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Lektüren, Rezensionen => Gerade am Lesen ... => Topic started by: sandhofer on 10. Januar 2017, 18.20 Uhr
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Wie konnte ich den so lange vergessen? Seit rund 25 Jahren will ich immer mal was von ihm lesen. Jetzt habe ich sein Philosophisches Wörterbuch und seine Atheismus-Geschichte bestellt.
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Hallo,
die ersten beiden Atheismus-Bände habe ich hier: Könnten wir gemeinsam lesen. Wobei ich sie teilweise schon kenne.
lg
orzifar
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Hallo
Warum nicht, gute Idee. Ich habe Mauthner seit meiner Beschäftigung mit "Wittgenstein's Vienna" immer mal wieder auf dem Radar gehabt, aber noch nie mehr als vereinzelte Auszüge gelesen.
Grüsse
sandhofer
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Als ich in den 1970er Jahren Fritz Mauthner in der DDR zum ersten Mal las, fiel mir auf, dass er alle möglichen nonkonformistischen Denker und Autoren unter der Rubrik "Atheismus" zusammenfasste, die indes nicht unbedingt alle als "gottlos" oder "glaubensfrei" anzusehen waren. "Atheismus" war über die Jahrhunderte hinweg als ziemlich starke Totschlag-Diffamierung auch für Leute eingesetzt worden, die sich noch nicht völlig vom Glauben abgewandt hatten. Ich habe Mauthner eher mit allgemein kulturgeschichtlichem Interesse gelesen.
Auch George Minois, von dem hier schon die Rede war, brachte in seiner "Geschichte des Atheismus" (Weimar 2000) alle möglichen Denker zusammen. Winfried Schröder vollzog für mich 1999 einen Durchbruch mit seinen Studien über das "Betrügerbuch" und die Anfänge des Atheismus im engeren Sinne am Ausgang des 17. Jahrhunderts.
Nach mehr als einem Jahrzehnt fand ich dann zumindest über das Mittelalter auch terminologisch und methodisch Neuland bei: Dorothea Weltecke: Der Narr spricht: Es ist kein Gott. Atheismus, Unglauben und Glaubenszweifel vom 12. Jahrhundert bis zur Neuzeit. Frankfurt am Main 2010.
Die Zuordnung zum "Atheismus" erscheint mir am Beginn des Zeitalters der Aufklärung am ehesten bei Jean Meslier (1664-1729) einleuchtend, der den Zusammenhang zwischen Religion und Kirche, absolutistischer Staatsmacht und Eigentumsordnung schonungslos aufdeckte, was Voltaire in Schrecken versetzte und auf Abwendungsstrategien verfallen ließ, La Mettrie und Holbach gehörten zu den begüterten und von Mäzenen begünstigten Eliten und dachten nicht an die von Klerus, Königtum, Adel und Grundbesitzern bedrückten armen Menschen. In deutscher Sprache ist Mesliers "Testament" zwar von G. Mensching 1977 wieder in der BRD herausgegeben worden, wird jedoch auch heute noch wegen seiner Sprengkraft eher vorsichtig beäugt, da es auch heutige Ordnungen in Frage stellen kann.
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Hallo Karmazin,
da hast du Recht: Unter Atheismus wurden sehr viele Haltungen subsumiert, alles, was nur im entferntesten nach Religionskritik roch. Etwa auch der Agnostizismus, der aber keineswegs atheistisch sein muss, sondern zu einer fideistischen Haltung führen kann. So war der Mystizismus eine teilweise Reaktion auf den Rationalismus der Scholastik.
Und vielen Dank für die Literaturhinweise: Das hat meine Leseliste wieder anschwellen lassen.
lg
orzifar
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Meslier ... da hat schon Kollege Köllerer von geschwärmt ... Ich war weniger angetan (http://blog.litteratur.ch/WordPress/?p=709).
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Ich habe da auch reingelesen und sehe es ähnlich wie Sandhofer. Meslier fehlt das intellektuelle Format. Eher etwas für einen Historiographen des Atheismus.
lg
orzifar
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Die drei Bände des Wörterbuchs der Philosophie sind angekommen. Werde ich heute Abend mal anlesen...
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Das "Wörterbuch" besitze ich nicht - und aufgrund meiner bereits wieder ausufernden Leseliste ist das wohl auch gut so.
lg
orzifar
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Heute ist auch Der Atheismus und seine Geschichte im Abendlande eingetroffen. Der Olms-Nachdruck 1985 der vierbändigen Ausgabe von 1920. Der Vorbesitzer (oder der Antiquar) muss eine Katze gehabt haben... ^-^
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Das Philosophische Wörterbuch ist übrigens ein seltsames Gebilde. Ich weiss noch nicht so ganz, worauf Mauthner hinaus will. Aber es ist eine recht unterhaltsame Lektüre.
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Mauthners Sprachgeschichte scheint mir manchmal recht eigenwillig zu sein. Was er da an Ethymologien beibringt...
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Man merkt bei ihm, dass er mit dieser Art Sprachbetrachtung Neuland betritt - und er glaubt auch (wie viele, die ein solches Neuland für sich entdecken), dass sich damit sehr viel mehr Probleme lösen lassen als dann tatsächlich der Fall ist. Ist ja auch bei der Geschichte des Atheismus ähnlich (ich habe im übrigen nur die ersten beiden Bände).
lg
orzifar
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Hallo!
Die Geschichte des Atheismus möchte ich erst beginnen, wenn ich mit dem Wörterbuch fertig bin, wenn Dir das recht ist.
Was man Mauthner nicht absprechen kann: Er kann durchaus polemisch werden, manchmal fast satirisch-giftig. Da merkt man, dass er Schopenhauer gelesen hat. Und wenn er z.B. über Bergson schreibt, hat er - die nationalistischen Töne mal abgerechnet - so Unrecht nicht.
Grüsse
sandhofer
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Hallo,
ist mir sehr recht, ich komme mit dem Lesen im Moment nicht gut voran, sodass ein weiteres Monsterwerk dies Kalamität verstärken würde. - Und ja, er kann schon schreiben, pointiert, witzig, wenn man auch manchmal anderer Meinung ist (oder sein muss).
lg
orzifar
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Hallo!
Na ja - wenn ich so viel aufs Mal angefangen hätte wie Du, käme ich wohl auch nirgends hin. Mauthners Sprachkritik ist ein Agglomerat verschiedener guter wie schlechter Gedanken. Und Konsequenz scheint mir Mauthners Stärke nicht zu sein.
Grüsse
sandhofer
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Hallo!
Nun - es ist nicht so, dass ich "nirgends" hinkommen würde: Allerdings muss ich tatsächlich achtgeben, dass ich, vom Wunsch beseelt, vieles lesen zu wollen, nicht die falschen Prioritäten setze. Wobei es oft schwer zu beurteilen ist, was sich denn lohnt: Der Nagel hat etwa sehr interessante Ansätze (allerdings verwendet er sie in Bereichen, in denen sie m. E. nichts verloren haben), der Zhmud wiederum hat eine obskure Auffassung vom Zusammenhang zwischen Religion und Wissenschaft, weiß allerdings Interessantes über den Pythagoreismus zu berichten. Mal sehen. Den "Doktor Schiwago" hätte ich mir vielleicht sparen können, da er aber allüberall erwähnt wird (in den Büchern über die russische Kultur, die ich in letzter Zeit gelesen habe), wollte ich dieser meiner Bildungslücke abhelfen. Als Roman finde ich ihn eher langweilig, als historisch-literarisches Dokument ist er hingegen interessant.
lg
orzifar
Nachsatz: Den Nagel habe ich nun vorläufig beendet. Nicht, weil ich seinen Ansatz für problematisch halte, sondern weil er sich in seiner Kritik stark auf Wittgenstein bzw. auf Kripkes Analyse von Wittgensteinschen Argumenten (Privatsprache) bezieht. Weshalb ein teilweises Wiederlesen von Wittgenstein bzw. Kripke notwendig erscheint - und nun die Leseliste tatsächlich explodieren würde. Aber - noch ein paar Jahre vorausgesetzt, in denen mir der Kopf die Dienste nicht versagt - ich werde es nachholen ;). - Diese Form des Ausuferns ist bei mir der häufigste Grund, Bücher abzubrechen.
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Ich habe nun - ohne Wittgenstein im grösseren Stil wieder zu lesen - Band 1 des Wörterbuchs im Blog hinterlegt (http://blog.litteratur.ch/WordPress/?p=7974). Man könnte eine Dissertation dazu schreiben...
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Band 2 findet man nun ebenfalls im Blog (http://blog.litteratur.ch/WordPress/?p=7988).
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Der dritte Band ist der schmalste. Und in diesem Band gibt Mauthner auch zu, dass er die Einträge durchaus in alphabetischer Reihenfolge verfasst hat und nicht einzelne Stichwörter vorgezogen. Also tatsächlich kein Wörterbuch, sondern ein - zumindest in der Theorie - systematischer Text.
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Band III findet sich nun auch im Blog (http://blog.litteratur.ch/WordPress/?p=8058) wieder. Ich bin nicht ganz zufrieden mit dem Artikel; die Disparatheit des Wörterbuchs schlägt sich auch dort als Disparatheit nieder.
Ich bin nun gespannt und auch frei für die Geschichte des Atheismus. Wie sieht es bei Dir aus, orzifar?
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Hallo!
Ich bin nun gespannt und auch frei für die Geschichte des Atheismus. Wie sieht es bei Dir aus, orzifar?
Gespannt bin ich auch - frei natürlich nicht. Aber darauf zu warten lohnt nicht. Ich habe mich noch um die Empfehlungen von Karamzin gekümmert und möchte parallel Schröders "Ursprünge des Atheismus" und "De tribus impostoribus" in der Übersetzung von Johann Christian Edelmann (Von den Betrügereyen der Religionen) lesen. Heißt, dass du mir davonziehen wirst, aber ist ja kein Schnelllesewettbewerb.
lg
orzifar
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Hallo!
So schnell werde ich wohl auch nicht vorwärts kommen, jedenfalls im Moment nicht. Nach mir hat's nun meine Frau erwischt mit der Grippe. Und zwar so richtig.
Grüsse
sandhofer
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Hallo!
Widme dich der Pflege deiner besseren Hälfte, das geht in jedem Fall vor - und bestelle von mir die besten Genesungswünsche!
lg
orzifar
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Von Mauthner, der sich immer mal wieder an ihm reibt, bin ich auf Ernst Haeckel (http://blog.litteratur.ch/WordPress/?p=8113) aufmerksam gemacht worden. Kann man kennen. Muss man nicht.
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Hallo!
Der Haeckel ist eigentlich schon sehr bekannt (und war es noch sehr viel mehr um 1900). Ich glaube, dass ich die "Welträtsel" als Jugendlicher mal gelesen habe (ein recht kruder Materialismus, allerdings immer noch klüger als vieles andere zu jener Zeit). Vor kurzem war ich in Versuchung, eine 6bändige Ausgabe der "gemeinverständlichen Schriften" zu kaufen: Philosophiegeschichtlich durchaus interessant.
lg
orzifar
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Hallo!
Philosophiegeschichtlich durchaus interessant.
Dies wohl durchaus ja. Und "krude" trifft's auch nicht schlecht. :angel:
Grüsse
sandhofer
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Fritz Mauthner ist Rousseau-Fan! :o
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On second thought: Ich sollte mich nicht darüber wundern. Er mag / mochte auch Luther. Und Bismarck.
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Das ist aber schon eine recht heterogene Mischung: Alle nicht wirklich meine Lieblinge.
lg
orzifar
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Eigentlich habe ich zu Band 3 der Geschichte des Atheismus nun im Blog weit mehr geschrieben (http://blog.litteratur.ch/WordPress/?p=8169), als ich eigentlich wollte...
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Eigentlich habe ich zu Band 3 der Geschichte des Atheismus nun im Blog weit mehr geschrieben (http://blog.litteratur.ch/WordPress/?p=8169), als ich eigentlich wollte...
Das ist gut so, jetzt weiß ich, was auf mich (in ein paar Jahren?) zukommt. Und die Neigung zum Mystizismus macht auch klar, in welche Richtung Mauthners eigener Atheismus zielen dürfte.
lg
orzifar
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Mystiker sind oft sprachlich sehr innovative Leute. Aber einen mystischen Atheismus kann ich mir nicht vorstellen. Aber in so eine Richtung scheint Band 4 tatsächlich zu zielen.
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Hallo!
Mystiker können durchaus (zumindest im Mauthnerschen Sinne) atheistisch sein (und wurden auch von der Amtskirche verfolgt): Meister Eckhart hatte nicht unerhebliche Probleme (denen er durch seinen Tod entging, ich glaube, dass seine Werke posthum verbrannt wurden). Das liegt im Gottesverständnis der Mystiker, das zumeist auf ein "Einswerden" mit dem Gott (oder dem Sein oder der Welt) hinausläuft. Pantheistische Tendenzen inklusive. Ich bin schon neugierig, welche Variante der gute Mauthner wählt ;).
lg
orzifar
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Hallo,
jetzt bleibt der Mauthner wohl endgültig auf der Strecke, weil ich in meiner Vergesslichkeit einige Bücher zu verlängern vergaß und dadurch nun gezwungen bin, Sachen zu lesen, die ich eigentlich erst im Sommer mir vornehmen wollte. Denn ansonsten müsste ich wohl wieder ein Jahr oder mehr warten. Naja - auch schon egal ...
lg
orzifar
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Hallo
Da ich seit Jahren nicht mehr bei einer Bibliothek angemeldet bin, kann zumindest dies mir nicht passieren. Ob es im Übrigen so schade um Mauthner ist? Ich schwimme unterdessen im vierten und letzten Buch. Vorher hat Mauthner ein bisschen über Kant, ein bisschen über Fichte geschrieben - und sehr viel von Kants Vorgänger auf dem Königsberger Lehrstuhl und sehr viel von jenem Unbekannten, dessen Text der eigentliche Auslöser des Jenaer Atheismusstreites um Fichte geworden war. Mauthner kapriziert sich wirklich darauf, Unbekanntes vorzustellen. Vielleicht, weil man ihn da in Punkto Kenntnis der Werke kaum kontrollieren kann? Von Kant scheint er jedenfalls nur die kleine Schrift "Was ist Aufklärung?" zu kennen, nicht die grossen Kritiken (oder jedenfalls nur deren äusseren Umrisse). Und Vaihingers Kant-Interpretation des "Als ob".
Grüsse
sandhofer
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Irgendwie habe ich den Eindruck, dass Mauthner, je näher er seiner eigenen Zeit kommt, desto weniger linear vorwärts schreitet. Symptomatisch für die meisten Philosophiegeschichten. Vor allem offenbar für jene, die - wie Mauthners - gar keine sein wollen...
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Symptomatisch für die meisten Philosophiegeschichten.
Wobei er zusehends in die Literaturgeschichte gerät. Die französische und die deutsche vor allem. Will sagen: den Naturalismus und das Junge Deutschland.
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Darwin bisher nur am Rande...
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Dafür Stirner. Und wie! Er schwärmt für Stirner wie eine frisch verliebte Jungfrau aus dem 19. Jahrhundert...
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Gottfried Keller mag er auch. Aber er verniedlicht ihn gleichzeitig. ???
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So. Für den Moment gilt: Fertig Mauthner (http://blog.litteratur.ch/WordPress/?p=8192). Er ging mir zuletzt doch gewaltig auf den Keks.
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Hallo!
Habe auch fertig - aber nur den ersten Teil (vor dem vierten graut mir tatsächlich - aber meine Lesegeschwindigkeit bei diesem ersten Teil lässt diese Furcht als noch in ferner Zukunft liegend erscheinen). Einige Zusätze (http://blog.litteratur.ch/WordPress/?p=8269) - vor allem in Bezug auf die Vernunft - habe ich mir noch gestattet. Den Rest kann man hier oder in Sandhofers Besprechung (http://blog.litteratur.ch/WordPress/?p=8105) nachlesen.
lg
orzifar
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vor dem vierten graut mir tatsächlich
Mauthner wird irgendwie wirklich immer unsorgsamer. Schade eigentlich.