Regensburg

Claudio Magris war in Regensburg, vor meiner Zeit...Sehr schön hat Magris die nostalgische Seite der Stadt eingefangen. Schon Maximilian I. von Habsburg (1459-1519) sprach von einer Vergangenheit, als er vom Reichtum der berühmten und blühenden Stadt sprach. Heute kommen Touristen nach Regensburg, um sich das alte Gemäuer der Stadt aus der Blütezeit anzusehen. Seit 1663  Sitz des  immerwährende Reichstages der Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, darauf die Stadt heute noch Stolz ist. Es hört sich schon tragischkomisch an,  wenn wir bei Magris lesen, dass diese Institution damals schon „längst erstarrt und entleert“ gewesen sei. Die Welt über die regiert werden sollte, befand sich längst im Abschwung. Inzwischen hat Regensburg allerdings durch seine Universität den Faden zur Gegenwart gefunden, infolgedessen wir in dieser schönen einst blühenden Mittelalterstadt die größte Kneipendichte Bayerns haben. Das konnte Claudio Magris, als der das Buch schrieb, nicht wissen. In dieser Universtät wird u.v. a. natürlich auch das Mittelalter erforscht. Der Historiker Horst Fuhrmann  war von 1971 bis 1994 Präsident der Monumenta Germaniae Historica und Ordinarius für Geschichte an der Universität Regensburg.  Im Jahre 2000 veröffentliche er das Buch „Einladung ins Mittelalter“.

Liebe Grüße
mombour
Title: Re:Claudio Magris: Donau
Post by: orzifar on 26. August 2009, 16.23 Uhr
Hallo mombour - und Mitlesende!

Ich bin noch kaum über Ulm hinausgekommen, aber beim Herrn Neweklowsky war ich bereits auf Besuch. Die Monomanie, die der Erforscher der oberen Donau an den Tag legt, hat etwas Bewundernswürdiges - aber auch immer (für mich) etwas Beunruhigendes. Mag sein, dass ein solcher Mensch im Tun selbst sein Glück erfährt und nicht den Zaudernden und ewig Hoffenden gleicht, die ihre Ziele immer wieder nach hinten verschieben, sodass ihr Leben von einem ständigen Hoffen zerstört wird, wie Magris meint. Andererseits kann von diesen von einer Sache Besessenen auch einiges an Unglück ausgehen, immer abhängig von der in Frage stehenden Sache. Im Falle der Beschäftigung mit der oberen Donau ist diese natürlich unverdächtig.

Viel Erwähnenswertes, etwa der Archivar der Grobheiten Thrän, der einzig aus den Ungerechtigkeiten, die er erfährt, sein Leben bestreitet und darüber penibel Buch führt. Und dann zu meiner großen Überraschung das Kapitel "Ein Laib Brot": Die Erwähnung des Schriftstellers Rudolf Brunngraber und seines Romans "Karl und das 20. Jahrhundert", ein mittlerweile völlig vergessener Autor, den ich hier zum ersten Mal zitiert finde. Das Buch außergewöhnlich und bemerkenswert, eine Collage von statistischen Daten, Radiomeldungen und der Verzweiflung des Individuums in dieser fremden Wirtschaftswelt, endend mit dem Tod des Protagonisten. Allen, die des Buches irgendwie habhaft werden können, sei es ans Herz gelegt; außer in Bibliotheken oder - ganz selten - antiquarisch wird es nirgendwo zu finden sein. Einer Renaissance dieses Schriftstellers stehen eigenartigerweise seit vielen Jahren die Erben und Nachlassverwalter entgegen, der Schriftwechsel wird - so er denn überhaupt noch existiert - nicht freigegeben, Bemühungen, die Biographie Brunngrabers zu schreiben (und dadurch seine Werke auch wieder einer breiteren Öffentlichkeit bekannt zu machen) werden so unmöglich. (Selbst der mittlerweile verstorbene prominenteste Germanist Österreichs, Wendelin Schmidt-Dengler ist mit seinen Anfragen gescheitert, möglicherweise gibt es einiges kompromittierende Material über Brunngrabers seltsame Beziehung zum Nationalsozialismus, das man von seiten der Erben (der Tochter) lieber unterdrücken möchte. Bedauerlich das alles, sind seit dem Tode des Schriftstellers doch schon rund 50 Jahre vergangen.)

Wenn ich in Regensburg bin, könnten wir uns auf eine Tasse Kaffee treffen. Bei meiner Lesegeschwindigkeit wird das noch dauern.

lg

orzifar
Title: Re:Claudio Magris: Donau
Post by: orzifar on 28. August 2009, 15.44 Uhr
Hallo,

Regensburg liegt hinter mir, das mit dem Kaffee müssen wir auf ein ander Mal verschieben. - Das Buch ist zunehmend angenehmer zu lesen, weniger verstiegene Satzkonstruktionen, weniger Bildungshuberei. Dafür ein schönes Kapitel über Agnes Bernauer und das Dümmliche des Hegelschen Weltgeistes, welchen der Herzog Ernst - noch unbekannterweise, aber in der Argumentation doch schon demselben auf der Spur - zu bemühen sich anschickte.

 Dann ein schöner Vergleich der Ruhmeshalle Ludwig des I. mit einem Gasometer und die Walhalla als Wachsfigurenkabinett für den Steinmetz. Ich wusste nicht, dass man der erlauchten Größe nach entsprechendem bürokratischen Aufwand auch heute noch Aufnahme gewährt (weiß jemand, wer das jüngste Mitglied Walhalls ist?), ob es aber erstrebenswert wäre, dort in Stein gehauen neben Klopstock und Goethe rumzulungern, darf bezweifelt werden. (Ein Thomas Mann hätte sich über eine solche Ehrung womöglich gefreut, Grass traue ich derlei auch zu, allerdings wird die frühere Mitgliedschaft in einem ganz anderen Verein einer solchen Kanonisierung wohl abträglich sein.)

lg

orzifar
Title: Re:Claudio Magris: Donau
Post by: mombour on 28. August 2009, 16.21 Uhr
Hallo,

im Jahre 2003 kam Sophie Scholl in die Ruhmeshalle, und dann kamen noch Carl Friedrich Gauß (2007), Edith Stein (2008) und Heinrich Heine (2009) hinzu. Die Walhalla ist eine genaue Kopie des Parthenon-Tempels zu Athen, jedenfalls der äußere Blickfang. Es kamen sogar schon griechische Archäölogen zu Besuch, die den Tempel in Athen restauriert haben. Von Regensburg aus, von der berühmten alten Brücke aus, fahren Schiffe bis zur Walhalla. man geht dort eine steile Treppenanlage hoch. Die Treppe hinabzugehen bereitet mir Schwindel, darum bin ich lieber den Berg mit dem Auto hochgefahren.


 Die Erwähnung des Schriftstellers Rudolf Brunngraber und seines Romans "Karl und das 20. Jahrhundert", ein mittlerweile völlig vergessener Autor, den ich hier zum ersten Mal zitiert finde. ...
Allen, die des Buches irgendwie habhaft werden können, sei es ans Herz gelegt; außer in Bibliotheken oder - ganz selten - antiquarisch wird es nirgendwo zu finden sein.

Also, das Brunngraber-Buch interessiert mich mächtig. Man kann es schon in gängigen Internertantiquariaten finden. Ich habe es schon einmal bestellt, um es zu verschenken. Eine Lektürinhalation meinerseits wird folgen. Gerade in der Zeit unserer Wirtschaftskrise wird das Buch wieder aktuell.

Ja, die Regensburger-und Straubingerkapitel sind sehr schön lesbar, auch das über das Kloster Windberg bei Bogen. Dort habe ich mal wegen eines Chorwochenendes übernachtet, also dort wo Eichmann....(habe ich damals natürlich nicht gewusst). In Windberg gibt es in einem Lokal die größten Windbeutel zu essen (wohl die größten Bayerns). Die schmecken ausgezeichnet. ;D

Ich habe mich gewundert, warum Magris im Bernauer-Kapitel nicht die Oper von Carl Orff erwähnt.

Liebe Grüße
mombour
Title: Re:Claudio Magris: Donau
Post by: mombour on 28. August 2009, 16.50 Uhr
Hallo,

Regensburg liegt hinter mir, das mit dem Kaffee müssen wir auf ein ander Mal verschieben.

och ja, aber dann den Kaffee mit Blick auf die Donau und die alte Brücken. Ich wüßt' da einen Biergarten (wir können natürlich auch ein Bierchen schlucken ;D ).

Herzliche Kaffeegrüße
mombour
Title: Re:Claudio Magris: Donau
Post by: orzifar on 28. August 2009, 17.05 Uhr
och ja, aber dann den Kaffee mit Blick auf die Donau und die alte Brücken. Ich wüßt' da einen Biergarten (wir können natürlich auch ein Bierchen schlucken ;D ).

Unbedingt. Wenngleich ich für meine Person dann doch lieber beim Kaffee bleibe; trotz diverser rauschhafter Anspielungen ist mein Lebensstil eher zwischen spartanisch und asketisch angesiedelt. Was nicht immer so war.

Regensburg kenne ich kaum, wenngleich ich unzählige Male daran vorbeifuhr (und die Stadt fast immer ihrem Namen gerecht wurde). Ich hoffe, die Donau bereitet dort noch einen wirklich erhebenden Eindruck, frei von öligem Gestinke, wenig gustiösen Schaumkronen. Und wenn doch: So werde ich mich an die Brücken halten. Oder den Dom.

Weiter im Buch: Ein sehr schönes Kapitel über Linz und Stifter. Dieser hat mit einem Rasiermesser sein Ende beschleunigt (wobei Magris von einem "hypochondrischen Anfall" spricht, was meinen Informationen über das jahrelange Leiden des Schriftstellers an Leberzirrhose widerspricht), ein Ende, das manchmal unverständlicherweise in einem Gegensatz zu seinen Büchern gesehen wird. Stifter als jemand, der sich dem Kult des Abgründigen, Abnormen versagt, der dem die Regelhaftigkeit und das Maß gegenübersetzt, ohne einer zu sein, der deshalb das Exzessive und Leidenschaftliche des Lebens nicht kennt. Dem Kult des Außergewöhnlichen, auch heute noch in hohen Ehren, hat er sich widersetzt in seinen Büchern - und, weniger erfolgreich, in seinem Leben. (Jedoch, ich muss gestehen, dass mich manchmal beim Beschneiden der Rosen, der Darstellung hochherziger Liebe ein wenig Langweile befallen hat.)

Musil wird oft er erwähnt, das schöne Wort vom "es ist passiert", dafür verwendet, wenn anderswo etwas geschehen ist. Österreichisch passiert etwas - und mit mir passiert auch etwas, etwas ganz Seltenes: Ich fühle mich österreichisch in dieser nachlässigen Unaufgeregtheit, ich wünsche sie mir oft und öfter, wenn mich Bekannte und Freunde heim- oder aufsuchen, die dann von Plänen, Vorhaben, Unternehmungen erzählen, die ihnen unerlässlich scheinen und in die sie mich einzubeziehen nicht geringe Lust verspüren. Ich will dann raus in meinen Urwald, der Katze rufen, sehen, dass meine Fenstergeranien das Hochwild gut ernähren und kann den vielen Vorschlägen nichts abgewinnen. Wenn dieses Musilwort in seiner Unaufgeregtheit (weil es, wie Menschen ohne Eigenschaften zu wissen pflegen, auch immer ganz anders hätte kommen können) österreichisch ist, dann bin ich es auch einmal - ganz ausnahmsweise; und sehr viel mehr als bei anderen Gelegenheit, die mir eher seltsam und karnevalistisch anmuten: Schirennen etwa, die man rotweißrot geschminkt und rechtschaffen besoffen mit viel Getöns zu feiern pflegt.

lg

orzifar
Title: Re:Claudio Magris: Donau
Post by: orzifar on 29. August 2009, 00.26 Uhr
Ein Nachtrag noch zum Kapitel "Mauthausen": Magris betont die Schwierigkeiten bei der Schilderung des Grauens der Lager hin, "bei Th. Mann oder Brecht, hätten sie den Versuch unternommen, wäre wohl eine Art gehobener Unterhaltungsliteratur daraus geworden". Und er weist auf Primo Levi hin, der das für mich bislang eindrucksvollste Dokument über Auschwitz verfasst hat, der seltene Glücks(??)fall, dass ein außergewöhnlich begabter Schriftsteller dies erlebt, _über_ lebt hat. (Denn Levi hat nicht nur über dieses Grauen Hervorragendes verfasst, sein gesamtes Werk gehört zum Besten der Literatur, etwa "Der Ringschlüssel").

Und dann:
Quote from: Magris
Vielleicht sind die angemessensten Zeugnisse jener Realität gar nicht von den Opfern, geschrieben worden, sondern von den Schlächtern, Eichmann oder Rudolf Höss, dem Kommandanten von Auschwitz - wahrscheinlich ist es so, denn um zu sagen, was dieses Inferno wirklich gewesen ist, braucht man es nur wörtlich zu zitieren, ohne Kommentar, ohne menschliches Engagement."
(Hervorhebung von mir) Hier stimme ich ihm zu, denn nichts ist schlimmer, als über solche Dinge mit immer wieder moralinsauren Einschüben informiert zu werden. Es bedarf keine expliziten Erörterung des Schreckens, Bilder, Texte, vor allem von den Tätern selbst, sprechen eine sehr viel beredtere Sprache als es jeglicher Kommentar könnte.

Vergleichbar ist das mit manchen Dokumentationen. In Österreich gab es vor Jahren eine Sendereihe mit dem Namen "Alltagsgeschichten" von Elizabeth T. Spira, die vor allem deshalb so eindrucksvoll gerieten, weil sie bei den Aufnahmen nie moralisierend eingriff, die Leute reden, erzählen ließ, hier (http://www.youtube.com/watch?v=S_Jc5d5DU9o&feature=related) etwa einer, der schon vorher vom Kommen eines "kleinen" Hitlers schwärmt, vom einbrechenden Tschuschen zum einbrechenden Inländer (und arbeitenden Ausländer) gelangt, ohne auch nur in Ansätzen sich des Widerspruches bewusst zu werden. Vergleichbares gibt es bei M. Moores "Bowling for Colombine", der einen Waffenfanatiker interviewt und ihn schließlich fragt, ob er auch für die Freigabe von Atomwaffen sei. Nach kurzem Nachdenken und irrem Blick meint er, möglicherweise besser nicht. "Zu viele Irre da draußen." (Das Interview mit Harris beginnt hier (http://www.youtube.com/watch?v=h34mSp8yN8w&feature=related) ab 3:25, wird dann zu Ende dieser Sequenz fortgesetzt, die von mir gemeinte Stelle befindet sich ganz Ende dieser (der eigentlichen selben) Sequenz  (http://www.youtube.com/watch?v=q9JydxKyTgQ), die aber qualitativ ansonsten schlechter ist.)

Die Bilder, Sätze sprechen für sich, man sollte sich nicht kommentieren, dadurch verwässern. Wie die von Magris erwähnten Eichmannprotokolle oder Höss' Buch über Auschwitz. Nichts kann dem mehr hinzugefügt werden.

lg

orzifar
Title: Re:Claudio Magris: Donau
Post by: mombour on 29. August 2009, 09.54 Uhr
(wobei Magris von einem "hypochondrischen Anfall" spricht, was meinen Informationen über das jahrelange Leiden des Schriftstellers an Leberzirrhose widerspricht), ein Ende, das manchmal unverständlicherweise in einem Gegensatz zu seinen Büchern gesehen wird.

Stifter hatte unsäglich große Schmerzen gehabt wegen seiner Leberzirrhose. Man sollte das gewiss nicht als Gegensatz zu seinen Büchern sehen, denn Stifter befand sich in einer Ausnahmesituation. Ist halt tragisch. Auch wenn ich zu manch seinen Erzählungen immer etwas zu meckern fand, sei es Bergkristall, Brigitta oder Turmalin, übt dieser Schriftsteller eine Anziehungskraft auf mich aus, als ob er ein Geheimnis verberge. Vielleicht liegt das Geheimnis in der Natur, hinter diesen Idyllen, hinter denen sich das Tragische, die Gefahr, verbirgt. Den Nachsommer habe ich leider nur zur Hälfte gelesen, obwohl mir das recht gefallen hat (aber auch an diese Langsamkeit muss man sich gewöhnen ;) ).

Und er weist auf Primo Levi hin, der das für mich bislang eindrucksvollste Dokument über Auschwitz verfasst hat, der seltene Glücks(??)fall, dass ein außergewöhnlich begabter Schriftsteller dies erlebt, _über_ lebt hat. (Denn Levi hat nicht nur über dieses Grauen Hervorragendes verfasst, sein gesamtes Werk gehört zum Besten der Literatur, etwa "Der Ringschlüssel").


Vielleicht würde Magris heute noch Imre Kertész dazuzählen "Roman eines Schichsallosen" konnte er damals nicht kennen.

Bruckners und Adalbert Stifters Kunst entstehe aus der Ehrfurcht vor der sanften und idyllischen österreichisch-böhmischen Landschaft, sagt Magris. „Das Leben in den Wäldern entsteht und verändert sich zwar, doch in so langsamen Rhythmen, das es den einzelnen Individuum völlig unbeweglich erscheint...“  Adalbert Stifter werden die langsamen Rhythmen aufgefallen sein. In seinem Nachsommer erreicht er fast einen Stillstand der Handlung. Magris erwähnt Stifters Erzählungen Abdias und Turmalin (enthalten in „Bunte Steine“),um aufzuzeigen, dass hinter der Harmonie der Natur auch das Zerstörerische  lauert, die „Grausamkeit des Schicksals“ und der „Verfall der Dinge“. Magris mag diese Erzählungen, weil sie „ohne moralische Predigten und ideologischen Protest“ daherkommen, nur ein stumpes Verwundern hinterlassen. Trotzdem hat mir „Turmalin“ von der Struktur nicht gefallen. Es gibt darin nämlich einen Bruch, einen Wechsel der Erzählperspektive. Die Tragödie finde ich außerdem überzogen. Alles nur weil der Rentherr mal von seiner Frau betrogen worden ist.

Endlich erwähnt Magris mal Kunstmaler. Albrecht Altdorfer (um 1480-1538) hat auf dem Sebastiansaltar von Sankt Florian erschütternde Bilder von der Passion und des Martyrium des Heiligen hinterlassen. In diesen Bildern entflammt der Himmel, „wird eine bestialische, dumpfe Gewalttätigkeit“ gegen die Verurteilten entfesselt. Magris erwähnt das unweit vom Sebastianaltar zu sehende Gemälde von Wolf Huber (1485-1553) zu sehen wie auf Sebastian brutal eingeschlagen wird. Es ist ja bekannt, was für fratzenhafte höllische Gestalten auf christlichen Bilderwerken erscheinen, so bei Huber „ein verblödetes perverses Kind“, welches auf den Märtyrer einschlägt. Gerne würde ich jetzt sehen, ob der Blick des Heiligen noch sanftmütig bleibt. Magris meint, hier schreie dem Beschauer in wilden Farben auch der Wahnsinn der Konzentrationslager (Mauthausen) entgegen. Himmel und Hölle im ehrwürdigen Sankt Florian.

Liebe Grüße
mombour
Title: Re:Claudio Magris: Donau
Post by: arbor on 29. August 2009, 11.19 Uhr
Und er weist auf Primo Levi hin, der das für mich bislang eindrucksvollste Dokument über Auschwitz verfasst hat, der seltene Glücks(??)fall, dass ein außergewöhnlich begabter Schriftsteller dies erlebt, _über_ lebt hat. (Denn Levi hat nicht nur über dieses Grauen Hervorragendes verfasst, sein gesamtes Werk gehört zum Besten der Literatur, etwa "Der Ringschlüssel").

Was die Wertschätzung Primo Levis angeht, stimme ich zu; aber ich gebe zu bedenken, ob er das Grauen wirklich überlebt hat (denn schließlich hat er es irgendwann nicht mehr tragen können und den Freitod gewählt - wie andere, z.B. Jean Améry, auch - diese Spätfolgen des Holocaust sollten auch im Blick bleiben.)

Was die literarische Verarbeitung des Grauens betrifft, ist mir das Lakonische, meist nur Kommentarhafte auch schon aufgefallen; man kann dies an vielen Berichten nachlesen und überprüfen; ich habe es mal untersucht an
Erich Fried, Meine Puppe in Auschwitz (aus: Fast alles Mögliche, Berlin 1975)
Peter Weiss, Meine Ortschaft (aus: Rapporte, Frankfurt 1968)
Heinar Kipphardt, Bruder Eichmann, Reinbek 1983

Sehr lesenswert fand ich in diesem Zusammenhang, obwohl er die Sprache "der anderen" untersucht, Viktor Klemperer, LTI (Lingua Tertii Imperii) - Notizbuch eines Philologen, Köln 1987
Title: Re:Claudio Magris: Donau
Post by: mombour on 29. August 2009, 17.31 Uhr

Was die Wertschätzung Primo Levis angeht, stimme ich zu; aber ich gebe zu bedenken, ob er das Grauen wirklich überlebt hat (denn schließlich hat er es irgendwann nicht mehr tragen können und den Freitod gewählt - wie andere,

wobei es bei Primo Levi unsicher ist, ob es Selbstmord war oder ein Unfall; siehe hier (http://www.zeit.de/2000/11/Verschuettete_Aufklaerung). Außerdem: Kertész, Semprún, Elie Wiesel und Ruth Klüger leben.

Liebe Grüße
mombour
Title: Re:Claudio Magris: Donau
Post by: arbor on 29. August 2009, 18.34 Uhr
Ja, Entschuldigung, man darf da nicht aufrechnen... - aber es hat sehr viele (auch namenlosere) Fälle gegeben, in denen noch nach Jahren und Jahrzehnten die Auswirkungen dieses Grauens sich verhängnisvoll zeigten (es gibt ja auch die Forschungen über die Kinder dieser Generation, die oft unter dem Schweigen litten).

Und einer, der das Grauen wirklich bewältigt hat und sein Überstehen des Ganzen sogar in positive Kraft umgemünzt hat war ja der Psychologe Viktor E. Frankl.
Title: Re:Claudio Magris: Donau
Post by: orzifar on 29. August 2009, 19.00 Uhr
Hallo!

Ein außergewöhnlich kluges Kapitel - "Kyselak", benannt nach einem Registraturakzessisten, der seinen Namen allüberall an der Donau in Ölfarbe hinterlassen hat. Von ihm, der auch Reiseskizzen geschrieben hat heißt es u. a.:
Quote from: Magris
Kyselak ist einer jener Verächter der Massen, die noch heute überaus zahlreich, einer neben dem anderen zusammengedrückt im überfüllten Autobus oder auf der Autobahn im Stau stehen und sich, einer wie der andere, für Bewohner sublimer Einsamkeiten oder raffinierter Salons halten und dabei, einer wie der andere, den jeweiligen Nachbarn verachten, ohne zu ahnen, daß ihnen mit gleicher Münze heimgezahlt wird, oder aber jemandem zublinzeln, um ihm zu verstehen zu geben, daß sie in diesem Gedränge die einzig auserwählten, geistvollen Seelen seien, gezwungen, den engen Raum mit der Herde zu teilen.

Und weiter:
Quote from: Magris
Der standardisierte Hochmut gegenüber der Masse ist ein typisches Massenverhalten. Wer von der allgemeinen Dummheit spricht, sollte wissen, daß er nicht dagegen immun ist, denn manchmal schläft auch der gute Homer; er sollte sie auf sich nehmen als gemeinsames Risiko und Schicksal der Menschen, und sich dessen bewußt sein, daß er bisweilen intelligenter, bisweilen dümmer ist als sein Wohnungsnachbar oder sein Gegenüber in der Straßenbahn, denn der Wind weht, wo er will. [...] Die Dummheit ist nicht zuletzt auch ein zeitgebundenes Phänomen, ihre Formen und Konnotationen entsprechen der historischen Situation, sie bedroht somit und betrifft alle und jeden - nicht nur die anderen, wie Kyselak meinte. Der geringschätzige Schriftsteller, der wahllos jeden verspottet, verletzt in Wirklichkeit niemanden, da er sich an jeden seiner Leser wendet und diesen glauben macht, daß er ihn für die einzige intelligente Person in einer Masse von Idioten hält - während er sich dergestalt an eine Masse von Lesern wendet. Die Technik ist im allgemeinen erfolgreich, da der Leser sich als ebenjene Ausnahme empfinden kann, die der Verächter der Masse aus dieser hervorhebt, ohne sich dessen bewußt zu werden, daß der Autor dies ja mit allen seinen Leser macht. Doch die wirkliche Literatur ist nicht die, welche dem Leser schmeichelt, ihn in seinen Vorurteilen und Gewißheiten bestätigt, sondern die, die ihn bedrängt, ihn in Schwierigkeiten bringt und ihn zwingt, seine Welt und seine Selbstsicherheit zu überdenken.

Das hier in aller Ausführlichkeit aus mehr-weniger aktuellem Anlass. Selbst ohne einen solchen wäre es des Zitierens wert, bringt es doch sehr genau die Psychologie des Autors und des Lesers auf den Punkt. Dieser, der sich geadelt fühlt, weil ihm ein mehr an Wissen und Intelligenz konzediert wird (nicht merkend oder nicht registrieren wollend, dass ein solches Hochgefühl fast jedes noch so trivial durch die Welt hampelnde Menschlein zuweilen befällt), jenen, weil er sich mit pseudoklugen Identifikationsfiguren beim prospektiven Kunden anbiedert. Eines der schlechtesten Bücher, die ich je gelesen habe, bedient genau dieses Klischee: Coelhos "Veronika", welche zu sterben beschließt, aber uns leider an ihrem Innenleben bis zum - nicht statthabenden - Freitod auf zweifelhafte Weise teilhaben lässt. Mutatis mutandis kann man hier auch fast alle Hessebücher aufzählen, alle Bücher, welche Künstler- und Geniebiographien erfinden und/oder nacherzählen, die bloß billige Identifikationsmuster anbieten für alle und jeden. Das funktioniert - nicht nur bei Büchern, auch in der Werbung: "Sehr geehrter Herr Josef Meier, wir haben Sie ausgewählt, an unserem exklusiven Gewinnspiel teilzunehmen." Da freut sich der Meier und fühlt sich erhoben, das ist der Ehre fast zu viel, hat er doch immer schon geahnt, etwas Besonderes zu sein.

Zu den manchmal widerspenstigen Satzkonstruktionen Magris': Könnten diese nicht - auch - an der Übersetzung liegen? So seltsam geschachtelte Satzgefüge sind oft dem Bedürfnis geschuldet, den Sinn des Originals möglichst unverfälscht zu übertragen.

lg

orzifar
Title: Re:Claudio Magris: Donau
Post by: orzifar on 31. August 2009, 13.57 Uhr
Hallo!

Mein Vergnügen an der Lektüre wächst, wenn sich auch immer wieder Kapitel finden, die verstiegen und seltsam schwammig den Leser im Unklaren darüber lassen, was ihm da eigentlich mitgeteilt werden soll. "Lukács in Wien" ist ein solches, da finden sich dann Sätze wie diese: "Wien ist die Stadt der Postmoderne, in der die Realität hinter ihrer eigenen Darstellung und hinter ihrer Erscheinung zurücktritt; die feststehenden Kategorien zersetzen sich, das Universale bewahrheitet sich im Transzendenten oder löst sich auf im Ephemeren, der Mechanismus der Bedürfnisse schließlich saugt alle Werte in sich auf." Das klinget so herrlich, das klingtet so schön - aber halt auch ein bisschen nach Tralala, und möglicherweise wird die Feder geführt von einem tatsächlich transzendenten Zwang, der solche Sätze immer dann dem Schreiber abnötigt, wenn er ein Wort wie Postmoderne in einem Absatz verwendet.

Dann wieder Treffliches, z. B. über die Wiener Gruppe. Originalitätstümelei anarchistisch-revolutionärer Prägung, man ist originell dadurch, dass man besoffen an die Wand pinkelt oder das vermeintlich beste Stück vor aller Leute in ein Bierglas steckt. Man ist nonkonform bis zum Exzess und entwickelt in diesem Bemühen um Nonkonformität einen Zwang, der dem ursprünglichen um nichts nachsteht. Sexualität, Nacktheit und Skatologisches in allen Schattierungen eignen sich für solchen Aktionismus hervorragend, diese Dinge stehen taxfrei zur Verfügung. Allerdings sollte bedacht werden, dass man sein nacktes Hinterteil zwar medienwirksam in die Kamera halten kann, ein Arsch aber doch immer nur ein Arsch bleibt. Was denn zumeist als hinreichende Legitimation für künstlerisches Schaffen ein wenig dürftig ist.

lg

orzifar
Title: Re:Claudio Magris: Donau
Post by: mombour on 31. August 2009, 20.08 Uhr
Hallo,

über solchen Kapiteln wie "Lukács in Wien" lese ich hinweg und dann Schwamm darüber. Hier wird über György Lukács geschrieben, und nach der Lektüre dieses Kapitels wissen wir immer noch nicht wer das war. Ich kenne ihn nur als Naphta im Zauberberg. Da gefallen mir Kapitel wie "Froh, gelebt, leicht gestorben" vielmehr (über Grillparzer), weil so ein Vergleich zwischen einem ergreifenden Abschied von einer Welt (Grillparzer: Der arme Spielmann) mit der Welt des alten Wiens für mich viel eingängiger ist, als so ein kommunistischer Philosoph. Im Übrigen gehört Grillparzer nun zu den Autoren, die ich gerne lesen möchte. Die Literaturhinweise, die Magris immer wieder einstreut finde ich bereichernd und machen mich neugierig auf neuen Lesaestoff.

Andererseits begreife ich nicht, warum Magris Arthur Schnitzler, Gustav Mahler und Gustav Klimt ignoriert, stattdessen lieber ins Kriminalmuseum geht oder ins Heeresgeschichtliche Museum um sich die Durchschüsse und Blutflecken von Erzherzog Franz Ferdinand anzusehen. Etwas Morbidität kann man Herrn Magris nicht absprechen. Der Selbstmord Egon Fridells auf einer halben Buchseite, und er zeigt uns in einem 11zeiligen Kapitelchen noch das Haus, in dem sich Weininger erschossen hat.

Ein ernstes tiefgründiges Kapitel über Kaiserin Elisabeth erwartet uns, jenseits der anmutigen Sissi-Figur, die Romy Schneider verkörperte. Ich kann mich nicht mehr erinnern, ob Romy Schneider im Film Gedichte schrieb. Kaiserin Elisabeth schrieb Gedichte um „ihre Unbefriedigtheit in Poesie umzugestalten“. Elisabeth, eine tragische Gestalt, die Sexualität verabscheut „und nur in Sublimierung und in der Abwesentheit lieben kann.“ Wenn man diese Tragik in den Sissi-Filmen berücksichtigt hätte, wäre weniger Kitsch daraus geworden. Vielleicht ziehlte man nur auf Publikumswirksamkeit ab. Regisseur Ernst Marischka war halt meist leichte Muse. Der Kaiserin Gedichte sind Gedichte „der Sehnsucht nach dem, was das Leben nicht ist, aber sein sollte....“ Ihr widerstrebte das Leben als Kaiserin. Sie lebte ein Leben, was gegen ihre eigenen Lebensvorstellungen gerichtet war, darum war sie unglücklich, entfremdete sich von allem und von sich selbst. Wen es interessiert: Brigitte Hamann, die auch eine Biographie über die Kaiserin schrieb, gab ihre Gedichte unter dem Titel „Kaiserin Elisabeth. Das poetische Tagebuch“ heraus.

Liebe Grüße
mombour

Title: Re:Claudio Magris: Donau
Post by: orzifar on 01. September 2009, 01.45 Uhr
Hallo mombour,

über solchen Kapiteln wie "Lukács in Wien" lese ich hinweg und dann Schwamm darüber. Hier wird über György Lukács geschrieben, und nach der Lektüre dieses Kapitels wissen wir immer noch nicht wer das war. Ich kenne ihn nur als Naphta im Zauberberg. Da gefallen mir Kapitel wie "Froh, gelebt, leicht gestorben" vielmehr (über Grillparzer), weil so ein Vergleich zwischen einem ergreifenden Abschied von einer Welt (Grillparzer: Der arme Spielmann) mit der Welt des alten Wiens für mich viel eingängiger ist, als so ein kommunistischer Philosoph. Im Übrigen gehört Grillparzer nun zu den Autoren, die ich gerne lesen möchte. Die Literaturhinweise, die Magris immer wieder einstreut finde ich bereichernd und machen mich neugierig auf neuen Lesaestoff.

Letzteres kann ich nur unterstreichen, dass ist das Schöne (aber auch "Bedenkliche") solcher Bücher, dass die Leselisten ins Unermessliche wachsen. - Ich wende mich bei dem Lukács Kapitel nur gegen die Darstellung, nicht gegen die Auswahl.

Andererseits begreife ich nicht, warum Magris Arthur Schnitzler, Gustav Mahler und Gustav Klimt ignoriert, stattdessen lieber ins Kriminalmuseum geht oder ins Heeresgeschichtliche Museum um sich die Durchschüsse und Blutflecken von Erzherzog Franz Ferdinand anzusehen. Etwas Morbidität kann man Herrn Magris nicht absprechen. Der Selbstmord Egon Fridells auf einer halben Buchseite, und er zeigt uns in einem 11zeiligen Kapitelchen noch das Haus, in dem sich Weininger erschossen hat.

Naja, du musst es dem guten Magris schon selbst überlassen, über wen er schreibt ;). Sowohl Blutflecken als auch Kriminalmusuem waren lesenswert - und die gesamten Wiener Schriftsteller zu erwähnen, wäre wohl etwas viel verlangt (es fehlen ja noch zahlreiche des Jungen Wien, außerdem eine Unzahl Philosophen etc.). Da hätte er noch ein paar tausend Seiten anfügen können. Wobei die Kapitel über das Kriminalmuseum oder etwa die Jagd auf dem Zentralfriedhof ohnehin nur den Anlass bieten für weitergehende Betrachtungen. Gerade die sind es, die mir beim Lesen Genuss bereiten.

Dass Magris außerdem Maler weitgehend außen vor lässt, stört mich gar nicht - im Gegenteil: Die Beschreibung von Bildern gehört für mich häufig zum Langweiligsten und Furchtbarsten in Büchern, ebenso von Reliefen, Statuen, Architektur. Ohne Bilder im Buch selbst ist da meistens wenig auszurichten, das sind hilflose Schilderungen über ein wunderbares Erdbeeraroma, das beim Lesen bestenfalls nach altem Kohlrabi schmeckt.

Ein ernstes tiefgründiges Kapitel über Kaiserin Elisabeth erwartet uns, jenseits der anmutigen Sissi-Figur, die Romy Schneider verkörperte. Ich kann mich nicht mehr erinnern, ob Romy Schneider im Film Gedichte schrieb. Kaiserin Elisabeth schrieb Gedichte um „ihre Unbefriedigtheit in Poesie umzugestalten“. Elisabeth, eine tragische Gestalt, die Sexualität verabscheut „und nur in Sublimierung und in der Abwesentheit lieben kann.“ Wenn man diese Tragik in den Sissi-Filmen berücksichtigt hätte, wäre weniger Kitsch daraus geworden. Vielleicht ziehlte man nur auf Publikumswirksamkeit ab. Regisseur Ernst Marischka war halt meist leichte Muse. Der Kaiserin Gedichte sind Gedichte „der Sehnsucht nach dem, was das Leben nicht ist, aber sein sollte....“ Ihr widerstrebte das Leben als Kaiserin. Sie lebte ein Leben, was gegen ihre eigenen Lebensvorstellungen gerichtet war, darum war sie unglücklich, entfremdete sich von allem und von sich selbst. Wen es interessiert: Brigitte Hamann, die auch eine Biographie über die Kaiserin schrieb, gab ihre Gedichte unter dem Titel „Kaiserin Elisabeth. Das poetische Tagebuch“ heraus. "

Hamanns Sachen sind durchaus lesbar, auch wenn sie sich gerne ein wenig nach kommerziellen Überlegungen zu orientieren scheint (aber das muss ja nichts Schlechtes sein). Dass aber Marischka irgendetwas mit der historischen Sissy am Hut hatte, dass ihm auch nur irgendwie an einer kritischen Darstellung gelegen war, wage ich stark zu bezweifeln. Das war unreflektierter Kitsch mit garantiertem Verkaufserfolg im Nachkriegsösterreich und -deutschland, die nach solcher Herz-Schmerz-Romantik nach dem etwas ungustiösen und wenig heiteren 1000jährigen Reich lechzten. Und historisch in einer politisch absolut unbedenklichen Zeit angesiedelt. - Ich bin übrigens erst beim Grillparzerkapitel.

Grüß mir die Walhalla nebst der versammelten geistigen Elite

orzifar
Title: Re:Claudio Magris: Donau
Post by: mombour on 04. September 2009, 10.12 Uhr
Dass aber Marischka irgendetwas mit der historischen Sissy am Hut hatte, dass ihm auch nur irgendwie an einer kritischen Darstellung gelegen war, wage ich stark zu bezweifeln.
orzifar

Das habe ich ja so auch nicht (schluck) behauptet, habe nur mir dem Gedanken gespielt, was wäre wenn:

Wenn man diese Tragik in den Sissi-Filmen berücksichtigt hätte, wäre weniger Kitsch daraus geworden.

Naja, du musst es dem guten Magris schon selbst überlassen, über wen er schreibt ;). Sowohl Blutflecken als auch Kriminalmusuem waren lesenswert - und die gesamten Wiener Schriftsteller zu erwähnen, wäre wohl etwas viel verlangt (es fehlen ja noch zahlreiche des Jungen Wien, außerdem eine Unzahl Philosophen etc.).

 ;D Ich habe ja nur drei Koryphäen ihres Faches genannt. Übrigens war ich vor Jahren in Wien und habe mir die Ausstellung "Klimt und die Frauen" angesehen, insofern bin ich entschädigt. Für uns als Literatenfreunde ist es natürlich sehr bereichernd, wenn Magris sich über die Literaturen ergießt. :) Wahrlich kann natürlich Magris nicht über alles und jeden reden, sonst ginge es ihm wie Neweklowsky.

Ich wage mal weiter in der Lektüre:

Der Philosoph auf den Cäsarenthron – Marc Aurel. Für den ersten Mann im Staate ist Rom die Vaterstadt, für den Menschen Marc Aurel ist es aber das All. Was für eine Demut jenseits des politischen Machtwahnsinns, er, der Imperator, indem er sich dem All unterstellt, fühlt keinen Unterschied zu den anderen Menschen. Seine „Selbstbetrachtungen“ gehören zur großen Weisheitsliteratur der Menschheit. Kurioserweise, oder ist es Ausdruck seiner Demut, hielt er sich nicht für einen großen Schriftsteller, denn, so sagt uns Magris, er habe sich bei den Göttern bedankt, daß er sich nicht zu den Schriftstellern verirrte.

Eine Burg nach dem anderen auf Hügeln und Bergeshöhen in der Slowakei – sie gehören meist nicht zur slowakischen Geschichte, meist herrschten von den Hüheln herab die Ungarn. Die slowakischen Bauern unterhalb der Hügel lebten in bescheidenen Hütten oder in kleinen Häusern aus Brettern, „die mit Stroh und getrocknetem Mist verputzt wurden". Diese Wohneinrichtungen werden drevenice genannt. Sándor Petöfi (1823-1849), ungarische Nationaldichter, umschreibt den Slowaken in einem Gedicht „als ein Kesselflicker mit roter Nase und verschlissenem Mund.“ Die Slowaken haben eine bedrückende Geschichte, sie waren Verlierer, durch militärische oder politischen Niederlagen ihrer Herrschaftsklasse beraubt. Dass sie Verlierer waren, zeigen auch die Umstände um die 1848er Revolution in Europa. Die Slowaken erbaten bei den herrschenden Ungarn nach mehr grundlegenden Rechten, ungarische Behörden reagierten aber „mit Verhaftungen und harten Repressionsmaßnahmen.“ Mit Gründung der Doppelmonarchie im Jahre 1867 wurden die Slowaken noch mehr unterdrückt, da sie nur „als eine folkloristische Gruppierung innerhalb des ungarischen Volkes“ angesehen wurden. Was für eine Farce. Die Ungarn, die selbst von Fremdherrschaften unterdrückt wurden, hatten die Slowaken unter ihren Fittichen. Man muss Magris dankbar sein, dass er den Lesern der „Donau“ auf diese politischen Verhältnisse bewusst gemacht hat. Welcher durchschnittliche Mitteleuropäer wie ich, kennt schon die Geschichte der Slowakei. Ein vergessenes Land?

Liebe Grüße
mombour
Title: Re:Claudio Magris: Donau
Post by: orzifar on 05. September 2009, 21.10 Uhr
Hallo!

Mittlerweile bin ich in Budapest - und diese Kapitel gehören zum Belanglosesten des bislang Gelesenen. Die Frage nach einem "wechselseitigen Bezug zwischen Seele und Formen" zu stellen hat zwangsläufig tiefsinniges Wortgeklingel zur Folge. In diesen Absätzen voller sinnentleerter Floskeln beginnt Magris immer irgendwelche Varianten der Transzendenz zu entdecken - etwa: "Die Neigung zum Essayismus, die  [...] wenn auch indirekt, nach jener Transzendenz der Bedeutung strebt, die in der Realität zwar unerreichbar bleibt, aber im Bewußtsein ihrer Abwesenheit, in der Sehnsucht nach ihr wieder aufleuchten." Solche Passagen unterlaufen Magris immer dann, wenn er irgendwelche obskuren und willkürlichen Beziehungen zwischen Geistesleben und/oder Landschaft und Architektur zu entdecken sich anschickt, eine Art explodierender Kulturhistoriker, der in seinem Bildungsfundus keine rechte Ordnung zu schaffen vermag und die ganzen Trümmer seines Wissen wild durcheinandermischt.

Anders dort, wo Magris sich an Menschen, Begebenheiten erinnert, z. B. an seinen Lehrer Trani (im Kapitel "Jedem seine Stunde"), der die Dummheit einer Argumentation der Art "ich bin halt so, das ist meine Natur" auf eindrucksvolle Weise ad absurdum führt. In diesen Erinnerungen, den Schlussfolgerungen, Vergleichen gelingt dem Autor eingebettet in seine Donaureise Großartiges. Was ihm jedoch häufig misslingt ist die Verquickung von Bildungsgut und Erlebnis - ganz im Gegenteil etwa zu Sebald, dem bei seinen Reiseberichten niemals derart grausame Passagen wie die oben zitierte unterlaufen. Ich glaube es schon mal erwähnt zu haben: Das eben ist der Unterschied zwischen Schriftsteller und gebildetem Kulturhistoriker.

Zur Figur der Sissy: Ja, tragisch, natürlich. Eine mehr-weniger durchschnittliche Person, die sich nur schwer mit den damals durchaus für viele Frauen typischen beengenden Umständen nicht zurecht gefunden hat. Solche Schicksale wird es sehr viele gegeben haben (nur hat man von ebenso unglücklichen, in Lyrik dilettierenden Bankiersfrauen weniger gehört) - und Freuds "Entdeckung" hysterischer Persönlichkeiten fällt nicht zufällig genau diese Zeit. Genau so viel Freiheit, um sich des gesellschaftlichen Zwangs bewusst zu werden - aber zu wenig, um die eigene Persönlichkeit entfalten zu können.

lg

orzifar
Title: Re:Claudio Magris: Donau
Post by: mombour on 05. September 2009, 22.28 Uhr
Hallo orzifar,

Die Kapitel über Ungarn zeigen, wie es aus meiner Sicht auch auf das ganze Buch zutrifft, manche Kapitel sind wunderbar herrlich und interesssant, und andere Kapitel wenig -oder nichtssagend. Die Kapitel über Budapest sind leider verzichtbar. Ich habe über vieles hinweggelesen, nichts hat mich ergriffen, ein seltsames, sorry Herr Magris, Geschwafel.

Diese Kapitel sind so schmerzhaft tragisch wie manche Ereignisse der ungarischen Geschichte ;D

Spaß beiseite, woran liegt es? Ich war dreimal in Budapest und verstehe nicht, warum man so gedehnt nichtssagend sagen kann. Ich muss ja inzwischen akzeptieren, dass magris die Malerei weglässt, aber warum er den Literatenkreis Nyugat (http://martin-bischoff.de/html/nyugat.html) ignoriert, ist nicht zu begreifen. So ein schönes Café wie das Café New York (http://www.boscolohotels.com/deu/hotels/new_york_palace/luxus_restaurant_budapest.htm) in Budapest, habe ich selbst in Wien nicht gesehen. Dort trafen sich die großen Budapester Literaten, Thomas Mann war auch mal dort. Was die Künste in Ungarn betrifft, so sind die Ungarn besonders in der Literatur stark. Sicher vieles dieser Literatur kennen wir in Deutschland nicht. In den letzten Jahren ist aber wieder einiges in Deutschland erschienen (nicht nur Márai), aber längst nicht alles. Antiquarisch findet man gewöhnlich ältere DDR-Ausgaben.

Die Kapitel "Im pannonischen Schlamm", über den kroatischen Schriftsteller Miroslav Krleža und das Kapitel "Auf traurige Weise magyarisch" (hier wird, und das ist versöhnlich, auf einige ungarische Schriftsteller und Dichter eingegangen) fand ich am interesssantesten. Hier meine Eindrücke:

Der große ungarische Romancier Mór Jókai (1825-1904) ist geographisch in der heutigen Slowakei geboren. Sein Geburtsort Komárom wird von der Donau geteilt. Der nördliche größere Teil des Ortes liegt in der heutigen Slowakei. Sein Roman – und erzählerisches Werk, dass möchte ich ergänzend erwähnen, umfasste in einer Ausgabe um 1900 120 Bände, Sándor Márai hat eine solche Ausgabe besessen. Als sein Haus 1944 durch den Einmarsch der Nazis in Budapest zerstört wurde, ging auch seine Bibliothek zugrunde. Claudio Magris hat seinen populären Roman „Der Goldmensch“ gelesen. Viele Werke des Autors sind in deutscher Sprache noch antiquarisch zu bekommen. In „Der Goldmensch“ erzählt Mór Jókai eine Donau-Robinsonade, Mihály Timár, reichgeworden und „enttäuscht über seinen zweifelhaften gesellschaftlichen Aufstieg“ findet auf einer unbekannten Donauinsel sein Glück.

In der ungarischen Dichtung wird nicht der „Glanz eines heroischen Ungarn“ gefeiert, sondern sie „denunziert das Elend und das Dunkel des magyarischen Schicksals.“ Petöfi erhebt sich schreibend gegen den Egoismus der Adligen, Endre Ady (1877-1919) schreibt Verse über die „düstere magyarische Erde“. In seinem Gedicht „Die ungarischen Erlöser“, welches Magris auch gelesen hat, spricht er von Tränen, die hier (in Ungarn) salziger sind und die Schmerzen größer als woanders, „da sie sterben würden, ohne jemanden erlöst zu haben“(eine Auswahl Adys Gedichte findet der Interessierte in Endre Ady: Gedichte, Ausgewählt und eingeleitet von László Bóka, Verlag Volk und Welt, Berlin 1965). Der Lyriker Attila Jószef fühlt sich „an den Rand des Universums“ versetzt. Die Dichtung spricht vom Leid des Volkes, von der Schlacht bei Mohacs (1526) bis hin zur Revolution 1956. Die Ungarn fühlen sich als Verlierer, in der Geschichte wurden sie geschlagen, mussten Fremdherrschaften überstehen (Osmanen, Habsburger Monarchie, Verlust von zwei Drittel ihres Staatsgebietes durch den „Friedensvertrag von Trianon“, 1920 u.a.). Trotz der historischen Tragödien sieht Magris in Ungarn nicht eine vergessene Provinz. Die Ungarn haben, wie wir gesehen haben, die Slawen unterworfen, auch die Rumänen. Sie traten also durchaus auch beherrschend auf.

Wer wirklich einen Einblick in die Historie Ungarns gewinnen will, dem empfehle ich das gut lesbare Standardwerk von Paul Lendvai: Die Ungarn, eine tausendjährige Geschichte, Goldmann-Taschenbuch. Ich habe mich in Magris' Ungarnkapiteln oft genug geärgert über schwerlastende Ausdrucksweise des Literaturwissenschaftlers, ohne gewisse Vorkenntnisse wird vieles schwer fassbar. Darum meine Empfehlung der Lektüre von Paul Lendvai.

Doch, doch, einige Kapitel im Donaubuch glänzen, so auch das über kroatischen Schriftsteller Miroslav Krleža (1893-1981). Krleža schildert in seinen Werken die pannonische Welt, über die Volker und Kulturen zwischen Budapest und Zagreb. Das Zentrum seines umpfangreichen Werkes beschäftigt sich mit dem Verfall der Welt des 19. Jahrhunderts. Dieses Kapitel hat mich sehr neugierig auf den Autoren gemacht. Einige Werke sind ja in deutscher Sprache erhältlich. Sein Drama „Die Glembays“ erzählt vom versinken des österreichisch-ungarischen Adels im pannonischen Schlamm. Der Roman „Die Rückkehr des Filip Latinovicz“ wurde von Sartre geschätzt, „der darin eine Parabel auf die Krise der individuellen Identität erkannte...“

Liebe Grüße
mombour

Title: Re:Claudio Magris: Donau
Post by: mombour on 12. September 2009, 08.52 Uhr
Hallo,

"Eine Violine in Mohács", hier spielt sie nicht lustige Zigeunerweisen, sondern melancholiert über das Trauma Ungarns, über die verlorene Schlacht gegen die Türken (1526). Für 400 Jahre ging der souveräne ungarische Staat zugrunde, er wurde ein Spielball zwischen Türken und Habsburgen, Ungarn ein Tummelplatz für Kriegsschlachten. Das nur als kleine Vorstellung, warum Magris hier zu melancholischen Tiefen gereift. Doch noch ein würdiger Abschluss des Ungarnteils. Hier ist Magris den Ungarn quasi zu Leibe gerückt.

Jetzt geht es in den Balkan:

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts retuschierte man auf Bulgariens Karten weiße Flecken. Als der Forschungsreisende Guillaume Lejean, der auch den Blauen und Weißen Nil befuhr, im Jahre 1875 Bulgarien bereiste, waren auf seinem Kartenmaterial „in den Gebieten an der Donau imaginäre Orte“ verzeichnet. Die Orte, die wirklich existierten, wurden weggelassen. Es gab auch Kartographen, die Städte an andere Standorte versetzten, und den Verlauf von Flüssen willkürlich änderten.

Im Kapitel „Unter Lenaus Büste“ schafft es Magris, diverse Autoren sehr liebevoll unter einen Hut zu bringen. In Vršac, z.Zt. als Magris dieses Buch geschrieben hat, war dieser der bedeutendste Ort im jugoslawischen Banat. Heute ist es Serbien. Heute kann man sich nicht mehr im Stadtpark von Vršac auf einer Bank unter Nikolaus Lenaus Büste küssen, wie es in einem Gedicht von Vasko Popa heißt, denn diese Büste befindet sich heute im dortigen Museum. In Vršac ist der ungarische Schriftsteller Ferenc Herczeg geboren, den Magris „ebenso brilliant wie oberflächlich" bezeichnet. Brilliant war er vielleicht, weil z.B in seinem Roman „Die Heiden“ den Kampf verschiedener Völker und Religionen in dieser Gegend aufzeigt, und damit zukunftsweisensend das Problem auch des heutigen Balkan benennt, das Zusammenleben verschiedenster Völkergruppen in einem Land und ihr Bestreben und Mühen, wie man unter solchen Umständen friedlich zusammenleben kann, und wir erinnern uns aus jüngster Geschichte, wie dort das Blut geflossen ist. Schon immer ein explosiver Herd . Herczeg erzählt vom Kampf „zwischen Magyaren und Petschenegen, zwischen dem Kreuz und der heiligen Eiche der Awaren während der Morgendämmerung der ungarischen Geschichte.“ Vasko Popas schrieb zu anfangs auf rumänisch, dann auf serbokratisch.In der jugoslawischen Wojwodina (heute Nordserbien, vor 1920 noch zu Ungarn gehörig), so legte man, 1974 in der Verfassung fest, leben fünf große Völkergruppen zusammen: Serben, Ungarn, Slowaken, Rumänen und Ruthenen, doch, so ergänzt Magris, es gibt dort auch Deutsche, Bulgaren Zigeuner, Bunjewatzen und Schokatzen....und gerade hier zeigt sich, wie kompliziert die Geschichte des Balkans ist. Wo kommen die verschiedenen Völker her, wie und warum wurden Staatsgrenzen geändert? Diese Fragen kann uns nur eine Geschichte des Balkans beantworten. Doch kommen wir nun zu Lenau zurück, dem österreichischen Dichter, der im rumänischen Banat bei Timişoara geboren und „ungarische und slowakische Vorfahren besaß.“ Um ihn ein mikriger Kleinkrieg: Magris schreibt über Adam Müller-Guttenbrunn, dem Verfechter der deutschen Kultur im Banat, der sich im Jahre 1911 dagegen wehrte, als sich die Ungarn den Lenau vereinnamen wollten, ihn Miklós Lenau nennen wollten, einen ungarischen Dichter, der deutsch schreibt. Im Lenau Kapitel streifen wir auch Milo Dor, der in seinem Roman „Nichts als Erinnerung“ eine melancholische Trägheit beschreibt, die der Melancholie Lenaus sehr nahe kommt, dem Lyriker der Einsamkeit, des seelischen Leidens und des Weltschmerzes.

Dein gedenkend irr' ich einsam
Diesen Strom entlang;
Könnten lauschen wir gemeinsam
Seinen Wellenklang!

(Nikolaus Lenau, aus „Das Mondlicht“ )

Liebe Grüße
mombour

Title: Re:Claudio Magris: Donau
Post by: orzifar on 16. September 2009, 15.18 Uhr
Hallo,

ich kann mich den von mombour geschilderten Eindrücken fast überall anschließen. Vielleicht bringen es die Kapitel, die sich abermals mit Lukacs beschäftigen, auf den Punkt: Überall dort, wo sein Denken, seine Theorien behandelt werden, wird der Text sperrig und bricht den Lesefluss, während jene Passagen, die vom persönlichen Lukacs berichten, sehr viel spannender, eingängiger sind.

Über einen Satz bin ich gestolpert: Lukacs "ist bereit, seine Seele der Sache zu opfern und dabei alle Schuld, die dadurch entsteht, auf sich zu nehmen." Die "Sache" ist die des real existierenden Kommunismus, aber auch des Stalinismus. Und ich halte es für befremdlich, dass da ein Intellektueller "Schuld auf sich nimmt", sie trägt und leidet in seinem Stübchen, während diese intellektuelle Unterstützung unzählige Leben kostet. Mag sein, dass es Dinge gibt, welche Wert sind, dass man sein Leben dafür hingibt, sehr fragwürdig aber immer, wenn man das Leben anderer für etwas opfert, noch dazu, wenn es sich um eine derart verquaste Idee handelt. Diese intellektuelle Arroganz, die mit Hekatomben rechnet eines vermeintlich besseren Zieles wegen, vergisst, dass auch jedes der so anonym gebrachten Opfer nur eine einzige Chance hatte, einmalig war, ein Opfer, das sogar dann noch seine Fragwürdigkeit behält, wenn es sich um eine sehr viel bessere Sache als den Traum vom proletarischen Paradies handelt.

Dass die Kapitel über die Slowakei, Ungarn mir weniger interessant erschienen liegt auch an der simplen Tatsache, dass ich viele der dort beschriebenen Künstler und Intellektuellen nicht kenne, mir daher der Bezugspunkt fehlt. --- Angesichts der bald darauf stattfindenden Ereignisse wirkt das teilweise idealisierte Bild über das Zusammenleben verschiedener ethnischer Gruppen in der Vojvodina wie ein verquerer Traum. Andererseits ist die für den gesamten Abschnitt namengebende "Großmutter Anka" bereits beispielhaft für die späteren Auseinandersetzungen; sie, mit serbischen Vorfahren, würde sie keinen Serben heiraten, schimpft über Rumänen, Banat-Deutsche, Ungarn und Zigeuner und lobt dieselben wenig später, setzt in seltsamer Beliebigkeit eine Volksgruppe über die andere. Dieses Sammelsurium von Vorurteilen, eingebettet in eine - nur scheinbare - Idylle, verweist prophetisch auf das später über die Region hereinbrechende Unheil.

lg

orzifar
Title: Re:Claudio Magris: Donau
Post by: mombour on 19. September 2009, 07.47 Uhr

Dass die Kapitel über die Slowakei, Ungarn mir weniger interessant erschienen liegt auch an der simplen Tatsache, dass ich viele der dort beschriebenen Künstler und Intellektuellen nicht kenne, mir daher der Bezugspunkt fehlt.

Ja, das verstehe ich. Mir geht es so mit chinesischer  und afrikanischer Literatur(abgesehen natürlich von Coetzee oder نجيب محفوظ, ach so Mahfuz). Kurz und gut. In Mittel- oder Westeuropa chinesische , afrikanische oder ungarische, rumänische Literatur zu lesen, ist schon speziell. Vielleicht wird das ja aufgelockert, durch den Schwerpunkt China auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse. Es gab ja schon mal einen Schwerpunkt Ungarn. In den letzten Jahren sind wirklich einige ungarische Autoren in Deutschland ans Tageslicht gekommen oder wurden für den deutschen Sprachraum wiederentdeckt, z.B. Milán Füst, "Die Geschichte meiner Frau"; Géza Ottlik, "Die Schule an der Grenze", Szilárd Rubin, "Kurze Geschichte von der ewigen Liebe" u.a. Schon lange etabliert haben sich Péter Nádas, Imre Kértesz und Peter Esterházy. Trotzdem glaube ich, das ungarische Literatur in Deutschland noch recht speziell ist. Franzosen werden mehr gelesen. Ich bin nur auf ungarische Literatur gekommen, weil mein angetrautes Eheweib ungarisch spricht und ich nichts verstehe, wenn sie ungarisch spricht. Also lese ich hin und wieder ungarische Literatur in deutscher Übersetzung. Wenn jemand mit mir mal einen Magyaren lesen will, stehe ich gerne zur Verfügung.

Dieser Exkurs hat zwar mit dem Buch von Magris direkt nichts zu tun, indirekt aber schon, weil eben die Magyaren - und Balkanliteraten für uns/ für viele Exoten sind (abgesehen  natürlich von Aleksandar Tišma). Magris aber mit seinen Literaturempfehlungen, könnte so manchen Leser diese Literatur schmackhaft machen.

sie, mit serbischen Vorfahren, würde sie keinen Serben heiraten, schimpft über Rumänen, Banat-Deutsche, Ungarn und Zigeuner und lobt dieselben wenig später, setzt in seltsamer Beliebigkeit eine Volksgruppe über die andere. Dieses Sammelsurium von Vorurteilen, eingebettet in eine - nur scheinbare - Idylle, verweist prophetisch auf das später über die Region hereinbrechende Unheil.

Solche Vorurteile gibt es sicher noch.  Ich kenne das aus meinem Familienkreise, dass Banater Schwaben, bzw. Deutschstämmige einen Haß/ bzw. eine Haßliebe gegenüber Rumänien empfinden (..aber nicht das jemand denkt...in meinen vier Wänden wäre das so, gelle)?

Ich gege mal weiter im Buch:

Auf den bulgarischen Erzähler Jordan Raditschkow wirft Claudio Magris einen so herzlichen Blick, dass ich mich schon umgeschaut habe, welche Werke es in deutscher Übersetzung gibt. Raditschkow, „der Sänger von Tscherkaski“, der die in Bulgarien aussterbende Dorfkultur in seinen Erzählungen erhalten hat. Auf den ersten Blick ist der Bulgare ein Pendant zum ungarischen Schriftsteller Zsigmond Móricz (1879-1942), der auf wirklichkeitsnahe Weise vom ungarischen Dorfleben erzählt (ein repräsentativer Erzählband ist „Die Engel von Kiserdö“, Aufbau-Verlag, 1971). Nach dem zu urteilen, was Magris schreibt, scheint Raditschkow aber kein Realist zu sein. Raditschkows mythenbeladene Erzählungen enthalten groteske Szenerien. Aber er hat wohl sie Seele des Dorflebens in seinen Geschichten festgehalten:

"Geschichten, die von Mund zu Mund gehen, die man erfindet, um sich weitschweifig über das Leben zu ergehen...Lügen, die jeder seinen Gevattern erzählt, bis er schließlich selbst Stein und Bein schwört, daß es die reine Wahrheit sei."

In Ruse, was einmal Rutschuk hieß, ist Elias Canetti geboren, eine Stadt mit ockergelben Handelshäusern aus dem 19. Jahrhundert, herschaftlichen Parkanlagen und Häusern aus dem Fin de siècle. Zwischen den zwei Weltkriegen war Ruse die reichste Stadt Bulgariens. Claudio Magris führt uns in Canettis Geburthaus, Canetti „der mit unvergleichlicher Kraft den Wahnsinn unserer Epoche – der jeden Blick auf diese Welt trübt, blendet oder entstellt – erfassen und darstellen sollte.“

Liebe Grüße
mombour
Title: Re:Claudio Magris: Donau
Post by: orzifar on 28. September 2009, 14.38 Uhr
Hallo!

Wenig Zeit zum Lesen, noch weniger zum Schreiben. Den Magris habe ich nun beendet, ein durchwachsenes Vergnügen.

Die schon erwähnte teilweise Unkenntnis ungarischer, slowakischer, bulgarischer, serbischer, rumänischer Literatur mag einiges zum Missfallen beigetragen haben. Unabhängig davon häufen sich aber Kapitel, die jenen kritisierten über Lukacs vergleichbar sind. Bzw. man hat den Eindruck, mit einem belesenen Museumsführer durch eine Ausstellung von Büchern und Kunstgegenständen zu wandern, der von allem etwas zu erzählen weiß, dies aber in trocken-akademischer Weise tut und so nur selten zu fesseln vermag. Umso weniger, je größer die Unkenntnis des Beschriebenen ist. Das liest sich häufig wie ein Ausstellungskatalog - und die anfangs positiv erwähnten allgemeinen Betrachtungen verschwinden im Laufe des Erzählens fast ganz.

Das Buch wurde viel gelobt, aber ich habe zum einen meine Zweifel, ob es ein solch hohes Lob verdient, zum anderen vermute ich hinter diesem Lob ein eher psychologisches Phänomen: Man lobt das Dunkle, teilweise Unverständliche, um nicht des Unverständnisses geziehen werden zu können. Wer da kritisiert könnte allzu leicht in den Verdacht kommen, dass es ihm an intellektueller Potenz fehlte, dass der Mangel an kulturhistorischem Wissen zu diesem wenig begeisterten Urteil führt. Weshalb man über die verstiegen-hermetischen Passagen hinweggeht und diese trotz oder wegen ihrer Dunkelheit mit Sinn füllt, wenngleich es auch ein Sinn ist, der nie recht greifbar wird.

Sebald, den ich in diesem Zusammenhang schon mehrfach erwähnt habe, hat ähnliche Literatur verfasst (etwa mit den "Ringen des Saturn"): Und siehe, nirgendwo hat man dort den Eindruck, dass man die Absätze wieder und wieder lesen müsste, um auf ihren (verborgenen?) Sinn zu stoßen, nirgendwo das Gefühl, dass die Klarheit seiner Prosa korrespondieren würde mit mangelndem Tiefgang: Im Gegenteil. Schönheit und Klarheit in der Sprache schließen sich mitnichten aus - und letztere zu erzielen ist sehr viel schwieriger als dem Textfluss einfach seinen Lauf zu lassen. Verschachtelte Satzgefüge (wenn sie nicht Mannscher Provenienz sind) unterlaufen dem Schreibenden, sie aufzulösen, zu glätten, verständlich zu machen und dennoch in keinen platten Schulaufsatzstil zu verfallen ist eine sehr viel größere Kunst als die Sprachungetüme gewähren zu lassen.

Und so ist das pure Vergnügen, das Sebalds Prosa begleitet, hier mehr als getrübt durch Sprache und dem Eindruck, dass Magris auch noch jedes kleinste Bildungsversatzstück an den Mann und Leser zu bringen sucht. Dieses kulturhistorische Wissen wird dann zu einem Erlebnis, wenn es unaufdringlich und still zwischen den Zeilen erscheint, wenn ganz bescheiden die eigenen Gedanken mit einem solchen Hintergrund versehen werden. Vielleicht war Magris um eine solche Bescheidenheit bemüht, gelungen ist ihm dies nur teilweise. Und so gibt es neben Anregendem noch mehr Langweilendes, ein enzyklopädisches Sich-Verbreiten, das mit wachsender Seitenzahl die Ungeduld nährt.

@mombour: Ich mag Abschweifungen und bitte inständig darum, die Zügel schießen zu lassen ;). Und ich habe mich immer wieder (weil mit halbem Fuß in Ungarn lebend) an ungarischer Literatur versucht, allerdings mit geringer Begeisterung. Immer ein wenig zu pathetisch, zu sentimental. Ein Urteil, das aufgrund der Zahl der gelesenen Bücher natürlich keineswegs Anspruch auf Gültigkeit erheben kann, wie denn überhaupt eine Subsumption a la "ungarische" Literatur problematisch sein dürfte. Denn ich zweifle, ob zwei Ungarn so viel mehr (außer der Sprache) miteinander gemein haben wie ein Ungar und ein Österreicher (bzw. Deutscher, Franzose, Serbe, Italiener ...).

Liebe Grüße

orzifar
Title: Re:Claudio Magris: Donau
Post by: mombour on 25. Oktober 2009, 17.01 Uhr
Sehr geehrter Herr Magris,

am 22. Oktober, einen Tag vor den Gedenkfeiern zur Revolution 1956, Besuch in Móhacs. Der Ticketverkäufer hält uns ein Schwarzweißfoto unter die Nase. Ein Berg von Menschenknochen gefallener Soldaten. Da wird uns mulmig und betroffen gehen wir über das Schlachtfeld. Holzstehlen mit Speerspitzen, dem Tod entgegenwieherne Pferde, eine Todesglocke. Das Hadestor, der Eingang der Gedenkstätte, dieses Eisentor ist den Menschenknochen nachgebildet.

Das heutige Móhacs hat etwa 30 000 Einwohner, das Schlachtfeld liegt zwei Kilometer vor der Grenze zu Serbien. Am Hauptplatz des Ortes eine riesige Kirche, sie hat die Form der Moschee Gazi Khassim in Pécs, die zur chrtistlichen Kirche umbebaut worden ist. Auf der Kuppel der Gazi Khassim Moschee sind Kreuz und Sichel vereint. Das Rathaus von Móhacs sieht mit seinen Kuppeln aus wie ein Sultanpalast. Ungarn heute bestrebt, Frieden zu bewahren, dass sollen die Architektursymbole erzählen. Unser Hotel in Pécs neben der Synagoge. Gegenüber des heiligen jüdischen Hauses, am anderen Ende des Platzes, eine Gyrosbude. Die Kolbászpizza in Móhacs liegt schwer im Magen. Der Magen ein Schlachtfeld.

Mit freundlichen Grüßen
mombour