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Lektüren, Rezensionen => Gerade am Lesen ... => Topic started by: orzifar on 15. März 2019, 05.37 Uhr
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... aus den unterschiedlichsten Gründen. Weil es nicht viel zu sagen gibt, ich zu faul bin, zu müde, zeitlich zu beansprucht. Was auch immer.
So auch Glattauers "Alle sieben Wellen", Fortsetzung des millionfach verkauften "Gut gegen Nordwind (https://litteratur.ch/SMF/index.php?topic=579.msg4861#msg4861)". Auch hier wieder angenehme Unterhaltung, eine durchaus witzige Geschichte von zweien, die einander nicht finden können (und sich schließlich doch kriegen). Das Phänomen, dass man sich (auch) in die Sprache des anderen verlieben kann, dass ein solcher Emailwechsel spannend, beklemmend sein und das virtuelle Leben die Realität ein- und überholen kann, ist sehr gut eingefangen.
lg
orzifar
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Hallo,
Rainer R. Schoch: Die Frühzeit der Saurier in Deutschland, ein Fachbuch, dass mich als bestenfalls interessierten Laien zum Teil mit lateinischen Fachausdrücken erschlagen hat. Es geht um die Frühzeit der Saurier, also um Perm und vor allem Trias (mit der Trias-Jura-Wende bricht das Buch ab). Für mich gab's selbstredend viel Neues, ein Buch weniger zum Durchlesen, als zum Nachschlagen. Wobei nicht nur deutsche Fundstätten (wie im Titel suggeriert) behandelt werden (wobei - Deutschland? - die Welt hat dann doch sehr anders ausgesehen, das besagte Deutschland stand mal von Norden, mal von Süden her unter Wasser, Europa war mit Nordamerika noch fest verbunden).
Faszinierend im übrigen, wie bestimmte Baupläne sich immer wiederholen (auch wenn die betreffenden Tiere kaum verwandt sind), das Aussehen der Ichtyosaurier den heutigen Delphinen etwa zum Verwechseln ähnlich ist (Stenopterygius), auch die Baupläne der Krokodile schon sehr viel früher auftauchen etc. Es scheint zumindest in der phänotypischen Optimierung nicht so viele Möglichkeiten zu geben (interessant wäre natürlich, wie sich Leben auf anderen Planeten entwickelt, schade, dass wir das wohl noch lange nicht erfahren werden).
lg
orzifar
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Hallo!
Walter Kappacher: Silberpfeile. Ein Jornalist plant ein Buch über Tazzio Nuvolari, einen italienischen Rennfahrer - und über die Rennfahrerei der 30er im allgemeinen. Und trifft dabei auf Paul Windisch, der in einem Altersheim lebt, auf den Rollstuhl angewiesen ist, aber in der vorgenannten Zeit als einer der Cheftechniker bei der Auto-Union tätig war. Was zuerst wie eine wunderbare Quelle für sein Buch erscheint, wächst sich zu einer eigenen Geschichte aus: Windisch erzählt von der letzten Fahrt Bernd Rosemeyers (der bei einem Hochgeschwindigkeitsversuch mit 400 km/h verunglückte und für den von Hitler Staatstrauer angeordnet wurde), im zweiten Teil von seinem Leben in Zipf während des Krieges, einer Außenstelle des KZ Dora Mittelbau, in dem Raketenmotoren entwickelt wurden. Dazwischen eingestreut die Beschreibung der seltsamen Fernbeziehung des Journalisten zu seiner japanisch-us-amerikanischen Freundin, sein Wunsch nach Nähe, sein Unfähigkeit, diese zu ertragen.
In der typischen, ruhigen Kappacher-Diktion erzählt der Autor auch hier äußerst eindrucksvoll, ein Künstler der kleinen Szenen, wenngleich ein Automobilsportanhänger noch mehr Freude an den Schilderungen haben dürfte. Aber überaus lesenswert.
lg
orzifar
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Hallo,
John Brunner: Echo der Stern. Brunner ist Verfasser des recht bekannten "Schockwellenreiters" (https://blog.litteratur.ch/WordPress/?p=9064) und erinnert mit diesem Roman ein wenig an Lems "Stimme des Herrn" (eines meiner Lieblingsbücher von Lem; ich weiß nun allerdings nicht, welches Buch vorher erschienen ist). - Ein seltsames, technisches Gerät (der "Sterntropfer", im Original heißt das Buch "The Stardroppers") erzeugt Töne, die vielen Menschen eine Erkenntnis, "Heil" zu vermitteln scheinen. Immer mehr werden von dieser Manie erfasst und von Zeit zu Zeit verschwinden Menschen beim Hören der Sternenbotschaft. Ein Geheimagent wird auf die Sache (die in England besonders um sich greift) angesetzt, der sich in einem Netzwerk von Anhängern verliert. (Immer geht es auch darum, dass dieser Sterntropfer von den herrschenden Mächten der Welt als Waffe eingesetzt werden könnte.) Cross (der Agent) findet schließlich heraus, dass das Gerät (die physikalische Erklärung ist einigermaßen dubios - aber das ist nicht weiter schlimm) diejenigen, die sich darauf einlassen können, Möglichkeiten zur Teleportation eröffnet, die Fähigkeit wird aber nur den "Guten" unter den Menschen zuteil (warum wird nicht wirklich verständlich). Diese vereinigen sich und machen - mit Cross als Unterstützer - den Massenvernichtungswaffen aller Länder den Garaus.
Ein bisschen Esoterik (wie so oft in der SF), ein bisschen Hauch der revolutionären 60er, ein bisschen Utopie. Aber insgesamt doch recht klug und spannend geschrieben, angenehme Unterhaltung (aber auch nicht viel mehr).
lg
orzifar
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Hallo,
Stephen Pincock, Mark Frary: Der Ursprung des Universums - für dummies. Die "Für Dummies"-Serie bringt mittlerweile für jedes Fachgebiet Bücher heraus, ich kannte anfangs nur jene, die sich mit dem Programmieren bzw. der Informatik beschäftigten. Wobei die Qualität sehr unterschiedlich ist (so ist das neueste Javascript für Dummies eine einzige Katastrophe, das Buch über C habe ich gut in Erinnerung). Das hier vorliegende Buch erfüllt den Zweck einer Einführung recht gut, einzig der kleine Abstecher in die Biologie ist weniger gelungen ausgefallen. Ich lese solche Bücher aus didaktischen Gründen, da mein Nachwuchs sich für derlei zu interessieren beginnt und mir an neuen Erklärungsmethoden gelegen ist. Damit kann das Buch nicht wirklich dienen, aber ich habe mein Wissen in einigen Bereichen wieder aufgefrischt. Die österliche Nachthimmelbetrachtung hier am Land kann kommen.
lg
orzifar
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Hallo,
Thomas Feibel: Jetzt pack doch mal das Handy weg! - eine pragmatische Lektüre ob der (mittlerweile erfüllten) Forderung des Juniors nach einem Smartphone. Liest sich recht leicht, allerdings wartet man auf große Erkenntnisse vergebens. Was denn wohl auch bei diesem Thema nicht wirklich überraschend kommt.
Insgesamt aber ein "vernünftiges" Buch, das weder geprägt ist von der Verteufelung der "neuen Medien" - noch von Lobhudelei. Smartphones gehören schlicht zur Welt unserer Jugend - ob uns das gefällt oder nicht. Wenn also - wie im Buch erwähnt - Schuldirektoren meinen, dass diese nicht wirklich etwas zur Bildung beitragen würden, so ist dem Autor zuzustimmen, dass sich diese Frage gar nicht stellt (auch durch andere Hilfsmittel - wie Taschenrechner - wurden wir nicht klüger: Sie waren möglich, vorhanden und wurden in den Unterricht integriert). Und so wird es auch mit Smartphones, dem Internet usf. sein (wenn dies nicht schon längst Realität ist) und man wird sich darauf konzentrieren müssen, negative Auswirkungen auf ein Minimum zu beschränken.
Von dem Teil, in dem der Autor den Erwachsenen einen verantwortlichen Umgang mit dem smarten Ding anrät, war ich schlicht nicht betroffen: Ich habe mich erfolgreich dem Besitz eines Smartphones (bislang) widersetzt. Weil ich für mich den Eindruck gewonnen habe, dass der Ertrag in keinem Verhältnis zum Aufwand steht. Ich will nicht ständig erreichbar sein, ich habe nicht das Gefühl, etwas zu versäumen, wenn ich Nachrichten erst nach 12 oder 24 Stunden erfahre - denn nichts scheint so wichtig zu sein, dass man es nicht auch ein wenig später zur Kenntnis nehmen könnte (wenn ich von einem tragischen Todesfall einige Stunden später erführe, hätte ich im Grunde nur einige Stunden gewonnen). Das ist auch ein Grund meiner Abstinenz bezüglich aller sozialen Medien: Über den neuesten politischen Nonsens bin ich mit Verzögerung auf dem Laufenden, diverse Bonmots (bzw. das, was sich dafür hält) kann mir jemand auch per Mail mitteilen. Wenn sie denn etwas so ungeheuer Geistreiches vermitteln.
Und was Kontakte anbelangt, bin ich eher ein analoger Typus: Fast alle Mail-, Blog-, Chat-, Internetbekanntschafen, die über rein pragmatische Unterhaltungen hinausgingen, habe ich irgendwann persönlich getroffen. Was manchmal ernüchternd, dann wieder amüsant, selten ärgerlich war. Jedenfalls ist meine Sehnsucht nach mehreren tausend Followern (Freunden?) mehr als begrenzt: Wie es mich überhaupt beunruhigen würde, wenn mir jemand "folgen" würde (außer beim Nachwuchs, der mir aber diesbezüglich die Gefolgschaft ohnehin aufkündigt).
lg
orzifar
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Hallo,
Daniel Glattauer: Die Vögel brüllen. Glossen, die Glattauer nach der Jahrtausendwende im "Standard" veröffentlicht hat. Amüsant, teilweise wohl nur dem Österreicher wirklich verständlich (es wird auf innenpolitische Querelen angespielt), eine unterhaltsame Lektüre für zwischendurch.
lg
orzifar
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Hallo!
Terry Pratchett: Die Farben der Magie. In fast biblischem Alter meine erste Fantasy-Lektüre. Und gar nicht so übel, teilweise wirklich witzig und gut gemacht (und dass man bei diesem Genre nicht immer mit Kohärenz oder Stringenz konfrontiert wird, liegt auf der Hand). Dass die Scheibenwelt von einer Schildkröte getragen wird, hat Pratchett aus dem Hinduismus geklaut (und zeigt, dass kein mythologisches Welterklärungs- oder Schöpfungsmodell kurios genug sein kann, um nicht geglaubt zu werden). Alle 41 Bände der Scheibenwelt werde ich mir wohl nicht antun, ab und an aber ein Band ist ganz unterhaltend (und hat im Grunde auch mit pädagogischen Leseempfehlungen zu tun).
lg
orzifar
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Hallo!
Da hast Du mir sogar etwas bzw. einen Autor voraus. Pratchett hat es immer noch nicht auf meine (doch nicht ganz so kleine) Fantasy-Liste geschafft. Warum könnte ich aber auch nicht sagen...
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Hallo,
Fred Vargas (eig. Frédérique Audoin-Rouzeau): Der Zorn der Einsiedlerin. Mein erster Kriminalroman der Autorin, die mit dem Kommissar Jean-Baptiste Adamsberg einen schrulligen, liebenswerten Ermittler geschaffen hat, der offenbar in vielen ihrer Romane die Hauptrolle spielt. Im vorliegenden Buch geht es um seltsame Giftmorde (mit dem Gift der Braunen Einsiedlerspinne), deren Biss aber im Regelfall nicht zum Tode führt (jedoch unbehandelt eine Nekrose auslösen kann). Es sind alles ältere Männer, die von diesen Todesfällen betroffen sind und die Ermittlungen von Adamsberg (und seiner gesamten Gruppe, die von zahlreichen einprägsamen Charakteren gebildet wird) führen in deren Vergangenheit, in ein Waisenheim, in dem die Ermordeten ein offenkundig grausames Regime errichtet hatten.
Spannend und gut geschrieben liest sich das äußerst flüssig und angenehm. Für meinen Geschmack übertreibt es Frau Vargas aber ein wenig mit metaphorischen Motiven oder küchenpsychologischen Erklärungen. Die Auflösung ist ein wenig konstruiert (und auch vorhersehbar), insgesamt ein kurzweiliges Lesevergnügen für zwischendurch.
lg
orzifar
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Hallo!
Rolf Oerter: Der Mensch, das wundersame Wesen. Was Evolution, Kultur und Ontogenese aus uns machen. (abgebrochen) Oerter ist emeritierter Professor für Entwicklungspsychologie und hat sich mit diesem Buch schlicht übernommen. Wie aus dem Titel hervorgeht, will er Phylo- und Ontogenese des Menschen beschreiben, die evolutive Entwicklung ebenso wie die kulturelle und bemüht sich außerdem noch um kulturphilosophische Darstellung unseres Lebens. Dabei fällt auf den ersten 150 Seiten nicht nur auf, dass er vieles undifferenziert darstellt (etwa die Auswirkungen von Hormonen auf das Verhalten der Menschen: Während etwa Sapolsky (https://blog.litteratur.ch/WordPress/?p=9997) wunderbar vorsichtig die keineswegs immer klaren Implikationen beschreibt, beschränkt sich Oerter auf Feststellungen, die scheinbar keinen Widerspruch zulassen (etwa bei der Wirkung von Dopamin). Anderes ist schlicht falsch, so, wenn er Tieren (mehrmals) eine "Theory of Mind" abspricht (https://science.sciencemag.org/content/354/6308/110 oder https://www.dasgehirn.info/denken/im-kopf-der-anderen/schimpansen-schach sind nur zwei von zahlreichen Beispielen, die dem widersprechen), obschon gerade in den letzten Jahren viele Experimente genau das nachgewiesen haben.) Dazu kommt - wenn er von den Grundkomponenten kulturellen Handelns spricht - dieses mich enervierende, pseudokluge Theoriengeschwätz, das hinter großen Worten noch größere Banalitäten verbirgt: So stellt Oerter eine "Gegenstandstheorie" vor, die denselben (Gegenstand) in die Mitte des Handelns rückt und mit power-point-graphischer Aufbereitung Selbstverständlichkeiten in Begrifflichkeiten verwandelt, die nichts, aber rein gar nichts erklären oder verdeutlichen. (Da gibt es dann Sätze in dieser Art: "Wenn das Kind z. B. aktiv einen Gegenstand manipuliert, praktiziert es die Struktur Akteur-Handlung-Objekt." So what. Oder unter der klug klingenden Überschrift "Isomorphie als Regulationsprinzip zwischen Subjekt und Objekt" liest man, dass "im Alltagshandeln dieser Gegenstandsbezu als Umgang mit Gegenständen oder auch als Konstruktion von Gegenständen äußerlich sichtbar" ist. Das ist einfach nur inhaltsleeres Geschwätz zwischen Trivialität und bloßem Wortgeklingel.)
Ich habe mich jedenfalls leichten Herzens dazu entschlossen, dieses Buch für Michael Tomasellos "Die kulturelle Entwicklung des menschlichen Denkens" wegzulegen (Tomasello hat mich noch nie enttäuscht und auch dort, wo man zu widersprechen geneigt ist, ist eine solche Gegenposition überhaupt erst möglich: Weil er konkrete Aussagen macht.) - Und ein letztes Wort noch zum Springer-Verlag, der einstmals eine gute Adresse für Fach- und Sachbücher war: Fast alle Neuerscheinungen sind schlicht eine Frechheit in Bezug auf Korrektorat und Lektorat. Dazu kommen noch miserable graphische Darstellungen en masse. Mittlerweile ein echtes Ärgernis.
lg
orzifar
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Hallo,
Marie Collins, Virginia Davies: Mittelalterliches Leben auf dem Lande. Ein reich illustriertes Buch über das Leben im Spätmittelalter auf dem Lande. Die zahlreichen Illustrationen sind zumeist Stundenbüchern entnommen und qualitativ hochwertig. Ein Unding ist es jedoch, die Bildquellen in einen Anhang zu geben, zumeist waren es ohnehin nur ein oder zwei Zeilen, die unter den Darstellungen noch leicht Platz gefunden hätten. Inhaltlich für ein breites Publikum geschrieben ist das Buch dennoch aufgrund der gediegenen Illustrationen empfehlenswert.
lg
orzifar
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Hallo!
Raphaela Edelbauer: Das flüssige Land (abgebrochen) Edelbauer war sowohl auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises als auch für den öst. Buchpreis nominiert. Der Grund hiefür blieb mir nach Halb- und Viertellektüre völlig rätselhaft.
Eine gerade sich habilitierende Physikerin erfährt vom rätselhaften Tod ihrer Eltern (Selbstmord!?) und macht sich auf die Suche nach deren Geburtsort, wo sie sie begraben will. Das mutiert zu einer kafkaesk anmutenden Reise mit seltsamen Begegnungen (allenthalben Tiefsinn mit Anlauf). So werden dann "plötzlich" Gemeinsamkeiten zwischen dem Blockuniversum (Teil der Habilitationsarbeit) und der Traumzeit australischer Ureinwohner sichtbar. (Das erinnert frappant an die dümmlichen Vergleiche indischer Mythologie mit den Erkenntnissen der Quantenphysik, wie sie Flachdenker a la Capra vor Jahrzehnten populär machten.) Geschrieben ist das alles in einer hilflos hölzern und unbeholfen wirkenden Sprache, das bemüht Kafkaeske ist billige Nachmacherei. Alles voller bedeutungsschwangerer Anspielungen (der gesuchte Ort Groß-Einland droht in einer riesigen Kaverne zu versinken sinnbildlich für das Vergessen der dort ums Leben gekommenen Zwangsarbeiter des Zweiten Weltkriegs), überall vermeintlich sinnige Metaphorik. Aber eigentlich bloß esoterischer Schmus mit pseudo-intellektuellem Anspruch. Für Literaturkritiker offenbar geeignet.
lg
orzifar
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Hallo!
Christina von Braun: Blutsbande. Verwandtschaft als Kulturgeschichte. (abgebrochen) Ein überaus seltsames Buch. Der Untertitel scheint Programm, eigentlich aber geht es um eine seltsame Kritik der Blutsverwandtschaft, die - laut Autorin - im Westen u. a. den Kapitalismus begründet hat. Von Braun zählt allerlei andere Formen von "Verwandtschaft" auf (mit Recht), verbindet das aber ständig mit einer Wertung, so als ob der Individualismus des Westens (der angeblich auch auf dieser Blutsverwandtschaft beruht) etwas ganz Schreckliches sei und wir unbedingt von indigenen Völkern und deren Verwandtschaftskonzeptern etwas lernen müssten (das mag sogar so sein, aber in der Form, in der es vorgetragen wird, in dieser Selbstgefälligkeit, ist es äußerst nervig). Das liest sich folgendermaßen: "Die Zentrierung des Westens auf ein autonomes Ich ist umso erstaunlicher, als dieses genealogische Modell den Menschen auf eine biologisch vorgeschriebene Existenz festlegt, also wenig Raum für individuelle oder gar prozessuale Veränderungen bietet. Die Paradoxie, dass das Individuum in der westlichen Gesellschaft einerseits im Mittelpunkt steht, andererseits aber auch seinem biologischen Schicksal ohnmächtig ausgeliefert ist, hat dazu geführt, dass das Ich in der westlichen Gesellschaft in zweit Gestalten daherkommt: Auf der einen Seite ein kleines ich, dem ein kurzes Leben auf der Welt beschieden ist; auf der anderen Seite ein großes ICH, das Anspruch auf eine das eigenen Leben überdauernde Existenz erhebt, daber nur in entleibter Form lebensfähig ist: als Name, als Buchtitel, als Vermögen zum Beispiel. Dieses große ICH ist verwandt, aber nicht identisch mit dem Über-Ich der Psychoanalyse (womit die Verinnerlichung von Gesetz und Normen gemeint ist). Es ist ein Sprössling, des Unvergänglichkeitsgedanken, der mit der Schrift einhergeht und repräsentiert überwiegend Männlichkeit." Gequirlte Scheiße a la carte. Postmoderner Feminismus mit Kapitalismuskritik und psychoanalytischer Würze. Erinnert mich an Kristeva, wird so ein Geschwätz gedruckt, tut mir jedes kleinste Bäumchen leid, das dafür herhalten musste. Dass es bei der Blutsverwandtschaft sich ganz einfach um eine Art von natürlicher Beziehung handelt, kommt ihr scheinbar überhaupt nicht in den Sinn, all das, was in der Evolutionsbiologie über Verwandtenselektion geschrieben wurde, scheint ihr unbekannt oder unverständlich. Pseudokluges Gebrabbel, das in den Müll gehört.
lg
orzifar
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"Die Zentrierung des Westens auf ein autonomes Ich ist umso erstaunlicher, als dieses genealogische Modell den Menschen auf eine biologisch vorgeschriebene Existenz festlegt, also wenig Raum für individuelle oder gar prozessuale Veränderungen bietet. Die Paradoxie, dass das Individuum in der westlichen Gesellschaft einerseits im Mittelpunkt steht, andererseits aber auch seinem biologischen Schicksal ohnmächtig ausgeliefert ist, hat dazu geführt, dass das Ich in der westlichen Gesellschaft in zweit Gestalten daherkommt: Auf der einen Seite ein kleines ich, dem ein kurzes Leben auf der Welt beschieden ist; auf der anderen Seite ein großes ICH, das Anspruch auf eine das eigenen Leben überdauernde Existenz erhebt, daber nur in entleibter Form lebensfähig ist: als Name, als Buchtitel, als Vermögen zum Beispiel. Dieses große ICH ist verwandt, aber nicht identisch mit dem Über-Ich der Psychoanalyse (womit die Verinnerlichung von Gesetz und Normen gemeint ist). Es ist ein Sprössling, des Unvergänglichkeitsgedanken, der mit der Schrift einhergeht und repräsentiert überwiegend Männlichkeit."
Gibt's davon auch eine deutsche Übersetzung?
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"Die Zentrierung des Westens auf ein autonomes Ich ist umso erstaunlicher, als dieses genealogische Modell den Menschen auf eine biologisch vorgeschriebene Existenz festlegt, also wenig Raum für individuelle oder gar prozessuale Veränderungen bietet. Die Paradoxie, dass das Individuum in der westlichen Gesellschaft einerseits im Mittelpunkt steht, andererseits aber auch seinem biologischen Schicksal ohnmächtig ausgeliefert ist, hat dazu geführt, dass das Ich in der westlichen Gesellschaft in zweit Gestalten daherkommt: Auf der einen Seite ein kleines ich, dem ein kurzes Leben auf der Welt beschieden ist; auf der anderen Seite ein großes ICH, das Anspruch auf eine das eigenen Leben überdauernde Existenz erhebt, daber nur in entleibter Form lebensfähig ist: als Name, als Buchtitel, als Vermögen zum Beispiel. Dieses große ICH ist verwandt, aber nicht identisch mit dem Über-Ich der Psychoanalyse (womit die Verinnerlichung von Gesetz und Normen gemeint ist). Es ist ein Sprössling, des Unvergänglichkeitsgedanken, der mit der Schrift einhergeht und repräsentiert überwiegend Männlichkeit."
Gibt's davon auch eine deutsche Übersetzung?
Drogenabusus? Derrida (und Foucault und Kristeva und Liotard und Deleuze und und und ...) haben ja ganze Bücher geschrieben in einem Sprachduktus, der das obige Zitat noch um Längen an Unverständlichkeit übertrifft. Während ich deren Unsinn noch allenthalben bis zum bitteren Ende gelesen habe, entsorge ich solche Bände nun früher. Vielleicht bin ich ja doch in Maßen lernfähig.
lg
orzifar
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Derrida (und Foucault und Kristeva und Liotard und Deleuze und und und ...) haben ja ganze Bücher geschrieben in einem Sprachduktus, der das obige Zitat noch um Längen an Unverständlichkeit übertrifft.
Meine Erfahrung in meiner Studienzeit war, dass die Literaturprofessoren und (v.a.!) -studenten völlig auf diese Namen abfuhren, während die Philosophen da weniger enthusiastisch waren.
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Derrida (und Foucault und Kristeva und Liotard und Deleuze und und und ...) haben ja ganze Bücher geschrieben in einem Sprachduktus, der das obige Zitat noch um Längen an Unverständlichkeit übertrifft.
Meine Erfahrung in meiner Studienzeit war, dass die Literaturprofessoren und (v.a.!) -studenten völlig auf diese Namen abfuhren, während die Philosophen da weniger enthusiastisch waren.
Stimmt, da hast du Recht, diese Erfahrung habe ich auch gemacht.
lg
orzifar
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Hallo!
Ferdinand von Schirach: Tabu. - Diesmal also der Enkel des Reichsjugendführers, der für seine Krimis bekannt ist. Und "Tabu" ist ein sprachlich ansprechender, ungewöhnlicher und gut geschriebener Kriminalroman (wobei - ist er das wirklich? - wer da auf das Ende sieht (das natürlich nicht verraten wird) mag da so seine Zweifel haben). Nachdem die Lebensgeschichte des Protagonisten Sebastian von Eschburg ausführlich geschildert wird (und man gegen Ende immer stärker verunsichert wird, ob man denn all das Erzählte wirklich so hat glauben dürfen), geschieht ein Mord(?), den Sebastian schließlich nach unmissverständlicher Androhung von Folter auch gesteht. Das alles erinnert nicht von ungefähr an den Fall Metzler und der anschließenden Diskussion darüber, wozu jemand berechtigt sei, der noch jemanden in Lebensgefahr Befindlichen retten zu können glaubt. Kurzweilige Lektüre, gut geschrieben, angenehm gehobene Unterhaltung.
lg
orzifar
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Hallo!
Erich Hackl: Auroras Anlaß. - Ich habe von Erich Hackl bislang noch gar nichts gelesen, obschon er - zumindest in Österreich - zu den bekanntesten Schriftstellern zählt. Seine ersten Bücher ("Auroras Anlaß" war der Erstling) waren große Verkaufserfolge, in den letzten Jahren ist es ein wenig stiller um ihn geworden. (Es war wohl auch der Rummel um seine Bücher, der mich Abstand nehmen ließ.) Ein wenig zu unrecht, was die vorliegende Erzählung anlangt (die sich an realen Figuren orientiert): Aurora wächst in Spanien zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf, zu einer Zeit, in der Frauen keine Rechte besaßen, mehr oder weniger Sklaven ihrer Männer waren. Sie beschließt dagegen anzukämpfen, sieht sich aber außerstande, allein diese Änderungen zu erwirken und lässt sich gezielt schwängern (der Erzeuger verpflichtet sich, auf alle Rechte bezüglich des Kindes zu verzichten): So wird Hildegart geboren, die sich (trotz oder wegen der Erziehung durch Aurora) zu einem Wunderkind entwickelt, noch im Teenageralter Bücher schreibt, mit 17 ein Jus-Studium abschließt und sich gemeinsam mit ihrer Mutter in sozialistischen bzw. anarchistischen Kreisen um Gleichberechtigung bemüht. Doch Hildegart ist mit ihrer Bestimmung, Bevormundung nicht einverstanden, sie will dem strengen Diktat der Mutter entfliehen, wird aber auch von schlechtem Gewissen gegenüber Aurora gequält und bittet diese schließlich, sie zu erschießen. Mit diesem Mord beginnt die Erzählung, dann wird der Werdegang der beiden Frauen geschildert. Aurora wird wegen Mordes verurteilt, später als unzurechnungsfähig eingestuft, entkommt aber dem Irrenhaus während der revolutionären Wirren.
Ein eigentlich aktuelles Thema: Eltern beschließen (zum Wohle des Kindes) diesem eine hervorragende Ausbildung angedeihen zu lassen, merken aber nicht, dass dies nur eine andere Form der Tyrannei darstellt und sie dem Kind jede individuelle Entwicklungsmöglichkeit benehmen. Daneben wird in Hackls Buch die Unterdrückung der Frau gezeigt, der Kampf um sexuelle Eigenständigkeit, die fragwürdige Moral jener sozialistischen Politiker, die da angetreten sind, um den Armen zu helfen und beizustehen, die aber - einmal bei den Fleischtöpfen angelangt - nur ihre eigenen Interessen verfolgen. Gut geschrieben, einfühlsam und ohne Platitüden. Ich werde mir wohl auch einige andere Bücher Hackls noch zu Gemüte führen.
lg
orzifar
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Ich habe von Erich Hackl bislang noch gar nichts gelesen, obschon er - zumindest in Österreich - zu den bekanntesten Schriftstellern zählt.
Der Name sagt mir nichts. Zumindest nicht für einen Schriftsteller. Aber gab es nicht einmal einen Skirennfahrer Hackl?
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Ich habe von Erich Hackl bislang noch gar nichts gelesen, obschon er - zumindest in Österreich - zu den bekanntesten Schriftstellern zählt.
Der Name sagt mir nichts. Zumindest nicht für einen Schriftsteller. Aber gab es nicht einmal einen Skirennfahrer Hackl?
Du meinst wahrscheinlich den Rennrodler Georg (Schorsch) Hackl (ein Bayer). Und einen Burgschauspieler Karl-Heinz Hackl, der in Ö sehr bekannt war (und den ich nicht mochte: Möglicherweise war er der Grund, warum ich um den Schriftsteller einen Bogen gemacht habe - in der irrigen Annahme, dass sich da mal wieder ein Schauspieler im Metier verirrt), gab es auch. Mittlerweile habe ich noch "König Wamba" (Märchen) und "Abschied von Sidonie" gelesen, alles ganz annehmbar. Hackl verlegt im übrigen bei Diogenes, schon deshalb hatte ich vermutet, dass du ihn kennen würdest.
lg
orzifar
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Du meinst wahrscheinlich den Rennrodler Georg (Schorsch) Hackl (ein Bayer).
Wohl möglich.
Hackl verlegt im übrigen bei Diogenes, schon deshalb hatte ich vermutet, dass du ihn kennen würdest.
Wie Du siehst, kenne ich bei weitem nicht alle Diogenes-Autoren. (Eigentlich die wenigsten. ::) )
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Hallo,
ein bisschen was nachholen vom zwischendurch Gelesenen: Alex Capus - Königskinder. Ein kleiner Roman, überaus lesbar. Ein Pärchen steckt fest im Schnee und muss die Nacht im SUV verbringen: Worauf er eine Geschichte erzählt, eine Liebesgeschichte aus dem 18. Jahrhundert von einem Hirten, der sich in eine Bauerntochter verliebt. Ein Klassenunterschied, dessen Überspringen eines Aufenthaltes bei den Söldnern bedarf - und der dann im Schatten der französischen Revolution (Jakob wird in die Dienste der Schwester des Königs genommen) seine Erfüllung findet. Aber nicht nur diese Geschichte wird erzählt, sondern auch - in Ansätzen - diejenige der dort oben Eingeschneiten, mit viel Witz und geistreichen Dialogen. Mir hat das Lesen richtig Spaß gemacht (da ich von Capus noch nicht viel kenne, werde ich diesem Umstand nun abzuhelfen wissen).
lg
orzifar
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Hallo!
Margaret Atwood: Der Report der Magd. Eine überaus beeindruckende Dystopie über einen Teil der USA, der sich aufgrund von Unruhen, Naturkatastrophen (verbunden mit Schäden durch Atomkraftwerke) zu einem Bibelstaat entwickelt hat (die Regierung wurde in einem Handstreich gestürzt), in dem Frauen die - biblisch fundierte - untergeordnete Rolle von Hausfrauen und Gebärmaschinen zugewiesen wird (man beruft sich u. a. auf Bibelstellen wie jene, in der Sara aufgrund ihrer Kinderlosigkeit Abraham auffordert, zu seiner Magd zu gehen). Neben den "normalen" Ehefrauen (denen aber auch keine Ausbildung gewährt wird, die Schule vermittelt kein Schriftkenntnisse) gibt es die erwähnten Mägde, die dort einspringen, wo der regulären Frau ein Kinderwunsch versagt wird (der Geschlechtsakt wird dann im Beisein der Ehefrau mit der Magd vollzogen, um Gefühle außen vor zu lassen) und die "Tanten", jene Frauen, die sich nicht zur Ehe berufen fühlen. Diese sind die einzigen, denen Lesen und Schreiben beigebracht wird, sie arbeiten mit den Männern (der Staat liegt permanent im Krieg mit anderen Teilen Nordamerikas) zusammen, um "Gilead" (so der biblische Name des Staates) in dieser Form aufrecht zu erhalten. Allüberall wird strengster Gehorsam gefordert, obgleich die in Diktaturen übliche Korruption in hohen Kreisen gang und gäbe ist.
Der "Report" wird sehr viel später gefunden (eine Tonaufzeichnung) und gibt Einblick in diese skurril anmutende Welt, die dann trotzdem so ganz fremd nicht anmutet. Das alles ist glänzend gemacht, spannend, mit dem Blick für das (Un-)Mögliche, das dann doch so weit von den Phantasien der Menschen im Bible-Belt nicht weg ist.
35 Jahre später hat Atwood den Nachfolgeband "Die Zeuginnen" veröffentlicht, die nochmal Einblick in das Funktionieren des religiös-totalitären Staates gibt (beschrieben aus der Sicht einer hochrangigen "Tante", einem in Kanada aufwachsenden Mädchen, das aus Gilead als Baby von seiner Mutter geschmuggelt wurde und einer Tantenanwärterin). Mir hat dieser zweite Band weniger gut gefallen, wenngleich er ebenfalls eine Empfehlung wert ist. Atwood vermag die Stimmung im Überwachungsstaat Gilead glänzend zu transportieren, die Befindlichkeit der Menschen, Mitläufer, all jener, die sich sukzessive an die neuen Umstände gewöhnen. Im Vergleich mit so manch anderen Dystopien von SF-Autoren besticht Atwood durch eine durchstrukturierte Darstellung und sprachliches Können. Ein überaus vergnügliches, manchmal beklemmendes Lesevergnügen.
lg
orzifar