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Lektüren, Rezensionen => Gerade am Lesen ... => Topic started by: orzifar on 28. Juli 2009, 15.54 Uhr

Title: W. G. Sebald: Unheimliche Heimat
Post by: orzifar on 28. Juli 2009, 15.54 Uhr
Ein Essayband zur österreichischen Literatur unter dem Gesichtspunkt des prekären Verhältnisses der Schriftsteller zu ihrer Heimat. - Mir selbst ist jeder Heimatbegriff suspekt, wird er doch allzu oft in Verbindung mit Formen des Patriotismus verwendet (und dieser ist mir nicht nur suspekt, sondern auch fremd und schwer verständlich). Heimat bestenfalls als ein - nicht zwangsläufig geographischer - Ort, an dem man sich wohl, aufgehoben, verstanden fühlt.

Sebald wählt seine Personen, Themen unter dem Aspekt einer verlorenen, fremden Heimat aus, desjenigen, der, durch welche Umstände auch immer, aus seiner bisherigen Lebensumgebung vertrieben wird, sich unerwünscht fühlt. Von diesem Gesichtspunkt aus wird "Heimweh" nachvollziebarer, es ist - wie bei einem Schriftsteller verständlich - oft die Sehnsucht nach dem heimatlichen Idiom.

Der erste von ihm behandelte Autor ist Karl Postl (Charles Sealsfield), der sich nach seinem mehr-weniger freiwilligen Bruch mit der katholischen Kirche (er war im Kloster) zur Auswanderung gezwungen sah. Postl war eine widerspruchsvolle Gestalt, der sich einerseits als Republikaner verstand und als Gegner des Metternichschen Systems, andererseits diesem Metternich aber von sich aus Spitzeldienste offerierte. Auch seine Bücher von ähnlicher Ambivalenz: Das Aufzeigen der Unterdrückung der amerikanischen Urbevölkerung neben der als selbstverständlich angesehenen Doktrin, dass diese "primitiveren Völker" einem natürlich Ausrottungsprozess zum Opfer fallen müssten.

Sebald gelingt in diesem ersten Teil ein - sprachlich wie immer - eindrucksvolles Stück über Zerrissenheit, Heimatverlust und Verstörung. Die Hassliebe Postls zu seiner österreichischen Heimat, die Widersprüchlichkeit seiner Empfindungen, all das spiegelt sich wider in den Büchern. Und ist Anlass dafür, dass er von allen nur möglichen politischen Richtungen für ihre Zwecke vor den oft zweifelhaften Karren gespannt wird. Also auch ein Stück Rezeptionsgeschichte, Beweis der Kreativität literaturhistorischer Bemühungen, einen einmal ins Auge gefassten Autor für die eigenen Zwecke zu instrumentalisieren.

lg

orzifar
Title: Re:W. G. Sebald: Unheimliche Heimat
Post by: orzifar on 27. Oktober 2009, 14.25 Uhr
Hallo!

Das Gegenstück zur schülerhaften Betrachtungsweise von Leben und Werk Roths bei Sternburg liefert Sebald: In zwei Kapiteln setzt er sich mit Roth auseinander (Westwärts - Ostwärts: Aporien deutschsprachiger Ghettogeschichten; Ein Kaddisch für Österreich: Über Joseph Roth) - und welch ein Unterschied. Hier hat man das Gefühl, Lebensgefühl und Verzweiflung Roths und des alten Österreichs zu spüren, getragen von einem tiefen Verständnis für die Zerrissenheit des Schriftstellers. Und einige wenige Sätze (etwa zum Roman "Das falsche Gewicht") zeugen von einer sehr viel tiefergehenden Auseinandersetzung als dies bei Sternburg jemals der Fall ist. Schwer diesen so fundamentalen Unterschied in Worte zu fassen: Während auf der einen Seite eine trockene, brav geschriebene Seminararbeit zu lesen ist, hat man beim anderen den Eindruck, dass er Dichter und Werk von Grund auf versteht. Und dies keinesfalls auf eine "romanhafte" Art und Weise, sondern sich an den Fakten orientierend. Fakten, die für Sebald mehr sind als bloße Tatsachen, ohne dass er in Interpretationsmanie verfiele - im Gegenteil: Sein Aussagen sind klar, konzis.

Etwas ganz Besonderes in diesem Buch ist das Kapitel über Peter Altenberg (Peter Altenberg: Le paysan de Vienne): Ich kann mich keines literarischen Essays erinnern, den ich aus Freude an Sprache und Inhalt zweimal hintereinander gelesen hätte. Ein ganz außergewöhnliches Stück.

Störend manchmal: Die Zitate von Benjamin (den ich für einen Schwätzer halte) oder auch von Roland Barthes (der bei mir auch nicht wirklich hoch im Kurs steht). Diese Zitate machen auch den stilistischen Unterschied deutlich; während Sebalds Sprache immer um Klarheit bemüht ist (ohne einfach im negativen Sinn zu sein), erschließt sich mir der Sinn eines eingefügten Benjamin-Absatzes bestenfalls in dreifacher Zeit, wobei noch immer nicht ganz klar wird, was mir der Mann eigentlich sagen will.

lg

orzifar