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Gemeinsam Lesen => Leserunden => Topic started by: sandhofer on 16. August 2009, 07.36 Uhr
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Teilnehmer: orzifar, sandhofer
Ich habe mittlerweile die ersten 5 Kapitel gelesen. Meine Ausgabe ist die der Büchergilde; der Text basiert auf der Erstausgabe, wurde verglichen mit dem Originalmanuskript. Kleinere Änderungen, so heisst es, seinen nur durchgeführt worden, wo unregelmässige Zeichensetzung betroffen sei, auch sei die Rechtschreibung modernisiert worden. Beides ist natürlich schade; ersteres, weil wir ja nicht wissen, wieweit die Unregelmässigkeiten Absicht des Autors waren; letzteres finde ich bei einem Buch, das noch keine 100 Jahre alt ist, eigentlich überflüssig. Aber na ja - eine historisch-kritische Ausgabe ist es halt nicht ...
Ich mag diese deutschsprachigen kakanischen Autoren aus der Untergangszeit des Habsburger-Grossreichs, viele davon aus der Provinz, als Deutschsprachige dort dann einer Minderheit angehörend, viele davon waren auch Juden. Allen - soweit ich ihnen bisher literarisch begegnet bin - ist es nämlich eigen, dass sie exzellente Stilisten sind, ihr Deutsch aus dem FF beherrschen.
Die ersten 5 Kapitel nun vom Meister führen uns den Ich-Erzähler vor, der einem ersten unerklärbaren Selbstmord beiwohnt. Hinweis auf ein Böses, das da irgendwo in einem alten Manuskript schlummert, weisen das Buch dem Genre der phantastischen Literatur zu. Allerdings will mir nicht gefallen, wie der Ich-Erzähler da, im Park unter einem Baum stehend, sinniert, während gleichzeitig ein paar Meter weiter weg der alte Schauspieler sich umbringt.
Hinweise auf Malerei und Musik, zusammen mit dem Theater, ergänzen eine Atmosphäre der Dekadenz.
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Hallo!
Kaum schmiede ich exzessive Lesepläne, schon macht mir das private Leben einen Strich durch die Rechnung. Nunja, immerhin bin ich bis zum 8. Kapitel gekommen - und es war eine gute Idee, mich sandhofer anzuschließen. Leicht zu lesen und doch sehr angenehm, wunderbar morbide kakanische Atmosphäre, Selbstmorde (wenn's denn welche sein sollten) allerorten, dafür eignet sich Wien mit seinen kaiserlich-königlichen Offizieren hervorragend (es kann ja statt eines Leutnant Gustls auch mal ein Rittmeister sein).
Der Ich-Erzähler ist mit Vorsicht zu genießen, Perutz gibt schon Ende des dritten Kapitels einen Hinweis auf dessen nicht ganz saubere Absichten. Für alle des Inhalts Unkundigen: Es wird bei einer Nachmittagsunterhaltung von zwei seltsamen Selbstmorden erzählt: Der erste betrifft einen Kunststudenten, der sich aus scheinbar völlig unerfindlichen Gründen tötet, der zweite seinen Bruder, der diesem Rätsel auf die Spur zu kommen sucht, indem er das Leben seines jüngeren Bruders übernimmt und weiterführt. Beide scheinen durch einen plötzlichen, ungeheuren Schrecken keinen anderen Ausweg als den des Selbstmordes gesehen zu haben. Bei dieser Nachmittagsunterhaltung ereignet sich ein weiterer Suizid: Der Gastgeber, ein Schauspieler, erschießt sich in seinem Gartenpavillon, wohin er sich zurückgezogen hat, um sich für eine kleine Demonstration seiner neuesten Rolle (Richard III.) vorzubereiten. Wieder ist es der Ausdruck des Entsetzens, der sich auf dem Gesicht des Toten malt, wieder sind die Umstände seltsam.
Eigenartig verquickt ist das Ganze mit der Figur des Erzählers, der offenbar früher mit der Frau des Schauspielers in Beziehung stand und noch immer verliebt ist. Er deutet (wie oben erwähnt) den Konkurs eines Bankhauses an, bei dem der Schauspieler all sein Vermögen investiert hat (nein, nicht Lehman), obwohl man stillschweigend zur Übereinkunft gekommen war, ihm von diesem Unglück noch nichts mitzuteilen. Und man glaubt dem erzählenden Ich dieses Versehen nicht, wie eben überhaupt dieser Baron eine recht undurchsichtige Gestalt zu sein scheint.
lg
orzifar
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wunderbar morbide kakanische Atmosphäre,
Sehr schön, ja. Ich liebe sowas ...
Der Ich-Erzähler ist mit Vorsicht zu genießen,
Ja, das will mir auch scheinen. Ich bin unterdessen in Kapitel 9. Es wird klar, dass alle den Yosch für den Mörder halten - bzw. für den, der den alten Schauspieler in den Tod getrieben hat. Und, will mir scheinen, Perutz lässt keinen Zweifel daran, dass Yosch wirklich der Schuldige ist. Er zeigt hier nun irgendwie den Charakter eines verwöhnten Kindes - keine Spur mehr vom kunstliebenden Dekadenten des Anfangs. Ja, ein interessanter Charakter, dieser Yosch.
Hm ... ich müsste mal die Namen der Maler nachschlagen und die Musik nachhören, die an der Abendveranstaltung gespielt wurde.
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Hallo!
Ich bin mittlerweile im 14. Kapitel, Baron Yosch ist selbst zum Detektiv mutiert (und ich bin schwer betroffen von der Tatsache, dass ich - wiewohl ich das Buch vor etwa 12 Jahren gelesen habe - so gar keine Ahnung mehr habe die Auflösung betreffend. Offenbar befindet sich auch bei mir schon einiges in Auflösung ...) wie Ingenieur Solgrub (der ebenfalls bei der Nachmittagsgesellschaft anwesend war). Und es findet ein eigenartiges Wettrennen bei der Spurensuche statt, Yosch scheint zwar vorläufig von ärgeren Verdächtigungen dispensiert, macht aber immer noch einen sehr undurchsichtigen Eindruck. Dies ist vor allem deshalb bemerkenswert, weil Yosch der Ich-Erzähler ist, der aber offenbar mit einigen Erinnerungslücken zu kämpfen hat, manches verschweigt, anderes beschönigt. Und der sich manchmal wie in einer psychoanalytischen Sitzung aufführt, indem er plötzlich (oder auch nicht?) mancherlei Ereignisse erinnert, die ihm vorher nicht bewusst waren.
Dieser Trick ist m. E. gut gelungen, man bleibt als Leser in unsicheren Gefilden, ist ständig für Überraschungen bereit.
Hm ... ich müsste mal die Namen der Maler nachschlagen und die Musik nachhören, die an der Abendveranstaltung gespielt wurde.
Wollte ich auch (in Unkenntnis ob ich die CD oder Platte besitze) - und diese Unkenntnis ist durch den Saustall, den Klein-Orzifar in der CD-Sammlung von Groß-Orzifar zwischen Albinoni und Grieg angerichtet hat, vorläufig noch prolongiert worden (wichtig schien v. a. das Brahms H-Dur Trio, auch Richard III. sollte man wohl genauer nachschlagen (bzw. die vom Doktor zitierten Stellen), gerade zufällig werden sie Perutz nicht in die Feder geraten sein.
Bin im übrigen beruhigt, dass du auch nicht schneller vorwärts kommst; ich bin durch die erwähnten Besuche als auch durch eine saumäßige Sommergrippe (günstig abzugeben) gehandicapt, möglicherweise könnte ich durch den Hinweis auf das Schweinemäßige meiner Grippe weitere Besucher fernhalten.
Aber im Moment tatsächlich die ideale Lektüre, leicht, amüsant, unterhaltend. (Obwohl ich Magris' Donau auch schon begonnen habe - und: Hut ab, das könnte schon sehr lesenswert sein, obwohl manches ein wenig überladen wirkt).
lg
orzifar
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Bin im übrigen beruhigt, dass du auch nicht schneller vorwärts kommst
Wobei ich durch keinerlei aussergewöhnliche Ereignisse gehindert werde, sondern allein durch den alltäglichen Wahnsinn eines Berufs- und Familienlebens ... ^-^
Zu Beginn von Kapitel 9 habe ich noch einen schönen Satz gefunden, nachdem Yosch aus einer Ohnmacht erwacht, vor der er beinahe die Tat zugegeben hätte:
In mir und rings um mich war alles ander geworden. Ich gehörte wieder der Wirklichkeit an. [Kursiv im Original]
Die Frage wäre nur: welcher? :D
Ich habe Kapitel 12 beendet, wo sich der Ingenieur als zweiter Sherlock Holmes betätigt, und Yosch daran hindert, sich aufs Land zur Jagd zurückzuziehen (und womöglich, interpretiert der Ingenieur den Baron) daselbst einem Unfall zum Opfer zu fallen. War dies wirklich der geheime Plan Yoschs? Ja, dieser Ich-Erzähler hat es faustdick hinter den Autorenohren ... Perutz spielt mit verschiedensten Erzählebenen, da wir durch die Andeutungen des Autors sehr rasch dahin geführt werden, dem Ich-Erzähler als lautere Quelle der Wahrheit zu misstrauen. Eine äusserst kurzweilige Lektüre.
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Finis operis. Darüber gibt's noch einiges zu sagen - aber ausnahmsweise werde ich sandhofern die Spannung nicht nehmen. Würde mich im übrigen nicht wundern, wenn Dürrenmatt dieses Werk gekannt haben sollte (insbesondere in Bezug auf "Justiz"). Du bist schon auf dem rechten Wege, wenn du nach der Art der Wirklichkeit frägst, die immer mit dem schon hier erwähnten Möglichkeitssinn in Zusammenhang steht.
Ein schönes, auch kluges Buch, dem ich beim ersten Mal lesen durch seine Behandlung als oberflächliche Reiselektüre Unrecht getan habe.
Hustend
orzifar
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Du bist schon auf dem rechten Wege, wenn du nach der Art der Wirklichkeit frägst, die immer mit dem schon hier erwähnten Möglichkeitssinn in Zusammenhang steht.
Es wurde im Klassikerforum von Giesbert Damaschke ein Hinweis eingestellt, dass Perutz den Plot einer andern Geschichte (zumindest teilweise) Ambrose Bierce' Zwischenfall am Eulenfluss entlehnt hatte. Wenn das der Bierce und die Geschichte ist, die ich meine, so war das eine deutliche Vorwarnung auf Perutz' Thema der "falschen Wirklichkeit".
Im übrigen bin ich in Kapitel 16, wo gerade die Apothekersgehilfin 'abgeflogen' ist. Der Ingenieur Solgrub als Sherlock Holmes und der Arzt Gorski als Dr. Watson ... ;D . Selbstverständlich ist ein Ehrenselbstmord Yoschens aufgeschoben, ja eigentlich nicht mehr nötig, da ja ein anderer die Untaten begangen hat. Und wir erfahren mehr vom sagenhaften "Meister des Jüngsten Tages". In Zusammenhang mit der Malerei. (Was mich daran erinnert, dass ich gewisse Namen noch nachschlagen wollte.) Den Meister des Jüngsten Tages jedenfalls scheint das Internet nur als Perutz'schen Roman zu kennen. Hm ... ich müsste mal nachrechnen, wieviele Wirklichkeitsebenen der Roman umfasst bzw. umfassen könnte. Aber damit warte ich wohl besser bis zum Schluss.
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So, Kapitel 19 ist fertig. Und heute Abend werde ich wohl den Rest auch noch schaffen. Das Buch, das Yosch zu Beginn erwähnt hat, ist gefunden. Perutz' Erzählung hat sich allerdings in der Zwischenzeit vom Phantastischen Roman wegbewegt zum Kriminalroman. (War es Borges oder Benjamin, die Perutz als Kriminalromanautor bezeichnet haben? Irgendwo schwirrt in meinem Hinterkopf eine derartige Information herum.)
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(War es Borges oder Benjamin, die Perutz als Kriminalromanautor bezeichnet haben? Irgendwo schwirrt in meinem Hinterkopf eine derartige Information herum.)
Es war Borges, der den "Meister des Jüngsten Tages" in seine Sammlung der besten Kriminalromane der Welt aufnahm. Perutz war aber mit der Etikettierung seines Buches als Kriminalroman nicht einverstanden.
Gruß
Anna
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Es war Borges, [...]
Danke für die Info. Benjamin war im Zusammenhang mit dem Drommetenrot, habe ich mittlerweile in meinem Nachwort gelesen. Ich bin jetzt auch fertig, werde aber mehr zum Buch erst heute Abend oder eventuell gar am Wochenende schreiben können. Heute muss ich mir noch das Geld fürs nächste Buch verdienen ... ;)
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Hallo!
Kleinere Änderungen, so heisst es, seinen nur durchgeführt worden, wo unregelmässige Zeichensetzung betroffen sei, auch sei die Rechtschreibung modernisiert worden. Beides ist natürlich schade; ersteres, weil wir ja nicht wissen, wieweit die Unregelmässigkeiten Absicht des Autors waren; letzteres finde ich bei einem Buch, das noch keine 100 Jahre alt ist, eigentlich überflüssig.
Überflüssig ist noch ein zu schwacher Ausdruck, das Ganze halte ich für einen Witz. Ein solches Eingreifen ist bestenfalls berechtigt, wenn man das Verständnis kaum noch voraussetzen kann. Diese Art der "Aktualisierung" hat ihre Berechtigung bestenfalls im 17. Jahrhundert (eher noch weiter zurück). Oft verhunzt man auch den Sprachduktus, zerstört eine altertümelnde Stimmung, die zum Buch passt, in der ich mich oft erst heimelig fühle.
Kriminalroman? Wie auch immer. Ist's einer, so gereicht er dem Genre zur Zierde, ist's keiner, ist das Buch nicht minder angenehm zu lesen. - Ich habe im übrigen die Beiträge der Leserunde im Klassikerforum bisher bewusst nicht gelesen (werde ich nachholen), um dem Schüren von Erwartungshaltungen, Voreingenommenheiten vorzubeugen.
Den Trick mittels der "Schlussbemerkung des Herausgebers" finde ich gelungen (wobei das eine Ausnahme ist: Normalerweise ist mir das Auftauchen solcher Herausgeber, das Auffinden irgendwelcher Manuskripte längst Verstorbener und was es da noch an konstruierten Handlungsrahmen gibt, zuwider, weil oft nur billig und dem hilflosen Wunsch nach einer einigermaßen stringenten Einbettung des Inhalts in ein Gesamtschema geschuldet - Exkurs Ende ;)), er relativiert wunderbar (wenn da etwa jemand an der Plausibilität des Dargestellten zweifeln würde), und er bringt auch diese Möglichkeitsebene ins Spiel. Hier eben - wie erwähnt - an Dürrenmatts Justiz erinnernd, wo auch - zumindest anfangs - mit diesen Möglichkeiten gespielt und dann gezeigt wird, wie aus solchem Spiel mit dem bloß Fiktiven eine neue Wirklichkeit entsteht, die selbst das Vergangene und scheinbar sicher Erfahrene unter neuem Licht erscheinen lässt.
Bei Perutz kommt noch eine psychologische Ebene hinzu: Inwieweit kann man seine eigene Vergangenheit behübschen, beschönigen, verändern, mit welcher Konsequenz kann dies getan werden, um dann - zumindest für den Betreffenden - tatsächlich zu einer neuen Realität zu werden. Erinnerungen sind ja oft trügerisch und fast jeder hat irgendwann die Erfahrung gemacht, dass vermeintlich Sicheres sich durch neue Quellen als so sicher dann doch nicht erweist. Sehr viel häufiger allerdings als dieses irrtümliche (wenn man nicht das Unterbewusste für solche Modifikationen heranzieht) Verirren in einer sicher geglaubten Faktizität der Vergangenheit ist ein mutwilliges Umlügen der eigenen Biographie (heutzutage wird zu diesem Behufe häufig ein Psychotherapeut herangezogen, der dann der "neuen" Vergangenheit eine "wissenschaftliche" Basis verleiht), ein konsequentes Sich Selbst Einreden einer neuen Sachlage, ein Verändern, das, wie beim Ich-Erzähler Perutz', dazu dient, vor seiner Umgebung in besserem Licht dazustehen. (Solche Neu-Biographien waren auch nach dem Ende des zweiten Weltkrieges hoch im Kurs.)
Und dann wieder ist es auch das amüsante Spiel mit dem "wie könnte es auch gewesen sein?", "gibt es eine Zwangsläufigkeit im Ablauf der Ereignisse?" - etwa an das äußerst geistreiche und amüsante Spiel A. Demandts mit der "Ungeschehenen Geschichte" erinnernd. Auch wenn es dort vielmehr darum geht, welche Bedingungen weggelassen werden könnten, um zum status quo zu gelangen (wenngleich ich eher ein Anhänger der historischen Schmetterlingsflügelschlagtheorie bin, dergestalt, dass auch minimale Ursachen große Wirkungen entfalten können).
Zu Demandt hatten wir ja was im alten Forum bzw. zur Fragwürdigkeit teleologischer Vorstellungen (Hegels Weltgeist grüßt ...).
lg
orzifar
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Nur ganz kurz und provisorisch - noch kein abschliessendes Résumée: Am Nachwort kaue ich noch herum. Nicht weil ich es so schlecht fände (so begeistert wie Du bin ich allerdings nicht, der Trick kommt mir ein bisschen zu plötzlich, als ob der Autor die Lust am Spiel verloren hätte), sondern weil es für mich die Fiktionsfrage nicht nur verdoppelt sondern gleich verdreifacht. Der Herausgeber nennt Yoschens Werk einen "Roman". Das ist er ja auf Yoschens Ebene nicht. Für ihn sind es Erinnerungen (echt oder falsche, das bleibe mal dahingestellt). Für den Herausgeber ist es ein Roman, aber im Sinne einer von Yosch erdachten Geschichte, nicht im literarischen Sinne. Für mich als Leser nun ist es aber ein Roman im literarischen Sinn. Nur ist dessen Autor nicht Yosch (der sinnigerweise die Vornamen Gottfried und Adalbert trägt), sondern Perutz. Der also auch in seinen Roman hineinguckt, oder?
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Nur ganz kurz und provisorisch - noch kein abschliessendes Résumée: Am Nachwort kaue ich noch herum. Nicht weil ich es so schlecht fände (so begeistert wie Du bin ich allerdings nicht, der Trick kommt mir ein bisschen zu plötzlich, als ob der Autor die Lust am Spiel verloren hätte), sondern weil es für mich die Fiktionsfrage nicht nur verdoppelt sondern gleich verdreifacht.
Perutz macht nach dem Fast- und Ganzgeständnis Ende des 8. Kapitels eine sanfte Wendung Richtung Phantastik, er beginnt eine andere Variation des Themas und der Ich-Erzähler kann sein Kompensationsstück beginnen. _Dass_ es ein solches ist, wird erst aus diesem Nachwort ersichtlich, wodurch das Unbehagen (das mich bei der Darstellung manchmal befiel) nicht als ein Konstrukt erscheint, sondern als plausible psychologische Finte.
Der Herausgeber nennt Yoschens Werk einen "Roman". Das ist er ja auf Yoschens Ebene nicht. Für ihn sind es Erinnerungen (echt oder falsche, das bleibe mal dahingestellt).
Diese letzte Frage ist wohl nicht zu beantworten, das ist selbst im wirklichen Leben eine Gratwanderung (und ich kenne Personen, die sich in genau diesem Graubereich zu bewegen scheinen, wenngleich ich wegen mangelnder Innenansicht nicht feststellen kann, inwieweit sie ihren Konstrukten tatsächlich glauben. Alle Indizien deuten aber darauf hin, dass sie es teilweise wirklich tun.)
Für den Herausgeber ist es ein Roman, aber im Sinne einer von Yosch erdachten Geschichte, nicht im literarischen Sinne. Für mich als Leser nun ist es aber ein Roman im literarischen Sinn. Nur ist dessen Autor nicht Yosch (der sinnigerweise die Vornamen Gottfried und Adalbert trägt), sondern Perutz. Der also auch in seinen Roman hineinguckt, oder?
Hm, ganz vermag ich dein Problem (wenn es denn ein solches sein sollte) nicht nachzuvollziehen. Natürlich sind Herausgeber und Yosch in der Hand von Perutz - und der Herausgeber wird von Perutz genauso zu bestimmten Zwecken instrumentalisiert wie der Baron. (Eine ähnliche, dort aber aufgesetzte, weil eigentlich sinnlose Konstruktion findet man in L_olita: Humbert schreibt, stirbt und ein Herausgeber macht diese Schrift dann der Öffentlichkeit zugängig. Da aber dort kein Spiel mit den Möglichkeiten, Wirklichkeiten betrieben wird, da dort nirgends Zweifel am Stattgehabten angebracht sind - da die Elemente selbstverständlich alle von Nabokov erzählt und verwendet werden, finde ich diese Rahmenhandlung überflüssig.)
Perutz hingegen spielt auf doppelter Ebene: Schon im ersten Absatz stutzt der Leser, denn der Ich-Erzähler gibt vor "nichts zu unterdrücken. Wozu auch?" Aber wer die Wahrheit derart mit Anlauf und plakativ preiszugeben die Absicht kundtut, ist schon mit Vorsicht zu genießen. Dann das Ende des 8. Kapitels: Die - recht triviale - Auflösung des Todes des Schauspielers wird dem Leser angeboten, indem der Erzähler sich kurz zu erinnern glaubt an genau jene Dinge, die der Herausgeber im Nachwort als zutreffend und richtig beschreibt. Und ab Kapitel 9 beginnt das doppelte Spiel: Zum einen ist dem geübten Leser klar, dass alles so einfach nicht gewesen sein kann (er sieht auch am Umfang des Buches, dass da noch etwas kömmt) - und Perutz beginnt einem die zu Beginn etwas sehr seltsam anmutende Geschichte vom "Meister des Jüngsten Tages" unterzujubeln. Zuerst skeptisch, dann - durch die zwar abenteuerliche, aber in sich geschlossene Konstruktion - ist man von all den Abenteuerlichkeiten schließlich überzeugt.
Und im Nachwort des Herausgebers streckt einem Perutz die Zunge heraus: Bäääh, hast du das wirklich alles geglaubt? Diese ganzen Abstrusitäten, Drogenexzesse, irrwitzigen Selbstmorde? Und stellt er nicht gleichzeitig auch diese Auflösung in Frage, treibt er nicht einfach sein Spiel weiter? Könnte es nicht weitergetrieben werden? Ein zusätzlicher Herausgeber berichtet neue Wahrheiten - und dann noch einer und noch einer ... Wann erfahren wir die Wahrheit, ist das nicht wie bei den russischen Babuschkas, dass da immer eine neue auftaucht? (Als Kind hat mich immer die Frage fasziniert, was denn nun sei, wenn ich im Traum einschlafe und abermals träume usf. Wann weiß ich, dass ich in der endgültigen Wirklichkeit angekommen bin, dass ich nicht gerade auf Stufe 4 oder 6 des Träumens eines Traums eines Traums usf. bin?)
Das ist der Grund, weshalb mir die Konstruktion mit dem Herausgeber - ausnahmsweise - gefällt. Denn dies ist kein Kunstgriff eines gefundenen Manuskriptes, die gerade in der Literaturgeschichte in derartigen Mengen und Massen die Schließfächer, Schreibtischschubladen oder geräumigen Manteltaschen bevölkern, das mir manchmal das kalte Grausen (auch ob der Einfallslosigkeit der Dichterlinge) kommt. Dieser Herausgeber ist für die Geschichte wichtig, ohne ihn läge eine bloß spannende Story vor, so aber steckt noch - wie oben beschrieben - sehr viel mehr dahinter. Wir werden mit der Fragwürdigkeit einer Wirklichkeit konfrontiert, von der wir niemals etwas mit Gewissheit sagen können, mit psychologischen Verdrängungsmechanismen, mit unserer eigenen Gutgläubigkeit. Denn - hat des Barons Yosch phantastische Ausgestaltung nicht gerade dadurch Plausibilität erlangt, weil ihm der Leser zu glauben geneigt ist? Bis zum Donnerschlag des Herausgebers? Das ist schon sehr gut gemacht.
lg
orzifar
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Nein, ich habe kein Problem mit dem Nachwort. Obwohl ich denke, dass man das Ganze noch eleganter hätte lösen müssen. Perutz haut hier schon mit dem grossen Vorschlagshammer um sich. Von der Idee her fnde ich den Roman sehr gelungen - das Spiel mit Realitätsebenen hat Chic.
Perutz macht nach dem Fast- und Ganzgeständnis Ende des 8. Kapitels eine sanfte Wendung Richtung Phantastik, er beginnt eine andere Variation des Themas und der Ich-Erzähler kann sein Kompensationsstück beginnen.
Ist jetzt mehr oder weniger Wortklauberei: Gerade so um diesen Teil herum hatte ich den Eindruck, von einem phantastischen Roman in einen Kriminalroman abgeglitten zu sein. In einen mit einer sehr eigenen Konstruktion wohlgemerkt, indem der Ich-Erzähler weder der Detektiv ist noch dessen Gehilfe wie im klassischen Krimi, sondern der ursprünglich Tatverdächtige, der Sherlock Solgrub und Doktor Watski bei ihren Ermittlungen zuguckt. Die Konstruktion ist schief, und nur schon deshalb kann sie nicht "wahr" sein: Sie verstösst gegen die Grundprinzipien des Kriminalromans.
(Es gibt übrigen eine Sherlock-Holmes-Erzählung, auch ein Locked-Room-Mystery, das in der Lösung praktisch identisch ist mit dem hier von Perutz-Yosch entworfenen Fall.)
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Abgesehen vom Nachwort des Herausgebers:
Drommetenrot: Die Farbe, die den Jüngsten Tag nicht nur symbolisiert, sondern offenbar (und zumindest für den Maler) der Jüngste Tag ist. Da hat ja auch Walter Benjamin eingehakt. Ich habe doch auch schon ein bisschen was gelesen, aber diese Verwendung einer Farbe ist mir noch nicht untergekommen. Farbe symbolisch verwendet: jede Menge, ja. Farbe als Agens, als Weltuntergang - nicht, dass ich mich erinnern könnte. Abgesehen davon, dass der Farbton selber (drommetenrot) mir vor Perutz auch noch nie untergekommen ist. In "Drommeten" höre ich übrigens "Trommeln" und "Trompeten" - war Perutz Synästhesist, dass er hier Farben und Töne kombiniert?
Und dann der - bei einem Kakanier jener Zeit offenbar unumgängliche - Ausflug in die (Tiefen-)Psychologie: Die Angst als natürlicher Begleiter der (schöpferischen) Phantasie. Eine Urangst, kreatürlich, nur durch zivilisatorische Prozesse quasi beiseitegesperrt. Durch bewusstseinserweiternde Drogen wieder heraufrufbar. Vielleicht sollte ich Aldous Huxleys The Doors of Perception und Heaven and Hell doch mal lesen. Kennt das jemand?
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Hallo!
Ich bin weder mit den Grundprinzipien noch mit Sherlock Holmes und Doktor Watson wirklich vertraut. Hingegen wird die Eigenetikettierung Perutz', dass es sich um _keinen_ Kriminalroman handle, erst durch den von ihm geschaltetenHerausgeber evident. Zwackt man dieses Ende ab, kann man den Roman problemlos als Krimi durchgehen lassen, so aber wird das Spiel mit den Wirklichkeitsebenen (die sich bei den im Buch im Schwange stehenden Rauschmitteln aufdrängen) betrieben, es wird auch eine Frage von Schuld und deren Kompensation. Möglicherweise kann Yosch nur durch diese Konstruktion überhaupt weiterleben, in jedem Fall aber scheint sie für ihn notwendig zu sein.
Zur Farbe und dem Synästhetizismus: Zustimmung. So ein jüngster Tag ohne Pauken und Trompeten (Posaunen und Trommeln) nebst diversen intensiven Farbelebnissen ist natürlich undenkbar - und selbstverständlich sind solche Erscheinungen dem Drogenkonsumenten nicht ganz fremd. (Möglicherweise könne Lesende (hier Mitlesende) von derlei Erfahrungen selbst berichten, ich weise strikt alle diesbezüglichen Verdächtigungen von mir und halte fest, dass es sich meinerseits selbstverständlich nur um Vermutungen handelt. Wie schreibt Perutz? Ich unterdrücke nichts, wozu auch ... ;).)
Und auch beim künstlerischen Kreativitätsproblem stimme ich zu. Perutz weist ja auch ausdrücklich darauf hin, dass sich von der Drogenmischung vor allem Künstler, deren Schaffenskraft ihrer eigenen Meinung nach zu versiegen droht, angezogen fühlen. Man könnte in der Interpretation vielleicht noch einen Schritt weitergehen: Dass nämlich der Künstler nur dann Großes zu schaffen imstande ist, wenn er sich voll und ganz auf diesen Schaffensprozess einlässt - und dass er dieses Einlassen durch Wahnsinn und Tod bezahlen muss. Eine mir bezüglich des Romanes plausibel erscheinende Interpretation, die aber mir in ihrer Aussage ein wenig billig vorkommt. (Und ich würde sie nicht unterschreiben.)
lg
orzifar
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Guten Abend!
Hingegen wird die Eigenetikettierung Perutz', dass es sich um _keinen_ Kriminalroman handle, erst durch den von ihm geschaltetenHerausgeber evident. Zwackt man dieses Ende ab, kann man den Roman problemlos als Krimi durchgehen lassen, so aber wird das Spiel mit den Wirklichkeitsebenen (die sich bei den im Buch im Schwange stehenden Rauschmitteln aufdrängen) betrieben,
Einverstanden.
es wird auch eine Frage von Schuld und deren Kompensation. Möglicherweise kann Yosch nur durch diese Konstruktion überhaupt weiterleben, in jedem Fall aber scheint sie für ihn notwendig zu sein.
So, wie Sonja für Raskolnikow? ;)
Man könnte in der Interpretation vielleicht noch einen Schritt weitergehen: Dass nämlich der Künstler nur dann Großes zu schaffen imstande ist, wenn er sich voll und ganz auf diesen Schaffensprozess einlässt - und dass er dieses Einlassen durch Wahnsinn und Tod bezahlen muss.
Als Verallgemeinerung könnte ich dem auch nicht zustimmen. Was den Roman selber betrifft - ich weiss nicht. Zumindest Yosch ist da offenbar nicht mit inbegriffen. Obwohl er das Zeug raucht, kann er - gewaltsam aus dem Rausch zurückgeholt - offenbar ganz normal weiter existieren. Jedenfalls vermeldet er nichts Gegenteiliges. Vielleicht ist er ja kein Künstler (obwohl er ein passabler Musiker zu sein scheint, auch wenn ich seiner Interpretation von Brahms nicht folgen kann). Wenn wir aber annehmen, dass er tatsächich künstlerisch begabt war und u.U. den vorliegenden Roman unter dem stimulierenden Einfluss der Droge geschrieben hätte, kommen wir in Teufels Küche ...
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*nick* - in die Drogenküche. Das ergibt dann Schleifen wie auf Eschers Bildern. - Über Yoschs Weiterleben wissen wir eigentlich nichts - und überhaupt: Es gab ja diesen Pfeifeninhalt gar nicht, den er da geraucht hat. (Oder doch?? ;)) So gesehen stellt sich die Frage nicht, wie es dem guten Baron nach dem Konsum ging. Bestenfalls jene, was Perutz uns - vielleicht - damit sagen wollte. Aber ich hab's schon erwähnt: Diese Interpretation ist billig und ich mag sie im Grunde nicht. Es ist ein Verdacht, der sich zu sehr aufdrängt und ein wenig platt wirkt.
An den Vergleich mit Raskolnikow habe ich tatsächlich gedacht ;). Aber das führt wohl zu weit und wäre eine Seminararbeit für den Literaturstudenten.
lg
orzifar
p. s.: Was würde der Esoteriker wohl dazu sagen, dass wir diesen Roman ausgerechnet zum Jahrestag von Woodstock zu rauchen, äh lesen begonnen haben?
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war Perutz Synästhesist, dass er hier Farben und Töne kombiniert?
Vielleicht sollte ich Aldous Huxleys The Doors of Perception und Heaven and Hell doch mal lesen. Kennt das jemand?
Zur Farbe und dem Synästhetizismus: Zustimmung. So ein jüngster Tag ohne Pauken und Trompeten (Posaunen und Trommeln) nebst diversen intensiven Farbelebnissen ist natürlich undenkbar - und selbstverständlich sind solche Erscheinungen dem Drogenkonsumenten nicht ganz fremd.
Auch Aldous Huxley schreibt in „Die Pforten der Wahrnehmung“ über intensivere Farbwahrnehmung nach Einnahme von Meskalin. Z.B. sieht er einen „Reigen goldener Lichter“, „prächtige rote Flächen“, die anschwellen und sich ausdehnen. Die Erzählung „Die Pforten des Opiums“ speist Marcel Schwob (1867-1905) auch mit visuell intensiven Beschreibungen.
Ihr Gesicht mit Safran eingerieben und die Augen zu den Schläfen hin gedehnt; ihre Wimpern waren goldbestäubt...ebenholzschwarze Zähne warern mit funkelnden kleinen Diamanten übersät.
Ich finde es außerordentlich Interessant, das Schwob Edelsteine erwähnt. In „Himmel und Hölle“ zitiert Huxley aus einigen alten religiösen Texten, die sich ähneln wie Erlebnissberichte nach Einnahme von Meskalin; sehr oft kommen Edelsteine darin vor und sehr farbintensive Beschreibungen.
Sogar im „Phaidon“ von Plato:
In jener anderen Welt sind die Farben viel reiner und leuchtender als hier unten....In jener anderen Welt gibt es keinen Stein, der nicht kostbar wäre und an Schönheit jeden unserer Edelsteine überträfe.
Liebe Grüße
mombour
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Aber ich hab's schon erwähnt: Diese Interpretation ist billig und ich mag sie im Grunde nicht. Es ist ein Verdacht, der sich zu sehr aufdrängt und ein wenig platt wirkt.
Geht mir auch so.
Auch Aldous Huxley schreibt in „Die Pforten der Wahrnehmung“ über intensivere Farbwahrnehmung nach Einnahme von Meskalin. Z.B. sieht er einen „Reigen goldener Lichter“, „prächtige rote Flächen“, die anschwellen und sich ausdehnen.
Du hast es also gelesen? Nun, ich notiere mir das Buch mal geistig. Obwohl ... einen Reigen goldener Lichter oder prächtige rote Flächen sehe ich u.U. auch nur schon, wenn ich mir den Ellbogen irgendwo anschlage ... O0
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Nunja, Drogenerfahrungen sind heutzutage kein Künstlern vorbehaltenes, elitäres Erlebnis mehr; ich kenne kaum jemand aus meiner Generation, der damit nicht zumindest einige wenige Erfahrungen gemacht hätte. Ob Meskalin (in best. Alpenregionen sieht man oft eigenartige Schwammerlsuchtrupps, die es offenbar nicht nach Champignons und Herrenpilzen verlangt), Cannabis, Opiate oder Verwandtes - mit intensiven Farbwahrnehmungen darf man allüberall rechnen und LSD-Trips (gibt's die heute noch?) lassen das versammelte Bestiarium von Hieronymus Bosch vorüberziehen. Ich würde den beschriebenen Erfahrungen nicht allzu große Bedeutung zumessen (im Sinne einer metaphorischen Interpretation des Erlebten), Edelsteine mögen wohl deshalb häufig in solchen Beschreibungen auftauchen, weil ihre Farben als besonders rein gelten und deshalb in diesem Zustand gern assoziiert werden.
Wo genau ist die Stelle bei Phaidon? (Sie wird sich wohl eher auf das "ideal Seiende" beziehen denn auf entrückte Zustände, aber ich kann mich an die Passage nicht erinnern.)
lg
orzifar
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Wo genau ist die Stelle bei Phaidon? (Sie wird sich wohl eher auf das "ideal Seiende" beziehen denn auf entrückte Zustände, aber ich kann mich an die Passage nicht erinnern.)
Oh, das kann ich leider nicht sagen, weil Huxley nicht die Stephanus-Nummerierung preisgibt. Ja, es geht da wohl um die Ideenlehre. Platon war wohl kein Kiffer. :)
Liebe Grüße
mombour
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Ich würde den beschriebenen Erfahrungen nicht allzu große Bedeutung zumessen (im Sinne einer metaphorischen Interpretation des Erlebten), Edelsteine mögen wohl deshalb häufig in solchen Beschreibungen auftauchen, weil ihre Farben als besonders rein gelten und deshalb in diesem Zustand gern assoziiert werden.
Dem ist wohl so. Wie gesagt: Schon ein heftiger, unerwarteter intensiver Schmerz vermag so was auszulösen. Der Mensch ist wohl etwas locker verdrahtet. Im übrigen bin ich von Perutz sehr überrascht und erfreut. Seine Story ist intelligenter als mich der Anfang vermuten liess, wo er doch kaum über das Niveau von Strobl hinauskam. (Der allerdings seinerseits heutige Trivial- oder Unterhaltungsliteratur in der sog. "Fantasy" um einiges übertrifft.)
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Solltest du weitere Perutz-Gelüste verspüren, ich würde mich beteiligen. Das geht immer auch zwischendurch, weil kurz und doch sehr angenehm zu lesen. Ich werde mir wohl auch die kurze Perutz-Biographie von Hans-Harald Müller zu Gemüte führen.
lg
orzifar
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Solltest du weitere Perutz-Gelüste verspüren, ich würde mich beteiligen.
Hm ... ich weiss noch nicht. Giesbert Damaschke hat im Klassikerforum (http://www.klassikerforum.de/index.php/topic,70.msg38032.html#msg38032) Perutz' Zwischen neun und neun so nebenbei und so ziemlich in die Pfanne gehauen. Gibt's denn noch Empfehlenswerteres?
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Ach, schon werden wieder Zweifel gesät an einem Autor, den ich als echte Wiederentdeckung eingeschätzt habe. Ich kenne von ihm auch nur den „Meister“, habe aber noch „Der schwedische Reiter“ aus der SZ-Bibliothek im Regal. Bei Amazon gibt es dazu wie fast zu allen Büchern Perutz’ nur positive Stimmen, bei Perlentaucher.de eine positive Rezensionsnotiz aus der „Zeit“ und eine etwas kritischere aus der „NZZ“ http://www.perlentaucher.de/buch/11399.html (http://www.perlentaucher.de/buch/11399.html). Ich habe noch Hoffnung!
Gruß
Anna
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Hallo,
jawohl, man sollte Giesbert Damaschkes Meinung nicht als absolutum mauern ;D
Ich habe alle Perutz-Romane gelesen. Meine Favoriten: "Die dritte Kugel", der Prager Roman (konzipert als Novellenzyklus) "Nachts unter der steinernen Brücke" und "Der schwedische Reiter". Selbst "Zwischen Neun und Neun" ist urig und rätselhaft, endet allerdings mit einem Aha-Erlebnis,Auflösung durch einen Plot, dagegen ist die "Die dritte Kugel" noch viel raffinierter und rätselhafter (ein unlösbares Rätsel).
Liebe Grüße
mombour
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Hallo!
Ich meine zwar einiges von Perutz schon gelesen zu haben, es liegt aber zu lange zurück für eine entsprechende Einschätzung. Beim "Meister" gefiel mir die Präzision der Beschreibung, man spürt - so mein Eindruck - den Zivilberuf des Mathematikers Perutz durch. Und diesem Denken - in all seine Paradoxien - kann ich viel abgewinnen, es scheint mir auch für das Genre des Kriminalromans (sofern's denn einer ist) gut geeignet. Zwischen 9 und 9 hab ich nicht zu Hause, kann mich aber der Meinung BigBens anschließen, dass man Perutz schon zu Ende lesen sollte, weil sich so manches erst aus diesem Ende erschließt.
Ich wäre also für weitere Leserunden offen, manches müsste ich mir allerdings kurzfristig besorgen (4 Bücher hab ich hier).
lg
orzifar
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Ach, schon werden wieder Zweifel gesät an einem Autor, den ich als echte Wiederentdeckung eingeschätzt habe.
Hm ... ich bin da schon ein wenig zurückhaltender. Wiederentdeckung - das waren für mich in den letzten beiden Jahren Hans Jürgen von der Wense und Albert Vigoleis Thelen. Perutz ist charmant und geistreich, aber nicht ganz so originell wie die beiden. Was mich nicht daran hindern soll, mehr von ihm zu lesen.
Also:
Ich wäre also für weitere Leserunden offen, manches müsste ich mir allerdings kurzfristig besorgen (4 Bücher hab ich hier).
gilt auch für mich. Nur, dass ich mir jeden Text noch besorgen müsste, da ich keinen hier habe. Auch nicht auf dem Dachboden. ;)
[...] kann mich aber der Meinung BigBens anschließen, dass man Perutz schon zu Ende lesen sollte, weil sich so manches erst aus diesem Ende erschließt.
Das gilt auch für Ambrose Bierce >:D ... Oder Hemingway. (Wobei einem die Lektüre von Bierce im Grunde genommen den ganzen Hemingway sparen lassen kann. Bierce kann's besser. Und weniger Macho-Gedöns hat er auch.)
jawohl, man sollte Giesbert Damaschkes Meinung nicht als absolutum mauern ;D
Nein. Aber ich kenne Damaschke (virtuell) nun wohl schon über 10 Jahre. Er gehört definitiv zu jenen, auf deren Meinung ich höre, weil ich sie oft als mit der meinen übereinstimmend gefunden habe.
Ich habe alle Perutz-Romane gelesen. Meine Favoriten: "Die dritte Kugel", der Prager Roman (konzipert als Novellenzyklus) "Nachts unter der steinernen Brücke" und "Der schwedische Reiter". Selbst "Zwischen Neun und Neun" ist urig und rätselhaft, endet allerdings mit einem Aha-Erlebnis,Auflösung durch einen Plot, dagegen ist die "Die dritte Kugel" noch viel raffinierter und rätselhafter (ein unlösbares Rätsel).
Prager Roman, unlösbares Rätsel ... hm ... Die dritte Kugel klingt interessant. (Vorausgesetzt, Perutz hat da nicht schon wieder von Bierce sich inspirieren lassen ;). - Ich sage jetzt nicht "geklaut" ... :-X ;D)
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[...] kann mich aber der Meinung BigBens anschließen, dass man Perutz schon zu Ende lesen sollte, weil sich so manches erst aus diesem Ende erschließt.
Das gilt auch für Ambrose Bierce >:D ... Oder Hemingway. (Wobei einem die Lektüre von Bierce im Grunde genommen den ganzen Hemingway sparen lassen kann. Bierce kann's besser. Und weniger Macho-Gedöns hat er auch.)
Hemingway?? Den Zusammenhang verstehe ich nicht. Das Ende von "Wem die Stunde schlägt" passt etwa wunderbar zum Rest. Hemingway kann man ohne schlechtes Gewissen im Frühtau ad acta legen. In keinem Fall aber hat mich Hemingway jemals (ob nun bei vorerwähntem Roman oder bei manchen besseren Geschichten) durch das Ende überrascht.
Prager Roman, unlösbares Rätsel ... hm ... Die dritte Kugel klingt interessant. (Vorausgesetzt, Perutz hat da nicht schon wieder von Bierce sich inspirieren lassen ;). - Ich sage jetzt nicht "geklaut" ... :-X ;D)
Besser ein guter Plagiator als ein schlechter Geschichtenerfinder. Gegen Abschreiben und Nacherzählen habe ich gar nichts, wenn's denn ansprechend gemacht ist. Das haben viele Schriftsteller getan - und wenn's denn gute sind, dann wird auch was draus. Soll er ruhig klauen, wenn er das Gestohlene auch entsprechend verwurstet. Nur Stehlen ist natürlich zu wenig.
lg
orzifar
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Ach, schon werden wieder Zweifel gesät an einem Autor, den ich als echte Wiederentdeckung eingeschätzt habe.
Hm ... ich bin da schon ein wenig zurückhaltender. Wiederentdeckung -
Na ja, für Eingeweihte natürlich nicht. Ich denke da mehr an die Otto Normalverbraucher. Perutz wurde doch jahrelang kaum beachtet. Aber seitdem die gelbe dtv-Edition erschienen ist, wird er tatsächlich wieder mehr gelesen, zumindest ist das mein Eindruck aus den Foren.
Vigoleis Thelen habe eigentlich ich wieder entdeckt. ;D Im zartesten Jugendalter habe ich eine billige und billig aufgemachte Taschenbuchausgabe von Ullstein erworben. Kein Mensch kannte den Autor damals, weder der Buchhändler noch meine Eltern noch mein Deutschlehrer. Allerdings wusste ich meine Entdeckung nicht zu schätzen. Ich habe das Buch nach etwa 70 Seiten abgebrochen, weil ich den Erzähler bzw. den Erzählton als ziemlich eitel und selbstgefällig empfand. Jung und dumm wie ich war, hatte ich für das Schelmische offenbar noch nicht den rechten Sinn. Jetzt bin ich wieder interessiert, aber meine Ullsteinausgabe mit den Knicken im Buchdeckel ist natürlich längst über alle Berge.
Gruß
Anna
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Hemingway?? Den Zusammenhang verstehe ich nicht. Das Ende von "Wem die Stunde schlägt" passt etwa wunderbar zum Rest. Hemingway kann man ohne schlechtes Gewissen im Frühtau ad acta legen. In keinem Fall aber hat mich Hemingway jemals (ob nun bei vorerwähntem Roman oder bei manchen besseren Geschichten) durch das Ende überrascht.
Ich meinte nur seine Short Stories. In seine Romane habe ich mich nie verirrt. Und: Doch ja, mich jungen, 16- bis 17jährigen Spund haben seine Enden schon überrascht. Heute bin ich der Meinung, dass Bierce das ja besser konnte, damals kannte ich Bierce noch gar nicht und auch sonst wenig ...
Na ja, für Eingeweihte natürlich nicht. Ich denke da mehr an die Otto Normalverbraucher. Perutz wurde doch jahrelang kaum beachtet. Aber seitdem die gelbe dtv-Edition erschienen ist, wird er tatsächlich wieder mehr gelesen, zumindest ist das mein Eindruck aus den Foren.
Ich habe mich schlampig ausgedrückt, entschuldige. Eigentlich meinte ich nicht eine "Wiederentdeckung" sondern eine "Entdeckung", also ein neuer, mir auch nicht aus irgendwelchen Schulkanons bekannter Autor, dessen Qualität mich zu mindestens 95% überzeugt. Und das erreicht Perutz bei mir nicht. Ich habe sicherlich schon viel Schlimmeres gelesen (so gerade eben die beiden Schlussteile von Austers New York Trilogy), aber 95% hat Perutz bei mir nicht erreicht.
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Gestern hätte ich nach meiner Jünger-Pleite fast mit einem Perutz angefangen. Aber Vonnegut hat dann das Rennen gemacht.
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Gestern hätte ich nach meiner Jünger-Pleite fast mit einem Perutz angefangen. Aber Vonnegut hat dann das Rennen gemacht.
Welches Buch? Schlachthof 5? Und welcher Jünger hat dir Ungemach bereitet?
lg - orzifar
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Welches Buch? Schlachthof 5?
"Der taubenblaue Drache"
Und welcher Jünger hat dir Ungemach bereitet?
"Das abenteuerliche Herz"